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In der Westschweiz gibt es wenige Familien mit so vielen Kindern. Wir waren Exoten. Empfängnisverhütung war damals noch nicht so einfach wie heute. Wir probierten es mit verzichten, Temperatur messen und den Zyklus beobachten – es brachte alles nichts. Je geschwächter ich war, umso schneller wurde ich wieder schwanger. Was war ich naiv, damals! Wenn ich merkte, dass ich wieder schwanger war, weinte ich. Als ich einem Pater mein Leid klagte, war seine Antwort: «Jedes Kind bringt Segen ins Haus.» Das sollte mein Trost sein. Vermehret euch! Die Pfarrer haben gut reden … «Lieber ein Kind auf dem Kissen als auf dem Gewissen.»
Ich war oft gestresst und überfordert. Geholfen hat mir niemand. Meine Familie war ja weit weg. Ich musste lernen, mir selber zu helfen. Ich weinte oft in meinem Leben, aber nie vor den Kindern. Mein Glück ist, dass ich eine gesunde Frau bin. Aber müde war ich trotzdem immer. Vier- oder fünfmal bekam ich von der Pro Juventute für wenige Wochen eine Familienhilfe. Einmal schenkte mir der Schweizerische Frauenbund drei Wochen Gratisferien in Gersau. Etwas erholen konnte ich mich beim Stillen. Dabei konnte ich mich hinlegen oder hinsetzen.
Elf Kinder habe ich geboren, neun leben noch. Unser sechstes Kind, der Seppli, starb mit drei Jahren an echtem Krupp. Erst mussten sie ihm einen Luftröhrenschnitt machen, und dann hatte er noch eine doppelte Lungenentzündung. Aus meinem Hochzeitskleid nähte ich für ihn das Sterbekleid. Ich hatte keine Zeit zum Trauern, hab seinen frühen Tod irgendwie überlebt. Mit der grossen Familie musste es weitergehen. Unser neuntes Kind, Alwyn, kam 1962 mit einem schweren Herzfehler auf die Welt und lebte nur dreieinhalb Monate. Er war nach seiner Geburt schon gelähmt. Diese unsicheren Monate mit dem behinderten Baby waren die schwierigsten in meinem Leben. Ich wusste nie, ob er am nächsten Morgen noch leben würde. Die beiden Buben sind auf dem Friedhof von Franex beerdigt.
Jeden Tag hatte ich elf Leute am Tisch. Nach der obligatorischen Schulzeit musste jedes der Kinder für ein Jahr zu Hause mithelfen – quasi den Knecht machen. Erst dann durften sie eine Lehre anfangen. Sie mussten auf vieles verzichten und teilen lernen. Aber das hat ihnen sicher nicht geschadet. Glücklicherweise sind alle unsere Kinder gut geraten. Und sie haben davon profitiert, dass sie zweisprachig aufgewachsen sind. Alle haben einen guten Beruf, gute Arbeit und zahlen jetzt unsere AHV. Mit den Grosskindern umfasst unsere Familie über 30 Personen.
Angefangen haben mein Mann und ich in Franex mit 16 Kühen und zehn Hektaren Land. Nach und nach gingen zwei Liegenschaften in der Umgebung ein, und Niklaus kaufte wieder Land dazu – am Schluss hatten wir 50 Hektaren mit dem Pachtland zum Bewirtschaften. Als die Kinder grösser wurden, mussten sie alle kochen lernen, denn ich war oft kurz vor zwölf noch draussen am Arbeiten mit meinem Mann. Wenigstens hatte ich keine Schwiegereltern auf dem Hof, die mich drangsalierten.
Aber es war hart, vor allem in den ersten Jahren. Die Berge habe ich grüslig vermisst. Erst nach meinem 50. Geburtstag trat ich in den Damenturnverein im nächsten Dorf ein, war während zehn Jahren und trotz Sprachschwierigkeiten sogar im Vorstand. Vorher hatte ich nie die Möglichkeit, etwas für mich zu machen. Hier draussen, weit ab vom Schuss, waren wir Selbstversorger. Wenn ich ab und zu einmal einen Grosseinkauf machen musste, fuhr ich mit dem Traktor die acht Kilometer nach Estavayer zum nächsten grossen Laden. Zu jener Zeit hatten ja wenige hier in der Gegend ein Auto, und ich fiel kaum auf. Mit 30 Jahren machte ich das Permis, den Führerschein, und so wurde vieles einfacher.
