Hinter dem Schein die Wahrheit

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Ich will eine Erklärung, jetzt sofort, dachte sie und wählte erneut seine Nummer. Wieder diese komische Stille am anderen Ende. Und keine Antwort auf ihre Fragen. Aber da atmete jemand, das hörte sie genau.
Sie ging zur Abstellkammer und holte den Staubsauger heraus. Das Gröbste konnte sie damit erledigen, aber der feuchte Schmutz würde auf jeden Fall Spuren hinterlassen. Das ging zu weit, die konnte Jacob selbst beseitigen, sobald er zu Hause war. Bevor sie die Tür der Abstellkammer wieder schloss, schaute sie noch einmal hinein. Irgendetwas war anders als sonst. Diese Lücke auf der Ablage, war die immer schon da gewesen? Der Karton mit dem Weihnachtsschmuck stand an seinem Platz, die Picknicktasche auch, und die Sitzkissen für die Gartenstühle lagen, wo sie hingehörten. Aber wo war die Decke?
Ihr Herz schlug schneller. Wo war ihre alte Lieblingsdecke für die Badeausflüge zum Weiher? Ganz sicher hatte sie die Decke nicht weggeworfen, auch wenn sie nach all den Jahren vom häufigen Waschen schon verschlissen war. So viele Erinnerungen zeigten sich jedes Mal, wenn sie mit der Hand darüberstrich. Ihre Lizzy hatte auf dieser Decke gelegen und Annette und Holger auch. Pavel hatte sich bei ihrem ersten Rendezvous auf dieser Decke ausgestreckt. Und Jacob war als Baby darauf herumgekrabbelt. Hatte er sie etwa mitgenommen? Warum? Und wohin?
Sie zog ihre Gartenschuhe an, öffnete die Wohnungstür und eilte zum Carport. Jacobs Fahrrad war nicht da. Wenn er mit dem Fahrrad unterwegs war, konnte er ja nicht weit sein, es sei denn, er war zum Bahnhof geradelt.
Sie ging zurück ins Haus. Ob sie bei ihren Eltern nachfragen sollte? Gewöhnlich machte Jacob einen großen Bogen um sie, und bis zu ihnen würde er nicht mit dem Rad fahren müssen. Aber vielleicht hatten sie ihn auf der Straße getroffen, vielleicht hatte er ihnen etwas gesagt, das sie ihr ausrichten sollten. Sie nahm das Telefon von der Ladestation im Wohnzimmer und wog es in der Hand. Weißt du nicht, wo dein Sohn ist?, würde ihre Mutter fragen. Und ihr Vater? Wenn du zu Hause gewesen wärst, wüsstest du Bescheid. Sie verzog das Gesicht und legte das Telefon auf den Tisch. Es begann zu kribbeln unter der Haut, einmal mehr. Sie atmete flach, atmete schnell, schloss die Augen und hielt sich die Hände vors Gesicht, aber sie konnte sich nicht beruhigen. Sie ging in die Küche, holte den Blister aus der Dose oben links im Regal und drückte eine Tablette heraus. Die verlässlich Tröstende. So nett war der Nachmittag mit ihren Kundinnen gewesen, sie hätte nicht gedacht, heute noch eine zu benötigen. Sie schraubte die Wasserflasche auf, goss ein Glas halbvoll, legte sich die Tablette auf die Zunge, trank und schluckte.
Gleich. Gleich würde es gut sein. Gut für ein paar Stunden. Sie seufzte und entspannte sich. Jetzt konnte sie den Teppich absaugen.
Sie aß allein. Und sie aß wenig. Die Nachrichten im ersten Programm liefen an ihr vorbei, der Krimi langweilte sie, das Buch war zu schwierig an diesem Abend. Sie konnte sich einfach nicht konzentrieren. Stunde um Stunde wartete sie im Wohnzimmer, kauerte im Halbdunkel der gedimmten Stehlampe und starrte die Wände an, die kupferfarben gemusterte Strukturtapete, die sie ausgesucht hatte und die niemand mochte außer ihr. Aber das war egal. Es war ja ohnehin ihr Haus. Sie war es, die es sauber hielt. Sie war es, die es bewohnte. Die anderen waren nur Durchreisende. Pavel war im Grunde schon weg, und auch Jacob würde bald gehen. Sicher würde er sich davonmachen, so schnell er konnte. Vielleicht war er schon fort. Noch einmal probierte sie, ihn zu erreichen. Jetzt war die Mailbox an.
