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»Und?«, Henrys Stimme verriet bloß mittelmäßiges Interesse.
»Schau dir mal die Beträge an, hier.«
Hancock fuchtelte mit dem Mauszeiger über den Bildschirm und Huxley rückte näher, um die Zahlen lesen zu können. Dann blickte er den Professor überrascht an.
»Hast du das mal addiert?«
»Hab ich. Es sind zweihundert und achtunddreißig Millionen Dollar. Und das bloß im Monat August 2008. Ich hab auch noch zwei, drei andere Dateien gecheckt. Überall ähnlich hohe Summen.«
»Und was ist mit dem vielen Geld passiert?«
»Schau hier.«
Hancock klickte ein weiteres Dokument an. Es stellte sich als Kontoauszug der Wachovia Bank, Filiale Mexico City, für den August 2008 heraus. Darauf waren viele einzelne Zahlungseingänge vermerkt, aber auch ein paar große Belastungen aufgeführt.
Henry schluckte trocken, denn was er hier sah, das schien tatsächlich Sprengstoff zu sein. Da zahlte eine Wechselstube vom Flughafen jeden Tag ein paar Millionen Dollar bar auf ihr Konto ein und ließ es anschließend in wöchentlichen Tranchen auf ein Bankkonto in den USA weiterleiten. Das roch doch selbst für einen blutigen Anfänger nach Geldwäscherei. Hatten die Banker in Mexico City etwa Tomaten auf den Augen?
»Es kommt noch besser«, meldete sich Hancock, diesmal in einem bissig-satirischen Tonfall, und riss Henry aus seinem Gedankengang, »hier, das Empfängerkonto bei der Wachovia in Miami.«
Er öffnete ein drittes Dokument und Henry sah dort die wöchentlichen Überweisungen aus Mexico City aufgelistet. Daneben gab es eine große Anzahl von Belastungen. Sie gingen in alle Welt, vornehmlich aber an Banken in der Karibik. Erst sammeln, danach verteilen, um es später wieder zu sammeln und dies am besten über mehrere Kontinente und ein Dutzend Bankinstitute hinweg. Klassische Geldwäsche, doch in einer Größenordnung, die schwindlig machte.
»Kannst du den Weg dieses Geldes weiterverfolgen?«
»Nur zum Teil. Ich hab ein Konto bei der Bank of America in Brownsville in Texas gefunden. Es lautet auf eine unbedeutende Firma in Delaware. Auf dieses Konto wurden 2006 innerhalb von zwei Monaten knapp zwanzig Millionen Dollar überwiesen. Wenig später hat man davon eine ausgemusterte DC-9 gekauft. Hier ist die Rechnung der Airline, die ihnen die Maschine verkauft hat.«
Henry blickte fasziniert auf das Dokument, in dem auch die Kennung des Flugzeugs aufgeführt war. Diese McDonald-Douglas würden sie wiederfinden können, egal, wo sie sich auf der Welt gerade befand.
»Weiter«, befahl Henry seinem Bekannten. Auch James schien seine Furcht mittlerweile abgelegt zu haben, wirkte aufgekratzt und eifrig, bis hin zu einer Art von Fiebrigkeit.
»Ich konnte mir bislang erst einen ungefähren Überblick verschaffen. Die Fülle an Dokumenten und Dateien ist ganz einfach erschlagend. Wenn du dieses Material den Behörden zuspielst, dann wird es ziemlich rau zu und hergehen. Das ist Zündstoff pur für jeden Steuerfahnder.«
Mit diesen Worten kehrten die Gedanken von Hancock wieder zu seinem ursprünglichen Problem zurück. Er war durch Henry Huxley zum Mitwisser über ein illegales Milliarden-Dollar-Geschäft geworden, hatte Namen von Firmen, Personen und Banken gelesen, wusste über einige der Wege und der Methoden der Geldwäsche Bescheid. Nicht auszumalen, wenn der Eigentümer dieser Harddisks all das herausfand. Er wäre mit Sicherheit ein toter Mann.
Seine Stimmung trübte sich bei diesem Gedanken augenblicklich.
