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Gontard schwieg jetzt lieber. Seiner Meinung nach hätte man exakter rechnen können und mehr Vorsicht an den Tag legen müssen. Wäre Randersacker vor ein Gericht gebracht worden und er der Richter gewesen, so hätte er ihn wegen fahrlässiger Tötung zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe verurteilt. Aber Randersacker war nicht angeklagt worden, dazu hatte er viel zu gute Beziehungen zum Hofe und zu einflussreiche Freunde im Kriegsministerium.
»Nichts für ungut«, sagte Gontard, als er sich von Randersacker abwandte.
»Sollten Sie in Ihrer Anstalt etwas von sich geben, das meine Ehre antastet, dann gnade Ihnen Gott!«, zischte Randersacker noch.
Die Wilhelmstraße war nach 1731 auf Geheiß von Friedrich Wilhelm I. bei der Erweiterung der Friedrichstadt angelegt worden. Anfangs hatte sie noch den Namen Husarenstraße getragen. In ihrem nördlichen Teil hatten sich bald darauf Minister und Vertraute des Königs ihre Palais hinstellen lassen, so auch Richard von Randersacker.
Getrieben von Langeweile, streifte der nach dem Frühstück durch die Gänge seines Prunkbaus. Vielleicht traf er auf das neueingestellte Dienstmädchen, diese Auguste Gärtner, und vielleicht ließ die sich für ein paar Thaler kurz von der Arbeit ablenken. Auch eine Küchenmamsell war ihm recht. Die fühlte sich womöglich sogar noch geehrt, wenn er sich herabließ, ihr kurz beizuwohnen. Und wenn sich in dieser Hinsicht nichts ergab, dann wollte er wenigstens auf Menschen treffen, mit denen er sich streiten konnte.
Doch das Glück war ihm hold, denn als er an der Wäschekammer vorbeikam, sah er durch die offenstehende Tür Auguste, wie sie Tischtücher von der Leine nahm und in eine Truhe legte. Dabei beugte sie sich so weit nach unten, dass ihn der Wunsch überkam, hinter sie zu treten und ihr auf der Stelle die Röcke hochzuschieben. Er wollte schon zur Attacke übergehen, da tauchte seine Frau hinter ihm auf.
»Hände weg von dem Mädchen!«, zischte sie. »Nicht, dass ich dir den Spaß nicht gönne, aber Augustes Bräutigam schlägt dir den Schädel ein, wenn er davon erfährt.« Auguste hatte alles mitbekommen, drehte sich um und lachte. »Ja, det stimmt, gnä’ Frau, den Ferdinand Dünnebier ham se wejen mir schon erschlagen.«
Randersacker machte, dass er weiterkam. Als Nächstes lief ihm sein Kammerdiener über den Weg.
»Ist Ihnen nicht wohl, Herr Baron?«, fragte der. »Sie sehen so blass aus.«
Randersacker stöhnte laut. »Jacques, ich brauche unbedingt eine Frau …«
Der Kammerdiener grinste. »Da trifft es sich ja gut, dass Flora wieder in Berlin ist …«
»Was, sie ist hier?«
»Ja, ich habe sie vor ein paar Tagen bei Doktor Kußmaul aus der Ordination kommen sehen.« Jacques beugte sich vor, weil er den nächsten Satz nur noch zu flüstern wagte. »Soll ich wieder etwas arrangieren, Herr Baron?«
»Dafür wäre ich dir sehr zu Dank verpflichtet. Und so bald wie möglich!«
Damit machte er sich auf den Weg zu seinem Bureau im Kriegsministerium, das an der Leipziger Straße lag und in den letzten drei Jahren ausgebaut und um ein Stockwerk erhöht worden war. Es war ein großartiges, palastähnliches Gebäude. Die beiden Portale in der Fassade waren mit lebensgroßen Figuren eines Garde-Kürassieres, eines Garde-Infanteristen und eines Husaren geschmückt, die man aus sogenannter Chaussée-Masse gefertigt hatte.
Im Treppenhaus traf er auf seinen Vorgesetzten, den Kriegsminister Ferdinand von Rohr, mit dem er ein wenig über den Krieg zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten von Amerika redete. Der bot in diesen Tagen am meisten Gesprächsstoff.
