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Die Uhr an seinem Handgelenk verriet ihm, dass es inzwischen zehn vor zwölf war. An einem normalen Tag wäre er jetzt schon seit einer Stunde im Bett gewesen. An einem normalen Tag hätte er fünf bis zehn Seiten geschrieben und wäre dann in den Tennisclub gefahren. Oder er hätte sonst irgendetwas gemacht. Aber heute war kein normaler Tag, nicht mal ein halbwegs normaler. Er hatte weder gearbeitet noch die Zeit sonst sinnvoll genutzt. Und da heute ohnehin schon alles durcheinander war, verzichtete Paul darauf, pünktlich zu Bett zu gehen und entschied sich vielmehr, in der Kneipe noch einen trinken zu gehen.
Das Hin- und Zurückkommen würde kein Problem sein. Er würde einfach über das Feld gehen und bis zur Stadt laufen, eine Sache von dreißig Minuten. Ein einfacher Weg mit dem Vorteil, dass er nicht Auto fahren musste. Denn dazu war er nicht mehr in der Lage.
Als Paul am nächsten Tag erwachte (es war bereits weit nach Mittag), fand er sich mit dem Kopf am Fußende seines Bettes wieder. Er fühlte sich hundeelend. Soweit er sich daran erinnern konnte, hatte er in der Kneipe ordentlich einen über den Durst getrunken. Er hatte sich das Spezialgetränk des Hauses mixen lassen. Er konnte zwar kaum die Hälfte der Zutaten aussprechen, aber dennoch hatte er sich einen halben Liter davon kommen lassen und war mit dem Glas in der Hand unter den neugierigen Blicken des Barkeepers in eine dunkle Ecke verschwunden.
Das Glas war voll bis zum Rand und verströmte einen eigenartigen Geruch, scharf und brennend. Einer von diesen Gerüchen, bei denen einem schon die Augen tränen, wenn man nur nahe an sie herankommt. Paul wusste nur zu gut, dass es hochprozentiges Zeug war, das einem durchschnittlich begabten Trinker schnell das Genick brechen konnte. Aber er war noch nicht einmal ein durchschnittlicher Trinker. Wenn er einmal im Monat einen doppelten Whiskey oder eine Flasche Bier trank, war das schon viel.
Gedankenverloren blickte er in das Glas und beobachtete sein Gesicht, das sich in der dunklen Flüssigkeit spiegelte. Er konnte alles erkennen: die Fältchen um die Augen, die kleine Narbe in der rechten Braue, die er sich zugezogen hatte, als er als Kind beim Spielen gegen eine Wäscheleine gelaufen war, die Nase, die seit einer Klopperei während der Schulzeit (Gott, ist das lange her. Ich weiß gar nicht mehr, worum was es da ging … bestimmt um ein Mädchen. Es geht ja immer um Mädchen) ein paar Beulen und Unebenheiten trug. Leider konnte er auch seine Augen sehen, die vom Weinen rot und verquollen waren.
Er griff in die Hemdtasche, wo er die Zigaretten aufbewahrte. Er öffnete sie, fingerte ungeschickt eine heraus, steckte sie in den Mund und zündete sie an.
Der Rauch drang in seine Lunge, und um ein Haar hätte er den Tisch vollgekotzt. Während er noch versuchte, seinen Mageninhalt zu behalten, überlegte er, wie lange er schon keine Kippen mehr angefasst hatte. Mussten mindestens zehn Jahre sein. Aber hundertprozentig sicher war er nicht, auf jeden Fall eine verdammt lange Zeit. Es war ihm damals schwergefallen, es sich abzugewöhnen und er hatte mehr als einen Anlauf gebraucht, aber schließlich war es ihm gelungen. Zumindest bis heute. Gratulation.
Jetzt war ihm nicht nur speiübel, sondern auch schwindelig, und alles drehte sich. Dennoch zog er wieder an der Kippe, hustete jämmerlich und hasste Jeannine für alles, was sie ihm angetan hatte. Er hasste sie, weil sie dafür verantwortlich war, dass er jetzt hier saß, eine Kippe in der einen und ein mörderisches Gesöff in der anderen Hand.
Der Alkohol kroch ihm in die Nase.
