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»Noch bedeutet das gar nichts, mein Freund, und jetzt raus, du hörst von mir«, sagte Lopez lächelnd.
Pep verabschiedete sich höflich und verließ das Gebäude in der Erwartung, bald einen positiven Bescheid von Lopez zu bekommen.
Es waren inzwischen zwei Wochen vergangen und Pep hatte sich noch einmal mit Javier Fernandez getroffen. Xavi hatte bereits Nachricht bekommen und müsse sich, so sagte er, am dritten Mai zu seiner Ausbildung in Avila einfinden.
Eigentlich hatte sich Pep längst auf die Ablehnung seiner Bewerbung eingestellt. Trotzdem schaute er täglich und voller Ungeduld in seine Post. Er wusste, dass Briefe innerhalb Barcelonas oftmals zehn Tage unterwegs sein konnten.
Am 15. April war es endlich soweit und er fand das Schreiben, auf das er sehnsüchtig gewartet hatte. Er öffnete hastig das Kuvert und zog ein zweiseitiges Dokument heraus. Pep sollte sich, wie sein ehemaliger Schulkamerad, am besagten dritten Mai auf der Polizeischule in Avila einfinden.
Er wusste nicht so recht, ob er sich freuen sollte. Die Angst, zu versagen, war wieder da. Die Zeit war knapp, es blieben nur noch zwei Wochen, um sich vorzubereiten. Zunächst einmal musste er sich kundig machen, wo dieses Avila überhaupt lag. Pep war, außer in seiner Militärzeit, nie aus Barcelona herausgekommen. Aber auf der anderen Seite war da noch Xavi, der ihn begleiten sollte. Jetzt war er das erste Mal froh, Javier Fernandez zu kennen.
Er hatte von Xavi eine Telefonnummer bekommen, unter der dieser immer vormittags zu erreichen war.
Mutter Maria hatte zwar vor geraumer Zeit ein Telefon beantragt, aber es dauerte immer Monate, bis so ein Antrag bewilligt wurde. So begab er sich einmal mehr in eine schmuddelige Cafeteria in der Carrer Marquez de Barberá.
Er hatte Glück und das Telefon funktionierte, was nur selten vorkam. Entweder hatte der Betreiber nicht bezahlt oder das gesamte Viertel war mal wieder ohne Telefon. Darüber hinaus war das Telefonnetz so veraltet, dass selbst ein Stadtgespräch eine einzige Schreierei zwischen den Telefonierenden war.
Javier war erfreut über die Nachricht, dass er nicht allein auf den Lehrgang gehen musste. Er gab seine Freude zum Ausdruck, indem er seinem neuen Kollegen eine Mitfahrgelegenheit anbot. Um in das 700 Kilometer entfernte Avila zu kommen, wäre man sicherlich zwei Tage mit der Eisenbahn unterwegs. Xavi ließ sich fahren, eine Bahnfahrt kam für ihn nicht infrage. In seiner Familie gab es mehrere Autos und einige, die sie fahren konnten.
Die beiden trafen sich noch zwei Mal, um ihre Reise zu besprechen. Immerhin würden es mindestens 15 Stunden Autofahrt bis in die Kleinstadt nordwestlich von Madrid sein. Zu jener Zeit gab es im ganzen Land nur wenige Autobahnen und eine solche Reise war in den meisten Fällen nur mit Übernachtung zu schaffen. Pep wollte nichts dem Zufall überlassen und je näher der Tag der Reise kam, umso nervöser wurde er.
Es war Mai, und die Temperaturen betrugen, insbesondere im Landesinneren, bereits 26 Grad Celsius.
Avila, eines der historischen Metropolen des Landes, und liegt in Kastilien – León. In dieser Region war es im Winter klirrend kalt, und im Sommer unerträglich heiß. Pep hatte gerade seinen Militärdienst hinter sich gebracht und er musste feststellen, dass er das Ganze noch einmal über sich ergehen lassen musste. Morgens Sport, nachmittags Theorie und Waffenkunde. Die Abende standen zur freien Verfügung, die Pep und Xavi dazu nutzten, die Bars und Kneipen in der näheren Umgebung kennenzulernen.
