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Er musste von hier weg, egal wohin. Irgendwohin, nur weg von diesem heranrasenden Punkt, der ihn zermalmen würde, wenn er ihn erreicht hatte. Das Dumme war nur, dass er genau das nicht konnte. Paul blieb, wo er war. Er hatte keine Möglichkeit zu entkommen. Wie auch? Er wusste ja noch nicht einmal, wo er war. Gab es hier überhaupt einen Ausweg, aus diesem gottverdammten Schwarzen Loch?
Paul erfasste Panik. Der Punkt schoss immer noch direkt auf ihn zu, wurde größer und größer. Anfangs hatte er die Größe einer Erbse gehabt, und schon wenig später die eines Baseballs. Er überschlug es kurz im Kopf: Logischerweise wird ein Gegenstand, je näher er kommt, größer. Und da ergibt sich die Frage: Wie groß wird er wohl sein, wenn er mich erreicht hat? Nach kurzem Hin und Her vermutete er, dass er nicht nur zermalmt, sondern zuerst pasteurisiert, in Atome zerlegt und schließlich zu Mus verarbeitet würde. Eine wahrlich erquickende Vorstellung.
Der Punkt war jetzt zu einem Gebilde von schätzungsweise zwei Metern Umfang herangewachsen. Oh Gott, oh Gott, wohin soll das noch führen? Vielleicht war es besser, sich darüber nicht den Kopf zu zerbrechen.
Jetzt sah Paul noch etwas anderes und riss den Mund auf vor Überraschung: Im Inneren des Kreises war noch so etwas wie ein Kreis. Es sah aus wie ein dunkler matschiger Fleck. Paul spähte angestrengt. Er wollte es nicht, aber was hätte er sonst tun sollen? Wegsehen? Früher oder später würde er es ohnehin sehen.
Das Ding blieb ein dunkler matschiger Fleck. Entweder war die Entfernung noch zu groß oder der Fleck war genauso, wie er sich darstellte: dunkel und matschig. Paul wusste nicht, welche der beiden Möglichkeiten ihm lieber war. Er starrte so angestrengt, dass er schon fürchtete, die Augen würden ihm aus dem Kopf fallen. Vielleicht lag es ja daran, überlegte er (und das beruhigte ihn etwas), weil es so schnell näher kam. Vielleicht konnte er genau deshalb keine klaren Konturen erkennen.
Auf einmal richteten seine Nackenhaare sich auf. Der Grund dafür war so banal wie erschreckend: Alle Hoffnung, dass dies hier nur eine Illusion war oder ein schlechter Traum, verflog. Denn jetzt fühlte er einen Luftzug, sanft und noch schwach, leise. Aber vorhanden. Es war nicht zu leugnen: Der Wind wehte genau aus der Richtung, aus der das seltsame Gebilde auf ihn zugeschossen kam. Sein Verstand schloss, dass jener Luftzug die Luft war, die das fremde Gebilde vor sich hertrieb. Und noch etwas ging ihm durch den Kopf. Er hatte es an dem Geräusch erkannt, das der Wind erzeugte. Es klang hohl und dröhnend und … fast so, als befinde er sich in einem gigantischen Rohr. Das würde zumindest erklären, warum er so viel Wind abbekam.
Der Kreis war inzwischen noch größer geworden, und es schien, als hätte er kleine Ecken bekommen. Die Luft rauschte immer schneller heran und wurde eisig.
Paul schloss die Augen. Er hatte genug gesehen. Der Kreis, der gar kein Kreis mehr war, war verschwunden. Nur der Luftzug blieb. Er öffnete wieder die Augen und der Kreis war immer noch da, jetzt um ein einiges größer. Und auch die Ecken waren deutlicher zu erkennen. Allmählich nahm er die Form eines Tausendecks an, falls es das überhaupt gab. Sogar inmitten der Form wanden sich die Ecken. Und noch immer wurde das Gebilde größer und größer, und der Wind rauschte lauter und lauter.
Wenn nicht bald etwas passiert, dachte Paul, drehe ich durch. Scheißegal, ob es gut für mich ist oder schlecht, ich will, dass es endlich vorbei ist!
Er schloss die Augen ein zweites Mal. Er wollte sie erst wieder öffnen, wenn das hier vorbei war. Die Tatsache, selbst bestimmen zu können, ab wann man nichts mehr sah, war beruhigend. Sie war so tröstlich, dass er erleichtert ausatmete.
Wie von allein öffneten seine Augen sich wieder. Paul konnte es weder kontrollieren noch verhindern. Jetzt endlich war zu erkennen, was da auf ihn zugerast kam. Das Bild, das er sah, war so grotesk, dass er nicht anders konnte als laut zu lachen. Das Lachen dröhnte bis unter seine Schädeldecke, und das Echo drohte sein Gehirn zu zermatschen. Es war einfach zu absurd.