»Bitte versteh mich nicht falsch, Henry, aber ich habe schon viel zu viel von dem Zeug gelesen. Ich weiß nicht, woher diese Harddisks stammen, und ich möchte im Grund genommen auch nichts weiter über sie erfahren. Doch der Eigentümer der Daten wird bestimmt alle Hebel in Bewegung setzen, um sie zurückzubekommen. Und er wird jeden aus dem Weg räumen, der zum Mitwisser wurde.«
Henry drückte verständnisvoll und freundschaftlich den Oberarm von Hancock: »Keine Sorge, James, ich kann dich gut verstehen und es tut mir ehrlich leid, dass ich dich in diese Angelegenheit hineingezogen habe. Ich konnte nicht ahnen, dass die Daten so brisant sind. Doch eine Bitte hätte ich trotzdem noch. Kannst du mir den Inhalt dieser Harddisks vollständig entschlüsseln und die Daten auf CDs brennen? Dann nehme ich alles mit und niemand wird jemals erfahren, dass du mir bei der Entschlüsselung geholfen hast.«
Hancock nickte: »Okay, Henry. Komm morgen früh, so auf neun Uhr, noch einmal hierher. Bis dahin werde ich wohl fertig sein.«
Huxley verabschiedete sich von Hancock und hatte dabei das unbestimmte Gefühl, einen weiteren guten Bekannten und Freund verloren zu haben. Jimmy Access würde sich bestimmt hüten, ihn in nächster Zukunft noch einmal zu treffen.
*
Die nächsten zwei Wochen verbrachte Henry damit, die Datenfülle der Harddisks zu sichten, zu katalogisieren und auf diese Weise nach und nach ein Netzwerk an Geldströmen aufzuzeichnen. Im Mittelpunkt des entstehenden Geflechts an Firmen und Bankkonten saß als fette Spinne die Wachovia Bank mit Hauptsitz in Charlotte, ein alteingesessenes Institut, gegründet im Jahre 1879 und bis zur Finanzkrise im Grunde genommen über die meisten Zweifel erhaben.
Doch die Auswertung der Dokumente ergab ein klares Bild. Viele Milliarden von US-Dollars waren über die Konten dieser Bank aus Mexiko und anderen Ländern in die USA geflossen. Dort wurden sie gesammelt und anschließend weitergeleitet. Doch die ungeheure Menge und die zweifelhafte Herkunft des Geldes hatten bestimmt sämtliche Alarmglocken der Bank schlagen lassen. Henry stellte zudem fest, dass diese riesige Geldwaschmaschine über sehr lange Zeit in Betrieb war, zumindest fünf Jahre lang. So etwas war im Grunde genommen nur möglich, wenn das oberste Management der Bank gemeinsame Sache mit dem Drogenkartell in Juárez machte.
Wo lag wohl die Grenze zwischen einem Manager einer Bank und einem Ganoven? Hier wurde sie auf jeden Fall weit überschritten. Schon Karl Marx meinte vor mehr als hundert Jahren, was ist schon ein Bankraub im Vergleich zur Gründung einer Bank.
Die Wachovia war ein erschreckendes Beispiel dafür, zu was Geldgier führen konnte. Denn wer diese Drogengeldwaschmaschine aufgebaut und für das Kartell betrieben hatte, der wusste ganz genau, dass hinter den riesigen Summen aus einem Drittweltland auch Tausende von Toten und Millionen von Verzweifelten standen. Nicht nur Kriminelle und Drogenjunkies, sondern auch viele unbeteiligte, ja zufällige Opfer, Familienangehörige und Freunde.
Huxley dachte mit Grauen an das Ausmaß seiner Entdeckung. Denn das Juárez Kartell war ja nur eines von über einem halben Dutzend und die aufgelisteten Umsätze in Milliardenhöhe musste man darum vervielfachen, um die eigentliche Dimension zu erhalten. Ein solch riesiges Geschäft konnte nur unter dem Deckmantel von mächtigen staatlichen Behörden betrieben werden. Geheimdienste wie Regierungsstellen mussten daran beteiligt sein, hingen bestimmt längst am Geldtropf der Drogenmafia, waren mit ihr verbandelt.
