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Als ob das Tier einen Funken Anstand gehabt hätte. Der hatte genauso respektlos mit ihm gesprochen wie die beiden falschen MacGregors. Das Tier hatte es sogar gewagt, ihn gegen einen Baum zu drängen und seine Kehle zu packen. Ekelhaft.
Seltsam, dass dieser Moment die entgegengesetzte Wirkung gehabt hatte, die er hätte haben sollen. Gut, Cian hatte sich gefürchtet. So sehr, dass er Angst gehabt hatte, dass sein Brustkorb platzen würde. Aber etwas anderes war geschehen. Seine Rute hatte sich mit Blut gefüllt und aufgerichtet. Sein ganzer Unterleib hatte gekribbelt. Aus Angst, dass das Tier etwas merken könnte, hatte Cian sich gleich zu Boden sinken lassen, als er ihn endlich losgelassen hatte. Doch der Dreckskerl hatte sich nicht mal umgedreht. Sein breiter Rücken war zwischen den Bäumen verschwunden und nun war Cian allein.
Es hatte keinen Sinn. Er konnte die Hand vor Augen nicht mehr sehen. Wenn er weiterginge, würde er nur wieder stolpern. Wenn er Pech hätte, würde er sich den Schädel dabei anschlagen und der Mond wusste, wann hier jemand vorbeikam, um ihm zu helfen. Seit Stunden hatte er niemanden mehr getroffen. Niemand wusste, dass er hier war. Die Mönche dachten, er wäre auf dem Weg zu Jaxson und Jaxson – Hatte der jemand geschickt, um ihn zu holen? Wusste er überhaupt, wo Cian war? Hatten die Sutherlands Jaxsons Männer überfallen?
Zitternd vor Kälte sah Cian sich nach einem geeigneten Schlafplatz um. Schwer, in der Dunkelheit. Er betastete den nächsten Strauch und erwischte Dornen. Fluchend zog er die Finger zurück.
Wo schlief man im Wald? Schließlich rollte er sich einfach in der Mitte des Weges zusammen. Da, wo der Boden am trockensten war. Da, wo die toten Blätter ihn ein wenig vor der Kälte schützten, vor dem eisigen Boden, dessen frostige Finger bis auf seine Knochen drangen.
Wenn jemand vorbeikommt, wird er mich finden, dachte Cian. Und mir helfen, zurück ins Kloster zu kommen.
Er stellte sich vor, dass es ein freundlicher Mensch sein würde, der Wasser dabei hatte. Und frisches Brot. Und der ihm helfen würde, zu verstehen, warum die Sutherlands sich als MacGregors ausgaben. Ach, warum sollte es nicht gleich Jaxson selbst sein, der sich zu ihm hinunterbeugte und ihm Zärtlichkeiten ins Ohr flüsterte? Der ihn umarmte, um die Kälte zu vertreiben. Der seine harte Rute an ihn presste, die zwar nicht so groß wie die des Tiers war, aber – Warum dachte er jetzt an den Mistkerl?
»Ich hoffe, ich sehe ihn nie wieder«, flüsterte Cian, die Wange in knisternde Blätter gepresst.
Angst flatterte in seinem Bauch, als er daran dachte, dass das Tier irgendwo durch diese Wälder schlich. Leise und tödlich. Bestimmt konnte er im Dunkel sehen. Was, wenn er es sich anders überlegte und Cian gefolgt war? Wenn seine rauen Krallen über Cians Schenkel streichen würden und – Cian schluckte. Zwischen seinen Schenkeln zuckte es. Sein Schwanz kribbelte, wenn er an die Berührung des Tiers dachte.
Nein, dachte er. Hör auf, du blödes Stück. Wenn der Mistkerl mich anfassen würde, würde ich mich nur fürchten. Ich hätte furchtbare Angst. Ich HABE furchtbare Angst. Nicht nur, dass ich allein im Wald bin, es ist auch kalt und –
Er lauschte angestrengt. Der Wald bei Nacht war lauter als er geglaubt hatte. Eulen schrien. Überall raschelte es. Er schluckte trocken. Vielleicht doch lieber an etwas Angenehmes danken. Nur zur Ablenkung. Zum Beispiel an Jaxson, der ihn zu einem Badezuber trug. Ein Zuber, gefüllt mit dampfendem Wasser, auf dem duftende Kräuter trieben. In Cians Fantasie waren sie beide nackt und endlich verbunden. Für immer.
