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»Ausgezeichnet«, brummte Ewe. »Es reicht ja nicht, dass ich heute einen Berg besteigen muss. Jetzt muss ich auch noch klettern gehen.«
»Ich würde es dir gerne abnehmen, Ewe. Aber ich habe keine Ahnung von Leichen«, sagte Florian grinsend. Und an Georg Bruchstein gewandt: »Haben Sie den Mann in der Felsspalte erkannt? Sind Sie immer allein auf der Hütte?«
»Den Mann kenne ich nicht. Das hoffe ich zumindest, denn man kann ihn nicht vollständig sehen. Der Körper liegt mit dem Gesicht nach unten zwischen und teilweise unter den Felsen. Es müssen sich ein paar größere Steinbrocken gelöst haben und auf ihn gefallen sein. Das Gestein ist an manchen Stellen der Klamm recht locker«, erklärte Bruchstein und ging mit weit ausholenden Schritten auf den besagten Zaun zu. »Und ja, ich bin hier oben fast immer allein. Die Schumpen und ich verbringen den ganzen Sommer in den Bergen. Insgesamt über drei Monate. Manchmal bekomme ich Besuch von meiner Frau und meiner Tochter. Sie bleiben dann ein paar Tage auf der Alpe.«
»Aber zurzeit …«, begann Florian, wurde jedoch sofort unterbrochen.
»Seit zwei Wochen bin ich allein. Wer von Ihnen will jetzt hinabsteigen?« Georg Bruchstein hielt das Seil herausfordernd in die Höhe.
Das Ende des dicken Taus lag neben ihm im Gras. Florian hatte sich am Rand des Abgrundes auf einen flachen Stein gesetzt, stützte die Ellenbogen auf den Knien ab und schaute zu Erwin Buchmann hinunter, der ungesichert am Grund der Bergspalte zwischen den Felsen herumkletterte und schließlich die Leiche erreichte.
Angenehm war der Anblick des toten Körpers nicht. Selbst von hier oben erkannte Florian die eingedrückte Schädeldecke am Hinterkopf der Leiche. Der Nebel hatte sich verzogen, die Sonne stand hoch am Himmel und ihr Licht erhellte den Spalt bis in die entferntesten Tiefen. Man konnte sehen, dass die Arme und Beine des Toten mehrfach gebrochen und unnatürlich verrenkt wie die Tentakel eines Kraken zwischen den Steinen lagen. Den größten Teil seines Rückens bedeckte ein schwerer Stein in der Größe einer Wassermelone. Immerhin war nirgends Blut zu sehen. Der Regen der letzten Nacht hatte alle Verletzungen und Schnittwunden an Armen und Hals ausgespült und gesäubert, sodass nur noch wunde rote Löcher in der Haut zu sehen waren.
Der Rechtsmediziner legte prüfend seine Finger an die Halsschlagader der abgestürzten Person, sah zu Florian hoch und schüttelte den Kopf.
»Hat ihm jemand auf den Schädel geschlagen?«, wollte der Hauptkommissar wissen und schaute kurz zu Georg Bruchstein, der neben ihm stand und ebenfalls hinunterblickte. »Vielleicht mit einem Stein?«
»Das kann sein«, bestätigte Ewe und sah sich die Kopfverletzung des Toten genauer an. »Aber den Schädelbruch kann sich der junge Mann auch durch den Sturz zugezogen haben, genau wie die Arm- und Beinbrüche.«
»Ein junger Mann also. Wie alt schätzt du ihn?« Florian ließ seine Füße über dem Abgrund baumeln und beugte sich ein kleines Stückchen vor. »Woran erkennst du sein Alter? Du kannst doch sein Gesicht gar nicht sehen.«
»Ich habe keine Ahnung, wie alt er ist«, brummte Ewe genervt. »Der Mann trägt ein sehr buntes Paar Turnschuhe, wie sie junge Leute bevorzugen. Auch der Sidecut, diese an einer Seite komplett rasierte Frisur, lässt auf einen jüngeren Menschen schließen. Ich stelle nur Mutmaßungen an«, erklärte er. »Ich brauche meinen Koffer.«
Die Bergung der Leiche gestaltete sich äußerst schwierig.