Der vernünftig denkende Mann in ihm fragte gerade, ob es das wert war. Ob er unbedingt diesen Fusel saufen musste und ob er es für klug hielt, seine Lungen wie einen verdammten Scheiß-Highway zu teeren, bloß weil dieses Miststück ihn verlassen hatte.
Eine berechtigte Kritik, dachte er und trank wieder einen Schluck.
In dem Moment, als das Getränk seine Zunge berührte, hätte er am liebsten gebrüllt wie ein Baby. Das Zeug brannte fürchterlich; sogar seine Augen begannen wieder zu tränen.
Paul setzte das Glas ab und war einen Moment davon überzeugt, wie ein Drache im Märchen Feuer spucken zu müssen. Das Zeug haute rein, so viel stand fest. Das Erstaunliche aber war, dass das Brennen in der Mundhöhle, in der Speiseröhre und im Magen nicht nur nachgelassen hatte, sondern verschwunden war. Er trank noch einen Schluck, diesmal einen größeren, und spürte, wie seine Glieder augenblicklich leicht wurden wie eine Feder. Sein Arm schien auf über zwei Meter angewachsen zu sein und überhaupt nichts mehr zu wiegen. Amüsiert beobachtete er, wie der riesenhafte Arm mit der ebenfalls riesenhaften Hand versuchte, eine Zigarette aus der Schachtel zu holen. Die Finger schienen komplett knochenlos zu sein; sie wackelten wie Wimpel im Wind. Der Anblick dieser Gummifinger und der monströsen Arme amüsierten Paul, und er kicherte wie ein Verrückter vor sich hin.
Schließlich gelang es ihm doch noch, eine Kippe aus der Gefangenschaft zu befreien und steckte sie in den Mund. Sie hüpfte zwischen den Lippen auf und ab, denn inzwischen gackerte er wie ein Huhn. Ihm war es vollkommen egal, dass sich alle Augen zu ihm drehten.
Paul wusste, dass es klüger gewesen wäre, jetzt aufzustehen und das Lokal aufrecht zu verlassen. Noch konnte er es. Aber er tat es nicht. Er war nicht hierhergekommen, um den Schwanz einzuziehen. Er war hergekommen, weil er sich betrinken wollte. Er wollte so betrunken sein, wie er es schon lange nicht mehr gewesen war. Und wenn er es war, wollte er weitermachen. Echt vom feinsten, dieser Plan.
Der Weg dorthin war nicht allzu steinig. Genaugenommen ging es, bildlich gesprochen, fast nur bergab. Und so erfüllte sich sein Wunsch schneller, als es ihm lieb gewesen wäre. Anfangs spürte er nur diesen Schwindel, später dann wurden seine Glieder schwer wie Blei, und eine Sekunde später so leicht wie eine Feder. Immer abwechselnd. Kein unangenehmes Gefühl.
Wenig später (er hatte noch nicht mal fünf Zigaretten geraucht und sein Glas war noch halbvoll) musste er auf die Toilette. Über dem Pissoir war ein Fenster, das offen stand, und von dort strömte frische Luft herein. Sie fühlte sich gut an auf der heißen Haut. Sie kühlte, und außerdem senkte sie die Übelkeit. Aber die frische Luft hatte nicht nur Vorteile. Sie bewirkte auch, dass der Alkohol noch schneller in sein Blut gelangte, und das Ende vom Lied war, dass auf einmal (er stand noch am Pissoir und musste sich an der Wand stützen, um nicht der Länge nach auf die Fliesen zu knallen) alles um ihn herum schwarz wurde.
Das war’s. An mehr konnte er sich nicht erinnern. Der Rest war Dunkelheit. Klassischer Filmriss.
Jetzt lag er auf dem Bett und glotzte an die Decke. Er hatte pochende Kopfschmerzen und verströmte einen stechenden Geruch. Es war sein Erbrochenes, das so stank. Er ekelte sich; er war außerstande aufzustehen. Wenigstens im Moment. Vielleicht scheute er auch den Anblick des Zimmers. Wer wusste, wie er das Haus in seiner Schnapslaune zugerichtet hatte? In seiner jetzigen Verfassung wäre es kein Wunder gewesen, wenn er es niedergebrannt hätte.
