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»Ich muss kurz austreten. Dreht euch um.«
Das wölfische Grinsen des Ochsen war unerträglich. »So, so. Also doch.« Seine Augen glänzten gierig. »Na dann mach mal.«
»Dreht euch um!«, fauchte Cian. Er hatte genug von der Frechheit seiner Begleiter. Sein vermaledeites Temperament war nicht mehr zu zügeln. »Oder ich erzähle Jaxson, wie ihr mich behandelt habt! Der wird euch prügeln und von der Burg jagen, das verspreche ich euch!«
Sie hätten zurückschrecken müssen. Angst hätte in ihre Mienen kriechen müssen, Unsicherheit in ihre Züge. Doch sie kamen näher. Schritt für Schritt drängten sie Cian zurück, bis er mit dem Rücken an einem Baumstamm endete.
»Was soll das?« Panik verkrampfte seinen Magen. »Zurück mit euch!«
»Kleiner Goldschopf.« Beide lächelten und einen Moment wirkten sie wie Zwillinge aus der Unterwelt.
Ihr säuerlicher Schweißgeruch verpestete seine Nase. Darunter lag etwas, das er nicht wahrhaben wollte: Lust. Der wilde Geruch der Paarungsbereitschaft hätte ihm alles gesagt, selbst, wenn er die harten Ausbuchtungen unter ihren Kilts nicht gesehen hätte.
Der Ochse streckte die Hand nach ihm aus. »Kleiner Auerhahn. Du wirst uns schön dein kleines Schwänzchen zeigen und wenn du gepullert hast, drehst DU dich um, nicht wir. Und dann wirst du geritten, bis der große Wolf den Mond anheult.«
Nein, dachte Cian. Nein, das können sie nicht ernst meinen.
»Ihr seid MacGregors.« Er deutete auf ihre Kilts. »Euer nächster Rudel-Chief hat euch befohlen, mich unversehrt zu euch zu bringen.«
»Ach, Kleiner.« Die stinkende Pfote streichelte Cians Wange. »Wir wollten die Überraschung eigentlich aufsparen.«
»Welche Überraschung?«, fragte Cian, obwohl er sicher war, dass er diese Überraschung hassen würde.«
Ein stinkender Mund voller Reißzähne näherte sich. »Wir sind gar keine MacGregors. Wir sind Sutherlands.«
Cian schlug die Hand aus seinem Gesicht, drehte sich um und rannte. Durch das dichte Unterholz, über knackende Zweige und Reisig und Dornen. Panik ließ ihn die Schmerzen ignorieren, als sie seine Beine aufrissen. Feuer brannte in seinen Lungen, doch er rannte weiter.
Er kam nicht weit. Schon Sekunden, nachdem er in die Finsternis geflüchtet war, packte eine harte Hand ihn und riss ihn zurück.
»Oh, Kleiner.« Der Ochse lachte. Fauliger Atmen schlug Cian ins Gesicht. »Das wird Spaß machen.«
Stoff riss und plötzlich war Cians Unterleib bloß. Die Kälte drang in seine Haut und seine empfindlichen Genitalien.
»Da ist er ja!« Gelbzahn hielt Cian fest, verdrehte ihm die Arme auf dem Rücken, während der Ochse bewundernd auf Cians Körpermitte starrte. »Hübscher Anblick. Weißt du was, ich nehm ihn von vorne.« Schon gruben sich Krallen in Cians Oberschenkel und drängten sie auseinander.
»Nein!«, brüllte Cian. Und verlor die Kontrolle. Heißer Urin spritzte über die Vorderseite des Alphas, der ihn mit einem Aufschrei losließ. Er taumelte mehrere Schritte zurück, bevor er in Sicherheit war. Nass und wütend starrte er Cian an.
»Du kleiner Scheißer!«
»Pisser, meinst du.« Gelbzahn lachte dröhnend. »Oh Mann, du hattest eh ein Bad nötig, aber jetzt stinkst du noch mehr als vorher!«
»Halt die Fresse! Ich bring ihn um.«
Panik krallte sich in Cians Brust. Heiße Flüssigkeit rann über seine zitternden Schenkel. Nein! Er wollte nicht sterben, wollte leben, wollte bei Jaxson sein.
