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»Es geht um einen äußerst delikaten Auftrag, den ich letzte Woche angenommen habe. Und ich hoffe, ihr beide macht mit, wenn ihr erst einmal die Details und die Hintergründe kennt.«
Weder Toni noch Henry antwortete, was Jules als Aufforderung verstand, weiterzusprechen.
»Ich soll für eine Interessengruppe in der Schweiz die Regierungsbehörden der USA bloßstellen, vor allem die amerikanischen Geheimdienste.«
Toni sah Jules kurz von der Seite her an, hatte seine Stirn dabei krausgezogen. Man sah ihm an, dass ihm eine scharfe Entgegnung auf der Zunge lag, sie jedoch aus Freundschaft zu Jules noch zurückhielt. Henry starrte dagegen, ohne eine Regung zu zeigen weiterhin über den Bug des Bootes hinaus auf die weite See.
»Es geht dabei nicht um den Verrat von Geheimnissen, welche die nationale Sicherheit der USA betreffen könnten«, erklärte Jules den beiden nun, »es geht einzig darum, Beweise für illegale und verfassungswidrige Tätigkeiten sicherzustellen und dabei die Verbindungen der amerikanischen Regierung und ihren Behörden zur Unterwelt und möglicherweise zu Terror-Organisationen aufzuzeigen.«
»Und was bezweckt diese Interessengruppe damit?«, fragte Toni mit einem Seitenblick auf Jules.
»Sie will sich mit einer Veröffentlichung der Beweise für den Angriff auf das Bankkundengeheimnis in der Schweiz rächen.«
»Eine Retourkutsche? Und da machst du mit, Jules?«
Der Missmut war in der Stimme Toni Scapias nicht zu überhören.
»Es ist nicht bloß eine Retourkutsche, Toni. Es geht auch nicht gegen das amerikanische Volk, das ich für seinen Mut, sein Streben nach Freiheit und dem persönlichen Glück noch immer sehr bewundere. Es geht einzig und allein gegen den Missbrauch von Macht, gegen die Feinde des wirklichen amerikanischen Geistes, gegen all jene, die eure Verfassung seit vielen Jahren mit Füßen treten und die parlamentarische Aufsicht bewusst umgehen. Die wirklichen Feinde der USA sind mein Ziel. Nur aus diesem Grund habe ich den Auftrag angenommen. Denn die Behörden der größten und mächtigsten Nation der Welt dürfen sich nicht länger außerhalb aller demokratischer Kontrollen bewegen und willkürlich Gesetze brechen.«
Toni dachte über die Worte seines Freundes aus der Schweiz nach. Dann gab er sich einen Ruck.
»Also gut, Jules. Du weißt, dass ich dich und deine Meinung schon immer hochgeschätzt habe. Aus diesem Grund vertraue ich dir auch in dieser Sache. Fahr bitte weiter.«
Mit einem kurzen Seitenblick auf Henry versicherte sich Jules auch dessen Zustimmung. Der Brite wirkte angespannt, ähnlich einem Jagdhund, der genau spürte, dass er bald von der Leine gelassen wurde und sich auf die Hatz eines Wildes freute.
»Von der Interessengruppe in der Schweiz habe ich als Basismaterial für unsere Untersuchungen die Daten zu einigen hundert dubiosen Geldzahlungen erhalten. Es sind Überweisungen von amerikanischen Unternehmen an ausländische Firmen, deren Höhe stutzig machen und deren mögliche Hintergründe sehr vage sind. Wenn, wie in einem Fall, eine unbekannte Briefkastenfirma in Delaware 750’000 Dollar an eine kleine Spenglerei auf Antigua überweist, dann ist dies schon recht seltsam, vor allem, wenn man weiß, dass die Spenglerei in Wahrheit in einem Einfamilienhaus am Stadtrand von Saint John’s firmiert ist und über keinerlei Werkstatt verfügt.«
»Du sprichst von Geldwäscherei?«, warf Henry nun ein.
