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Als der Arbeitstag zu Ende war und unsere Kolonne sich zum Rückmarsch ins Lager versammelte, betrat der Wachtposten mit zwei kräftigen jungen Männern die Bude, in der Dunkelblum lag. Bald darauf kamen sie mit einem langen Brett heraus, auf dem der starre Körper ausgestreckt lag, eingehüllt in mehrere Zementsäcke. Dunkelblum gab kein Lebenszeichen mehr von sich. Mit geballten Fäusten trugen wir unseren ersten Toten ins Lager zurück. Wir alle litten um den Toten, aber es war mehr als Mitleid und Trauer, was wir in diesen Augenblicken fühlten. Zugleich bedrückte uns das dumpfe Wissen, dass wir mit dem Körper unseres Kameraden auch unsere letzten Illusionen zu Grabe tragen mussten. Bisher hatten wir geglaubt, in einem Arbeitslager zu leben, hatten gehofft, schließlich wie normale Arbeiter behandelt zu werden. Dunkelblums Tod hatte uns klar gezeigt, dass wir nur billige Sklavenarbeiter waren, ohne Recht und Anspruch auf Hilfe.
Abends meldete der Wachtposten beim Appell: »So und so viele Juden von der Arbeit zurück, einer durch Arbeitsunfall getötet. Wegtreten, marsch, marsch!«
Auch als Gefangene hinter Stacheldraht erlebten wir den Sommer. Auch für uns, die wir hilflos der Willkür unserer Peiniger preisgegeben waren, entfalteten Bäume und Sträucher ihre Blätter. Wir spürten die warmen Strahlen der Sonne und atmeten hungrig den Duft des Sommers ein. Ringsum breiteten sich wogende Getreidefelder aus, durch deren Halme der Wind strich, und ein wolkenloser blauer Himmel spannte sich über der warmen Sommererde. Unser äußeres Leben hatte sich zwar erschreckend verändert, und wir fühlten wohl, wie auch unser inneres Leben an diesem Verwandlungsprozess teilnahm und sich veränderte. Aber die Natur war die Gleiche geblieben, sie erinnerte uns an die Heimat, deren Bild täglich mehr verblasste, so dass wir sie manchmal nur im Traum wirklich sahen. In der duftenden Erde, im wachsenden Korn jedoch begegnete sie uns wieder.
Wie eh und je schien die Sonne auf uns herab, als unterschieden wir uns in nichts von jenen freien, glücklichen Menschen der vergangenen Jahre, als sei das Heute nicht vom Gestern zu trennen. Und doch hielt ihre Wärme einen Funken Hoffnung in uns wach, an dem sich der Glaube an ein Leben in Freiheit immer neu entzündete.
Bald begann man, auf den Feldern das Getreide zu schneiden. Beim Anblick der abgeernteten Felder, deren Stoppeln uns an die kahlgeschorenen Schädel der Häftlinge erinnerten, kehrten wieder Trauer und Melancholie in unsere Herzen ein. Sooft wir an einem Stoppelfeld vorbeimarschierten, war uns, als zöge eine unübersehbare Menge von Kahlgeschorenen an uns vorbei, als spiegle die Natur farcenhaft das Bild unserer Erniedrigung. Mit dem Einzug des Herbstes näherten sich die großen jüdischen Feiertage. Am Morgen des Neujahrsfestes3 marschierten wir wie gewöhnlich zur Autobahn hinaus. Einige wollten versuchen, in einer Erholungspause heimlich die vorgeschriebenen Gebete zu verrichten. Andere bewegten die Lippen schon unterwegs im Gebet. Ich selbst ging stumm in der Reihe, denn in mir lehnte sich alles gegen eine Lehre auf, die uns vorschrieb, unser Schicksal geduldig und ohne Murren zu ertragen. Immer wieder stellte ich mir die Frage: »Sind wir wirklich ein auserwähltes Volk, und wenn auserwählt, wozu? Auserwählt nur zum Leiden?« Fragmente aus der jüdischen Geschichte fielen mir ein, Berichte über die spanische Inquisition und über Pogrome, die von gottesfürchtigen Christen verübt worden waren, wenn sie nach der heiligen Messe aus den Kirchen strömten. »Und jetzt«, dachte ich, »schreiben wir, die wir hier marschieren, ein weiteres Kapitel zur Geschichte dieses auserwählten Volkes, ein weiteres Kapitel über Leiden, Erniedrigung und Vernichtung.« Alle meine Gefühle und Gedanken rebellierten dagegen, dass unser Volk mit diesem Leidensweg eine bestimmte Mission erfüllen müsse – eine Mission, deren Sinn ich nicht erkennen konnte. Ich wehrte mich gegen einen Glauben, der von mir verlangte, all die Leiden, Schikanen und Qualen auf mich zu nehmen und als Geschenk Gottes zu betrachten. Ich konnte und wollte nicht mehr beten.
