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Abgetaucht
Uaaah. Was ist denn das für ein Krach hier? Langsam richtete ich mich im Bett auf. Mein Kopf brummte wie ein ganzer Bienenstock. Und der Wecker auch. Ich hatte vergessen ihn auszuschalten. Zur Arbeit musste ich ja heute nicht. Ich drehte mich also um, kuschelte mich wieder in meine Kissen und versuchte weiterzuschlafen. Und während ich mich in den Decken hin und her wälzte, war mit einem Mal alles wieder da. Wie ein Film lief das gestrige Gespräch mit Michael und Thorsten in meinen Gedanken ab. Mir wurde wieder klar, was gestern geschehen war und dabei wurde mir speiübel. Also schlurfte ich ins Bad. Ein Blick in den Spiegel verriet mir, dass ich es mit meinem Lieblingsprosecco Giuseppe wohl etwas übertrieben hatte. Ein blasses Wesen, mit tiefen Ringen unter den Augen, blickte mir entgegen. Ich war traurig und wütend zugleich. Bis gestern dachte ich noch ein unersetzbarer Teil der Agentur zu sein und heute sah ich mich schon heruntergekommen in der Agentur für Arbeit nach einem Job betteln. Aus den Lautsprechern tönte die Stimme meiner Eltern 'Siehst du, das haben wir doch gleich gesagt, dass dieses Werbezeugs nichts zum Geldverdienen ist.' Ich schüttelte den Gedanken ab und ließ kaltes Wasser, erst über meine Handgelenke laufen, dann über mein Gesicht. Das tat gut. Meine Gedanken kreisten aber weiter. Ich konnte einfach nicht fassen, dass es ausgerechnet mich getroffen hatte. Ich hatte immer das Gefühl, wertgeschätzt zu sein. Die Agentur war wie eine Familie für mich. Über einen Plan B hatte ich mir nie Gedanken gemacht. Wieso auch?
Die nächsten Tage igelte ich mich komplett ein und hing fast den ganzen Tag vor der Glotze. Von Wintersportwettbewerben, zur Küchenschlacht, den Nachmittags-Telenovelas, die einem heile Welt vorspielten und dann weiter zum Vorabendprogramm. Das Telefon ließ ich klingeln. Ich konnte nicht über das Geschehene sprechen. Noch nicht. Nach dem ersten Schock musste ich erst einmal selbst meine Gedanken sortieren. Nina und Caro hatten mich ein paar Mal versucht zu erreichen und auch Mama hatte auf den Anrufbeantworter gesprochen, um nachzuhören wann ich an Weihnachten nach Hause komme. Aber mir war nicht nach Reden, ich suhlte mich lieber in meinem Selbstmitleid.
So konnte es nicht weiter gehen. Soviel war klar. Fast eine Woche war nun schon vergangen. Es fiel mir unglaublich schwer, wieder etwas Struktur in meinen Tag zu bringen. Von allein würde sich sicher keine Joboption auftun. Ich musste endlich diese Trägheit abschütteln und mich aufraffen.
Also ging ich am heutigen Morgen zuerst ins Bad, um mein Ego ein wenig zu pushen. Ich gönnte meinem Gesicht ein Peeling, was die Wangen gleich etwas rosiger aussehen ließ, rasierte mir die Beine, cremte mich ein und legte zum Schluss ein leichtes Make-Up auf. Die Haare band ich zu einem praktischen Zopf und setzte mein Lieblings-Cap auf. Das sah doch gleich schon etwas besser aus. Damit hatte ich zwar den halben Vormittag vertrödelt, aber es fühlte sich nun nicht mehr ganz so nach Hartz Vier an. Mir fiel hier allmählich einfach die Decke auf den Kopf.
Nach meinem kleinen Verwöhnprogramm ging ich ins Arbeitszimmer und schaltete den Laptop ein. In den gängigen Suchportalen waren sicher einige Jobs, auf die ich mich bewerben könnte. Und es wäre an der Zeit meine Bewerbungsunterlagen zusammenstellen. Ich war etwas aus der Übung, aber im Internet ließen sich sicher einige Tipps ergoogeln. Das Ergebnis war erschütternd. Stepstone, Monster & Co. warfen für München gerade mal drei offene Stellen aus. Da waren meine Chancen doch gleich null. Zu wenig Erfahrung und im potenziellen Alter, Nachwuchs zur Welt zu bringen, waren nur zwei Gründe erfahrenen Karrierefrauen oder nach Erfolg strebenden Männern den Vorzug zu geben.
