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»Am sichersten bist du in deiner Zelle.« Otten löste sich von Knieling, stand auf und stellte sich ans Fenster. Von draußen drang kein Ton herein. Kein Hundegebell, kein Straßenlärm, keine Geräusche der Stadt. Unwirkliche Stille, die dem Handwerker Michael Otten oft aufs Gemüt schlug.
»Der Vorschlag vom Kommissar ist aber trotzdem nicht ganz schlecht.«
»Wie meinst du das?«
»Du meldest dich krank. Aber nicht so, dass du auf die Krankenstation kommst, sondern nur hier im Bett liegen musst. Du lässt keinen rein. Ich versorge dich.«
Beide überlegten, welche leichte Beschwerde dazu führen würde, dass Knieling auf der Station bleiben könnte. Dann schlenderten sie hinüber zur Stationsküche, um sich ihr Abendbrot zuzubereiten.
»Das Pärchen Einsam und Verlegen«, kündigte sie einer an, und ein anderer rief: »Heißen sie nicht Klug und Scheißer?« Sie ernteten brüllendes Gelächter.
***
Auf der Fahrt nach Hause saß Konnert im Bus und beobachtete die Fahrgäste. Er stellte sich vor, was wohl in ihnen vorging. Drei Sitze hinter dem Fahrer hockte ein Junge, der einen Geigenkasten zwischen die Beine geklemmt hatte. Noch ein Jahr oder zwei, dachte Konnert, dann quält er seine Eltern, bis er das Instrument auf den Schrank legen darf. Oder er wird seine Geige lieben und vorsichtig auf dem Schoß festhalten. Eine Reihe weiter presste eine Frau eine schwarze Aktenmappe an ihre Brust, als würde sie ein Vermögen darin beschützen. Vielleicht trägt sie ihren neuen Arbeitsvertrag nach Hause, dachte Konnert.
An der Haltestelle Zanderweg stieg er aus. Ein paar Schritte wollte er gehen und den Hebel umlegen, wie Zahra es ihm einmal ans Herz gelegt hatte. Er fand, dass man das leichter sagen als in die Tat umsetzen konnte. Besonders schwer wurde es, wenn das Handy klingelte und Venske anrief.
»Es gibt hier eine Vergewaltigungsanzeige. Man hat mich angerufen. Ist es in Ordnung, dass ich Stephanie kommen lasse und sie die erste Befragung macht? Unsere momentan übersensible Babsi soll ich damit doch bestimmt nicht behelligen.«
Konnert missfiel der sarkastische Unterton seines Stellvertreters. Barbara Deepe, von allen Babsi genannt, war Kriminaloberkommissarin. In der Vergangenheit war sie sportlich durchtrainiert, fleißig und dabei eher unauffällig gewesen. Dann hatte es Probleme in ihrer Beziehung gegeben. Jetzt war sie häufig unkonzentriert und reagierte dünnhäutig. Nur Konnert war von ihr ins Vertrauen gezogen worden. Darum verkniff er sich einen Kommentar und sagte: »Ist richtig so. Wieder häusliche Gewalt?«
»Nein, diesmal hat es eine Studentin auf dem Rückweg von einer Weihnachtsparty erwischt. In Bloherfelde, verschleppt, betäubt und ohne Kleidung zurückgelassen. Eine Joggerin hat sie total unterkühlt gefunden und anstatt sie in ein Krankenhaus zu bringen, hat sie sie mit ihrem Wagen nach Hause verfrachtet. Verfluchte Scheiße.«
»War sie beim Arzt?«
»Ja, aber erst heute am späten Nachmittag. Sie ist mit der Sprechstundenhilfe der Ärztin hierhergekommen. Eine Mitarbeiterin der Kriminaltechnik ist dann mit ihr ins Evangelische Krankenhaus gefahren.«
»Stephanie soll sich Zeit lassen.«
»Das brauche ich ihr nicht zu sagen.«
Konnert schloss die Haustür auf. Ihn empfing aus der oberen Etage das fröhliche Lachen junger Leute. Den beiden scheint es richtig gut zu gehen, stellte er fest. Im Mai war seine Tochter Ruth bei ihm eingezogen. Er hatte ihre Schulden bezahlt, oben eine Küche einbauen lassen und das eine oder andere Möbelstück spendiert. Sein Wunschauto musste dann eben noch auf ihn warten.