Sechs Monate waren vergangen und Pep hatte seinen Lehrgang bei der Polizei in Avila absolviert. Er war mit ausgezeichneten Leistungen einer der Lehrgangsbesten geworden. Sein Kollege Javier hingegen hatte sich mit Ach und Krach geradeso durchgemogelt. Nicht etwa durch schlechte Noten im theoretischen Bereich, er hatte sein Abitur mit einem Notendurchschnitt von 9,0 gemacht, sondern sportlich war er eine absolute Null. Auf Sport hatte man bei der Prüfung besonderen Wert gelegt.
Pep glaubte ohnehin, dass bei der Einstellung von Javier der Vater ein wenig nachgeholfen hatte. Es war Xavis dumme überhebliche Art, die ihm fast die Abschlussprüfung gekostet hätte. Pep war sich nicht sicher, ob alle Kinder aus besserem Haus so waren, aber bei seinen Ausbildern hatte Xavi sich keine Freunde gemacht. Xavi musste einfach lernen, zum richtigen Zeitpunkt den Mund zu halten. An seine sarkastischen Bemerkungen, die bei vielen Leuten nicht besonders gut ankamen, hatte sich Pep allerdings zwischenzeitlich gewöhnt. Die beiden waren Freunde geworden, weil Pep aus solchen Situationen immer das Beste zu machen verstand. Er hatte in seiner Umgebung frühzeitig lernen müssen, wie man klug durchs Leben kommt und dazu gehörte auch, Menschen mit ihren negativen Allüren zu akzeptieren. Wenn man dann noch davon profitieren würde, umso besser. Geld hatte für Javier absolut keine Bedeutung und war immer reichlich vorhanden.
Die Abreise aus der Kleinstadt Avila verlief relativ unspektakulär, obwohl beide eine gewisse Wehmut verspürten. Sie hatten bei ihrem sechsmonatigen Aufenthalt viele neue Freunde gewonnen und die angehenden Polizisten aus Barcelona waren in den umliegenden Kneipen gerngesehene Gäste gewesen. Ohne Xavi wären die Besuche in all den Bars und Kneipen nicht möglich gewesen. Pep war der Meinung, dass er Xavi etwas schuldig sei. Ohne die zufällige Begegnung mit seinem kauzigen Freund Fernandez wäre Pep nie und nimmer bei der Polizei gelandet.
DER JUNGE POLIZIST
Es war der fünfundzwanzigste Dezember 1979, ein Montag, als Pep schon früh erwachte. Es war gerade acht Uhr und obwohl er mit geschlossenem Fenster schlief, wurde er von einem Straßenlärm geweckt, den er zunächst nicht einordnen konnte.
Er war nun ein junger Polizist, der ein paar Tage Urlaub hatte und gerne noch etwas länger geschlafen hätte. In anderen Ländern wurde bereits Weihnachten gefeiert, in Spanien war der sechste Januar der Feiertag. Schlaftrunken öffnete Pep das Fenster und es kam ihm ein starker Kaffeegeruch entgegen, der aus der gegenüberliegenden Cafeteria L´Havana nach oben stieg. Sie war meistens schon ab sieben Uhr geöffnet.
Sofort fiel ihm auf, dass für diese Zeit ungewöhnlich viele Leute auf der Straße waren. Als er hinuntersah, fielen ihm Menschen auf, die unmöglich seine Landsleute sein konnten oder gar herkömmliche Touristen waren. Es waren Amerikaner, die wieder einmal El Raval unsicher machten.
Über Nacht war die Sixth Fleet angekommen. Die sechste Flotte der Amerikaner, die im Hafen von Barcelona häufig vor Anker lag. Wenn Flugzeugträger, die teilweise 5000 Marinesoldaten an Bord hatten, vor Anker lagen, bekamen die gastronomischen Betriebe und die Huren unverhofft eine verlängerte Saison. Die Touristen verschwanden schon im Oktober und somit waren die Yankees in dieser Jahreszeit gerngesehene Gäste.
Pep tat das, was er immer tat. Er wusch sich und ging eilig die Treppe hinunter, denn er verspürte das starke Verlangen, einen Kaffee zu trinken.
