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„Also“, begann einer (mit einem Mal konnte Paul sich wieder an seinen Namen erinnern), „entweder sind wir zu früh oder wir haben uns hier verlaufen.“ Jerome war sein Name, und Paul erinnerte sich deshalb so genau, weil sein Agent und späterer Freund genauso hieß – aber vor allem, weil dessen Gesicht so von Akne verunstaltet war, dass er sich wunderte, wie er ihn überhaupt hatte vergessen können. Soweit er sich erinnerte, hatte er sein Leben lang niemanden mehr gesehen, dessen Gesicht auch nur annähernd so von dieser Krankheit gezeichnet war wie das von Jerome.
Jerome zog einmal kräftig an seiner Zigarette, spuckte zu Boden und sah die anderen an. Auch sie wussten nicht so recht, was sie davon halten sollten und blickten fragend zurück.
„Auch das noch!“, meinte Jerome missmutig. „Hat denn keiner einen Plan, wie’s weitergehen soll?“
Eines der Mädchen (sie hatte lange braune Haare, eine Brille und eine Spange, die bei jedem Wort blitzte) fragte: „Was haltet ihr davon, erstmal eine Kleinigkeit zu essen? Allmählich hängt mir mein Magen in der Kniekehle.“
Der ältere Paul war erstaunt, wie mühelos er sich jetzt an die Namen erinnern konnte. Sie drangen zwar noch zähflüssig zu ihm durch, doch mit jeder Sekunde kamen die Erinnerungen schneller. Das Mädchen hieß Gamelia und wäre heute so alt gewesen wie er selbst. Doch sie hatte das Pech gehabt, einmal zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein: Sie war bei einem Schiffsuntergang ums Leben gekommen. Das Tragische an der Geschichte war, dass sie die Reise bei einem Preisausschreiben gewonnen hatte. Gamelia, ein ungewöhnlicher Name. Paul hatte seinerzeit davon in der Zeitung gelesen und schon damals bestürzt festgestellt, dass er bis zu diesem Zeitpunkt nicht mehr an sie gedacht hatte. Da sie in die selbe Klasse gegangen waren, hatte er an der Beerdigung teilgenommen, ihr das letzte Geleit gegeben. Danach war er in seinen schwarzen Volvo geklettert, hatte sich die Krawatte abgerissen, sie auf die Rückbank gepfeffert und Gamelia wieder vergessen bis … bis heute. Auf einmal plagte ihn so etwas wie schlechtes Gewissen. Doch für diese Art von Gefühlen war jetzt keine Zeit.
Sie standen vor einer Würstchenbude und mampften zufrieden vor sich hin. Keiner sagte etwas.
Auf einmal begann Jan zu lachen. Er lachte so heftig, dass die Hälfte seines Würstchens in hohem Bogen davonflog. Die anderen sahen ihn fragend an. Er konnte nichts sagen, er konnte ihnen nur durch Kopfnicken verständlich machen, dass sie sich umdrehen sollten. Sie taten es und schlossen sich sogleich seinem Lachen an.
Hinter ihnen stand ein großes Werbeplakat, und eine Horde Kinder stand davor. Vielmehr standen sie um einen Erwachsenen herum, hatten ihn förmlich eingekesselt, und der Erwachsene machten ein gestresstes Gesicht, als wüsste er nicht, wo ihm der Kopf stand. Sie tänzelten um ihn wie Indianer um den Totempfahl und kicherten und gackerten, als wäre das Leben ein einziges Wunschkonzert. Im Gesicht des Eingekesselten konnte man lesen wie in einem Buch. Er hatte Mühe, den Ameisenhaufen ruhig zu halten und schien auch nicht mehr viel Geduld zu haben. Er war ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch. Die Kinder ließen sich davon nicht aus der Hektik bringen und machten weiter, was dem Mann die Zornesröte ins Gesicht trieb. Er kaute nun schon auf der Luft in seinem Mund herum.