Ihre Augen hatten sich an das Dämmerlicht gewöhnt. Die Falten der Gardine zeichneten sich dreidimensional vor dem Fenster ab, und sie konnte die Konturen der Gegenstände auf dem Couchtisch erkennen; die Kristallschale mit der überreifen Birne darin, das Telefon, das halbgefüllte Wasserglas und die gebundene Ausgabe der Buddenbrooks mit dem Lesezeichen weit hinten zwischen den Seiten. Der in Öl gebannte Schoner hatte die Segel gebläht. Seit einer Ewigkeit schon durchquerte er die Meere über dem Fernseher. Sie hatte das Bild seit Jahren nicht beachtet, aber während sie wartete, kam Leben in die See und auf das Schiff. Winzige Matrosen kletterten in den Masten herum, hielten Ausschau nach Land oder eilten über das Deck. Der Kapitän stand am Bug und sah dem Ziel seiner Reise entgegen. Er hielt die Hände auf dem Rücken gefaltet und schnippte die Daumen gegeneinander. Ein ungeduldiger Mann.
Eigentlich mochte sie keine Segelschiffe. Ihr wurde stets übel auf See vom Schwanken und Schaukeln, und der Gedanke, allein vom Wind getrieben zu werden, war ihr eine Qual. Und doch, das Bild war ein Geschenk ihrer Eltern. Sie hatten es bei der Vernissage eines einheimischen Künstlers auf Sylt gekauft, kurz nachdem Jacob zur Welt gekommen war. Ihr Vater hatte es selbst angebracht, ihre Mutter hatte ihm Dübel und Bohrmaschine gereicht und zufrieden genickt, als es hing. Ein schöner Platz.
Je später es wurde und je stiller auf den Straßen, desto tiefer sank sie in den Sessel, schob die Armbanduhr wieder und wieder in den Lichtkegel der Stehlampe. Angestrengt lauschte sie. Das Brummen des Kühlschranks in der Küche drang ebenso zu ihr durch wie die Tür, die im Nachbarhaus klappte, und der startende Motor eines Autos irgendwo im Dorf. Schließlich verstummten auch die letzten Geräusche. Noch einmal die Uhr. Sie zeigte Viertel nach drei, und Karin ahnte, dass es niemanden gab, bei dem Jacob um diese Zeit noch sein konnte. Die Wirkung der Tablette ließ nach. Sie dachte daran, eine zweite zu nehmen, aber sie hatte sich versprochen, sparsam damit umzugehen. Schließlich warnte der Beipackzettel vor zu häufigem Gebrauch. Und sie wollte sich an die Regeln halten.
Mit der linken Hand umklammerte sie das Gelenk ihrer rechten, grub die Nägel ins Fleisch. Regeln. Ihr ganzes Leben lang hatte sie Rosenkränze gebetet und ihr Zimmer aufgeräumt, hatte gelernt, die Gabel von der falschen in die richtige Hand zu wechseln, hatte die Zahnspange mehr als vier Jahre getragen, Grünkohl erst gekauft, wenn er Frost bekommen hatte, und Zimtsterne erst im Advent. Jeden Winter hatte sie den Gehweg vor dem Haus gestreut, kaum dass die ersten Schneeflocken zur Erde gerieselt waren, hatte die Elternabende in Jacobs Schule besucht und den Mitgliedsbeitrag für den Gymnastikverein stets pünktlich überwiesen. Und doch, am Ende hatte immer nur dieses eine Wort gestanden.
DURCHGEFALLEN.