Die Cafeteria L´Havana war schon voller Leute und der Lärm erinnerte an einen Jahrmarkt. Der große lange Tresen war voll mit irgendwelchen Gestalten besetzt, die wohl die letzte Nacht kein Bett gesehen hatten. Es waren Amerikaner, die sich stimmgewaltig mit irgendwelchen Spaniern auseinanderzusetzen versuchten. Auf dem Boden vor der Theke lag bergeweise Müll.
Die Spanier hatten die Angewohnheit, alles auf den Boden zu werfen. Hier lagen Zigarettenstummel, Zuckertüten und sonstiger Unrat. In Spanien war die Anzahl der Zuckertüten auf dem Boden vor dem Tresen ein Indiz für guten Kaffee.
Alle zwei Stunden kam die Wirtin mit einem Besen, um den Boden im Tresenbereich zu reinigen und nach einer halben Stunde war der alte Zustand wieder hergestellt.
Pep bestellte sich einen Café con Leche und ein Croissant, nahm sich die Tageszeitung La Vanguardia vom Tresen und setzte sich an einen gerade freigewordenen Tisch.
Hier sah es nicht besser aus als auf dem Fußboden vor dem Tresen. Mit einer Handbewegung signalisierte Pep dem Kellner, dass er den Tisch säubern müsse.
Der schlaksige zahnlose Camarero, den Pep schon seit einigen Jahren kannte, kam mit einem Tablett, auf dem er den bestellten Kaffee und das Croissant transportierte.
Mit einem dreckigen Lappen tat er das, was alle Leute taten. Er wischte den auf dem Tisch liegenden Müll auf den Boden.
Pep sah dem Treiben der Leute gelangweilt zu. Hier geschah nichts, was er nicht bereits sein gesamtes Leben kannte.
Nach einer Weile öffnete sich die Eingangstür und der Limpiabotas, der Schuhputzer Paco betrat das Lokal.
Im Viertel war er als El Cojo bekannt, weil er das rechte Bein nachzog.
El Cojo hatte vor einigen Jahren einen Unfall gehabt, bei dem er sich das rechte Bein gebrochen hatte. Zum Arzt hatte er nicht gehen können, weil er nicht versichert war. In dieser Zeit konnten sich nur wenige eine ärztliche Versorgung leisten oder hatten eine Versicherung. In diesen Jahren gab es viele junge Leute, die aufgrund irgendwelcher Unfälle verkrüppelte Gliedmaßen hatten, die nie ärztlich versorgt worden waren. So war auch Paco ein Opfer dieser sozialen Missstände geworden.
Alle im Barrio Chino kannten den alten Schuhputzer. Er war ein kleiner alter Andalusier, der sich überall mit seinem Putzkasten herumtrieb, wo viele Leute waren und er sicher sein konnte, dass er Aufträge bekam. Paco steuerte sofort auf den Tisch zu, an dem Pep saß.
Mit einem freundlichen »Hallo Pep« begrüßte der Schuhputzer seinen Kunden.
Pep ließ sich immer seine Schuhe von Paco putzen, wenn er ihn traf. Zum einen besaß er selbst gar kein Schuhputzzeug und zum anderen ließ man den armen Teufel auch etwas verdienen.
In Spanien reinigte man sich die Schuhe nicht selbst, das war nicht nur in El Raval so. Beim Militär hatte Pep sich zum ersten Mal in seinem Leben die Schuhe selbst reinigen müssen. Dabei war es dann aber auch geblieben. Am Ende des Gastraumes der Cafeteria befand sich ein Mauerdurchbruch, der mit Ketten verhangen war, der die Fliegen fernhalten sollte und direkt in einen Friseurladen führte. Aus Bequemlichkeit ließ man sich, nachdem man seinen Obligatorischen Kaffee getrunken hatte, anschließend rasieren.
Der Tag eines Spaniers begann damit, seinen Kaffee zu trinken, die Zeitung zu lesen und je nach Bedarf seine Schuhe reinigen oder sich rasieren zu lassen.