Schwiegersohn Sven hatte seinen Entschluss in die Tat umgesetzt, keinen Alkohol mehr zu trinken. Erst nach der durchgestandenen Entziehungskur hatte er seine Frau angerufen und berichtet, dass er zusätzlich ein Antiaggressionstraining erfolgreich absolviert hatte. Er würde sie nie mehr schlagen. Einige Wochen später war er wieder bei Ruth eingezogen. So langsam gewöhnte sich Konnert daran, nicht mehr allein im Haus zu wohnen.
Kurz vor acht Uhr wechselte er ins Wohnzimmer, um die Tagesschau anzusehen. Die Separatisten in der Ukraine lehnten Friedensgespräche ab. Das Stichwort Ukraine löste bei ihm noch immer Erinnerungen an einen Fall mit vergewaltigten Zwangsprostituierten aus. Er hätte gern gewusst, wie es der geflohenen Frau jetzt ging und ob sie in ihrer Heimat angekommen war. Als der Sportreporter auf die 5:2-Demütigung für Werder Bremen durch Eintracht Frankfurt zurückkam, schaltete Konnert den Apparat ab.
Seine Gedanken wanderten zurück zu Sascha Knieling. Ihn wird das alles wenig interessieren, was heute Abend im Fernsehen läuft. Mich eigentlich auch nicht. Er suchte eine Pfeife mit großem Kopf aus, stopfte sie sorgfältig und ging zum Rauchen auf die Terrasse.
An einem kühlen Septemberabend hatte er draußen gesessen und gefröstelt. Am nächsten Tag war er in einen Baumarkt gefahren, um einen Heizstrahler zu kaufen. Den hatte er an einem Samstagnachmittag über seinem Sessel an die Wand montiert. Jetzt konnte er auch im Winter hier sitzen, in den dunklen Garten schauen und seinen Gedanken nachhängen.
Welche Rechnung sollte Knieling mit einer Vergewaltigung und anschließendem Tod begleichen? Mit einem Mal stolperte seine Erinnerung über das Wörtchen »wir« in der Morddrohung. Dann machen wir dich weg. Wer stellte die Rechnung aus?
Dienstag, 9. Dezember
Die Frühschicht schloss den Haftraum zur Lebendkontrolle auf.
»Knieling, was ist los? Noch im Bett? Auf geht’s! Ein neuer Tag wartet auf Sie.«
»Ich glaube, ich bin krank. Ich habe Halsschmerzen, die Nase ist dicht und mein Kopf dröhnt. Mir ist schwindelig.«
»Fieber? Ich benachrichtige den medizinischen Dienst.«
»Nicht nötig. Was von allein kommt, geht auch wieder von allein. Alte Oldenburger Weisheit.«
»Ich melde Sie trotzdem beim medizinischen Dienst an.«
***
Sein Schwiegersohn war auf seiner Joggingtour beim Backshop vorbeigekommen und hatte Brötchen gekauft. Konnert bückte sich und hob seine Tüte von der ersten Stufe der Treppe auf.
Zahra.
Ihr Name streifte durch seine Gedanken. Er goss heißes Wasser in den Kaffeefilter und sah zu, wie die braune Brühe versickerte. Über sich hörte er die Schritte seiner Tochter.
Am Küchentisch blies Konnert über seinen Becher und schlürfte einen ersten kleinen Schluck. Zurückgelehnt auf dem Stuhl, auf dem er schon gesessen hatte, als noch seine Frau das Frühstück für ihn und die beiden Kinder gemacht hatte, überdachte er wieder einmal die Entscheidungen des letzten Sommers.
