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Das erste, was sie sah, war die Zimmerdecke. Dort hätte Pauls Oberkörper sein sollen, aber er war es nicht. Sie blickte an sich herunter, und in diesem Augenblick durchflutete sie eine bis dahin unbekannte Erregung. Was sie sah, übertraf alles. Sie sah seinen Kopf zwischen ihren Oberschenkeln. Und sie fühlte den heißen Atem an ihrer Scham und seine Zunge, die sich so tief wie möglich in sie hineinbohrte. Noch bevor sie merkte, wie ihr geschah, war sie wieder draußen und glitt feucht und heiß zwischen ihre Lippchen. Sie flatterte in ihrer Scham wie ein Insekt im Glas. Ihre Muschi begann zu glühen. Er küsste sie, leckte sie, wo sie noch nie zuvor geküsst oder geleckt worden war. Er leckte sie nicht nur, nein, er schleckte sie wie Eis. Ihr blieb gar nichts anderes übrig, als den Kopf im Kopfkissen zu vergraben. Wenigstens soweit hatte sie sich noch unter Kontrolle.
Und wieder drang seine Zunge in sie ein; er raubte sie ihr und schenkte sie ihr gleich darauf wieder. Gierig wanderte sie durch ihr zartrosa Fleisch. Er teilte es, knabberte zärtlich daran und fühlte die Geilheit an seinem Kinn hinunterlaufen. Der Geschmack ihrer Weiblichkeit und Geilheit machten ihn so wild wie einen tollwütigen Köter, und er leckte alles gierig auf. Und davon wurde Jeannine nur noch geiler und sie spreizte die Beine, um ihn noch näher an sich heranzulassen.
Als es ihr endlich kam, war es wie eine Erlösung. Sie kreischte in ihr Kissen, das sie an ihr Gesicht pressen musste (ob ihre Eltern nun wach wurden oder nicht, interessierte sie nicht die Bohne). Ihr Körper spannte sich, das Brennen in ihrer Muschi glich einem flammenden Inferno, und mit der freien Hand klopfte sie wie von Sinnen auf die Matratze ein.
Unendlich erleichtert, dass die süße Folter endete, seufzte sie matt.
Paul belehrte sie eines Besseren. Denn es war noch nicht vorbei. Jeannine hatte bereits die Augen geschlossen und war schon fast eingeschlafen, als er plötzlich und unerwartet in sie eindrang. Auch er war geil, geiler als je zuvor.
Die Härte drang so schnell in sie ein, dass sie augenblicklich putzmunter wurde. Sie stemmte sich seinen Stößen entgegen und bewegte sich mit jeder Sekunde schneller und fordernder. Das Quietschen des Bettes war mittlerweile gefährlich laut geworden. Aber all das hatte keine Bedeutung. Nichts hatte momentan eine Bedeutung außer Sex. Die Lust aufeinander hatte alle Vorsicht verdrängt, und es grenzte schon an ein Wunder, dass ihre Eltern noch immer nicht in der Tür standen …
Schon nach wenigen Stößen kam es ihm, und er ergoss sich in ihr. Sein Orgasmus war wie eine Befreiung nach einer langen Gefangenschaft. Sämtliche Kraft verschwand augenblicklich aus seinem Körper.
Noch bevor seine Arme gänzlich weich wurden, rollte er sich von ihr. Paul atmete schwer, und seine Haut war bedeckt von Schweißperlen. Noch immer hatte er den Geschmack ihrer Weiblichkeit auf den Lippen.
Jeannine drehte sich langsam zu ihm. Die Trägheit ihrer Bewegungen deutete darauf, wie schlapp sie war. Paul registrierte es nicht ohne Stolz. Mühsam hob sie den Kopf und musste ihn sogar mit der Hand abstützen. Und ihre andere Hand glitt langsam über seinen Bauch, verwischte den Schweiß und verharrte schließlich auf seiner Brust. Jetzt konnte sie fühlen, wie sein Herz galoppierte. Paul beobachtete jede ihrer Bewegungen.
„Was hast du nur mit mir angestellt?“
„Hätte ich das nicht tun sollen?“ Seine Stimme klang unsicher.