Ich war immer vollwertige Partnerin meines Mannes, aber einen Lohn bekam ich nicht. Ich hatte nie eigenes Geld. Wenn ich wieder 100 Franken zum Einkaufen brauchte, sagte mein Mann: «Schon wieder? Ich hab dir doch erst welches gegeben!»
Ich wollte einfach keine Diskussionen mehr und suchte nach einem Nebenerwerb. In einer Zeitung fand ich den Hinweis, dass Ricola Holunderblüten und verschiedene Heilpflanzen wie Schafgarben für die Zeltli-Produktion suche. So fing ich an, für Ricola kiloweise Holunderblüten von den Sträuchern in der Gegend zu sammeln, und brachte sie, grün oder getrocknet, nach Laufen ins Baselbiet. Später pflanzten wir sogar eine eigene Plantage, weitab von den Abgasen der Autobahn. Mit dem Blütengeld kaufte ich mir einen Feldstecher und einen Fotoapparat, und ich lud Niklaus sogar zu zwei Reisen nach Brasilien ein, zu unserem Sohn, der dorthin ausgewandert war. In den 30 Holunderjahren habe ich sicher für viele tausend Franken Blüten verkauft.
Ich hatte ein strenges Leben, aber ich lache gern. Ich bin eine fröhliche Natur, eine humorvolle Person und habe gelernt loszulassen. Wenn etwas zu Ende ist – tant pis! Das hat mir so vieles erleichtert. Schliesslich auch den Auszug vor zwei Jahren, weg von unserem Hof in die Seniorenresidenz nach Murten. Meinem Mann hat es fast das Herz gebrochen. Niklaus ist 89 und nicht mehr so gut zwäg. Die Folgen der Hirnhautentzündung, die er nach einem Zeckenbiss mit 80 Jahren erlitten hat, machen ihm sehr zu schaffen. Seither ist er nicht mehr der Gleiche.
Nach fast sechs Jahrzehnten nun in einer Wohnung zu leben, war schon eine Umstellung. Aber für mich ist es einfacher. Ich bin froh, einen praktischen Haushalt zu haben und wieder deutsch reden zu können. Es hat zwei, drei Frauen in der Siedlung, die kommen, umarmen mich und sagen: «Wenn wir dich nicht hätten!» Das tut mir so gut. Ich habe jetzt endlich etwas Gesellschaft und kann aus mir heraus.
Ich finde es schon etwas zu luxuriös, wie wir jetzt leben. Aber unsere Kinder sagen: «Ihr verdient es. Ihr habt genug gearbeitet. Jetzt lasst es euch gutgehen.» Den Garten vermisse ich zwar ab und zu. Aber wir sind doch immer mal wieder zu Gast auf unserem Hof in Franex, und ich habe ein paar Blumentöpfe mitgenommen und Schnittsalat darin gesät.
Und wenn ich mir jetzt noch etwas wünschen dürfte, wären es Ferien. Vielleicht auf der Rigi oder sonst auf einem Berg.
Ganz für mich allein.
Ruth
Ruth Haug-Eggenberger ist 1952 geboren und lebt in Weiningen ZH.
«Bäuerin wollte ich nicht unbedingt werden; das hat sich ergeben mit dem Mann, den ich geheiratet habe.»
So will es die Generationen-Tradition in der Familie: Vor wenigen Tagen haben sie ihren gesamten Hausrat gezügelt, von der Fünfeinhalb- in die Dreizimmerwohnung. Ruth Haug und ihr Mann Hanspeter machen ihrem Sohn Peter und seiner Familie in der geräumigeren Wohnung Platz. Die Grosseltern sind nach 30 Jahren in die Räume zurückgekehrt, in denen für Ruth Haug nach der Hochzeit das bäuerliche Leben begonnen hatte. «Kommen Sie doch bitte herauf. Sie sind unser erster Gast im neuen Zuhause.» Im Eingang des währschaften Bauernhauses riecht es nach vergorenen Trauben. Der Weinkeller ist im Untergeschoss auf der ganzen Länge des Gebäudes eingerichtet. Bei der Treppe zum Wohnbereich befindet sich die Triage von Werk- und Hauskleidung, Stiefeln und Finken. Noch wirkt das Stöckli im ersten Stock etwas improvisiert. Die Vorhänge an den Fenstern würden fehlen, meint die Hausherrin entschuldigend, und der Küchentisch sei jetzt eben auch wieder kleiner bemessen als früher, als die fünfköpfige Familie mitsamt dem Lehrling beim Essen sass. Ruth Haug schenkt kalten Tee ein und nimmt zwischendurch noch schnell eine Weinbestellung übers Telefon auf. Das fällt ihr bedeutend leichter, als über Persönliches und sich selber zu erzählen.
