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Ich und mein Name
Interessanterweise habe ich den englischsten Namen von uns vier Kindern. Manchmal fragen mich Leute, ob Jason mein Künstlername sei. Und weil er in der Schweiz nicht so geläufig ist, wird er auch oft falsch ausgesprochen. Aber ich wurde auf genau diesen Namen getauft: Jason Lukas. Lukas, wie mein Vater. Ich denke oft, dass der Name viel über einen Menschen aussagt und vielleicht gar einen Einfluss auf dessen Werdegang hat, auch wenn ich mich noch nie eingehend damit auseinandergesetzt habe. Aber ich frage mich doch, was aus mir geworden wäre, wenn ich Urs oder Paul geheißen hätte.
Als kleiner Junge klebte ich immer an meiner Mutter, erzählt man mir immer wieder. Ich war eben ein richtiges Mami-Kind. Wir beide sind uns sehr ähnlich, pflegen denselben englischen Humor und können uns über Situationen kaputtlachen, die für andere gar nicht lustig sind – eben den schwarzen Humor. Meine Mutter ist gebürtige Engländerin, hatte da oft die Schule und den Wohnort gewechselt. Als sie mit 17 Jahren in die Schweiz gekommen war, hatte sie kein einziges Wort Schweizerdeutsch gesprochen, und dies, obwohl ihr Vater Schweizer ist – ohne den sie aber bei ihrer Mutter in England aufgewachsen ist. Und weil sie durch das ständige Umziehen selbst erfahren hatte, wie schwierig es ist, als Außenseiterin zu leben, sprach sie mit uns Kindern fast kein Englisch. Wir sollten dazugehören – überall. Das wünschte sie sich. Auch für mich. Leider gehen im Leben nicht alle Wünsche in Erfüllung. Vielleicht warten dafür aber umso größere …?
Gemeinsam können sich meine Mutter und ich uns über Dinge amüsieren, welche unsere Umwelt nicht versteht. Beispielsweise über einen gewöhnlichen Kokosnusskuchen, der halt auch nach dem Backen noch immer einen schwimmenden Teig darstellt und Mama und mich dadurch zum Tränenlachen bringt. In Momenten, in denen wir ernst und schweigsam sein sollen, schauen wir uns dann besser nicht an. Diese Vertrautheit in der Familie ist für mich unglaublich wertvoll. Da ist dieser Zusammenhalt, dieses Verständnis, eine unglaublich starke Familienbande – eben Löwenfamilie.
Die Beziehung zu meinem Vater veränderte sich im Laufe der Jahre sehr. Er hatte sich immer für uns eingesetzt, trotzdem war er viel ernster und etwas strenger mit uns. Vor ein paar Jahren brach meine Familie den Kontakt zu Mutters Ursprungsfamilie ab. Wenige Zeit später dann auch zur Ursprungsfamilie meines Vaters. Es gab leider schwerwiegende Probleme in der Verwandtschaft, aber dazu möchte ich mich später noch äußern. Seit diesem Bruch war mein Vater auf jeden Fall viel unbeschwerter, hatte keinen Druck mehr durch seine Familie, und von diesem Zeitpunkt an hatte auch ich ein viel besseres Verhältnis zu ihm. Er durfte endlich glücklich und er selbst sein. Es fühlte sich an wie eine Befreiung für uns alle. Dafür gratuliere ich meinen Eltern, aber speziell meinem Vater.