Kurzentschlossen entschied ich mich zu Nina zu fahren. Ich brauchte jemanden mit dem ich reden und den ich um Rat fragen konnte. Danach würde es mir vielleicht besser gehen und dann blieb mir noch genug Zeit, mich um die Bewerbungsunterlagen zu kümmern. Die leisen Zweifel, dass ich damit die Jobsuche nur weiter auf die lange Bank schieben würde, erstickte ich schnell im Keim.
Es war kurz nach zwei, als ich bei Nina eintraf. Sie öffnete mir die Tür, zwar überrascht mich um diese Uhrzeit zu sehen, aber sie wirkte auch etwas gestresst. »Hallo Leni, was machst du denn hier? Das ist ja eine Überraschung. Hast du Urlaub? Ich hatte Anfang der Woche schon versucht dich zu erreichen, doch nur deine Mailbox erwischt.«
»So ähnlich, schön dich zu sehen. Passt es gerade? Tut mir leid, dass ich mich vorher nicht angemeldet habe.«
»Schon gut. Max schläft noch, das heißt, wenn wir Glück haben, bleibt uns Zeit für einen Kaffee.«
Oh, wie gnädig dachte ich, schob den Gedanken aber schnell beiseite, schließlich war ich ja diejenige die die letzten Tage das Telefon nicht abnahm und jedes Gespräch umging. Ich ging hinter Nina in die Küche und machte es mir auf der Sitzbank gemütlich, während Nina Milch für Latte Macchiato aufschäumte. »Also, was machst du hier, unter der Woche, im Sport-Look? Hast du dir einen Tag frei genommen und genießt den schönen Wintertag?«
»Hm, erzähl ich dir gleich. Kann ich dir noch etwas helfen?«
»Nee, bin fertig«, entgegnete Nina und kam zu mir an den Tisch, auf dem Tablett zwei Latte Macchiato und natürlich das Babyphon, das sich auch just in diesem Moment durch ein Knacken bemerkbar machte. »Warte mal Leni, ich schaue nur kurz nach Max und bin gleich wieder da.« Ich hing gerade meinen Gedanken nach, als sich Nina mir gegenüber hinsetzte und mich fragend ansah.
»Nina, ich brauch mal jemanden zum Reden«, meinte ich zerknirscht. Irgendwie wusste ich gar nicht wie ich anfangen sollte.
»Habe ich mir schon gedacht, dass du irgendwas auf dem Herzen hast.« Abwartend sah sie mich an.
»Ich habe keinen Job mehr«, platzte ich heraus. So, jetzt war es gesagt.
»Wie denn das, du hast dich doch dort so wohl gefühlt und deine Chefs waren doch immer begeistert von deiner Arbeit?« Ehrlich betroffen, kam Nina zu mir auf die Sitzbank und umarmte mich, was unheimlich guttat. Tränen kullerten mir über die Wangen. »Erzähl mal, wie ist es denn dazu gekommen?« Noch immer aufgewühlt berichtete ich Nina in allen Einzelheiten von dem Kündigungsgespräch und auch davon, dass ich momentan gar nicht weiter wusste, während sie mir tröstend den Rücken streichelte. Es tat gut sich alles von der Seele zu reden. Doch irgendwie hatte ich das Gefühl, dass Nina doch nur mit halbem Ohr hinhörte. Alle paar Minuten stand sie auf und schaute nach Max, obwohl der friedlich schlief. Ich musste jedes Mal wieder von vorne ansetzen. Das machte mich wahnsinnig.
»Leni, das schaffst du schon. Hast du dich schon bei Xing angemeldet? Du wirst bestimmt bald was Neues finden. Es braucht vielleicht einfach nur ein paar Tage Zeit.« Nina versuchte mich aufzumuntern, aber ich hatte das Gefühl, sie konnte meine Ängste nicht wirklich nachvollziehen. Ninas Sorgen drehten sich wohl eher um die richtige Babykost und darum wie man den Schwangerschaftsspeck in kürzester Zeit wieder los wird. Ich prallte an ihr ab mit meinen Existenzängsten. Na, das fing ja gut an. Frustriert ging ich an diesem Tag nach Hause und fragte mich abermals wie die neue Situation wohl unsere Freundschaft verändern würde.