Pep hatte dem Barbier zwischenzeitlich signalisiert, dass er ihn rufen möge, wenn er Zeit habe, ihn zu bedienen. Es wurde Zeit, Pep hatte sich seit Tagen nicht rasiert.
Es dauerte nur wenige Minuten, bis der Friseur die Kneipe betrat und avisierte, dass er nun bereit wäre, Pep zu rasieren.
Es war auffällig, dass noch einige Kunden im Laden saßen, die sicherlich vorher hätten bedient werden müssen.
Die Demut vor der Obrigkeit hatten die Bürger noch nicht abgelegt. Die Angst vor der Polizei war noch immer allgegenwärtig, da diese in der Vergangenheit darüber entschieden hatte, ob die Gewerbetreibenden in Ruhe ihren Geschäften nachgehen konnten oder man ihnen das Leben schwer machte. Polizisten waren es in El Raval nicht gewohnt, zu bezahlen. Weder in den Bars noch bei den Prostituierten. Damit sollte jetzt Schluss sein. Pep wollte keine Sonderbehandlung und erst recht wollte er für das bezahlen, was er bekam.
Schon einige Zeit war er darüber verärgert, dass man sich ihm gegenüber neuerdings komisch verhielt. Dass einer von ihnen jetzt bei der Polizei war, hatte sich herumgesprochen wie ein Lauffeuer und was man von Pep als Polizist erwarten konnte, wusste man noch nicht. Eines wollte Pep sicherlich nicht: der Superbulle sein, der jetzt den armen Teufeln im Viertel das Leben schwer macht. Dafür kannte er diese Leute schon zu lange und irgendwie waren sie alle ein Bestandteil seiner Jugend.
In El Raval wollte man die Korruption in den Griff bekommen, die seit jeher völlig normal war. Die Polizei kassierte bei den Huren und Drogenhändlern kräftig ab. Alle wussten es und keiner hatte den Mut, dagegen etwas zu unternehmen.
Die Policia Nacional hatte durch ihre neue Zuständigkeit nun auch das Drogengeschäft zu kontrollieren, was den Kollegen der Guardia Civil gar nicht gefallen konnte. Sie wurden ihrer Nebeneinkünfte beraubt, die sicherlich ein Mehrfaches ihres spärlichen Gehaltes ausmachten. Polizisten verdienten in dieser Zeit zwölftausend Pesetas monatlich und jeder hatte noch die ein oder andere Nebeneinkunft.
Nach und nach sollten ältere Polizisten durch junges und unverbrauchtes Personal ersetzt werden. Man setzte auf neue Kräfte und machte den leisen Versuch, den Sumpf trocken zu legen.
Inzwischen hatte Pep einen Karrieresprung gemacht. Er war vom einfachen Policia zum Subinspektor aufgestiegen.
Er war in der Abteilung Nationale Sicherheit gelandet, die weitgehend damit beschäftigt war, illegale Ausländer aufzuspüren, Abschiebungen zu veranlassen, Aufenthaltsgenehmigungen und Pässe zu bearbeiten.
Zu seinen Kunden zählte eine Vielzahl von Nationalitäten, in der Hauptsache Nordafrikaner, die teilweise aus den spanischen Enklaven Ceuta und Melilla stammten.
Pep hatte sich die Polizeiarbeit ganz anders vorgestellt. Langweilige Verwaltungsarbeiten, die er bereits seit einigen Monaten machte, ließen in ihm Zweifel aufkommen, dass er diese Arbeit sein ganzes Leben lang machen wollte. Aber es sollte anders kommen.
Pep musste eines Morgens bei seinem obersten Chef vorstellig werden. Der Schreck war ihm in die Glieder gefahren. Er, der kleine Polizist, musste zu seinem obersten Vorgesetzten, den alle fürchteten und um den jeder Beamte einen großen Bogen machte.
Sein Name war Joaquim Crespí. Er war der oberste Chef der Policia Nacional und Pep war ihm in seiner Dienstzeit nur ein einziges Mal begegnet.
Crespí mochte bereits über sechzig Jahre alt sein und man erzählte sich, er sei ein ehemaliger Guardia-Civil-Mann mit einer nicht so sauberen Vergangenheit.