Mein Herz für Tiere
Neben meiner Familie fand ich Halt und Geborgenheit bei anderen Wesen: bei den Tieren. Zu ihnen hatte ich auch während der ganzen schlimmen Primarschulzeit immer eine gute Verbindung. Bei ihnen musste ich mich nie rechtfertigen oder erklären – bei ihnen durfte ich so sein, wie ich war. Vor allem bei Bibo, unserem herzenslieben Hund, einer Straßenmischung aus Italien, der uns irgendwann einfach adoptierte. Denn eigentlich gehörte er einem Nachbarn in unserer Straße, aber eines schönen Tages kam Bibo daher, spazierte in unsere Küche und bewegte sich nicht mehr weg. Der Nachbar, ein älterer Herr, meinte dazu: «Der hat sich euch ausgesucht!», und schenkte ihn uns daraufhin. Bibo gehörte zu uns und wir konnten uns ein Leben ohne ihn alsbald überhaupt nicht mehr vorstellen. Er war es, der mich neben meiner Mutter am besten trösten konnte. Bibo spürte immer, wenn es mir schlecht ging, kuschelte sich neben mich, als wollte er mir zeigen: «Ich mag dich, komm, bei mir darfst du einfach sein.» Später kam dann noch Charlie in einer Schuhschachtel zu uns. Damals war er noch klein und trug ein Glöckchen um den Hals, und auch er wurde zu einem lieben Freund. Ich glaube, es gibt keine treuere Seele als die des Hundes.
Als ich dann Max und Moritz, zwei kleine Hamster, geschenkt bekam, eröffnete sich für mich ein neues Hobby. Ich freute mich und pflegte die beiden, bis sich herausstellte, dass Max eine Maxine ist und eines schönen Morgens zehn kleine Babys im Käfig lagen. Erst erschraken wir, als wir die nackten, noch blinden Würmchen sahen – also vor allem meine Eltern –, doch dann beruhigte ich sie und versicherte ihnen, mich gut um die Tiere zu kümmern. So wurde ich mit gerade mal elf Jahren zum Hamsterzüchter.
Ich schaute Dokumentationen, las Bücher darüber, wollte Hintergründe zu den einzelnen Stammbäumen erfahren und züchtete verschiedene Kreuzungen. Dahinter steckte eine richtige Wissenschaft, die mich faszinierte. Ja, ich weiß, irgendwie war ich schon ein kleiner Freak. Ich telefonierte und belieferte etwa fünf Jahre lang praktisch alle Zoohandlungen in der Umgebung und besserte dadurch mein Taschengeld auf. Pro Hamster verdiente ich nämlich zwei Franken.
Einmal passierte beinahe ein Unfall während einer Lieferung. Mein Vater fuhr uns, eine Kollegin, mich und die kleinen Hamster, zur nächsten Zoohandlung. Aus Jux nahm die Kollegin ein kleines Pelztier aus der Schachtel, hielt es meinem Vater ans Ohr und konnte nicht ahnen, dass er sich vor meinen geliebten Hamstern etwas ekelte. Er erschrak furchtbar und fuhr uns fast in den Straßengraben. Wir kamen jedoch glimpflich davon. Diese Kollegin ist auch heute noch als «Nicole, der Hamsterschreck» bei uns bekannt.
Durch meine Hamsterzucht konnte ich meiner Familie zeigen, dass ich Verantwortung übernehmen konnte. Ich war nicht nur im Zirkus geschickt, sondern bewies, dass ich auch sonst ein ideenreiches Kind war. Diese lustige Geschichte erzähle ich heute noch gerne.
Drei weiße Federn
Ein anderes Tier muss an dieser Stelle natürlich auch noch erwähnt werden: «Tigerli», mein Kuscheltier, eine Art Raubkatze, ähnlich ein Panther, jedoch nicht schwarz. Ganz einfach mein «Tigerli», den ich zur Geburt von meinem Patenonkel geschenkt bekommen hatte und der mich bis zu meinem zwölften Lebensjahr überallhin begleiten durfte und dadurch aus manch misslichen Situation gerettet werden wollte: Einmal fiel er mir im Zoo einen Abhang runter, mitten in ein Feld von Brennnesseln. Ja, und dann war es mein Vater, der mein Kuscheltier rettete und sich an dem miesen Unkraut verbrannte.
Irgendwann habe ich «Tigerli» leider verloren. Vielleicht war es in der Zeit, als ich spürte, viel Gutes in mir zu haben, als ich selbstbewusster wurde, nicht mehr an Äußerlichem Halt suchte, sondern dieses Vertrauen in mir fand. Mein Patenonkel hatte wohl intuitiv ganz zu Anfang schon gewusst, was mir guttat und was ich brauchte. Das blieb auch im späteren Leben so. Noch heute pflege ich zu ihm, wie auch zu meiner lieben Patentante, ein herzliches Verhältnis. Ehrliche und liebenswerte Familienbande sind mir sehr viel wert.
