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»Entschuldige, was hast du gesagt?«
»Du hast mir überhaupt nicht zugehört.«
»Nein, vorher.«
»Vergiss es!«
Konnert schob seinen Teller zur Seite. »Mir ist aber etwas anderes zu Ohren gekommen. Du hast dich auf die Stelle FK6 beworben.«
»Hätte ich dich erst um Erlaubnis bitten sollen?«
»Natürlich nicht. Aber ich weiß mehr darüber.«
»Ist schon entschieden, dass ich wechseln werde?«
»Die Bewerbungsfrist ist noch nicht abgelaufen. Es ist trotzdem schon entschieden worden. Es tut mir leid, aber du wirst bei uns im FK1 bleiben müssen.«
»Weshalb?«
»Ganz, ganz oben gibt es irgendeine Interessenlage. Da hat einer durchgesetzt, dass jemand anderes die Stelle bekommen soll.«
»Dagegen gehe ich an. Wer steckt dahinter?«
»Lass es. Es ist zwecklos. Du stehst hinterher nur als schlechter Verlierer da. Ich rate dir, zieh deine Bewerbung zurück.«
Wortlos stieß Venske seinen Teller weg, so dass er gegen Konnerts Wasserglas prallte. Er stand auf, wandte sich im Gehen noch einmal um und quetschte zwischen den Zähnen hindurch: »Es gibt auch andere Stellen.«
Konnert war der Appetit vergangen. Eigentlich musste er sich sofort um Venske kümmern. Das verschob er jedoch auf später. Er hatte jetzt schwerwiegendere Probleme und überlegte, wer einflussreich genug wäre, um Knieling formlos verlegen zu lassen.
***
Im Büro der Staatsanwältin glänzten die dicken Blätter des Geldbaums auf der Fensterbank. Sie hat einen grünen Daumen, stellte Konnert fest und setzte sich neben einer Birkenfeige auf den Besucherstuhl.
»Herr Hauptkommissar, wie geht es Ihnen?«
»Danke der Nachfrage.«
»Was kann ich für Sie tun?«
Konnert bemerkte ihr Lächeln und schilderte das Problem mit Sascha Knieling. »Ich laufe von Pontius zu Pilatus und suche nach einer Lösung. Der Gefangene setzt seine ganze Hoffnung auf mich. Er hat niemanden sonst, der ihm helfen könnte. Fällt Ihnen vielleicht etwas ein?«
Erst zog sie die Augenbrauen hoch und machte große Augen, dann zuckte sie mit den Schultern. »Wenn wir ein paar Tage Zeit hätten, dann … Aber von jetzt auf sofort. Da bin ich so ratlos wie Sie.«
Dorothee Lurtz-Brämisch beugte sich nach links und zog eine Schublade ihres Schreibtisches auf. »Ich habe die Adresse des Abteilungsleiters vom Referat 303 im Justizministerium in Hannover. Er ist für die Vollzugsgestaltung und Behandlungsmaßnahmen zuständig. Den kenne ich ganz gut. Manchmal gibt es ...« Sie richtete sich auf. »Aber in der Kürze der Zeit. Nein, selbst auf dieser Ebene passiert nichts so schnell.«
Mit zusammengekniffenen Lippen saß Konnert auf seinem Stuhl und nickte.
Auf der Rückfahrt ging ihm durch den Kopf, er könnte bei der Staatsanwältin seine Zeit verschwendet haben. Er fuhr an der Polizeiinspektion vorbei und parkte vor der Auferstehungskirche.
Auf den Friedhof kamen heute nicht einmal die Witwen, die sich sonst täglich auf den Weg zum Grab machten. Wer wollte auch bei diesem Wetter hier draußen sein. Nur er saß auf seiner Lieblingsbank, blickte über das anonyme Urnenfeld des Neuen Friedhofs, fror und rauchte. Den Mantel eng um den Körper gewickelt, den Kopf nach vorn gestreckt, als wollte er gegen eine Wand anrennen, saß er da. Seine Augen fanden eine bestimmte Stelle auf dem Rasen. Da hatte einmal eine Blumenschale gestanden. Er hatte sie damals minutenlang angestarrt, als er einmal mitschuldig am Tod eines Mannes geworden war.