Sie hatte es ignoriert. Sie hatte es fortgeschoben. Sie hatte es für lächerlich befunden und wieder und wieder das Gegenteil zu beweisen versucht. Sie hatte es in Schach gehalten, aber insgeheim wusste sie, dass es sich noch immer tief in ihrem Inneren verborgen hielt. Es wartete stets auf seine Chance und kroch bei der erstbesten Gelegenheit aus seinem Versteck wie die Made aus verdorbenem Fleisch. Es lauerte beständig, und jetzt drängte es mit Macht hervor. DURCHGEFALLEN, pulsierte es in ihren Adern. DURCHGEFALLEN, stand auf der Tapete, und DURCHGEFALLEN, dröhnte es ihr in den Ohren, als kein Schlüssel sich im Schloss drehen wollte. Das Wort. Es schlug ihr in den Magen, gegen die Brust und verteilte Kopfnüsse. Sie schlang die Arme um ihren Schädel und schloss die Augen. Es half nicht. DURCHGEFALLEN, noch einmal. Das Wort donnerte in ihr und um sie herum, dann drückte es ihr die Kehle zu, bis sie zu ersticken glaubte.
Sie sprang auf, sah sich Hilfe suchend um, erblickte die Schale auf dem Tisch. DURCHGEFALLEN. Das Wort lag neben der Birne, die schon zu faulen begann, wo es sie berührte. Sie hastete vor, griff zu und schleuderte die Schale gegen die Wand. Das Kristall zerbarst in einem Scherbenregen, die Birne rollte zu ihr zurück, aber der Druck auf ihre Kehle verminderte sich. Sie schmiss auch das Glas und die Buddenbrooks. Wasser spritzte durch den Raum, das Buch polterte zu Boden. Nun griff sie das Telefon und holte erneut zum Wurf aus. Aber das Wort war schon geflohen. Sie hielt inne und sammelte sich, spürte, wie der Puls ihr im Hals hämmerte, und hörte das Rauschen in den Ohren. Alles, alles, nur nicht mehr das Wort.
Ihr Herz beruhigte sich nur langsam. Sie betrachtete die Tasten des Telefons, erinnerte sich an das letzte Mal, als sie Pavel wegen Jacob angerufen hatte.
In Prag wäre das nicht passiert. Warum seid ihr nicht hier?
Pavel war nicht wie ihr Vater. Er würde es nicht aussprechen, und doch lägen seine Worte wie ein Surren in der Leitung. Das würde sie jetzt nicht auch noch ertragen. Es surrte schon genug in ihrem Kopf. Aber sie musste mit jemandem reden, auch wenn es mitten in der Nacht war. Noch einmal Holger anrufen? Oder doch lieber Annette? Immerhin war sie Jacobs Patentante und gewöhnlich viel besser über alles informiert, was ihn betraf. Bei ihr war er nicht wortkarg, wenn sie ins Dorf kam. Es wurmte Karin gewaltig, aber jetzt war nicht die Zeit für solch einen Ärger. Vielleicht wusste Annette ja wirklich mehr als sie.
Sie drückte die Kurzwahltaste für Annettes Nummer und wartete. Als eine verschlafene Stimme am anderen Ende der Leitung in den Hörer nuschelte, traten ihr die Tränen in die Augen. Das hier war nicht auszuhalten.
Es aussprechen.
Jacob.
Verschwunden.
Samstag, 15. November 2014, 3.23 Uhr
Annette schrak aus dem Tiefschlaf hoch, als das Telefon klingelte. Sie öffnete die Augen und starrte in die Dunkelheit hinein. Wer rief denn so früh am Morgen an, um Himmels willen! Oder war es etwa noch mitten in der Nacht? Sie blinzelte auf den Wecker. Tatsächlich erst kurz vor halb vier. War etwas mit ihrem Vater? Ein neuerlicher Herzinfarkt vielleicht?
Sie hangelte nach dem Telefon, das neben ihrem Bett auf dem Fußboden lag. Das Display zeigte die Nummer der Buceks. Sie nahm das Gespräch an und murmelte ein müdes Hallo.
»Jacob muss etwas passiert sein – er ist weg«, hörte sie Karin sagen. Ihre Stimme klang gepresst. Nicht einmal für eine Begrüßung hatte sie sich Zeit genommen.
Annette rieb sich den Schlaf aus den Augen, schaltete die Leselampe ein, die sie erst vor dreieinhalb Stunden ausgeschaltet hatte. Bildbände lagen aufgeschlagen um sie herum, ihr Bleistift klemmte in der Spalte zwischen Matratze und Bettgestell, und die Spiralbindung des Notizblocks drückte gegen ihre Hüfte. »Weg? Wie meinst du das? Was ist los?«
»Ich habe keine Ahnung.« Nur ein Wispern.
