Erster-Weltkriegs-Tagebuch aus der böhmischen Provinz

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Eine Zeit wie jetzt wird kaum mehr ein Geschlecht erleben; ein Meer von Blut und Tränen bereitet sich vor.
Bei Lichtenau soll heute ein Aeroplan niedergegangen sein. Gendarmerie und Polizei begaben sich sofort dahin; aber diese Nachricht erwies sich als Lüge. Nach dem Urheber wurde zwar gefahndet, er konnte aber nicht ermittelt werden.
8. August 1914: Telegramm Olmütz. Direktion, 8. August 12.00 Uhr. ‚Nach Mitteilung des hiesigen Bahnkommandos sollen heute ab 5 Uhr früh deutsche Flieger unterwegs sein. Die beteiligten Organe sind zu verständigen, dass beim Nahen der Flieger nicht geschossen wird.’
Auch diese Flieger wurden hier nicht gesehen.
Goldgeld gibt es überhaupt nicht mehr. Auch das Silber- und teilweise sogar Nickelgeld verschwindet aus dem öffentlichen Verkehr, weil viele Leute es unvernünftiger Weise zurückbehalten und auf Banknoten kein Kleingeld herausgeben. In einzelnen Geschäften müssen die Leute entweder genau abgezähltes Geld hinlegen, oder es wird vertrauenswürdigen Kunden so lange geborgt, bis eine runde Summe, die einer Banknote entspricht, aufgelaufen ist.
Das führt zu empfindlichen Verlegenheiten.
Die Lebensmittel steigen im Preis. Weizenmehr früher 1 Kilo zu 44 Heller kostet jetzt 60 Heller.
Die Sammlung für die armen Angehörigen der Eingerückten hat den Betrag von 1.309,80 Kronen ergeben. Es wurde aber nicht bei allen Bewohnern, sondern nur bei den wohlhabenden gesammelt.
14. August 1914: Nach einer Prager Zeitung entsprechen die Drahtnachrichten über die Autos mit der Millionenfracht, die radfahrenden Maurer usw. nicht der Wahrheit. Seither sind schon mehrere Telegramme über Autos und Aeroplane hier eingetroffen, die ich aber nicht mehr anführe.
17. August 1914: Telegramm: ‚Entscheidender Sieg der Österreicher bei Waljewo. Viel Kriegsmaterial erbeutet. Serben werden verfolgt. Unser 16. Inft. Regnt besonders tapfer gewesen.’
Schon vor einigen Tagen hatte das Redemptoristenkollegium3 in Niederheidisch einen großen Reisighaufen links der großen Steige aufschichten lassen, welcher mit brennbaren Stoffen getränkt war und dazu dienen sollte, beim ersten Siege der Österreicher angezündet zu werden, was dann heute Abend geschah. In der Stadt standen und zogen die Leute zahlreich umher. Wenn sie auch einen Sieg zu feiern hatten, so hätte dies in Hinblick auf die blutigen Opfer, die ein solcher kostet, auch in gesetzterer Weise geschehen können. Aber hier war es wie bei einer Faschingsunterhaltung, was bei den jetzigen tiefernsten Zeiten jeden denkenden und fühlenden Menschen abstoßen muss.
In der Stadtkanzlei ist stets sehr viel zu tun. Kaum sind die Anmeldungen auf Unterhaltsanspruch der Angehörigen der Eingerückten an die Bezirkshauptmannschaft eingesandt, so erkundigen sich schon die Weiber, wie weit die Unterstützung gediehen ist. Heute war eine Menge Fabrikweiber gleichzeitig in die Kanzlei gekommen, um die staatliche Unterstützung zu betreiben. Ich machte sie aufmerksam, dass jetzt alle Ämter viel Arbeit haben und daher einige Geduld nötig sei. Einzelnen sehr Bedürftigen mussten Vorschüsse von 10 bis 20 Kronen gegeben werden. Es ist übrigens Tatsache, dass mehrere Weiber aus der Kolonie sich nicht schämten, schon einen Tag nach der Einrückung ihres Mannes Vorschüsse auf den Unterhaltsbeitrag zu begehren. Das berechtigt mich zu der Kritik: Viele Fabrikarbeiter, die bis jetzt immer guten Verdienst hatten, haben eben alles flott verlebt und keine Ersparnisse gemacht. Jetzt sind die meisten am Trockenen. Aber einige meinen: ‚Wenn kein Verdienst mehr sein wird, gehen wir auf die Felder und raufen die Erdäpfel aus.’