Das Bett war klitschnass, teilweise von seinem Schweiß, aber größtenteils lag es daran, dass er sich eingepisst hatte. Es kümmerte ihn nicht. Es war ihm schnurz, dass er in seiner eigenen Pisse lag, die kalt und nass auf seiner Haut klebte.
Er blieb noch eine Minute so liegen. Dann sammelte er alle seine Kräfte und richtete sich schwerfällig auf. Ein harter Job; er stöhnte. Sein Kopf schmerzte, als würde sein Hirn von tausend Nadeln durchbohrt, seine Haut glühte und schien zugleich aus Eis zu sein, er schwitzte und fror wie bei einem Infekt, und seine Knochen ächzten. Paul verfluchte sich, weil er so bescheuert gewesen war und so viel in sich hineingeschüttet hatte, und er schwor sich, nie wieder einen Tropfen Alkohol anzurühren.
Auf wackligen Beinen, die so weich waren wie Schokopudding, stand er da. Kurz überlegte er, sich einfach wieder rückwärts aufs Bett fallen zu lassen, entschied sich aber dann dagegen, weil er befürchtete (und das kam ihm in diesem Moment sehr plausibel vor), nie wieder aufstehen zu können.
Ihm war hundeelend zumute, er kam sich vor wie durch den Fleischwolf gedreht. Doch es gab auch etwas Positives: Mittlerweile hatten seine Beine nicht mehr die Konsistenz von Schokopudding, sondern fühlten sich fester an, etwa so wie Gummi. Mit hängenden Schultern schlich er ins Bad. Dort empfing ihn der nächste Kampf. Er musste dreimal auf den Lichtschalter schlagen, denn das verdammte Mistding wich immer aus. Als es ihm endlich gelungen war, den Flüchtling zu stellen, sah er, dass es vergebliche Mühe gewesen war: Das Licht erhellte den Raum nur spärlich, von außen fiel ja schon genug Tageslicht hinein. Er schlurfte in Richtung Spiegel, schaute hinein und bekam einen Schrecken. Er trug noch die Kleider von gestern Abend. Seine Augen waren blutunterlaufen und kaum größer als Schlitze. Seine Haut war gelb, und in Gesicht, Haar und Kleidung klebte Erbrochenes.
„Zeit für eine Dusche, alter Junge“, versuchte er sich zu motivieren. Entschlossen legte er die nassen, stinkenden Kleider ab und duschte.
Zehn Minuten später fühlte er sich schon besser; zwar nicht wie neugeboren, aber es würde reichen für den Anfang. Ein frisch aufgebrühter Kaffee wird das Übrige tun, dachte er und lief in die Küche. Während der Kaffee durch die Maschine lief, ging er noch einmal ins Schlafzimmer, um das Bett abzuziehen. Oh nein, er hatte nicht vor, es zu waschen. Wozu auch? Was sollte die Mühe? Es ging viel besser, die nassen Teile einfach zu entsorgen. Und er öffnete die Fenster. Paul hatte sonst keine empfindliche Nase, aber hier stank es wie in einer Kläranlage und das war sogar ihm zu viel.
Nur wenig später saß er am Küchentisch und trank langsam Kaffee. Essen konnte er noch nichts. Er wusste, dass er keinen Bissen runterkriegen würde.
Mittlerweile war es sechzehn Uhr achtzehn. An einem normalen Tag hätte er jetzt schon mehr als die Hälfte seines Arbeitspensums geschafft. Seit Monaten war er schon nicht mehr so faul gewesen. Aber er machte sich keine Hoffnung, dass dieser Tag produktiver sein würde als der letzte. Dazu war der Schmerz noch zu frisch, noch zu bissig.
Langsam führte er die Kaffeetasse zum Mund, und in diesem Moment spielte sich etwas vor seinem geistigen Auge ab, woran er schon seit wer weiß wie vielen Jahren nicht mehr gedacht hatte. Die Erinnerung kam so plötzlich und jäh, dass er wie ein Stehaufmännchen vom Stuhl hochschnellte und die Tasse losließ, die scheppernd zerbrach. Er sah zu ihr hinunter und bemerkte die Splitter gar nicht, die in der schwarzen Flüssigkeit taumelten. Er war wie weg. Seine Aufmerksamkeit richtete sich nur auf das, was vor seinem geistigen Auge ablief. Es war wie ein Film. Ein Film, in dem er die Hauptrolle spielte, aber gleichzeitig nichts zur Handlung beitragen konnte.