Er verwandelte sich. Blitzschnell, so sehr, dass der Schmerz bis in seine Knochen schoss. Arme wurden zu Vorderläufen, Gesicht zu Schnauze. Ein Schwall Gerüche stürzte auf ihn ein. Er fiel. Aber als Wolf schaffte er es, sich aus dem Griff des Alphas zu winden. Es geschah unbewusst. Normalerweise verbrachte Cian so wenig Zeit wie möglich als Wolf. Es war ewig her, dass er ich zuletzt verwandelt hatte.
Er hatte kaum realisiert, was geschehen war, als er schon durch das Unterholz hetzte. Dornen rissen ihm Fellbüschel aus, hinterließen schmerzhafte Kratzer, aber er rannte. Der Wolf wusste, was er tat.
Leider war Cian zu schwach. Die lange Zeit im Kloster hatte seine Muskeln weich werden lassen. Seine Lungen brannten und gerade, als er aus dem Unterholz brach und vierpfötig auf eine Lichtung taumelte, erwischten sie ihn.
Zähne schlossen sich um seinen Nacken. Er stürzte. Landete mit der Schnauze im Dreck und kam jaulend auf. Er roch Urin im Fell des anderen Wolfs und wusste, welcher es war. Der, der ihn umbringen wollte. Cian winselte, fiepte unterwürfig und hoffte, dass das den Ochsen gnädiger stimmen würde. Tat es nicht. Dessen Reißzähne gruben sich nur umso fester in sein Fleisch. Blut lief an seinem Hals entlang. Grelle Lichter blitzten vor seinen Augen.
Ich werde hier sterben, dachte er. Ich werde hier sterben und diese beiden Bastarde werden meine Unschuld rauben, wenn ich selbst längst tot bin.
Tränen quollen aus seinen Augen. Das Atmen fiel zusehends schwerer und gerade, als er glaubte, das Bewusstsein zu verlieren, drängte der Wolf über ihm seine Hinterläufe auseinander. Nein! Er spürte etwas Heißes, Hartes an seinem Loch und versuchte, sich wegzudrehen, sich zu winden. Aber der Alpha war zu stark.
Nein!
In seinem Augenwinkel blitzte etwas Rotes. Nasses Reißen ertönte. Etwas Schweres prallte gegen Cian und den Alpha und schob sie über den Blätterboden. Dann schmeckte er Blut und roch Fell. Der Biss in seinem Nacken lockerte sich. Der unbarmherzige Druck auf seiner Pforte verschwand. Es war dunkel.
Ein Wolfsleib war auf ihm gelandet. Er spürte rasselnden Atem, fühlte ein krampfhaftes Zucken, das den Körper auf ihm erfasste, und dann nichts mehr. Gar nichts. Der Wolf über ihm erschlaffte und wurde schwer. Voll Ekel schüttelte Cian ihn ab. Der Wolf landete mit einem dumpfen Laut im Moos und gab den Blick auf den Rest der Lichtung frei.
Zwei Wölfe standen sich gegenüber. Der eine mit nassem Fell, der Ochse, der Cian beinahe geschändet hätte.
Und ein Monster.
Der gigantischste graue Wolf, den er je gesehen hatte, knurrte seinen Angreifer an, das Nackenfell gesträubt und die Zähne gebleckt. Blut tropfte von einer Wunde an seiner Flanke. Nicht alles an ihm war grau. Über Gesicht und Schultern zogen sich grässliche Narben, rot und wulstig. Auch in der Nase war ein tiefer Schnitt. Grauenerregend.
Doch als der Graue knurrte, geschah etwas Seltsames: Cian spürte ihn. Über die Entfernung hinweg füllte die Anwesenheit des riesigen Wolfs seinen ganzen Geist.
Ihn habe ich vorhin gespürt, dachte Cian und schluckte. Panisch robbte er rückwärts, stieß mit dem Rücken gegen einen Baumstamm und schaffte es doch nicht, den Blick von den beiden Wölfen zu reißen, die sich vor ihm umkreisten.