Die Tage nach Neujahr waren angefüllt mit Arbeit und dem täglichen Einerlei des Lagerlebens. Bald stand der Versöhnungstag4 vor der Tür, der acht Tage auf das Neujahr folgt. Als wir am Abend dieses Tages nach der Arbeit in die Baracken kamen, stellten sich viele in die Nischen zwischen den Doppelbetten und beteten. Einige andere, darunter auch ich, saßen stumm auf den Betten und schauten ins Leere; die Zukunft tat sich vor uns auf wie ein Abgrund, der uns zu verschlingen drohte. Ich fühlte, wie mein Herz langsam versteinerte. Ein Gedanke nur kehrte unablässig wieder: »Wie kann man in einer solchen Lage noch beten? Zu wem beten und wofür danken?« In diese Atmosphäre hinein drangen plötzlich drei langgezogene Pfiffe. Das bedeutete für uns: Sofort hinaus zum Appell. Gleich darauf hörten wir auch die Schreie der Blockältesten, die uns zum Antreten riefen. Schnell versammelten wir uns auf dem Appellplatz, der dunkel dalag. Dann wurden wir von den Wachleuten abgezählt, und der Judenälteste meldete dem Wachführer: »Alle zum Appell angetreten.« Anton, der Wachhabende, ein Oberschlesier aus Kattowitz, stellte sich breitbeinig und in Hitlerpositur vor uns auf, um uns eine Rede zu halten. In Haarschnitt und Redeweise versuchte er, sein Vorbild zu kopieren. »Hört zu, ihr verdammten Juden«, sagte er, »es hat sich nicht nur aufgehört mit euch als Handelsvolk und mit eurer ganzen Lebensweise, auch mit euren Bräuchen, eurem Dienst an Jehova ist es aus. Wenn ich einen erwischen sollte, der sein Brot nicht gegessen hat, bekommt er 50 auf den nackten Arsch. Ich pfeife auf euren Jehova. Jehova ist ein Tschull5 mit acht Nullen.«
Wie versteinert standen wir da. Die Dunkelheit und die Stille, die das Lager einhüllten, gaben Anton die Gestalt eines Dämons, der gemeine und teuflische Worte ausspuckte. Stumm mussten wir seine blasphemischen Worte über uns ergehen lassen. Warum stürzte sich niemand auf den Gotteslästerer, warum öffnete sich der Himmel nicht, um ein sichtbares Zeichen der Hilfe zu senden? Aber kein Mensch, kein Gott stand uns bei. Das Schweigen ringsum hüllte uns wie eine feindselige Mauer ein.
Bald erfuhren wir die Ursache dieses nächtlichen Appells. Es war der Lagerführung zu Ohren gekommen, dass viele von uns nichts gegessen hatten, um das Ritual des Versöhnungstages einzuhalten. Die Haltung der Kameraden, die fasteten, war um so bewundernswerter, als sie sich trotz ihres schlechten Allgemeinzustandes zum Hungern entschlossen hatten. Man wollte also den wenigen noch Mutigen, die zu ihrem Glauben standen, den inneren Halt rauben.