Er sah …
Wie die Sonne unterging! Fast so, als wolle sie noch nicht aufhören zu scheinen. Langsam, als tauche sie in dickes Gelee, versank sie am roten Horizont. Der Tag war heiß gewesen, fast zu heiß. Doch da die Hitze des Tages überstanden war und sich dieser Teil der Welt auf eine kühle Nacht vorbereitete, wurde es angenehm. Noch war es hell, doch der Abendhimmel war rot, und die Natur, die in der sengenden Nachmittagshitze eine Pause eingelegt hatte, erwachte wieder zum Leben.
Vögel segelten über die Kornfelder, immer nur um Haaresbreite über den prallen Ähren. Sie flogen übermütig umher, vollführten akrobatische Kunststücke und begrüßten die abendliche Kühle mit Gezwitscher. Die ersten Mücken verließen summend ihren Unterschlupf und machten sich auf die Suche nach Opfern. Nur vereinzelt schwebten Wolken am Himmel. Ein leichter Wind strich über die Weizenfelder, über denen noch eine letzte Hitze flimmerte und wiegte die gelben Ähren. Zwischen den Feldern duckte sich ein schmaler Pfad. Schmetterlinge flatterten umher und präsentierten ihre Schönheit: Ein Meer aus gelben Flügeln, roten Flügeln, weißen Flügeln, blauen Flügeln und den exotischsten Farbvariationen, die nur die Natur hervorzubringen vermochte.
Plötzlich schreckten sie auf und flogen davon. Noch immer lag der Weg verlassen, doch der Wind trug jetzt das Gemurmel von Stimmen heran. Nicht laut, aber auch nicht leise genug, um es zu ignorieren. Über einer Anhöhe, kaum dreihundert Meter entfernt, tauchten Köpfe auf, die wie Bälle über die Straße hüpften. Aus dem Stimmengemurmel wurde Gejohle, das sich mit Gelächter mischte. Eine Stimme, dem Klang nach die eines Mädchens, schrie: „Nimm deine dreckigen Finger von mir!“ Worauf eine andere, diesmal eindeutig die eines Jungen, laut lachte …
Die Verbindung riss kurz ab; Paul befand sich wieder in der wirklichen Welt, im Hier und Jetzt. Er war über die Bilder, die er gesehen hatte, geschockt, aber er wusste, was sie bedeuteten. Er begriff zwar nicht, wie, aber er wusste, dass er einen Blick in die Vergangenheit geworfen hatte. Und darüber war er schockiert, weil es das intensivste Gefühl war, das er je erfahren hatte. Gleichzeitig war es aber auch angenehm. Weil er sich genau erinnerte, was an jenem Tag noch alles gewesen war, umspielte ein Lächeln seine Lippen. Wie um ihm das zu bestätigen, flimmerte vor seinem geistigen Auge nun die Fortsetzung des Films (Ende des Werbeblocks – kommt vom Klo zurück, Herrschaften!).
Die Jugendlichen machten einen Lärm, als zöge ein Bataillon in die Schlacht. Es waren Pauls Jugendfreunde. Und er tummelte sich mitten unter ihnen. Nur eben vierundzwanzig Jahre jünger. Amüsiert registrierte er, wie aus seiner modischen Drei-Haare-Frisur, wie er sie scherzhaft nannte, wieder ein dichter Schopf geworden war. Die Unterhaltung wurde mit jedem Schritt lauter. Der Wind trug die Stimmen heran. Schnellen Schrittes liefen sie die Anhöhe hinunter und gackerten.
Paul wusste, wo sie hinwollten. Und er wusste auch, was an diesem Abend noch alles geschehen würde. Er stand da, mitten auf dem Feld, bis zu den Hüften im Korn, und beobachtete alles fasziniert. Es war ein Déjà-vu, aber gleichzeitig auch viel mehr als das. Es war viel realer, greifbarer, intensiver. Es schien gerade erst zu passieren. Nicht nur ein Kapitel aus der Vergangenheit, sondern so real und tatsächlich, wie es nur sein kann.
