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Wie schon erwähnt, bestimmte Greguletz das Arbeitstempo nach dem flinksten, stärksten Mann. An der ersten Lore stand der große Mydlarz. Er war von Beruf Arbeiter, und da er Greguletz gefallen wollte, füllte er seine Sandlore so rasch wie möglich. Da den meisten anderen das Heben der vollen Schaufel schwerfiel, flüsterten wir dem starken Mydlarz oft zu, er möge langsamer arbeiten, weil die anderen seinem Tempo nicht nachkommen könnten. Als Antwort auf unsere Bitten grinste er nur dumm und stolz. Er hielt dies Arbeitstempo ein knappes Jahr durch und starb dann an Entkräftung. Damit teilte er das Schicksal vieler Starken.
Als ich sah, wie sich mein Vater damit abquälte, die Sandloren randvoll zu füllen, und hinter den anderen zurückblieb, fürchtete ich, dass Greguletz bald mit seinem Stock bei ihm erscheinen würde. So ging ich zu seiner Lore und begann sie rasch vollzuschaufeln. Auf einmal spürte ich einen harten Schlag auf dem Rücken. Als ich mich umdrehte, stand der Schachtmeister vor mir. Sein aufgeblähtes Rattengesicht war wutverzerrt, und außer sich schrie er mich an: »Du verdammtes Aas! Was machst du hier? Schau, dass du an deine Arbeit kommst!« Ich versuchte ihm zu erklären, dass ich einige Minuten frei hätte. Auch der Kolonnenälteste kam hinzu, um den Meister zu beschwichtigen. Aber Greguletz jagte mich fort, und schweren Herzens musste ich meinen Vater allein bei seiner Arbeit zurücklassen. Wie konnte ich ihm nur helfen? Nach dem Abendappell im Lager ging ich zu dem Sanitäter Kristall, der aus unserer Nachbarstadt stammte. Ich bat ihn eindringlich, meinen Vater krankzuschreiben. Erst wollte er mich gar nicht anhören. Er gab zwar zu, dass er meinen Vater kannte und dass dieser in der letzten Zeit oft zu ihm gekommen sei, um sich verbinden zu lassen. Seine Krankheit sei jedoch nicht von der Art, dass ihm seine Vorschriften erlaubten, ihn von der täglichen Arbeit zurückzustellen. Nebenbei hatte ich aber erwähnt, dass ich auf der Baustelle gute Verbindungen habe und manche brauchbaren Dinge, u. a. auch Medikamente besorgen könne. Auf einmal sagte er, er müsse einen Brief wegschicken, ob ich den sicher weiterleiten könne? Als Sanitäter hatte er zwar die Möglichkeit, über den Judenältesten die Post häufig unzensiert zu erhalten, aber selbst Briefe wegschicken konnte er nicht, da er das Lager nur selten verlassen und keine Beziehungen zu Leuten außerhalb des Lagers aufnehmen konnte. Von meinem Freund Kanatzky, mit dem ich im Lager alles teilte, bekam ich hier und da Bonbons, da seine Eltern zu Hause Süßwaren herstellten und er von ihnen gelegentlich Pakete erhielt. Ich schenkte dem Sanitäter eine Tüte Bonbons, um ihn günstig zu stimmen. Alle paar Wochen kam ein SS-Arzt ins Lager und kontrollierte die Krankenberichte. Er bestimmte auch, ob die Kranken, die nicht mehr arbeitsfähig waren, dabehalten oder nach Hause geschickt werden sollten. Bei der nächsten Visite
des Arztes wollte der Sanitäter sich nun dafür einsetzen, dass mein Vater als untauglich abgestellt wurde. Er sagte mir aber, dass bei jedem Besuch des SS-Arztes auch der Judenälteste anwesend sei und dass auch dieser seine Zustimmung geben müsse.