Einige Weiber der Eingerückten sind stinkfaul. Statt in der Fabrik drei Tage wöchentlich zu arbeiten, was sie ganz gut könnten, da sie kinderlos sind, gehen sie schön angekleidet spazieren und warten auf die staatliche Unterstützung. Mit welchen Eigenschaften soll man solche Leute bezeichnen?
22. August 1914: Heute langte die Einberufungskundmachung ein, laut welcher die Reservemänner und Ersatzreservisten der k. k. Landwehr, dann die Rekruten und Landsturmpflichtigen älteren Jahrgänge und beurlaubte Landsturmpflichtige einrücken müssen.
Seit dem Kriegszustand werden in allen Orten, besonders aber an der Reichgrenze, die Durchreisenden überwacht und kontrolliert. Sie müssen daher mit gemeindeamtlichen Legitimationen versehen sein. Da hat nun die Stadtkanzlei massenhaft Arbeit. Selbst an Sonntagnachmittagen geben die Leute keine Ruhe. Wir haben solche Scheine an 300 Personen ausgestellt. Und sonderbar, je unruhiger die Zeit, desto größer die Reisewut. Abgesehen davon, dass viele Eheweiber der Eingerückten nach Hohenmauth oder Mährisch Schönberg reisen, um nochmals mit den Ehegatten zu sprechen, begeben sich andere Leute gruppenweise nach Mittelwalde und andere preußische Städte, um die neuesten Nachrichten vom Kriegsschauplatze zu vernehmen. Familien und sonstige Bekannte machen öfters Besuche als in ruhigen Zeiten. Es ist sogar lächerlicher Weise vorgekommen, dass junge Leute Legitimationen verlangten, um im Walde Schwämme zu suchen. Diesen wurde kurzweg die Tür gewiesen.
Mehrere Damen von Grulich haben schon seit einigen Wochen den Krankenpflegekurs in Mährisch Rothwasser besucht. Es sind dies die Frauen
Marie LandhausFrida MückEmilie LangerBertl LiebichBerta KatzerFritzi WallaFräulein Klara SchmidtRisa WallaEugenie FiebingerAnna FickerAnna KatzerJosefine LaschekAnna GeppertMarie SchrutekAnna EisertMarie RaabeMarie LindenthalMariechen RotterWilhelmine KlarMizzi WagnerMarie WalterEmilie PlischkeAnna LinkTrude GottliebBerta DittrichEmilie PohlLiesel Wenzel24. August 1914: Junge Damen haben weiters in Grulich eine Sammlung zu Gunsten des Roten Kreuzes eingeleitet. Der Ertrag von 427,20 Kronen wurde dem Kriegshilfebüro der k. k. Bezirkshauptmannschaft in Senftenberg eingesendet.
Heute traf der erste Leichtverwundete von der russischen Grenze hier ein. Es war der k. k. Finanzwach-Oberaufseher Schätz, welcher auf einem Wagen nach Lichtenau fuhr, um sich zu Verwandten zu begeben. Er hatte eine Verwundung am Fuß. Als Trophäe vom Gefechtsfelde hatte er die Trümmer seines Gewehrs mitgebracht, dessen er sich beim Handgemenge bei der Erstürmung einer feindlichen Stellung bedient hatte.
25. August 1914: Auch hier wächst die Kriegslust unter den jungen Leuten. Bis jetzt haben sich etwa 15 freiwillig gemeldet.
Heute rücken die Rekruten aus Grulich und Umgebung ein. Es ging dabei lustig zu. Harmonikaklänge und Gesang.