»Es erreichen uns immer mehr Details«, begann Randersacker seinen Bericht. »Generalmajor Robert Patterson hat mehrere seiner Soldaten wegen begangener Kriegsverbrechen hinrichten lassen.«
»Interessant«, murmelte von Rohr.
»In Huamantla haben Mexikaner einen amerikanischen Major ermordet, und daraufhin hat der Brigadegeneral Joseph Lane seine fast zweitausend Mann starke Truppe auf die Bevölkerung losgelassen. Sie haben geplündert, die Stadt zerstört, vielfach gemordet und die Frauen geschändet.«
»Fürchterlich! Und undenkbar in Deutschland.« Randersacker nickte. »Fürwahr! Außerdem wird von vielen Desertionen berichtet. Der Dienst in der amerikanischen Armee ist beschwerlich, nicht hochangesehen und schlecht bezahlt. Es sollen viele Soldaten, insbesondere Katholiken und Neu-Einwanderer, zu den Mexikanern übergelaufen sein.«
Der Minister seufzte. »Das könnte auch für uns ein Problem werden, wenn es zum Krieg zwischen Preußen und Österreich um die Vorherrschaft in Deutschland kommt, was mir unausweichlich erscheint.«
»Nachdem die Amerikaner die nächsten Schlachten gewonnen hatten, haben sie die Rädelsführer der Deserteure hängen oder erschießen lassen. Richtig so!«
»Und wie wird es weitergehen?«, wollte der Kriegsminister wissen.
»Man sitzt jetzt in einem Nest mit dem schönen Namen Guadaloupe beisammen und verhandelt über einen Friedensvertrag. Es heißt, Mexiko werde fast die Hälfte seines Staatsgebietes an die Amerikaner abtreten müssen.«
Ferdinand von Rohr geriet ins Träumen. »Stellen Sie sich einmal vor, Randersacker, wir führten Krieg gegen Österreich, Bayern und Sachsen, gingen daraus als Sieger hervor und hätten dann unser Guadaloupe …«
Damit verabschiedete er sich von Randersacker. Der verbrachte die nächsten Stunden in Vorfreude auf das erhoffte private Vergnügen. Und wirklich, als er dann nach Hause kam, konnte Jacques ihm ins Ohr flüstern, dass Flora Morave ihn erwartete.
»Und wo?«
»Im ›König von Portugal‹.«
»Sehr gut.«
Dieses Lob bezog sich darauf, dass besagtes Hotel in der Burgstraße No. 16 zu finden war – und man nur drei Häuser weiter die Kriegsakademie untergebracht hatte, in der Randersacker mehrmals in der Woche preußische Offiziere unterrichtete. Und so konnte er jetzt seiner Magdalene zurufen, dass er schnell noch einmal in die Burgstraße müsse, ohne dabei rot zu werden.
Die Burgstraße zog sich am östlichen Spreeufer entlang und durchquerte das Heilig-Geist- und das Nikolaiviertel. Neben dem »König von Portugal«, dessen Fassade von keinem Geringeren als Karl Friedrich Schinkel gestaltet worden war, und der Kriegsakademie gab es hier noch weitere Glanzpunkte preußischer Baukunst: das alte Posthaus, das Palais des Grafen von Wartenberg und das Palais Itzig. Die Gegend war so belebt, dass Randersacker nicht besonders auffiel.
Bereits erregt ob dessen, was ihn erwartete, betrat er das Hotel. Ein in die Hand gedrücktes Goldstück, ein kurzes Flüstern und schon wies ihm der Portier den Weg. »Dritter Stock, Zimmer 310, mit Spreeblick.«
Randersacker stieg die Treppen so schnell hinauf, wie es ihm in seinem Alter noch möglich war. In der dritten Etage angekommen, verschnaufte er erst einmal ein wenig, um nicht sofort Floras Spott herauszufordern. Er orientierte sich kurz und fand heraus, dass ihr Zimmer am Ende des Ganges gelegen war. Zwanzig Schritte noch … Er konnte es kaum mehr erwarten und ging noch ein wenig schneller. Da ging vor ihm eine Tür auf, und ein Mann trat ihm entgegen. Maskiert und mit einer Pistole in der Hand.