Unser Judenältester Sorski aus Kattowitz war nicht gerade bösartig, aber er bildete sich wirklich ein, die SS habe ihn deshalb als Judenältesten eingesetzt, weil er über die anderen erhaben sei. In unerschütterlichem Glauben an seine »Berufung« regierte er auch. Dadurch, dass ich gelegentlich heimlich Post wegschicken konnte, kam ich auch mit ihm in Verbindung, und auch er schickte durch mich einige Briefe weg. Er prüfte mich genau, und als er meine Zuverlässigkeit erkannte, fasste er allmählich Zutrauen zu mir. Als ich am Sonntag bemerkte, dass er guter Laune war, ging ich zu ihm in sein Zimmer und trug ihm meine Bitte vor. Ich bat ihn um Verständnis für den Zustand meines Vaters, der vor Schmerzen kaum mehr arbeiten konnte. Eindringlich stellte ich ihm vor Augen, dass ich als Sohn dabei nicht tatenlos zusehen könne. Sorski, immer noch in Gönnerlaune, antwortete mir: »Wenn er krank ist, habe ich nichts dagegen, vorausgesetzt, dass der Sanitäter ihn auf die Krankenliste setzt.« Ich bedankte mich und verließ überglücklich das Zimmer. Nun musste ich auch noch den Sanitäter günstig stimmen. Wusste ich doch nur zu gut, dass viele ähnliche Wünsche vorbringen wollten. Es gab noch Leute im Lager, die Brillanten und Schmuck versteckt hielten und sich damit freikaufen wollten, um wenigstens wieder ins Getto zurückkehren zu können.
Beim nächsten Gespräch erkundigte sich der Sanitäter nach meinen wirtschaftlichen Verhältnissen zu Hause. Ich sagte ihm wahrheitsgemäß, dass wir zwar kein Geld mitnehmen konnten, da wir überstürzt weggeschleppt worden seien, versicherte ihm jedoch, dass meine Mutter noch über einige Mittel verfüge. Darauf schlug er mir vor, meine Mutter brieflich um die Überweisung einiger hundert Mark an seinen Vater zu bitten. Dieser würde ihm dann in einem verschlüsselten Brief davon Mitteilung machen. Sollte dies Unternehmen gelingen, so wolle er versuchen, meinen Vater auf die Krankenliste zu setzen. Weiter versprach er mir, dem SS-Arzt, von dessen Entscheidung alles abhing, klar zu machen, dass mein Vater arbeitsuntauglich sei und er seine Entlassung befürworte. Fieberhaft überlegte ich, was ich noch tun könnte, und schickte meiner Mutter immer neue Anweisungen. Sie musste die entsprechenden Schritte unternehmen, damit bei der Rückkehr meines Vaters keine weiteren Schwierigkeiten auftraten. Man schickte die Kranken nämlich nicht unmittelbar in die Heimatstadt zurück, sondern brachte sie zuerst in ein Durchgangslager in Sosnowitz, Dulag genannt, das der Zentrale der Judenleitung für Ost-Oberschlesien unterstand. In diesem Dulag sammelte man sowohl diejenigen, die man in Arbeitslager weiterverschickte, als auch die Kranken, die aus den verschiedenen Arbeitslagern zurückkehrten. Wie überall in Lagern, war auch hier die Korruption groß. Die Gestapo und die SS, die dort die Regie führten, bekamen durch die Vermittlung jüdischer Hilfspolizisten Brillantringe, Goldzähne und auch große Geldsummen. Die Lagerleitung kaufte damit ihre Günstlinge los und schickte dafür andere an ihre Stelle. So war es durchaus nicht sicher, dass die Kranken, wenn sie im Dulag anlangten, auch tatsächlich nach Hause geschickt wurden. Ohne Geld und ohne Beziehungen war man völlig der Willkür der Lagerleitung ausgeliefert. Um einem Zwischenfall vorzubeugen, bemühte sich meine Mutter um die Hilfe eines gewissen Windmann, der dem Judenrat in unserer Stadt vorstand. Ich kann mich noch erinnern, dass Anfang 1940 der damalige Oberbürgermeister unserer Stadt, Dr. Frick, die Ablieferung der Kontributionsgelder unter Androhung der Todesstrafe verlangt hatte. (Dr. Frick lebt in München und ist jetzt als Oberregierungsrat tätig.) Alle einflussreichen Bürger waren vom Judenrat aufgefordert worden, bei der Eintreibung des Geldes behilflich zu sein. Auch mein Vater wurde zu dieser Aktion herangezogen, erzählte aber zu Hause, seine und Windmanns Anschauungen gingen in mancher Hinsicht auseinander. Sie waren zwar ursprünglich Freunde und jahrelang an der Spitze einer Partei tätig gewesen. Jetzt aber war Windmann seine Stellung als Chef des Judenrats zu Kopf gestiegen. So kühlte sich die freundschaftliche Beziehung im Jahre 1940 immer mehr ab. Nun aber war meine Mutter gezwungen, bei diesem Mann Protektion zu suchen, in dessen Macht es stand, den Weg meines Vaters vom »Dulag« nach Hause vor weiteren Schwierigkeiten zu bewahren.