Henry musste sich unbedingt mit diesem James Woods in Verbindung setzen.
*
Vicente Carrillo Fuentes saß in einem provisorisch eingerichteten Büro im Schlachthof von Gonzales Alvarez. Der Kartellboss war äußerst gereizt. Vor drei Wochen hatte er Jeffrey Immels angewiesen, ihm die Passagierlisten vom Flughafen in El Paso zu bringen und seitdem nichts mehr vom CIA Agenten gehört. Das musste sich schleunigst ändern.
»Rocky«, rief er befehlend ins Vorzimmer hinüber, zu dem die Bürotür offenstand. Sofort erhob sich dort einer der vier wartenden Mexikaner ächzend vom niedrigen Sofa und ging zu seinem Boss hinüber. Rocky war nur mittelgroß, jedoch ungeheuer breit gebaut, mit einem mächtigen Brustkorb und überdicken Oberarmen. Sein Kopf schien kugelrund, mit kurz geschnittenem, schwarzem Haar. Das Atmen durch seine breite, flach gedrückte Nase fiel ihm schwer und er schnaufte darum ständig, so dass er einem gereizten Toro glich, der durch seine Nüstern schnaubte.
»Ja, Vicente?«
Carrillo pflegte einen eher lockeren Ton mit allen Mitarbeitern, im besonderen Maße jedoch mit seinen zahlreichen Leibwächtern. Die Bindung zu ihnen verstärkte sich durch den familiären Umgang und wer verrät schon gerne seinen Vater oder den eigenen Bruder, lässt ihn abschießen oder tötet ihn gar selbst?
»Geh rüber nach El Paso und such diesen Jeffrey Immels auf. Sag ihm, meine Geduld ginge langsam zur Neige.«
»Zur Neige?«
Rocky schien über keinen allzu großen Wortschatz zu verfügen.
»Na, zu Ende, conexíon, al final.«
»Aha, das meinst du, Boss«, der Toro nickte bedächtig, »und wo finde ich diesen Immels?«
Stupide Menschen waren zwar nützlich, konnten einem aber auch gehörig auf den Senkel gehen. Carrillo schluckte eine scharfe Erwiderung, die bereits auf seiner Zunge lag, trocken hinunter und bellte stattdessen: »Na, wo schon. Im Hotel Carlyle. Das solltest du mittlerweile wissen.«
»Und wenn er nicht dort ist?«
Carrillo Geduldsfaden spannte sich bis knapp vor dem Zerreißen.
»Dann hinterlässt du ihm eine Nachricht an der Rezeption.«
Rocky wandte sich um und tappte zur Tür, drehte sich dann aber wieder zu Carrillo um.
»Was für eine Nachricht?«
Der Kopf des Kartellbosses lief dunkelrot an, während sich seine Augen vor Verzweiflung und Wut weiteten. Rocky quittierte dies mit einem verstört fragenden Blick. Ihm war immer noch nicht bewusst, dass er mit seiner Dämlichkeit kurz vor einer Bleikugel im Schädel stand.
Vicente Carrillo stieß hörbar die Luft aus seinen Lungenflügeln und die ungesunde Farbe wich aus seinem Gesicht.
»Dass meine Geduld bald zu Ende sei.«
Rocky nickte.
»Comprende, Vicente. Bitte hab etwas Geduld mit mir. Ich kapier nicht alles auf Anhieb.«
»Aber die habe ich doch, Rocky«, meinte Carrillo mit aufgesetzter Freundlichkeit, hinter der sich seine innere Wut nur ungenügend verbarg, »und schließe bitte die Türe hinter dir.«
Der Muskelmann war noch nicht lange Teil seines Rund-um-die-Uhr Bewachungsteams, vielleicht seit drei Monaten. Er ersetzte Franco, der in Untersuchungshaft saß und auf seine Verhandlung beziehungsweise auf seine sichere Verurteilung wegen Mordversuch und illegalem Waffenbesitz wartete. Franco würde wohl kaum in den nächsten sechs Jahren freikommen. Mit etwas Wehmut dachte Carrillo an den ehemaligen Footballspieler, der viele Jahre als Verteidiger bei den Arizona Cardinals gearbeitet hatte und ihm seit seinem Karriereende gute Dienste leistete. Mit seinen dreihundert zwanzig Pfund war Franco stets ein gewichtiges Argument in jeder körperlichen Auseinandersetzung gewesen. Und dabei war der Zwei-Meter-Mann auch noch mit einem gehörigen Maß an Intelligenz ausgestattet, im Gegensatz zum stupiden Rocky. Mit seiner Dämlichkeit war dieser geistige Blindgänger ein Risiko. Carrillo war längst klar geworden, dass er für seinen neuen Bodyguard mittelfristig eine abschließende Lösung finden musste. Eine Felsspalte in den Bergen und eine gnädige Kugel im Kopf konnten das Problem rasch aus der Welt schaffen. Carrillo nahm sich vor, daran zu denken, wenn er seine rechte Hand Armando das nächste Mal traf.