Jaxson würde ihn in das Wasser lassen und ihm den Gestank des Waldes vom Leib waschen, mit sanften Fingern. Er würde Cian ins Ohr flüstern, dass das alles nur ein furchtbarer Traum gewesen war. Er war nie vor den Sutherlands geflüchtet und hatte nie eine Nacht auf dem kalten Waldboden verbringen müssen.
Cians Rechte fuhr zwischen seine Schenkel. Er biss die Zähne zusammen, als kalte Nachtluft an seine Haut drang. Aber er musste sich ablenken. Langsam umfassten seine Finger den prallen Schwanz und rieben darüber. Nur ein wenig. Genug, um die Panik zu vertreiben, die sich in ihm breitmachen wollte.
Jaxson, dachte er. Er würde mit nassen Fingern durch meine Haare fahren und mich küssen und ich würde den Kopf in den Nacken legen und – und die Schenkel für ihn öffnen. Ich würde endlich erkennen, dass er mein Gefährte ist. Ich würde das Zeichen bekommen, wenn wir uns lieben. Bestimmt.
Es waren die Omegas, die ihre Alpha-Gefährten erkannten. An einem Zeichen, das bei jedem anders war, also konnte niemand Cian sagen, was es war. Aber Jaxson war sein Gefährte. Bestimmt. Wenn sie sich liebten, würde er es wissen.
Wenn wir uns lieben, wird es so schön, dachte er und rieb sich fester. So schön und ich werde das Zeichen erkennen. Vielleicht kann ich mehr Farben sehen, wenn wir es endlich tun. Oder mehr schmecken. Oder seine Gedanken lesen? Auf jeden Fall wird es wundervoll.
Es war schwer, nicht zu weit zu gehen. Aber Cian hatte sich im Griff. Immer, wenn das Drängen in seinen Lenden zu mächtig wurde, öffnete er die Faust und ließ die Kälte an seine Haut. Er seufzte leise. Rein und unschuldig musste er bleiben, bis er sich mit Jaxson verband. Nicht ganz so unschuldig, wie er es war. Doch er fürchtete sich. Vor dem Kontrollverlust, wenn er nicht aufhörte. Wenn er sich einmal bis zum Höhepunkt wichste, würde er nicht mehr damit aufhören können, richtig? Und dann wäre es nicht mehr weit, bis er sich dem nächstbesten Alpha an den Hals warf, oder gleich mehreren. Oder? Er war kurz davor, es trotzdem zu wagen, als die Müdigkeit ihn übermannte. Die Hand um sein bestes Stück geschlossen, schlief er ein.
***
Jaxson rieb mit einem weichen Lappen über Cians Rücken. Warmes Wasser lief über seine erhitzte Haut, zurück in den Zuber. Die Luft war feucht und schwer und duftete nach Lavendel. Jaxson saß hinter ihm und Cian spürte seine heiße Brust an der Wirbelsäule. Stöhnend lehnte er sich zurück.
»Das tut so gut«, murmelte er. »Das muss ein Traum sein.«
»Ist es auch«, flüsterte Jaxson in sein Ohr.
»Schade.« Cian wandte den Kopf und sah zu ihm hoch. »Aber es ist ein guter Traum.«
»Das finde ich auch«, sagte Jaxson. Weiße Zähne blitzten und Cians Magen kribbelte. »Ein ganz wunderbarer.«
»Es ist ein dummer Scheißtraum«, knurrte das Tier.
Was? Cian fuhr herum. Breitbeinig und scheußlich stand das Tier vor dem Zuber. Sein dreckiger Kilt spannte über mächtigen, haarigen Schenkeln. Der Kerl war so riesig, dass sein Kopf gegen die Decke stieß und sein Schatten über Cian fiel. Kalte Augen starrten auf ihn nieder. Alle Narben des Tiers waren zu frischen Wunden geworden und Blut strömte über sein Gesicht, tränkte seinen bloßen Oberkörper.
»Was tust du hier?«, fragte Cian. Das Wasser im Zuber schwappte. Er roch vermodernde Blätter.