27. August 1914: Heute Abend wurden auf Veranlassung der Klosterpater auf dem Marienberge zahlreiche Freudenschüsse aus einem Kanonenmörser abgefeuert und wieder ein großer Reisighaufen angezündet. Das galt dem Siege unserer Truppen in der Schlacht bei Krasnik in Russland. Frage: Hätten Christus und seine Apostel, wenn damals überhaupt Pulver dagewesen wäre, auch geschossen und einen Feuerstoß angezündet?
Im übrigen meine ich: Das gute Ende abwarten. Dann sollen gewiss Freudenfeuer auf allen Bergen lodern!
Im September: Nach der mehrtägigen Schlacht bei Lemberg, wobei die österreichischen Truppen wegen der erdrückenden Übermacht der Russen zurückgehen mussten, kamen auch mehrere leichtverwundete Soldaten aus hiesiger Gegend hier an, um sich in häusliche Pflege zu begeben und später an die Front zurückzukehren.
In der evangelischen Gemeindestube wurden für den Fall, dass eine Abteilung verwundeter Soldaten eintreffen sollte, 12 komplette Betten samt Wäsche zur Verfügung gestellt. Ebenso wurde der katholische Vereinssaal zu gleichem Zweck angeboten. Dort sollen 18 Betten aufgestellt werden.
Die Firma Dom. Walter & Sohn spendete Flanell und Leinwand für Hemden und Unterhosen für Soldaten im Werte von 3.650 Kronen. Frauen und Mädchen Grulichs leisteten unentgeltlich die Näharbeit.
Im benachbarten Mährisch Rothwasser bewirbt sich der Primararzt Dr. Patschaider lebhaft um eine größere Anzahl verwundeter Soldaten zur ärztlichen Behandlung.
Es ist zu befürchten, dass während des Krieges durch den Transport von Kranken und Verwundeten ansteckende Krankheiten eingeschleppt werden. Daher hat die politische Behörde den Gemeinden die nötigen sanitären Vorsichtsmaßregeln in Erinnerung gebracht.
26. September 1914: Die Stadtgemeinde erließ folgende Kundmachung:
'Kundmachung betreff Besorgung des Nachtwachedienstes durch eine allgemeine Bürgerwache
Infolge Beschlusses der Stadtvertretung vom 24. d. M. ist ab 1. Oktober 1914 der Nachtwachedienst durch eine Bürgerwache zu versehen, zu welcher alle gemeindewahlberechtigten Einwohner mit Ausnahme der zur Kriegsdienstleistung Eingerückten verpflichtet sind. Bei besonders berücksichtigungswürdigen Umständen kann über Ersuchen eine Enthebung von Fall zu Fall stattfinden.
Wahlberechtigte Frauen sind verpflichtet, sich einen Vertreter zu bestellen, welcher für den Nachtdienst geeignet, rechtzeitig bei der Gemeinde angemeldet und derselben genehmigt sein muß.
Die zum Nachtwachedienst Verpflichteten (auch jene Frauen, denen die Bestellung eines Vertreters nicht möglich ist) können durch Erstattung einer Gebühr von 2 Kronen für jeden einzelnen Fall vom Nachtdienst enthoben werden. Diese Gebühr, für welche ein Ersatz durch die Stadtgemeinde bestellt wird, muss mindestens einen Tag vorher in der Stadtkanzlei hinterlegt werden.
Es sollen jede Nacht 6 Mann antreten, welche zu je zwei Mann den Nachtwachedienst zu versehen haben. Die Aufforderung hierzu erfolgt durch die Gemeinde auf 3 Tage im voraus.
Personen, welche dieser ortspolizeilichen Verfügung nicht nachkommen, werden vom Strafsenat nach § 35 der Gemeindeordnung bis zum Strafbetrag von 20 Kronen und im Falle der Zahlungsunfähigkeit bis 48 Stunden Haft bestraft.