Anton war ein Gelegenheitsarbeiter aus Kattowitz. Seine Eltern waren Hausmeister in einem jüdischen Haus. So hatte er Gelegenheit gehabt, bereits als Kind mit jüdischen Menschen in Berührung zu kommen und in ihrer unmittelbaren Umgebung aufzuwachsen. Zwangsläufig lernte er so auch ihre Sitten und Gebräuche kennen. Er kannte die jüdischen Feiertage sehr wohl und wusste, dass der Versöhnungstag der heiligste Tag für die Juden war. Dieser Feiertag wurde aus Gründen der Pietät und Tradition selbst von jüdischen Freidenkern und Assimilierten eingehalten, so wie in ihrer christlichen Umgebung auch die Atheisten Weihnachten feierten. Anton, der ein primitiver Antisemit war, wollte unseren jüdischen Glauben verletzen und suchte sich dazu den uns heiligsten Abend aus. »Licht aus! Lagerruhe!«, kam der Befehl der Blockältesten. In der Stille der Nacht flossen noch viele Tränen, und wir schworen uns, für diese Gotteslästerung Rache zu nehmen.
Die Pakete und Päckchen, die wir bis jetzt von zu Hause erhalten hatten, blieben nun aus, da die Leitung der Polizeidienststelle von Oberschlesien, der wir unterstanden, weitere Paketsendungen ins Lager untersagt hatte. Zudem erfuhren wir von Kameraden, die noch dann und wann illegal Post von zu Hause erhielten, dass sich die Situation unserer Angehörigen erheblich verschlechtert hatte. Die Verfolgungsmaßnahmen verschärften sich ständig, die Gettogrenzen wurden immer enger gezogen, und der Hunger im Getto erreichte schließlich die Grenze des Erträglichen, da ja mit der Absperrung des Gettos auch die Beschaffung von Lebensmitteln immer schwieriger wurde. Die Lebensmittelrationen, die den Juden damals über den Judenrat zugeteilt wurden, reichten bei Weitem nicht aus, um satt zu werden. Solange das Getto noch nicht scharf bewacht war, hatten seine Insassen zwar immer noch Mittel und Wege gefunden, um bei dem christlichen Bevölkerungsteil zusätzliche Lebensmittel einzutauschen; durch die Absperrung des Gettos waren solche Tauschaktionen aber nahezu unmöglich geworden. Hunger und Krankheiten breiteten sich immer mehr aus in den überfüllten Wohnungen, in denen nicht nur die örtliche jüdische Bevölkerung zusammengepfercht war, sondern noch zusätzlich Umsiedler untergebracht waren. Da die Zahl der Verwahrlosten, die keine Möglichkeit hatten, für körperliche Reinlichkeit und saubere Wäsche zu sorgen, ständig anstieg, brachen Infektionskrankheiten aus, denen die Geschwächten rasch erlagen.
Bei Einbruch des Winters stellten die Baufirmen die Arbeit auf der Autobahn ein. Nun wählte man aus den verschiedenen Autobahn-Zwangsarbeitslagern die kräftigsten jungen Männer aus und stellte sie zu einem Transport zusammen, ohne jedoch das Reiseziel zu nennen. Man ließ aber verlauten, sie würden zu einer kriegswichtigen Arbeit herangezogen und seien damit den deutschen Arbeitern gleichgestellt. Viele in unserem Lager meldeten sich daraufhin freiwillig zu dieser Gruppe. Ich hielt mich zurück und überließ die Auswahl dem Schicksal. Als wir auf dem Appellplatz gemustert wurden, fand man mich für diesen Transport anscheinend auch nicht kräftig genug. So blieb ich im Lager.