«Boni» gibt es für die Bauern, wenn sie gutes Wetter haben! Wenn es hagelt, wie Mitte Juli 2011, sind wir Rebbauern und Winzer ohnmächtig, müssen tatenlos zusehen, wie unserer Hände Arbeit in null Komma plötzlich futsch ist. Dabei wäre es ein ausgezeichnetes Weinjahr geworden, das Jahr 2011. Die Reben standen in vollem Laub, mit vielen Trauben an den Stöcken. Ich war immer der Ansicht, hageln würde es nach einem Hitzetag. Weit gefehlt! Es war ein Uhr in der Früh, als eine Front in wenigen Minuten 90 Prozent unseres Ertrags zunichtemachte. Mein Mann und ich sahen uns wortlos an. Was hätte es genützt, wenn wir geheult hätten und verzweifelt gewesen wären? Die Natur hat ihre eigenen Gesetze – und wir sind Teil davon. Das wurde uns in jener Nacht wieder einmal deutlich bewusst.
Ich bin ein eher nüchterner Mensch, eine Realistin, couragiert und nicht ängstlich. Emotionen bringen meist wenig. Es galt, das Beste aus der Situation zu machen und vorwärts zu schauen. Als es um halb sechs Uhr hell wurde, mussten zuerst die Kühe im Stall gemolken werden. Die kennen kein Pardon – und wir nur die Siebentagewoche.
Aber es sah grauenhaft aus im Rebberg, in den völlig zerfetzten Kulturen. Die Weininger hatte es in jener Nacht im Kanton Zürich am stärksten getroffen. Die Rebstöcke mussten in der Folge sorgfältig gespritzt werden, damit die nachwachsenden Blätter gegen Pilzbefall geschützt waren. Von einem ordentlichen Wümmet konnte im Herbst nicht die Rede sein – wir hatten enorm viel zusätzliche Arbeit im Rebberg und rund fünfmal mehr Aufwand mit den wenigen Beeren, die man trotzdem ablesen musste. Glück im Unglück, dass die Hagelversicherung uns ermöglichte, im Herbst am Zürichsee und im Weinland Trauben dazuzukaufen, damit mein Mann doch noch etwas zum Keltern hatte. Und wir hatten wunderbare Helferinnen und Helfer, die uns beim Ernten im Rebberg tatkräftig unterstützten. In solchen Momenten hält man zusammen: die Familie, die Verwandten und Bekannten. Das ist tröstlich. Zum Dank für ihre grossartige Unterstützung organisierten wir für alle im Oktober einen Carausflug auf den Hohen Kasten im Appenzellischen.
Hanspeter und ich, wir sind ein eingespieltes Team. Seit 37 Jahren schon. Unser IP-Betrieb mit Viehwirtschaft und Ackerbau sowie den 2,5 Hektaren Reben würde unmöglich rund laufen, wenn unsere Partnerschaft nicht funktionierte. Aber wer weiss das am Anfang einer Ehe schon? Wir haben Glück, dass unser Sohn Peter mit Leib und Seele Landwirt ist. Ohne ihn ginge es heute nicht mehr. Landwirtschaft ist Familienbusiness! Mein Mann ist ausserdem politisch sehr aktiv, in der zweiten Amtsperiode Gemeindepräsident von Weiningen und überdies SVP-Vertreter im Zürcher Kantonsrat.
Lämpen, unausgesprochene Konflikte, die liegen nicht drin. Wir müssen Probleme an der Wurzel packen, Unklarheiten ausdiskutieren und möglichst schnell Lösungen finden. Wichtig war von Anfang an immer, dass mein Mann zu mir stand. Natürlich ging es mit meinen Schwiegereltern auf dem Hof nicht immer reibungslos, wir wohnten und arbeiteten nah beieinander. Aber ich habe an meiner Schwiegermutter sehr geschätzt, dass sie es mit unseren drei Kindern, Simone, Peter und Andi, gut konnte. Im Garten allerdings war ich anfangs die Zudienende. Sie hatte die Erfahrung und klar über Jahre das Zepter in der Hand. Aber ich durfte von ihr auch sehr viel lernen und respektierte sie.