Pep hatte seine braune Uniform gerichtet und fuhr mit dem ungeliebten Fahrstuhl in die vierte Etage. Er steuerte schnurstracks den langen Gang auf das Zimmer 413 zu, in dem der Comisario Principal residierte.
Seine Nervosität konnte Pep nicht verbergen, als er vor der großen Eichentür stand, die mit einem Schild versehen war, auf dem Comisario Principal Joaquim Crespí stand.
Nach einem kräftigen Klopfen und einem lauten »Adelante«, das wie ein Befehl klang, betrat Pep das Büro seines obersten Chefs.
In dem hohen Raum, der mindestens fünfzig Quadratmeter maß, lag ein riesiger orientalischer Teppich. Pep hatte einen besonderen Blick für wertvolle Sachen und erkannte sofort, dass dieser Teppich ein echter Perser war.
Crespí hatte sich hinter einem großen Schreibtisch aus purer Eiche in einem für seine Person viel zu großen Sessel verschanzt. Hinter seinem Rücken an der Wand hing ein altes Ölgemälde, auf dem eine Kriegsszene dargestellt war.
Vom Superior erzählte man sich, dass er während des spanischen Bürgerkrieges als Capitano im Baskenland eine Einheit der Paramilitärs befehligt hatte. Was das bedeutete, konnte man sich denken. Wenn jemand bei ihm vorstellig werden musste, hatte das Rausschmiss oder Beförderung zur Folge.
»Subinspektor José Maria Cardona meldet sich befohlen zu Stelle«, sagte Pep und schlug hörbar die Hacken zusammen.
Crespí blieb sitzen und schaute sein Gegenüber eine Weile an.
»Ich weiß zwar nicht, warum Sie mir empfohlen worden sind, aber ich will es kurz machen: Sie werden im nächsten Monat in die Abteilung Policia Judicial, zur Kriminalpolizei versetzt und melden sich noch heute bei Comisario Lopez«, sagte er schroff.
Crespí betrachtete Peps Personalakte, die vor ihm auf dem Schreibtisch lag.
»Sie kommen also aus El Raval?«, fragte er.
Er war inzwischen aufgestanden und Pep erkannte nun, wie klein dieser Crespí war. Die Uniform, die er trug, war allerdings maßgeschneidert und auf seiner Brust trug er mit Stolz seine Orden.
Mit »si Comisario« beantwortete Pep die Frage seines obersten Chefs.
»Dann kennen Sie sich ja bestens in dem Sumpf aus«, sagte Crespí verächtlich. »Sie können jetzt gehen«, beendete der kleine Comisario Principal abrupt die kurze Konversation und wies mit einer ruckartigen Handbewegung zur Tür.
Pep verstand und verließ mit einer Ehrenbezeugung schleunigst den Raum. Die gesamte Unterredung hatte nur wenige Minuten gedauert, sodass Pep in der Kürze gar nicht richtig begriffen hatte, wie ihm geschehen war.
Zunächst war er froh, sich der Arroganz dieses kleinen Mannes entzogen zu haben. Er hatte sich über den letzten unhöflichen Satz des kleinwüchsigen Crespí geärgert, in dem er sein Viertel als Sumpf bezeichnet hatte. Pep fühlte sich gedemütigt wie lange nicht mehr und wäre diesem Kerl am liebsten an die Gurgel gegangen. Um seine Emotionen in den Griff zu bekommen, musste sich Pep einige Minuten auf eine Treppenstufe setzen.
Die Tatsache, dass Antonio Lopez sein neuer Chef werden sollte, machte die Sache jedoch erfreulich. Zum einen kannte er ihn und zum anderen würde bei der Kriminalpolizei sicherlich eine interessante Aufgabe auf ihn warten. Er ahnte, dass Lopez der Fürsprecher war, der ihn gezielt in seine Abteilung geholt hatte. Wer sonst sollte ihn für diese neue Aufgabe empfohlen haben?
Er entschloss sich, den Fahrstuhl auf der ersten Etage anzuhalten, um sich wie befohlen bei Antonio Lopez zu melden. Pep stieg aus dem klapperigen Aufzug und ging direkt auf Zimmer 109 zu. Beim Anklopfen wurde mit dem obligatorischen »Adelante« hereingebeten. Lopez lächelte Pep freundlich an und forderte ihn auf, sich zu setzen.