Zuerst musste Florian ein ganzes Stück den Pfad hinunterlaufen, um mithilfe seines Smartphones die örtliche Bergrettung mit einem Hubschrauber anzufordern. Mit dem großen Transporter der Rechtsmedizin konnten sie den steilen Hang nicht hinauffahren. Ebenso war es nahezu unmöglich, die Leiche auf einer Trage über den Feldweg den Berg hinunterzuschaffen. Selbst ein Geländewagen mit viel PS und Vierradantrieb würde den steilen Anstieg kaum bewältigen.
Erst über eine Stunde später traf der Hubschrauber ein und landete direkt neben der kleinen Alphütte.
Der Älpler Georg Bruchstein hatte indes seine Herde in höhere Berglagen getrieben, um sie dem Stress der lauten Rotorblätter des Rettungshubschraubers nicht auszusetzen. Zwei Bergretter stiegen schließlich in die schmale Felsspalte hinab und stellten fest, dass sie die mitgebrachte Trage nicht verwenden konnten. Es war unmöglich, sie an den Seilen die Felswand hinaufzuziehen, ohne dass der darauf liegende Leichnam beschädigt wurde. Deshalb legten sie den Toten in eine Plane, banden diese zusammen und zogen das Paket so behutsam und langsam wie möglich hinauf. Die ganze Aktion dauerte mehrere Stunden.
Erst am späten Nachmittag war die Bergung abgeschlossen.
4
»Du bist wirklich ein Idiot. Ich habe dir genaue Anweisungen gegeben, und was machst du? Ich dachte, ich kann mich auf dich verlassen und du wärst endlich so weit. Aber du bist der Worte nicht wert, die ich hier sinnlos verliere.«
Die Standpauke, die er sich anhören musste, dauerte bereits 20 Minuten, und wann immer er versuchte, sich zu rechtfertigen, wurde er lautstark unterbrochen und wütend niedergeschrien.
»Ich dachte …«, startete er einen erneuten Versuch, verstummte jedoch augenblicklich, als er in das grimmige Gesicht sah. »Es tut mir leid. Ich verspreche, beim nächsten Mal …«
»Beim nächsten Mal?« Die wütende Stimme überschlug sich fast. »Ein nächstes Mal wird es so schnell nicht geben. Ich habe dir eingebläut, dass es beim ersten Mal klappen muss. Habe ich dir gesagt, es muss beim ersten Mal klappen?«, wiederholte er rhetorisch. »Du bist ein Idiot. Was soll nur aus dir werden?« Er ging mit weit ausholenden Schritten und erhobenem Haupt durch das halb dunkle Zimmer wie ein General, den Blick starr geradeaus, aufrecht, die Hände hinter seinem Rücken ineinandergelegt. »Du hast mir dein Wort gegeben«, rief er in das Zimmer, ohne den jungen Mann anzusehen. »Und ich gab dir meins. Wenn meine Anweisungen noch ein einziges Mal derart stümperhaft und ohne den gewünschten Erfolg ausgeführt werden, ist nicht nur unsere Abmachung gestorben«, drohte er, blieb stehen und sah ihn streng an. »Ich hoffe, wir verstehen uns.«
Der junge Mann nickte, trat einen Schritt zurück, senkte den Kopf und starrte auf den Boden. »Ich habe verstanden. So ein Fehler wird nie wieder vorkommen.«
*
Gegen 19 Uhr traf Florian wieder zu Hause ein und wurde stürmisch von Svenja und Tobias begrüßt, den Kindern von Susanne, Jessicas verstorbener Schwester. Seit drei Jahren waren die beiden in seiner und Jessicas Obhut, und er liebte sie inzwischen so, als wären es seine eigenen. Da der jüngere Tobias nach den Sommerferien in die zweite Klasse kam, wäre es langsam höchste Zeit für ein Geschwisterchen. Für Florian war die Sache glasklar. Zuerst würde er Jessica heiraten, dann die beiden Kinder adoptieren, die seit dem letzten Jahr Vollwaisen waren. Und in nicht allzu ferner Zukunft hätte er gern ein oder zwei weitere Kinder. Jessica ahnte von seinem Plan nichts. Florian wusste aber, dass sie an einer Adoption ihrer Nichte und ihres Neffen nichts auszusetzen hatte. Bei allem anderen war er sich nicht so sicher.