Zahra. Immer mehr hatte sie ihn herausgefordert. Er erinnerte sich an den Samstag im August. Sie wollte unbedingt mit ihm in einen Hochseilgarten fahren. Er konnte sich den enormen Altersunterschied und die allzu entgegengesetzten Freizeitinteressen nicht mehr schönreden. Sie hatte erst gequengelt und dann versucht, ihn mit weiblichen Tricks umzustimmen. Später hatten sie sich gestritten und ihm war der Satz herausgerutscht, dass er ihr weder den fehlenden Vater ersetzen konnte, noch sich weiter auf ihren sportlichen Lebensstil einlassen wollte. Das war der Anfang vom Ende ihrer Beziehung gewesen. Zahra war es, die schließlich mit ihm Schluss gemacht hatte, nachdem er abgelehnt hatte, dass sie bei ihm einzog. Am 22. September hatten sie sich endgültig getrennt. Herbstanfang. Seitdem frühstückte er wieder allein in seinem Haus und fühlte sich einsam.
Auf der Fahrt ins Kommissariat meldete sich sein Handy. Am Sicherheitsgurt vorbei fummelte er es aus seiner Hosentasche. Rechtsanwalt Keil rief an. Ein fleißiger Mann, stellte Konnert fest, so früh hat er schon den Anrufbeantworter abgehört und ist an die Arbeit gegangen. Sie verabredeten ein Treffen für 11:15 Uhr in seiner Kanzlei.
Im Büro saß Babsi bereits am Schreibtisch und bearbeitete die Tastatur. Das hatte er erwartet. Es kam Konnert so vor, als hätte sie am Wochenende noch mehr zugenommen. Kummerspeck, schoss es ihm durch den Kopf. Sie lehnte sich zurück, verschränkte die Arme unter der Brust und überprüfte den Text auf dem Bildschirm.
Konnert war in der Tür zum Großraumbüro stehengeblieben und musste unwillkürlich auf ihre linke Hand blicken. Kein Verlobungsring mehr.
Er ging zu ihr. »Moin, Babsi. Gut, dass du schon hier bist.«
»Moin«, kam es müde zurück. »Vergiss nicht, dass ich für 15 Uhr einen Termin bei meiner Frauenärztin habe.«
»Ich werde daran denken.«
***
Um 8:19 Uhr verließ Michael Otten zum unbegleiteten Ausgang die Haftanstalt. Obwohl ein leichter Graupelschauer niederging, stellte er sich neben das gläserne Haltestellenhäuschen und wartete.
In Gedanken nannte er sich zum ungezählten Mal einen Idioten. Statt nach dem Richtfest ein Taxi zu nehmen und zwanzig Euro zu zahlen, setze ich mich in mein Auto und fahre angetrunken los. So blöd kann auch nur ich sein.
Auf dem Nachhauseweg hatte er dann einem Fiat Panda die Vorfahrt genommen. Die Fahrerin starb noch an der Unfallstelle. Sie hatte eine ihrer Töchter und deren Freundin von einem Discobesuch abgeholt. Die beiden Mädchen mussten schwer verletzt ins Klinikum gebracht werden. Er selbst hatte nur ein paar Prellungen und ein Schleudertrauma erlitten.
Verurteilt wurde er zu zweiundfünfzig Monaten Gefängnis ohne Bewährung, weil er schon zweimal in einer Alkoholkontrolle aufgefallen war. Wegen guter Führung stand für ihn demnächst die vorzeitige Entlassung an.
Der Bus kam und mit ihm stieg ein Mann ein, der Otten trotz der Kälte den Schweiß auf die Stirn trieb.
Vor vier Monaten hatte sich der Fremde zum ersten Mal an ihn herangeschlichen und zu ihm gesagt: »Ich bin Eugen. Mehr musst du von mir nicht wissen.« Er hatte ihm die Hand auf die Schulter gelegt und geraunt: »Ihre Frau hat mir freundlicherweise verraten, wann Sie Ausgang haben.« Otten hatte ihm den Kopf zugewandt. Er wollte erst sagen: »Hände weg!«, hatte dann aber nur die Hand angestarrt. Dem kleinen Finger fehlte das letzte Glied. Er meinte, so etwas in einem japanischen Kriminalfilm gesehen zu haben. Der verkürzte Finger war das Erkennungszeichen der Yakuza. Er erinnerte sich daran, weil er sich damals gefragt hatte, ob man dem Schauspieler das Fingerglied tatsächlich amputiert hatte. Es hatte so echt gewirkt. Eugen sah aber mehr wie ein Sinti oder Roma und nicht wie ein Asiat aus.