„Quatsch. Es ist nur …“ Sie überlegte kurz. „Es ist nur so: Sonst bist du immer so schüchtern. Und mit einem Mal“, sie musste noch einmal innehalten, „mit einem Mal ist das alles vergessen, und du besorgst es mir. Einfach so, ohne einen Funken Unsicherheit. Hast mich einfach gepackt und meine Muschi geleckt. Junge, Junge, ich muss schon sagen, du erstaunst mich immer wieder!“ Mit diesen Worten ließ sie sich nach hinten fallen, drehte sich zur Seite und fingerte an ihrer Hose rum, die achtlos neben dem Bett lag.
Paul beobachtete ihre Bewegungen. Er bewunderte ihre makellose weiße Haut, sah, wie ihr das Haar über die Schultern fiel und auf die Matratze floss. Ihr Rücken war bezaubernd schön. Als sie neben ihm lag, wurde ihm klar, wie verrückt er nach ihr war. Seine Hände glitten an ihrer Wirbelsäule hinunter, verharrten am Poansatz, fühlten die weiche, weiße Haut dort und kneteten die prallen, knackigen Bäckchen. Ihr nackter Körper erregte ihn bereits von neuem. Doch noch ehe er irgendwelche Anstalten machen konnte, erneut über sie herzufallen, drehte sich wieder zu ihm. Sie hatte zwei Zigaretten aus der Hose gefischt und schob ihm eine davon in den Mund. Sie glimmten sogar schon; sie musste sie eben angezündet haben. Die andere behielt sie selbst. Hm, das tat gut.
„Jetzt aber mal im Ernst: Du weißt, dass du nicht mein erster warst und ich weiß, dass ich nicht deine erste war. Das haben wir ja alles längst ausbaldowert. Wie aber hast du es geschafft, das hinter deiner Schüchternheit zu verstecken?“
„Was denn?“
„Frag nicht so scheinheilig. Du weißt genau, was ich meine.“
„Nein, weiß ich nicht.“
„Ich meine, dass du so ein Tiger bist. Und das bist du. Was du da mit deiner Zunge gemacht hast, grenzt ja fast an Wahnsinn. Du hast mir fast das Hirn rausgelutscht. Echt affengeil. Du bist eine richtige Sexmaschine. Die obendrein noch eine geile Schlabberzunge hat.“
„Ich hab dich überrascht, wie?“
„Das kannst du laut sagen! Meine Muschi tropft noch immer wie ein Wasserhahn.“
„Ich kann auch nichts dafür. Du machst mich einfach verrückt …“
Mit einem Mal begann Paul zu heulen. Es war kein stilles Wimmern, es war richtig laut. Er heulte Rotz und Wasser. Der Text, der von ihm geschrieben worden war (nur er konnte ihn geschrieben haben, obwohl er sich nach wie vor nicht daran erinnerte), führte ihm etwas vor Augen. Er hatte einen Grund gefunden, warum sie ihn verlassen hatte. Sie hatten zwar noch hin und wieder Sex gehabt, zwar lange nicht mehr so viel wie früher, aber so richtig Spaß hatte es beiden nicht mehr gebracht. Das aber war bei weitem nicht das Schlimmste. Schließlich geschah das in jeder längeren Beziehung. Das Schlimmste war, dass er sich keine Mühe mehr gegeben hatte, und das wer weiß wie lange schon. Es war zwar dann und wann noch zum Beischlaf gekommen, aber ohne Vorspiel, ohne Zärtlichkeiten, ohne Aufregung. Er hatte es einfach runtergespult wie ein Pflichtprogramm. Kein Spaß, keine Spontanität, kein gar nichts. Eigentlich grenzte es schon an ein Wunder, dass sie überhaupt hin und wieder Sex gehabt hatten – vor allem deshalb, weil Frauen zärtliches Kuscheln und Schmusen brauchen wie die Luft zum Atmen.
Trotz dieser negativen Erinnerungen zwang er sich, mit eiserner Miene und zusammengebissenen Zähnen weiterzulesen. Und die Tränen rannen ihm dabei nur so die Wangen hinunter.