»José, du weißt, weshalb du hier bist?
»Ich denke schon, Comisario.«
»Du wirst ab dem zweiten Mai in meiner Abteilung arbeiten«, sagte er mit väterlicher Stimme. »Ich werde dafür sorgen, dass du befördert wirst und dich im Wesentlichen um unser Sorgenkind El Raval kümmerst. Ich werde dir noch einen Mann zuteilen und dann wollen wir mal sehen, ob wir da nicht mal ein wenig mehr Struktur hereinbekommen.«
Der junge Polizist José Cardona hätte am liebsten einen Luftsprung gemacht. In seinem Viertel arbeiten zu dürfen, befördert zu werden, was natürlich auch eine Erhöhung seiner Bezüge zur Folge hatte, machten ihn augenblicklich zum glücklichsten Menschen der Welt. Für Pep bestand kein Zweifel, dass es der Comisario war, dem er seinen vermeintlichen Karrieresprung zu verdanken hatte. Lopez mochte den Zigeunerjungen aus El Raval und ohne ihn wäre Pep vermutlich nicht einmal bei der Polizei angenommen worden.
»Ich habe Javier Fernandez, mit dem du deinen Polizeidienst begonnen hast, in meine Abteilung berufen und du wirst ihn ein wenig unter deine Fittiche nehmen. Ist das in Ordnung für dich?«
Pep nickt eifrig mit dem Kopf und bedankte sich artig mit einer Ehrenbezeugung.
Xavi Fernandez also sollte sein Partner werden, was auf der einen Seite erfreulich war, anderseits bezweifelte Pep, dass ausgerechnet El Raval für Xavi das Richtige war. Er konnte ohnehin das Gefühl nicht loswerden, dass die Polizei für Javier Fernandez nur eine Art Durchgangsstation sei. Pep war sich sicher: Würde Xavi die Polizeiarbeit nur halbwegs ernst nehmen, würde er eines Tages Karriere machen.
»Wenn du jetzt noch einige Tage Urlaub hast, nimm sie, und wir sehen uns dann am zweiten Mai«, sagte Lopez.
Die Verabschiedung der beiden hatte freundschaftlichen Charakter und Pep wurde von seinem neuen Chef mit einem kräftigen Händedruck hinausbegleitet.
Eine neue Abteilung war geboren, die es in dieser Form bisher noch nicht gegeben hat. Eine Abteilung, die aus zwei unerfahrenen Polizisten bestand, und die sich ausschließlich um El Raval kümmern sollte.
In den darauffolgenden Wochen mussten Pep und Xavi eine Menge über kriminalistische Untersuchungen lernen.
In der Calle del Jaume I, nahe der gleichnamigen Plaza im gotischen Viertel, waren Labor, Kriminaltechnik und die Pathologie untergebracht. Hier galt es für die beiden neuen Kriminalisten, sich in die Techniken der kriminaltechnischen Untersuchung einweisen zu lassen.
Chef der Pathologie war Doktor Ramon Montes, den man ständig irgendetwas essen sah. Sein zweites Hobby war das Rauchen. Bei ihm ging die Zigarette nie aus, so schien es. Er war knapp einen Meter fünfundsechzig groß und wog über neunzig Kilo. Sein rundliches und lustiges Gesicht zierte ein wuscheliger Oberlippenbart. Der Doktor mochte wohl so Ende vierzig sein und seine stoische Gelassenheit erklärte seine Körperfülle. Montes, hatte in einem Krankenhaus in Barcelona als Chirurg gearbeitet und war erst vor wenigen Jahren zur Pathologie gekommen. Zu Francos Zeiten wurden nur selten Obduktionen an Leichen durchgeführt. Schon gar nicht, wenn keine Spuren äußerlicher Gewalt am Opfer erkennbar waren. Hinzu kam, dass der Grad der Verwesung, auf Grund der klimatischen Bedingungen, innerhalb weniger Stunden eintrat. Es war Eile geboten, denn innerhalb von achtundvierzig Stunden, mussten die Leichen eingeäschert, oder beerdigt sein. Diktator Franco war seit einigen Jahren tot und es hatte sich einiges im Land verändert. Ende der siebziger Jahre wollte man schon einmal wissen, was die Todesursache der Opfer war, bei denen offensichtlich Fremdverschulden vorlag.