Nur mit halbem Ohr hatte er zugehört, wie Eugen von ihm verlangte, mit Sascha Knieling eine erotische Beziehung zu beginnen. Er hatte natürlich gezögert und sich geweigert. Dann hatte Eugen damit gedroht, seine Frau oder die beiden Töchter zu entführen und in die Prostitution zu verkaufen. Er hatte ihn angegrinst: »Ich versichere dir, wir haben dazu die Mittel und die Möglichkeiten«. Da hatte er zugestimmt. Seitdem tauchte er immer auf, wenn Ottens Ausgang genehmigt worden war. Er erkundigte sich dann nach dem Fortschritt des Verhältnisses zu Knieling. Otten hatte zunächst ausweichend geantwortet, weil er immer noch nicht glauben konnte, dass es dem Gangster ernst mit der Drohung war. Aber dann hatte dieser ihm von Telefongesprächen mit seiner Frau erzählt und wie gut sie sich verstehen würden.
Da hatte Otten damit gedroht, zur Polizei zu gehen. Eugen hatte ihm dann auf dem Handy einen Film gezeigt. Zwei fast unbekleidete Prostituierte standen am Straßenstrich und fassten sich in den Schritt oder boten ihre Brüste an. Im Hintergrund waren Palmen zu sehen und dunkelhäutige Menschen. »Ihr Vater meinte, er müsse seine Schulden bei uns nicht bezahlen und könnte besser zur Polizei gehen. Die würde ihn und seine Familie beschützen. Kapierst du jetzt, warum ich weiß, dass du nicht zur Polizei gehen wirst?« An dem Nachmittag hatte Otten resigniert.
Am Dienstag vor einer Woche war Eugen ihm in einem Alfa Romeo auf dem Weg von der Bushaltestelle in Tungeln nach Hause gefolgt. Er hatte ihn gezwungen, ins Auto einzusteigen. Dort musste er einen Text auswendig lernen. Wörtlich sollte er den auf einen Zettel schreiben und Knieling heimlich zustecken. »Von mir aus kannst du deine Handschrift verstellen«, hatte er gegrinst. Otten hatte die Anweisung befolgt.
Jetzt schob sich Otten an einzelnen Fahrgästen vorbei in den hinteren Teil des Busses. Auf der letzten Bank saß ein Pärchen und fummelte miteinander. Er ließ sich auf einen Sitz am Gang fallen. Eugen folgte ihm durch den Bus und drängte ihn auf den Fensterplatz. Er zischelte: »Ist alles klar, mein Freund?«
»Ich bringe das nicht. Ich bin Zimmermann. Ich kann mit Hammer, Säge und Beil umgehen. Was Sie verlangen, ist für mich unmöglich.«
»Du wirst es tun. Heute. Denk an deine Frau und deine hübschen Töchter. Was werden sie von dir denken, wenn sie erfahren, was du für eine Schwuchtel bist. Überleg dir das. Dann kannst du es. Weigerst du dich, holen wir die Damen ab.« Er tippte auf seinem Handy herum und ließ einen anderen Film ablaufen. Ein schlanker Mann war darauf zu sehen, der mit Ottens Töchtern sprach und sie offensichtlich belästigte. Eugen verzog das Gesicht zu einem überheblichen Grinsen. »Du machst es. Heute! Stimmt’s?«
Ottens Hände verkrampften sich um den Riemen seiner Sporttasche. Ihm schossen die genauen Anweisungen des Mannes durch den Kopf. Um nicht loszuschreien, hielt er die Luft an, bis im schwindelig wurde.
»Heute! Halte dich an das, was ich dir gesagt habe, und alles wird gut.« Gleichzeitig steckte er Otten einen Schein in die Tasche. »Die nächste Rate, mein Freund.«
An der nächsten Bushaltestelle stieg Eugen aus. Otten sah ihm hinterher und schauderte. Eugen hatte die rechte Hand um seine Kehle gelegt.
***
Eine Stunde nach Dienstantritt meldete sich Konnert wie abgesprochen beim Kriminaloberrat. Wehmeyer saß in Uniform hinter seinem Schreibtisch und las mit einem gelben Marker in der Hand ein Manuskript.