»Du kommst spät«, stellte Jessica ohne die Spur eines Vorwurfes fest, als sie die Treppe herunterkam und ihm zur Begrüßung einen Kuss gab. »Hast du Hunger? Ich kann dir die Reste vom Mittagessen aufwärmen.« Sie schickte die Kinder nach oben und ging in die Küche. »Es gibt Erbsen und Wurzeln und Frikadellen.«
»Fleischküchle«, korrigierte Florian augenzwinkernd und folgte ihr in die Küche. »Und es heißt Möhren oder gelbe Rüben.«
»Die gelben Rüben sind aber orange. Und wenn du etwas essen willst: Es sind nur Frikadellen da!« Sie grinste breit und zwinkerte ihm ebenfalls zu.
»Was auch immer. Hauptsache Nahrung.« Er gab sich geschlagen. »Ist meine Mutter heute nicht zu Hause?«
Maria Forster, der das alte Stadthaus in Kempten gehörte, in dem sie alle lebten, und die im unteren Stockwerk zwei Zimmer mit Bad und schöner Terrasse bewohnte, leistete ihnen abends beim Essen häufig Gesellschaft in der gemeinsamen Küche.
»Sie ist spazieren gegangen«, berichtete Jessica, holte den aufgewärmten Teller mit dem Gemüse und den Frikadellen aus der Mikrowelle und platzierte ihn vor Florian auf dem Tisch. »Aber du solltest dich dringend einmal mit ihr unterhalten, wenn sie zurückkommt.«
»Wieso? Habt ihr euch gestritten?«
»Quatsch.« Jessica schüttelte verständnislos den Kopf. »Maria war heute irgendwie komisch, ist jedem Gespräch ausgewichen und hatte extrem schlechte Laune. Sie wollte mir nicht sagen, was los ist. Vielleicht ist sie bei dir etwas aufgeschlossener.«
Jessicas besorgter Gesichtsausdruck beunruhigte Florian. Er zog jedoch zweifelnd eine Augenbraue hoch und schüttelte langsam den Kopf. »Meine Mutter hat mir noch nie erzählt, was sie bedrückt. Da bin ich vermutlich der falsche Ansprechpartner. Was ist denn genau passiert?«
Jessica zuckte ratlos mit den Schultern. »Heute Nachmittag war noch alles gut. Sie hat mit Tobi zusammen einen Kakao getrunken und mit ihm ein Brettspiel gespielt«, sagte sie und sah Florian nachdenklich an. »Vielleicht lag es an dem Besuch, der später gekommen ist.«
Weil Florian keine Anstalten machte, nach dem erwähnten Besuch zu fragen, fuhr sie fort: »Als ich mit Tobi zum Fußballtraining wollte, kam uns in der Einfahrt ein Mann entgegen und fragte mich, ob hier eine Maria Forster wohne. Ich habe genickt, mir nichts dabei gedacht und auch nicht nachgefragt. Er ist zur Haustür gegangen, und wir sind zum Sportplatz gefahren.«
»Was war das für ein Mann? Hat meine Mutter einen heimlichen Verehrer?« Jetzt lachte Florian. »Der arme Kerl. Meine Mutter ist einfach nicht der Typ für ernsthafte Beziehungen. Männer seien ihr viel zu anstrengend, hat sie vor Jahren einmal zu mir gesagt. Ich vermute, deshalb bin ich auch ohne Vater aufgewachsen.«
In seinen Worten lag kein Bedauern. Jessica wusste, dass Florian seinen Vater nie kennengelernt hatte und auch nicht unter seiner Abwesenheit litt. Was man nicht kennt, kann man nicht vermissen, lautete sein Motto.
»Es war ein älterer Herr, über 70, schätze ich. Weißes, volles Haar, sehr groß, schlank, aber breitschultrig. Imposante Erscheinung. Er wirkte wie ein ehemaliger Richter oder Basketballprofi.«
»Richter oder Basketballspieler?« Florian sah seine Freundin zweifelnd an.
»Was ist, wenn das dein Vater war?«, warf Jessica unerwartet ein.