Advent, Advent ein Lichtlein brennt
Die Tage vergingen wie im Flug. Draußen wurde es allmählich kälter und die Menschen begannen bereits ihre Häuser mit Lichterketten und allerlei Weihnachtsschmuck zu dekorieren. Weihnachten rückte näher. Man bemerkte dies ganz schnell, nicht nur am Lichterglanz und dem Plätzchenduft, der plötzlich in unserem Hausflur lag, sondern auch an der vorweihnachtlichen Hektik, die von Tag zu Tag zunahm. Heute war der 16. Dezember. Bald schon stand der dritte Advent vor der Tür. Wie ich ausgerechnet am Adventssamstag auf die Idee kam in die Innenstadt zu fahren, um ein paar Besorgungen zu machen, wo ich doch nun alle Zeit der Welt hatte, fragte ich mich spätestens, als ich mich mit den vielen Menschen in Richtung U-Bahn drängelte. Die U-Bahn war proppenvoll und ich war schon genervt, als ich am Stachus ankam. Es zog mich zunächst zum Oberpollinger, weil ich für Oma Emmi noch ein Mitbringsel besorgen wollte. Ich hatte hier neulich ganz schöne Handwärmer gesehen, die würden ihr sicher gefallen. Als ich meinen ersten Fuß in die Tür setzte, bereute ich allerdings sie beim letzten Mal nicht gleich mitgenommen zu haben. Dass ich mich auch nie gleich entscheiden konnte. Am Eingang begrüßte mich der Weihnachtshit Nummer eins 'Last Christmas' schon aus den Lautsprechern. Im Innern herrschte hektisches Getümmel. Schnell ging ich vorbei an den Luxus-Läden wie Louis Vuitton, Burberry oder Prada und nahm die Rolltreppe in die vierte Etage. Dort war es mindestens genauso voll. »Schau mal, Meike, was hältst du von der hier?«, rief eine Frau und hielt ihrer jüngeren Begleiterin, vermutlich ihrer Tochter, begeistert eine rosa geblümte Bettwäsche mit Rüschen hin. Die junge Frau verdrehte die Augen und meinte »Mama, das ist nun wirklich nicht unser Stil. Du weißt doch, dass wir es gerne modern und schlicht mögen.«
»Hm, ich dachte ja nur. Euch kann man aber auch keine Freude machen.«
»Mama, jetzt sei doch nicht gleich beleidigt«, hörte ich die junge Frau noch sagen und ging weiter in Richtung Strickwarenabteilung.
'Last Christmas' wurde inzwischen von 'Santa Claus is coming to town' abgelöst. Apropos 'Last Christmas’. Ja, letztes Jahr war noch alles in Ordnung. Ich hatte einen guten Job, der mir Spaß machte und mit dem ich jeden Monat ein ordentliches Gehalt in der Tasche hatte. Mit Nina hatte ich auch viel unternommen, was im Moment leider etwas auf der Strecke blieb, nur ein Mann, der fehlte mir auch im letzten Jahr.
Seit ich Single war, hasste ich Weihnachten. Vielleicht auch, weil mir jedes Mal vor Augen geführt wurde, wie schön es doch war Familie zu haben.
In diesem Jahr musste ich nicht nur gestehen, dass ich immer noch keinen Freund hatte, nein ich würde meinen Eltern auch beichten müssen, dass ich momentan arbeitslos war. Dann durfte ich mir wieder Dinge anhören wie 'Hättest du mal lieber auf uns gehört und etwas gescheites studiert' und 'Die Tochter von Luise und Elmar hat Medizin studiert und ist jetzt Oberärztin in der Frankfurter Uni-Klinik. So etwas hättest du machen sollen, aber du musstest ja immer deinen eigenen Weg gehen.' Ja, das musste ich und ich war auch mächtig stolz auf mich – eigentlich!