Das, was da mit ungeheuerlicher Geschwindigkeit auf ihn zugerast gekommen war, war nichts anderes als ein Zimmer. Ein stinknormales Zimmer. Bei dieser Vorstellung prustete er noch lauter.
Es war … ja, es war haargenau das Zimmer, in dem seine Odyssee in die Vergangenheit begonnen hatte. Und es sah noch genauso aus, wie er es verlassen hatte. Mit etwas Mühe konnte er sogar die zersplitterte Kaffeetasse auf dem Boden erkennen.
Das Toben des Windes schwoll an, wurde ein ohrenbetäubendes Kreischen und brach mit einem Mal ab. Ein Knall, als durchbreche ein Jagdflugzeug die Schallmauer. Und dann war alles ruhig. Viel zu ruhig.
Paul spürte, wie er mit hartem Aufschlag in der Wirklichkeit aufsetzte. Sein Trip in die Vergangenheit war zu Ende. Und das tat ihm fast leid. Er hörte sich selbst murmeln: „Junge, Junge, hab noch nie so einen realen Traum gehabt! Echt beängstigend!“
Er sah sich um, als hätte er das Zimmer, in dem er stand, noch nie zuvor gesehen. Am meisten verblüffte ihn, dass er mit dem Hinterteil auf den kalten Fliesen saß. Um sich nicht zu verkühlen, stand er auf.
„Mann, das war vielleicht ein Höllentrip! Ich brauch schleunigst was zu trinken.“ Er watschelte zum Kühlschrank, nahm sich ein Bier, setzte sich auf den Küchentisch und trank in aller Ruhe.
Dabei versuchte er, das soeben Erlebte Revue passieren zu lassen. Es war nur ein Traum gewesen, so viel stand fest. Es konnte gar nichts anderes gewesen sein. Ich muss eingeschlafen sein, dachte er. Und …. Mann oh Mann. Mir kreiselt es noch immer im Kopf rum …
Er nippte noch einmal am Bier, rülpste herzhaft und erhob sich vom Küchentisch. Seine Beine waren weich und schwammig; außerdem hatte er sich den Ellenbogen aufgeschürft. Der Teufel sollte ihn holen, wenn er wüsste, wann das geschehen sein sollte! Zitternd und wacklig wie ein neugeborenes Fohlen stand er da, und seine Beine drohten unter seinem Gewicht zu brechen wie Streichhölzer. Obwohl er einem Strohhalm im tosenden Orkan glich, überlegte er, sich noch ein Bier zu holen. In der Sekunde, in der er sich dazu durchgerungen hatte, wurde es plötzlich wieder schwarz um ihn, und das Letzte, was er sah, war ein kleiner, dunkler Punkt, der sich rasend schnell in der Dunkelheit entfernte …
Paul war wieder zurück. Er war wieder in seiner Vergangenheit. Aber etwas war anders. Nur was?
Und da bemerkte er es.
Zuvor hatte er das Geschehen um sich herum beobachtet wie einen Film. Er hatte den Freunden, Jeannine und natürlich auch sich selbst, bei ihren Handlungen zugesehen, mehr nicht. Jetzt war es anders. Jetzt sah er das Geschehen durch die Augen des jüngeren Paul, als säße er in dessen Kopf und blicke durch seine Augen. Nur eingreifen konnte er nach wie vor nicht – ein Umstand, der vielleicht sogar gut war. Was ihn noch mehr überraschte, war, wie Jeannine aussah. Sie hatte kein einziges Fältchen, kein graues Haar, nicht die kleinste Alterserscheinung. Vorher war ihm das nie aufgefallen. Er hatte sie ja jeden Tag gesehen, da entgeht einem die eine oder andere Veränderung. Aber da er jetzt ihr früheres jugendliches Gesicht vor Augen sah, bemerkte er jede Kleinigkeit, die sich in den Jahren verändert hatte.
Kunststück, dachte Paul, dass sie so frisch und saftig aussieht – in dem Alter kann man sich ja nicht mal vorstellen, älter zu werden! Trotzdem wird man es, und eines Tages ist von der jugendlichen Frische nichts mehr da und man wird einem runzligen Apfel immer ähnlicher.
„Darf ich dir eine Zigarette anbieten?“
„Klar darfst du.“
Einen Moment herrschte Schweigen.
