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Das Steueramt besänftigte man, in dem man keinerlei Geschäftstätigkeit vorgab und den Mindestbetrag zwei Jahre lang überwies, bevor man die Firma ohne Aufsehen zu erregen auflösen ließ. Das Entdecken der Geldwäsche durch Behörden oder die Polizei war mit dieser Abwicklungsmethode praktisch ausgeschlossen oder zumindest auf einen äußerst dummen Zufall reduziert.
Und die Kosten einer solchen staatlich tolerierten Waschmaschine?
Mit Sicherheit bloß wenige tausend Dollar für jede gereinigte Million.
Die USA, das finanzielle Schlaraffenland für sämtliche kriminellen Organisationen dieser Welt.
Lag es da nicht auf der Hand, dass sich auch die Geheimdienste des Landes dieser Mechanismen bedienten? Durch so lasche Gesetze wurden Gangstersyndikate doch förmlich in die USA gelockt. Deren Repräsentanten ließen sich später bestimmt für die Ziele der Behörden einspannen. Eine Hand wäscht nun mal die andere.
Toni erschauderte bei diesem Gedanken und er entschloss sich, erst einmal Rücksprache mit Jules zu halten.
Für ihre geheime Kommunikation benutzten die beiden seit einigen Jahren das Electronic Banking eines Kontos, auf das beide übers Internet weltweiten Zugriff besaßen. Sie loggten sich jeweils ein und speicherten für den Partner unter der Nachrichten-Funktion des Kontos einen Text als Entwurf ab. Danach konnten sie einander eine unverfängliche E-Mail senden und darin auf die neue Nachricht hinweisen. Eine Überwachung ihrer Korrespondenz durch Behörden oder Geheimdienste war damit praktisch ausgeschlossen.
Hallo Jules,
Eine Briefkastenfirma in Delaware und Nevada zu gründen und zu betreiben, dazu benötigt man tatsächlich nichts, außer ein wenig Geld und einen gestohlenen Führerschein. Es gibt allein in Delaware mindestens dreihundert Anwaltskanzleien, die von diesem Geschäft leben können. In Nevada sind es immerhin mehr als einhundert. Wir müssen also davon ausgehen, dass viele Hunderttausend, wenn nicht Millionen von Briefkastenfirmen existieren. Sonst würde sich das Ganze für die vielen Kanzleien gar nicht rechnen.
Wo aber soll ich mit meinen Recherchen beginnen? Hast du einen Vorschlag für mich? Im Moment komme ich mir klein wie David vor, der den Riesen Goliath zwar herausgefordert hat, ohne aber eine Steinschleuder zu besitzen.
Gruß, Toni
Jules Antwort ließ nur einen Tag auf sich warten.
Hallo Toni,
Knochenarbeit scheint angesagt zu sein. Konzentriere dich doch auf möglichst kleine Kanzleien, die nicht prominent im Internet für ihre Dienste werben. Ich denke, da sind die Chancen am größten, auf eine Kanzlei zu stoßen, die für Regierungsstellen arbeitet. Denn wie du selbst schreibst: nur das Massengeschäft kann in diesem Business gewinnbringend betrieben werden. Bei allen kleineren, wenig bekannten Playern ohne Werbung stellt sich darum die Frage, wie sie genügend Erträge für sich generieren können.
Ich werde in der Zwischenzeit versuchen, ein paar Firmennamen und Adressen von meinen Auftraggebern in Erfahrung zu bringen. Ich werde dir alle neuen Erkenntnisse laufend auf diesem Weg hier weiterleiten. Schau also jeden Tag mal rein.
Ich wünsche dir schon einmal viel Spaß bei der Suche nach der Nadel im Heuhaufen,
Jules
Lederer hatte sich unverzüglich mit Wermelinger in Verbindung gesetzt und ihm von den Schwierigkeiten erzählt. Der Präsident des Vereins der privaten Banken sagte ihm seine Unterstützung zu und bereits ein paar Tage später lieferte er Jules die Adressen von sechs Briefkastenfirmen in Delaware und von zwei weiteren in Nevada. Sie waren dem automatischen Datencheck der Banken als mögliche Drehscheiben für Geldwäscherei aufgefallen und standen im Verdacht, Regierungsstellen der USA zu gehören.