Statt einer Antwort hob das Tier seinen Kilt. Seine fleischige Rute war noch riesiger geworden, lag wie ein Rammbock in den rauen Pranken.
»Lass das!«, fauchte Cian. »Was tust du in meinem Traum?«
Das Tier zuckte mit den Achseln. »Du konntest nicht aufhören, an meinen Prügel zu denken, also sind wir hier.«
»Konnte ich wohl!«, rief Cian. »Das hat nichts zu bedeuten. Was tust du?!«
Ein gelber Strahl schoss aus dem Schlitz in der Eichel. Urin plätscherte in den Zuber, in dem Cian saß. Der fuhr hoch.
»Hör auf, in mein Badewasser zu pissen!«, brüllte er und fuhr herum. »Jaxson! Sag ihm, dass er aufhören soll!«
Doch Jaxson war verschwunden. Und der Zuber auch. Hinter ihm war der dunkle Wald. Die Bäume ragten noch höher auf, der Mond war noch ferner. Und Cian war winzig. Auf einem trockenen Blatt sitzend, das von Rissen durchsetzt war, starrte er zu dem Tier auf, das den Mond verdunkelte. Das seine Rute rieb, bis sie über ihm aufragte wie ein Baumstamm. Angst schoss in Cians Bauch.
»Bitte«, flüsterte er.
»Bitte was?«, grollte das Tier.
»Bitte«, Cian breitete die Arme aus, »komm her. Ich brauche dich.«
Stumm sank das Tier auf die Knie. Es schien zu schrumpfen. Oder wuchs Cian? Raue Pranken packten seine Wangen. Raubtieraugen funkelten, direkt vor ihm. Die Angst raubte ihm den Atem. Oder war es etwas anderes? Bebend hob er eine Hand. Strich über die klaffenden Wunden. Fühlte heisses Blut über seine Finger strömen.
»Sie haben dich getötet«, sagte er und das Tier nickte. Cian schnupperte, roch ihn. Eisen und Erde. Dunkle Erde, schwer, als würde sie ein Grab bedecken. »Deshalb kannst du ohne Rudel überleben. Du lebst gar nicht. Du bist tot.«
»Ja.« Das Tier regte sich nicht. Wie eine Statue kniete es über ihm, die behaarten Beine links und rechts von Cians zitternden Schenkeln. »Ich bin tot. Aber ich kann dir helfen, am Leben zu bleiben.«
»Du wolltest mich nicht einmal zurück auf den Weg bringen«, flüsterte Cian. »Du hilfst mir nicht.«
»Kleiner.« Das Tier klang, als würde es direkt aus dem Totenreich zu ihm sprechen. »Das hier ist ein Traum. Ich kann alles tun, das du willst.«
»Ich wollte nicht, dass du mir ins Badewasser pisst«, knurrte Cian. »Das warst ganz allein du.«
Das Blut lief schneller aus den Wunden. Es glänzte im schwachen Schein des Mondlichts. »Ich mochte es nicht, dass du mit dem Schönling gebadet hast.«
»Er ist mein Gefährte«, sagte Cian.
»Er ist ein Schönling.«
»Nein, er ist einfach schön.« Cians Kehle schnürte sich zu. Er versuchte zu schlucken, aber es ging nicht. »Und du bist ein Mistkerl. Ein Mörder. Du hast die Sutherlands getötet.«
»Ja, das habe ich.« Blut rann über Cians Hand, die immer noch auf der stoppeligen Wange des Tiers lag. »In Wahrheit bin ich ein Monster. Aber hier bin ich alles, was du dir vorstellst. Du hast die Kontrolle.«
Cian fühlte sich nicht, als hätte er irgendetwas unter Kontrolle. Sein Körper bebte, sein Magen flatterte und da, wo die nackten Beine des Tiers seine berührten, kribbelte alles. Furcht rann durch seine Adern. »D-dann hör auf zu bluten. Deine Wunden sind längst verheilt.«
Der warme Strom auf seinen Fingern versiegte. Schnitte verschlossen sich, wurden zu Fleischwulsten.