»Ich muss heute Nachmittag einen Vortrag an der Polizeiakademie in der Bloherfelder Straße halten. Willst du das nicht für mich übernehmen?« Er grinste.
»Nein, danke. Das mach du mal. Dafür wirst du ja auch besser bezahlt als ich.«
»Schmerzensgeld.«
»So schlimm?«
Wehmeyer nickte. »Was anderes. Adi, ich kann hier im Haus nicht mit jedem darüber sprechen. Aber mit dir. Es betrifft dich auch.«
Konnert rätselte, was denn wohl so geheimnisvoll sein könnte.
»Du weißt, die Stelle des Leiters vom FK6, Kinder und Jugend, Ermittlungsgruppe Fahrrad, muss zum 1. April neu besetzt werden.«
Konnert hatte schon davon gehört, dass sich der derzeitige Leiter nach Lüneburg beworben hatte und ausgewählt worden war.
»Und was habe ich damit zu tun?«
»Es gibt bisher zwei externe Bewerbungen für die Stelle.« Wehmeyer machte eine Pause. »Und Bernd Venske hat seine Unterlagen auch eingereicht.«
Konnert schwieg. Mal wieder.
»Venske will jetzt Karriere machen und nicht abwarten, bis du deinen Stuhl freimachst.«
Der Kriminaloberrat erwartete vergebens eine Reaktion.
»Nun sag endlich was dazu!«
»Bernd ist ein guter Polizist. Du hast recht, dass er weiterkommen möchte. Was spricht dagegen, dass er sich beworben hat?«
»Die Stelle ist schon vergeben. Die Ausschreibung war nur pro forma wegen der Vorschriften. Steck ihm, dass er seine Bewerbung zurückziehen soll. Sonst gibt es nur unnötiges Gerede im Haus. Du weißt doch, wie die Leute so sind.«
»Wie unfair ist das denn?«
Eine Pause entstand.
Der Kriminaloberrat sah Konnert fragend an. »Ist noch was?«
»Ich … ich brauche auch einen Rat.« Er erzählte von seinem Besuch im Gefängnis. »Der Gefangene machte den Eindruck, dass er tatsächlich um sein Leben fürchtet. Der schauspielert nicht.«
Jetzt war es Wehmeyer, der schwieg.
»Kennst du vielleicht den Direktor der JVA?«
»Kennen? Wir sind uns bei verschiedenen Gelegenheiten begegnet. Koop wird sich schon an mich erinnern. Aber kennen? Ihn so gut kennen, dass ich ihn von einer umgehenden Verlegung überzeugen kann, ohne Gründe zu nennen … Nein.«
Mit zusammengekniffenen Lippen rutschte Konnert auf die Vorderkante des Besucherstuhls.
»Wenn du willst, versuche ich es«, sagte Wehmeyer.
»Lass es lieber. Es war keine gute Idee von mir. Koop ist clever und kombiniert meinen Besuch mit deinem Anruf und wittert doch Kriminelles im Hintergrund. Nein, vergiss es.«
Resigniert lehnte sich Konnert kurz zurück, um gleich wieder aufzuspringen.
Der Oberrat reichte ihm die Hand über den Schreibtisch.
»Mir läuft die Zeit weg«, murmelte Konnert zum Abschied.
***
Auf dem Hörneweg parkten die Einsatzwagen der Spurensicherung. Die Blaulichter auf den Mannschaftswagen einer Hundertschaft der Bereitschaftspolizei blinkten. Zusammen mit den Experten und Mitarbeitern ihres Teams suchte Stephanie Rosenberg die Wiesen und Ufer rechts und links der Haaren in Richtung Osten ab. Sie hofften Spuren im Zusammenhang mit der Vergewaltigung der Studentin zu finden. Die Flüche der Polizisten über das Scheißwetter und den morastigen Untergrund waren verstummt. Nur noch die Geräusche der an Weiden und Steine stoßenden Suchstöcke waren zu hören.
Die Gruppen passierten den Drögen-Hasen-Teich und erreichten die nächste Straße. Im trockenen Sand unter der Brücke fand eine junge Polizistin ein Fahrrad und markierte die Stelle.