Die Zahlungssysteme der Banken sortierten jeden Tag hunderte von verdächtigen Transaktionen aus. Ganze Stäbe von Mitarbeitenden waren mit deren Klärung beschäftigt. Wenn die Auftraggeber oder Empfänger die Zahlungshintergründe nicht hinreichend erläutern konnten, wurde die Weiterleitung des Geldes verweigert und die Informationen zur Transaktion direkt an die zentrale Behörde in Bern für weitere Abklärungen geleitet. Was den Mitarbeitenden dagegen ausreichend plausibel erschien, und das waren über 99,9 % der untersuchten Zahlungen, wurde zur Überweisung freigegeben. Doch immer wenn eine große und renommierte US-Bank an einer der Transaktionen beteiligt war, ging man von einer korrekten Überweisung aus. So lauteten die internationalen Verträge und die gängige Praxis. Wäre noch schöner, wenn man den Töchtern und Söhnen von Uncle Sam etwas Illegales unterstellen wollte.
Die von Wermelinger gelieferten Daten betrafen insgesamt mehr als fünfzig verdächtige Zahlungen, an denen die acht US-Unternehmen beteiligt waren. Diese acht Firmen wiesen jedoch nur zwei unterschiedliche Geschäftsadressen auf, eine in Wilmington, die andere in Las Vegas.
Bei den Überweisungen handelte es sich um Beträge zwischen 250’000 und 1,5 Millionen Dollar. Die Gelder waren jeweils wenig später von den Konten der Schweizer Banken an irgendwelche Empfänger mit Sitz in der Karibik transferiert worden.
Die Aufgabe für Toni war mit diesen Informationen bereits ein wenig klarer umrissen. Er würde die beiden Adressen durchleuchten und gegebenenfalls versuchen, Mitarbeitende der Anwaltskanzleien zu bestechen, die für deren Gründung und Betreuung zuständig waren. Eventuell konnte er auch gleich eigene Leute dort einzuschleusen.
Wie er all das bewerkstelligte, überließ Jules voller Vertrauen seinem Freund in Florida.
*
An diesem frühen Morgen stand Henry Huxley mitten auf der Brücke zur Ciudad Juárez, hatte seine Unterarme auf dem Geländer aufgestützt und blickte hinunter auf das Wasser des Rio Grande, diesem großen, meist träge dahinfließenden Grenzstrom zwischen den USA und Mexiko. Derzeit führte der Rio Bravo del Norte, wie er von der mexikanischen Bevölkerung genannt wurde, sehr viel braunes Schlammwasser mit sich, ein sicheres Zeichen für heftige Regenfälle im Norden, in Colorado oder New Mexiko. Der Fluss grub sich an seinem Oberlauf immer tiefer in den Boden, das Ufer wurde von den Wassermassen unterspült und der Abraum in Richtung Golf von Mexiko getragen. Ähnlich dem Missouri, der auch Big Muddy genannt wurde, sagte man über das Wasser im Rio Grande scherzhaft, zum Trinken zu dick und zum Pflügen zu dünn.
Huxley hatte die Nacht im Camino Real Hotel in El Paso verbracht. Zuvor war er nach Fabens zum Abendessen gefahren, das etwa dreißig Kilometer südlich der Stadt lag. Die Cattleman’s Ranch servierte dort seit vielen Jahren eines der besten Steaks von ganz Nordamerika. Jedes Mal, wenn eine Reise Henry Huxley auch nur fünfhundert Meilen an El Paso heranführte, machte er diesen Abstecher zur Working Ranch mit ihrem riesigen Restaurant. Dort gönnte er sich stets den Cowboy, ein rund ein Kilogramm schweres T-Bon Steak, zusammen mit einer Baked Potato und begleitet von zwei bis drei Margheritas.
Michael Stern vom People Magazin hatte das T-Bone der Cattleman’s Ranch vor Jahren zum besten Steak der USA gekürt. Und das konnte durchaus stimmen, denn selbst sein dünner Fettstreifen entlang des butterweichen Fleisches war eine Delikatesse, zart, rauchig und voller Geschmack.