Leise ging die Tür wieder auf und Rocky schob seinen Kopf ins Büro, sah Carrillo treuherzig an.
»Was ist denn noch?«, fuhr dieser seinen Leibwächter an, »bist du immer noch nicht unterwegs?«
»Ich hab’s ihm ausgerichtet, Vicente«, vermeldete der Muskelmann stolz.
»Wem ausgerichtet?«
»Na, diesem Immels. Ich hab ihm gesagt, dass deine Geduld zu Ende sei.«
Carrillo schüttelte verwirrt seinen Kopf.
»Wie? Was?«
»Na, er ist doch hier, dieser Immels, eben eingetroffen.«
Der Kartellboss fühlte sich auf einmal unendlich müde. Zehn Minuten mit Rocky zu verbringen war mindestens so anstrengend wie zwei Stunden lang als einziger Hirtenhund eine große Schafherde zusammen zu halten. Seine geistigen Lämmer wollten nicht zusammenbleiben, strebten ständig auseinander.
»Und warum lässt du ihn dann nicht herein, Rocky?«
Die Stimme von Carrillo klang sanft, fast säuselnd und drückte Geduld und Freundlichkeit aus. Gleichzeitig blitzten die Augen des Bosses jedoch gefährlich böse auf, was diesmal sogar vom Muskelmann bemerkt wurde. Mit einem, »entschuldige«, zog er rasch seinen Kopf aus dem Türspalt.
Jeffrey Immels kam ein paar Sekunden später gutgelaunt wie immer und mit seinem grässlichen, breiten Südstaatenlächeln herein und drückte gleich die Tür hinter sich ins Schloss. Noch auf dem Weg zum Pult öffnete er die mitgebrachte Ledermappe und zog einen Stapel mit Blättern hervor, die er vor Carrillo hinlegte.
»Hier, bitte sehr, Vicente, wie von Ihnen bestellt.«
Der Kartellboss blickte kalt auf seinen Verbindungsmann zur CIA.
»Und warum hat es so lange gedauert? Hattet ihr so viele von euren eigenen Leuten zu streichen?«
Immels überhörte den gefährlich gereizten Unterton in der Stimme von Carrillo keineswegs. Etwas Kaltes und Feuchtes schien plötzlich seinen Rücken hinunterzukriechen. Immels räusperte sich.
»Nein, das nicht. Doch wir haben die Liste selbst erst einmal etwas genauer unter die Lupe genommen. Wenn Sie mir nur ein paar zusätzliche Hinweise zu den Tätern machen könnten, würden wir Sie gerne bei der Suche nach ihnen unterstützen.«
Der letzte Satz kam fast treuherzig über die Lippen des sonst knallharten Agenten. Carrillo lächelte ihn dünn an.
»Solange ich nicht weiß, wer tatsächlich hinter dem Überfall steckt, traue ich nicht einmal meinen eigenen Leuten über den Weg, geschweige denn Ihrer Agency.«
Nach diesen kalt gesprochenen Worten kam sich Jeffrey Immels recht überflüssig vor, da sich der Kartellboss über die Papiere gebeugt hatte und zu lesen begann. Den CIA-Beamten überkam das unbestimmte Gefühl, es wäre seiner Gesundheit zuträglicher, möglichst rasch zu gehen. Er wartete deshalb mit zunehmender Ungeduld auf seine Entlassung.