»Soso, ihr seid die beiden neuen Kollegen, dann man auf gute Zusammenarbeit. Und ihr sollt also dafür sorgen, dass ich nicht arbeitslos werde?« Doktor Montes pflegte oftmals, seltsame Sprüche zu machen, die nur er selbst zu verstehen schien. Über seine ›Kunden‹ sagte er makaber, sie seien pflegeleicht und es habe noch nie Beschwerden gegeben.
In der Forensik war Supervisora Laura Velasquez für die kriminaltechnischen Untersuchungen die erste Ansprechpartnerin. Sie war der Kopf der Kriminaltechnik und bei jeder Obduktion dabei. Laura hatte ein Praktikum in den USA gemacht und war ausgebildete Forensikerin.
Sie war siebenundzwanzig Jahre alt und wer sie einmal gesehen hatte, wusste, warum viele Kollegen so gerne in die forensische Abteilung gingen. Die Supervisora war eine ausgesprochene Schönheit. Ihr hübsches Gesicht, ihre dunklen Augen, ihre langen schwarzen Haare und ihre langen Beine, die durch Schuhe mit hohen Absätzen nochmals betont wurden, verliehen Señora Velasquez eine besondere Aura. Sie war sich ihrer Schönheit bewusst und legte es offensichtlich darauf an, allen Männern den Kopf zu verdrehen. Auch Pep war beeindruckt und versuchte hin und wieder, ein paar schlaue Sätze loszuwerden, für die er sich im Nachhinein reichlich blöd vorkam.
In den nächsten Monaten passierte nicht viel, was man als aufregend hätte bezeichnen können. Die beiden Polizisten waren inzwischen befördert worden. Aus Pep war Inspektor Cardona und aus Xavi war Subinspektor Fernandez geworden.
Sie wurden täglich ins Barrio Chino gerufen – wenn sie nicht bereits dort waren – um irgendwelche Streitigkeiten zwischen den Huren und deren Kunden zu schlichten. Pep waren diese Geschichten bestens bekannt. Revierkämpfe unter den Huren und Freiern, die randalierten, weil sie bestohlen worden waren, waren die Regel. In einigen Fällen ging es darum, Zigeuner zu verhaften, die gerade mal wieder Touristen beklaut hatten oder Jugendlichen nachzujagen, die Frauen die Handtaschen entrissen hatten. Einige dieser Kleinkriminellen wurden mit in die Jefatura genommen, um sie erkennungsdienstlich zu erfassen und dem Haftrichter vorzuführen. Die Zeit, in der man ihnen eine Tracht Prügel verpasste, bevor man sie wieder laufen ließ, war zwar vorbei, aber ab und an wurde die Prügelstrafe doch noch angewandt.
Die beiden Polizisten fuhren als Dienstwagen einen Renault R14, der seit einigen Jahren weder von außen gereinigt wurde, noch eine Werkstatt von innen gesehen hatte. Mit diesem Gefährt gingen die beiden täglich auf Streife in ihrem Revier. Einen Führerschein besaßen weder Pep noch Xavi, den hatte man automatisch, wenn man bei der Polizei war. Es war nur eine kurze Einweisung auf dem Lehrgang in Avila vonnöten gewesen. Die beiden hatte man mit einem sogenannten Beeper ausgestattet, den sie am Hosenbund trugen. Wenn ein Anruf einging, musste man schleunigst ein Telefon aufsuchen, um die Nummer anzurufen, die auf dem Beeper stand. Es war eine neuartige Erfindung aus Amerika. Eine andere Möglichkeit gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht und den Luxus, Funk oder Telefon im Auto zu haben, konnte man sich bei der Polizei nicht leisten, schon gar nicht in Fahrzeugen, die nicht als Dienstfahrzeuge gekennzeichnet waren.