Der Ochse duckte sich und sprang. Der Graue ebenfalls. Er war so schnell, dass er wie ein Schemen in der Luft wirkte. Seine Kiefer schnappten zu. Blut spritzte. Blätter stoben auf. Der Ochse fiel zu Boden. Und in seiner Kehle klaffte ein dunkles Loch. Ein entsetzliches Pfeifen erklang, als er Luft holte, die nassen Ränder zitterten. Ein weiteres Pfeifen, ein Aufbäumen, ein Zittern. Dann erschlaffte sein Körper.
Cian starrte. Panik schnürte seine Kehle zu. Der Graue schüttelte sich, knurrte durch rote Zähne hindurch und dann wandte er den Kopf. Sein Blick war das Kälteste, das Cian je erlebt hatte. Kälter als die Klostermauern bei Nacht, wenn sie im Winter zu Eis gefroren. Er wimmerte.
Es hatte keinen Sinn: Bebend warf er sich vor dem Grauen auf den Rücken und bot ihm seine Kehle an. Der Wolf in ihm wusste wieder, was zu tun war. Wenn das Monster auch nur einen Funken Anstand besaß, würde er einen Omega verschonen, der sich freiwillig unterwarf. Nun, er würde ihn nicht töten. Ein Schluchzen drängte Cians Hals hoch, als der Graue näherkam. Er würde ihn schänden. Das wusste er. Der Graue würde seine Hinterläufe auseinanderdrängen, so wie der Alpha vorhin und diesmal würde niemand ihn aufhalten. Er würde sich das nehmen, was Jaxson gehörte. Cian schluchzte verzweifelt.
Der Graue wandte sich ab.
Bebend sah Cian zu, wie der gigantische Wolf im Unterholz verschwand. Er richtete sich langsam auf. Verwandelte sich wie in Trance, zitternd und schluchzend. Ungläubig betrachtete er die Lichtung.
»Ich lebe«, flüsterte er. Der Ochse und Gelbzahn waren tot. Ihre schlaffen Leiber lagen auf verrottenden Blättern. Cian stand auf, wankte und betrachtete sie. Weiße Augen starrten ins Nichts. Blut befleckte den Boden. Nicht nur Blut. Alle Körperöffnungen hatten ihren Inhalt freigegeben und der Gestank war unbeschreiblich. Cian würgte trocken und stolperte von der Lichtung. In die Richtung, aus der er gekommen war. In der der Pfad lag und seine Kleidung.
Und der graue Wolf. Der sich in einen Mann verwandelt hatte. Struppige schwarze Haare hingen über den gigantischen Rücken des Riesen. Cian zögerte, als er ihn hinter den Baumstämmen erblickte. Ein Riese, der auf dem Boden hockte und die Kilts der Sutherlands durchwühlte. Die Kilts in MacGregor-Farben. Was war hier los?
Cian ballte die Fäuste. Sie waren kalt und nass. Eisige Luft quälte seine nackte Haut.
Es wäre klüger, stehenzubleiben. Zu warten, bis der vernarbte Wolf mit seiner Plünderung fertig war und ging. Als Mann waren seine Narben noch grauenerregender. Sie zogen sich über das halbe Gesicht. Tiefe Schnitte verunstalteten Lippen und Nase und ein Ohr fehlte. Da er nackt war, konnte Cian alles sehen. Die unregelmäßigen Schnittnarben auf dem Rücken und die Brandnarben auf der Vorderseite. Was war mit dem armen Mann geschehen?
Der Mann richtete sich auf und Cian sah noch mehr. Mehr als er geglaubt hatte, dass möglich sei. Zwischen den Schenkeln des Riesen baumelte das größte Gemächt, das er je erblickt hatte. Er schluckte. Versuchte, den Blick von der fleischigen Masse abzuwenden, aber es ging nicht. Beschämt spürte er, dass seine eigene Rute prall wurde.
Jaxson, dachte er verzweifelt, aber es half nicht. Er spürte den Riesen. Als würde ein Abbild seines Geistes in Cians Körper fahren.
Wie groß die Rute des Grauen wohl war, wenn er erregt war? Cian schockierte sich selbst mit dem Gedanken.
Sei froh, dass er kein Interesse an dir gezeigt hat, dachte er. Das hättest du nicht überlebt.
Der Riese erhob sich, schnupperte und wandte den Kopf. Und in diesem Moment wurde Cian klar, wen er vor sich hatte.