Der Portier unten in der Empfangshalle hörte einen Schuss und einen Schrei.
Criminal-Commissarius Waldemar Werpel und sein Constabler waren weiterhin nach Kräften bemüht, das Rätsel um den angeblich erschlagenen und dann wieder von den Toten auferstandenen Arbeitsmann Ferdinand Dünnebier zu lösen.
Krause hatte schon eine Idee. »Wir müssen ihn bloß mal fragen, wie det allet jekomm is.«
Werpel fasste sich an den Kopf. »Um ihn zu befragen, müssen wir ihn erst einmal haben, aber er ist und bleibt nun mal verschwunden.«
Der Constabler feixte und zeigte nach oben. »Vielleicht issa doch aufjefahr’n gen Himmel.«
»Dann passen Sie nur auf, dass er nicht wieder runterkommt und Ihnen uff ’n Kopp fällt!«
Werpel überlegte, und das ging nicht so schnell, weil es für ihn Schwerstarbeit war. Natürlich war Dünnebier nicht in den Himmel aufgefahren. Es blieben drei Möglichkeiten. Erstens: Der Mörder war zurückgekommen und hatte Dünnebier mitgenommen, um die Spuren seiner Tat zu beseitigen oder um den Arbeitsmann nun endgültig totzuschlagen. Zweitens: Dünnebier war wieder zu sich gekommen und hatte sich, betrunken wie er war, davongemacht. Es konnte ja sein, dass gar niemand versucht hatte, ihn um die Ecke zu bringen, und er in seiner Trunkenheit nur gestürzt und mit dem Kopf auf die Stufen der Kohlenhandlung aufgeschlagen war. Drittens: Es hatte wirklich ein Fremder Dünnebier die Kopfverletzung zugefügt – dass es die wirklich gegeben hatte, war von Kugler und dem Nachtwächter bestätigt worden –, aber der Verletzte war wieder zu sich gekommen und hatte sich davongemacht.
Während Werpel noch all dies gegeneinander abwog, wurde Krause langsam ungeduldig. »Watt is’n nu, Herr Commissarius, wen soll ick’n festnehm?«
»Den Dünnebier.«
»Wieso’n ditte?«
Werpel tat amtlich. »Weil er eine Straftat vorgetäuscht hat.« Das war eine weitere Variante, die ihm eben erst eingefallen war. Dünnebier hatte die Obrigkeit hinters Licht führen wollen.
»Jut, wenn Se mir zeigen, wo a is, nehm ick ihn ooch fest«, erklärte Krause. »Aba wo issa?«
»Wollen Sie mich auf den Arm nehmen, Krause?«
»Gerne, wenn det ’n Befehl is.« Er setzte wirklich an, den Commissarius hochzuheben, und da Werpel sich wehrte, konnten die umstehenden Berliner ein kleines Schauspiel genießen.
Als sich beide wieder voneinander gelöst hatten, machten sie sich auf den Weg zur Nikolaikirchgasse, um mit dem Kohlenhändler Wilhelm Wenzel und seiner Frau zu reden. Aber die konnten ihnen auch nicht mehr berichten, als dass sie in die hinteren Räume gelaufen waren, um Wasser und Verbandszeug zu holen, nachdem ihnen der Nachtwächter und ein Bürger den vermeintlich toten Arbeitsmann auf die Treppen zu ihrem Kohlenladen gelegt hatten.
»Als wa dann wieda vorne waren, da war der Tote verschwunden.«
Unverrichteter Dinge und leise vor sich hin fluchend, kehrten Werpel und Krause nun zur Stadtvogtei am Molkenmarkt zurück. Und wer wartete da auf sie? Ferdinand Dünnebier! Mit einem riesigen Verband um den Kopf.
»Biste nu als Tota hier oda als Lebenda?«, rief Krause.