Ich liebe Dich!!!!!!!
Das stand dort geschrieben, und es war so ziemlich das Letzte, was er entziffern konnte. Denn der Text entwickelte sich nun zu einem Kauderwelsch. Er bestand nur noch aus sinnlos aneinander gepressten Buchstabenreihen, und wenn man es lesen wollte, ergab es beim besten Willen kein Wort.
„Bestimmt ist der Alkohol daran schuld“, murmelte Paul.
Er fuhr den Text mit dem Cursor bis zum Ende hinunter. Und je weiter er kam, umso unverständlicher wurde er. Schließlich gab er es auf, feuerte das Notebook erneut zu Boden und stürmte schreiend und heulend aus dem Zimmer.
Kapitel 3
3. Kapitel
„Paul, kommst du mit in den Club? Du hast dich ja schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr sehen lassen!“
Er stand auf dem Flur, hielt den Telefonhörer in der einen Hand und eine glimmende Kippe in der anderen. Sein Kopf brummte, und seine Finger schmerzten. Aber diesmal kam das Kopfweh nicht vom Alkohol, sondern war ein Produkt geistiger Arbeit. Seit dem Tag, an dem er die Kontrolle über sich und seine Handlungen verloren hatte, hatte er keinen Tropfen mehr angerührt. Seine Hände zuckten und kribbelten noch vor Anstrengung. Er hatte mit ihnen wie eine Berserker auf die Tastatur eingehämmert, aber nicht vor Wut und Raserei, sondern weil sprudelnd wie ein Wasserfall ein Text aus ihm herausgeprescht kam. Noch vor drei Minuten hatte er am Schreibtisch gesessen, so in seine Arbeit vertieft, dass er das Klingeln des Telefons fast überhört hätte. Erst beim zwanzigsten Mal drang es zu ihm durch
Während er so dastand, kam er sich vor wie ein Fremder in der eigenen Haut. Er hatte keine Ahnung, wovon der Kerl am anderen Ende der Strippe faselte. Er wusste weder wer es war noch, um was für einen Club es sich handelte. Da er aber nicht wie ein Idiot dastehen wollte, schwieg er. Für den Anrufer schien das nichts Ungewöhnliches zu sein.
„Lass mich raten! Du arbeitest an einem neuen Buch. Stimmt’s, oder hab ich recht?“
„Ja.“
Jetzt war er überrascht. Ja, er arbeitete an einem neuen Buch. Oder zumindest an einer neuen Geschichte, vielleicht wurde ja später ein Buch daraus. Er musste erstmal schauen, wie sich das alles entwickelte. Insofern hatte der Anrufer recht, und das hieß, dass er den Störenfried schon länger kannte. Es ging ihm fast immer so, wenn er ein neues Projekt anfing: Wenn eine Idee, die noch in den Kinderschuhen steckte, ihn in ihren Bann zog, konnte er den Eindruck erwecken, an Alzheimer erkrankt zu sein.
„Hab ich’s mir doch gedacht“, fuhr der andere fort. „Dann leidest du immer ein bisschen unter Gedächtnisschwund.“
Jetzt dämmerte es Paul langsam. Der Anrufer konnte nur den Tennisclub meinen. Und nun, da ihm ein Licht aufgegangen war, wurde ihm bewusst, dass er schon lange nicht mehr gespielt hatte. An Lust mangelte es ihm nicht, aber momentan war einfach keine Zeit dafür.
„Tut mir echt leid. Momentan sieht’s schlecht aus. Ich stecke bis zum Hals in Arbeit. Hab ’ne echt phänomenale Idee, sag ich dir. Das wird der Reißer, der Reißer schlechthin.“ Sein Erzähltempo hatte sich nun verdoppelt.