Annette war plötzlich hellwach, schob die Decke zur Seite und stand auf, presste das Telefon fest ans Ohr.
»Schsch«, machte sie und hob beschwichtigend die freie Hand, als könnte Karin sie sehen. »Keine Angst, keine Sorge.« Sie kramte das Handy aus ihrer Tasche und sah nach, aber sie hatte keine Nachricht von Jacob und auch keinen Anruf verpasst.
»Sag mir, was das zu bedeuten hat«, jammerte Karin ihr ins Ohr. »Bitte, ich verstehe es nicht. Was soll ich denn machen?«
»Jetzt beruhige dich erst mal. Es ist Wochenende. Und er ist schließlich kein Kind mehr. Vielleicht war er auf einer Party und übernachtet bei einem Freund.«
»Bestimmt nicht. Jacob geht nicht auf Partys. Und wenn ausnahmsweise doch mal, dann hätte er mir Bescheid gesagt.«
»Vielleicht hat er ja auch jemanden kennengelernt. Ich glaube nicht, dass er seine Mutter anruft, wenn er gerade angenehm beschäftigt ist.«
»Nein, da ist auch noch was anderes. Ich habe immer wieder versucht, ihn zu erreichen. Es ist jemand an sein Handy gegangen, aber er hat sich nicht gemeldet. Und später war die Mailbox an.«
»Hast du eine Nachricht hinterlassen?«
»Nein. Wie käme ich mir denn da vor? Ich lasse mich doch von meinem Sohn nicht zum Besten halten.«
Annette runzelte die Stirn. Jetzt redete Karin wie ihre eigene Mutter. Plötzlich diese Strenge im Ton – hörte denn das nie auf? »Warte mal kurz«, sagte sie und legte das Telefon beiseite, wählte mit ihrem eigenen Handy Jacobs Nummer und wartete die Ansage am anderen Ende der Leitung ab. »Jacob, wenn du das hier hörst, dann melde dich mal, ja? So bald wie möglich – es ist wichtig.«
Sie beendete das Gespräch und nahm den anderen Hörer wieder auf. »Was ist eigentlich mit Pavel? Hast du ihn gefragt, ob er was weiß?« Vielleicht war Jacob ja zu seinem Vater gefahren, überlegte sie.
»Nein«, antwortete Karin knapp und trotzig.
»Also hör mal, was machst du die Pferde scheu, das wäre ja wohl die erste …«
»Jacob ist nicht in Prag. Das wüsste ich. Er hat kein Waschzeug dabei.«
»Kein Waschzeug? Na, dein Mann hätte ja wohl eine Zahnbürste und ein Handtuch für seinen Sohn. Frag doch mal nach.«
»Das kann ich nicht, es ist mitten in der Nacht.«
»Ach, tatsächlich«, sagte Annette in ironischem Ton. »Meinst du, bei mir ist es Mittag?« Einmal mehr spürte sie den alten Zwiespalt, wusste genau, dass sie zu jeder Tages- und Nachtzeit füreinander da waren, noch immer und trotz allem. War das nun immerwährende Freundschaft, Nähe und Vertrautheit? Oder bloß noch ein Reflex? Am anderen Ende der Leitung blieb es lange stumm, dann war ein Schniefen zu hören.
»Ach, Karin«, sagte sie nun sanfter und fragte sich, wann sie zum letzten Mal erlebt hatte, dass ihre alte Freundin weinte. Es musste vor einer Ewigkeit gewesen sein. »Geh doch bei Holger vorbei, besprich dich mit ihm. Er wird dir zuhören.« Warum machte Karin es immer so kompliziert? Es waren keine zehn Minuten zu Fuß von ihrem Haus bis zum Sportplatz, neben dem Holgers Wohnung lag. Weshalb kam sie nicht von selbst auf diese Idee?
»Ich kann doch um diese Zeit nicht im Dorf herumspazieren. Wenn jemand …«
Annette wartete, aber Karin sprach den Satz nicht zu Ende. »Dich sieht, willst du sagen, ja? Du rufst hier an, weil Jacob nicht da ist, bist völlig aufgelöst, aber trotzdem scherst du dich um das Gerede der Leute. Immer und immer wieder.« Ein uralter Groll stieg in ihr auf.