»Als Sultan«, antwortete Dünnebier und zeigte auf seinen Turban. »Ick dachte ma, ick melde mir nach allet, wat jestern Nacht passiert is.«
Werpel nickte. »Da sind Sie uns in der Tat eine längere Erklärung schuldig.«
»Na, lang isse nich, aber klar wie Kloßbrühe. Ick bin nich jestürzt, et hat mir wirklich eena niederjeschlagn. Ick war wohl ooch ’ne Weile weg. Als ick dann wieda zu mir jekommn bin, da dachte ick, bloß weg von hier, und bin ab zu’m Freund von mir, dem Liepe.«
»Wer ist Liepe?«
»Gottlieb Letschinski.« Mit dem habe er sich neulich um die schöne Auguste geprügelt, Auguste Gärtner, aber man habe sich längst schon wieder versöhnt. »Sie wissen doch, Herr Commissarius: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.«
»Nun ja …« Werpel mochte dem nicht widersprechen.
»Aber was meinen Sie denn nun, wer Sie in der Nikolaikirchgasse niedergeschlagen hat?«
Da war Dünnebier um eine Antwort nicht verlegen.
»Ick vamute mal, det det der Auguste ihr Bräutigam jewesen is.«
»Und wer ist das?«
»Der Watzlawiak is det, der Franz. Den finden Se bei Borsig draußen in’t Feuerland.«
Fünf
Ein Feuerland gab es 1848 nicht nur am südlichen Ende Südamerikas, sondern auch am nördlichen Rande Berlins, gleich vor dem Oranienburger Thor. Zuerst wurde hier 1804 die Königlich Preußische Eisengießerei in Betrieb genommen, dann hatten sich etliche Fabrikherren mit ihren Eisengießereien und Maschinenbauanstalten niedergelassen, so Franz Anton Egells (1826), August Borsig (1837), Friedrich Adolf Pflug (1839) und Johann Friedrich Ludwig Wöhlert (1842). Inzwischen zählte das Handelsministerium 33 Firmen mit über dreitausend Beschäftigten im Feuerland. Da alle Betriebe für ihre Produktion Eisen schmelzen, gießen oder bis zur Glut erhitzen mussten, brannten überall Feuer und aus unzähligen Schornsteinen stiegen Rauchschwaden in den Himmel, so dass im erfindungsreichen Berliner Volksmund das Areal bald den Namen Feuerland bekam.
Der König vom Feuerland war eindeutig August Borsig, geboren 1804 in Breslau und 1823 nach Berlin gekommen. Begonnen hatte sein Aufstieg mit der Produktion von Kleineisenteilen für den Gleisbau, dann hatte er englische und amerikanische Lokomotiven repariert, und schließlich baute er selbst welche. 1841 hatte die Borsig 1 auf der Strecke Berlin—Jüterbog eine Wettfahrt gegen eine Maschine des großen George Stephenson gewonnen, und schon 1846 war Borsigs hundertste Lokomotive aus der Halle gerollt. Wer bei Borsig arbeitete, war stolz darauf und rief gerne aus: »Ich bin kein Proletarier, ich bin Maschinenbauer!«
Einer dieser Maschinenbauer war Franz Watzlawiak. Er bediente eine der Drehbänke, an denen die Pleuelstangen der berühmten Borsig’schen »Schnellläufer«-Lokomotiven entstanden. Ringsum kreischten die Bohrer, dröhnten die Schmiedehämmer, in den Werkstätten nebenan flackerten die Schmelzöfen. Schlagartig aber brachen die Geräusche ab, als einer der Meister »Feierabend!« gerufen hatte. Es war Sonnabend, und ein jeder strebte voller Vorfreude auf das Wochenende seiner Wohnstatt entgegen. Watzlawiak hatte sich bei der Witwe Grimnitz in der Linienstraße eingemietet und eilte nun mit einer Geschwindigkeit durch das Oranienburger Thor, die die Wache denken ließ, hier sei ein Verbrecher auf der Flucht. Ein kleines Stück ging es die Friedrichstraße entlang, dann musste er nach links in die Linienstraße abbiegen. Die zog sich ewig an der nördlichen Berliner Peripherie entlang, erst hinter der Alten Schönhauser Straße war er am Ziel. Nur schnell aus den alten Klamotten raus, die er bei der Arbeit trug, sich waschen, etwas Anständiges anziehen, und dann ab zu Auguste. Er liebte es, sich als ganzer Mann zu geben, und so stand er auch Ende Februar an der Pumpe unten im Innenhof, die vor ein paar Tagen noch eingefroren war, und ließ sich das eiskalte Wasser über den nackten Oberkörper rinnen.