„Mensch, du bist ja hin und weg! Ich wünschte, ich wäre nur halb so arbeitsgeil wie du. Aber leider, leider … egal, sei’s drum. Ich wünsche dir gutes Gelingen! Und falls du noch Lust bekommst, ein paar Bälle zu schmettern: Du weißt ja, wo du mich finden kannst.“
Er verabschiedete sich und legte auf. Paul hatte versprochen, sich bei ihm zu melden. Jetzt, da das Gespräch beendet war, merkte er erst, dass er keinen Schimmer hatte, wer der Kerl nun war. Egal. Fröhlich pfeifend schlenderte er zurück ins Arbeitszimmer, setzte sich wieder an den Schreibtisch und war nur wenige Sekunden später wieder weggetreten. Die konzentrierte Stille wurde nur unterbrochen, wenn er einen Satz vor sich hinmurmelte, bei dem er sich nicht sicher war, wie er aufgebaut sein sollte. Wenn er ihn hörte, war es oft anders, als wenn er ihn nur stumm las.
Während er angestrengt arbeitete, wiederholte sich in seinem Kopf noch einmal das Geschehen, als er das Notebook zu Boden geworfen hatte und er heulend aus dem Zimmer gestürmt war. Paul registrierte davon nichts. Es geschah in seinem Unterbewusstsein. Es waren nur Bruchstücke, die, noch ehe sie bemerkt werden konnten, weggespült wurden. Weggespült von der Begeisterungswelle, die sein neues Projekt in ihm auslöste.
Noch bevor der Laptop auf den Boden geschlagen war, war er aus dem Zimmer gerannt und wie ein Wirbelwind durch das ganze Haus gefegt, durch das Wohnzimmer, das Schlafzimmer, die zwei Bäder, die Gästezimmer und sogar durch den Keller. Er warf alles um, was ihm vor die Füße kam: Sessel, Stehlampen, Stereoanlage. Er hob es auf und pfefferte es gegen die Wand. Als ob die Dinge an alledem Schuld trügen. Selbst ein Orkan hätte nicht mehr Schaden anrichten können. Die einzigen Dinge, die blieben, wo sie waren, waren zu schwer für ihn. Und dabei schrie er. Er machte einen Lärm wie zehn startende Düsenjets zusammen. Er schrie sich die Lunge aus dem Hals. Das Kratzen in seiner Kehle und das Kreischen in seinem Ohr waren unerträglich. Aber er konnte einfach nicht aufhören. Eine blinde Zerstörungswut hatte ihn gepackt.
Irgendwann dann sackte er in sich zusammen und blieb liegen, wo er war. Er hatte Schuldgefühle, weil er dem Zerstörungsdrang nachgegeben hatte. Gleichzeitig aber war er auch froh darüber. Vielleicht war es das einzig Richtige, was er hatte tun können? Denn nach der Hysterie fühlte er sich besser, viel besser als zuvor. Als wäre damit alles herausgeschleudert worden, was nicht gut für ihn war. Alles, was wie Gift auf seiner Seele lastete. Er war wie ein Vulkan, in dem es zunächst bedrohlich zischt und brodelt, und der schließlich, wenn der Ausbruch stattgefunden hat, wieder still und friedlich daliegt. Seine Stimme war heiser geschrien, und sein Kopf fühlte sich an wie ein Amboss, auf den stundenlang eingedroschen worden war – aber er fühlte sich großartig. Ihm tat alles weh, und seine Knochen schienen alle verdreht und verleiert zu sein, aber er fühlte sich großartig. Seine Muskeln waren schwabbelig wie Wackelpudding und wurden von Krämpfen geschüttelt, aber er fühlte sich großartig.
Schwerfällig wie ein Greis richtete er sich auf, und sofort explodierte eine neue Schmerzwelle in seinem Kopf und Körper. Er quittierte es mit einem triumphalen Gelächter. Es klang wie das Siegesgeschrei eines Kriegsherrn, der nach jahrelangen blutigen Kämpfen endlich siegreich heimkehren kann.
Als er auf seinen Beinen stand, wirkte er wie ein neugeborenes Fohlen. Seine Beine knickten unter seinem Gewicht ein, und seine Arme wirbelten mal haltsuchend, mal ekstatisch durch die Luft. Alle diese Bemühungen begleitete er mit einem hysterischen Gelächter, das mit jeder Sekunde verrückter wurde. Langsam, als ginge er über dünnes Eis, lief er zur Küche. Obwohl es ihm Schwierigkeiten machte, lief er weiter. Irgendwann bekam er sogar den Eindruck, die Schmerzen würden nachlassen, das Brummen im Kopf verschwinden, die Muskelkrämpfe sich lösen. Aber wer weiß, vielleicht gaukelte ihm das sein Gehirn nur vor, weil es überlastet war?