»Besser«, murmelte Cian. »Und jetzt komm her, Tier.«
Zitternd lehnte er sich zurück. Sein Körper war eine einzige Schwachstelle, jeder Muskel kurz davor, aufzugeben. Aber seine Rute war hart. Wie ein Dorn stand sie von seinem Körper ab, pochend und sehnend. Sie stach in den Bauch des Tiers, als es sich über Cian beugte. Als vernarbte Lippen sich öffneten und Raubtierzähne freilegten.
»Du kannst es kaum erwarten, was?« Das Tier leckte sich über die Lippen.
Cian konnte es nicht verneinen. Hilflos bebend lag er unter dem Tier. Spürte die Blätter in seinem Rücken, roch alte Erde im kalten Wind und konnte doch nichts anderes anstarren als den Mund des Biests. »Halt die Klappe«, krächzte er. »Ich habe die Kontrolle, nicht du.«
Das Tier verharrte. Abwartend sah es Cian an. Der bockte aufwärts, rieb sein Becken über die harten Muskeln des Tiers.
»Küss mich endlich«, stöhnte er. Er legte den Kopf in den Nacken, krallte die Finger in die steinharten Arme des Tiers und schlang die Beine um dessen Hüften. Das Rauschen in seinem Körper wurde lauter. Drängender. Er war fast soweit. »Schnell.«
Trockene Lippen senkten sich auf seine. Rissig strichen sie über seine Haut. Cian jaulte.
Mehr, dachte er, denn seine Stimme versagte. Mehr.
Die fleischige Zunge des Raubtiers drang in seinen Mund. Er spürte ihre glatte Unterseite, ihre Stärke, schmeckte Salz und Zimt. Aufschreiend schlug er die Krallen in den Nacken des Tiers, küsste ihn zurück, mit aller Kraft. Bäumte sich auf und rieb sich an dem Tier, dem Himmel entgegen. Zuckend verglühte die Nacht, spülte die Erlösung ihn den Sternen entgegen. Er verströmte sich unkontrolliert, beschoss das Tier mit seinem Samen und brüllte seinen Namen in dessen Mund.
Logan.
Als sie sich voneinander lösten, weinte Cian. Die Schluchzer schüttelten seinen Körper und verengten seinen Hals. »Es tut mir leid«, schniefte er. »Es tut mir so leid, Jaxson!«
Denn es war nicht mehr das Tier, das über ihm aufragte. Es war Jaxson. Dessen braune Augen sahen auf ihn hinunter, drangen bis tief in seine Brust.
»Verräter«, hauchte Jaxson. »Unreines Stück.«
Angewidert erhob er sich. Er trug seine offizielle Kleidung, den MacGregor-Tartan, und hielt sein Schwert in der Hand. Cian versuchte, sich hochzustemmen, aber er war zu schwach. Zu nackt und erbärmlich. Und er stank.
Das Metall der Klinge wirkte schwarz, als Jaxson die Schwerthand hob. »Verräter«, zischte er. »Ich wollte dich zu meinem Partner machen. Ich wollte, dass du an meiner Seite bist. Mein Omega.« Seine Züge verzerrten sich, wurden scharfkantig wie Messer. »Ich muss dich bestrafen, Cian.«
»Ja«, schluchzte Cian. »Es tut mir leid. Es tut mir so leid, Jaxson. Ich bin deiner unwürdig. Ich bin eine Scheußlichkeit, ein Stück Dreck, ein«, er schluckte, »ekelhaftes Vieh. Ich verdiene dich nicht.«
Jaxson nickte. Dann hob er das Schwert. Schatten krochen über die Klinge. Der Wald zog sich um sie herum zusammen und Cian schrie.
»Nein!«
Das Schwert bohrte sich in seinen Bauch. Blut floss über die harten Muskeln, über die hässlichen Brandnarben, über seinen gigantischen Prügel. Schreiend sah er auf seine Hände, aber es waren nicht länger seine. Es waren die Pranken eines Tiers.
***
»Nein!« Cian fuhr hoch. Und stöhnte. Sein Körper war steifgefroren und fühlte sich an, als würde er bei jeder Bewegung splittern. Leises Wimmern kroch durch die Dämmerung. Sein Wimmern. Sein Körper, in dem er immer noch steckte, fror. Cian sah sich um.