Am späteren Vormittag wollte sich Huxley in Juárez mit einem alten Freund treffen, der seit vielen Jahren dort lebte, die hiesigen Verhältnisse bestens kannte und seinen Daumen ständig am Puls der Stadt hielt.
Der lange Leidensweg der fünftgrößten Stadt von Mexiko begann vor fünfzehn Jahren. Innerhalb weniger Jahre fand man mehr als dreihundert weibliche Leichen in und um Juárez herum. Weitere vierhundert Frauen wurden zusätzlich vermisst und nie gefunden. Wer die Frauen entführt hatte und warum man sie ermordete, blieb ungeklärt.
Wenige Jahre später begann aber ein unerbittlicher Drogenkrieg an der Grenze zu den USA zu toben. Er fraß sich wie ein Krebsgeschwür in sämtliche Straßen und Gassen der Stadt hinein, machte auch vor Morden an Politikern, Journalisten oder der Polizei nicht halt. Die Verlockung, durch die Kontrolle eines wichtigen Zollübergangs in die Vereinigten Staaten mit organisiertem Drogen- und Waffenschmuggel viele Milliarden an Dollar jedes Jahr zu generieren, war in diesem Drittweltland ganz einfach zu verlockend. Doch das gerade in letzter Zeit entstandene Ausmaß an Kriminalität in und um Juárez konnte im Grund genommen nur eines bedeuten: Hier mussten mexikanische und amerikanische Behörden ganz besonders kräftig im Drogengeschäft mitmischen und mitverdienen. Juárez erschien Henry Huxley darum der perfekte Ort, um die Spur des Drogengeldes an seiner Entstehung aufzunehmen und zu verfolgen.
Der Brite passierte den mexikanischen Zoll am Ende der Brücke. Ein Beamter in schlecht geschnittener Uniform saß auf einem einfachen Holzstuhl hinter einem alten, weißen Tisch mit abblätterndem Lack und porkelte mit der Spitze seines Zeigefingers im rechten Ohr. Aus übernächtigten, roten Augen betrachtete er den hochaufgeschossenen Besucher aus El Paso, zeigte jedoch keinerlei Interesse an ihm oder den anderen Touristen von der anderen Seite des Rio Grande. Ausweise wurden auf der mexikanischen Seite der Grenzbrücke äußerst selten verlangt. Der Unterschied zur Zollstation der US-Behörden am linken Flussufer konnte kaum größer sein. Hier warteten in der Regel mehr als ein Dutzend Beamte auf eine Flut von Einreisewilligen. Jeder Ausweis wurde genau kontrolliert, viele davon elektronisch überprüft, sämtliches Handgepäck durchsucht, mit Drogen- und Sprengstoffhunden zudem Autos und Busse umrundet und mit Spiegeln alle Fahrzeugböden von unten abgesucht.
Henry schlenderte zusammen mit einigen Tagestouristen die Straße in Richtung Zentrum hinunter. Vor einhundert Jahren musste dies eine prachtvolle Einkaufsgegend gewesen sein. Alte Porzellankacheln pflasterten an manchen Stellen immer noch den Gehweg oder die Hausmauern und zeugten von einer goldenen Zeit. Doch seitdem folgten viele Jahrzehnte des wirtschaftlichen Niedergangs, unterbrochen durch einzelne, nur kurze Zeit aufflackernde Aufschwüngen, zu wenige und zu schwache, um die ehemalige Substanz der Stadt zu erhalten und den Abstieg zu einem billig Eldorado amerikanischer Schnäppchenjäger aufzuhalten.
Manuel Rodrigez erwartete Huxley in seinem kleinen Café, das an der Ecke zur Tlaxcala lag. Henry drückte die nur angelehnte Eingangstüre auf. Ein helles Klingeln kündigte den Wirtsleuten den neuen Besucher an und Manuel Rodrigez kam mit einem fragenden Gesichtsausdruck auch schon um die schmale Theke herum, seine feuchten Hände an einer vor den Bauch gebundenen Küchenschürze abwischend. Er erkannte im Gegenlicht der Straße seinen alten Bekannten erst nach zwei Sekunden. Doch dann begann sein eckiges Gesicht mit der mächtigen Kinnlade sogleich zu strahlen.