Nach einigen Tagen erschien der SS-Arzt zu seiner Routine-Visite in unserem Lager. Der Sanitäter hatte sein Wort gehalten und meinen Vater auf die Krankenliste gesetzt. Bis dahin ging alles gut, denn der SS-Arzt stellte meinen Vater mit noch einigen anderen als arbeitsunfähig zurück. Als ich abends von der Arbeit ins Lager zurückkam, flüsterte mir der Sanitäter die gute Nachricht schon auf dem Appellplatz zu. Schnell schrieb ich meiner Mutter, dass unsere Bemühungen Erfolg gehabt hatten und mein Vater in einigen Tagen zurückgeschickt würde. Sie solle sich jetzt dafür einsetzen, dass im Dulag in Sosnowitz alles weitere funktioniere. Mit neuem Mut nahm ich mein Lagerleben wieder auf. War ich bis zu meiner Verschleppung noch ein Schüler gewesen, der streng nach den Weisungen der Eltern gehandelt hatte, so änderte sich nun meine Verhaltensweise von Grund auf, da ich ständig zu selbstständigem Handeln gezwungen war. Nun sollte es also wahr werden, dass mein Vater heimkehrte! Doch nicht das allein stimmte uns beide froh. Auch in anderer Hinsicht war eine Besserung eingetreten. In den letzten Wochen hatte ich wieder zugenommen und mein Aussehen hatte sich gebessert, körperlich war ich also etwa im gleichen Zustand wie vor der Einlieferung ins Lager. Das allein genügte, meinen Vater mit Freude und Hoffnung auf die Zukunft zu erfüllen.
Am Samstagmittag, als wir von der Arbeit zurückkehrten und auf dem Appellplatz abgezählt wurden, rief man die Kranken, die zum Abtransport in die Heimat bestimmt waren. Sie mussten binnen einer Stunde ihr Bündel geschnürt haben. Ich ging zu meinem Vater in die Stube und half ihm, die Reste seiner Habseligkeiten zusammenzupacken; viel war es ohnehin nicht. Die Wäsche gab er teils mir, teils anderen, und im Nu war der Spind »liquidiert«. Es war für uns beide, die wir uns in einer Stunde trennen sollten, in der Stube zu eng geworden. Wir gingen hinter die Baracken und schritten eine Weile schweigend nebeneinander auf und ab. Ich versuchte, die drückende Stimmung zu verscheuchen und die unerträgliche Stille zu unterbrechen. So sagte ich meinem Vater, dass auch ich versuchen würde, mit Hilfe des Sanitäters nach Hause zu kommen. Gelänge dies, dann wollten wir alle zusammen noch eine letzte Chance zur Flucht oder Auswanderung wahrnehmen. Doch mein Vater antwortete nur kurz: »Das haben wir versäumt; wir haben die Gefahr nicht rechtzeitig erkannt. Jetzt ist es sehr schwierig, noch wegzukommen. Nur große Geschehnisse könnten unser Schicksal ändern.« Dann verfielen wir wieder in Schweigen. Es ertönte der Pfiff des Judenältesten und der Befehl: »Antreten zum Bahnhof! Die drei Paare, die jetzt wegmarschieren sollen, müssen sich beim Tor aufstellen, wo sie unter dem Geleit des SA-Wachmanns nach Sosnowitz gebracht werden.« Nun blieben uns nur noch wenige Minuten bis zum endgültigen Abschied. Die Tränen saßen mir im Hals, doch versuchte ich, ein beherrschtes Gesicht zu zeigen und heiter zu wirken. Ich sagte noch: »Die Mama braucht sich nicht zu sorgen wegen mir. Es geht mir gut und ich kann sogar noch anderen durch meine Verbindungen helfen.« Mein Vater umarmte mich. Zärtlich strich er mir über das Haar und sagte: »Wer weiß, wann wir uns wiedersehen. Du wirst ja vielleicht noch vieles erleben und durchmachen. Vergiss nicht, wer du bist! Bleibe stark und voll Hoffnung!« Als der SA-Mann sich jetzt von der anderen Seite dem Lagertor näherte, sagte mein Vater noch: »Versprich mir eines noch« … und dabei erstickten ihm die Worte in der Kehle: »Bleibe ein guter Jude.« Nun hielt auch seine Beherrschung nicht länger stand, und seine Augen füllten sich mit Tränen. Ich konnte nur zustimmend mit dem Kopfe nicken, denn ich weinte leise und schluckte ständig an meinen Tränen.