Mein Mann und ich wohnten die ersten Jahre in der kleinen Wohnung, wo wir jetzt wieder sind, die Schwiegereltern mit den zwei ledigen Brüdern meines Mannes nebenan in der grossen. Heute bin ich selbst Schwiegermutter und Grossmutter. Ich versuche, mich bei den Jungen, vor allem bei meiner Schwiegertochter, nicht einzumischen. Ehrlich, ich kann es mir nicht mehr vorstellen, wie ich es damals mit den drei kleinen Kindern gemacht habe!
Als Bäuerin unterstütze ich meinen Mann. Mein Beruf ist eng verbunden mit dem Haushalt, und der richtet sich nach dem Hof. Ich arbeite in den Reben und wenn Not ist im Stall. Nur melken tu ich nicht, will ich nicht. Ich bin mir für keine Stallarbeit zu schade: Milchgeschirr waschen, putzen und wischen, Futter geben, Heu abladen, ganz klar. Aber es ist ein geflügeltes Wort in unseren Kreisen: Wenn die Bäuerin melken kann, heisst es noch schnell mal, «Kannst du im Stall schon mal anfangen». Wo immer der Bauer ist! Die Ausdrücke «Mir stinkts!», «Ich mag nicht!» kenne ich in meinem Vokabular nicht. Alle Arbeit muss einfach gemacht sein. Wir müssen uns aufeinander verlassen können, sind aufeinander angewiesen. Jeder und jede muss dazu beitragen, dass der Karren läuft.
Ich bin gleichwertige Partnerin meines Mannes, beziehe aber keinen Lohn und habe auch kein eigenes Bankkonto. Nein, nein, das stand nie zur Diskussion. Ich habe kein Haushaltungsgeld, ich nehme einfach aus der Kasse, was ich brauche. Wir verwalten alles gemeinsam, und ich mache die Buchhaltung. Das habe ich in meiner Berufslehre im Hotel Carlton Elite gelernt. Ich weiss über die Finanzen gut Bescheid. Wir sind eine Generationengemeinschaft – das ist eine neue Unternehmensform, speziell in der Landwirtschaft. Wir haben den Betrieb noch nicht übergeben, aber die Betriebsführung liegt bei unserem Sohn und meinem Mann gemeinsam. Und was hereinkommt respektive was übrig bleibt am Jahresende, gehört zu gleichen Teilen der jungen Familie und uns.
Dabei wollte ich eigentlich gar nicht Bäuerin werden. Ich komme nicht aus einem Bauernbetrieb, obwohl mein Grossvater mütterlicherseits Bauernsohn war. Auch auf Vaters Seite gab es Bauern. Ich bin am 20. Juni 1952 in Zürich geboren. Als ich in die erste Klasse kam, zügelten wir aus der Stadt Zürich obenabä nach Weiningen. Meine Eltern, Vater Bankangestellter und Mutter Krankenschwester, bauten hier ein Haus. Von der Stadt ins Dorf – das fand ich wunderbar. Vater gefiel vor allem «das schönste Gemeindehaus im ganzen Limmattal», wie er sagte. Er sass drei Jahre später selbst im Gemeinderat des Dorfs. Zu jener Zeit übrigens war der Grossvater meines jetzigen Mannes Gemeindepräsident in Weiningen.
Die Tochter eines Dorfbauern wurde bald zu meiner besten Freundin. In der bäuerlichen Atmosphäre gefiel es mir ausnehmend gut. Es verging wohl kaum ein Tag, an dem ich nicht auf dem Hof zu Gast war. Aber nicht nur das – ich half im Wümmet, durfte zuschauen, wie sie den Wein abzogen oder wenn Metzgete angesagt war. Meine Freundin und ihr Alltag haben mich für mein Leben geprägt. Obwohl ich damals nicht im Traum dran dachte, einmal im Dorf zu bleiben und einen Weininger Bauern zu heiraten.
Unser Leben war übersichtlich und ruhig. Der kommende Bauboom im Limmattal zeichnete sich in den 1960er-Jahren jedoch bereits ab, Einfamilienhäuser entstanden. Es gab damals noch zwei Läden im Dorf und etliche kleine Bauernbetriebe – jeder mit acht bis zehn Stück Vieh im Stall und daneben etwas Reben am Hang. Die Kühe standen, das war gang und gäbe, tagein, tagaus im Stall. Von Auslauf auf den Weiden sprach man noch wenig.