»Buenos Dias, alter Freund«, der Mexikaner ergriff Henrys ausgestreckte Hand und schüttelte sie überschwänglich, zog ihn näher zu sich heran und umarmte ihn herzlich, »wie lange ist es her? Vier Jahre, oder gar fünf?«
Auch Henrys Augen blickten seinen Mitstreiter vergangener Tage herzlich und freudestrahlend an: »Es sind fast sechs, Manuel, doch du scheinst kein bisschen älter geworden zu sein. Wie geht es Maria?«
Die Augen des Mexikaners verschleierten sich augenblicklich und sein Gesicht trübte sich schmerzlich.
»Sie ist letztes Jahr gestorben. Brustkrebs.«
Henry war betroffen.
»Das tut mir so leid, mein alter Freund. Ich habe Maria immer sehr geschätzt und gemocht. Sie war dir eine gute Frau und eine echte Partnerin.«
Henry umarmte den Mexikaner noch einmal herzlich, diesmal noch länger als zuvor. Er drückte ihn an sich und verharrte, ließ ihn seine Anteilnahme auch körperlich spüren. Als er ihn losließ, hatte Manuel feuchte Augen, die er sich rasch mit den Handrücken auswischte. Ein verlegenes Lächeln erschien in seinem traurig lächelnden Gesicht.
»Danke, Henry.«
Sie setzten sich an einen der kleinen, quadratischen Tische mit ihren rot-weiß gemusterten, hübschen, sauberen Decken. Auch nach ihrem Tod war die Hand der quirligen Mexikanerin im ganzen Café noch zu spüren, diesen eigenwilligen Charme, eine Mischung zwischen Gemütlichkeit und Sauberkeit, wie sie nur eine warmherzige Frau herbeizaubern kann.
Die beiden Männer waren an diesem späten Morgen allein im Lokal. Nur eine Hilfskraft werkelte in der kleinen Küche hinter der schmalen Theke herum, bereitete wohl Speisen für die Mittagszeit zu, wie Henry durch die offenstehende Tür erkannte.
»Erzähl, mein alter Freund, was führt dich wieder einmal nach Juárez?«
Huxley vertraute Rodrigez wie einem Bruder. Vor zwanzig Jahren waren sie gemeinsam hinter einer Bande von Menschenhändlern her gewesen. Die Kerle beschwatzten leichtgläubige mexikanische Mädchen vom Land, versprachen ihnen gutbezahlte Stellen in der Stadt und steckten sie anschließend in die Bordelle der Orte auf beiden Seiten der Grenze. Manuel war damals Polizeipräfekt der gesamten Region gewesen, Henry im Auftrag eines mexikanischen Millionärs unterwegs. Dieser vermutete eine seiner zahlreichen Enkelinnen in den Fängen der Bande. Die beiden fanden nützliche Hinweise, dann erste Spuren und wenig später hoben sie das Hauptquartier der Mädchenhändler aus. Zwei Polizeibeamte starben während der wüsten Schießerei. Von der Schlepperbande überlebte kein einziger. Rodrigez geriet zuvor jedoch mit einigen seiner Männer in eine geschickt gestellte Falle und wurde durch zwei Kugeln schwer verwundet. Eine Gewehrkugel traf sein rechtes Knie und zertrümmerte es, ein weiteres Geschoss hatte sich neben dem Ärmelloch seiner schusssicheren Weste von der Seite her in die Brust gebohrt und Herz und Lungenflügel nur knapp verfehlt. Henry rettete Manual damals das Leben. Der Brite stürzte trotz wildem Kugelhagel aus seiner Deckung hervor, warf sich über den Polizeipräfekten und zog ihn hinter einem Mauervorsprung in Sicherheit, brachte anschließend die stark blutende Wunde am Knie zum Stoppen und betreute den Bewusstlosen bis zum Eintreffen eines Notarztes.