Florian erschrak zuerst, lachte dann jedoch schallend. »Das ist absolut unmöglich«, brachte er kopfschüttelnd heraus und konnte sich vor Lachen kaum beruhigen. Ihre Aussage schien ihn so zu belustigen, dass er Tränen in den Augen hatte.
»Wieso ist das so abwegig?«, wollte Jessica wissen und klang gekränkt.
»Ganz abgesehen davon, dass ich in Sachen Körperbau nichts von ihm geerbt hätte«, begann er schmunzelnd, als er sich beruhigt hatte. »Ich bin weder hünenhaft groß wie ein Basketballspieler noch ehrgeizig und klug genug, um Richter zu werden.« Er verstummte kurz und dachte angestrengt nach. »Aber das mit dem vollen Haar im hohen Alter, das könnte mir schon gefallen.« Er nickte zustimmend und zwinkerte Jessica erneut zu. »Es ist trotzdem unmöglich. Mein Vater ist bereits vor meiner Geburt bei einem Autounfall ums Leben gekommen.«
*
Der sandige Feldweg war staubtrocken. Seit sie das kleine Mofa von der asphaltierten Straße auf die ausgefahrene, von unzähligen Schlaglöchern übersäte Nebenstraße gelenkt hatte, zog sie eine riesige Wolke aus aufgewirbeltem Staub hinter sich her. Selbst hier auf dem schmalen Streifen Feldweg, in den sie abbiegen musste, wenn sie die Wiese am Hang erreichen wollte, wurde es nicht besser. Sie hatte Mühe, das laut ratternde Gefährt in der schmalen Spur zu halten, weil der klapprige und etwas zu breite Anhänger mit seinen Rädern über die ausgefahrene Spurrinne hinausragte und über das viel zu lange Gras und Gestrüpp am Wegrand holperte.
Die Sonne brannte heute erbarmungslos vom wolkenlosen Himmel. Bereits jetzt um kurz nach halb elf war es unerträglich heiß, und sie war dankbar, dass Tante Gertrud sie heute in der Küche gebraucht hatte. So blieb ihr die schweißtreibende Arbeit auf dem Feld erspart. Morgen würde sie vermutlich weniger Glück haben. Dann würde Tante Gertrud entweder Rosa oder Gesa, eine ihrer Cousinen, für den Küchendienst abkommandieren.
»Da kommt Laura!«, hörte sie Simon trotz des Mofa-Geknatters rufen. Einige der Feldarbeiter hoben den Kopf und sahen in ihre Richtung. Gesa und Rosa winkten aufgeregt, ließen die Rechen fallen und rannten ihr lachend entgegen.
»Pause!«, rief Onkel Karl mit seiner tiefen, durchdringenden Stimme, stellte seinen Rechen an den großen Heuhaufen zu seiner Linken und wischte sich den Schweiß mit dem Unterarm von der Stirn.
Laura hielt am Rand der Wiese, stieg vom Mofa und öffnete die Plane über dem kleinen Anhänger. Alles schien heil geblieben zu sein. Tante Gertrud hatte die belegten Brote, die Gemüsesticks und den Eistee in Blechdosen und Thermoskannen für den Transport sicher verpackt. Ganz oben lag die Tageszeitung für ihren Onkel.
»Danke«, sagte er und nahm ihr die Zeitung ab. »Und wo ist mein Bier?«
»Hier, Onkel Karl. Aber Obacht, es ist ordentlich durchgeschüttelt worden.« Laura reichte ihm die Flasche, griff dann nach den Brotdosen und öffnete jede einzelne.