Der Waldweg war leer. Nebel verdeckte alles, das mehr als ein paar Schritt weit entfernt war. Dornen und krallenartige Zweige stachen aus dem Grau. Kälte kroch über Cians Haut. Es war Morgen.
Er unterdrückte ein Schluchzen. Niemand war gekommen, um ihm zu helfen. Niemand hatte ihn gefunden. Er fror so sehr, dass er glaubte, nie wieder warm zu werden. Seine Zunge klebte am Gaumen, ihm war schwindlig vor Durst und die verkrustete Wunde in seinem Nacken brannte. Tau und Regen durchnässten seine Kleidung. Samen rann seinen Oberschenkel hinab und erinnerte ihn an den grauenvollen Alptraum der letzten Nacht. Sein ganzer Körper schmerzte und seine Blase drückte. Er hatte Hunger. Er stank.
»So ein Mist«, murmelte er und hustete. Hoffentlich hatte er sich in diesem höllischen Wald keine Lungenentzündung geholt. Die konnten nicht einmal die Mönche mit all ihrem Wissen über Kräuter kurieren. Er sah sich um, lauschte. Aber keine Schritte waren zu hören. Bei seinem Glück hätten die auch nur zu weiteren Sutherlands gehört.
Die Sutherlands. Immer wieder kehrten sie in sein Gehirn zurück, während er den Kilt hob und sich wie ein Tier am Wegesrand erleichterte. Warum hatten sie ihn mitgenommen? Was hatten sie mit ihm gewollt? Hatte Jaxson wirklich nach ihm geschickt? Wussten die Sutherlands, dass er Jaxson versprochen war? Hatten sie versucht, die Verbindung zu verhindern? Die Allianz zwischen den MacKays und den MacGregors war alt und stark. Cians und Jaxsons Verbindung war nur ein weiterer Stein, der die Burgmauer verstärkte. Allerdings ein großer. Sein Erzeuger war sehr glücklich gewesen, als Jaxson um Cians Hand gebeten hatte.
Das habe ich gehofft, hatte er gesagt.
Hatte er Cian zu den MacGregors mitgenommen, damit der sich in Jaxson verlieben würde? Oder Jaxson in ihn? Natürlich hatten sein Vater und sein Erzeuger ihm vorher erklärt, dass Jaxson MacGregor eine gute Partie war. Aber die Wahl war Cians gewesen. Und dann wieder nicht. Sein Herz hatte schon kapituliert, als Jaxson ihm das erste Lächeln geschenkt hatte.
Gut gemacht, Sohn, hatte sein Erzeuger Cian zugeflüstert, als sie abends beim Bankett zusammengesessen hatten. Ich wusste, dass du diese Beute erlegen würdest.
Sein Vater, sanfter Omega, der er war, hätte das ganz anders ausgedrückt als sein Erzeuger. Aber Cian hatte stolz gelächelt. Lob von seinem Erzeuger war so selten wie ein regenloser Tag im November.
Ich weiß gar nicht, wie ich das den anderen beibringen soll, hatte Fraser gesagt. Der Alpha war Teil der Gesellschaft gewesen, mit der sie die MacGregors besucht hatten. Cian, dir ist klar, wie viele Herzen du mit deiner Verbindung brichst, oder? Jeder Alpha auf Burg MacKay ist in dich verliebt, mein Schöner. Ich auch. Fraser hatte die Hand aufs Herz gelegt und so getan, als wäre er den Tränen nah.
Cians Wangen waren heiß geworden. Hör auf, mir zu schmeicheln, hatte er gesagt. Ich bin ein vergebener Mann.
Fraser hatte gelacht.
Cians Herz trauerte, wenn er an diese Zeit zurückdachte. Hatte Fraser überlebt? Was war mit seinen Omega-Brüdern? Und was zum Halbmond hatten diese Sutherlands mit ihm gewollt?
Kälte kroch in seinen Magen. War es eine Racheaktion gewesen? Hatten die Sutherlands in ihrer Wut über die Niederlage beschlossen, den ältesten Omega der MacKays zu schänden? Oder den zukünftigen ersten Omega der MacGregors? Jaxson würde ihn nicht mehr wollen, wenn er nicht mehr unschuldig war. Die MacGregors waren sehr strikt, so viel wusste Cian. Aber nicht viel mehr. Er brauchte Informationen.