Manuel Rodrigez quittierte einige Monate später seinen Dienst als Präfekt. Das rechte Knie war steif gebliebenen und er war nicht mehr einsatzfähig. Die enge Verbundenheit mit Henry, dem er sein zweites Leben verdankte, wie Manuel und Maria ihm immer wieder gerne beteuerten, hatte jedoch über all die Jahre hinweg Bestand.
Zusammen mit seiner Frau übernahm Rodrigez damals das kleine Café in der aufstrebenden Grenzstadt. Es wurde zu einem beliebten Treffpunkt seiner ehemaligen Kollegen. Nach ihrer Schicht gönnten sie sich bei Manuel eine kühle Cerveza oder sie feierten eine Beförderung. Doch auch diese Zeit ging nach einigen Jahren zu Ende, starb mit der Pensionierung der alten Mitstreiter von Manuel langsam aus.
Henry Huxley wusste, dass bei Rodrigez keine Umwege notwendig waren, er sofort auf den Punkt kommen konnte.
»Ich suche nach Beweisen für Verbindungen von US-Behörden zu den mexikanischen Drogenkartellen. Mein Auftraggeber interessiert sich vor allem um Machenschaften von FBI und CIA, aber auch von anderen Regierungsstellen. Es geht ihm um Bestechungsgelder, mit denen die US-Behörden geschmiert werden, damit sie beim Drogen- und Waffenschmuggel wegschauen. Und er will anschließend den Weg dieser Gelder verfolgen können und so herausfinden, welche illegalen Operationen damit später finanziert werden. Ich bin nach Juárez gekommen, weil ich hoffte, du kannst mir weiterhelfen. Hast du einen Tipp für mich, wo ich ansetzen soll?«
Manuel schob nachdenklich seinen Kopf hin und her, dachte nach und wägte ab.
»Du begibst dich auf äußerst dünnes Eis, mein alter Freund. Doch das weißt du bestimmt schon«, schickte er seiner Erklärung voraus. Henry nickte ernst, meinte jedoch: »Schildere mir doch bitte erst einmal die Verhältnisse hier in der Region. Wer hat was zu sagen und wo könnte ich mit meinen Ermittlungen ansetzen?«
Manuel dachte einen Moment lang nach, sammelte sein Wissen. Dann begann er zu erzählen.
»Vor zwanzig Jahren war die Welt hier im Norden Mexikos noch in Ordnung. Schon damals wurden zwar große Mengen an Drogen über die Grenze in die USA geschmuggelt, doch das Geschäft lief im Verborgenen ab und Gewalt gab es eher selten. Doch vor zehn Jahren hat sich dies drastisch geändert. Man begann, die Drogen im großen Stil auch an die mexikanische Jugend zu verkaufen. Rasch bildeten sich Banden, die Straßen und ganze Viertel beherrschten. Sie übernahmen für die Bosse der Kartelle die Drecksarbeit. Im Gegenzug bekamen sie Drogen, Geld und Waffen. Bald einmal begannen sie sich gegenseitig zu bekriegen. Doch die Gewaltbereitschaft steigerte sich von Jahr zu Jahr noch. Unser Staatspräsident musste sogar Armeeeinheiten in die Grenzregion entsenden, wollte auf diese Weise den unzähligen Morden endlich Einhalt gebieten.«
»Und welche Drogenkartelle sind hier in der Stadt besonders aktiv? Geben einzelne den Ton an oder sind sie alle etwa gleich stark?«
»Das Juárez Kartell war lange Jahre unangefochten die Nummer eins in Juárez. Doch Vicente Carrillo Fuentes, ihr oberster Boss, hat in letzter Zeit stark an Einfluss verloren. Vor allem das Sinaloa-Kartell von Joaquim Guzman Loera macht ihm das Leben schwer. Der operiert zwar mehrheitlich weiter westlich, an der Grenze zu Kalifornien, drängt nun jedoch immer weiter auch nach Osten und in Richtung Golf vor. Doch auch das Zetas-Kartell und das Tijuana-Kartell mischen hier kräftig mit. Und La Familia aus dem tiefen Süden, das Golf-Kartell und die Beltrán-Leyva Organisation versuchen, ihren Machtbereich immer weiter nach Norden auszudehnen. Letztendlich gibt sich hier in Juárez die Drogenprominenz von ganz Mexiko ein blutiges Stelldichein und jeden Tag zählt die Stadt ein halbes Dutzend Morde.«
»Und die Polizei ist den Kartellen nicht gewachsen?«
Manuel lächelte bitter.