Der Bürgermeister Johann Kretschmer'
Nachdem schon am 19. September die Verständigung der Bezirkshauptmannschaft beim Stadtamte eintraf, dass für galizische Flüchtlinge ein Massenquartier vorzubereiten ist, traf heute um 6 Uhr abends eine große Anzahl dieser Flüchtlinge am Bahnhof Grulich Stadt ein. Die hiesige Bevölkerung hatte sich aus Neugierde zahlreich an der Bahnhof- und Reichsstraße angesammelt. 72 Flüchtlinge einschließlich der vielen Kinder wurden im Saal der Schießstätte untergebracht, während über 200 Personen ins Pilgerheim nach Niederheidisch weiterbefördert wurden. Weiter haben sich noch einige bemitteltere Leute aus Galizien in Wohnungen eingemietet. Die in Grulich untergebrachten Flüchtlinge waren nach ihrer Volkszugehörigkeit Polen und Ruthenen.4
Für jede Person ob Erwachsener oder Kind zahlt der Staat einen täglichen Erhaltungsbeitrag von 70 Heller, und zwar so, dass mit diesem Betrag eine große Familie gut auskommen kann, was bei einzelnen Männern nicht der Fall ist.
Der Wohltätigkeitssinn der hiesigen Bewohner zeigte sich auch bei den galizischen Flüchtlingen. Zahlreich waren die Spenden an Lebensmitteln, die ihnen zugetragen wurden, vorzugsweise Wurstwaren und Kuchen sowie Milch für die Kinder.
27. September 1914: Heute traf die amtliche Einberufungskundmachung ein, laut welcher sich die Landsturmpflichtigen der Geburtsjahrgänge 1892, 1893 und 1894 der Musterung zu unterziehen haben.
Trotzdem aller Orten für das Rote Kreuz und andere Kriegsfürsorgezwecke gesammelt und gespendet wird, sind die Anforderungen doch so groß, dass die eintreffenden Gelder völlig unzureichend sind. Es werden deshalb seitens des Kriegshilfsbüros des Ministeriums des Innern verschiedene Gegenstände in Form von Kokarden, Medaillen usw. ausgegeben. Außerdem hat der deutsche Volksrat für Böhmen die Aktion ‚Gold gab ich für Eisen’ ausgerufen.
Von der Zeitung ‚Grenzbote’ in Mittelwalde kann man schon seit Wochen den Wortlaut der Telegramme des Wolf’schen Telegrafenbüros von den Kriegsereignissen erhalten. Viele Leute in Grulich beziehen diese und hängen sie in die Fenster. Da kann man an den meisten Tagen dichte Gruppen von Menschen sehen, die mit Eifer die Nachrichten studieren, wie denn überhaupt Jung und Alt, Groß und Klein, mit leidenschaftlichem Interesse am Kriegsgeschehen teilnimmt.
10. Oktober 1914: Unter den galizischen Flüchtlingen im Pilgerheim in Niederheidisch befand sich auch eine russische Spionin, welche sich am Bahnhof in Prerau den Galiziern zugesellt hatte. Über diesen Fall schrieb die ‚Deutsche Grenzwacht’ in Landskron vom 9. Oktober:
'Verhaftung einer russischen Spionin
Am Sonnabend voriger Woche kam mittelst der Bahn ein ganzer Transport von Flüchtlingen aus Galizien. Sie gehörten den verschiedensten Gesellschaftsklassen an. Sie wurden von Lichtenau aus nach Grulich und Niederheidisch dirigiert und hier für eine Rast in verschiedenen Häusern und Örtlichkeiten untergebracht. Man sah da verschiedene Gestalten. Das traurige Los dieser heimatlos gewordenen Leute, welche die Kriegsfurie hinausgetrieben von ihren Heimstätten, aus den von ihren Vorfahren ererbten Sitten, Gewohnheiten und Gebräuchen milderte wohl manch ein Urteil.