Auf dem Quellenweg sei sie unterwegs gewesen, hatte das Opfer am Abend des Vortags ausgesagt. Kurz vor der Einmündung Hartenscher Damm hatte der Mann sie angehalten. Er hatte gefragt, ob sie ein Handy dabei habe und sie für ihn die Polizei anrufen könnte. Als sie in ihrer Handtasche gekramt hatte, ist er dann plötzlich auf sie losgegangen. Sie hatte ihm ihr Fahrrad entgegengeschleudert und war geflüchtet. Er hatte sie aber eingeholt, festgehalten, ihr den Arm über die Schulter gelegt und ihr ein Messer an die Kehle gedrückt. So wurde sie weitergeschoben. Dann hatte er sie losgelassen und vor sich her gestoßen. In der Dunkelheit war sie mehrfach gestolpert. Immer wieder hatte er sie hochgerissen und vorwärtsgetrieben. Über einen langen Holzsteg sei sie getaumelt. Sie konnte sich auch noch an ein Eisenrohr erinnern, an das sie sich geklammert hatte. Wo genau er sie gegen einen Maschendrahtzaun gedrückt und betäubt hatte, das wusste sie nicht genau. Das Letzte, an das sie sich erinnerte, seien die Schmerzen ihrer Kopfhaut gewesen, als der Mann sie an den Haaren herumgerissen habe.
Ein Zug der Hundertschaft ging weiter an der Haaren entlang. Die beiden anderen Züge durchstreiften das Gelände westlich vom Hörneweg. An den aufgeweichten Wiesenrändern lag nur Müll. Weder das Messer noch die Kleidung des Opfers wurden gefunden. Im Gras der nassen Wiesen und auf den schlammigen Wegen konnte keine brauchbare Spur sichergestellt werden.
Stephanie bedankte sich bei den Frauen und Männern der Hundertschaften für ihren Einsatz. Die Beamten der Spurensicherung gossen noch die Fußspur und Reifenspuren auf beiden Parkplätzen am Drögen-Hasen-Weg aus. Sie hatten wegen der Feuchtigkeit aber wenig Hoffnung, brauchbares Material sicherstellen zu können.
Stephanie und ihre Leute reinigten provisorisch Schuhe und Hosen und begannen dann, die Bewohner der umliegenden Häuser zu befragen. Doch niemand hatte etwas gehört oder gesehen.
***
Michael Otten überlegte, ob er sich eine Verletzung zufügen sollte. Er stand in seinem Holzschuppen an der Kreissäge und schnitt aus gebrauchten Paletten kurze Bretter für den Kaminofen. Immer wieder kamen ihm die Worte des Fremden in den Sinn. Mach bloß keine Faxen. Denk an deine Frau und deine Töchter. Seine Hände zitterten. Das Sägeblatt kreischte im verkanteten Holz auf. Er stellte die Maschine ab und schlurfte in Richtung Haus.
Ein Regenschauer ging nieder. Unter dem Dachvorsprung drehte er eine Zigarette und zündete sie an. Noch immer flatterten seine Finger. Er dachte an das Video mit seinen Töchtern, das Eugen ihm gezeigt hatte, und an die halbnackten Mädchen auf irgendeinem Straßenstrich.
Am vergangenen Freitag hatte er gesagt: Vergiss nicht. Wir sind wie die Bildzeitung. Wohin du auch fliehst, wir sind schon da. Otten schleuderte die Kippe in eine Pfütze und rieb sich die Hände warm.
»Micky! Wo steckst du?«
Er stakste ins Haus. »Ich war nur eine rauchen.«
»Du hast kein Holz mitgebracht. Was ist heute los mit dir?« Seine Frau sah ihm besorgt ins Gesicht.
»Hole ich gleich noch.«
»Hat dich eigentlich dein Kollege abgeholt? Er ist immer so nett und zuvorkommend, wenn er anruft und fragt, wann du das nächste Mal nach Hause kommst.«
»Ja, er ist ein Stück im Bus mitgefahren und hat mir wieder einen Hunderter zugesteckt.« Mit belegter Stimme fügte er an: »Wir müssen ihm dankbar sein.«
»Er kann ja gern mal mitkommen, wenn du uns besuchst, und einen Kaffee mittrinken. Lade ihn doch beim nächsten Mal ein. Ohne seine Unterstützung könnten wir uns manches nicht mehr leisten.«
»Das mache ich. Ich gehe jetzt und hole Brennholz rein.«
Im Schuppen ballte Otten die Faust und ließ die Säge aufheulen.