Das Lagertor öffnete sich, und mein Vater ging mit den anderen Kameraden hinaus. Ich blieb hinter dem Drahtzaun stehen. Flüchtig wischte ich mir die Tränenspuren ab, denn ich wollte zuletzt ein heiteres Gesicht zeigen. Eng an den Drahtzaun gedrückt, winkte ich meinem Vater nach, der sich mit jedem Schritt weiter von mir entfernte. Noch versuchte ich meine Selbstbeherrschung aufrechtzuerhalten, doch es gelang mir nicht mehr, sah ich doch, wie sich mein Vater nur unter Schmerzen vorwärtsbewegte. Als letztes Bild blieben die undeutlichen Umrisse einer traurig sich fortschleppenden Gruppe in meinem Gedächtnis haften, der ein SA-Mann mit geschultertem Gewehr folgte. Je weiter mein Vater ging, desto heftiger weinte ich. »Wann werden wir uns wiedersehen?«, fragte ich mich. Mein Vater war schon weit von mir entfernt, ich sah nur noch den undeutlichen Umriss seiner Gestalt, über der drohend der Schatten des aufgepflanzten Gewehres hing. So sah ich ihn zum letzten Mal – zum allerletzten Male. Nach einer Woche bekam ich die Nachricht, dass mein Vater zu Hause angekommen war.
Ich hatte jetzt das Glück, oft als Lokomotivheizer und Mopelführer herangezogen zu werden, um, wenn nötig, einen deutschen Arbeiter voll vertreten zu können. Außerdem wurde ich zu keinen zusätzlichen Lagerarbeiten mehr herangezogen und stieg allmählich in die Reihen der »Lagerprominenz« auf, die sich in der Hauptsache aus dem Lagerpersonal, den Köchen, Schneidern usw. zusammensetzte.
Die zusätzlichen Lagerarbeiten wurden an den Abenden wie auch an Samstagnachmittagen und Sonntagen ausgeführt. Es handelte sich um gern gemiedene Arbeiten wie etwa Barackenreinigen, Kehren des Lagergeländes, Abfuhr von Schutt und Abfall, Säubern von Waschräumen und Latrinen u. a. m. Das Lagerpersonal bestimmte, wer diese Arbeiten auszuführen hatte. War jemand aber an einem Häftling gelegen, der für ihn Besorgungen erledigte, so blieb dieser von den Arbeiten verschont. Dies war auch bei mir der Fall. Der Lokführer brachte mir täglich die Breslauer Zeitung, die ich dann an die Lagerprominenz weitergeben konnte. Mein Freund Kanatzky dagegen, an den ich mich nach der Heimkehr meines Vaters besonders angeschlossen hatte, musste auf der Kippe bei Meister Kuptschik in der bewachten Kolonne arbeiten; sein Los war nicht beneidenswert. Auch im Lager selbst hatte er keine besonderen Vergünstigungen. Er wusste durch mich, auf welchem Weg mein Vater zurückgeschickt worden war, und bat mich, für ihn die Verbindung mit dem Sanitäter herzustellen, damit auch er auf die Krankenliste gesetzt würde. Natürlich hätte ich lieber versucht, mich selbst auf die Liste zu bringen, um endlich nach Hause zu kommen.
Aber mein Freund meinte, es sei unklug, würde ich denselben Weg wie mein Vater benutzen. Er glaubte auch, dass es mir im Vergleich zu ihm nicht allzu schlecht ginge und dass ich meine Rückkehr ruhig noch einige Zeit verschieben könnte. Und da musste ich ihm recht geben.