Werde ich heute einen Mann retten können? Ich habe immer noch keinen Weg gefunden, Knieling zu helfen, betete er still. Die Bedrohung ist für ihn real. Ihm selbst sind keine Lösungen eingefallen. Er setzt alle seine Hoffnungen in mich, den Bullen, der ihn ins Gefängnis gebracht hat.
Zurück im Kommissariat fand Konnert die Nachricht von Anwalt Keil. Er hatte auch keinen Vorschlag machen können.
Konnert ging zum Fenster und sah hinaus zu den kahlen Lindenbäumen auf der anderen Straßenseite. Es gibt immer einen Ausweg, sagte er sich. Aber ihm wollte keiner einfallen.
***
In der geöffneten Haftraumtür drehte sich Michael Otten noch einmal um. Sein Gesicht war gerötet, wie nach einem langen Lauf. Er atmete gleichmäßig. Seine Hände lagen ruhig am Türrahmen. Prüfend schweifte sein Blick durch die Zelle. »Schlaf dich gesund. Gute Besserung. Bis morgen«, sagte er laut. Dann ließ er die Tür zufallen und bummelte die sechs Schritte hinüber zu seinem eigenen Haftraum.
Um 15:24 Uhr öffnete die diensthabende Beamtin Maike Lüttmann die Tür zu Knielings Haftraum vor dem Nachteinschluss. Die Fenstervorhänge waren zugezogen. Das Licht einer kleinen Lampe neben dem Fernseher reichte ihr aus, um den Gefangenen zu erkennen. Er lag mit dem Gesicht zur Wand in seinem Bett. Die Bettdecke war bis über die Schultern heraufgezogen. Unter seinem Kopf konnte Maike Lüttmann das Ende eines Schals erkennen. »Knieling? Alles okay?«
Sie versperrte die Tür und betrat den Raum. Die Tür fiel hinter ihr bis auf einen Spalt zu. Es dauerte knapp eine halbe Minute, bis sie zurück in den Flur kam, die Tür sachte zudrückte, den Riegel umlegte und abschloss.
Otten saß zwei Hafträume weiter an seinem Tisch. Der Fernseher war eingeschaltet. Sturm der Liebe lief. Er achtete weder auf die Telenovela, noch nahm er die Geräusche aus dem Flur war. Starr sah er auf seine Finger, die eine Zigarette nach der anderen drehten.
***
Viel zu oft ließ Konnert an diesem frühen Abend seine Augen durch sein Büro schweifen.
Die Wände waren in seinem Urlaub in einem angenehm hellen Ockerton gestrichen worden. Dorothee Lurtz-Brämisch hatte nach der Renovierung sogar aus ihrem Staatsanwaltsbüro einen Zierspargel und einen Farn spendiert und ihm auf die Fensterbank gestellt. Sie hatte sogar Pflegeanweisungen auf einem Zettel dazugelegt. Bei Vangogh in der Cloppenburger Straße hatte er sich dann drei Kunstdrucke von Gustav Klimt gekauft, sie rahmen lassen und seinem Schreibtisch gegenüber aufgehängt. In der Mitte hing das Bild Farmer’s Garden und links und rechts davon Tannenwald und Birkenwald. Sein Blick blieb an der schlanken Geradlinigkeit der Bäume hängen, die zum Himmel strebten.
Direkt, ohne Umwege, aufs Ziel zusteuern. Dieser Gedanke kam ihm beim Anblick der Bilder in den Sinn, und die vergeblichen Versuche, für Knieling etwas durch die Hintertür zu erreichen. Spontan griff er zum Telefon und ließ sich mit dem Nachtdienst der Justizvollzugsanstalt verbinden.
Ich bin weder Priester, noch unterliege ich in diesem Fall der Schweigepflicht, versuchte er sich zu überzeugen. Wenn ich nur auf diese Weise sein Leben retten kann, dann muss ich eben alles sagen.