Nach einigen Wochen erfuhren wir, dass jener Transport junger Männer in OT-Kleidung gesteckt und den regulären OT-Trupps zur Verfügung gestellt worden war, um hinter der Ostfront Straßen- und Gleisbauarbeiten zu verrichten. Der harte Winter an der russischen Front stellte den deutschen Nachschub vor schier unüberwindliche Aufgaben, und unsere Kameraden mussten nach Kräften zur Behebung dieser Schwierigkeiten beitragen. Trotzdem behandelte man sie nicht, wie ursprünglich versprochen, als freie Arbeiter. Sie wurden gezwungen, in den gleichen Güterwaggons zu hausen, die zu ihrem Transport gedient hatten, und so mangelte es an den elementarsten hygienischen Voraussetzungen. Die Folgen der zunehmenden Verschmutzung und Verwahrlosung ließen denn auch nicht lange auf sich warten. Nach einigen Wochen bereits brach unter den jüdischen Arbeitern eine schwere Typhusepidemie aus. Die Kranken wurden von dem jüdischen Arzt Dr. Leitner behandelt, der als Mitgefangener für die sanitäre Versorgung der Häftlinge verantwortlich war. Dr. Leitner intervenierte nach Ausbruch der Seuche sofort bei den Wehrmachtsbevollmächtigten, die die Befehlsgewalt über unseren Transport hatten. Er schlug vor, alle jüdischen Arbeiter einschließlich der Kranken ins Reichsgebiet zurückbefördern zu lassen. Die SS-Verwaltung wollte davon nichts hören. Die Typhuskranken sollten von den übrigen Häftlingen isoliert werden, und nur den völlig Gesunden sollte der Rückweg ins alte Lager offenstehen. Wider Erwarten fanden sich jedoch unter den OT- und Wehrmachtsbevollmächtigten einige Leute, die den Vorschlag Leitners aufgriffen und befahlen, den gesamten Transport einschließlich der Kranken in die Stammlager zurückzuleiten. So traf bei uns in Grünheide gegen Ende des Winters eine Gruppe junger Männer aus dem Osten ein, die man sofort in zwei Isolierbaracken unterbrachte. Man wollte mit dieser Maßnahme vermeiden, dass sich der Typhus unter den übrigen Lagerbewohnern ausbreitete. Da jedoch die Umzäunung und Bewachung dieser Isolierbaracken ausschließlich uns selbst unterstand, konnten sich manche nach Fürsprache beim Blockältesten hineinschmuggeln, um nach Bekannten und Verwandten Ausschau zu halten. Wie ich hörte, befanden sich in den Krankenbaracken auch einige junge Männer aus meiner Heimatstadt. Ich wollte hinter meinen Kameraden nicht zurückstehen, und es gelang mir wirklich, Zutritt zu der Krankenbaracke zu erhalten. Ein großer Teil der Häftlinge lag im Fieberdelirium und lallte unverständliche Worte vor sich hin. Auch mein Bekannter Lieber, der in die gleiche Schule wie ich gegangen war, fieberte und war nicht bei Besinnung. Manche Kranken hatten das Fieber bereits überstanden und kämpften mit dem wütenden Hungergefühl, das einer überstandenen Typhuserkrankung zu folgen pflegt. Vor ihnen standen große Teller Suppe, die sie hinunterschlangen. Sie verzehrten auch Unmengen von Kartoffeln, die sie in Marmeladeeimern kochten. Die Atmosphäre und die Stimmung in den Krankenbaracken war eher optimistisch und heiter als bedrückend. Seltsamerweise erzeugte das Delirium bei den Schwerkranken eine euphorische Stimmung. Ein Fieberkranker z. B. schmierte sich seine Marmeladeration auf die Brust und leckte sie anschließend singend ab. Ein anderer sang im Bett sitzend Gebetslieder, und man konnte nicht feststellen, ob er sie bei klarem Verstand oder im Fieber sang.
Die Typhusepidemie klang zwar nach einiger Zeit ab, forderte aber viele Opfer, denn nicht jeder konnte den Fieberbrand durchstehen. Es fehlte zudem an ärztlichem Beistand, nur der Lagersanitäter, der ohne medizinische Ausbildung war, versuchte den Kranken mit Tabletten zu helfen. Die Toten der Epidemie wurden in dem Wald hinter unserem Lager begraben, wo schon unser erstes Opfer, der unvergessliche Dunkelblum, beerdigt worden war. Auch mein Bekannter Jakob Adlerflügel starb an Typhus, er war ein Mann, der allseits geachtet und geschätzt war. Mein Großvater, der mit ihm geschäftlich zu tun hatte, empfing ihn immer besonders gern bei sich zu Hause. Er hatte eine junge Frau und Kinder zurücklassen müssen. Bald nach seiner Verschleppung ins KZ wurde er zum Osteinsatz abkommandiert, weil er von kräftiger Statur war. Der Dienst hatte seine Körperkräfte so erschöpft, dass er dem Fieberbrand des Typhus nicht mehr standhalten konnte.