Ich nahm wie schon einmal die Verbindung mit dem Sanitäter und dem Judenältesten auf, und alles klappte. Nach einigen Wochen durfte mein Freund als Kranker wieder nach Hause zurückkehren. Ich begleitete ihn zu dem mit Stacheldraht umzogenen Lagerzaun. Wir umarmten uns ein letztes Mal und wünschten uns ein baldiges Wiedersehen. Doch alles kam anders. Er trat der jüdischen Gettopolizei bei und wurde damit Mitarbeiter des Judenrats. In den ersten Wochen schickte er mir einige Päckchen ins Lager. Aber bald hörte ich nichts mehr von ihm. Rückschauend glaube ich, ihm damit, dass ich ihm den Weg nach Hause ebnete, keinen guten Dienst erwiesen zu haben. Wäre er im Lager geblieben, hätte er zumindest eine kleine Chance gehabt, unter den Überlebenden zu sein. Wie ich später erfuhr, bemühte er sich eifrig, die Aufträge der jüdischen Polizei zu erfüllen, und musste dabei oft anderen Unrecht zufügen. Im Zuge der Aktion »Judenrein« kam auch er in das Vernichtungslager Auschwitz, wo er mit allen anderen vergast wurde.
Die Pfingstfeiertage kamen heran, die ersten hinter Stacheldraht. Wir standen wie immer zur Arbeit auf, doch unsere Gedanken weilten bei den Familien. Wir wussten zwar, dass unsere Angehörigen daheim Verfolgungen ausgesetzt waren, sie durften aber wenigstens zusammenbleiben und konnten sich frei im eigenen Kreis bewegen. Voller Heimweh erinnerten wir uns, wie sich die Familien an den Feiertagen versammelten, um die Älteren und die Gelehrten zu ehren. Unsere Sehnsucht nach den Eltern wurde so groß, dass wir auch während der Arbeit alle nur über die Familien zu Hause und die vergangenen Feste sprachen. Wir wünschten uns gegenseitig, das Pfingstfest einmal wieder im Familienkreis feiern zu können, doch keiner konnte so recht daran glauben. Gerüchte gingen um, dass wir nach Fertigstellung der Autobahn wieder freigelassen würden. Es war nicht festzustellen, woher diese schönen Fantasien kamen. Doch willig gaben wir uns der Hoffnung hin, dass die Zwangsarbeit nur eine vorübergehende Maßnahme des nationalsozialistischen Regimes darstelle. Wir waren uns keiner Schuld bewusst und konnten uns darum nicht vorstellen, dass man uns längere Zeit im Zwangsarbeitslager zurückbehalten könne.
Als Wagenschmierer hatte ich weitgehende Bewegungsfreiheit, da ich nicht in der Kolonne arbeitete, die vom Vorarbeiter, dem Schachtmeister und einem Wachtmeister bewacht wurde, sondern am Bahngleise entlang gehen konnte, wo die Loren vom Schacht zur Kippe rollten. Auf diesen Strecken war ich ohne Bewachung und ganz mir selber überlassen. Außerdem musste ich täglich zum Maschinenlager gehen, das im Dorf Kaltwasser lag, und Schmieröl holen. Gleichzeitig erledigte ich Besorgungen für die Schachtmeister und holte Kleinigkeiten aus der Schmiede und dem Maschinenlager. Oft benutzte ich auch einen Feldweg, an dem ich immer wieder ein Mädchen auf einem großen Stein sitzen sah, das eifrig in einem Buch las. Sie musste die Kühe hüten, die auf der Wiese daneben grasten. Auch das Mädchen hatte mich bemerkt und schaute mir freundlich entgegen, aber ich wagte nicht, sie anzusprechen, denn es war uns bei strenger Strafe verboten, mit Zivilisten zu sprechen. Eines Tages jedoch sprang sie auf, verstellte mir mit dem Stecken in der Hand den Weg und sprach mich an. Ich blieb stehen, schaute erst rechts, dann links – niemand war zu sehen. Mit einem Gefühl der Verlegenheit stand ich ihr zunächst unschlüssig gegenüber. Als ich aufschaute, erblickte ich blaue Augen, ein hübsches Gesicht, das mich aufmunternd anlächelte. Dann fragte sie: »Was bist du denn für ein Arbeiter?« »Ich arbeite auf der Autobahn«, sagte ich. »Dort«, und sie zeigte dabei auf unseren Arbeitsplatz, »dort arbeiten doch nur Juden.« »Ich bin ja auch Jude«, antwortete ich und zeigte auf den gelben Stern auf meiner Brust, der mit Öl und Ruß verschmiert war. »Du siehst aber nicht wie ein Jude aus«, sagte sie. »Die Leute, die dort arbeiten, sind doch wahrscheinlich Verbrecher; sie sind auch nie ohne Bewachung.