»Herr Hauptkommissar, was gibt’s?«
»Ich hatte gestern Nachmittag ein Gespräch mit dem Gefangenen Sascha Knieling. Er eröffnete mir, dass er eine anonyme Drohung erhalten hat und um sein Leben fürchtet. Ich hatte den Eindruck, dass er tatsächlich von seiner Ermordung ausgeht. Er bat mich, dafür zu sorgen, dass er in eine andere Haftanstalt verlegt wird.«
»Herr Konnert, wir werden morgen mit dem Gefangenen über seinen Wunsch sprechen. Das geht hier alles seinen geregelten Gang. Vielen Dank für Ihren Anruf.«
»Aber er fühlt sich bedroht!«
»Er ist bei uns absolut gut aufgehoben, Herr Kommissar. Knieling hat sich heute krankgemeldet. Er ist tagsüber im Haftraum geblieben. In der Zwischenzeit ist der von meiner Kollegin verschlossen worden. Sicherer als in seinem Bett kann er die Nacht nicht verbringen. Machen Sie sich keine Sorgen, Herr Konnert.«
»Und morgen, wenn die Zelle wieder aufgeschlossen wird?«
»Glauben Sie mir, auch dann ist er unter ständiger Aufsicht. Wir werden ihn besonders im Auge behalten. Wie ich schon sagte, man wird mit ihm alles Weitere besprechen.«
Bei Konnert blieb ein zwiespältiger Eindruck zurück. Einerseits beruhigte es ihn, dass Knieling eingeschlossen in seiner Zelle vor Angriffen geschützt war. Andererseits nagte an ihm der Zweifel, ob es korrekt war, die Bedrohung mitzuteilen. Aber Besseres war ihm nicht eingefallen.
***
Niemand konnte sich noch daran erinnern, wer den Vorschlag gemacht hatte, die Bibel Abschnitt für Abschnitt durchzusprechen und beim ersten Vers anzufangen.
Mittlerweile hieß die Bibelstunde Gesprächskreis, aber der Beschluss von damals hatte noch Gültigkeit. Also lasen die vierzehn Frauen und Männer an diesem Abend den Text im ersten Buch Mose, Kapitel 34.
Dina, die Tochter Jakobs, war vergewaltigt worden, und ihre Brüder rächten die Schande auf grausame Weise mit einem Massenmord.
Konnert dachte sofort an die Studentin und ihre Vergewaltigung am Drögen-Hasen-Teich. Er schwieg. Ein Gespräch kam nicht in Gang.
»Adi, sag du doch mal was dazu. Du bist doch der Fachmann, wenn es um Vergewaltigungen geht.« Die grauhaarige Käthe Nowak neben Pastor Többens errötete. »Du weißt schon, wie ich das meine.«
»Warum nehmen sich Männer Frauen mit Gewalt?«, wollte Uschi Dörkens wissen und beugte sich erwartungsvoll nach vorn.
»Frauen vergewaltigen auch Männer«, ergänzte Renke Brunn.
»Ja, aber nicht so oft wie andersherum«, entgegnete Uschi Dörken.
»Also, Adi, warum?«
»Wollt ihr etwa einen Vortrag von mir über die Ursachen von Gewalt hören?«
»Keinen Vortrag, aber Stichworte, die uns weiterhelfen.«
»So genau weiß niemand, warum einige Männer Frauen gegenüber gewalttätig werden und andere nicht. Es gibt verschiedene Erklärungsansätze. Die einen sagen, es sind die Gene. Jeder Mann würde das Verlangen in sich tragen, seine Partnerin zu unterwerfen und zu kontrollieren. Nur durch soziale Kontrolle und Strafandrohungen könnte das unterdrückt werden. Andere geben Gewalterfahrungen in der Kindheit als Grund an. Im Feminismus herrscht die Meinung vor, dass es die über Jahrhunderte akzeptierte Unterdrückung der Frauen ist, die immer noch in Gesellschaft und Erziehung nachwirkt. Es gibt auch Wissenschaftler, die eine frühkindliche Hirnschädigung plus ungünstige Familienverhältnisse bei Gewalttätern festgestellt haben.«
Konnert sah sich um. »Reicht das? Es gibt auch noch ein paar Theorien aus Psychologie, Pädagogik und Biologie. Wollt ihr die auch noch hören?«
»Das bringt uns doch nichts für die Auslegung des Bibeltextes«, warf Renke Brunn ein.