Unter diesen Bedauernswerten befand sich ein verschleiertes, schwarz gekleidetes Frauenzimmer, welches, da man den Flüchtlingen ihre Nachtherbergen zugewiesen hatte, ein eigenes Zimmer für sich beanspruchte. Man willfahrte dem Wunsch, da man glaubte, die betreffende Frauensperson sei gewiss besseren Kreisen angehörig gewesen. Da sie sich in ihr Zimmer zurückgezogen hatte, beobachtete man sie durch das Schlüsselloch und bemerkte, dass sie eine größere Anzahl von Schriften unter den Kleidern geborgen hatte, an deren Fortsetzung sie emsig zu arbeiten begann. Von dieser Wahrnehmung wurde sofort das k. k. Gendarmeriekommando in Grulich verständigt, das sofort eifrige Nachforschungen anstellte. Deren Ergebnis war, dass man es mit einer russischen Spionin zu tun habe, die angab, eine Lehrerin zu sein. Man möge sich der bei ihr vorgefundenen Papiere nur ganz ruhig bemächtigen. Die wichtigsten Sachen habe sie schon fortgeschickt. Natürlich wurde diese Person verhaftet, vom Grulicher Bezirksgericht in strengsten Gewahrsam genommen und am 1. Oktober mittelst Gendarmeriebegleitung nach Königgrätz eingeliefert. Unterwegs bildete die Spionin auf der Eisenbahn nicht nur den Gegenstand der Neugier, sondern sehr viele Personen zeigten nicht üble Lust, die Spionin zu lynchen.
Einer Frau, die an sie die Frage richtete, wie sie so etwas als Frau unternehmen konnte, erwiderte die Spionin: ‚Nu, was ist da weiter dran? Eine Kugel!’ ‚Ich bedauere die Kugel’, sagte die Frau; ‚um das unwürdige Ziel, das ihr gesteckt wird! Ihnen gebührt ein Strick, aber keine Kugel!’ Solche Anreden musste die Spionin viele anhören.'
10. Oktober 1914: Ob zwar im Mai dieses Jahres schon eine Pferdeassentierung stattfand, so wuede sie mit Rücksicht auf den herrschenden Krieg erneut abgehalten. Sie wurde heute Vormittag am großen Platze bei den Lauben durchgeführt. Assentiert wurden aus der Stadtgemeinde Grulich 29 Pferde.
12. Oktober 1914: Bei der am 11. Oktober in Hohenmauth stattgefundenen Landsturmmusterung wurden von den in Grulich wohnenden 58 Landsturmpflichtigen der Geburtsjahrgänge 1892, 1893 und 1894 40 Mann tauglich befunden, von denen 23 für Grulich und 17 für auswärts zuständig waren.
Mitte Oktober 1914: Zur Sammlung von Liebesgaben für unsere im Felde stehenden Soldaten hat sich hier ein großer Ausschuss gebildet. Dem Komitee gehören an:
P. Adalbert Brix, StadtpfarrerHermine Kober, PrivateWilhelm Oehl, Sparkassen-KassierAlois Veith, FabrikantLudwig Deutscher, StationsvorstandAnna Kober, PrivateJosef Radauer, Besserungsanstalts-DirektorGabriele Sirowy, Wirtschafts-Direktors-GattinDaniel Fiebinger, MeisterJohann Kretschner, BürgermeisterFerdinand Rotter, HotelierJosef Vogel, RechnungsführerM. U. Dr. Fritz Franckel, Distr. ArztJaroslav Mensi, Notar und Bezirks-ObmannJohann Rotter, Fleischer und SelcherDom. G. Walter, ProkuristMarie Franke, Bürgerschul-LehrerinMarie Walter, PrivateJohann Schwarz, Bürgerschul-DirektorTheresia Mensi, NotarsgattinJohann Goldmann, ObermeisterAlois Womela, FachschulprofessorFranz Schwarzer, KaufmannAlois Nitsch, LagerhalterJosef Hübner, BaumeisterKarl Mayer, k. k. LandesgerichtsratKais. Rat. Ed. Sirowy, Wirtschafts-Direktor23. Oktober 1914: Nachdem gestern Nachmittag der behördliche Auftrag eingetroffen war, die assentierten Pferde sogleich nach Senftenberg einzuliefern, wurde dies heute um 7 Uhr früh vollzogen.