So, das wäre geschafft. Ich hab’s – das Weihnachtsgeschenk für Oma. Meinen Eltern würde ich ein Paket mit dem leckeren Wein schenken, den ich bei meinem letzten Kurztrip mit Caro an den Gardasee mitgenommen hatte. Bestimmt konnte ich ihnen damit eine Freude machen. In der Schreibwarenabteilung besorgte ich noch einen Satz Bewerbungsmappen und machte mich dann wieder auf den Heimweg.
PR in eigener Sache
Was für ein toller Traum. Ich stand an einer Supermarktkasse. Erol Sander blickte mir verführerisch entgegen und meinte 'Die türkischen Oliven sind wirklich sehr lecker – eine gute Wahl'. Ich schmunzelte verlegen. Als ich das Kleingeld aus meinem Portemonnaie kramte, krikselte er etwas auf den Kassenbon. Beim Rausgehen las ich die Nachricht und konnte es gar nicht glauben. Dort stand seine Adresse und darunter 'Oliven und Weißwein – Heute Abend 20 Uhr?' Ich drehte mich noch einmal um und Erol zwinkerte mir mit einem unmissverständlichen Blick zu, woraufhin ich verstohlen zurückzwinkerte. Ach, konnte das Leben schön sein. Das Lied 'Supergirl', das leise aus den Lautsprechern im Supermarkt klang wurde immer lauter, bis ich bemerkte, dass ich mich nicht im Supermarkt mit Erol Sander, sondern in meinem Bett in Ober-Giesing befand und der Radiowecker immer lauter dudelte.
Heute früh hatte ich mir den Wecker gestellt, was ich gerade sehr bereute, denn ich hätte gerne noch ein bisschen weiter geträumt. Wie der Abend wohl verlaufen wäre? Und wer weiß, vielleicht war das ja ein Zeichen, dass mir heute beim Einkaufen noch mein Traumprinz begegnen würde.
Es war Mittwochmorgen und ich wollte gleich noch ein paar Lebensmittel besorgen. Außer Butter, Eiern und ein paar getrockneten Tomaten gab mein Kühlschrank nichts mehr her. Danach wollte ich mich endlich meinen Bewerbungsunterlagen widmen.
Dass ein Supermarktbesuch so frustrierend enden konnte, hätte ich nicht gedacht. Ich stand gerade an der Kasse, da schrie ein kleines Mädchen am anderen Ende der Schlange »Schau mal, Mami!« Sie deutete mit ihrem kleinen Finger in meine Richtung »die Frau dort drüben hat aber eine grottenhässliche Frisur!« Sie konnte doch nicht mich meinen, oder etwa doch? Ich blickte mich vorsichtig um. Außer mir war weit und breit niemand zu sehen. Ich schaffte es gerade noch nicht in Tränen auszubrechen und einigermaßen würdevoll das Weite zu suchen. Man sagte ja nicht zu Unrecht, das Kinder und Betrunkene manchmal schrecklich ehrlich sind. Mein Selbstwertgefühl war auf einer Skala von eins bis zehn deutlich im negativen Bereich.
Draußen vor der Tür griff ich zitternd zum Handy, schaute mich mit Hilfe der Handykamera an und musste feststellen, dass meine Haare wirklich schon mal bessere Zeiten erlebt haben. Hilflos wählte ich Caros Nummer. »Hallo Leni, was gibt’s?«, flötete sie fröhlich.
»Hi Caro, wie findest du meine Frisur?«
»Magst du eine ehrliche oder eine geschönte Antwort?«
»Ehrlich, bitte.«
»Na ja, ehrlich gesagt, ein wenig Pep könntest du schon vertragen.«
Mit einer ähnlichen Antwort hatte ich bereits gerechnet und reagierte daher gefasst.
»Danke Caro. Kannst du mir einen Tipp geben? Du warst doch neulich bei diesem neuen hippen Modefriseur in der Innenstadt, wie hieß der nochmal?«
»Aber jetzt sag mal, ist was passiert? Hast du George Clooney getroffen und willst dich mit ihm auf einen Kaffee treffen oder gehst du etwa mit Erol Sander in Istanbul frühstücken?«
»Schön wär’s, ich erkläre dir das ein anderes Mal.« Beim Gedanken an Erol Sander musste ich an meinen Traum denken und unwillkürlich kehrte das Lächeln in mein Gesicht zurück. Caro gab mir die Telefon-Nummer und ich rief gleich dort an, um einen Termin zu vereinbaren. Glücklicherweise war jemand abgesprungen und ich konnte für den nächsten Tag einen Termin ergattern, was so kurz vor Weihnachten fast an ein Wunder grenzte. Perfekt! Man muss ja auch mal Glück haben. Und Pech hatte ich die letzten Wochen schon genug.