»Wurde Zeit, dass du kommst, Laura. Ich bin schon fix und fertig. Und Durst habe ich«, jammerte Rosa und rieb sich die schmerzenden Schultern. »Dabei sind Sommerferien. Da sollte man frei haben und lange schlafen, nicht den Tag mit Sklavenarbeit verbringen.«
Onkel Karl lachte nur. »Deine Ferien beginnen, wenn die Arbeit erledigt ist.«
Rosa, Gesa und die anderen durften sich eigentlich nicht beschweren. Jedes der Kinder und Jugendlichen auf dem Hof musste nur in den Ferien helfen, ansonsten bestanden Onkel Karl und Tante Gertrud darauf, dass sie ordentliche Schulen besuchten und eine vernünftige Ausbildung machten. Laura ging in die elfte Klasse des Gymnasiums, machte im nächsten Jahr ihr Abitur und wollte dann zum Studieren nach Augsburg. Sie wollte Grundschullehrerin werden. Das war ihr Traum, und den durfte sie leben. Ihre Eltern, die Schwester von Onkel Karl und ihr Mann, betrieben ganzjährig eine Sennalpe in Österreich. Laura sah die beiden nur ein paar Tage im Jahr. Sie war ihrem Onkel Karl sehr dankbar, dass sie seit Jahren wie eines seiner eigenen Kinder auf seinem Hof leben konnte. Ansonsten wäre es mit dem Schulbesuch und erst recht mit einem Gymnasium sehr schwierig geworden.
Neben den Familienmitgliedern gab es drei Helfer auf dem Hof. Einer davon war Simon. Heute war er der Einzige, der auf dem Feld half. Hendrik und Josef, die anderen beiden, hatten Stalldienst. Die Schumpen, also die Rinder, die noch keine Kälber hatten, waren zwar bis Mitte September auf der Alpe, doch die Milchkühe mussten versorgt werden. Außerdem sollten sich die beiden jungen Männer heute um den Pferdestall kümmern. Vor etwa einer Woche war den Rothausens fast der Stall abgebrannt. Grund dafür war eine Öllampe, die weder in den Stall gehörte noch mitten in der Nacht und dazu unbeaufsichtigt brennen durfte. Diese Lampe war umgefallen und hatte den Stall in Brand gesetzt, aber jemand hatte das Feuer gelöscht. Als Onkel Karl am frühen Morgen das Gebäude betreten hatte, hatte er die verkohlte Stallwand gesehen. Keiner wusste, wer das Feuer gelegt und wer es gelöscht hatte. Die drei Pferde hatten in dieser Nacht auf der Weide gestanden, warm genug war es, und die Tiere fühlten sich draußen am wohlsten.
Sie hatten Glück gehabt, dass nichts Schlimmes passiert war, trotzdem hatte Onkel Karl ihnen allen eine lange Predigt gehalten. Wer auch immer dieses Unglück heraufbeschworen habe, solle es nicht wagen, noch einmal mit einer brennenden Öllampe den Stall zu betreten. Schließlich hätten sie erstens elektrisches Licht und zweitens sei die Nacht zum Schlafen da, nicht zum Herumschleichen in leeren Ställen.
Auch Laura wusste nicht, wer in der fraglichen Nacht im Pferdestall gewesen war. Doch sie hatte eine Vermutung.
5
»Servus, Jessica.« Oberwachtmeister Glasinger hob kurz die Hand zum Gruß. »Wir haben den Verdächtigen in den Verhörraum 3 gebracht. Ein Kollege wartet dort, bis der Anwalt eintrifft.« Das Bedauern in seinem Gesicht war nicht gespielt, als er sagte: »Der Junge ist gerade 20 geworden, kommt aus gutem Hause. Wie kann es sein, dass der kaltblütig zwei Menschen ermordet?«
»Das habe ich mich auch gefragt«, sagte Jessica und reichte dem Oberwachtmeister ihre Hand. »Immerhin hat er eine ganz beachtliche Strafakte. Einbruchdiebstahl und mehrere aufgebrochene Autos. Vermutlich hat das Ehepaar Michelsbach ihn auf seinem Raubzug durchs Haus überrascht.« Sie sah ihrem Kollegen direkt in die Augen. »Wie geht es deiner Frau?«, wollte sie wissen, ließ seine Hand dabei nicht los und legte ihre zweite behutsam auf seinen linken Oberarm.
»Sylvia geht es gut. Sie ist im Moment auf einer Fortbildung. Erst neulich hat sie zu mir gesagt, sie müsse dich unbedingt mal wieder anrufen.« Glasinger lächelte, befreite sich aus Jessicas Hand, trat einen Schritt zurück und schob beide Hände in seine Hosentaschen. »Wenn sie zurück ist, dann kommt uns doch besuchen, du und Florian. Wir könnten grillen oder einfach ein Glas Wein zusammen trinken.«
»Sehr gern«, sagte Jessica und lächelte. »Grüße bitte Sylvia ganz lieb von mir. Vielleicht hat sie auch mal wieder Lust auf einen Mädelsabend mit Paula und mir.«
»Das hat sie sicher. Ich erzähle ihr heute Abend von deinem Vorschlag, wenn ich mit ihr telefoniere.«
Thomas Glasinger verabschiedete sich, und Jessica machte sich auf den Weg in den Verhörraum. Hoffentlich traf der Anwalt bald ein.