»Ich habe bereits mit Holger telefoniert«, sagte Karin sachlich. »Er weiß auch nicht, wo Jacob sein könnte.«
»Na schön, aber du wärst nicht allein. Und morgen früh klärt sich bestimmt alles auf.«
»Nein, das glaube ich nicht.« Jetzt weinte Karin wieder, ihre Stimme klang brüchig. »Es ist bestimmt etwas passiert. Kannst du nicht herkommen?«
Annette hörte die Tränen und hörte die Angst. Unwillig brummte sie in den Hörer. Eigentlich musste sie das ganze Wochenende arbeiten. Der Bericht über Geogia O’Keeffe anlässlich der Eröffnung einer Ausstellung zu ihren Ehren musste am kommenden Dienstag fertig sein. Die Redaktion kannte kein Erbarmen, wenn es um die Abgabefristen der Texte ging, selbst die Bilder für den Beitrag hatte sie noch nicht ausgewählt. Sie konnte es sich nicht erlauben, den Auftrag zu vermasseln, und das Honorar war auch schon lange verplant.
»Nein, das geht nicht«, sagte sie und spürte selbst, wie wenig überzeugend sie klang.
»Bitte!«, flehte Karin jämmerlich. »Bitte komm her.«
Annette seufzte, und der Druck auf ihr Gewissen verscheuchte jedes ihrer Argumente. »Na gut, ich komme«, sagte sie widerwillig, beendete das Gespräch und schlurfte leise fluchend ins Bad.
Die Strecke kannte sie genau, Berlin – Eschenreuth, vierhundert Kilometer nach Süden, kein allzu weiter Weg und doch jedes Mal die Reise in eine völlig andere Welt, dorthin, wo die Hügel, die Häuser und die Straßen alte Geschichten flüsterten. Wo die Blicke der früheren Nachbarn sich noch heute verfinsterten, wenn sie auf der Straße rauchte, so wie schon vor vierunddreißig Jahren, als sie sechzehn war. Wo die Männer kein Treffen der Reservistenkameradschaft versäumten und die Frauen nach der Messe das Mittagessen kochten, sobald sie nach Hause kamen. Alle Frauen. Auch Karin. Annette wäre am liebsten auf der Stelle umgedreht, als sie daran dachte. Sie fuhr nicht mehr oft nach Eschenreuth, seit ihre Mutter gestorben und ihr Vater zu Rosis Familie nach Nürnberg gezogen war. Ihre Schwester hatte alles geregelt, das Elternhaus über der Backstube, in die ihr Vater jeden Morgen um drei hinuntergestiegen war, gehörte wie auch der Laden mit dem Café längst einer jungen Familie, und diese Leute waren die einzigen Menschen im Dorf, die Annette nicht kannten. Alle anderen wussten genau Bescheid über das Vogl-Mädchen, das so jung schon ausgeflogen war. Ausgeflogen in eine eingemauerte Stadt mitten in der Ostzone. Keinen Mann hatte das Vogl-Mädchen, aber es wurde gemunkelt über diese andere Sache, über die man gar nicht wirklich munkeln konnte, weil es dafür keine Worte gab in Eschenreuth. Wohl aber rümpfte man die Nase oder riss schon mal Witze oder beides, je nach Laune und Tagesform. Doch wenn sie durch den Ort ging, hoben die alten Männer die Hüte an und die Frauen nickten sacht. Ihr Vater hatte für sie alle das tägliche Brot gebacken, die wenigen kleinen Pensionen mit frischen Semmeln versorgt und den Leuten manche Hochzeitstorte kreiert. Ihre Mutter war stets freundlich gewesen, wenn sie im Laden bediente oder im Café die Bestellungen aufnahm, immer gut gelaunt, immer flott und niemals krank. Ja, man grüßte das Vogl-Mädchen, wenn es wieder angeflogen kam, mal zu Ostern, mal im Sommer, mal zur Weihnachtszeit. Kam sie am Dorfplatz vorbei, betrachtete man sie wie ein seltenes Gewächs, eine fleischfressende Pflanze vielleicht, und sie krallte die Hände fest um das Steuer des Wagens, als sie es sich vorstellte.