Einer der wenigen Gegenstände, der mir heute noch sehr wichtig ist, hängt über meinem Bett: ein feiner, hölzerner Weidereifen, in den ein spinnennetzartiges Geflecht aus Garn eingearbeitet wurde. In der Mitte thront eine glänzende Perle. Am Reifen baumeln drei weiße Federn. Das ist er, mein Traumfänger. Er hilft mir, meine Herzensträume einzufangen. Wenn ich dann nachts im Bett liege, an die Decke schaue und im Mondlicht beobachte, wie sich die Federn sanft im Wind des offenen Fensters bewegen, spüre ich: er lebt. Genauso wie meine Träume, die ich mir erfüllen werde.
Eine schwierige Verwandtschaft
Ich weiß, dass es nicht selbstverständlich ist, in einem harmonischen Umfeld aufwachsen zu können. Das folgende Kapitel ist ein schwieriges. Aber auch dieses Kapitel gehört zu meiner Geschichte. Die Kindheitserinnerungen an meine Verwandtschaft sind geprägt von Lügengeschichten, unnötigen Auseinandersetzungen, Eifersucht und auch das Thema Gewalt war immer wieder präsent. Mein Großvater väterlicherseits, ein Patriarch alter Schule, hatte das Sagen und man hatte ihm blind zu gehorchen. Die Großeltern waren sehr kalt, gefühlslos – doch äußerlich versuchten sie immer, den Schein perfekt zu wahren.
Meine Eltern fügten sich viele Jahre und machten dieses Spiel mit: nach außen hin die feinen Leute, im Hintergrund alles andere als lieb und nett. Ich erlebte mehrmals Situationen, in denen Gewalt angewendet wurde. Ja, da gab es unzählige Momente in meiner Kindheit, die nicht in Ordnung waren. Man wusste es auch in meinem Heimatdorf Allschwil, aber niemand unternahm etwas dagegen. Meine Großeltern waren angesehene Leute, die man eben kannte. Auch meine Eltern getrauten sich noch nicht, gegen sie anzutreten.
Weil man es wusste und schwieg, wurde oft hinter unseren Rücken gemunkelt. Ich dachte mir überhaupt nichts dabei, mit kurzärmeligem T-Shirt herumzulaufen, obwohl meine Arme vom vielen Training beim Circus Basilisk recht geschunden aussahen und blaue Flecken aufwiesen. Als meine Schwester Stephanie und ich dann während eines Trainings wegen einer Kleinigkeit zur Kinderärztin mussten, entdeckte diese die Verletzungen und Wunden an meinen Armen. Sie schaute mich ganz ernst an: «Möchtest du mir etwas erzählen?» Nein, was sollte ich ihr denn erzählen? Sollte sie sich für den Zirkus interessieren? Oder für unschöne Erlebnisse mit meiner Lehrerin? «Du kannst mir wirklich alles sagen. Was hier drin gesprochen wird, fällt unter das Arztgeheimnis», meinte sie dann ernst, mit Blick auf meine Arme. Erst dann begriff ich und lachte: «Ach so, Sie meinen die Wunden und blutunterlaufenen blauen Flecken an den Armen? Das kommt vom Training. Sie dürfen mir gerne einmal zuschauen kommen, dann verstehen Sie, warum ich so aussehe.» Und Stephanie ergänzte: «Wir werden nicht misshandelt, da können Sie ganz unbesorgt sein.» Ich realisierte in dem Moment, dass die blauen Flecken an meinen Armen tatsächlich als Misshandlungen angesehen werden konnten. Von da an bevorzugte ich langärmlige T-Shirts.