Nach der Schule wurde ich für ein Jahr nach La Neuveville geschickt, um mein Französisch aufzupolieren. Was ich danach werden wollte, wusste ich noch überhaupt nicht. Meine Eltern fanden, ich solle eine solide Grundausbildung machen. Auf ein Zeitungsinserat hin bewarb ich mich für eine kaufmännische Lehrstelle im «Carlton Elite» in Zürich, dem feinen Hotel an der Nüschelerstrasse, das dem Mövenpick-Gründer Ueli Prager gehörte. In den drei Jahren zwischen Reception, Buchhaltung, Einkauf, Lingerie und Zimmerdienst lernte ich viel. Damals hatte ich auch meinen ersten Freund.
Mein Mann wurde erst später aktuell. Ich kannte ihn aus dem Dorf, und er war mit meiner Schwester zur Schule gegangen. Gefunkt hat es dann an einem Turnfest, bei dem es drei Tage ununterbrochen regnete. Erst beim Aufräumen schien die Sonne. Als Aktivmitglieder des Turnvereins waren wir in der Fest-Organisation tätig und kamen uns näher.
Wohin die Liebe fällt! Es hat sich einfach so ergeben. An Pfingsten 1975, kurz vor meinem 23. Geburtstag, verlobten wir uns. Bis zur Heirat lebte ich noch bei meinen Eltern. Schon vorher auf den Hof des Freundes und Zukünftigen zu ziehen, das wäre überhaupt nicht in Frage gekommen. Es war aber klar: Wenn ich einen Bauern heirate, werde ich im Betrieb mithelfen wollen. Ausgebildet war ich dafür aber mehr schlecht als recht. Der Besuch einer Bäuerinnenschule vor der Hochzeit würde mir sicher viel bringen, fand ich. Ich wusste, dass die Benediktinerinnen vom Kloster Fahr, nur einen Kilometer von Weiningen entfernt, eine bäuerlich-hauswirtschaftliche Schule betrieben – eine katholische. Erstaunlich, dass sie mich als Reformierte ohne Umschweife in den Kurs aufnahmen.
Wir waren im Sommerkurs 1976 zwei Externe, die nicht im Internat der Klosterschule lebten. Mit dem Töffli fuhr ich jeden Morgen von daheim übers Feld hinüber ins Fahr. Von Haushalt und Kochen wusste ich recht wenig – das hatte ich immer Mutter überlassen. So profitierte ich sehr viel von den 20 Wochen Unterricht – vor allem im Garten und in der Küche. Schwester Petra, die Kochlehrerin, ist mir noch in lebhafter Erinnerung. Ihre Tipps und Tricks für die schnelle und praktische Küche habe ich nicht vergessen. Ich bin beim Kochen keine Pröblerin, meist muss es speditiv gehen. Heute etwa gab es Speck und Sauerkraut, etwas Währschaftes. Ich brauche tagtäglich, was ich dort im Fahr lernte. Bei den Freizeitarbeiten an der Schule, beim Stricken und Nähen, musste ich allerdings passen. Diese Fächer waren abends angesagt, und da war ich dann entweder zu Hause oder im Turnverein aktiv. Auch für meine Aussteuer habe ich im Fahr nichts gemacht, habe keine Leintücher gewoben! Die meisten meiner Schulkameradinnen kamen aus der Innerschweiz und waren katholisch. Dass ich reformiert war und Zürcherin, gab nie Anlass zu Diskussionen. Ganz selbstverständlich nahm ich an den Gebetsstunden und Gottesdiensten im Kloster teil, wie die anderen Schülerinnen auch. Ich finde, die Christen sollten zusammenhalten, Reformierte und Katholiken sich nicht gegenseitig ausgrenzen.
Leider sind meine Freundschaften von damals etwas im Sand verlaufen. Weshalb, weiss ich eigentlich nicht. Mit den Frauen, die acht Jahre später mit mir zusammen das Eidgenössische Bäuerinnendiplom absolvierten, bin ich stärker verbunden; der Austausch mit den Kursteilnehmerinnen von unterschiedlichen Betrieben hat mir viel gebracht. Mit dem Zertifikat hätte ich Lehrtöchter im Haushalt haben können. Aber wir bildeten Landwirtschaftslehrlinge auf dem Betrieb aus, und damit war das Gastzimmer belegt.