Kaum zu Hause zersprengte ich mein Sparschwein, denn eigentlich waren derartige Sonderausgaben momentan gar nicht drin. Aber sie dienten ja auch meinem beruflichen Vorankommen. Vielleicht konnte ich sie nächstes Jahr von der Steuer absetzen.
Am nächsten Morgen war ich etwas aufgeregt, als ich den stylischen Friseursalon am Kosttor betrat. Der Salon war hell und sehr puristisch gestaltet. Die Farben Weiß und Schwarz dominierten das Gesamtbild. Mit den hohen Decken wirkten die Räume sehr edel und elegant. Ich fühlte mich ein kleines bisschen wie Aschenputtel.
»Hallo, mein Name ist Leni Kullmann. Ich habe um zehn Uhr einen Termin«, brachte ich ehrfürchtig hervor.
»Guten Morgen«, begrüßte mich die Rezeptionistin fröhlich. Sie sah umwerfend aus, als wäre sie einem Werbeprospekt entsprungen und doch so natürlich. »Es dauert noch einen Moment. Nils wird gleich für Sie da sein. Sie können gerne hier vorne Platz nehmen. Darf ich Ihnen einen Cappuccino, einen Prosecco oder einen frisch gepressten Orangensaft anbieten?«
Na, das war ja mal Luxus. »Gerne, ein Cappuccino wäre prima.« Ich machte es mir auf der weißen Sitzgruppe im Empfangsbereich gemütlich und blätterte in einigen der Hochglanzmagazine, als ein gutaussehender Typ, etwa Mitte dreißig und top gestylt auf mich zukam. »Hallo, ich bin Nils und betreue Sie heute bei ihrem Styling. Bitte folgen Sie mir.«
Ich reichte ihm die Hand »Leni, hallo«. Mehr brachte ich nicht hervor. Aber gerne doch, folgte ich diesem Sahneschnittchen.
»Also, was darf’s heute sein?« Er ließ meine Haare langsam durch seine Finger gleiten und schaute mich erwartungsvoll an.
»Ich wünsche mir einen peppigen, pfiffigen Schnitt, gerne auch etwas kürzer und eventuell könnten wir die Farbe etwas verändern. Es ist Zeit für einen Neuanfang. Vielleicht haben Sie ein paar Ideen?« fragte ich vorsichtig. Das gefiel Nils offensichtlich, denn schon war er in seinem Element, präsentierte Farben, Frisuren und war ganz euphorisch. Er wirkte unheimlich professionell, also vertraute ich ihm und ließ ihm freie Hand.
Während ich auf dem Stuhl saß, die Farbe wirken ließ und inzwischen an meinem Prosecco nippte, kam mir die Idee Daniel zu fragen, ob er eventuell Bewerbungsfotos von mir machen könnte. Daniel arbeitete als freier Fotograf für die Werbeagentur und seine Shots, die er bisher ablieferte, waren wirklich gut. Ich griff zu meinem Handy und wählte spontan seine Nummer.
»Hallo Daniel, schön, dass ich dich erreiche. Wie läuft’s denn so?«
»Gut, und bei dir Leni? Lange nichts mehr von dir gehört.«
»Na ja, bei mir könnte es besser sein. Sicher hast du schon gehört, dass ich nicht mehr bei Lifestyle, sondern momentan auf Jobsuche bin. Sag mal, könntest du dir vorstellen mir zu helfen und ein paar Bewerbungsfotos von mir zu machen?« Daniel sagte gleich zu. Wenn ich wollte, könnte ich heute Nachmittag noch bei ihm vorbeischauen.