»Letzten Dezember hat eine Armeeeinheit Arturo Beltrán Leyva nahe Mexiko City aufgespürt und erschossen. Arturo war der Boss der Bosse des Beltrán-Leyva Kartells. Bei der wilden Schießerei kam aber auch ein junger Soldat ums Leben. Diesem gab die Regierung eine Woche später ein Staatsbegräbnis. Dadurch wurde sein Name landesweit bekannt. Nur Zwei Tage später drangen Bewaffnete in das Haus der Mutter dieses Soldaten ein, töteten sie selbst, zwei seiner Geschwister und eine zufällig anwesende Tante. Jedes Jahr werden hier im Norden von Mexiko mehrere tausend Menschen getötet, darunter ein Dutzend Journalisten. Mittlerweile wird in den Zeitungen und am Radio und im Fernsehen über die Erfolge der Polizei und der Armee gegen die Drogenkriminalität oft gar nicht mehr berichtet, aus lauter Angst, sich den Zorn eines der Kartelle zuzuziehen. Teile der Polizei und der Armee werden von den Kartellen geschmiert und verraten ihre loyalen Kollegen. Erst kürzlich musste der Polizeichef von Juárez seinen Posten wegen Bestechlichkeit räumen. Zwei Wochen später hat man ihn an der Grenze zur USA mit einer Lieferung Drogen erwischt. Ehemalige Drogenfahnder der mexikanischen Polizei haben sich vor Jahren dem Golf-Kartell angeschlossen. In der Zwischenzeit hat sich dieses einst mächtigste Syndikat von ganz Mexiko in das Zetas und das Beltrán-Leyva Kartell aufgeteilt. Die Zetas treten dabei besonders brutal in Erscheinung, kennen auch keinerlei Skrupel gegen völlig unbeteiligte Menschen. Sie töten, was ihnen in die Quere kommt, ohne jedes Gewissen.«
»Und wie sind die Kartelle hier in Juárez organisiert? Du sprachst von Jugendbanden?«
»Für das Juárez-Kartell streiten sich immer noch die Los Aztecas. Sie sollen über fünftausend Mitglieder zählen. Die anderen Kartelle bedienen sich wahlweise der Mexides und der Artistas Asesinos, zwei weitere große Gruppierungen und erbitterte Feinde der Los Aztecas. Aber es gibt auch noch andere, kleinere Banden. Du findest hier in Juárez an jeder Ecke Kontakt zu einem Sicario, einem Auftragsmörder. Wenn dein Opfer nicht besonders prominent und darum auch nicht von Leibwächtern beschützt wird und seine Ermordung kaum Aufsehen erregt, so kostet dich ein Mord nicht mehr als siebzig US-Dollar.«
Henry konnte über diese Aussagen nur den Kopf schütteln.
»Kennst du die Menge oder den Wert an Drogen, die von Mexiko aus in die USA geschafft werden? Von welchen Größenordnungen sprechen wir bei diesem Geschäft?«
»Janet Napolitano, die US-Heimatschutzministerin, meinte vor noch nicht langer Zeit in einem Interview, dass neunzig Prozent des Kokains aus Mittelamerika über Mexiko in die USA geschleust wird. Hinzu kommen tausende von Tonnen an Amphetaminen. Marihuana spielt mittlerweile eher eine Nebenrolle, auch wenn die Mengen gigantisch sind. Wie man sich erzählt, erreichten die Drogenlieferungen aus Mexiko in die USA letztes Jahr einen Wert von mehr als dreißig Milliarden Dollar. Der Straßenwert dürfte bei über einhundert Milliarden liegen. Nur etwa ein Drittel der dreißig Milliarden sollen als Bargeld zurück nach Mexiko geflossen sein, zwei Drittel jedoch in Form von Waffen und Kriegsmaterial. Denn damit bezahlen die mexikanischen Kartelle ihre Lieferanten aus Mittelamerika. Der Anbau von Kokain liegt dort meistens in den Händen von Terror-Organisationen wie zum Beispiel den FARC in Kolumbien.«
Henry dachte über die Erklärungen von Manuel gründlich nach. Sein Freund ließ ihm die Zeit, saß stumm am Tisch und wartete ab.