Doch eigentlich war dieses Treiben nur Nebensache. Die Jugendlichen interessierten sich mehr für das Werbeplakat. Vielmehr für das, was es in großen schwarzen Buchstaben verkündete:
Sonnabend, den 26.07.1978
Diskothek am Abend
Große Festwiese
Beginn: 21.30 Uhr
Einlass: 21.00 Uhr
Eintritt frei
Und in der linken unteren Ecke das Wichtigste von allem. Der Hauptgrund, warum vor allem die Jungen Feuer und Flamme waren:
Striptease kurz nach Mitternacht
Naomi lässt alle Hüllen fallen
Der junge Paul sah auf seine Armbanduhr. Er war der einzige, der eine trug und verkündete mit gewichtiger Stimme: „Gleich zwanzig Uhr fünfundvierzig.“ Die anderen nickten zustimmend. Die restlichen paar Minuten würden sie auch noch irgendwie totschlagen.
Auf einmal wurde es schwarz vor Pauls innerem Auge. Doch nur für einen kurzen Moment, denn einen Augenblick später zeichneten sich bereits wieder erste Konturen ab. Sie waren verschwommen, wurden klarer, verschwammen wieder und wurden wieder klarer, als könne jemand sich nicht entscheiden, welche Brille er nehmen soll. Schließlich blieben sie klar.
Es war jetzt um einiges dunkler, und Paul brauchte keine innere Uhr, um zu wissen, dass die Party bereits in vollem Gange war. Die Musik dröhnte, etwas Rockiges. Paul kannte den Song, der Name war ihm momentan aber entfallen. Garantiert was von den Stones. Er nahm sich vor, wenn er wieder in der Realität, in seiner Zeit war, unbedingt in seiner CD-Sammlung nachzusehen. Er war überzeugt, den Song dort zu finden. Es roch nach Alkohol und Erbrochenem.
Die Disko fand unter einer riesigen Zeltplane statt. Man wollte schließlich sichergehen, dass das Fest nicht durch einen Wolkenbruch ins Wasser fiel.
Das Herz des älteren Paul setzte vor Vorfreude einen Moment aus und schlug dann mit doppeltem Tempo weiter. Seine Hände waren schweißnass. Er wusste, dass es jeden Moment soweit sein würde. Gleich würde das geschehen, warum er, seiner Vermutung nach, hierhergekommen war.
Der vierundzwanzig Jahre jüngere Paul saß an der Bar und hielt sich an einem Bier fest. Er war noch nicht betrunken, aber schon angeheitert. Die Freunde hatten ihn vor einiger Zeit alleingelassen. Sie waren entweder tanzen oder in irgendeiner Ecke beim Knutschen. Er hatte sich diesen Abend anders vorgestellt und war betrübt. Aber bei weitem nicht genug, um den Kopf komplett hängen zu lassen. Warum auch? Es war Sommer, er war jung, und der Abend gehörte ihm. Da störte es auch nicht, dass er allein hier saß und Bier trank. Er schnippte die Zigarette weg, trank und zündete eine neue an. War das Leben nicht wunderschön? Dann sah er gelangweilt auf die Armbanduhr. Die Zeiger verkündeten, dass es zehn vor zwölf war.
Von der Tanzfläche (wenn man das so nennen konnte, es waren nur Holzplatten so auf dem Boden verteilt, dass sie eine zusammenhängende Fläche bildeten) kam einer der Freunde auf ihn zugewankt. Er hatte schon ein paar mehr intus als Paul, und das sah man auf den ersten Blick. Seine Augen waren glasig, sein Gang nicht mehr sicher, und er grinste bescheuert. Obwohl er nicht mehr nüchtern war, hatte er mehr Spaß als Paul. Unter jedem Arm hatte er ein Mädchen untergehakt. Sie waren zwar keine Schönheitsköniginnen, aber ihm schien das gleich zu sein. Paul dachte an das Sprichwort: Im Suff sind alle Frauen schön. Auch die Begleiterinnen hatten schon Mühe, aufrecht zu gehen.