Die 39 tauglichen Pferde mit Ausnahme von 4 Stück, welche drüsenkrank sind, gingen unter Begleitung ihrer Besitzer oder deren Knechte ab, jedes mit der vorgeschriebenen Futterration versehen. Wie innig oft Haustiere mit den Menschen verwachsen sind, zeigte sich auch hier: Mancher Besitzer und auch Knecht vergoss Tränen über den Abgang der vertrauten Tiere.
29. Oktober 1914: Heute kam ein Transport von rund 100 verwundeten Soldaten am alten Bahnhof an, um ins Krankenhaus nach Mährisch Rothwasser weiterbefördert zu werden. Sie wurden durch hiesige Frauen und Mädchen gelabt.
Laut Auftrag der Bezirkshauptmannschaft hat die Stadtgemeinde Grulich nach den Bestimmungen des Kriegsleistungsgesetzes folgendes Getreide für Militärzwecke zu liefern: Im Oktober 90 q Roggen, im November 20 q Weizen und im Dezember 50 q Hafer.5
1. November 1914: Heute fand unter Mitwirkung sämtlicher Vereine Grulichs ein Soldatentag für Kriegsfürsorgezwecke in Grulich und Umgebung statt, bei dem Kokarden, Medaillons und Rechnungszettel verkauft wurden. Der Ertrag betrug in Grulich 521,10 Kronen und in den nächsten Gemeinden 195,40 Kronen, zusammen also 716,50 Kronen. Dieser Betrag wurde an das Kriegsfürsorgeamt beim Ministerium des Innern eingesandt.
4. November 1914: Die hiesige Bevölkerung wurde mittels Kundmachung auf die Gefahr des Auftretens einer Blatternepidemie aufmerksam gemacht. Jeder solle sich in eigenem Interesse impfen bzw. wieder impfen lassen. Öffentliche Impfungen fanden am 16. und 19. Oktober, die Impfungen der Schulkinder am 27. und 28. Oktober und 3. November im städtischen Sitzungssaal statt.
Laut der am 24. Oktober eingetroffenen Einberufungskundmachung haben sich die militärisch nicht gedienten Landsturmmänner der Geburtsjahre 1878 bis 1890 bis Ende Oktober zu melden. Gemeldet haben sich 163 Mann.
5. November 1914: Von den galizischen Flüchtlingen wurden die hier befindlichen Polen heute nach Chotzen befördert, wo ein Barackendorf für 20.000 Personen gebaut wurde. Von hier sind 43 Personen abgereist, die übrigen Flüchtlinge – Ruthenen – blieben hier zurück. Die meisten der Leute sind sehr ungern von hier fort, sie meinten ‚hier die Leute so gut’.
9. November 1914: Von unserem städtischen Kassier Hans Philipp, der auf dem nördlichen Kriegsschauplatz verschollen war, empfingen wir heute aus Russland bei St. Petersburg eine Karte, laut welcher er sich in russischer Gefangenschaft befindet. Über diese Nachricht, dass er noch glücklich am Leben ist, freuten sich nicht nur seine Angehörigen, sondern diese Kunde wurde allgemein begrüßt.
Schon vorige Woche war von Herrn Josef Pfertner ein Brief aus Sibirien an der chinesischen Grenze eingetroffen, wo er sich auch in Gefangenschaft befindet. Dieser Brief wanderte durch die halbe Stadt.
Der Stadtvorstand erließ einen Aufruf zur Spende von Liebesgaben für die im Felde stehenden Soldaten.
17. November 1914: Anlässlich des Sieges der österreichischen Truppen in Südpolen unweit von Tschenstochau und der Gefangennahme von 19.000 Russen war heute die innere Stadt festlich beflaggt.