Schweigend trugen wir Adlerflügel in den Wald. Gerne hätten wir bei seiner Beerdigung alle Riten vollzogen, die die jüdische Religion vorschreibt. Doch es gab keine Möglichkeit, den toten Körper zu waschen und in Leinen zu hüllen. So bestatteten wir unseren Freund in seiner Arbeitskleidung und hüllten ihn in seinen Gebetsschal. Als wir ihn mit Erde bedeckten, sprach ich leise das Totengebet, das eigentlich nur von einem Angehörigen des Toten gesprochen wird.
Als wir ins Lager zurückgingen, hinterließen wir nichts als einen kleinen Hügel frischaufgeworfener Erde – kein Zaun, kein Zeichen, weder aus Holz noch Stein, kennzeichnete die Gräber unserer Brüder. Nur ein kleiner Grabhügel zeigte den Ort an, an dem ein Mensch, ein Vater, in fremder Erde ruhte. Niemand würde später feststellen können, wer hier lag. Die Arbeit auf der Autobahn ging jetzt langsamer vor sich. Stattdessen fingen wir an, auf einem großen Gelände, das wir bereits umzäunt hatten, in fieberhaftem Tempo Baracken zu bauen. Da wir nicht wussten, für wen sie bestimmt waren, stellten wir allerhand Mutmaßungen an. Würde man die in den Gettos Zurückgebliebenen, mit deren Aussiedlung man begonnen hatte, hierherbringen? Oder würden andere Fremdarbeiter hierhergebracht werden?
Eines Tages, als wir wieder zum Barackenbau in das Lager hinübergingen, war es bereits bewacht und mit russischen Kriegsgefangenen vollgestopft. Wir wurden nicht mehr in das Innere des Lagers hineingelassen, sondern in den Baracken beschäftigt, die für die Wachmannschaft bestimmt waren. Unsere eigene Bewachung wurde zudem noch verstärkt, und es war uns streng verboten, dem Lagerzaun nahezukommen, der die Kriegsgefangenen von uns trennte. Die Kriegsgefangenen riefen uns an und versuchten auf jede erdenkliche Weise, mit uns Kontakt aufzunehmen. Einer der Wachhabenden, mit dem wir gut standen, erlaubte uns, mit den russischen Gefangenen zu sprechen und Nachrichten auszutauschen, wenn kein anderer Wachmann in der Nähe war.
Zu Pfingsten 1942 kam der Befehl, das Lager Grünheide zu räumen. Wir bekamen einen arbeitsfreien Tag, um uns auf den Marsch vorzubereiten, und schon am nächsten Morgen nach dem Appell marschierten wir zum Lagertor hinaus. Es war ein schöner, warmer Frühlingstag. Auf Befehl der Wachmannschaft, die neben unseren Reihen marschierte, sollten wir im Gleichschritt gehen und dabei Lieder singen.
Marschlieder singend, zogen wir also die oberschlesischen Landstraßen entlang, die von Alleebäumen eingesäumt waren, deren Kronen wie zusammengewachsen schienen und sich als grüner Baldachin über uns spannten. So berauscht waren wir von der erwachenden Natur um uns, dass wir nicht wie Gefangene marschierten, sondern wie übermütige Jugendliche, die sich auf einem Frühlingsausflug befanden. Nach einigen Stunden Marsch hatten wir etwa zwanzig Kilometer zurückgelegt und erreichten das Lager Annaberg.
Dieses oberschlesische Lager hatte dieselbe Struktur wie unser Lager Grünheide. Es war ein Zwangsarbeitslager für den Bau der Autobahn. In Annaberg traf ich auch wieder alte Bekannte aus meiner Heimatstadt. Einige von ihnen waren von der Ostfront zurückgekommen und hatten sich inzwischen wieder von den Strapazen erholt. Doch bald merkten wir, dass das Leben in Grünheide leichter gewesen war als hier. Dort konnten wir uns immer noch außerhalb der uns zugeteilten Rationen Kartoffeln und Brot organisieren. Hier dagegen war es nicht möglich, sich zusätzliche Lebensmittel zu beschaffen.