»Möglicherweise. Vielleicht steckt aber auch mehr dahinter. Denn die Post dieser Briefkastenfirma in Delaware wird an eine Adresse in New York weitergeleitet, an eine zwei Zimmer Wohnung in SoHo. Im selben Haus wohnt zufälligerweise ein Mitarbeiter des CIA, früher ein hochrangiger Agent im Außendienst.«
Toni und Henry blickten Jules fragend an, der in ihrer Mitte stand.
»Und was sollen wir da noch zusätzlich herausfinden? Wer die Briefkästen in New York und Saint John’s leert, oder was?«
Jules schüttelte den Kopf.
»Ich will herausfinden, wie oft und zu welchen Zwecken diese Zahlungen fließen, woher sie kommen und wer ihr endgültiger Empfänger ist. Und ich will dazu stichhaltige Beweise sammeln, Dokumente mit Unterschriften, welche die Federführung der US-Behörden eindeutig machen. Der Welt soll bewiesen werden, wie wenig sich die Geheimdienste der USA an Recht und Gesetz halten und wie sehr ihr Tun von der Administration in Washington nicht nur gedeckt, sondern unterstützt wird.«
Henry bewies mit drei kurzen Fragen, wie genau er verstanden hatte.
»Wie willst du vorgehen? Wie sieht deine Terminplanung aus? Und wie steht es mit den Finanzen?«
Jules Lederer musste über die militärisch knappe Aufzählung der Problemkreise lächeln. Er hatte nichts anderes vom Briten erwartet.
»Wir sollten am Anfang zweigleisig vorgehen. Dabei ist das Aufdecken des Netzwerks an Briefkastenfirmen in den USA und in der Karibik ein vordringliches Ziel. Denn vor allem darüber dürften illegale Gelder gewaschen und an die wirklichen Empfänger weitergeleitet werden. Und wir müssen den Ursprung des Geldes feststellen, auch in welcher Höhe und auf welchen Wegen sie den Behörden der USA zugeleitet werden. Irgendwo werden sich die Geldströme dabei treffen und so eine beweisbare Verbindung herstellen. Vielleicht können wir hinterher auch der tatsächlichen Verwendung der Gelder nachspüren und auf diese Weise Verbindungen zu Terrorakten oder Bürgerkriegen aufdecken.«
»Denkst du bei der Mittelbeschaffung vielleicht an Mexiko und ihrem seit Jahren tobenden Drogenkrieg, an dem auch die US-Industrie mit jährlichen Waffenlieferungen in Milliardenhöhe mitverdient?«, die Stimme von Toni drückte echte Besorgnis aus, »über die Entwicklung an der Südgrenze der USA mache ich mir, aber auch einige meiner Freunde schon seit längerer Zeit unsere Gedanken. Die Drogenkartelle in Mexiko haben längst jeden Skrupel abgelegt, bekämpfen mittlerweile die Staatsorgane völlig offen, scheinen sich mächtig genug zu fühlen, um selbst die mexikanische Regierung unter Druck zu setzen.«
»Ja, der Drogenschmuggel aus Mexiko ist mit Sicherheit eine der wichtigen Geldquellen in diesem dreckigen Spiel«, stimmte Jules seinem Freund sofort zu, »denn ohne Unterstützung der amerikanischen Behörden wären die riesigen Mengen an Drogen kaum über die Grenze in die USA zu schaffen. Und diese Hilfe dürften sich die Geheimdienste von den mexikanischen Drogenbossen fürstlich bezahlen lassen. Denn wenn saudi-arabische Terroristen in irgendwelchen Berghöhlen in Afghanistan von den US-Geheimdiensten aufgespürt werden können, dann müssten sie doch mit Leichtigkeit hier, direkt an ihrer Grenze, das Böse erwischen können, wenn sie nur wollten. Eventuell könnten wir zusätzlich auch noch in Kolumbien, Ecuador oder Venezuela Ansatzpunkte für die illegale Tätigkeit der US-Geheimdienste finden?«
»Und wer soll welches Aufgabengebiet übernehmen?«
Huxleys Gesicht verriet eine innere Erregung. Unter der kühlen und geschäftsmäßig wirkenden Oberfläche war seine Abenteuerlust erwacht. Es gab neue Geheimnisse, man wollte sie gemeinsam aufdecken, dafür benötigte man brauchbare Pläne.