Er öffnete die Kühlschranktür, schauerte kurz, als die herausströmende Kälte zu Boden fiel und seine Beine umspülte und griff beherzt hinein. Seine Bewegungen waren bereits flüssiger, geübter. Offensichtlich ging es ihm sekündlich besser. Während seine Hand über der Butterdose schwebte, überlegte er kurz, nickte dann zustimmend, griff noch tiefer hinein und förderte seinen Alkoholvorrat zu Tage. Und das war nicht gerade wenig. Er musste sogar ein paar Mal nachfassen. Schließlich war es geschafft, und sein gesamtes Arsenal an Bier, Schnaps und Wein stand auf der Spüle. Er hielte kurz inne und betrachtete das, was da vor ihm stand.
Allerdings sann er nicht allzu lange nach. Sein Entschluss stand ohnehin fest. Ohne mit der Wimper zu zucken, öffnete er sämtliche Verschlüsse und kippte alles in den Abfluss. Bald roch es in der Küche wie in einer Hafenbar.
Lange stand er so da und sah zu, wie die Getränke gurgelnd in der Dunkelheit verschwanden. Es tat ihm keineswegs leid, und er bereute es auch nicht im Geringsten. Im Gegenteil: Es machte ihn froh. Er lachte vor sich hin, gackernd wie ein Huhn.
Schließlich machte er sich daran, den Saustall aufzuräumen. Und das dauerte bis zum nächsten Abend. Er musste alle Scherben, alle zerrissenen Kissen und zerfledderten Gardinen aufsammeln und, soweit möglich, durch neue ersetzen. Er richtete die umgeworfenen Möbel wieder auf und topfte die Pflanzen um, die er in seiner Wut herausgerissen hatte. Es war ein hartes Stück Arbeit, dennoch pfiff er die ganze Zeit über fröhlich vor sich hin.
Als endlich alles gesäubert war, fiel er erschöpft in tiefen Schlaf. Er hatte ohne Unterbrechung fast sechsunddreißig Stunden gefegt, gesaugt, geputzt, gewischt und gebohnert. Seine Hände waren schwielig und mit Blasen übersäht.
Am nächsten Morgen erwachte Paul ausgeruht und fühlte sich frisch. Er frühstückte ausgiebig und ausnahmsweise sogar gesund, mit Müsli und Milch, duschte danach abwechselnd kalt und heiß und schlenderte ins Arbeitszimmer, wo er, ohne es richtig wahrzunehmen, das Notebook aufhob, einschaltete, das Schreibprogramm hochfuhr und schließlich auf die Tastatur eindrückte.
Das sollte schon fünf Tage her sein? Kinder, wie schnell die Zeit verging!
Und plötzlich war es wieder wie in alten Zeiten. Er schrieb täglich zwischen vier und sieben Seiten und schaffte es nebenbei sogar noch, ein Buch zu lesen. Abends ging er kurz vor Mitternacht ins Bett, stand früh um acht auf, aß etwas und schrieb dann weiter. Yeah, wie in den guten alten Zeiten, verdammt! Es ging doch nichts über einen geregelten Tagesablauf!
Paul starrte wie gebannt auf den Bildschirm. Der Cursor blinkte und spuckte Buchstabe um Buchstabe aus. Auch das Jucken und Kribbeln in seinen Händen war verschwunden. Auf dem Schreibtisch neben ihm stand ein übervoller Aschenbecher, in dem eine Zigarette qualmte. Ab und zu griff er nach ihr, ohne den Blick vom Bildschirm zu wenden, und nahm einen kräftigen Zug. Er hatte den Rauch noch gar nicht richtig ausgestoßen, da sponn er auch schon weiter.