30. November 1914: Gestern haben sich die Landsturmpflichtigen der Geburtsjahrgänge 1878 bis 1886 aus Grulich – 162 Mann – der Musterung in Senftenberg unterzogen. Tauglich befunden wurden 74 Mann. Sie hatten nach Senftenberg die Grulicher Musikkapelle mitgenommen und zogen mit einer Fahne dort ein, welche auf der einen Seite die österreichischen und auf der anderen die reichsdeutschen Farben trug.
1. Dezember 1914: Für die tauglich befundenen und abgelieferten Pferde hat das hiesige Steueramt den Betrag von 132.700 Kronen ausgezahlt.
Für Unterhaltsbeiträge an die Angehörigen der zum Kriegsdienste Eingerückten ist im Bezirk Grulich bis jetzt der Betrag von rund 45.000 Kronen aufgelaufen.
2. Dezember 1914: Waren schon gestern aus Anlass des 66-jährigen Regierungsjubiläums des Kaisers die öffentlichen Gebäude beflaggt, so zeigten heute anlässlich der Besetzung Belgrads durch unsere Truppen mehrere Häuser Flaggenschmuck.
4. Dezember 1914: Diese Beflaggung wurde heute allgemein. Mit einbrechender Nacht war auch die Stadt zum großen Teil illuminiert, und von den Kirchtürmen erklang festliches Glockengeläute. Am Großen und Kleinen Platze wurde bengalisches Feuer angezündet, und viele Menschen wogten durch die Straßen, hie und da die Volkshymne anstimmend. Sind diese Freudenbezeigungen nicht etwas verfrüht?
Heute gehen 10 Kisten mit zusammen 204 Kistchen – für je einen Mann – als Liebesgabe für die Grulicher Soldaten im Felde ab. In jedes Kistchen wurde eine Festpostkarte mit der Adresse ‚Bürgermeisteramt Grulich’ zwecks Empfangsbestätigung der Gabe und ein Zettel mit nachstehendem Texte eingelegt:
'Herzliche Grüße aus der Heimat!
Weihnachtsgabe für einen Mann aus Grulich. Zu dieser Schachtel gehört noch eine Wollsache, die aus den beigepackten Stücken ausgewählt werden kann.'
Bei der im November stattgefundenen Zeichnung der Kriegsanleihe wurden in Grulich nachstehende Beträge gezeichnet:
Bei der städtischen Sparkasse 300.000 Kronen Beim Spar- und Vorschussverein 220.000 Kronen Beim k. k. Steueramte 246.000 Kronen Beim k. k. Postamte 70.000 Kronen Zusammen 836.000 KronenIn dieser Summe sind etwaige direkte Zeichnungen bei Banken usw., die immerhin vorgekommen sein mögen, natürlich nicht enthalten.
7. Dezember 1914: Heute kam von Nordhausen folgendes Kriegstelegramm an: ‚Verdächtiges Auto grau von zwei Leuten mit schwarzen Mänteln, hinten ein Mann blond mit Klemmer und deutschem Militärmantel, mit grünen Achselklappen VIII, fuhr 4 Uhr 30 Minuten von Berlin nach St. Martin unbekannt wohin. Festhalten und sofortige Mitteilung G. K. XII.’
Infolgedessen wurden an der Reichsstraße gegen Mährisch Rothwasser und beim Waldschlössel Wachen aufgestellt. Es zeigte sich aber bloß ein Auto aus Hohenstadt, dessen Insassen durch Hotelbesitzer Rotter identifiziert wurden.
12. Dezember 1914, Landsturmmeldung: ‚Sämtliche waffenunfähigen Landsturmpflichtige, einheimische und fremdzuständige, welche sich hier aufhalten, werden zur sofortigen Anmeldung aufgefordert. Es kommen in Betracht die Geburtsjahre 1872 bis 1890, welche bei der letzten Musterung in Senftenberg zurückgestellt wurden, sowie jene Mannschaft der Geburtsjahre 1891 und 1892, die anlässlich der Mobilisierung 1914 als waffenunfähig entlassen wurde.’ Gemeldet haben sich 39 Mann.