Nach zweieinhalb Stunden auf der Autobahn rutschte die Tankanzeige in den roten Bereich. Es passte ihr nicht, die Fahrt unterbrechen zu müssen, aber sie hatte keine Wahl und setzte den Blinker, als die Ausfahrt zum Rasthof in Sicht kam. Erst als das Benzin durch den Zapfhahn lief, spürte sie, wie müde sie war, und sie stellte sich vor, wie Grit den Kopf schütteln würde und wie sie erfüllt wäre von bitterem Spott. Sie hatte Grit vertröstet wegen der Story über Georgia O’Keeffe. Einmal mehr keine Zeit wegen der Arbeit. Dagegen war nichts einzuwenden, und Grit hatte nichts eingewandt. Wie sollte sie ihr nun den plötzlichen Aufbruch erklären? Ein Notfall, gewiss. Aber irgendein Fall war es immer, wenn es um Karin ging, ein Ausnahmefall manchmal, ein spontaner Einfall hin und wieder, ein Rückfall zumeist. Was willst du da noch?, fragte Grit in eifersüchtigem Ton, und Annette konnte ihr keine Antwort darauf geben. Einst war dieses Dorf ihr erschienen wie das tote Ende der Galaxis, und so war sie losgezogen ins Zentrum der Milchstraße, die von Mauern umgeben war. Von einer Sonne zur nächsten war sie gedüst, eine aufregende Zeit, wunderbar, grausam und dann wieder schön. Die Sonnen waren hell gewesen und heiß, aber dann hatten sie sich aufgebläht und waren verglüht, eine nach der anderen. Supernova. Sternenstaub. Und das Dorf mit all seinen Menschen war immer noch da. Hier hatte sie laufen gelernt. Lesen gelernt. Lieben gelernt. Jaja, auch das.
Als sie das Benzin bezahlt hatte, verspürte sie ein dringendes Verlangen nach heißem Kaffee, fuhr ein paar Meter weiter und balancierte kurz darauf ihr Tablett zu einem Tisch am Fenster des Restaurants. Durch die regennassen Scheiben betrachtete sie das monotone Grau des herbstlichen Himmels in der Morgendämmerung. Sie zog den Deckel von einem winzigen Sahnetöpfchen und gab seinen Inhalt in den Becher, ließ eine zweite Portion folgen und rührte um. Sie trank einen kleinen Schluck, aber der Kaffee war noch viel zu bitter. So ging sie noch einmal zur Selbstbedienungstheke und griff erneut in den Korb mit der Sahne. Die Kassiererin, eine junge Frau mit einer langen blonden Mähne und einem Pferdegesicht, unterbrach die gelangweilte Prüfung ihrer Fingernägel und schaute auf. Es lag etwas Tadelndes in ihrem Blick. Ein Becher Kaffee und drei Portionen Sahne. Unmäßigkeit hieß das Wort, das ihr aus den Augen stach. Warum verwendeten sie auch diesen Plastikmüll, dachte Annette, nahm den Korb in die eine Hand und wühlte mit der anderen darin, nahm Töpfchen für Töpfchen heraus und betrachtete die Bilder auf den Deckeln. Die Loreley legte sie ebenso zurück wie St. Bartholomä, aber Schloss Neuschwanstein wählte sie aus und den Hamburger Hafen, Nummer vier und fünf, die sie sicher nicht benötigte. Sie stellte den Korb zurück und lächelte die Kassiererin an. Das Pferd blähte die Nüstern.
Das Restaurant lag noch im Schlaf, aus dem Radio rieselte ein Hit des vergangenen Sommers aus unsichtbaren Lautsprechern in den Raum. Der Parkplatz war beinahe leer, nur ein Mercedes-Transporter stand unweit ihres eigenen Wagens, eines saphirblauen Renault Clio, den der Regen gewaschen hatte. Bodenbeläge – Verlegung und Vertrieb, Herbert Müller, stand auf dem Lieferfahrzeug. Vermutlich war das der Mann, der unweit von ihr mit einem Spielautomaten beschäftigt war. Zusammengesunken kauerte er auf dem Barhocker, das obere Ende seines Hinterns lugte über den Rand der Arbeitshose. In der linken Hand hielt er einen Becher von der Sorte, wie er auch vor Annette stand, mit der rechten schob er in unregelmäßigen Abständen Münzen in einen Schlitz. Seine Augen spiegelten sich im blankpolierten Glas des Automaten, verfolgten gebannt das Blinken der Lichter, schnelle und langsame Sequenzen, untermalt von einem elektronisch verzerrten Ding-Dong, das abwechselnd in schneller Folge Spannung verhieß oder abfallend ein Bedauern zum Ausdruck brachte. Schade, leider nicht gewonnen. Die nächste Münze, bitte.