Konnert dachte an Sascha Knieling, der sich lieber selbst umbringen wollte, als sich bücken zu müssen. Die missbrauchte Studentin kam ihm auch wieder in den Sinn, und Stephanies Satz: Sie erstickt in Selbstvorwürfen, Flashbacks und ist völlig desorientiert.
»Ich stelle erst einmal fest, dass sich die Männer in den letzten fünftausend Jahren nicht geändert haben«, sagte Käthe Nowak. »Sie meinen, alles mit Gewalt regeln zu können. Dinas Brüder reagierten damals doch auch so und brachten die ganze Familie des Vergewaltigers um.«
Vor zwei Jahren, erinnerte sich Konnert, hatten die schwarzen Engel wie die Brüder gehandelt. Sie rächten gequälte und geschändete Zwangsprostituierte, indem sie deren Peiniger misshandelten, sie ermordeten und auch noch ihre Leichen schändeten.
Für einen Moment träumte er davon, er hätte sich um die Stelle im FK6 beworben und dürfte sich zukünftig nur noch um Fahrraddiebstähle oder pubertierende Jugendliche kümmern. Dann drängte sich der Gedanke an Knieling wieder in den Vordergrund. Liegt er sicher in seiner Zelle, oder hat man ihn schon in eine Gemeinschaftszelle verlegt oder auf die Krankenabteilung?
»Aber was steckt hinter aller Gewaltanwendung?«, fragte Pastor Többens. »Warum fällt uns Menschen zum Beispiel bei Kindesmissbrauch oder Vergewaltigung oder Völkermord als Erstes die Todesstrafe für die Täter ein? Warum gilt immer noch Wie du mir, so ich dir, Auge um Auge, Zahn um Zahn?«
»Weil das gerecht ist«, antwortete Bodo Martsch, der sich bis jetzt still verhalten hatte. »Nur die Angst vor harten Strafen hält die Gene in Schach, wie Adi eben schon ausgeführt hat. Wir brauchen mehr Polizei auf den Straßen und keine Wohlfühlgefängnisse mit Einzelzimmern. Wisst ihr, was die Unterbringung von Kinderschändern und Mördern uns Steuerzahler kostet?«
»Die Todesstrafe ist natürlich die preiswerteste Lösung. Meinst du das, Bodo?« Käthe Nowaks Augen sprühten Funken. »Wenn du so weiterredest, stehe ich auf und gehe.«
Konnert mischte sich wieder ein. »Einzelzellen dämmen die Gewalt in Strafanstalten wirksam ein, Bodo. Denk daran, Gefangene sind Menschen mit den gleichen Gefühlen, Bedürfnissen und Träumen, wie du und ich sie kennen.« Er sprach leise, wie es seiner Gewohnheit entsprach, wenn er innerlich erregt oder wütend war. »Freiheitsentzug ist eine harte Strafe.«
Die Gesichter in der Runde erstarrten. Jeder hatte den scharfen Unterton Konnerts mitbekommen.
Pastor Többens versuchte an die Frage anzuknüpfen. »Was wäre passiert, wenn Dinas Brüder statt Rache zu üben und zu morden, dem Täter vergeben hätten? Wie viel Blut wäre nicht vergossen worden?«
Niemand reagierte.