»Was willst du?«, fragte das Tier.
3. Logan
Der Junge verharrte. Hinter den dichten Büschen sah Logan nur wenige helle Flecken. Milchweiße Haut und goldblonde Locken. Ängstliche, feuchte Augen, umgeben von dichten Wimpern. Der Geruch der Angst wehte zu ihm herüber. Fast unriechbar, in der schwachen Brise voll Moder und Borke.
Logan wandte sich ab, klaubte seinen Kilt vom Boden auf und band ihn sich um. Er hatte sich hier verwandelt, hatte alles abgestreift und war den beiden Mistkerlen gefolgt. Er war nicht sicher gewesen. Sie hatten gerochen wie Sutherlands, waren aber gekleidet gewesen wie Mac Gregors, also hatte er abgewartet. Bis sie sich verraten hatten. Bis sie versucht hatten, den Jungen zu schänden und enthüllt hatten, dass sie zu dem Clan gehörten, den Logan jagte.
Flüchtig fragte er sich, wer der Kleine war. Warum die Mistkerle ihn dabei gehabt hatten und warum sie die falschen Kilts trugen. Aber es war unwichtig. Er jagte Sutherlands. Er tötete sie. Das war alles, was zählte. Der Kleine war kein Sutherland, also war er bedeutungslos.
»Du wirst mir nichts tun, richtig?« Die Stimme des Jungen war rau, und gleichzeitig süß wie Honig. »D-du wirst nicht das versuchen, was sie versucht haben, oder?«
Logan knurrte abfällig. Als ob er Jung-Omegas schänden würde. Als ob er wie diese Dreckskerle wäre.
Der Junge, offenbar ermutigt, trat vor. Ein Sonnenstrahl traf auf nackte Haut und Logan verharrte in der Bewegung. Seine Kehle zog sich zusammen.
Das Schönste, das er je gesehen hatte, stand vor ihm. Er hatte nicht auf den Jungen geachtet, als er den dreien gefolgt war. Als Einziger roch er nicht nach Sutherland. Aber nun, da die Jagd vorbei war, konnte Logan ihn nicht mehr ignorieren.
Zarte Haut, weiß wie frische Sahne. Glieder, schlank wie die eines Rehs, schmale Hüften und goldblondes Haar, das dem Jungen in großen Locken über die Augen fiel. Augen, grün wie dunkles Moos und schräg wie die eines Luchses. Und ein Mund. Ein Mund, der nicht sein durfte. Nichts konnte so prall sein wie die glänzenden Lippen, nichts so verführerisch, kein Schwung so sündig wie die Linie zwischen den weichen Bögen. Wie eine Woge hob sich die Oberlippe, wölbte sich schmollend über ihr schmaleres Gegenstück, zog Logans Blick an wie ein Magnet.
»Wer bist du?«, fragten diese Lippen.
Bei den Hinterpfoten des weißen Wolfs, dachte Logan. Das darf nicht wahr sein.
Wie konnte der Mond es zulassen, dass so ein Geschöpf frei herumlief? Wie konnte er Logan so eine Versuchung vor die Füße spülen? Logan, der selbst für die abgewrackteste Nutte noch zu hässlich war?
Ihm wurde bewusst, dass er die Erscheinung anstarrte. Stumm und verdattert wie ein Jungwolf.
Du Vollidiot, dachte er. Du weißt, wer du bist. Das Tier. Das Monster, das diesen Wald bewacht. Hör auf, dich wie ein Kalb im Frühling aufzuführen.
Vermutlich wirkte sein erstauntes Starren ohnehin wie eine Drohung, bei seinem Gesicht.