Paul holte Luft und versuchte das Wunder zu begreifen. Er roch das Getreide und den Duft des Sommers, sah den ehemaligen Freunden zu, die schon so nah waren, dass er mühelos ihre Gesichter erkennen konnte. Sie trugen die modischen Frisuren, die damals, Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger, der letzte Schrei gewesen waren.
Langsam setzte auch Paul sich in Bewegung. Er wollte den Anschluss an die Gruppe nicht verlieren. Er lief durch den Weizen, beschleunigte seinen Schritt, rannte fast, wobei die Ähren gegen ihn klatschten. Dann sprang er auf den Weg und schaffte es gerade noch, sich vor der Gruppe aufzubauen. Es war unfassbar, er stand keine fünf Meter vor ihnen und konnte jede Regung in ihren Gesichtern sehen. Er wollte sie ansprechen, sie fragen, wohin sie gingen.
Sie kamen näher. Paul streckte den Arm aus, wollte einen von ihnen an der Schulter berühren. Doch der Arm glitt einfach durch ihn hindurch, und sie liefen an ihm vorbei. Damit hatte er nicht gerechnet, obwohl es vielleicht zu erwarten gewesen war. Schließlich war es nicht real. Es waren nur Geister, Gespenster, Illusionen aus der Vergangenheit. Paul schüttelte sich, als wolle er eine Kälte auf seiner Haut abschütteln. Dann lief er eilig hinter ihnen her.
Er blieb etwa auf ihrer Höhe, um kein Wort zu verpassen.
Und dann tat er etwas, was er weder geplant noch bedacht hatte: Er kniff die Augen zusammen, hielt den Atem an und lief durch die Gruppe hindurch. Warum er das tat, wusste er nicht. Er vermutete, dass es intuitiv geschah. Abermals griff Kälte nach ihm, doch intensiver als ein Windhauch. So mussten sich die Stürme auf der Venus anfühlen. Nicht nur die Kälte irritierte ihn. Er hatte für einen Moment den Eindruck, den Boden unter den Füßen zu verlieren, zu fliegen. Dann war es auch schon wieder vorbei, und er war durch sie hindurch.
Paul drehte sich um, öffnete die Augen und sah sich verdattert um. Er lief jetzt vor ihnen her; ihre Stimmen im Rücken hatten nichts von ihrer Fröhlichkeit eingebüßt. Er entschied sich, rückwärts zu gehen. Das war zwar einerseits beschwerlich, andererseits aber konnte er so wenigstens die Gesichter sehen, von denen er die meisten seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Während er das tat, versuchte er sich an die Namen zu erinnern und war entsetzt, dass es ihm nicht gelang. Waren vierundzwanzig Jahre denn eine so lange Zeit?
Ihn beschlich ein schlechtes Gewissen. Ehe er sich davon ablenken lassen konnte, besann er sich und kam zu der Erkenntnis, dass es vielleicht normal war. Wer weiß, vielleicht erginge es den anderen, träfe er sie im realen Leben, ebenso? Er konzentrierte sich wieder auf die lärmende Meute vor ihm und war bemüht, höchstens zehn Schritte Abstand zu ihnen zu haben, um ihre Gesichter zu sehen. Er wollte die jugendlichen Gesichter in sich aufsaugen; wie ein Vampir das Blut seiner Opfer in sich aufsaugt, wollte er den Anblick der Jugend in sich aufnehmen.
Zwei Mädchen (sie sahen noch jünger aus als der Rest) kreischten angeekelt, als zwei Jungen, die vor ihnen liefen, ihre Hosen herunterließen und ihnen ihre nackten Hinterteile präsentierten. Der Rest kreischte so laut, dass das Kreischen der Mädchen darin fast unterging.
Es dauerte eine gewisse Zeit, bis es langsam wieder abebbte. Ein Junge, er trug einen Dreitagebart (wenn man den Flaum auf seiner Oberlippe so nennen wollte) sagte grinsend, als müsse er gleich wieder losbrüllen: „Oh Mann, oh Mann, hat einer von euch diesen Megapickel auf der Arschbacke gesehen? Das Ding war so riesig, dass er schon einen eigenen Mond hatte, der in einer Umlaufbahn um ihn kreiste. Igitt, wenn ich nur dran denke, muss ich kotzen!“
Wieder lachten alle. Sogar die beiden Mädchen.