»Ich weiß, so etwas ist überhaupt nicht leicht zu vergeben. Aber gibt es einen anderen Weg, Blutrache zu beenden?«
Es dauerte, bis Renke Brunn endlich das Schweigen brach und einen weiteren Gedanken äußerte: »Versteht mich nicht falsch. Ich will auf keinen Fall die Schuld für Vergewaltigungen den Frauen in die Schuhe schieben. Aber Fakt ist, dass das Hirtenmädchen Dina doch den Sohn des Stadtkönigs mit ihrem Auftreten und ihrer Schönheit gereizt hat, oder?«
»Richtig«, stimmte Bodo zu, »und deshalb trägt das Mädchen auch eine Mitschuld.«
»Habt ihr sie noch alle?« Käthe Nowak klappte ihre Bibel zu. »Als Nächstes verlangt ihr, dass Frauen entweder im Haus zu bleiben haben oder in der Öffentlichkeit eine Burka tragen müssen.«
»Wir Männer sollten bei diesem Thema besser den Mund halten«, warf der weißhaarige Heinz Lösekamp ein. »Was ratet ihr Frauen uns?«
»Das ist endlich ein vernünftiger Vorschlag. Fragt uns Frauen. Alle Männer in dem Bibeltext reden und feilschen und handeln ständig, ohne auch nur einmal Dina zu fragen. Die, um die es die ganze Zeit geht, wird überhaupt nicht einbezogen. Das ist die eigentliche Ursache von Gewalt gegen Frauen. Männer agieren, als wären die Frauen unmündige Kleinkinder oder Handelsware, über die sie bestimmen oder die sie nach ihrem Gutdünken verhökern können.«
Konnert rutschte nervös hin und her. »Entschuldigt mich bitte. Ich muss noch einmal telefonieren.« Damit packte er seine Bibel und sein Notizbuch ein und ging.
Schon im Flur hatte er sein Handy aus der Hosentasche gefummelt und rief in der Haftanstalt an.
Man sagte ihm, dass Knieling ruhig in seiner Zelle schlafen würde.
***
Otten dachte daran, dass Eugen ihm gesagt hatte, es ginge um Gerechtigkeit. Endlich müsste ein Urteil vollstreckt werden. Er brauche kein schlechtes Gewissen zu bekommen. Es sei sogar eine gute Tat, die er vollbringen würde.
Er hetzte in die Nasszelle und schaffte es gerade noch, den Toilettendeckel zu heben, bevor er sich erbrach. Mit einem schlechten Geschmack im Mund hockte er auf den Fliesen. Es kostete ihn Mühe, sich am Waschbecken hochzuziehen. Schwankend blieb er stehen. Sein Blick streifte den Spiegel. Schnell wandte er sich ab. »Verdammt! Verdammt! Verdammt!«
Um sich abzulenken, begann er wieder Zigaretten zu drehen, bis der Tabakbeutel leer war. Erst dann zündete er sich eine an und legte sich aufs Bett. Die Zigarette war noch nicht aufgeraucht, da stand er schon wieder auf und verschwand erneut in der Toilette.
***
Die Beamten in der Sicherheitszentrale der JVA ließen das Objektiv ihrer Infrarotkamera die Gebäudefront absuchen. Sie stoppten am Fenster des Haftraums von Michael Otten. Auf einem ihrer Monitore sahen sie, wie der sonst eher unauffällige Inhaftierte unruhig in seiner beleuchteten Zelle auf und ab tigerte.
Sie entschieden sich dagegen, die Nachtschicht zu beauftragen, bei ihm vorbeizusehen.
***
Der Infrarot-Terrassenstrahler über Konnert wärmte seinen Nacken. Er saß mit einer Decke über den Knien in seinem Rattansessel, rauchte und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Ich habe für Knieling getan, was ich tun konnte. Mit einem Mal schoss ihm die Möglichkeit durch den Kopf, dass sich irgendein Mithäftling Knieling gegenüber nur einen schlechten Scherz erlaubt haben könnte. Im Gefängnis gibt es genauso viel Missgunst und Hass wie außerhalb der Mauern. Wenn nicht noch mehr. So recht glauben konnte er dann doch nicht, dass die ganze Aktion nur ein grausamer Jux sein sollte. Aber weiß ich, was in gelangweilten, neidischen, verqueren Köpfen vorgeht?
Seine Augen wanderten über den Rasen, den jetzt sein Schwiegersohn pflegte. Die Kanten waren exakt abgestochen. Zwischen den Stauden in den Rabatten lag das Schreddergut vom herbstlichen Heckenschnitt. War schon richtig, dass der Junge den Garten übernommen hatte. Nur dass er eine Katzentreppe an die Hauswand montiert und die Balkontür aufgesägt hatte, um eine Katzenklappe einzubauen, das hatte Konnert nicht so gefallen.