Über ihm wurde das Fenster aufgerissen, und die Witwe Grimnitz oben am Fenster begann zu zetern. »Sie, det is unschickllich!«
Watzlawiak lachte. »Sie müssen ja nicht hingucken. Weg vom Fenster, gleich wasche ich mich in den unteren Regionen!«
Das wagte er natürlich nicht, dennoch kreischte die Grimnitz und drohte wieder einmal, ihm zu kündigen. Er war sich aber sicher, dass sie ihre Drohung nicht wahr machen würde, denn er hatte den Ruf, ein gewalttätiger Mensch zu sein. Und darauf war er auch stolz. Als er mit seiner Wäsche fertig war, nahm er dennoch eine Rose aus Papier, die er bei einem Maskenball erbeutet hatte, und trat an, sich bei ihr zu entschuldigen.
Sie rollte mit den Augen. »Ihnen kann man auf Dauer nich böse sein …« Seufzend nahm sie die Papierblume entgegen und gestattete ihm sogar, in ihrer Vossischen zu blättern und nachzuschauen, was Berlin am 19. Februar 1848 an Amüsements im Angebot hatte. Es war eine Menge.
Im Königlichen Schauspielhaus gab es ein Lustspiel von Gustav zu Putlitz mit dem langweilig klingenden Titel Ein Hausmittel. Nein, das war nichts für seine Auguste. Eher wäre sie noch ins Königsstädtische Theater gegangen, wo die Compagnia Italiana gastierte, aber da fiel die angekündigte Oper wegen einer Unpässlichkeit der Signora Fodor heute aus. Schade.
Groß waren die Programme der Circusse angekündigt, zum Beispiel:
Circus von Alessandro Guerra
Große Damen-Vorstellung mit neuen Abwechselungen
Zum Schluß: Grand Steeple chase, geritten von 8 Damen der Gesellschaft
Anfang: 7 Uhr abends
Das klang nicht schlecht, aber wie immer war Watzlawiak knapp bei Kasse, und beim Kauf zweier Eintrittskarten hätte er sich wieder etwas von der Witwe Grimnitz borgen müssen. Ausgeschlossen! Weiter im Text. Einige Etablissements priesen Interessantes an. Nicht ganz klug wurde er aus dem, was die Erste Corso-Halle zu bieten hatte: Fortsetzung der eingeübten fahrenden Bedienung, wobei Prell’sches Bier in neuem Costüm verabreicht wird. Kamen da die Serviererinnen mit einer Draisine an die Tische? Kroll’s Garten kündigte für sieben Uhr abends schon den vorletzten Bal Masqué an: Der Königl. Tänzer Hr. Sergeois leitet die Tanzordnung. Die Herren Noack und Hoffmann werden eine vollständige Maskengarderobe aufgestellt haben. Angelangt bei Krumhorn’s Caffeehaus, bekam er das große Gähnen: Große Abendunterhaltung mit Gesang. Launige Vorträge von dem jetzt mit vielem Beifall aufgenommenen Herrn von Bergen nebst Kapelle. Das Maaß’sche Lokal und Sommer’s Salon boten auch nichts Aufregendes. So blieben für Auguste und ihn nur noch zwei Attraktionen:
Bude auf dem Alexanderplatz
Die 7 Wunder der Welt in sieben Bildern
5 großartige Gemälde von J. Lera
Die außerordentliche Naturerscheinung, ein 15 Jahr altes, lebendes Mädchen, welchem Theile eines zweiten Kindes angewachsen sind
Eldorado (Thorstraße 12)
Grand Bal masqué et paré
Nach der Pause: Bohnenfest: die Königin des Festes erhält ein werthvolles Geschenk
Anfang: 8 Uhr abends
Mit diesen Programmen im Kopf machte er sich auf den Weg zum Randersacker’schen Palais, um Auguste abzuholen. Es war ein gewaltiger Fußmarsch bis zur Wilhelmstraße, aber um sie in den Armen zu halten, wäre er auch bis ans Ende der Welt gelaufen. Über die Prenzlauer Straße kam er zum Alexanderplatz, dann ging es die Königstraße entlang zum Schloßplatz, weiter über den Werderschen Markt und den Hausvogteiplatz zur Mohrenstraße und schließlich in die Wilhelmstraße. Auch einem Kraftprotz wie ihm ging da die Puste aus.