Erst über eine Stunde später konnte Jessica mit der Befragung des jungen Mannes beginnen. Der Anwalt war zwar zeitig eingetroffen, doch wollte dieser zuerst mit seinem Mandanten allein reden. Das vertrauliche Gespräch hatte zur Folge, dass Matteo Lorenz jegliche Aussage verweigerte und auf Anraten seines Anwaltes keine von Jessicas Fragen beantworten wollte.
»Verstehen Sie eigentlich, in welcher Lage Sie sich befinden?« Jessica sah den Verdächtigen streng an. »Wir haben Ihre Fingerabdrücke am Tatort gefunden. Am Griff der Terrassentür, an der Stereoanlage und am Glastisch neben der toten Frau Michelsbach.«
»Aber nicht an der Waffe, mit der Herr Michelsbach ermordet worden ist«, warf der Rechtsanwalt ein und klopfte mit der flachen Hand auf den Ordner vor sich, in dem ihm alle Untersuchungsergebnisse vorlagen. »Das beweist also gar nichts.«
»Immerhin beweist das die Anwesenheit Ihres Mandanten am Tatort«, argumentierte Jessica gelassen. »Außerdem passt die Verletzung am Bein von Herrn Lorenz zu dem Blut am Couchtisch. Und seine DNA wurde an der Leiche von Frau Michelsbach sichergestellt. Möchten Sie mir vielleicht doch erklären, was Sie am Tattag im Haus des verstorbenen Ehepaares wollten?«
Matteo Lorenz schüttelte vehement den Kopf und sah die Hauptkommissarin voller Wut an.
Jessica vermutete, dass er hinter seinem ärgerlichen Gesicht seine Unsicherheit versteckte, denn die Hände des jungen Mannes zitterten ununterbrochen und er wippte nervös mit seinem rechten Bein.
»Mein Mandant ist unschuldig«, beteuerte der Anwalt und legte Matteo behutsam die Hand auf die Schulter. Die Geste sollte beruhigend wirken, doch der Junge wurde zusehends nervöser. »Und wenn Sie keine weiteren Beweise haben, werden wir jetzt gehen.«
»Sicher nicht«, fuhr Jessica streng dazwischen. »Die Beweise reichen für einen dringenden Tatverdacht völlig aus. Herr Lorenz kommt vorerst in Untersuchungshaft. Ich habe gehofft, dass er mich mit seiner Aussage davon überzeugen kann, nichts mit den Morden zu tun zu haben. Aber da er nichts sagt, vermute ich …«
»Ich habe nichts getan«, rief Matteo verzweifelt und sah seinen Anwalt ängstlich an. »Ich sollte ihr erklären, wie es war. Ich bin doch unschuldig!«
»Trotzdem rate ich Ihnen von einer Aussage ab. Bei Ihrem Vorstrafenregister ist es sehr unwahrscheinlich, dass die ermittelnden Beamten Ihnen Glauben schenken.« Der Anwalt sah die Tränen in den Augen seines Mandanten, seufzte deshalb ergeben und nickte schließlich. »Also gut. Schlimmer kann es nicht mehr werden.«
*
Heute war es Jessica, die spät nach Hause kam.