Er stopfte den Tabak in seiner Pfeife nach. Langsam kam er zur Ruhe. Wie es seine Gewohnheit war, blickte er noch einmal auf den vergangenen Tag zurück. Er dankte für abgeschlossene Tätigkeiten und überließ unbeantwortete Fragen und ungelöste Probleme seinem himmlischen Vater. Wie so oft schloss er sein Gebet mit der Zuversicht, dass morgen ein neuer Tag sein würde. Und wenn nicht, das war seine Überzeugung, dann brauche er sich jetzt auch keine Sorgen um Dinge zu machen, die er nicht mehr beeinflussen konnte. Er hielt es nicht mit Luther, der selbst dann noch einen Apfelbaum pflanzen wollte, wenn er wüsste, dass der Weltuntergang kurz bevorstand.
Mittwoch, 10. Dezember
»Guten Morgen.«
Der Justizvollzugsbeamte Andreas Brenner schaute zur Lebendkontrolle in Knielings Haftraum. Er sah ihn mit dem Gesicht zur Wand im Bett liegen und erinnerte sich daran, dass der Gefangene im Übergabeprotokoll als krank verzeichnet war. Er regte sich nicht. Der Vollzugsbeamte zog die Tür ganz auf, sah noch einmal den Flur entlang, verriegelte die Tür und betrat die Zelle.
»Herr Knieling, wie geht es Ihnen?«
Der Häftling reagierte nicht.
»Herr Knieling?«
Mit den Fingern stupste der Bedienstete die Schulter des Inhaftierten an. Keine Reaktion. Brenner fasste mit der Hand kräftiger zu, um sie dann wie in Zeitlupe zurückzuziehen. Für einen Moment blieb er unschlüssig stehen. Er sah zur Tür. Niemand stand dort und beobachtete ihn. Zögernd verließ er den Raum und schloss ab.
Brenner ging danach zum nächsten Haftraum und sagte leise, aber bestimmt: »Einschluss!«
»Warum?«
»Weil ich es sage.«
Der Häftling zog sich murrend zurück und wurde eingeschlossen. Sofort gab es Unruhe auf der Station. Überall standen Gefangene in den Haftraumtüren und riefen Fragen in den Flur. Brenner wanderte von Tür zu Tür. Schweigend zeigte er mit dem Schlüssel in die Zellen, und die Männer folgten seinem stummen Befehl.
Brenner hatte die Station gesichert. Er betrat noch einmal Knielings Haftraum. Es dauerte eine ganze Zeit, bis er ihn verschloss. Ohne Hektik erreichte er danach das Stationsbüro, griff zum Telefon und benachrichtigte den medizinischen Dienst.
***
In Grüppchen trafen die leitenden Kommissare zur wöchentlichen Sitzung mit dem Polizeidirektor ein. Konnert nahm diesmal in Vertretung seines Chefs teil. Neben ihn setzte sich Dorothee Lurtz-Brämisch als Vertreterin der Staatsanwaltschaft. »Ist es gelungen, eine Lösung für Ihren Schützling zu finden?«
»Lösung? Ich bin mir unsicher. Gestern Abend fiel mir nur ein, direkt in der Haftanstalt anzurufen und den Sachverhalt zu schildern.«
»Was ist dann passiert?«
»Man hat mir versichert, dass Knieling selig im Haftraum schlafen würde und besser geschützt wäre, als ich in meinem Haus. Damit musste ich mich zufriedengeben.«
Der leitende Polizeidirektor und der Stellvertreter betraten das Sitzungszimmer. Auf dem Weg zu ihren Plätzen an der Stirnseite des Karrees aus zusammengestellten Tischen grüßten sie einzelne Anwesende lediglich mit einem kurzen Nicken. Es kam Konnert so vor, als sähe ihn sein Vorgesetzter besonders lange an. Er erwiderte den Blick, und einen Moment später blätterte er wieder in seinen Sitzungsunterlagen. Den folgenden Ausführungen und Diskussionsbeiträgen der Chefs hörte er nur nebenbei zu. Mit seinen Gedanken war er bei Sascha Knieling.
***
Der Flur lag totenstill da. Brenner öffnete Knielings Haftraum und betrat ihn gemeinsam mit Birgit Lohberger.