« In kurzen Worten erklärte ich ihr nun, dass diese Menschen wohl alle Juden, aber keine Verbrecher seien, dass man uns nachts aus unseren Wohnungen verschleppt und hierher zur Zwangsarbeit gebracht hatte. Das Lächeln wich aus ihrem Gesicht, und mit hängendem Kopf ging sie zur Weide hinüber, um die Kühe zusammenzutreiben. Am nächsten Tag wartete ich schon ungeduldig, bis ich zum Ölholen gehen konnte, in der Hoffnung, das Mädchen wiederzusehen. Ich war mir nicht sicher, ob sie mir nochmals ein freundliches Gesicht zeigen oder ob sie mich jetzt, nachdem sie wusste, dass ich Jude war, verachten würde. Aber sie winkte mir schon von Weitem zu und bedeutete mir, ich solle zu ihr hinüberkommen. Wiederum vergewisserte ich mich, dass niemand in der Nähe war, und bog in den Feldweg ein. Sie reichte mir ein Päckchen mit Brotschnitten und sagte, ich solle sie mir gut schmecken lassen. Von Anfang an habe sie mich nicht für einen Autobahnarbeiter gehalten, sie selber sei auch keine Hüterin. Sie diene nur ihr Pflichtjahr ab. Schließlich tröstete sie mich noch und sagte, dass die Zeit rasch verginge und wir bestimmt wieder zu unseren Familien zurückkehren dürften. Ich war tief gerührt über ihre bescheidene Gabe, das freundliche Gesicht, die gütigen Augen und den Trost, den sie mir zusprach. Ich bedankte mich und setzte meinen Weg von sanften Träumen eingesponnen fort. Diese Begegnung gab mir neue Kraft. Mein Leben war also noch nicht ganz verloren. Vielleicht gelang es mir noch, in jenes jüdische autonome Gebiet2 zu kommen, das die Nazis angeblich errichten wollten. Schon bevor ich ins Lager kam, hatte ich von diesem Plan gehört, nach dem alle Juden aus den Gettos in ein Reservat in der Gegend von Lublin gebracht werden sollten, um dort unter jüdischer Autonomie Arbeitsbataillone zu bilden. Ich konnte nur hoffen, dass dann meine im Arbeitslager gesammelten Erfahrungen nicht umsonst waren, sondern mir und meiner Familie nützen würden – falls dieser Plan Wirklichkeit würde. Dass man unsere völlige Ausrottung plante, auf diesen Gedanken kamen wir gar nicht. War es denn nicht genug, dass man uns unserer Bürgerrechte beraubte, uns als Sklavenarbeiter einsetzte – ohne Bezahlung, ohne ärztliche Hilfe, ohne hygienische Bedingungen?
Den 22. Juni 1941 erlebten wir auf besondere Weise – nicht nur als den Tag, an dem die deutsche Wehrmacht Russland überfiel und damit den großen Ostfeldzug begann, sondern auch als Beginn strengerer und neuartiger Maßnahmen. Die Wachen wurden verstärkt. Die Wachleute begannen, ihr Gewehr auf dem Appellplatz vor unseren Augen scharf zu laden, um uns abzuschrecken und Angst einzujagen. Dazu kam noch die Verordnung, den gelben Stern, den wir bis jetzt nur auf der Brust getragen hatten, auch auf Schulter und Hosen aufzunähen, damit wir im Falle einer Flucht größere Schwierigkeiten hätten. Als wir an einem Sommertag von der Arbeit zurückkehrten und uns wie üblich auf dem Appellplatz zum Abzählen versammelten, merkten wir, dass die Gesichter des Lagerpersonals und der Judenältesten verstört und betroffen waren. Beim Abzählen fiel uns zudem auf, dass die Kranken nicht zum Appell erschienen waren und nicht mitgezählt wurden. Der Sanitäter, der sonst laut meldete, wie viele Kranke bettlägerig und arbeitsunfähig waren, schwieg heute. Wir wussten nicht, was diese seltsamen Veränderungen und den Stimmungsumschwung bewirkt hatte. Erst als wir den Appellplatz verlassen hatten und uns zum Suppenholen anstellten, sprach sich herum, dass heute »hoher Besuch« im Lager war, der Chef der SS und Polizei von Oberschlesien, Major Lindner. Er inspizierte die Stuben des Lagers und zählte die Kranken ab. Dann ließ er sie antreten und in einem bereitgestellten Wagen abtransportieren. Es erhob sich ein großes Rätselraten, wohin die Kranken verschickt worden waren. Vom Lagerpersonal ließ einer durchblicken, dass Lindner keine unnützen Esser wollte. Wahrscheinlich hätte er die Kranken ins Lager Auschwitz zur Vernichtung geschickt.