»Wer bist du?«, knurrte Logan. Seine Stimme klang ungelenk und eckig. Es war lange her, dass er sie benutzt hatte. Der letzte Mann, mit dem er gesprochen hatte, war die verräterische Nutte gewesen. »Warum warst du mit den Sutherlands unterwegs?«
»Ich w-wusste nicht, dass sie Sutherlands sind.« Die Erscheinung zitterte. »Ich dachte, Jaxson hätte sie geschickt. Jaxson MacGregor. Sie tragen seine Farben.«
Logan sah auf die abgelegten Kilts hinab. Er nickte. »Ja. Zieh dich wieder an und geh.«
»Was?«
»Hörst du schlecht? Hau ab.«
Die Augen des Jungen fuhren über die umliegenden Bäume und quollen über. Tränen tropften über bartlose Wangen. »Ich weiß den Weg nicht. Ich weiß nicht, wie – wie ich zurück auf den Pfad gelange. Ich bin gelaufen, als sie – als sie mich –« Er schniefte. Flehend sah er Logan an. »Du wirst es nicht tun, oder? Du willst mich wirklich nicht schänden?«
Logans Finger zuckten vor Verlangen, über die weiße Haut zu fahren. Zu spüren, ob sie so samtig war, wie sie aussah. Seine Rute drohte, den Kilt zu heben, und sein Hals wurde eng.
»Du stinkst nach Pisse«, knurrte er.
Die Wangen des Blonden färbten sich rosa. Er hatte kein Recht, hier zu sein. So entzückend zu sein, in diesem düsteren Wald, der getränkt war mit dem Blut unzähliger Schlachten, der Wald, der die Wurzeln durch so viele Leichen geschlungen hatte.
»I-ich hatte Angst«, sagte der Junge und sah auf seine feuchten Schenkel. »Ich wollte, also, es ist halt passiert. Sie wollten mich –« Sein Kehlkopf hüpfte. »Hast du es gesehen? Als ich –«
»Als du den Sutherland vollgepisst hast?« Logan hätte beinahe gelacht. »Ja. Sei froh, dass du es getan hast. Sonst hättest du nicht abhauen können.«
»Hat nicht lange funktioniert«, murmelte der Kleine. »Hättest du mich nicht gerettet –«
Logan stockte. »Ich hab dich nicht gerettet, du dämliche Pissnelke. Ich habe zwei Sutherlands umgebracht. Du bist mir egal.«
»Oh.« Der Junge atmete tief ein. Der blöde Sonnenstrahl tanzte über seine Locken und ließ sie wie Gold erscheinen. »Trotzdem. Ich verdanke dir mein Leben.«
Logan zuckte mit den Achseln und wandte sich ab. »Gern geschehen.« Er marschierte durch ein Büschel Farne. Außer Sicht. Weg von diesem goldenen Knaben, der nicht in den Wald gehörte und der hier wie durch ein Wunder mehrere Stunden überlebt hatte.
Dachte Logan zumindest. Er war kaum ein paar Meter weit gekommen, als er Schritte hinter sich hörte.
»Warte«, rief der Junge. Er hatte seine Kleidung aufgehoben, war aber immer noch nackt. Sein halbsteifer Pimmel hüpfte auf und ab, als er Logan hinterherrannte. Logan fragte sich, was an dieser ganzen Angelegenheit den Kleinen erregte. Nun, er war jung. Vermutlich hatte er eine Wurzel gesehen, die ihn entfernt an eine harte Rute erinnerte.
»Was willst du?«, fragte Logan und ging weiter.
»Zeig mir den Weg«, bat der Goldjunge.
»Da hinten.« Logan deutete mit dem Finger in die Richtung, in der der Pfad lag. Aber der Goldene war nicht zufrieden.
»Bring mich hin«, baten die sündigen Lippen. Die Katzenaugen flehten. »Bitte. Kannst du mich nicht den ganzen Weg zurück begleiten? Bis zum Kloster?«
»Nein.« Logan wandte sich ab.
»Tier«, sagte der Junge und klang ziemlich herrisch für einen, der nackt und bepisst durch den Wald stolperte. »Ich bin Cian MacKay. Der zukünftige erste Omega des MacGregor-Rudels. Ich verlange, dass du –«
Logan fuhr herum und packte die Kehle des Jungen. Drängte ihn gegen einen Baum und kam ihm so nahe, dass er den hektischen Atem auf seinen vernarbten Lippen spürte. Süß und feucht. Panik schwamm in den Augen des Goldenen.