Zehn Tage, dachte er. In zehn Tagen wäre ich bei Jaxson, das haben die beiden gesagt. Er könnte mir erklären, was hier vor sich geht. Er würde mich beschützen. Er liebt mich. Sicher hat er auf mich gewartet, während all dieser furchtbaren Kämpfe. Sicher hat er sich ebenso nach mir verzehrt wie ich mich nach ihm.
Aber zehn Tage auf diesem Weg? Weiter durch den Wald stolpern, über die Highlands, durch noch mehr eisige Nächte? Das würde er nicht überleben. Er würde verdursten. Und so ungern er es sich eingestand, er wäre leichte Beute für jeden, der vorbeikam. Was, wenn er endlich jemand traf und der ihm gar nicht half? Wenn er stattdessen zu Ende brachte, was die beiden Sutherlands angefangen hatten? Jaxson würde ihn nicht mehr wollen.
Cian zitterte, noch mehr als vorher. Nein, er war nicht stark genug. Resigniert strich er seinen Kilt glatt, straffte die Schultern und setzte sich in Bewegung. Nur noch wenige Stunden bis zum Kloster. Nicht mehr allzu lange bis zur Brücke. Endlich würde er etwas trinken. Sein Mund verzehrte sich danach, befeuchtet zu werden. Ja, die Tränen drängten wieder hinaus, wenn er daran dachte, wie lange es noch dauern würde. Aber er weigerte sich, jetzt zu heulen. Er war der älteste Omega der MacKays. Außerdem konnte er es sich nicht leisten, noch mehr auszutrocknen.
Der Weg zur Brücke war länger als er ihn in Erinnerung hatte. Müde schleppte er sich vorwärts. Über Blätter und Steine, durch den dichten Nebel, der sich immer noch nicht verzog, obwohl die Sonne längst schien. Theoretisch. Sie drang nur stellenweise durch das dichte Blätterdach. Immerhin wurde es wärmer. Cian war nicht mehr durchgefroren, ihm war nur noch kühl. Die Gänsehaut verzog sich von seinen Armen, nur die bloßen Beine blieben von ihr bedeckt.
»Gleich«, sagte er sich und tätschelte den leeren Wasserschlauch an seiner Hüfte. »Gleich gibt es etwas zu trinken und dann bin ich stark genug, den Rest des Weges zu gehen. Zurück ins Kloster. Und von dort aus schicke ich eine Nachricht an Jaxson, damit er mich persönlich holt.« Seine Wangen brannten, ob dieser Worte. Jaxson hatte bestimmt Besseres zu tun als ihn holen zu kommen. Cian war nur ein Omega. Das konnte er wirklich nicht von Jaxson verlangen. »Aber ich kann ihn wenigstens darum bitten. Schließlich bin ich der Omega, den er liebt«, flüsterte er und fühlte sich gleich etwas besser.
Er hätte die Brücke beinahe nicht erkannt. Im Nebel wirkte sie wie ein krummes Tier, eine schräg zusammengezimmerte Schlange. Gestern hatte er sich davor gefürchtet, über die Planken zu gehen. Aber natürlich hatte er es Gelbzahn und dem Ochsen nicht gezeigt. Nun schenkte er dem krummen Gebilde nur einen Blick, bevor er die Böschung hinunterkletterte. Zum Wasser.
Dichter Nebel hing über dem gluckernden Bach, verwirbelte, wo das Wasser rissige Steinbrocken umspülte. Der klare Geruch ließ Cians Speichel fließen. Alle Vorsicht vergessend krabbelte er über Steine, rutschte im Schlamm aus, riss sich die Hand an einer Brombeerranke auf und kümmerte sich nicht darum. Sein Kilt flatterte, als er auf dem nackten Hintern die letzten Meter hinunter glitt.
Platsch! Seine Stiefel standen im seichten Wasser des Ufers. Kälte kroch in seine Zehen, aber auch das war egal. Wasser! Cian hockte sich hin und schöpfte es mit beiden Händen. Schlürfte und hustete, als es in seine Nase drang und trank und trank, bis er nicht mehr trinken konnte. Mittendrin holte er den Wasserschlauch raus, füllte ihn, trank ihn leer, füllte ihn wieder. Sah zu, wie sein Bauch voll und rund wurde. Und lachte.