Rückblickend finde ich: Die Umstellung vom Bürofräulein zur Bäuerin ist mir recht gut gelungen. Dank der Ausbildung im Fahr und vor allem dank meiner Schulfreundin. Bei ihr hatte ich während vieler Jahre erfahren, wie es auf einem Bauernhof zu und her geht und wie Alt und Jung einträchtig miteinander leben und auskommen können. Sicher war es gut, dass wir zwei Generationen im «Wiesentäli» von Anfang an in getrennten Wohnungen lebten. Wir arbeiteten Seite an Seite, assen aber selten gemeinsam. Das schenkte tagsüber immer wieder etwas Abstand und gab Luft.
Auf dem ehemaligen Hof der Haugs im Dorf hätte es kaum Platz gehabt für zwei Generationen. So haben meine Schwiegereltern in kluger Voraussicht im Jahr vor unserer Hochzeit ausgesiedelt. Durch einen Landabtausch konnten sie im Grünen einen neuen Hof bauen. Das Limmattal entwickelte sich immer mehr zur boomenden Gegend am Stadtrand von Zürich. Ein Bauernbetrieb nach dem anderen verschwand. Heute kann man die Bauernhöfe in den umliegenden Gemeinden bald an einer Hand abzählen. Der Trend ist unaufhaltsam. Das Kulturland wird durch die vielen Wohn- und Industriebauten immer knapper. Einschneidend im wahrsten Sinn des Wortes war der Bau der Nationalstrasse: 40 Hektaren wertvolles Kulturland ging dadurch verloren. Wenigstens heisst der grosse Verkehrsknotenpunkt Limmattaler und nicht Weininger Kreuz. Sonst wären wir jeden Morgen schon in aller Frühe negativ in den Nachrichten!
Bei uns am Tisch wird rege politisiert. Mir gefällt das. Zurzeit ist der Ausbau einer dritten Röhre am Gubrist, dem verkehrstechnischen Nadelöhr Nummer eins in der Schweiz, das grosse Thema. Mein Mann kämpft politisch an vorderster Front gegen das Bundesamt für Strassen, damit unser Dorf statt mit den vorgesehenen 100 Metern mit 270 Metern Lärmschutzmassnahmen geschützt wird. Aber lassen wir die Politik …
Viele Leute erstaunt es, aber wir trinken nicht jeden Tag Wein. Zum Mittagessen schon gar nicht. Wir arbeiten ja mit Maschinen auf dem Hof, da kann man sich nichts erlauben. Oft werde ich gefragt, welches mein Lieblingswein sei. «Jeder», sage ich dann diplomatisch. Immer wieder bauen wir neue Sorten an. Die Planung und alle Details dazu besprechen mein Mann und ich zusammen. Wenn ich mit der Züglete hier in der Wohnung fertig bin, helfe ich ihm nächste Woche auch beim Schneiden der Rebstöcke.
Wir sind hier im Wiesentäli auch Gastgeber. Unsere Gäste kommen gerne zu uns aufs Land raus und schätzen es, den Wein zu trinken, der hier wächst und vor Ort verarbeitet wird. Jeweils am Muttertag sind bis zu 700 Personen bei «Jazz, Brot und Wein» am Hoffest. Im Sommer sind wir am Rebblütenfest im Dorf mit engagiert, und in unserer Remise bewirten wir die Gäste auf Bestellung in der «Wirtschaft zur Goldigä Trubä». Eine Besenbeiz haben wir jedoch nicht. Die müsste regelmässig zu bestimmten Zeiten offen sein, und das könnte ich nicht gewährleisten. Wenn eine Menge Anlässe gleichzeitig stattfinden, komme ich schon ab und zu an meine Grenzen. Letztes Jahr habe ich ein neues Kniegelenk bekommen und war eine Zeitlang ausser Gefecht gesetzt. In solchen Situationen lernt man automatisch, etwas loszulassen und auch einmal Hilfe anzunehmen!