Sie beobachtete, wie der Mann das Portemonnaie öffnete, dann wandte sie sich ihrem Frühstück zu. Sie hatte sich das vielversprechendste Brötchen ausgesucht, aber auch das erwies sich als Reinfall. Dem pappigen Teig fehlte Salz, die Butter war viel zu dick aufgetragen, und bei näherer Betrachtung musste sie erkennen, dass der Käse sich an den Rändern schon nach oben bog, während er in der Mitte wabbelig war, aufgeweicht von der Tomatenscheibe, die dem traurigen Häppchen als Dekoration dienen sollte und ihm doch nur den Rest gab.
Das Brötchen schmeckte nicht. Nichts schmeckte ihr nach dieser viel zu kurzen Nacht. Jacob weg. Sollte sie sich nun sorgen, wie Karin es tat, oder sollte sie ärgerlich werden, weil der Junge mit seinem Verschwinden alles durcheinanderwirbelte? Es war schon merkwürdig, dass er nicht einmal ihr etwas gesagt oder geschrieben hatte. Waren ihre Besuche bei den Buceks zu selten geworden? Sie erinnerte sich, wie es gewesen war, als er mit einer schlimmen Grippe niederlag, ein blasses trauriges Kind in einem riesigen Federbett, die Augen fiebrig und feucht. Meine Playmobil-Ritter sind weg, hatte er gejammert, und sie hatte ihm zu seinem nächsten Geburtstag neue besorgt. Von Sascha hatte Jacob ihr erzählt, seinem Lieblingsonkel, diesem Aussteiger, wie die Leute im Dorf ihn nannten. Sascha macht bunte Lederschuhe in Spanien, hatte er geflüstert. Aber sag es nicht weiter. Vertrauen war schön, aber es konnte einen auch in die Zwickmühle bringen. Wann immer sie aus dem Kinderzimmer kam, hatte Karin sie verletzt angesehen. Warum verrätst du mir nicht, was er dir erzählt? Warum verrätst du mich? Stumme Fragen, doch Annette war standhaft geblieben. Schließlich hatte sie Jacob ihr Indianerehrenwort gegeben, und Indianerehrenwörter brach man nicht.
Aber nun war Jacob kein Kind mehr. Inzwischen spürte sie, dass er sich auch vor ihr verschloss, oder lag es nur an der Pubertät? Vielleicht hatte sie ihn in letzter Zeit zu wenig beachtet. All die Ereignisse, über die sie schrieb und die ihre Aufmerksamkeit forderten, Konzerte und Varietés, Vernissagen und Finissagen, Lesungen, Filmpremieren und Theaterabende, dazu all die privaten Verabredungen. Und Grit. In Berlin fand ihr Leben statt – ein Leben, von dem Jacob nicht viel mitbekam. Seine Nachrichten waren nur wenige von all jenen, die ihren elektronischen Briefkasten überschwemmten. Es blieb nicht viel Raum für einen Teenager. Dabei war es gerade mit einem Jugendlichen wie mit allem anderen auch. Man musste sich ihm ganz widmen oder gar nicht. Alles andere war Wischiwaschi, alles andere schadete nur.
Sie betrachtete den letzten Happen in ihrer Hand und seufzte. Sie sollte viel langsamer essen, sollte sich noch ein Brötchen kaufen und noch eines, egal, wie es schmeckte. Sie sollte sich einen riesigen Salat auftürmen, sich Rühreier von den Warmhalteplatten aufladen und das komplette Buffet in aller Ruhe verspeisen, nur um nicht dieser Ungewissheit entgegenfahren zu müssen. Was würde sein, wenn Karin recht behielte und wirklich etwas passiert war? Sie spürte es in jeder Zelle ihres Körpers. Nichts Gutes kam da auf sie zu.