»Also gut, Vicente. Melden Sie sich bitte, wenn ich noch etwas für Sie tun kann.«
Carrillo hatte sich in seinem Bürostuhl zurückgelehnt und betrachtete sein Gegenüber schweigend und abschätzend. Leicht wippte die Lehne hin und zurück, verriet damit die innere Anspannung des Kartellbosses. Immels drehte sich wortlos auf seinen Absätzen um und verließ das Büro beinahe fluchtartig und ohne einen Abschiedsgruß. Nie zuvor in seinem recht bewegten Leben hatte er je den eisigen Hauch des Todes so deutlich und so nahe verspürt.
*
Für sein erstes Zusammentreffen mit Martin Woods hatte sich Henry die Food Hall von Harrods, genauer gesagt die Abteilung für Früchte und Gemüse ausgesucht. Woods war zwar vom Ort anfänglich etwas irritiert gewesen, fühlte sich zwischen den vielen ausländischen Touristen und den wenigen Londonern auch sichtlich unwohl. Doch nach zwei, drei Minuten wurde ihm bewusst, wie klug der Ort im Grunde genommen ausgesucht war. Das Stimmengewirr in mehreren Sprachen verursachte einen hohen Lärmpegel, der von den Kacheln zurückgeworfen und noch verstärkt wurde, so dass man zeitweise kaum sein eigenes Wort verstand. In diesem Raum musste wohl jedes Richtmikrophon kläglich scheitern. Zudem waren die vier Eingänge zur Halle einfach zu überblicken.
»Vielen Dank, dass Sie Zeit für mich gefunden haben.«
Woods hatte sich eben noch einen kunstvoll geschichteten Haufen wunderschöner, gewachster und polierter Äpfel angesehen. Henry Huxley hatte sich mit seinem Einkaufskorb daneben gestellt und besah sich ebenfalls die Ware, wirkte unentschlossen und kritisch.
»Was möchten Sie von mir wissen?«
Das ganze Treffen kam dem ehemaligen Geldwäscherei-Experte der Wachovia Bank unwirklich vor. Ihn beschlich plötzlich die Vorstellung, es könnte sich um einen üblen Scherz oder gar um Versteckte Kamera handeln. Man vereinbarte mit einem Prominenten fünfter Klasse eine seltsame Zusammenkunft, brachte ihn in eine unmögliche Situation und führte ihn so den Zuschauern vor. Unwillkürlich suchte er die Gestelle nach verborgenen Linsen ab.
Henry hatte erst das Minenspiel und den anschließenden Rundblick von Woods bemerkt und lächelte dünn.
»Keine Sorge, Mr. Woods. Ich bin echt und ich habe auch einige Fragen an Sie.«
»Aber warum dieser Ort? Ich komm mir vor wie in einem schlechten Agententhriller.«
»Zu Ihrer eigenen Sicherheit, Mr. Woods. Es ist besser, wenn man Sie nicht mit mir in Verbindung bringen kann.«
Woods blickte Huxley zweifelnd an, überlegte sich ernsthaft, ob er diesen seltsamen Menschen neben sich nicht besser stehen ließ und nach Hause ging. Doch Henrys nächste Worte hielten ihn auf jeden Fall auf.
»Sie waren bei der Wachovia für Geldwäscherei etwa drei Jahre lang tätig, haben danach ihre Anstellung gekündigt. Können Sie mir sagen, warum?«
Woods blickte etwas verärgert auf Huxley, der seinen Blick in der Halle umherschweifen ließ, so als suchte er ein bestimmtes Gemüse oder eine Fruchtsorte.
»Die Gründe gehen Sie nichts an«, bemerkte der ehemalige Supervisor kurz angebunden.
»Sie waren doch auch für Scotland Yard tätig? Zumindest dort waren Sie bestimmt ein stets ehrlicher und loyaler Beamter, wie man mir erzählt hat.«
Woods Gesicht drückte Unwillen und Misstrauen aus.
»Hören Sie. Wer sind Sie eigentlich, dass Sie glauben, über mich Bescheid zu wissen und mich beleidigen zu können?«
Henry hob beschwichtigend seine rechte Hand.