***
Das Rechtsanwaltsbüro in Wardenburg lag in einer Nebenstraße. Es war in einem ehemaligen Geschäft untergebracht. Die beiden Schaufenster waren mit großflächigen Bildern vom Oldenburger Landgericht und dem Amtsgericht beklebt worden. Im einstigen Verkaufsraum zog ein bis unter die Zimmerdecke reichender, korallenroter Stahlschrank den Blick auf sich. Die spärlichen Regale an ockerbraunen Wänden glänzten papageiengelb und enthielten nur einzelne Akten. Eine ältere Dame empfing Konnert. Ihr Schreibtisch bestand aus zusammengeschraubten Europaletten, über die eine Glasplatte gelegt worden war.
»Mein Sohn erwartet Sie.« Sie stand auf und öffnete eine Tür im Hintergrund. »Enno. Herr Konnert.«
Ein Mann mit hellbraunen Locken und einem gewinnenden Lächeln erschien im Türrahmen. »Ich freue mich, Sie kennenzulernen, Herr Hauptkommissar.« Er streckte ihm die Hand entgegen, um sie gleich in einer ausholenden Bewegung einladend zur Seite zu schwingen. »Treten Sie ein in mein bescheidenes Heim.«
An der granitgrauen Stirnwand hingen Diplome, Urkunden und Prüfungszeugnisse in orangefarbenen Holzrahmen. Der Schreibtisch war eine Chippendale-Konsole, die türkisgrün angemalt worden war. Um sie herum standen vier gleichfarbige, aufgepolsterte Barockstühle.
»Bitte nehmen Sie Platz.« Er wartete, bis sein Besuch sich gesetzt hatte, und fragte: »Tee oder Mineralwasser?«
»Danke. Nichts. Sehr freundlich, aber ich will nur kurz bleiben.« Konnert war irritiert von der kunterbunten Farbenpracht. Er überlegte, ob er diesem exzentrischen Juristen zutraute, Knielings Verlegung durchzusetzen. Aber Äußerlichkeiten sollten sein Urteil jetzt nicht bestimmen.
»Herr Keil, Sie waren Sascha Knielings Anwalt. Er steckt in einer äußerst problematischen Situation.« Konnert berichtete, was Knieling ihm anvertraut hatte.
Der Anwalt hörte aufmerksam zu.
»Ich bin hier, um Sie zu fragen, ob Ihnen vielleicht etwas einfällt, was ihm helfen könnte.«
»Es ist nicht meine Art«, antwortete Keil, »so aus dem Augenblick heraus Ratschläge zu erteilen. Ich werde mir Zeit nehmen und über die Sachlage nachdenken. Sie erhalten von mir bis 15 Uhr eine Nachricht.« Damit kam Keil hinter seinem Schreibtisch hervor. »Sie hatten es eilig.«
***
Neben seinem Mittagessen in der Kantine lag der Block mit karierten DIN-A4-Blättern. In der Mitte der Seite hatte Konnert das Wort Verlegung eingekreist. Von da aus führten Pfeile zu Begriffen und Ideen, die ihm zu diesem Stichwort eingefallen waren.
Er schob sich mit der linken Hand Pommes in den Mund.
Keine Lösung schien ihm brauchbar zu sein. Unwirsch strich er eine nach der anderen durch. Das Papier riss ein.
Konnert schrak auf, als Venske sein Tablett ihm gegenüber auf den Tisch stellte. »Mit den Schlägereien vom Wochenende bin ich so gut wie fertig.« Er setzte sich und griff zum Besteck. »Es gibt noch eine schwerwiegendere Anzeige. Ein Albaner hat ein Messer gezogen und einen Griechen an der Hüfte verletzt. Natürlich war bei allen Fällen wieder zu viel Alkohol im Spiel.«
»Ja, das stimmt.«
»Du hast mir überhaupt nicht zugehört.«