Der Name Auschwitz war uns bis dahin fremd. Wir hörten ihn zum ersten Mal. Auch der Begriff »Vernichtung« war uns zunächst unvorstellbar, da man bisher die Arbeitsuntauglichen nach Sosnowitz ins Durchgangslager zurückgeschickt hatte. Der Judenälteste gab eine offizielle Erklärung ab, wonach man die Kranken in ein Erholungslager verschickt habe. Er handelte dabei wahrscheinlich auf höhere Anweisung. Wir neigten dazu, seinen Worten Glauben zu schenken. Andere wussten es noch besser. Nach ihrer Meinung wurden die Berichte von Vernichtungslagern absichtlich verbreitet, um die Arbeitswilligkeit der Häftlinge zu steigern und sie davon abzuhalten, unnötigen Gebrauch von den Krankenbaracken zu machen.
Nach dem Besuch von Obersturmbannführer Lindner wurden die Krankentransporte, die nach Hause gingen, eingestellt. Vorbei der Traum, vielleicht noch als Kranker das Lager zu verlassen. Viel Zeit, diesem Plan nachzutrauern, hatte ich ohnehin nicht, denn neue Begrenzungen gestalteten das tägliche Leben immer schwieriger.
Bisher war bei uns alles nach einem bestimmten Arbeitsrhythmus gegangen. Jeder hatte seinen festen Arbeitsplatz in einer bestimmten Arbeitskolonne. Aus diesem Alltag wurden wir durch einen tragischen Unfall aufgestört. Im Sandschacht, in dem sich ein großer Bagger mit seinen stählernen Zähnen einen Weg durch Lehm und Schlick bahnte, arbeiteten einige junge Männer, die die Maschine bedienen mussten. Man hatte hierzu die Kräftigsten und Tüchtigsten genommen. Eines Tages jedoch brachte der Sandzug zusammen mit seiner gewohnten Last auch einen blutigen Körper vom Schacht herauf. Man suchte fieberhaft nach dem Sanitäter, der sich des Verunglückten annehmen sollte. All den vielen Arbeitskolonnen stand jedoch nur ein einziger Sanitäter zur Verfügung. Als auch der Wachtposten von dem Unfall erfahren hatte, gab er Befehl, dass zwei unserer jungen Leute den Verletzten in die Zementhütte bringen sollten. Ich, als Wagenschmierer, hatte ebenfalls Zutritt zu diesem Raum und erkannte in dem Verunglückten Salomon Dunkelblum. Dunkelblum war ein großer, schlanker, kräftiger Mann, der immer ein Lächeln für seine Kameraden hatte. Er war sehr beliebt bei uns allen, und da er außerdem ein tüchtiger Arbeiter war, genoss er auch bei den Schachtmeistern eine gewisse Achtung. Jetzt bot er einen jammervollen Anblick. Er lag blutüberströmt da und stöhnte leise vor sich hin. Das Blut floss aus einer großen Wunde am Hinterkopf, so dass sich um seinen Hals bereits ein Kragen geronnenen Blutes gebildet hatte, das sich langsam auf seiner Arbeitskleidung ausbreitete. Der Sanitäter versuchte zwar, die Blutung zu stillen und die Wunde zu verbinden, aber der Blutstrom durchtränkte alle Verbände und weichte sie auf. Da der Sanitäter seine Machtlosigkeit einsah, wandte er sich an den Wachtposten und bat diesen, den Verletzten sofort zu einem Arzt oder in ein Krankenhaus zu bringen, damit der gefährlichen Blutung Einhalt geboten werde. Als Antwort auf diese Bitte beorderte der Posten alle zur Arbeit zurück und schickte auch den Sanitäter weg. Unruhe und Verbitterung breiteten sich unter uns aus, und wie ein Messer schnitt uns das Stöhnen des verblutenden Kameraden ins Herz. Kurze Zeit später suchte ich nach einer Gelegenheit, an die Zementbude heranzukommen. Das Stöhnen war verstummt, und jeder, der sich der Bude näherte, wurde vom Wachtposten weggetrieben. Schließlich wurde uns klar, was das zu bedeuten hatte: Statt unserem Kameraden Hilfe zu bringen, hatte er ihn verbluten lassen.