Ich erinnere mich: Als ich noch ganz klein war und Stephanie und ich bei den Großeltern notfallmäßig übernachten mussten, erlebten wir mit, wie sich einer unserer Cousins aus Angst vor der Großmutter hinter dem Sofa versteckte. Als sie ihn entdeckt hatte, zerrte sie ihn an einem Bein hervor und schlug ihn. Er schrie und weinte verzweifelt. Stephanie und ich weinten mit ihm. In dieser Nacht konnte ich vor Angststarre kaum einschlafen, da Stephanie und ich in zwei getrennten Zimmern untergebracht worden waren. Es war eine endlose Nacht. Alleine im Dunkeln auf meiner Matratze am Boden. Ohne zu wissen, wie es meiner Schwester geht. Noch heute frage ich mich, weshalb man unsere Zimmer von außen abgeschlossen hatte. Zum Glück mussten wir danach nie mehr in diesem Haus übernachten.
In meiner Verwandtschaft war die Liebe nicht spürbar, da herrschten andere Regeln. Und dies, obwohl sie doch so perfekt waren – nach außen hin jedenfalls. Man besuchte regelmäßig den Sonntagsgottesdienst. Ja, nach außen die feine, nette Familie, nach innen das Gegenteil. Das war für mich überhaupt nicht miteinander vereinbar und davor wollte und musste ich mich distanzieren. Ich habe meine eigenen Ideen und Vorstellungen über Spiritualität, und auftanken oder inspirieren lasse ich mich liebend gerne in der Natur.
Welch wohltuende Erlösung, als meine Eltern dieses «familiäre» Band nach vielen – viel zu vielen – Jahren endlich lösten! Vielleicht verharrt man manchmal viel zu lange in einer Situation, auch wenn sie noch so schwer zu ertragen ist, bevor man sie loslässt und sich mutig und überzeugt ins Neue und Unbekannte aufmacht.
Manchmal macht es mich traurig, nicht zu wissen, wie es sich anfühlt, eine herzliche Oma oder einen fürsorgenden Opa zu haben. Wie schön wäre es doch gewesen, an dieser Stelle eine tolle Anekdote über meine Großeltern zu erzählen, um ihnen diese dann stolz vorlesen zu dürfen. Leider ist da keine in mir. Der Grund, warum ich dieses Kapitel mit euch teilen wollte, ist vielleicht schwer zu verstehen. Es geht mir nicht darum, meine Verwandtschaft an den Pranger zu stellen. Vergangenheit bleibt Vergangenheit und ich mache niemandem einen Vorwurf. Auch sie tragen ihre eigene Geschichte durchs Leben und diese wirkt sich in ihr Denken und Handeln ein. Ich schreibe dieses Buch aus der Motivation heraus, den Menschen Mut zu machen: «Befreit euch von Negativität und von Menschen, die nicht an euch glauben!» Wenn ich mit diesem Kapitel auch nur einer Person dabei helfen konnte, sich aus einer ähnlichen Situation zu befreien, war es mir das bereits wert.
Niveauwechsel auf eigene Faust
Vor dem Übertritt in die Oberstufe ins Schulhaus Breite in Allschwil war ich ins Niveau E eingeteilt worden, dem mittleren der drei. Von den Noten her hätte ich eigentlich ins Niveau P, das beste, eingeteilt werden müssen. Doch die Lehrerin wie auch der Schulpsychologe fürchteten, mich sonst zu überfordern – mich, den «Kleinen», den Sensiblen, den zu wenig reifen und für sie wohl auch nicht leicht zu handhabenden Schüler. Denen wollte ich es zeigen! Ich lernte, musste mich nicht mal allzu sehr anstrengen, und haute immer gute Noten heraus.
Einen großen Einfluss hatte gewiss auch meine Oberstufenlehrerin auf mich. In den vergangenen zweieinhalb Jahren war ich mit der damaligen Lehrperson auf Feindesfuß gewesen, hier an der Oberstufe durfte ich spüren, dass auch eine Lehrerin nett sein kann. Welch wunderbare Erfahrung! Frau Koller glaubte an mich, genauso wie meine Eltern, sie hatte Freude an mir und ließ mich dies auch sichtlich spüren. Das tat mir bis in die Seele hinein gut.