»Prima, dann bin ich gegen fünf bei dir. Danke schon mal.«
»Nicht dafür. Das mache ich doch gerne.«
So, das war er also der neue Look von Leni Kullmann. Es war richtig Nils zu vertrauen. Ich erkannte mich selbst kaum wieder. Meine Haare glänzten in einem kakaofarbenen braun, kombiniert mit einigen helleren Strähnchen, die im Licht der Sonne schimmerten. Dazu hatte er mir einen peppigen Kurzhaarschnitt verpasst. Das hätte ich mich selbst nie getraut. Aber der neue Look ließ mich frech, selbstbewusst und auch etwas sinnlich aussehen. Kurz entschlossen ließ ich mir noch ein leichtes Business Make-Up auftragen. So war ich bestens gerüstet für das Fotoshooting am Nachmittag.
Als ich aus dem Laden auf die Straße trat, erntete ich gleich bewundernde Blicke. Ein Gefühl, das ich so nicht kannte. Einige Männer pfiffen mir hinterher. Ach, war ich glücklich. Auf dem Rückweg beschloss ich noch einen kleinen Umweg zu machen und in der Innenstadt nach einem passenden Outfit für meinen neuen Look zu suchen. Ich wurde auch gleich fündig und kaufte mir eine schwarze Leggins, dazu graue Stulpen und einen megakurzen Jeansrock. Dazu noch eine graue Voilé-Bluse und mein neues Ich war perfekt. Fröhlich ging ich nach Hause. Nun hatte ich noch knapp zwei Stunden Zeit, bevor ich mit Daniel verabredet war. Zeit genug, um noch einen Latte Macchiato zu trinken und mich später in Ruhe umzuziehen.
Pünktlich um fünf Uhr war ich in Daniels Atelier angekommen. Er saß gerade noch am Computer und bearbeitete Bilder, als ich durch die Tür kam. Kurz aufblickend meinte er »Was kann ich für Sie tun? Ich habe gleich einen Termin für ein Shooting.«
»Ha, ha, sehr witzig.«
Jetzt sprang er auf und kam einige Schritte auf mich zu.
»Hey, Leni, wow! Du schaust ja klasse aus. Ich hätte dich beinahe nicht erkannt. Lass dich mal anschauen.« Er nahm mich an die Hand und ich drehte mich einmal um die eigene Achse, sodass er mich besser betrachten konnte.
»Danke fürs Kompliment.«
»Das gibt sensationelle Fotos. Bist du sicher, dass es nur Bewerbungsfotos sein sollen? Ich meine, du hättest sicher Chancen als Model zu jobben«, meinte er begeistert.
»Na, nun mach mal halblang, dass du immer gleich so übertreiben musst«. Lachend zog ich meine Jacke aus und freute mich insgeheim, über Daniels nette Worte.
Das Shooting machte jede Menge Spaß. Ich konnte die Bilder gleich danach am PC ansehen und Daniel hat es sich nicht nehmen lassen neben den Bewerbungsfotos noch ein paar weitere freche Bilder zu schießen, die wirklich gut waren.
»Wie wär’s Leni, bleibst du noch auf einen Wein?«
»Das kann ich schlecht ausschlagen. Gerne.« Wir saßen noch eine Weile zusammen, redeten über vergangene Kampagnen, die wir gemeinsam begleitet hatten und tranken leckeren Rotwein. Daniel machte mir immer wieder Komplimente. Wenn er auf Frauen stehen würde, hätte ich mir ihn direkt als potenziellen Prinzen vorstellen können. Schade, dass er Männern den Vorzug gab.
Am nächsten Morgen war ich immer noch bei bester Laune und voller Tatendrang. Meine Haare standen strubbelig in alle Richtungen. Also duschte ich erst mal und stylte meine neue Frisur, mit der ich wirklich sehr gut zurechtkam. Die Investition hatte sich definitiv gelohnt. Beim Blick in den Spiegel war ich mehr als zufrieden. Nach einem ausgiebigen Frühstück ging ich sofort ins Arbeitszimmer. Ich klappte den Laptop auf und legte los. In den Suchportalen war ich immerhin auf zwei weitere Stellenanzeigen gestoßen. Eine als Assistentin im Marketing bei einem Unternehmen, das Kosmetik herstellte. Einige deren Produkte fanden sich auch bei meinen Schminkutensilien, insofern konnte ich mich damit sehr gut identifizieren. Und eine bei einer Eventagentur, die jemanden für die Angebotserstellung und zur organisatorischen Unterstützung der Eventmanager suchten. Dazu hatte ich mir gestern schon im Branchenverzeichnis die größten Werbeagenturen Münchens ausgewählt. Einigen davon würde ich eine Initiativbewerbung schicken.