Ich bin mit Herzblut Bäuerin. Aber schon als unsere Kinder klein waren, war es für mich wichtig, eine Aufgabe ausser Haus zu haben, etwa in der Oberstufenschulpflege, als Kassierin der Damenriege oder als Kommissionspräsidentin fürs Jugendturnen. Während Jahren war ich zudem als Vertreterin der Landfrauen im Konsumentinnen-Forum – eine interessante Tätigkeit, die neue Kontakte brachte. Die Ortsvertretung der Zürcher Landfrauen in Weiningen ist meine jetzige Aufgabe. Wir haben noch 50 Mitglieder, darunter viele, die nicht Bäuerinnen sind, sich aber für die Kurse und Angebote der Landfrauen interessieren. Ja, die Zukunft von uns Bäuerinnen ist schwierig vorauszusehen. Eines der Probleme ist, dass Frauen mit guter Ausbildung, die später einen Bauern heiraten, oft in ihrem angestammten Beruf weiterarbeiten möchten. Dadurch haben sie aber weniger Zeit, auf dem Hof mitzuarbeiten. Oft fällt der ausserhäuslichen Tätigkeit der Garten für die Selbstversorgung zum Opfer.
Im letzten Jahr bin ich 60 geworden. Ich hoffe, über das AHV-Alter hinaus auf dem Betrieb weiter tätig sein zu dürfen. Ich bin zufrieden und fühle mich gesund. Vielleicht gibt es für Hanspeter und mich in absehbarer Zeit wieder einmal ein Reisli – es muss ja nicht gleich Amerika oder Australien sein.
Marie-Theres
Marie-Theres Waser-Küttel ist 1956 geboren und lebt in Stans NW.
«Mich bringt fast nichts aus der Ruhe. Das Wetter schon gar nicht – höchstens wenn ich frühmorgens die Schneeketten montieren muss, wirds heikel.»
Ob sie die Umgebung für ihr Porträt selbst bestimmen könne? Am liebsten wäre ihr das St.-Rochus- Chappäli in Oberdorf. In diese historische Kapelle sei sie oft z’Chilä. Auch mit ihren Kindern. Der Ort sei ihr viele Jahre lang eine wichtige Kraftquelle gewesen. Kaum 100 Meter vom Kirchlein weg steht der Bauernhof ihres Ex-Mannes. Der müsse nicht aufs Bild, lieber noch etwas Natur. Nach dem Fotoshooting fährt Marie-Theres Waser-Küttel uns mit dem kleinen, blauen Wagen in ihr neues Zuhause – zufälligerweise wieder bei einer Kapelle, diesmal St. Josef gewidmet. Hier wohnt sie erst seit wenigen Monaten. Ihre geräumige Wohnung hat in alle vier Himmelsrichtungen Fenster. Und die begeisterte Berggängerin sieht den Pilatus, das Stanser- und Buochserhorn, den Bürgenstock, ja sogar Vitznau – ihre alte Heimat.
Letzten September wusste ich: Jetzt brauche ich etwas Eigenes. Zuerst fühlte ich mich etwas zwischen Stuhl und Bank. Die Wohnung in Dallenwil, in der ich mit meinen Söhnen gelebt hatte, kündigte ich. Ohne etwas Neues auf sicher zu haben. Aber ich sprach mir Mut zu: «Du bekommst, was du brauchst!» Im «Nidwaldner-Blitz» stiess ich auf die Annonce für diese Wohnung und erhielt mit Glück den Zuschlag. Jetzt kann ich in meinen ersten eigenen vier Wänden zur Ruhe kommen. Die letzten Jahre waren ein dauerndes Loslassen. Aber ich weiss, wenn ich loslasse, kommt Neues.
Meine fünf Kinder gaben mir immer Halt und die Kraft, nicht aufzugeben, weiterzukämpfen. Jetzt muss ich sie aber loslassen und nicht als mein Eigentum betrachten. Ich sagte ihnen: «Denkt nicht, ich käme nicht z’Schlag. Ich komme z’Schlag!»
Ich glaube, ich habe die Kurve gekriegt. Vor vier Jahren fand ich sogar meinen Traumjob bei der Spitex. Ich fahre als Pflegehelferin zu den Leuten in alle Chrachen hinauf. Auf den abgelegenen Höfen sind sie auf uns Spitexleute angewiesen. Ich bin zu 80 Prozent fix angestellt. Das ist wunderbar. Ich glaube, meine grosse Lebenserfahrung wird nun geschätzt. Ich bin geduldig und nehme die Leute, wie sie sind. Mich bringt fast nichts aus der Ruhe. Das Wetter schon gar nicht – höchstens wenn ich frühmorgens die Schneeketten montieren muss, wirds heikel.