Mein Ziel war nicht das Niveau E, das mittlere, sondern P, das beste. Und nach einem Semester hatte ich meine Noten da, wo ich hinwollte. An einem Freitagabend, kurz vor Semesterschluss, klopfte ich daher an die Tür der Schulleitung, legte ihnen meine Noten vor und verkündete: «Ich bleibe nicht länger im Niveau E. Ich habe jetzt bewiesen, dass ich es kann, und würde gerne ins Niveau P wechseln.» Der Rektor zeigte sich sehr erstaunt über mein mutiges Auftreten, war aber sehr erfreut, wusste er doch über meine Geschichte in der Vergangenheit genau Bescheid.
Noch in derselben Stunde telefonierte er mit meinen Eltern, um sie zu informieren: «Ab Montag besucht Jason das andere Niveau, aber auf einer anderen Stufe.» Und weil ich durch den Niveauwechsel auch ein Jahr wiederholen musste, war ich auf einmal einer der Ältesten, fühlte mich stärker als die anderen und entwickelte mich zu einem selbstbewussten Jungen. Was für ein neues Lebensgefühl! Selbstbewusstsein – bisher ein Fremdwort für mich. Auf einmal war ich nicht mehr der Außenseiter und hatte tolle Freundinnen und Freunde. Teilweise wussten meine neuen Kollegen über meine Vergangenheit Bescheid, doch das war überhaupt nicht relevant. Noch heute erzählt man sich anscheinend im Dorf: «Weißt du, das ist der Junge, welcher in der Primar aus der Schule abgehauen und nicht wiedergekommen ist.» Toll, wenn man den Menschen dadurch in Erinnerung bleibt. Aber ist es nicht so, dass viele Menschen sich viel mehr mit Negativem umgeben als mit Positivem?
Jedenfalls überquerte ich noch Jahre später ungerne den Pausenplatz des früheren Schulhauses. Schlimme, beängstigende Gefühle kamen jedes Mal in mir hoch. Ich spürte noch lange nach, wie ich mich damals als kleiner Wurm gefühlt hatte. Manchmal spielte sich ein innerlicher Film ab und ich wünschte mir so sehr, ich könnte den Film nur einmal für einen kurzen Moment in die Zeit von damals zurückdrehen und mir zureden: «Du bist so viel wert. Du bist gut.» Ich würde dem früheren Ich gerne Mut zusprechen. Was geschehen ist, ist geschehen. Aber es ist nicht vorbei. Es ist in uns und prägt uns für die Zeit danach. Es kann den Menschen brechen oder weiterbringen. Mich hatte die Zeit sehr geprägt – und weitergebracht. Und irgendwann werde ich dieses Trauma verarbeitet haben. Irgendwann.
Jahre später begegnete ich der damaligen Primarlehrerin in der Straßenbahn. Es war kurz nach meinem großen Sieg bei «Die grössten Schweizer Talente». Sie streckte mir die Hand hin und ich spürte dieselbe Antipathie wie Jahre zuvor: Sie mag mich nicht. «Ich weiß schon, was du machst», sagte sie kühl, «ich habe dich im Fernsehen gesehen.» Da kam keine Gratulation, keine Anerkennung, kein Lob oder etwas im Sinne von: «Schön, dass du deinen Weg gemacht hast.» Ich weiß nicht, warum ich das von ihr erwartet hätte. Vielleicht, weil sie meine Primarschulzeit so ruiniert hatte. Aber ich war in dem Moment stolz und ich fühlte eine Genugtuung, wie ich sie nie zuvor verspürt habe.
Coming-out mit 16
Das Gymnasium besuchte ich dann in Basel, konkret war es das Sportgymnasium «Bäumlihof». Wie ich diese Zeit genoss! Sie gehörte zu einer der besten meines Lebens überhaupt. Ich wurde akzeptiert, wie ich war, und spürte, dass ich voll integriert war und dazugehörte. Ich war Mitglied einer coolen Klasse, war schweizweit der Erste, der als Zirkusartist zur Sportklasse zugelassen worden war, und realisierte, wie stark ein angenehmes, positives Klassenklima auf den Jugendlichen einwirken kann. Ich, der Jahre zuvor anderes erleben musste, war dafür umso dankbarer. Wie gut hätte mir dies damals als scheuer, kleiner Junge getan.