»Da biste ja endlich!« Auguste hatte schon eine Viertelstunde auf ihn gewartet.
»Tut mir leid.« Er umarmte sie. Dabei streifte sein Blick die Fassade des Palais, und er sah Randersacker am offenen Fenster stehen. »Der lässt dich wohl nicht mehr aus den Augen …«
»Wer?«
»Na, dein Brötchengeber. Aber wenn er dir zu nahe treten sollte, findet er sich auf ’m Friedhof wieda, sag ihm dit!«
Auguste verfluchte die Eifersucht ihres Verlobten einerseits. Andererseits freute sie sich über die Morddrohungen, die er gegenüber allen ausstieß, die als Nebenbuhler in Frage kamen, waren sie doch ein Zeichen dafür, wie heiß und innig er sie liebte.
Paul Quappe, im Dienstgebrauch nur Kaulquappe genannt, teilte das Schicksal der Offiziersburschen, die es wie er nicht bis zum Gefreiten gebracht hatten: Er war Offizieren aller Dienstgrade, Militärärzten und Zahlmeistern zur persönlichen Bedienung zugewiesen. Quappe war im Jahre des Herrn 1828 auf die Welt gekommen.
Wenn er nach seinem Alter gefragt wurde, musste er jedes Mal mühsam nachrechen. Noch größere Probleme als mit Zahlen hatte er jedoch mit dem Schreiben und Lesen. Um das zu verbergen, hatte er eine Reihe von Techniken und Tricks entwickelt – und war dadurch ein recht schlaues Kerlchen geworden, viel schlauer, als ihn alle einschätzten. Schnell hatte er herausgefunden, dass er viel leichter durchs Leben kam, wenn er sich dumm stellte. Schwierige und kraftraubende Arbeiten wurden dann anderen übertragen. Außerdem brauchten die Preußen, insbesondere die Autoritäten, ihren Hofnarren. Wer andere zum Lachen brachte, war beliebt und konnte viele Vergünstigungen erwarten. Hätte Quappe ein paar Jahrzehnte später gelebt, dann hätte man ihn mit dem von Jaroslav Hašek ersonnenen braven Soldaten Schwejk vergleichen können. Mit dem tschechischen Bruder im Geiste hatte er nicht nur die Freude am exzessiven Erzählen von Anekdoten gemein. Sollte sich Schwejk der Einberufung dadurch zu entziehen versuchen, dass er im Rollstuhl zur Musterung erschien, so hatte Quappe den Ärzten einen Epileptiker vorgespielt – allerdings mit demselben Misserfolg wie der brave Soldat.
Quappe hatte zwei linke Hände, und wo er war, da war das Chaos. Dazu kam, dass man ihm als Kind zu viel von Till Eulenspiegel vorgelesen hatte und er seither danach trachtete, es dem großen Schalksnarren gleichzutun. Schon der Ort seiner Geburt war außergewöhnlich, wenigstens dem Namen nach: Schönschornstein. Das war ein Weiler südlich von Erkner, umfangen von der dort mäandernden Spree, die vor Köpenick und dem Zusammenfluss mit der Dahme kaum breiter war als ein Bach.