»Ich möchte dich bitten, Henry, in Mexiko tätig zu werden. Du hast mir mal erzählt, dass du früher in diesem Land einige Zeit gearbeitet hast. Du könntest einen Weg finden, um an die Daten der Drogenbosse zu gelangen, an Informationen über Bestechungen von Behörden zum Beispiel oder dem Geldfluss. Vielleicht musst du dazu ein eigenes Team aufstellen oder gar Bandenmitglieder vor Ort kaufen, falls möglich. Denk dir etwas in diese Richtung aus.«
Huxley nickte zu den Worten von Lederer, so als wenn der ihm eine Einkaufsliste diktiert hätte, deren Inhalt er im nächsten Tankstellenshop bequem besorgen konnte.
Toni Scapia meldete sich nun zu Wort.
»Und ich soll wohl den Maulwurf in Delaware und Nevada spielen, ein paar Fäden ziehen und hoffen, dass sich in einem immer dichter gewobenen Netz einige Schmeißfliegen verfangen?«
Jules und Henry lachten über die blumige Beschreibung des Amerikaners laut auf.
»Genau, mein lieber Toni, du sollst die Spinne sein, die mit ihrem Nachwuchs ein Netz aufzieht, in dem sich möglichst fette Beute verfängt und verheddert. Denn wenn eine Bombe in Bogota hochgeht, dann hat vielleicht irgendjemand in Washington den Sprengstoff dafür bezahlt. Und das Geld dafür hat bestimmt nicht der US-Kongress bewilligt, jedenfalls nicht offiziell.«
»Und wie sieht dein Zeitrahmen aus, Jules? Eine solche Operation ist nicht von heute auf morgen in Gang zu bringen.«
Henry wollte den zweiten Punkt auf seiner Liste dringend abhaken.
»Wir müssen die Dinge sehr vorsichtig angehen und uns genügend Zeit lassen. Ihr selbst müsst bestimmen, wie rasch ihr vorwärtskommen könnt. Ich habe mich für zwölf Monate, das heißt Bis Ende Jahr, verpflichtet. Spätestens im Dezember ziehen wir also endgültig Bilanz und entscheiden, ob ein Weitermachen sinnvoll ist.«
»Und die Finanzen?«
»Wir haben vorerst einen Betrag von fünfzig Millionen Schweizer Franken zur Verfügung.«
Toni pfiff durch die Zähne.
»Deine Interessengruppe scheint eine Stinkwut auf uns Amis zu hegen.«
»Nur auf einige Behörden, Regierungsstellen und Parlamentarier«, beschwichtigte Jules, »auf Leute, die im Wirklichkeit gegen all das Arbeiten, was die USA letztendlich ausmachen. Übrigens habe ich für euch Nummernkonten einrichten lassen. Hier habt ihr die Details und die Kennwörter dazu.«
Jules zog zwei beschriebene Visitenkarten unter dem Neopren-Anzug hervor und überreichte sie nach einem kurzen Kontrollblick an Henry und Toni.
»Es sind auf jedem zehn Millionen Dollar einbezahlt. Meldet euch, wenn ihr mehr benötigt. Und gebt mir bitte regelmäßig Bericht darüber, wie ihr vorankommt. Wir halten auf jeden Fall Verbindung untereinander. Auf dem üblichen Weg.«
Toni hatte vor der Bucht einen weiten Bogen gezogen und näherte sich wieder dem Segelboot von Jules, drosselte das Tempo merklich. Jules verabschiedete sich von seinen beiden Freunden, zog das Headset vom Kopf und die Kapuze und die Taucherbrille wieder über, setzte sich auf die Bordwand und ließ sich rückwärts ins Wasser fallen.
*
Detective Sergeant Dasher suchte als erstes den Vermieter des Opfers auf. Dieser konnte nichts Negatives über den jungen Mann erzählen. Hank Publobsky war vor rund drei Jahren bei ihm eingezogen, bezahlte die Miete stets pünktlich und gab auch sonst keinerlei Anlass zu Reklamationen.