„Paulchen“, lallte der Freund, als er sich mit seiner Begleitung vor ihm aufbaute, „darf ich dir diese beiden entzückenden Täubchen vorstellen?“ Er deutete mit Kopfnicken nach rechts. „Dies reizende Geschöpf hier ist Ophelia. Ist Ophelia nicht ein wunderschöner Name?“
Paul nickte zustimmend. Nicht, weil er von dem Namen so angetan war (um ehrlich zu sein, fand er ihn scheußlich), sondern weil er nur mit halbem Ohr zugehört hatte. Während sein Gegenüber ihn darüber informierte, dass das zarte Geschöpf auf der linken Seite Natascha hieß, sann er noch immer darüber nach, wie es sein konnte, dass er, Paul, hier noch immer allein saß und sein besoffener Freund bereits Anhang hatte, sogar das Doppelte von dem, was ihm zustand. Was mache ich nur falsch, fragte er sich und trank den letzten Schluck Bier.
Sein wackliger Freund war kaum zur Stelle, da hatte er auch schon Bier bestellt: eines für sich, eines für Paul und natürlich auch für seine Damen. Und noch ehe Paul sich bedanken konnte, wurde er mit den vier Bier alleingelassen. Der Freund verschwand einfach wankend, wie er gekommen war. Er schien die Bestellung vergessen zu haben.
Paul sah ihm stirnrunzelnd hinterher. Aber da er offenbar Wichtigeres zu tun hatte (und das hatte er garantiert, wenn man sah, wie begeistert er die Zunge mal der einen, mal der anderen in den Mund steckte), kümmerte er sich nicht mehr um ihn. Er würde das schon allein schaffen. Derartig beruhigt, widmete er seine Aufmerksamkeit den vier Biergläsern, die nur darauf warteten, getrunken zu werden. Nur fünf Minuten später hatte er bereits das erste geleert und schickte sich an, die Finger nach dem zweiten auszustrecken, als seine Hand plötzlich blieb, wo sie war – in der Luft hängend, wie auf einem Foto.
Seine Augen waren über die Tanzfläche gewandert, von dort zum Ausgang, wo gerade eine wüste Schlägerei entbrannte und von dort zur Bar gegenüber. Und genau in diesem Moment war die Bewegung erstarrt, als wäre er zu Stein geworden.
Der ältere Paul verlor den Boden unter den Füßen, und während er fiel, merkte er, dass sein Herz raste, sein Blut kochte, seine Muskeln zum Zerreißen gespannt waren, seine Nerven vor Aufregung zitterten und sogar sein Atem aussetzte. Obwohl er gewusst hatte, was ihn erwartete, war es, als es schließlich geschah, einfach zu viel für ihn. Und während ihm das noch durch den Kopf ging, kehrte er wieder auf den Jahrmarkt zurück, und das war ohne Zweifel ein Glück für ihn, so bemerkte er wenigstens die unsanfte Landung nicht.
Der jüngere Paul saß noch immer so da, er hatte sich keinen Millimeter bewegt. Seine Hand hing ungefähr fünfzehn Zentimeter vom Bierglas entfernt in der Luft. Das einzige an ihm, was sich geändert hatte, waren seine Augen. Die waren so groß wie Scheunentore und glotzten ungläubig an die Bar. Und mit einem Mal war es still um ihn. Nur weit hinter ihm, es schien am anderen Ende des Universums zu sein, dudelte leise Musik.
Das erste, was er sah, waren diese langen, blondgelockten Haare. Sie leuchteten heller als die Sonne. Eine einzelne Strähne war schwarz gefärbt und hing ihr mitten übers Gesicht. Sie hatte vereinzelt kleine Sommersprossen (er fragte sich einen Moment, wie es möglich war, dass er all diese Kleinigkeiten aus dieser Entfernung entdeckte), und Paul sah, dass ihre Augen ruhelos mal hierhin, mal dorthin wanderten. Auch sie konnte er genau sehen. Sie waren grün und, in der linken oberen Pupillenhälfte war ein kleines braunes Dreieck. Er hatte etwas Derartiges noch nie zuvor gesehen.
Jetzt sah sie ihn direkt an.
Vor Schreck blieb Paul die Spucke weg. Er wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Er wusste noch nicht einmal, ob er den Mut hatte, ihrem Blick standzuhalten. Er kam sich vor wie ein scheues Reh, das in die Gewehrmündung des Jägers blickt. Und während ihm dieser Vergleich in den Sinn kam, sah er hastig zu Boden und schimpfte sich einen Idioten. Super, echt erste Sahne, das hast du mal wieder großartig hingekriegt! Phänomenal! Ohne Scheiß, da kann man nicht meckern! Kannst stolz auf dich sein!