Im Internet holte ich mir in verschiedenen Foren einige Tipps zu Bewerbungen und setzte zunächst ein ausdrucksstarkes Bewerbungsschreiben auf. Ich wunderte mich, denn erst einmal angefangen, klappte das eigentlich ganz gut. Fast schon ärgerte es mich ein bisschen, dass ich mich nicht schon früher dahintergeklemmt hatte.
So, das Anschreiben war fertig. Ich denke damit würde ich es schaffen, die potenziellen Arbeitgeber neugierig auf mich zu machen. Neben dem Lebenslauf und meinen Zeugnissen fertigte ich noch eine Präsentation an, die ein wenig mehr über mich verriet und gleichzeitig von meinem Können überzeugen sollte. Damit war ich den Mitbewerberinnen sicher eine Idee voraus. Die Stunden vergingen wie im Flug. Ich hatte ganz rote Wangen vor lauter Aufregung. Doch nun war es geschafft. Die Bewerbungsmappen lagen vor mir. Jetzt fehlte nur noch ein Foto. Daniel hatte mir versprochen morgen die Abzüge vorbeizubringen.
Es gab mir ein gutes Gefühl, meine Zukunft endlich in die Hand genommen zu haben. Ich fühlte mich, wie nach einem einundzwanzig Kilometer langen Halbmarathon, von dem man vorher nie gedacht hätte, ihn zu schaffen. Einfach zufrieden und glücklich.
Ich schaffte es noch vor Weihnachten die Bewerbungen abzuschicken. Mir war zwar bewusst, dass nun Urlaubszeit war und ich wahrscheinlich auf die Rückantworten würde warten müssen, aber so konnte ich mich wenigstens ein bisschen auf die bevorstehenden Feiertage freuen und hoffte auf positives Feedback im neuen Jahr. Wer weiß, vielleicht war das Glück ja dann endlich mal auf meiner Seite?
Der Stoff aus dem die Träume sind
So ein verdammter Mist. Ich hatte mich, trotz der bevorstehenden Beichte bei meinen Eltern, so auf ein paar Tage zu Hause gefreut, wollte mich von meinen Eltern verwöhnen lassen, mit Oma Emmi leckeren Punch trinken, alte Freunde treffen, vielleicht sogar mit ihnen Silvester verbringen und nun versanken wir im Schnee. Auf den Straßen war das reinste Chaos ausgebrochen und auch mit der Bahn war nichts zu machen. Scarlett hieß das Schneetief, dem ich das zu verdanken hatte. Hey, wir wohnen in Deutschland und nicht in Sibirien – dachte ich zumindest. Es ist doch erstaunlich wie unerwartet die Menschen jedes Jahr der Winter trifft. Jetzt saß ich also in München fest und würde Weihnachten wohl oder übel allein verbringen müssen. Tolle Aussichten. Nina würde mit Tom und dem kleinen Max das Fest genießen, Caro fuhr zu ihren Eltern nach Südtirol und überhaupt wo sollte ich mich denn so kurzfristig noch dranhängen. Die meisten hatten ihre Pläne längst gemacht und ich wollte ja auch niemandem auf der Pelle hängen.
24. Dezember, acht Uhr. Müde rieb ich mir die Augen, aber schlafen konnte ich irgendwie auch nicht mehr. Ich griff zur Fernbedienung, kuschelte mich zurück in die Federn und zappte mich durch die Kanäle, bis ich schließlich im vorweihnachtlichen Kinderprogramm hängen blieb und mir, wie in den letzten zwanzig Jahren, die Abenteuer von Pippi Langstrumpf anschaute. Gerade kam meine Lieblingsfolge: Pippi und das Weihnachtfest. Ich mochte diese alten Kinderfilme, sie gaben einem diese kindliche Naivität zurück und vermittelten ein wahres Gefühl von Geborgenheit. Das war genau das, was ich jetzt brauchte.