Zuerst hatte die Vernehmung des jungen Herrn Lorenz länger gedauert als normalerweise üblich. Dann galt es, den Verdächtigen dem Haftrichter vorzuführen. Auf dem Weg zurück von der Staatsanwaltschaft zum Präsidium sprang der Dienstwagen nicht an, also ließ sie ihn stehen, ging kurzerhand die Viertelstunde zu Fuß, bog zügig um eine Häuserecke und stieß unsanft mit einem Passanten zusammen, der ihr einen vollen Becher Kakao über Hals und Dekolleté goss. Als die lauwarme Flüssigkeit langsam ihren Oberkörper hinunterlief, ihr T-Shirt durchnässte und ihr komplett die Laune vermieste, sah sie den Mann so böse an, dass dieser sich nur kurz entschuldigte und dann schnell das Weite suchte. »Wir haben August, verdammt noch mal«, rief sie ihm aufgebracht hinterher. »Wer bitte schön trinkt bei 25 Grad im Schatten einen warmen Kakao?«
Dabei war es allein ihre Schuld gewesen, denn die Gedanken an ihren aktuellen Mordfall ließen sie nicht los. Sie hatte schlichtweg nicht aufgepasst.
Nach dem Gespräch mit Matteo Lorenz zweifelte sie immer mehr, ob es richtig war, den jungen Mann in Untersuchungshaft zu nehmen, doch die vorliegenden Indizien und die lange Liste an Vorstrafen, die der junge Mann auf dem Kerbholz hatte, ließen keine andere Entscheidung zu.
Immerhin hatte sie beim Haftrichter darum gebeten, den Jungen in den Jugendarrest zu überstellen und ihn nicht als Erwachsenen einzustufen. Seine Geschichte klang plausibel und wirkte ehrlich. Er gab zu, im Haus gewesen zu sein. Nach seiner letzten Straftat, einem Autodiebstahl, war er von einem Jugendrichter zu Sozialstunden verdonnert worden und sollte diese bei dem Ehepaar Michelsbach ableisten. Der Sohn des Ehepaares brauchte Ganztagsbetreuung. Und Matteo eine Resozialisierung. So waren zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Laut Matteo hatte sich das Ehepaar Michelsbach seit Jahren für straffällig gewordene Jugendliche eingesetzt. Sollte Matteo Lorenz etwas mit den Morden zu tun haben, machte das ihren Tod umso tragischer.
»Entschuldige meine Verspätung, aber ich habe mich im Präsidium noch geduscht und umgezogen.« Sie stieg aus ihrem Wagen und schlug die Tür zu. Es war fast 21 Uhr. »Schlafen die Kinder schon?«
Florian kam die Stufen vor der Haustür hinunter. In seiner Hand hielt er eine Flasche Wein, in der anderen zwei Gläser.
»Die beiden schlafen tief und fest«, verkündete er und lächelte. »Und wir zwei machen es uns jetzt im Garten gemütlich. Komm.« Er reichte ihr die Flasche, griff nach ihrer freien Hand und zog sie hinter sich her in den Garten hinter dem Haus. »Ich warte schon ewig darauf, dass du heimkommst.«
»Oh, wow. Was ist denn hier los?« Ein Meer aus Kerzenlichtern empfing sie, als sie um die Ecke bog.
Florian hatte zwei bequeme Gartenstühle und ein kleines Tischchen mitten auf die Wiese gestellt und unzählige Windlichter überall um die Stühle herum verteilt. Obwohl es um diese Zeit noch nicht gänzlich Nacht war, tauchte das matte Licht der vielen Kerzen die entfernte Umgebung in verschwommene Dunkelheit. Die nahe gelegene Hecke, die die Grundstücksgrenze markierte, war ebenso wie der alte Apfelbaum etwas abseits nicht mehr zu sehen.
»Habe ich doch etwas vergessen? Du warst am Samstag schon so schick, als du mit mir essen gehen wolltest. Falls ja«, flüsterte Jessica ehrfurchtsvoll und äußerst beeindruckt von dem Bild, das sich ihr bot, »möchte ich mich dafür entschuldigen. Das ist wirklich wunderschön.« Zum wiederholten Male stellte sie fest, dass Florian eindeutig der Romantischere von ihnen beiden war. »Oder hast du etwas angestellt?«, fragte sie belustigt und knuffte ihm scherzhaft in die Seite. »Was musst du gestehen? Hast du heimlich in meinem Tagebuch gelesen?«
»Komm«, sagte er, ohne auf ihre Frage einzugehen, und schob sie sanft zu einem der Stühle. »Ist dir warm genug? Soll ich dir eine Wolldecke holen?«
Als Jessica lachend den Kopf schüttelte und sich setzte, öffnete Florian die Weinflasche und goss ihnen beiden ein.