»Du sagst, das Juárez-Kartell habe in letzter Zeit an Einfluss verloren, das Sinaloa-Kartell dagegen gewonnen?«
Manuel nickte.
»Doch die Los Aztecas, die größte lokale Jugendbande, unterstützt immer noch das Juárez-Kartell?«
Wiederum nickte der Mexikaner.
»Kannst du für mich herausfinden, wo das Juárez-Kartell sein Hauptquartier hat? Ich meine, wo es seine Buchhaltung führt?«
Manuel starrte seinen britischen Freund nachdenklich an.
»Willst du den Toro gleich bei den Hörnern packen? Vicente Carrillo Fuentes, der Boss des Juárez Kartells, ist zwar angeschlagen, doch noch längst nicht am Ende.«
Henry antwortete nicht, blickte seinen Freund bloß aufmunternd an. Der fuhr nach ein paar Sekunden in einem nachdenklicheren Tonfall fort.
»Ich müsste mich erst bei ein paar von meinen alten Bekannten umhören. Gibst du mir zwei, drei Tage Zeit dafür, ja?«
»Selbstverständlich, mein Freund. Doch ich hätte noch zwei weitere Bitten an dich.«
»Ja?«
»Könnte ich ein paar Tage bei dir unterkriechen?«
»Sicher. Das ist kein Problem.«
»Und kannst du mich in einen Mexikaner verwandeln?«
*
Spielleidenschaft ist etwas Großartiges, vor allem, wenn sie in der Hauptstadt des Gamblings, in Las Vegas ausgelebt wird. Dorthin hatte es nämlich Toni Scapia mittlerweile verschlagen.
Er hatte eine Suite im Bellagio bezogen, spielte jeden Abend für ein paar tausend Dollar Blackjack, verlor sie stets brav, war darum gern gesehen und wohnte deshalb auch vom dritten Tag an umsonst. Denn ein Casino-Hotel gab einen finanzkräftigen, glücklosen Spieler nicht so leicht aus seinen Fingern frei. Toni gab die Vorstellung eines reichen Müßiggängers, der mit seiner freien Zeit und dem vielen Geld nichts Sinnvolles anzustellen wusste.
Noch bevor er nach Las Vegas abgereist war, hatte er drei verschiedene Privatdetekteien auf die drei leitenden Mitarbeiter von Hecksmith & Born angesetzt. Den Name dieser Anwaltskanzlei hatte er von Jules erfahren. Sie schien auf Firmengründungen spezialisiert zu sein und verwaltete zwei der wegen möglichen Geldwäscherei-Vergehen verdächtigten Briefkastenfirmen. Die Privatdetektive sollten ihm nach zwei Wochen einen ersten Überblick über den Tagesablauf der drei Zielpersonen geben. An diesem Morgen bekam er zum Frühstück die ersten Berichte zugestellt.
Thomas Martin, der Leiter der Kundenbuchhaltung, pflegte enge Kontakte zu drei verschiedenen Edelnutten der Stadt, schien jede von ihnen einmal die Woche über den Mittag zu besuchen. Er lebte mit seiner Frau und den beiden Kindern in einer großzügigen Villa in einem der Neubaugebiete im Norden der immer weiter in die Wüste vordringenden Stadt. Dort hatte er alle Abende und Nächte verbracht, ging mit seiner Frau wohl eher selten aus. Thomas Martin verdiente bestimmt genug, um sich die kleinen Laster mit den Dirnen leisten zu können. Er bot Toni Scapia kaum genügend Ansatzpunkte für eine erfolgreiche Erpressung.
Der zweite Kandidat war weit vielversprechender.