„He, Jan“, schrie ein zweiter spöttisch, „ich will ja nicht in deiner Nähe sein, wenn die Dämme brechen! Der ist imstande und spült uns weg!“
Das Gelächter wurde noch lauter, und die Gesichter liefen rot an wie Hummer im Kochtopf. Nur eines nicht. Es wirkte vielmehr wie versteinert. Aha, kombinierte Paul, wenn mich nicht alles täuscht, ist der Bengel mit dem säuerlichen Gesichtsausdruck da besagter Jan und somit rechtmäßiger Besitzer des mächtigsten Pickels unter der Sonne. Auch Paul grinste, allerdings nicht halb so breit wie die anderen. Wahrscheinlich bin ich einfach zu alt für diese Scheiße, dachte er.
Das Gelächter schwoll immer mehr an, und der Junge, der den Grund dieses Freudenfeuerwerkes auf dem Arsch trug, es sozusagen ausgebrütet hatte, schien den Tränen nahe zu sein. Er stand da wie ein Häufchen Elend. Die Schultern hingen schlaff an ihm herunter, und seine Hände fuhren immer wieder über den Stoff seiner Hose. Die anderen konnten sich immer noch nicht beruhigen, und so bemerkte keiner von ihnen, dass ihm schon die erste Träne die Wange herunterlief. Das Licht der untergehenden Sonne reflektierte sich in ihr, und kurz meinte Paul, einen Regenbogen in ihr zu sehen. Den Bruchteil einer Sekunde lang sah er ein ganzes Farbspektrum in der Träne.
Vier oder fünf Minuten später war der Witz verflogen, und das Gelächter senkte sich langsam auf einen erträglichen Level. Und Jan heulte wie ein Schlosshund.
Jetzt erst bemerkten es die anderen und hielten inne. Sie näherten sich ihm, und die so plötzlich aufgetretene Stille war direkt unheimlich. Aber das war nur ein Moment, denn noch ehe man die Ruhe richtig begreifen konnte, wurde sie von einem herzzerreißenden Jammern unterbrochen. Die anderen sahen einander ratlos an, zuckten mit den Schultern und fragten sich flüsternd, was für eine Laus ihm über die Leber gelaufen war. Als sie schließlich bei ihm standen, wurde sein Jammern leiser, brach aber nicht ab.
Einer legte den Arm auf seine Schulter (Paul sah, dass er selbst derjenige war, der es tat) und fragte ihn: „Was ist mit dir?“
„Ich … ich … ich … ihr Arschgeigen macht euch immer über mich lustig!“ Jan schluchzte wieder.
„Was?“, fragte der vierundzwanzig Jahre jüngere Paul verdutzt, „und deshalb heulst du wie ein Weib?“
„Nana, ich muss doch bitten“, protestierte ein Mädchen. „Von uns hier jammert keine!“
Paul verdrehte die Augen. „Ach, vergiss es einfach.“
„Warum soll ich es vergessen? Los, dreh dich um! Ich rede mit dir!“
Sie ging langsam auf ihn zu. Doch noch ehe sie ihn erreichen konnte, boxte eine Freundin sie in die Seite und zischte: „Lass ihn doch! Verdammt, er versucht doch nur, die Heulboje zu beruhigen.“ Das leuchtete ihr ein. Paul konnte sich wieder um Jan kümmern.
„Hör mal“, begann er wieder, und das Jammern wurde eine Nuance leiser, „ich weiß gar nicht, warum du so eingeschnappt bist.“
„Na, weil … na, weil …“
„Jetzt krieg dich doch wieder ein, Menschenskind! Ist doch kein Weltuntergang, so ’n blöder Pickel auf ’m Arsch! Hatten wir alle schon mal, richtig, Jungs?“
Ein Raunen ging durch die Runde. Einer murmelte: „Na ja, ein gottverdammter Vulkan ist schon ein Scheißdreck gegen dieses Unikum“, und ein anderer, er schien der Älteste der Truppe zu sein, meinte: „Also, ich für meinen Teil pflege meinen Körper täglich mit Cremes und so `nem Zeug“, und noch einer murmelte etwas, das ungehört unterging.