»Mir wurden Unterlagen zugespielt. Sie betreffen verschiedene Geschäftskonten bei der Wachovia in den USA und Mexiko«, begann er seine Erklärung, »und diese Dokumente zeigen einen solch ungeheuren Fall von Geldwäscherei auf, dass es unmöglich erscheint, Sie und Ihre Mitarbeitenden bei der Wachovia hätten ihn übersehen können.«
Der ehemalige Beauftragte gegen Geldwäscherei nagte verunsichert auf seiner Unterlippe.
»Papier ist geduldig«, versuchte er dann doch abzuwimmeln, was Henry sogleich quittierte.
»Sagt Ihnen der Name einer Kette von Wechselstuben etwas? Casa de Cambio Puebla? Oder die Firma Fun Stuff Enterprise in Miami? Oder wissen Sie vielleicht sogar etwas über den Kauf einer DC-9 von der Delta Airline über ein Konto der ehemaligen Wachovia Bank?«
Das Gesicht von Woods lief weiß an und er schluckte trocken: »Sie scheinen über einige Informationen zu verfügen, wie mir scheint. Doch damit können Sie mich nicht erpressen.«
Henry winkte ab.
»Mir geht es nur um eines: Haben Sie Ihren Job gekündigt, weil man Sie im Management beim Kampf gegen die Geldwäscherei nicht unterstützt hat? Oder lagen andere Gründe vor.«
Woods kämpfte nicht lange mit sich. Sein Gewissen verlangte schon seit langer Zeit von ihm, Informationen über all die illegalen Tätigkeiten seines früheren Arbeitgebers öffentlich zu machen. Auch wenn ihm seine Austrittsvereinbarung dies ausdrücklich verbot und er mit harten Zivilklagen rechnen musste.
»Ja, ich war dort bloß das Feigenblatt für die Finanzmarktaufsicht. Die ersten beiden Jahre dachte ich noch, ich könnte wirklich etwas bewegen, kam mir wie Herkules vor, der einen riesigen Stall auszumisten hat. Doch als auch äußerst stichhaltige Beweise für Geldwäscherei-Geschäfte vom obersten Management in Charlotte einfach vom Tisch gewischt wurden und man mir einen Maulkorb verordnete, musste ich aufgeben. Diese Bank war in ihrem innersten Kern durch und durch unmoralisch und verdorben. Und ich empfinde es als großes Glück und als Gerechtigkeit, dass sie im Strudel der Finanzkrise unterging und in neue Hände kam.«
Henry leckte sich über die Oberlippe. Er spürte, dass Woods nur zu gerne sein Herz weiter ausschütten wollte.
»Und wie groß ist nach Ihren Untersuchungen der Gesamtbetrag der gewaschenen Drogengelder aus Mexiko bei der Wachovia?«
Der Blick von Woods ging durch die Reihen von Früchten und Gemüsen hindurch, verlor sich in der Unendlichkeit.
»Dreihundert und achtundsiebzig Milliarden US-Dollar«, murmelte er mehr zu sich selbst als an die Adresse von Huxley. Henry stieß vor Überraschung einen leisen Pfiff durch seine Zähne aus, der Woods in die Wirklichkeit zurückholte.
»Wären Sie an einer Zusammenarbeit interessiert?«, hakte Huxley nach, wollte den Fisch nicht mehr von der Leine lassen.
»Wer steckt hinter Ihnen?«, wandte sich der Geldwäscherei-Experte Henry zu, »etwa der Britische Geheimdienst? Oder gar eine amerikanische Organisation?«
Henry blickte sich neuerlich suchend in der Halle um, konnte aber weiterhin keine verdächtigen Personen ausmachen.
»Nein. Wir ermitteln auf private Initiative hin.«
Woods stutzte und blickte Huxley dann scharf an.
»Das müssen Sie mir näher erklären.«
*
Atemlos stürzte Armando Vasquez ins Büro von Vicente Carrillo, blieb keuchend vor seinem Pult stehen und starrte seinen Boss mit weit geöffneten Augen an. Sie drückten gleichermaßen Furcht und Verzweiflung aus.