Eines Tages traf ich meinen Bekannten Natek Schapiro, der als Sanitäter arbeitete. Er brachte mich mit einem weiteren Bekannten aus unserer Stadt zusammen, der Feder hieß und als Koch arbeitete. Der verschaffte mir sogleich eine zusätzliche Essensration. Auch Kuba Rosenzweig war hier, der als Kolonnenältester mit einem Gummiknüppel wild tobend durch die Lagerstraßen lief, Schuldige und Unschuldige gleichermaßen vor sich herjagte und auf sie alle einschlug. Dabei schrie er stereotyp seinen alten Spruch: »Gott verdamme mich noch einmal.« Kuba machte keinen normalen Eindruck mehr. Wahrscheinlich hatte die Typhuserkrankung nach dem Osteinsatz bei ihm eine psychische Veränderung hervorgerufen, die ihn zum hemmungslosen Lagerschläger werden ließ. (Nach Kriegsende richtete er sich selbst, indem er sich erhängte.)
Im Lager Annaberg wurde unser Transport aus Grünheide nicht mehr auf die Zimmer verteilt, sondern in einer leeren Baracke untergebracht, wo wir nur einen Tag und eine Nacht hausten. Am nächsten Morgen wurde uns die Lagerverpflegung für einen Tag ausgehändigt, und mit einem Großteil der Häftlinge von Annaberg marschierten wir weiter. Dieses Mal fiel uns der Marsch nicht mehr so leicht, da sich unsere Füße vom letzten Marsch noch nicht erholt hatten. Doch standen wir auch die nun folgenden Anstrengungen gut durch und erreichten einigermaßen wohlbehalten das Arbeitslager Sakrau. Auch Sakrau war ein Knoten im Netz der Zwangsarbeitslager für die Autobahn.
So kurz der Aufenthalt in Sakrau war, so war er doch sehr bedrückend. Gab es im vorherigen Lager Hunderte von Gefangenen, so waren es hier schon Tausende. Hatten wir vorher genügend Kartoffeln, hier waren sie zur Seltenheit geworden, und wir litten zunehmend Hunger. Als man nach zwei Tagen Aufenthalt den Befehl zum Weitermarsch durchgab, waren wir eher erleichtert. Unser Transport hatte sich wieder vergrößert, da auch ein Teil der alten Insassen vom Lager Sakrau mit uns zog. Wir marschierten nur eine kurze Wegstrecke bis zum nächsten Bahnhof, wo schon Personenwaggons auf uns warteten. Man pferchte uns in die Abteile und verriegelte sie von außen. Ein Blick aus dem Fenster zeigte uns, dass das Leben auf diesem Bahnhof in gewohnten Bahnen verlief, als herrsche tiefster Friede und glückliches Einvernehmen zwischen allen Menschen.
1Wie schon erwähnt, war der Judenrat eine von der Gestapo eingesetzte Selbstverwaltung der Juden, die mit der Verteilung von Lebensmittelkarten, der Bekämpfung von Seuchen, der Beerdigung der Toten, dem Arbeitseinsatz sowie dem Einsammeln von Kontributionsgeldern betraut war. Manche Angehörige des Judenrats, die zuerst ihr Amt nur zwangsweise versahen, wurden allmählich zu freiwilligen Handlangern der Gestapo. Wenige nur erkannten die ausweglose Situation und bewahrten sich ihren menschlichen Stolz. Doch darf man nicht vergessen, neben den vielen schmählichen Denunziationen, die aus den Reihen des Judenrats kamen, auch die hochherzigen Rettungstaten zu erwähnen, die manchen von ihnen selbst in ernste Gefahr brachten.