Als Dasher mit ihm zusammen die Wohnung des Ermordeten fünften Stock des schäbigen Mietshauses an der 5th Street untersuchte, bemerkte der Detective Sergeant, wie sich ganz am Ende des Flurs eine Türe nur einen Spalt weit öffnete und ein unruhiges Augenpaar ihn und den Vermieter musterte.
Die Durchsuchung der zweieinhalb Zimmer erbrachte nichts Neues. Hank Publobsky war womöglich der langweiligste Mensch, der in New York lebte. Sein Laptop mit Wireless Internetanschluss schien das Aufregendste im Leben des jungen Mannes gewesen zu sein. Vorsorglich nahm Dasher das Gerät mit. Die Jungs im Labor würden es nach Verwertbarem durchsuchen.
Zurück auf dem Flur verabschiedete sich Dasher rasch vom Vermieter, wandte sich dann um und ging mit strammen Schritten auf die zuvor geöffnete Wohnungstür zu, die im selben Moment ins Schloss gedrückt wurde. Der Detective ließ sich nicht beirren und drückte auf den Klingelknopf. Hernandez, stand auf einem schief angeklebten, fleckigen Zettel darunter.
Der Detective musste mehrmals Läuten und sein innerer Ärger wuchs mit jedem erneuten Betätigen der Türglocke. Endlich meldete sich dahinter eine weibliche, störrisch klingende Stimme.
»Was wollen Sie?«
»Ich bin Detective Dasher vom siebten Bezirk und habe ein paar Fragen an Sie. Bitte öffnen Sie.«
»Können Sie sich ausweisen?«
Dasher verdrehte genervt die Augen, schnappte sich den Ausweis aus seiner Jackentasche und hielt ihn vor das Fischauge des Spions.
»Zufrieden?«
Anstelle einer Antwort wurde an der vorgelegten Kette genestelt, dann öffnete sich die Wohnungstür. Dahinter stand eine ältere, mehr als füllige Lateinamerikanerin. Ihr hellbraunes Haar war scheckig gefärbt und graue Ansätze zeigten sich bereits wieder. Ihr Kinn war eingepackt in fleischige Wangen, die ohne Übergang in einen dicken Hals mündeten. Ihre Mundwinkel hingen nach unten, gaben dem Gesicht zusammen mit der eher knolligen Nase den Ausdruck einer angriffslustigen Bulldogge. Hinzu kamen ihre Augen, die in tiefen und dunkel umrandeten Höhlen lagen und den Detective anblitzten. Ob bloß mürrisch oder gar zornig mochte Dasher nicht entscheiden. Noch nicht.
»Misses Hernandez?«, begann Dasher.
»Miss Hernandez«, korrigierte sie ihn mit aggressiver Stimme.
Der Detective blickte die Frau kalt und abweisend an. Bei solchen Schnepfen verspürte er schon zeitlebens seine liebe Mühe, die Ruhe zu bewahren.
»Na gut. Dann also Miss Hernandez. Ich untersuche den Mord an Ihrem Wohnungsnachbarn, Hank Publobsky.«
Falls Dasher mit einer Reaktion der älteren Frau gerechnet hatte, so lag er falsch. Nur die Augen der Frau glühten einen Moment lang auf. Es war aber diesmal bestimmt kein feindliches oder gar besorgtes Glühen, sondern eher ein nach Sensationen lüsternes, wie auch ihr schlaffer Mund bewies, dessen Lippen sich für einen kurzen Moment zugespitzt hatten.
»Wissen Sie etwas über den Ermordeten? Hatte er Familie? Oder öfters Freunde zu Besuch? Ist Ihnen in letzter Zeit vielleicht etwas Außergewöhnliches aufgefallen?«
»Liegt eine Belohnung drin?«, war die wenig überraschende Gegenfrage, die den Blutpegel in Dashers Kopf zusätzlich ansteigen ließ.
»Nein, es gibt keine Belohnung, Miss Hernandez«, war seine grobe Entgegnung, »doch ich warne Sie. Selbst meine Geduld kennt gewisse Grenzen. Oder möchten Sie gerne, dass ich Sie aufs Revier mitnehme oder dort befragen lasse?«
Die Frau schien tatsächlich abzuwägen, welchen Weg sie gehen wollte. Dann endlich lenkte sie ein.