»Du verlangst gar nichts, Kleiner«, knurrte Logan. »Nicht von mir. Weißt du, wer ich bin?«
»D-das Tier«, flüsterte der Junge. Cian MacKay. »Du bist das Tier, das in diesem Wald lebt, nicht wahr? Die beiden – die Sutherlands haben von dir gesprochen.«
»Und ich wette, sie hatten Angst.« Logan grinste freudlos. »Sehe ich aus wie einer, der Befehle entgegen nimmt?«
»N-nein.«
»Genau. Und erst recht nicht von kleinen Jungs.« Logan ließ los, wandte sich ab und stapfte davon. Hinter sich hörte er ein dumpfes Geräusch. Der Junge musste zu Boden gesunken sein.
»Ich flehe dich an«, rief der Goldene. »Bitte bring mich zurück!«
Logan ging weiter. Etwas zerrte an ihm. In ihm. Eine kleine Stimme aus der Vergangenheit, die meinte, er sei immer noch ein Teil seines Rudels. Aber das war er nicht. Also ging er weiter. Vorbei an dunklen Stämmen, in die beginnende Dämmerung. Ein letztes Mal hörte er den Jungen hinter sich.
»Dann halt nicht, du Köter!«
Logan lachte leise. Es fühlte sich falsch an, wie der Phantomschmerz eines Körperteils, das schon lange verrottet war. Hinter ihm verklangen die Geräusche des Jungen, seine Flüche und Beschimpfungen. Herrliche Ruhe umfing Logan. Die Einsamkeit, die er kannte, die dunklen Schatten, die ihn stets begleiteten. Kühle Waldluft strich über sein juckendes Gesicht.
Der Junge würde zurechtkommen.
4. Cian
Er hasste den Wald. Hasste sämtliche Eichen, Birken und Fichten darin, alle Vögel, die über seinem Kopf kreischten und alles Getier, das raschelnd durch das Unterholz schlich. Und er hasste den Pfad, den er schnell wiedergefunden hatte. So schnell, dass es überhaupt keine Mühe bereitet hätte, ihn dorthin zu bringen. Oder ein wenig weiter.
»Dieser Kerl war ein unhöflicher Klotz«, erklärte er dem dichten Gestrüpp am Wegesrand. Sein Nacken brannte, da, wo der Ochse ihn gebissen hatte. Die Muskeln in seinen Beinen brannten. Seine Fersen brannten. Er stolperte über einen kantigen Stein unter den Blättern und jaulte auf. Schriller Schmerz zuckte durch seinen großen Zeh. »Verdammt!«
Das war nur die Schuld des Tiers. Wenn der ihn sicher zurück zum Kloster begleitet hätte – Cian seufzte. Nein, war es nicht. Und immerhin hatte der Kerl ihn gerettet. Unabsichtlich, aber es war eine unbestreitbare Tatsache. So wie die Tatsache, dass es dunkel wurde. Dass aus langen, blauen Schatten längst graue Dämmerung geworden war und der Weg immer schlechter zu erkennen. Die Finsternis hinter den Baumstämmen kroch über den Pfad und hüllte alles in Dunkelheit.
Cian hielt an. Kälte schlängelte sich über seine Haut, drang unter die Kleidung. Den viel zu dünnen Stoff. Er hatte den Umhang nicht mehr gefunden, den er bei der Flucht verloren hatte. Er hätte einen der Umhänge mitnehmen sollen, den die Sutherlands getragen hatten. Sie brauchten sie nicht mehr und er fror.
Immerhin hatte er daran gedacht, sich den Wasserschlauch zu nehmen, den Gelbzahn am Gürtel getragen hatte. Er trank einen Schluck und merkte, dass der Behälter fast leer war.
Wo würde er mehr Wasser finden? Weit und breit gab es nur Dunkelheit. Und die Bäume, die links und rechts von ihm aufragten wie Monster.
Wir sind über eine Brücke gegangen, dachte er. Aber das ist Stunden her. Ich bin so durstig. Und hungrig.
Sehnsüchtig dachte er an die Abendessen im Kloster. Einfache Suppen, selten mit Fleisch, aber stets gut gewürzt. An seine karge Zelle, die doch ein Bett hatte und Zuflucht bot. An den Kräutergarten, der trotz des verregneten Sommers üppig grünte. Und an Jaxson. Der hatte mit dem Kloster nichts zu tun, Cian dachte einfach gern an ihn. Es linderte den Schmerz. Er versuchte, sich an jede dunkle Locke auf Jaxsons Kopf zu erinnern, als er weiter stolperte.