Abgesehen von der Leidenschaft für Streiche verband ihn noch ein besonderes Tauferlebnis mit Till Eulenspiegel: Auch seine Amme, die ihn im Anschluss an die Feier nach Hause trug, fiel mit ihm – ein wenig trunken, wie sie war – stracks ins Wasser, als man einen Kahn besteigen wollte. Die Quappes waren nämlich eine alte Schifferfamilie. »Nun ratet mal alle, ob ich damals ertrunken bin oder noch gerettet werden konnte«, sollte Quappe später immer wieder sagen. Mit Spreewasser war Paul Quappe also getauft – und vielleicht hatte der Pfarrer beim Schöpfen des Taufwassers wirklich eine Kaulquappe mit aus dem Fluss geholt, wie man schon in Erkner gespottet hatte, wo Quappe zur Schule gegangen war.
1842 hatte Paul Quappe in Frankfurt an der Oder beim Leib-Grenadier-Regiment König Friedrich Wilhelm III. seine militärische Laufbahn begonnen – und war seitdem weitergereicht worden wie die berühmte heiße Kartoffel. Ende Januar 1848 war er dem preußischen Kriegsminister Ferdinand von Rohr als Bursche zugeteilt worden.
Ferdinand von Rohr saß in seinem Dienstzimmer im preußischen Kriegsministerium, Leipziger Straße No. 5–7, zwischen Wilhelmstraße und Pariser Platz, und quälte sich durch die ihm vorgelegten Akten. Endlos erschien ihm auch dieser Tag. Das Atmen fiel ihm immer schwerer. In der Schlacht bei Bautzen, 1813, hatte er einen Schuss in die Brust bekommen, und seitdem war seine Lunge spürbar geschwächt. Er schloss die Augen und versuchte, Bilder seiner Kindheit herbeizuzaubern. Die Domkirche St. Peter und Paul … der Roland … das Baden im Fluss … Am 17. Mai 1783 war er in Brandenburg an der Havel geboren worden. Mit vierzehn Jahren hatte er den Dienst beim Infanterieregiment Herzog von Braunschweig begonnen. Dann war Napoleon über Preußen hergefallen. Als Grenadieroffizier hatte Ferdinand von Rohr die Schmach von Jena und Auerstedt miterlebt und war danach als Hauptmann in den Stab des Generals von Yorck gekommen. Bei Halle und bei Großgörschen war er in die Schlacht gegen den Franzosenkaiser gezogen, bei Bautzen war dann Schluss gewesen.
Er hörte einen Schuss und fuhr hoch. Nein, die Ordonanz hatte gegen die Tür geklopft, nichts weiter. »Ja, herein!«
Draußen stünde ein entfernter Verwandter von ihm, ein Herr Leopold von Rohr.
»Ja, soll reinkommen.«
Wer eintrat, war sein Cousin Leopold. Sie hatten sich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen, und so gab es mancherlei zu erzählen.
»Ich war erst Regierungsdirektor in Stettin und später Regierungspräsident in Stralsund«, berichtete Leopold von Rohr. »1833 bin ich dann in den Ruhestand getreten und nach Berlin gezogen. Seitdem verfasse ich Gedichte.«
»Ich habe davon gehört«, versicherte der Kriegsminister.
»Und du?«
Ferdinand von Rohr überlegte. »Du wirst wissen, dass ich schon einmal im Kriegsministerium gewesen bin: 1813 als Major und als Leiter der Bekleidungsabteilung. Schrecklich! Ich wollte wieder zurück in die Kaserne. Da war ich dann erst beim Alexander-Regiment hier in Berlin und dann in Glogau, wo ich eine neue Art der Ausbildung ins Leben gerufen habe: keine mechanische Dressur mehr, sondern eine Erziehung mit Verständnis für die Rekruten, auf dass sich alle ihre geistigen und körperlichen Kräfte voll entfalten können.«
»Davon wiederum habe ich gehört«, warf nun auch der Vetter ein.
»Von Glogau bin ich dann nach Breslau gegangen … Aber da haben meine Kräfte schon erheblich nachgelassen – und ich habe den Antrag gestellt, in den Ruhestand treten zu dürfen. Und was passiert? Man ernennt mich am 7. Oktober letzten Jahres zum Kriegsminister.«
Die Ordonanz klopfte abermals, bat um Entschuldigung und drängte den Minister, ein vorbereitetes Schreiben auf den Weg zu bringen. »Die Sache Randersacker.«