Hätte er nur ansatzweise geahnt, was er damit in Bewegung setzte, wären seine guten Vorsätze augenblicklich vergessen gewesen. Dann wäre er binnen weniger Tage zum hemmungslosen Alkoholiker geworden.
Es war ein Wunder, dass Sabine keine schweren Verletzungen erlitt, als sie mit ihrem Pferd stürzte. Das Glück schien diesmal auf ihrer Seite zu sein. Leider konnte man das bei dem Pferd nicht behaupten: Es musste eingeschläfert werden. Seine Knochen waren gleich an mehreren Stellen gebrochen und drei Rippen zersplittert. Es tat ihr zwar im Herzen weh, doch es war bestimmt das Beste für das arme Tier. Doch als es dann schließlich so weit war, konnte sie den Anblick nicht ertragen und flüchtete aus dem Stall. Sabine hatte sehr an dem edlen Tier gehangen und ihr war, als ginge ein guter Freund für immer von ihr.
Sie hastete durch den nahen Wald, der die nördliche Grenze des Grundstücks bildete und ließ seinen kühlen Schatten schnell hinter sich. Sie rannte und rannte, vorbei an Wiesen und Feldern, bis sie das Meer erreichte.
Die Küste war an dieser Stelle nichts als eine Felswand, die steil ins Meer stürzte. An ihrem steinigen Fuß brachen sich die Wellen, und an ihrem Scheitelpunkt blies steifer Nordwind. Alles in allem nicht unbedingt ein gemütlicher Ort. Es gab noch nicht einmal einen Weg, auf dem man zwischen den mannshohen Gesteinsbrocken gefahrlos hätte gehen können. Dennoch liebte sie diese Stelle. Hierher verirrte sich kaum eine Menschenseele und wenn doch, nahm sie angesichts der rauen Umgebung schnell wieder Reißaus. Hier war das letzte Fleckchen Erde, das Sabine für sich allein haben konnte. Immer, wenn sie etwas plagte, etwas verunsicherte, sie sich ängstigte oder sie einfach nur in Ruhe nachdenken wollte, ging sie hierher und lauschte dem Rauschen des Windes und dem Toben der Brandung.
Sabine kannte den Platz seit ihrer Kindheit. Seit sie als kleines Mädchen zum ersten Mal mit ihrem Vater hier gewesen war, hatte der Ort nichts von seinem Reiz verloren. Die Ruhe, das Pfeifen des Windes, das Kreischen der Möwen, all das war ihr ans Herz gewachsen. Und sie wollte keinen dieser Momente missen. Wie oft hatten sie hier oben gesessen, ihr alter Herr und sie, hatten aufs Meer hinausgesehen und hinter den Schiffen her, bis sie am Horizont verschwanden? Wie oft? Sie wusste es nicht. Es mussten unzählige Male gewesen sein. Manchmal hatten sie einfach nur geschwiegen und die raue Schönheit in sich aufgesogen.
Sabine konnte sich noch gut an den Moment erinnern, da sie den Vater gefragt hatte, wohin all die Schiffe verschwanden, wenn sie nicht mehr zu sehen waren. Sie hatte tatsächlich geglaubt, sie versänken im Ozean. Der Vater fuhr ihr liebevoll mit der Hand über den Zopf; das tat er immer, wenn er ihr etwas erklären wollte. Es war seine Art, nach Worten zu suchen. Er musste ihr oft etwas erklären, denn Sabine war ein neugieriges Kind. So erfuhr sie, dass die Erde eine Kugel war und die Schiffe keineswegs im Meer versanken, sondern einfach nicht mehr zu sehen waren, weil sich zwischen sie und das Schiff die Krümmung der Erdoberfläche schob.
„Du musst es dir ungefähr so vorstellen“, hatte er gesagt, „wenn du am Fuß eines Berges stehst, kannst du auch nicht über ihn hinweg auf die andere Seite sehen. Und genauso ist es mit den Schiffen: Die Erde, in diesem Fall das Wasser, ist im Weg.“
Sie hatte den Vater angesehen und gelächelt. Und er wusste, sie hatte verstanden. Egal, wie umständlich er sich auch manchmal ausdrückte, irgendwann konnte sie seinen Gedankengängen folgen.