Wir Gymnasiastinnen und Gymnasiasten waren uns alle auf eine Art ähnlich. Wir pflegten eine sportliche Leidenschaft, trainierten viel, wenn auch an unterschiedlichen Orten und zu anderen Zeiten, aber wir alle verfolgten offensichtlich einen persönlichen Traum: Wir trainierten für unsere Lieblingssportart und wollten uns immer verbessern. Meine Leidenschaft für den Zirkus wuchs von Woche zu Woche, von Monat zu Monat, und ich wünschte mir nichts sehnlicher, als auf den ganz großen Bühnen dieser Welt stehen zu dürfen.
Und dies in einer Zeit, in der wir alle ziemlich am Pubertieren waren, die ersten Partys besuchten, zum ersten Mal die Schule schwänzten. Zusammen rebellierten wir. Eine besondere Nummer unter den Lehrpersonen war meine aus Polen stammende Mathematiklehrerin Frau Michalsky, die nie meinen Namen richtig aussprechen konnte. So war ich in jeder Lektion ein anderer: James, Jackson, Jenson, Janson, einfach nur nie Jason. Ich selbst freue mich darüber, dass meine Eltern sich bei mir für diesen englischen Namen entschieden hatten. Ich habe seither noch keinen Namensgefährten in der Schweiz getroffen.
Nicht die Mathematiklehrerin, sondern ich selber war schuld, dass ich in Mathematik extrem schlecht war. Diese ganzen Zahlen und Formeln brachte ich einfach nicht auf die Reihe und das alles interessierte mich auch nicht. So hatte ich in Mathe bei der Matura eine glatte Zwei, die ich aber dank der anderen Fächer kompensieren konnte. Frau Michalsky tadelte mich nicht ein einziges Mal deswegen, sondern zeigte großartiges Verständnis für meine miserablen Noten und entschuldigte sie mit den Worten: «Er ist anders. Er ist ein Künstler. Da braucht er keine Mathematik.» Wahrscheinlich zeigte sie so viel Einfühlungsvermögen, weil sie selbst eine Affinität zum Theater besaß. Zum ersten Mal war ich stolz, anders zu sein.
Trio infernale
Ich hatte viele tolle Freunde und zwei beste Freundinnen: Laura und Maria. Unglaublicherweise waren Laura und ich uns schon einmal begegnet: in der Primar bei der besagten Lehrerin. Sie hatte da zwei Wochen zugebracht, wurde als schwer erziehbar betitelt und musste daraufhin die Klasse wechseln. Vielleicht müssen gewisse Begegnungen aber doch zustande kommen? Jedenfalls bildeten wir, Maria, Laura und ich, zusammen das «Trio infernale», stellten so viel Mögliches und Unmögliches auf die Beine, hatten unglaublich viel Unsinn im Kopf und waren nicht einfach zu handhaben für unsere Lehrpersonen. Zusammen waren wir stark – wir waren ein Team. Mit diesen zwei Mädchen konnte ich so glücklich sein wie schon lange nicht mehr. Sollte sich nicht jeder Mensch zu einem Team zugehörig fühlen dürfen? Ich mochte diese Unbeschwertheit. Und im Nachhinein denke ich, als Teenager hat man das Recht, auf unsere Art rebellisch zu sein. Ich, der kleine Rebell, war auf dem Weg, erwachsen zu werden. Wir waren ja nicht böse, wir waren einfach in der Veränderung.
Wir dachten, nichts könne uns aufhalten, nichts könne uns trennen. Doch der Moment kam, an dem wir alle unsere eigenen Wege gehen mussten. Maria ging zurück nach Bern, Laura begann zu arbeiten, und ich hatte ja auch hoffnungsvolle Pläne. Das Trio infernale wurde getrennt. Wenn ich an den letzten gemeinsamen Abend denke, kommen mir wieder die Tränen. Die Freundschaft zu Maria und Laura wird eine lange Freundschaft bleiben – durch weitere Höhen und Tiefen hindurch.