Er glotzte zu Boden wie jemand, der etwas Wichtiges verloren hat und es unbedingt wiederhaben muss. Dabei wäre er am liebsten in diesem Boden versunken. Nur weg von hier, egal wohin!
Mit einem Mal tauchten am oberen Rand seines Sichtfeldes ein Paar Stiefel auf. Schwarze Cowboystiefel. Eigentlich waren sie viel zu klein und zierlich, um sich Stiefel zu nennen. Aber es waren welche. Ein Paar von dieser Größe konnte nur zu einer Frau gehören. Fieberhaft überlegte Paul, ob eines der Mädchen aus seinem Freundeskreis derartige Schuhe trug. Negativ, er musste passen.
Er schluckte den Speichel runter. Dann schluckte er noch einmal. Und es half ihm sogar ein wenig – so, als hätte er damit einen Teil seiner Unsicherheit weggeschluckt.
Nun hatte er zwei Möglichkeiten. Die erste (bei weitem die leichteste) sah ungefähr so aus: Er beließ es so, wie es war und steckte weiter wie ein Vogel Strauß den Kopf in den Sand. Oder aber (und das war die zweite, ungleich schwierigere): Er packte den Stier bei den Hörnern. Nach einem kurzen, aber heftigen Disput mit sich selbst entschied er sich für die Torero-Methode. Dabei hoffte er immer noch, dass es sich nur um irgendein Mädchen handelte, die sich etwas zu trinken bestellte. Nicht etwa, um …
Zu den Schuhen gesellte sich jetzt eine Blue Jeans. Er ließ den Blick höher wandern und sah lange nur Hosenbeine. Wie wohl die Beine darunter aussahen? Endlich war sein Blick höher gewandert, unterhalb der Taille. Oh ja, es handelte sich zweifelsfrei um ein Mädchen, und um was für eins, Junge, Junge! Saftige straffe Schenkel, schöne lange Beine! Kerl, reiß dich zusammen! Reiß dich bloß zusammen!
Er ließ den Blick weiter aufwärts wandern. Das Mädchen trug ein rotkariertes Holzfällerhemd, dessen Ärmel hochgekrempelt waren. Nun wusste er endlich, wer sie war, und vor Überraschung schluckte er erneut. Auch diese verdammte Unsicherheit war plötzlich wieder da. Dafür schien seine Fähigkeit, sich zu bewegen, verschwunden zu sein. Er kauerte auf dem Barhocker, hatte den Blick auf ihr Dekolleté gerichtet und bemerkte entzückt, dass die obersten zwei Knöpfe offen waren. Paul wusste, dass es ein dämliches, vor allem unhöfliches Benehmen war, so zu starren. Es war ihm aber einfach nicht möglich, wegzusehen. Seine Halsmuskulatur verweigerte ihm den Dienst.
„Hast du inzwischen gefunden, wonach du gesucht hast?“
Die Stimme klang freundlich, und obwohl die Besitzerin genau wusste, wohin er seinen Blick gerichtet hatte (sie hätte schon so blind sein müssen wie ein Maulwurf, um es zu übersehen), schien sie keineswegs erbost. Ja, es klang sogar fast ein wenig so, als wäre sie amüsiert. In Pauls Mund lief der Speichel zusammen. Literweise. Hektoliterweise. Ein ganzer Ozean. Zumindest fühlte es sich so an. Er drohte daran zu ersticken und kam nicht mehr mit dem Schlucken hinterher. So konnte er nie und nimmer etwas sagen. Bei diesen Mengen würde er ihr eine Dusche verpassen, bei der ihr alles verginge. Sogar die Hilfsbereitschaft.
„Du scheinst mir ja ein richtiger Draufgänger zu sein, was? Ich hoffe, dass ich mit dir mithalten kann.“ Die Besitzerin der Stimme kicherte. „Wie bitte? Du fragst, ob du mir einen Drink spendieren darfst? Aber hallo, da sage ich doch nicht nein!“
Paul stöhnte. Seine Beine hatten mittlerweile die Konsistenz von Gelatine. Alles an ihm zitterte wie Laub im Herbstwind. Noch nie zuvor war er sich so hilflos vorgekommen – und gleichzeitig so überschwänglich glücklich.