»Also gut. Ich lass Sie rein. Kommen Sie.«
Die Frau gab die Türe frei und ging dem Detective voraus in ein kleines Wohnzimmer, das mit alten Möbeln vollgestopft war und dessen einziges Fenster von einem fadenscheinigen Vorhang verdeckt war. Im Halbdunkel erkannte Dasher zwei graubraune Katzen, die sich auf den beiden vorhandenen Plüschsesseln eingerollt hatten und zu schlafen schienen. Eine dritte richtete sich gerade steifbeinig auf dem Sofa auf, blickte ihn gleichgültig an, streckte sich dann gähnend, verharrte in dieser Stellung lang und ausgesprochen genüsslich. Bei ihrem Anblick fühlte Dasher eine bleierne, lähmende Müdigkeit in seinen Knochen.
»Setzen Sie sich«, befahl die alte Frau, worauf der Detective mit einer Hand die Katze auf dem Sofa zur Seite drückte und die mit Haaren verfilzte Tagesdecke verschob, bevor er Platz nahm. Die Frau packte währenddessen die schlummernde Katze auf einem der Sessel mit ihren beiden Händen grob um den Leib und warf sie achtlos über die Rückenlehne hinweg nach hinten. Das Tier landete instinktiv auf ihren Pfoten, schüttelte unwillig ihren Kopf und schlich beleidigt aus der Tür. Die Frau hatte sich derweil ächzend gesetzt, ohne das aufgeschreckte Tier oder seine etwas unglückliche Landung auf dem Teppichboden auch nur im Geringsten zu beachten.
»Gehören nicht mir, die verdammten Viecher«, meinte sie, den Blick von Dasher richtig deutend, »ich hüte sie bloß ein paar Tage für meine Tochter.«
Der Detective sagte nichts dazu, blickte Miss Hernandez bloß abwartend an.
»Hank war ein lieber Junge«, begann die ältere Frau endlich zu erzählen, »ist bloß in schlechte Gesellschaft geraten.«
»Wie meinen Sie das?«
»Na, sein neuer Freund, dieser Jim. Der taugte ganz einfach nichts. Gar nichts. Hab ich Hank von Anfang an gesagt. Doch der wollte nicht hören, der Dummkopf.«
»Und warum taugte dieser Jim nichts?«
Dasher hatte in seinem Leben unzählige Zeugen befragt. Die meisten gaben sich zu Anfang recht verstockt und man musste sie erst einmal verunsichern, bevor sie mit der Polizei zusammenarbeiteten. Miss Hernandez schien dagegen zur zweiten, weit selteneren Kategorie zu gehören. Dieser Art musste man bloß einen kleinen Stoß versetzen und dann sprudelten die Informationen nur so aus ihnen heraus, als wenn man den Wassergraben einer Sandburg an einer Stelle anbohrte. Und wie bei der Burg kam mit dem Wasser oft auch sehr viel zusätzlicher Schlamm mit. Aufschlussreicher Schlamm.
»Na, der Junge hatte diesen Jim doch im Internet kennengelernt. Wissen Sie, Hank war schwul, aber sonst ein ganz Lieber, wirklich. Doch dann kam er mit diesem Jim hier an. Der Kerl behauptete doch tatsächlich, dass er aus Seattle stamme. Aus Seattle, verstehen Sie?«
Dasher verstand nicht, blieb aber stumm und ließ die Alte weiterreden.
»Nie im Leben kam der aus Seattle. Das war ein Kalifornier, Santa Barbara, in der Ecke herum, da wette ich drauf. Doch das hat dieser Jim glattweg abgestritten, selbst als ich es ihm direkt ins Gesicht sagte.«
»Warum glauben Sie, dass dieser Jim aus Santa Barbara stammt?«
»Na, sein Slang selbstverständlich. Und ein paar von seinen Ausdrücken. So spricht keiner aus Seattle.«
»Und woher wissen Sie das? Sind Sie Sprachwissenschaftlerin?«
»Nonsens. Aber ich war früher Schauspielerin. In der Werbebranche. Vielleicht kennen Sie noch die Werbespots für das Pacific Blue Waschmittel? Anfang der sechziger Jahre?«
Ihre Stimme klang fast beschwörend, hoffte augenscheinlich auf ein Nicken des Detective. Doch Dasher schüttelte verneinend seinen Kopf.