Die Krankenschwester löste den Schal vom Hals des Häftlings und legte ihn beiseite. Mit dem rechten Daumen tastete sie nach dessen Halsschlagader. Konzentriert, mit geschlossenen Augen, suchte sie seinen Pulsschlag. Sie sah Brenner an. »Der Mann ist tot.«
Sie ging zum Fenster und kippte die Scheibe. »Meine Mutter hat das immer so gemacht. Das ist ein alter Brauch, damit die Seele zu Gott aufsteigen kann.«
»Wie Sie wollen«, kommentierte Brenner ihr Tun und zog skeptisch die Augenbrauen hoch.
»Weiß man’s? Besser, man macht es. Selbst wenn man nicht daran glaubt. Vielleicht ist ja etwas dran an der Vorstellung einer unsterblichen Seele.«
»Und dann muss die durch ein geöffnetes Fenster fliegen?« Mehr sagte Brenner dazu nicht. Er zeigte nur stumm mit dem Schlüssel auf die Tür. Sie waren hier fertig. Birgit Lohberger folgte seiner Aufforderung, den Haftraum zu verlassen. Er schloss wieder zu.
Sie gingen beide zum Stationsbüro, und die Sanitätsbedienstete versuchte, die Anstaltsärztin telefonisch zu erreichen, da sie den Totenschein ausstellen sollte. Sie war noch nicht im Haus.
Mit einem Becher in der Hand stand Brenner da und fragte: »Auch einen?«
»Nein danke.«
Er nahm sich Kaffee aus der Kanne, löffelte Zucker hinein und rührte um. Es sah so aus, als überdenke er die Stunde seit Dienstbeginn noch einmal. Hatte er alles richtig gemacht? War er vielleicht beim zweiten Betreten des Haftraums zu lange mit dem Toten allein geblieben?
»Tja, so schnell kann es gehen. Vor einer Woche war er ein Häftling mit beispielhaftem Verhalten und einer vorzeigbaren Resozialisierung. Heute ist er tot.« Er zuckte mit der Schulter und trank einen Schluck.
Dann wählte er die Nummer der Sicherheitszentrale, damit die Beamten dort den Inspektor vom Dienst benachrichtigten.
***
In das Mietshaus vom Anfang des vorigen Jahrhunderts hatte man ein modernes Treppenhaus eingebaut. Es roch nach Putzmittel und Frühstückskaffee. Bevor sie klingelte, betrachtete Stephanie Rosenberg einen Augenblick die aufwendig gestaltete Etagentür im zweiten Stock. Die Gardinen hinter den schmalen, farbigen Glasscheiben im oberen Teil der Tür bewegten sich. Erst nach erneutem Klingeln öffnete eine schlanke Frau. Sie trug einen bordeauxfarbenen Hausanzug mit Strassstein-Motiv auf der Jacke. Der Reißverschluss war bis hinauf zum Hals zugezogen. Den geröteten Augen fehlte der Glanz.
»Guten Morgen, Frau Geißendörfer?« Stephanie gab ihrer Stimme einen sanften Klang.
Ein stummes Nicken war die Antwort.
»Wir haben uns gestern schon in der Polizeiinspektion gesprochen. Ich würde mich gern noch einmal mit Ihnen unterhalten.«
»Ich kann jetzt nicht.« Ihr Tonfall tendierte eher zu Ich will nicht, als dass sie ein Zeitproblem hätte.
»Es dauert höchstens eine Viertelstunde.«
»Kommen Sie ein anderes Mal wieder. Ich brauche Ruhe!«
»Es ist gut möglich, dass Sie sich besser fühlen, wenn wir miteinander geredet haben.«
Widerwillig gab Janina Geißendörfer schließlich den Eingang zu ihrer Wohnung frei. Von der Decke des quadratischen Flurs hing ein fünfarmiger Messingleuchter. Die Energiesparlampen waren eingeschaltet. Ein dunkelbrauner Kleiderschrank, aus dem die Türen entfernt worden waren, diente als Garderobe. Zwischen zwei Durchgängen stand eine Kommode, die vom Design zum Schrank passte. Darüber hing ein ovaler Spiegel in einem entsprechenden Holzrahmen. Für einen Augenblick blieb die Kommissarin vor ihm stehen und fasste die vom Wind zerzausten blonden Haare neu zu einem Pferdeschwanz zusammen.