„Hi, ich bin Jeannine. Und du?“
Ihre Stimme klang warm, weich. Als sänge ein wunderschöner Vogel nur für ihn. Er war außerstande, zu antworten. Es war nun schon das zweite Mal an diesem Tag, dass er vor Scham am liebsten im Erdboden versunken wäre.
„Sag mal, hast du Genickstarre oder so was? Oder was gibt’s da unten zu sehen?“
„Ich … ich …“ Sein Mund schloss sich wieder. Hatte er etwas gesagt? War das seine Stimme gewesen, die da gerade Perlen der Weisheit von sich gegeben hatte?
„Na, das war schon ein Anfang. Wer weiß, vielleicht sprichst du ja in ein paar Jahren schon erste zusammenhängende Sätze? Ich wette, mit Übung brichst du jeden Rekord! Und erst dein Vater, Junge, Junge, Junge, der muss vor Stolz ja platzen!“
Obwohl Paul diese Neckereien durchaus in den falschen Hals hätte kriegen können, war er keineswegs sauer. Im Gegenteil – ihre freche, offene Art amüsierte ihn. Er grinste sogar.
„Ja, was ist denn das? Was müssen meine entzündeten Augen da sehen? Oh Gott, oh Gott, das kann ja gar nicht sein!“ Sie schwieg einen Moment, um sich eine Zigarette anzuzünden. „Es bewegt sich, also lebt es! Ist das zu fassen? Dass ich das noch erleben darf! Mir kommen die Tränen!“ Mit einer theatralischen Handbewegung wischte sie sich übers Gesicht.
Erst als er den Sinn ihrer Worte verstand, bemerkte er, dass er langsam den Kopf hob. Es konnte höchstens eine oder zwei Sekunden gedauert haben, bis er direkt in ihre Augen sah. In dieser kurzen Zeit stürzte alles auf ihn ein mit der Stärke eines Tornados. Die Musik war plötzlich viel zu laut und die Beleuchtung zu grell. Komischerweise lächelte ihr Mund. Ein freundliches Lächeln. Und auch ihre Augen strahlten.
„Ich sehe schon“, sprach sie weiter (und links unter ihrer Unterlippe hüpfte ein kleiner Leberfleck bei jedem Wort auf und ab), „ich muss mein Bier selbst bezahlen.“ Sie drehte sich zum Barkeeper und schnippte mit dem Finger. Es dauerte keine zwei Sekunden, und er kam angewetzt. Ist das nicht ulkig, ging es Paul durch den Kopf, hübsche Frauen werden prompt bedient, und unsereins steht sich die Beine in den Bauch. Sie wollte gerade ihren Mund öffnen und die Bestellung aufgeben, da riss bei Paul endlich der Knoten. Mit selbstbewusster, sicherer Stimme, als sei er Moses persönlich, sprach er: „Ein Bier, ein Diesel und zwei Whiskey. Und das Ganze ein bisschen hastig.“
Er war erstaunt. Noch vor wenigen Sekunden hätte er nichts herausbekommen als Gestotter und jetzt das. Das war ja eine Wendung um glatte hundertachtzig Grad, Glückwunsch!
Aber noch war sein Leidensweg nicht beendet. Denn einen Moment lang war Paul überzeugt, der Barkeeper würde ihm erst einen Vogel und dann die kalte Schulter zeigen. In diesem Falle wäre sein neugewonnener Mut auf tragische Weise verunglückt. Nicht auszudenken, wie er dagestanden hätte – blamiert bis auf die Knochen. Sie würde ihn auslachen und ihn dann, ohne eines weiteren Blickes zu würdigen, abservieren.
Der Barkeeper zögerte einen Moment. Doch dieser Moment reichte, um Paul Schweißperlen auf die Stirn zu treiben und ihm eine Gänsehaut den Rücken hinunterlaufen zu lassen. Er schien zu überlegen, ob er, Paul, es wert sei, sich seinetwegen die Finger schmutzig zu machen. Schließlich entschied er sich dagegen – nicht zuletzt vielleicht, weil Blutflecken immer so schlecht aus der Kleidung zu bekommen sind. Er drehte sich um und dackelte in aller Ruhe zum Zapfhahn. Auch sie schien beeindruckt zu sein, allerdings nicht halb so sehr wie Paul selbst.