»Ich bin 1959 geboren«, gab er der sichtlich enttäuschten Frau bekannt, »aber zurück zu diesem Jim. Was können Sie mir noch über ihn erzählen? Kennen Sie seinen Nachnamen? Wie sah er aus?«
»Na, das müssten Sie ja wohl besser wissen«, lautete die befremdliche Antwort der alten Frau.
»Wie meinen Sie das denn schon wieder?«
»Na, Sie haben ihn doch verhaftet?«
»Wer wurde verhaftet? Hank Publobsky?«
»Nein, sein angeblich schwuler Freund, dieser Jim. Doch der war bestimmt nicht schwul. Der hat nur so getan. Ein miserabler Schauspieler, das sag ich Ihnen.«
Die Frau sprach mit dem Detective wie mit einem kleinen Jungen. Doch Dasher beachtete es nicht, sondern hakte sofort nach: »Wann und wo wurde dieser Jim denn verhaftet?«
»Na, letzte Woche, am Dienstagabend, nein, am Mittwochabend, so gegen acht Uhr, schätze ich. Vier Polizisten läuteten erst Sturm und nachdem Hank die Wohnungstür geöffnet hatte, stürmten sie hinein und führten kurz darauf diesen Jim in Handschellen ab.«
»Am Mittwochabend sagen Sie? Am zwölften?«
»Ja, am zwölften.«
»Und diesen Jim haben Sie seither nicht mehr gesehen?«
Die ältere Frau schüttelte stumm ihren Kopf. Dann begannen ihre Augen wieder zu funkeln.
»Gibt es wirklich keine Belohnung?«
Dasher zog erst seine Augenbrauen hoch und dann die Brieftasche aus seiner Jacke. Er pickte sich einen Fünfziger heraus, legte ihn, ohne ein Wort zu verlieren auf den niedrigen Tisch. Dann stand er auf, klemmte sich den Laptop von Hank Publobsky unter den Arm und ging. Er hatte eine erste Spur gefunden.
*
Die Abklärung über den Polizeicomputer im Revier ergab, dass im besagten Mietshaus am zwölften Januar ein Mann namens Timothy Allen verhaftet wurde. Ihm wurde ein Drogenvergehen vorgeworfen, der Handel mit einer kleinen Menge Koks. Er war wohl ein Gelegenheitsdealer, der sich seinen eigenen Stoff mit gestreckter Ware finanzierte. Als er vor vier Wochen nicht zu seiner Gerichtsverhandlung erschienen war, wurde er zur Fahndung ausgeschrieben. Ein telefonischer Tipp durch einen Unbekannten führte die Polizei dann zur richtigen Zeit zum richtigen Haus und in die Wohnung von Hank Publobsky. Mehr oder weniger Daily Business auf einem Revier in Manhattan.
Doch dann stutzte Detective Dasher und blickte überrascht auf die Zeile auf seinem Bildschirm, hinter der jeweils der Ort aufgeführt war, an dem sich ein Inhaftierter augenblicklich befand.
»Transferred« stand da zu lesen.
Der Detective klickte das Wort an und das Programm verzweigte auf eine Detailansicht, zeigte ihm das eingescannte Formular zur Übergabe des Verhafteten mit den Unterschriften aller beteiligten Beamten. Dasher staunte. Der kleine Drogendealer war doch tatsächlich von der DEA abgeholt worden, von der Drug Enforcement Administration.
War dieser Timothy Allen vielleicht ein Informant, der für die Drogenfahndung arbeitete? War die DEA darum an ihm interessiert?
Dasher überflog noch einmal den Polizeibericht zur Verhaftung von Allen, verglich den Zeitpunkt mit dem Protokoll der Übergabe an die Drogenfahnder. Der Junkie war kaum eine Stunde auf dem Revier gewesen. Es schien, als ob die DEA auf diesen Timothy Allen gewartet hätte, um ihn sogleich abzuholen, bevor jemand anderer ihn vernehmen konnte.