„Siehst du“, fuhr Paul fort und tat, als hätte er die anderen gar nicht gehört, „ist alles kein Beinbruch. Jetzt wisch deine Tränen weg!“
Jan beruhigte sich.
„Jan, alter Junge, wir haben dich nur verarscht. Sollte nur ein Scherz sein.“
Das Schluchzen wurde leiser.
„Nun komm schon. Wir konnten ja nicht ahnen, dass du gleich so ein Drama draus machst.“
Das Schluchzen war jetzt zu einem Wimmern geworden. Der junge Paul setzte noch eins drauf: „Jetzt reiß dich aber mal zusammen, ja? Wir sind gleich auf dieser doofen Party und, mal ehrlich, willst du da mit tränenüberlaufenen Augen antanzen? Die Mädels riechen das zehn Meilen gegen den Wind! Dann kannst du gleich wieder abmarschieren, dann lässt dich nämlich garantiert keine mehr von ihrem Sahnetörtchen kosten, wenn du verstehst, was ich meine!“ Er grinste verschmitzt.
Hoffnungsvoll sahen alle Jan an.
Zwei, drei Sekunden passierte gar nichts. Paul fürchtete schon, sein Enthusiasmus war umsonst gewesen. Jetzt verstummte auch das Wimmern. Er sah ihn an, versuchte in den Augen Pauls zu ergründen, ob das auch stimmte. Doch eigentlich war es sonnenklar. Die Mädels wollten harte Kerle – solche, die mit dem rechten Arm Blumen für die Angebetete pflückten und mit dem linken Bäume mitsamt Wurzeln ausrissen. Solch Kerle wollten sie haben und keine Laschies. Und genau das wäre er in ihren Augen, wenn er seine Schleusen nicht bald wieder unter Kontrolle brachte.
Jan schniefte noch einmal, spuckte Rotz auf die Straße, kramte verlegen nach einem Tempo, fand sogar eins (Paul hätte um ein Haar gekotzt, als er es sah, es wurde nur noch von Popeln zusammengehalten) und wischte sich hastig die Tränen weg. Der jüngere Paul speicherte in seinem Gehirnhinterstübchen: Jan bei nächster Gelegenheit mal ein neues Taschentuch schenken.
Wenig später lief die Truppe weiter. Keiner verlor mehr ein Wort über das gigantische Furunkel. Zwanzig Minuten später erreichten sie ihr Ziel. Einigen war es in dieser Zeit schwer gefallen, keine Witze mehr über einen bestimmten Körperteil mit einer seltsamen Erhebung zu reißen.
Sie standen auf dem Festplatzgelände des Nachbarortes und sahen sich um. Von überallher dröhnte Musik. Kinder liefen mit Luftballons in den Händen und tonnenweise Zuckerwatte im Gesicht vorbei. Sie waren auf dem Jahrmarkt. Über den Festplatz verteilt standen Karussells, Losbuden, Würstchenbuden und Eiswagen. Und vor jedem Stand pries der Inhaber lautstark seine Waren an: „Knackige heiße Würstchen! Knackige, heiße Würstchen! …Versuchen Sie Ihr Glück! Jedes zweite Los gewinnt! Versuchen Sie ihr Glück! … Lecker Eis für die Kleinen, probieren Sie! Nur fünfzig je Kugel! Probieren Sie! … Die Kinder lieben dieses Karussell! Nur einmal mitfahren und Sie sind begeistert!“
Es roch nach Pferdeäpfeln und frisch gemähtem Gras. Sie standen inmitten des Treibens und sahen sich ratlos an. Das, was sich um sie herum abspielte, war ganz und gar nicht, was sie erwartet hatten. Wie auf Kommando steckte sich jeder eine Kippe in den Hals, zündete sie an und versuchte cool auszusehen. Sie waren hier fehl am Platz. Sie trugen die falschen Klamotten. Sie hatten sich für eine Disco angezogen, nicht für einen Kindergeburtstag.