Ich stehe zu mir
Es war die Zeit, in der ich mich outete, homosexuell zu sein. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich selbst betrogen, nach außen eine Rolle gespielt, durfte nie ich selber sein. Nun wollte ich nicht mehr. Die Welt sollte es erfahren. Das war keine einfache Sache für mich. Obwohl es eigentlich offensichtlich war, dass ich immer anders gefühlt hatte als andere Jungs. Wahrscheinlich hatten sich dies viele Menschen in meinem Umfeld auch schon gedacht, mich aber nie darauf angesprochen. Ich fühlte, dass es nun an der Zeit war, zu mir selbst und zu meinen Gefühlen zu stehen. Warum sollte ich sie auch verstecken? Homosexualität ist keine Krankheit und nichts, wofür man sich schämen muss.
Ich überlegte mir lange, wie ich mich outen sollte und erzählte es erst zwei guten Freunden von mir. Sie waren nicht sehr überrascht. Bei ihnen fühlte ich mich wohl und getragen. Da wusste man einiges voneinander. Und bei ihnen fiel es mir ja noch einfach. Doch wie sollte ich mich der Schulklasse erklären? Würde ich dadurch wieder zu einem Außenseiter und gemobbt werden? Für viele war es keine Überraschung und es schien für keinen Einzigen ein Problem zu sein. Innerlich war ich sehr froh darüber. Schon bald lernte ich meinen ersten Freund kennen. Die Zeit sollte kommen, dass ich meine Familie über meine Homosexualität aufklären sollte. Aber wie? Und wann?
Vor dem Einschlafen malte ich mir die Reaktionen meiner Eltern und Geschwister aus. Wie würden sie reagieren? Eigentlich schätzte ich sie recht offen ein und dachte mir, dass sie das einfach so akzeptieren würden – ja, etwas naiv von mir. Und ich hatte mich damit auch ziemlich getäuscht, wie ich dann realisierte.
Ich passte also den richtigen Moment ab, der an einem Wochenende nach den Sommerferien kam. Zusammen mit meiner Mutter saß ich auf dem Sofa und wir schauten einen schrecklichen Horrorfilm – ob dies der richtige Zeitpunkt war? Jedenfalls fiel ihr auf, dass ich ständig an meinem Handy war und Nachrichten verschickte.
«Hast du eine Freundin oder einen Freund?», wollte sie da plötzlich wissen.
«Ja, wäre es denn schlimm für dich, wenn es tatsächlich ein Freund wäre?», entgegnete ich.
«Nein. Ist es denn so?»
«Ja, ich bin schwul.»
Nach dieser Neuigkeit brauchte meine Mutter erst einmal eine Zigarette. Wir schauten den Film an jenem Abend nicht mehr zu Ende, denn sie verließ kurz darauf das Haus und fuhr zu meinem Vater, der hauptberuflich als Feuerwehrmann arbeitete und deshalb oft auch abends und am Wochenende Bereitschaftsdienst hatte. Meine Eltern hofften inständig, dass ich doch noch einer jungen, hübschen Frau begegnen würde, die meine Gefühle von der Homo- in die Heterosexualität hätte polen können. Ja, sie hatten schon Mühe mit der Tatsache, dass ihr sechzehnjähriger Sohn einen anderen Jungen liebte. Und sie fragten sich auch: «Was kommt jetzt wieder auf uns zu?», und konfrontierten mich mit ihrer Angst, dass ich nun wieder zu einem Außenseiter werden könnte. Denn sie wünschten sich eigentlich nichts sehnlicher, als mich glücklich zu sehen. Dies zu akzeptieren, brauchte Zeit. In dieser Zeit traf ich meinen Freund heimlich, bis zum elterlichen Verbot, ihn wiederzusehen. Das war schwer für mich. Wie hätte ich mir gewünscht, dass durch mein Outing mein Leben einfacher werden würde und meine Eltern mir in diesem Moment das nötige Verständnis und Mitgefühl geschenkt hätten.
Trotzdem weihte ich Schritt für Schritt alle ein. Keiner meiner gleichaltrigen Freunde hatte ein Problem damit. Warum muss man sich so viele Gedanken machen, wenn man realisiert, anders zu sein als die große Masse? Meine Schwester Stephanie erfuhr es durch meine Eltern, und meinen jüngeren Brüdern schrieb ich einige Monate später einen Brief aus Kanada.