Detective Dasher schüttelte unwillig seinen Kopf.
»Was zum Teufel...?«, murmelte er leise vor sich hin.
Da ist die DEA hinter einem kleinen Drogendealer her, weiß ganz offensichtlich, wo er zu finden ist, benutzt für seine Verhaftung jedoch den lokalen Polizeiapparat? Dann holen sie den Mann so rasch als möglich vom Revier ab und am nächsten Tag wird der schwule Freund dieses Kerls ermordet aufgefunden, hingerichtet von professionellen Killern?
Luke Dasher wurde es flau im Magen.
Eine ganze Zeit lang stierte er in Gedanken versunken vor sich hin. Seine Augen blickten stumpf, schienen nichts um sich herum wirklich bewusst wahrzunehmen. Dann schüttelte er die aufsteigende Benommenheit mit einem Kopfschütteln ab. Es war wohl doch das Beste, die Akte Publobsky ohne Ermittlungsergebnis möglichst rasch abzuschließen. Zumindest schien ihn das die klügste Lösung.
Februar 2010
Toni Scapia war in den letzten zwei Wochen mächtig aktiv geworden. Vom Warrington College of Business Administration hatte er fünf Studenten verpflichtet. Sie sollten ihm sämtliche Anwaltskanzleien in Delaware und Nevada ausfindig machen, die sich auf die Gründung von Briefkastenfirmen spezialisiert hatten. Den Studenten gegenüber gab er sich als freischaffenden Journalisten aus, der Recherchen für einen Hintergrundbericht über Steuerschlupflöcher sammelte. Schon eine Woche später hielt er zwei Listen in Händen. Die aus Delaware führte mehr als dreihundert Adressen auf. Dreihundert! So viele Anwaltskanzleien schienen in diesem Staat größtenteils davon zu leben, für irgendwelche Personen auf dieser Welt Briefkastenfirmen zu gründen, den Postverkehr und die Telefonate für sie zu verwalten und auch die regelmäßig anfallenden Dokumente für allerlei Ämter und Behörden auszufüllen oder weiterzuleiten.
Diese hohe Zahl an spezialisierten Büros war ein starkes Indiz dafür, dass es solche Briefkastenfirmen nicht nur zu Hunderttausenden, sondern wohl gar zu Millionen geben musste.
Toni ließ daraufhin als kleiner Test ein paar Scheinfirmen über einige dieser Kanzleien eröffnen. Er wollte erfahren, wie solche Gründungen abliefen und welche Informationen der Eigentümer zu diesem Zweck von sich selbst Preis geben musste. Das Ergebnis war erschütternd.
Das Faxen einer Kopie des Führerausweises und die Überweisung von ein paar hundert Dollar über Western Union reichten völlig aus, um innerhalb weniger Tage eine Briefkastenfirma zu gründen, egal, ob in Delaware oder Nevada. Es wäre sogar noch viel schneller abgelaufen, hätte er den fälligen Betrag gleich online und mittels Kreditkarte bezahlt. Weniger als eine Stunde, wurde ihm auf seine Nachfrage hin am Telefon versprochen. Doch gerade Kreditkarten konnte man problemlos zurückverfolgen, einen gestohlenen Führerschein und den so ausgeführten anonymen Geldtransfer über Western Union dagegen nicht.
In manchen Fällen wurden ihm von den Anwaltskanzleien für einen Aufpreis von bloß fünfzig Dollar gleich noch ein Bankkonto eröffnet. Er könne innerhalb von zwei Stunden nach Bezahlung des Betrages frei darüber verfügen.
Mit diesem völlig sorglosen Umgang mit Firmengründungen und Bankkontoeröffnungen wurde die Geldwäscherei zu einem einfachen und risikolosen Geschäft.
Man beschaffte sich einige gestohlene Führerscheine, eröffnete damit ein paar Dutzend Briefkastenfirmen über unterschiedliche Kanzleien, ließ kleinere Mengen Geld auf die verschiedenen Konten einzahlen, sammelte das Geld anschließend auf einem zentralen Konto ein und überwies den Gesamtbetrag an ein Unternehmen im Ausland.