„Also, mein Held. Da mir nun die Ehre zuteil wird, mit dir einen heben zu dürfen, verrätst du mir bestimmt auch deinen Namen?“
„Paul.“
„Und weiter?“
„Wie, und weiter?“
„Hast du keinen Familiennamen?“
Verdammt, was bin ich nur für ein Trottel? Ich scheine den Mount Everest auf meiner Leitung geparkt zu haben. Aber, Scheiße auch, sie sieht so unglaublich süß aus. Kein Wunder, dass einem da die Sicherungen durchbrennen, wenn man in diese Augen sieht. Und dieser Körper, Mann oh Mann, selbst angezogen ist der echt ’ne Wucht in Tüten! Ich hab schon ganz feuchte Hände. Hoffentlich fang ich nicht noch an zu sabbern …
„Ritter.“
„Na siehst du. War doch gar nicht so schwer, oder?“
Paul verkniff sich die Antwort. Er bezweifelte ohnehin, etwas Gescheites herauszubekommen.
Auf einmal herrschte Schweigen. Doch sie schien auf etwas zu warten. Auf was nur? Paul zerbrach sich den Kopf. Er wollte und musste unbedingt wissen, worauf! Unzählige Vermutungen stürzten auf ihn ein und verschwanden wieder. Sein Herz klopfte wie ein Presslufthammer, und die Schläge dröhnten ihm bis in die Ohren. Seine Zunge schien zu einem Stück Sandpapier geworden zu sein, hing trocken und aufgedunsen in seinem Mund. Immer mehr beschlich ihn die Gewissheit, aus allen Poren zu schwitzen. Sein gesamter Körper schien bedeckt von einem klebrigen Schweißfilm. Es lief ihm sogar schon in die Augen. In den Schuhen schien sich ein kleiner Teich gesammelt zu haben, und so wie es sich anfühlte, wateten die Füße klitschnass darin herum. Und seine Hände sahen aus, als hätte er ein Vollbad hinter sich. Die Haut war schrumpelig und weiß.
Paul hatte zweifellos etwas für dieses Mädchen übrig. Es war bei weitem noch keine Liebe, aber da loderte schon ein klitzekleines Feuerchen in seinem Herzen. Es war schon etwas da, und seien es nur erste Anflüge einer zaghaften Freundschaft. Genau das brachte ihn aus dem Konzept. Er hatte einen stinknormalen Abend verleben wollen, einen trinken, noch einen trinken und noch einen –so lange, bis er rückwärts vom Stuhl kippte und befriedigt nach Hause wankte. So war es immer, und so sollte es auch heute ablaufen. Zugegeben, einem Flirt wäre er nicht abgeneigt gewesen. Aber das hier war zu viel.
Irgendwann wurde es ihr zu bunt.
„Na schön, wenn’s denn unbedingt sein muss: Versuchen wir es halt noch mal: Ich bin die Jeannine.“
Sie sah ihm in die Augen, und einen Moment hatte sie den Eindruck, er hätte sie gar nicht wahrgenommen. Sie konnte ja nicht ahnen, dass er sich erst durch ein Meer von Eindrücken, Sinneswahrnehmungen und abstrusen Gedanken arbeiten musste. Nach und nach gelangte er an die Oberfläche und sah sie an.
„Ein … ein sehr schöner Name. Gefällt mir.“ Er war überrascht, dass die Worte ihm so einfach aus dem Mund sprudelten.
Jeannine war sichtlich erfreut – zum einen über das Kompliment und zum anderen, weil sie es langsam leid war, gegen eine Wand zu sprechen. Sie hatte schon daran gedacht, sich einfach umzudrehen und zu verschwinden. Jetzt aber, da er zum ersten Mal etwas gesagt hatte, ohne dass sie ihn darauf stoßen musste, verwarf sie diesen Gedanken.