»Wasser!«, rief er grinsend. »Danke, Mond!«
»Ja«, sagte eine Stimme vom gegenüberliegenden Ufer. »Danke, Mond.«
Cian schreckte zurück. Wasser spritzte. Nicht nur um seine Stiefel herum. Jemand kam auf ihn zu, durch den Bach. Schemen lösten sich aus der trüben Suppe vor ihm. Mehrere Schemen, deren Reißzähne größer wurden. Raubtiere. Alphas. Und sie trugen die Farben der Sutherlands.
Cian schrie.
5. Logan
Er erwachte und hatte noch schlechtere Laune als sonst. Knurrend verließ er den Felsüberhang, unter dem er geschlafen hatte, die Wolldecke in der Hand. Logan streckte sich, um die Morgenkälte aus den Knochen zu vertreiben. Nahm einen großen Schluck aus seinem Wasserschlauch. Leerte seine Blase am nächstbesten Stamm. Und packte sein Schwert.
Seine Klinge durchschnitt den Nebel. Amseln kreischten über ihm, als wollte er ihnen ans Leder und mit jedem Schritt wirbelten seine Füße graubraune Blätter auf. Erde und Staub füllten seine Nase, während er die ersten Übungen absolvierte.
Er wurde ruhiger. Machte einen Schritt nach vorn, stach einem unsichtbaren Gegner in den Bauch. Wich ihm aus, parierte einen imaginären Schlag und stach wieder zu. Es war wichtig, zu üben.
Mit einem echten Gegner wäre es einfacher gewesen. Mit Angus und Niall hatte er üben können. Damals war er besser in Form gewesen als je zuvor. Aber die beiden waren tot und er musste sich mit eingebildeten Gegnern zufriedengeben.
Er stellte sich die beiden Sutherlands von gestern vor und zerlegte sie. Dann alle anderen, der Reihe nach. Jeder, dem er die Kehle aufgeschlitzt hatte, jeder, der sein Rudel überfallen hatte. Den Mann, der ihn ins Feuer getreten hatte und den Goldenen, der sich lustvoll unter Logan wand.
Was?
Logan verharrte. Warum hatte er an den Kleinen gedacht?
Muss der verdammte Traum sein, dachte er und spuckte aus. Sein Schwanz hatte sich immer noch nicht vollends beruhigt. Er war mit dem härtesten Rammbock aufgewacht, der je morgens einen Kilt gehoben hatte. Und nur wegen dieses seltsamen Traums. Er konnte sich nicht an viel daraus erinnern. Nur daran, dass der Goldene in einem Zuber gelegen hatte. Nass und glücklich und unendlich begehrenswert. In den Armen eines anderen, was Logan so wütend gemacht hatte, dass er in ihr Badewasser geschifft hatte. Nur, um das blöde Gesicht des Jungen zu sehen.
Kalte Angst rann durch seinen Magen. Dieser Traum war anders gewesen. Viel zu echt. Er hatte den Jungen gerochen, das Salz auf seinen Lippen geschmeckt. Irgendwie war der Traum so weitergegangen, dass der Junge Logan an sich gezogen hatte. Dass weiche Finger sich auf seine blutenden Wangen gelegt hatten. Die Blutung war versiegt.
»Was war das?«, brummte er. In seinen Träumen blutete er immer. In seinen Träumen waren die Narben frische Schnitte, frische Verbrennungen. In seinen Träumen waren sie so frisch, wie sie es tief in ihm waren und nicht von außen, wo sein verdammter Körper sie längst geheilt hatte. Wo er weiter atmete, obwohl alle, für die er kämpfte, längst zu Asche und Erde geworden waren.
Aber sein Körper gab nicht auf. Der tötete, pisste, schiss und fickte weiter, als gäbe es eine Zukunft. Ficken. Gutes Stichwort. In vier Tagen war Vollmond, und bis dahin musste er in Lobdhain sein. Bei der letzten Nutte, die sein Gesicht ertrug und keine Angst vor seinem Prügel hatte.