»Was ist«, schnauzte ihn Vicente nach drei Sekunden an, während seine rechte Hand immer noch japste.
»Sie … sind … weg«, stieß er zwischen dem heftigen Schnaufen hervor.
»Wer ist weg?«
»Die … Harddisks... «, stammelte Vasquez.
»Von was sprichst du, Armando?«
Aus der Stimme von Vicente konnte man den leichten Ärger heraus spüren, aber auch ein bereits aufkommendes Desinteresse.
»Die Harddisks aus den Servern, aus unserem früheren Hauptquartier.«
Vicentes Gesichtszüge versteinerten und sein linkes Augenlid begann zu flackern, während der Boss des Juárez-Kartells seine Gedanken fliegen ließ.
»Etwa unsere Buchhaltung?«, schrie er seinen Stellvertreter plötzlich an, sprang auf und packte Vasquez mit seinen kräftigen Fäusten über die Pultplatte hinweg am Revers der Jacke und zog ihn halb zu sich hinüber.
»Sag, dass das nicht wahr ist«, herrschte er ihn an, bevor er seinen Mitarbeiter von sich stieß.
»Doch. Alles ist weg. Die gesamten Daten. Es fiel einem Arbeiter auf, der beim Abbruch des ausgebrannten Gebäudes mithalf. Er hat sich über das fast leere Metallgehäuse gewundert und es seinem Vorarbeiter gezeigt. So kam es raus.«
Vicente Carrillo setzte sich wieder zurück in seinen Sessel hinter dem Pult und starrte Vasquez finster an.
»Und was bedeutet das für uns?«
Armando schluckte erst einmal trocken und begann dann zu erklären: »Vorerst wahrscheinlich gar nichts. Alle Daten sind selbstverständlich verschlüsselt. Mit der neuesten Technik. Da kommt niemand so leicht ran. Von allen Dateien hatten wir selbstverständlich auch Sicherheitskopien zur Verfügung. Die lagen wie immer im feuersicheren Schrank gut verstaut und hatten den Brand unbeschadet überstanden. Darum dauerte der Unterbruch auch bloß zwei Tage, bis wir wieder voll funktionsfähig waren.«
Die Worte seines Stellvertreters besänftigten den Boss des Kartells ein wenig. Äußerlich wieder völlig ruhig und sachlich fragte er: »Und wie groß sind die Chancen, dass die Diebe unsere Verschlüsselung knacken können?«
Vasquez beeilte sich mit der Antwort.
»Unsere Experten sagen, die Amerikaner könnten es schaffen, zumindest der NSA. Ebenfalls die Israelis. Die Russen und Chinesen mit großer Sicherheit genauso. Vielleicht sogar ein paar europäische Länder. Aber niemand aus Mexiko oder sonst wo in Lateinamerika.«
Carrillos Gehirn begann zu rasen.
Wer steckte bloß hinter dem Überfall und dem Diebstahl der Daten? Laut Jeffrey Immels war es bestimmt keine amerikanische Behörde. Und die Chinesen, Russen und Israelis hatten wohl kein Interesse an ihrem Grenzgeschäft mit den USA. Blieben höchstens noch die Europäer. Doch was konnte deren Motiv sein? Das Kokain für den alten Kontinent ging direkt von Kolumbien und Ecuador aus über See- und Luftfrachten auf den alten Kontinent. Und soweit er wusste, beteiligte sich kein einziges der mexikanischen Kartelle an diesem Geschäft. Was hätten also die Europäer gegen ihn hier in Juárez haben können?
Carrillo hatte eine Entscheidung getroffen.
»Na gut. Die Liste mit den Flugpassagieren hast du von mir erhalten. Ich will, dass jeder einzelne von ihnen überprüft wird. Schaut euch vor allem die Europäer genauer an. Ein Gefühl sagt mir, dass wir dort am Ehesten fündig werden.«
Und als sich Vasquez abwenden wollte, ergänzte er: »Ich will die Schweinehunde lebend in meine Finger bekommen, Armando. Ich will nicht, dass sie einen allzu leichten Tod sterben.«