Du kannst nicht schnell genug volljährig werden, hatte Jaxson ihm ins Ohr geflüstert, als seine Hand unter Cians Kilt gewandert war. Ich habe so viel, das ich dir zeigen will.
Cian schluckte trocken. Er hatte es geschafft, sich zu beherrschen. Sich nicht über Jaxsons Finger zu verströmen. Aber seit diesem Abend beherrschten die warmen Handflächen all seine Träume. Seit diesem Abend, an dem Jaxson ihn zu seinem Zimmer begleitet hatte und sie in dem kleinen Erker Halt gemacht hatten, um ihren ersten Kuss zu teilen, schlug sein Herz schneller. Immer, wenn er sich daran erinnerte, wie Jaxson roch. Nach Kaminasche und Hirschbraten. Seine Lippen schmeckten nach Pilzsoße. Cian war so hungrig.
Es war kurz nach dem Abendessen gewesen, als ihre Münder sich in der Dunkelheit gefunden hatten. Als Jaxsons Zunge sich zwischen Cians Zähne gedrängt hatte und er dessen Härte durch ihre Kilts gespürt hatte. Sie war ihm riesig vorgekommen. Ja, er hatte sich gefragt, wie Jaxson es schaffen wollte, in ihn einzudringen, wenn sie sich endlich verbanden. Wenn er endlich volljährig war.
Und nun war er es und war immer noch unberührt. Seinen Geburtstag hatte er im Kloster verbracht, verborgen vor der Welt. Vor den Sutherlands, die in seinem Rudel gewütet hatten. Wie viele seiner Verwandten wohl noch lebten? Der Bote, den sein Erzeuger geschickt hatte, hatte es ihm nicht sagen können.
Er dachte an Myles, Fraser und Hugo. Die Alphas, die sich gern bei ihnen herumgetrieben hatten, die mit den Omegas gescherzt und gelacht hatten. An seinen Bruder Connor, der vor dem Omegaturm auf seinen Gefährten wartete, einen Strauß Wiesenblumen in der Hand. An Caelan, der den Großteil seiner Zeit auf dem Übungsplatz verbrachte und den Rest im Wald. Oft hatte er sogar dort geschlafen. Unter den Alphas galt es als Mutprobe, möglichst viel Zeit außerhalb der Burgmauern zu verbringen.
»Ich wünschte, ich wäre ein Alpha«, murmelte Cian. Dann müsste er sich jetzt nicht so fühlen. So hilflos und zerbrechlich. Jedes Kaninchen im Unterholz war stärker als er. Oder kannte sich in diesem blöden Wald wenigstens aus. Der Mond blitzte nur selten aus dem dichten Blätterdach und Cians Zähne klapperten. Was für ein beschissener Sommer. Er stolperte erneut, fiel der Länge nach hin und landete ihn etwas Weichem. Matsch und Moder drangen durch seine dünnen Kleider.
»Mist«, rief er.
Ein Kreischen erklang über ihm. Flügel flatterten. Ihm wurde kalt. Jede Gruselgeschichte, die er je gehört hatte, drang in seinen Schädel und lief dort Amok. Geschichten von geflügelten Monstern, die allein reisende Männer verspeisten. Von den Ghoulen, die unter der Erde lebten und auf Schritte lauerten. Omegas, die noch unschuldig waren, fraßen sie angeblich nicht. Aber das konnte eine dieser Schauergeschichten sein, die Omegas dazu bringen sollten, rein und keusch zu bleiben.
»Vermutlich fressen Ghoule alles, was ihnen zwischen die Hauer kommt«, murmelte Cian und schauderte.
Er erhob sich ächzend und versuchte, den Schlamm von seiner Vorderseite zu wischen. Der Gestank war entsetzlich. Aber er hatte schon vorher nicht gut gerochen. Hitze stieg in seine Wangen, als er daran dachte, was dieses blöde Tier gesagt hatte. Nun, immerhin hatte der Geruch ihn davon abgehalten, Cian zu schänden. Das war es gewesen, oder?
Natürlich war es das, dachte er.