„So, findest du, ja?“
Paul war wieder kurz sprachlos, rappelte sich aber auf und entgegnete schließlich: „Ja, das tue ich.“
Jeannine lächelte, und er wäre bei diesem Lächeln am liebsten aufgesprungen und ihr um den Hals gefallen. Mit einem Mal wollte er sie küssen. Er hatte eine schier unbändige Lust dazu. Er wollte seine Lippen auf ihre pressen. Gewiss würde sie süß schmecken, zuckersüß. Er musste schlucken, um auf andere Gedanken zu kommen. Es misslang ihm. Ihre Lippen gingen ihm einfach nicht aus dem Sinn. Reiß dich zusammen, verdammt, ihr kennt euch keine fünf Minuten, was meinst du wohl, wie sie reagiert, wenn du sie gleich küssen willst? Ich sag’s dir: Sie klatscht dir eine und geht! So sieht es aus, so und nicht anders! Also reiß dich zusammen! Rauch eine, das beruhigt. Stimmt, ’ne Zigarette wäre jetzt das Richtige.
Und da fiel ihm ein, dass er ja noch eine glimmende Kippe in der Hand hielt. Hastig führte er sie zum Mund und zog tief an ihr. Der Rauch tat ihm gut; augenblicklich fühlte er sich besser.
Mit einem Mal war der Barkeeper wieder da und sagte etwas, dass weder Jeannine noch Paul hörten. Sie ignorierten ihn. Entnervt versuchte er es noch einmal, aber auch diesmal ohne Erfolg. Wäre ja noch schöner, dass ich hier versaure, bis einer von euch sich herablässt und mich bemerkt, dachte er und donnerte die Getränke zwischen sie auf den Tresen. Ein Schluck Bier schwappte über. Mit hämischem Grinsen sah er, wie sie zusammenzuckten. Wortlos drehte er sich um und widmete sich anderen durstigen Kehlen.
Sie sahen sich verdutzt an.
Eine Sekunde verging.
Eine weitere Sekunde.
Und auf einmal prusteten beide los vor Lachen. Sie konnten sich gar nicht mehr halten und lachten, so laut sie konnten. Es war ihnen in diesem Moment egal, ob man sie befremdet anschaute. Es war ein Lachen, das unbedingt gelacht werden musste, weil sie sonst geplatzt wären wie zwei Luftballons. Und ein Lachen, unter dem ihre Unsicherheit dahinschmolz wie Schnee in der Sonne.
Eine Minute später lachten sie noch immer.
Ihre Blicke trafen sich, und sie lächelten einander an. Und als hätten sie es untereinander abgesprochen, griff jeder nach seinem Glas und trank einen Schluck.
Auf einmal verschwamm die Welt um ihn.
Zuerst hatte Paul den Eindruck, er wäre unter Wasser. Nach und nach wurde es immer trüber. So tief konnte kein Mensch tauchen, nie und nimmer. Und ehe er sich versah, stand er in der schwärzesten Dunkelheit. Nichts schien sie durchdringen zu können; nicht einmal der Hauch eines Lichtstrahls kam zu ihm. Er fühlte Furcht, aber es war nicht die Art von Furcht, die er kannte. Es war anders, er wusste nicht, wie …
Nicht nur die tiefschwarze Dunkelheit war beängstigend, nein, auch die Tatsache, dass kein einziges Geräusch an sein Ohr gelangte. Er war irgendwo inmitten dieser Schwärze. Er wusste nicht einmal, ob er aufrecht stand, saß oder lag. Nichts drang zu ihm außer den Geräuschen seines eigenen Körpers: das Blut, das durch seine Adern rauschte, das Herz, das wie wahnsinnig schlug und die Lungen, die so viel Luft einsaugten, dass sie ächzten.
Irgendwann, (wann genau, war unmöglich zu bestimmen, er hatte inzwischen jegliches Zeitgefühl verloren) tauchte am Horizont (war es überhaupt der Horizont, es konnte auch der Boden sein, mein Gott, es konnte alles Mögliche sein, sogar eine Wand!) ein kleiner heller Fleck auf. Es war unmöglich zu bestimmen, woher er so plötzlich kam; Paul wusste nur, dass er mit schier unvorstellbarer Geschwindigkeit näherkam. Und noch etwas konnte er mit Bestimmtheit sagen: Dass er sich so schnell wie möglich von hier verpissen wollte.