Ihre Mutter war früh gestorben. Sabine konnte sich kaum noch an sie erinnern. Doch sie musste schön gewesen sein. Überall im Haus standen Fotos von ihr, in jedem Zimmer. Auch an den Wänden hingen Fotos, und immer, wenn Sabine eines der Bilder betrachtete, stellte sie fest, dass sie ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten war. Sie hätten Zwillingsschwestern sein können, nur, dass die eine eben schon ein paar Jährchen älter war.
Sie hatte den Vater einmal auf den Grund ihres frühen Todes angesprochen, doch er hatte nur gesagt, sie sei sehr krank geworden und irgendwann einmal würde sie alles darüber erfahren. Irgendwann, eines Tages, wenn die Zeit reif war. Durch seine Augen war dabei etwas gehuscht, das wie Angst aussah. Danach hatte er das Thema gewechselt, und das war das Zeichen gewesen, dass darüber genug geredet worden war.
Wenn die Sonne im Meer versank, war es am schönsten. Ihr glutrotes Licht verwandelte alles in ein Farbkonzert, und es schien, als explodiere sie in einem gigantischen roten Ball. Der beständige Wellengang gab dem Ganzen zugleich eine gespenstische Atmosphäre. Je höher die Wellen schlugen, umso farbenprächtiger und eindrucksvoller war das Spektakel.
Jetzt aber war es noch nicht Abend. Noch lange nicht. Allerhöchstens früher Vormittag, und das Meer breitete sich ruhig unter ihr aus, was für diesen Landstrich ungewöhnlich war. Sie sah weit aufs offene Wasser hinaus. Ihr war heiß; Schweiß rann an ihr herunter, und ihr Herz raste in der Brust.
Sabine war eine schöne junge Frau, Mitte zwanzig, gesund und wohlhabend. Ihre weiblichen Rundungen waren genau dort, wo sie hingehörten, und ihr langes blondes Haar strahlte wie die Sonne. Sie zog die Blicke der Männer reihenweise auf sich. Doch leider war es bisher erst zweien gelungen, ihr Herz zu erobern. Der erste (es war wohl mehr eine Art Jugendliebe, schließlich war sie erst sechzehn und er einundzwanzig) hatte ihre Liebe nicht verdient, wie sie inzwischen dachte. Es schien ihm Spaß zu machen, sie hinter ihrem Rücken im Akkord zu betrügen. Als sie ihn endlich durchschaute, war die Enttäuschung tief. Sie durchschnitt das zarte Band, das ihre Liebe gewesen war, und sie schwur sich, nie wieder einen Mann so nahe an sich heranzulassen.
Es dauerte vier Jahre, bis sie ihre Einstellung überdachte, und dann kam der zweite. Er war das Gegenteil seines Vorgängers. Schnell erwies er sich als Mann ihrer Träume. Bedauerlicherweise war auch diesmal das Schicksal anderer Meinung. Es ließ ihn in einer Kurve die Kontrolle über sein Motorrad verlieren. Dabei war sie nicht einmal besonders gefährlich, vielmehr langgezogen und übersichtlich. Er soll nicht lange gelitten haben, hatte man ihr später gesagt, es musste schnell gegangen sein.
Das mochte vielleicht auf ihn zutreffen, dachte sie, als sie seine Identität bezeugte, doch keinesfalls auf sie. Sie war überzeugt davon, nie wieder den Anblick seines leblosen Körpers vergessen zu können. Zwar hatte er, wie er es ihr hoch und heilig versprochen hatte, einen Helm getragen, aber von Motorradhandschuhen hielt er nicht viel. Seine Leiche war in einem guten Zustand, wenn man davon absah, dass sein Genick gleich an mehreren Stellen gebrochen war. Doch das war innerlich, und er war so aufgebahrt worden, dass man als Laie kaum etwas davon sah. Was man jedoch sah, war der Zustand seiner Hände – oder vielmehr das, was von ihnen übrig war. Sie waren nämlich noch nicht bandagiert worden – und dafür verfluchte Sabine denjenigen, der es versäumt hatte.