Die Zusammenarbeit mit der Gestapo brachte dem Judenrat zunächst Vorteile ein. Er war von Zwangsarbeit ausgenommen, konnte seine Familienmitglieder vor Verschickungen bewahren und erhielt größere Lebensmittelrationen als die anderen. Doch das gute Einvernehmen mit der Gestapo und die augenscheinliche Bevorzugung erwiesen sich als Täuschungsmanöver. Die Gestapo missbrauchte den Judenrat, um die genaue Bevölkerungszahl des jüdischen Gettos zu erfassen und sich rechtzeitig über die internen Verhältnisse des Gettos, z. B. über eventuelle Widerstandsgruppen, zu informieren. Sie zwang ihn auch, Gold, Silber, Schmuck und Pelzwaren zu konfiszieren und an sie abzuliefern. Da dem Judenrat eine gut organisierte jüdische Miliz angegliedert war, war es der Gestapo in Zusammenarbeit mit diesem Hilfsorgan möglich, Hunderte von Gettos in Schach zu halten, selbst wenn sie weit verstreut waren.
Doch die Bevorzugung des Judenrats galt nur, solange seine Handlangerdienste gebraucht wurden. Nach drei Jahren wurde mit der Liquidierung des letzten Gettorestes die Stadt Warthenau »judenrein« gemacht. Der Judenrat und die jüdische Miliz halfen der Gestapo noch, die letzten Gettobewohner in Güterwaggons zu verladen, die für Auschwitz bestimmt waren. Plötzlich wurden die Angehörigen des Judenrats von der Gestapo beiseitegenommen, ohne weitere Erklärung hinter ein Haus geführt und von den Gestapoleuten Schulz und Schneider erschossen.
2s. G. Reitlinger, »Die Endlösung«, Colloquium-Verlag, S. 77 ff. »Die Verordnung vom 26. Oktober 1939 bestimmte, dass alle männlichen Juden zwei Jahre Dienst bei öffentlichen Arbeiten zu tun hätten. Das dienstpflichtige Alter wurde später auf 16 bis 60 Jahre ausgedehnt, und den Judenräten oblag die Stellung der Kontingente. Auf diese Weise waren fast 500 000 Juden zur schwersten Arbeit verpflichtet.«
»Die Juden in den Arbeitslagern wurden von der Sicherheitspolizei, der Zivilverwaltung oder den städtischen Verwaltungen an Privatunternehmer verdungen. Überall kamen große Unterschlagungen vor. Zu Beginn waren die höheren SS- und Polizeiführer nicht dem SS-Wirtschaftsamt unterstellt. Odilo Globocnik – später Leiter des Vernichtungsprogrammes – gründete in der Provinz Lublin genossenschaftliche Werkstätten und verwandelte sie dann in Arbeitslager – zu seinem eigenen Profit. Im Juli 1941 besuchte Himmler Globocnik, und seines Freundes Profite beunruhigten ihn derart, dass er den ersten Plan für ein zentral verwaltetes Konzentrationslager in Lublin aufstellte, das alle diese Werkstätten übernehmen sollte.«
3Neujahr, auf hebräisch Rosch-Haschana, wörtlich: Haupt des Jahres. Nach der Überlieferung ist die Welt im Rosch-Haschana erschaffen worden, und jedes Jahr wird sie in den Menschen wieder erschaffen, indem ihre Seelen in Umkehr und Rechenschaft, in Gericht und Gnade sich erneuern. Es wird auch als der Tag des Gedenkens geheiligt: Jom Hasikaron. Es ist das Gedenken im äußersten Sinn, die Besinnung auf Gott und uns selbst.
4Versöhnungstag, auf hebräisch: Jom Kippur, ist ein Fasttag, an dem der fromme Jude vom Vorabend bis zum nächsten Tag in der Nacht, etwa 26 Stunden, absolut fastet, wobei nicht einmal Wasser zum Gurgeln in den Mund genommen wird. An diesem Tag versucht man, mit sich und der Welt ins Reine zu kommen. Bevor wir erwarten können, dass Gott sich mit uns aussöhnt, müssen wir uns mit den Menschen versöhnt haben. An diesem Tag ist alle Hast, aller Werktag, alles Irdische wie weggespült. Das Bethaus ist voll strahlender Kerzen, voller auf das äußerste gefasster und doch von heiligen, erhabenen Gefühlen bewegter Menschen in ihren Sterbekleidern. Es ist der Tag der Umkehr, der Besinnung, der Rechenschaft vor Gott.
5Tschull ist in Oberschlesien ein besonders unflätiges Schimpfwort.
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