„Stell dir vor“, begann Jeannine, „meine alten Leutchen haben verlauten lassen, Fluppen sind schädlich. Und mir soll bitteschön ja nicht einfallen, mit dem Rauchen anzufangen. Die beiden haben es gerade nötig! Qualmen selbst wie zwei Schlote! Nee, nee, nicht mit mir, sag ich dir!“
Paul sah sie ratlos an. „Wer oder was sind denn deine alten Leutchen?“
„Sag mal, wo kommst du denn her? Tiefstes Mittelalter oder einsame Insel? Ich schätze mal, es war die Insel, richtig? War’s ein lauschiges Plätzchen? Wie dem auch sei, hier und zum Mitmeißeln: Damit meine ich natürlich meine Eltern, meine Alten. Meine bucklige Verwandtschaft. Du verstehst?“
Paul errötete vor Verlegenheit. Dabei dachte er: Sie ist so süß, so zuckersüß. Kein Wunder, dass ich gerade so eine lange Leitung habe.
„Lass gut sein. Es gibt Tage, da schnall ich auch nichts.“
Jeannine wollte wieder Schwung in die Unterhaltung bringen, aber Paul, der das Gefühl nicht loswurde, sich auf die Knochen blamiert zu haben, wagte kaum noch, den Mund aufzumachen. Aber den Alleinunterhalter zu spielen, darauf hatte Jeannine auch keine Lust, und sie überlegte, was ihn wieder auf die Beine bringen würde.
„Sag mal, was ist das für ’n komisches Gesöff, was du da in dich reinschüttest? Ich Dummchen hab leider vergessen, wie das heißt.“
Augenblicklich hellte sein Gesicht sich auf.
„Das“, erklärte er bedeutungsschwanger und führte die Hand zum Glas, um ihm noch mehr Gewicht verleihen, „nennt sich Diesel.“
„Diesel?“
„Ja, Diesel.“
„Hm, so wie der Treibstoff, ja?“
„Haargenau so.“
„Und das soll gesund sein?“
„Na ja, wie man’s nimmt …“
„Hältst du es für eine gute Idee, dann hier zu rauchen? Ich meine, mit diesem Zeug im Glas?“
„Nein, nein, natürlich nicht so einen Diesel.“
„Ja, was denn für einen?“
Paul hatte langsam den Eindruck, sie wollte ihn verarschen. Saublöde Fragen kann dieses Weibsstück stellen, dachte er. Als ob er so was saufen würde! Aber Scheiß drauf! Sie sieht so gut aus, dass es schon fast verboten gehört. Und mal ehrlich: Du würdest so ziemlich alles machen, damit sie hierbleibt. Gib es zu! Du würdest sogar einen Kopfstand machen und mit deinem Arsch Fliegen fangen, wenn sie es von dir verlangt!
„Es ist Bier, gemixt mit Cola.“ Er sah sie prüfend an.
„Und das soll schmecken?“
Der Klang ihrer Stimme verriet, dass sie die Frage ernst meinte.
„Und ob das schmeckt! Willst du mal versuchen?“
„Hm … okay. Aber nur aus deinem Glas.“
Also reichte er ihr sein Glas. Sie trank zögernd. Ihr Blick inspizierte ihn von oben bis unten. Er genoss es. Ihre anfängliche Skepsis verflog. Schon nach zwei Schlucken trank sie alles andere als zögerlich. Paul sah ihr amüsiert zu. Es schien ihr so gut zu munden, dass sie kein einziges Mal absetzte und das Glas in einem Zug leerte. Und hinterher, als schon längst nichts mehr drin war, knallte sie es auf die Theke und sah ihn schuldbewusst an.
„Und? Hat es geschmeckt?“
Die Antwort war nicht ganz das, was er sich vorgestellt hatte. Sie rülpste. Und damit hätte sie es nicht besser ausdrücken können.
„Ups, hab ich etwa eben dein Glas leergetrunken?“
„Ja, so könnte man es nennen.“
„Tut mir echt leid.“
„Aber wieso denn? Das muss es nicht.“
„Echt nicht?“
„Nö. Wir bestellen einfach zwei: eins für dich und eins für mich. Was hältst du davon?“
„Jau, so machen wir’s. Diesmal aber auf meine Rechnung.“
„Wenn du meinst.“
Keine fünf Minuten später gab Jeannine dem Barkeeper das Geld und spendierte sogar noch eine Camel. Sie hatten sich die Sargnägel kaum ins Gesicht gesteckt, als zwei von Pauls Freunden angewankt kamen. Er hatte ihnen zwar schon von weitem zu verstehen gegeben, dass er sie im Moment nicht brauchen konnte, aber entweder kapierten sie es nicht oder dachten, die Bar ist schließlich für alle da.
„He, Paul, bist du an der Bar festgewachsen, oder was?“ Einer der beiden beugte sich zwischen ihnen zum Tresen hindurch und schien Jeannine gar nicht zu bemerken. Er schrie nach dem Barkeeper und stützte sich lässig mit dem linken Arm am Tresen ab. Dieser Rüpel hieß (oder sagt man: heißt? Der ältere Paul wurde immer konfuser in der Birne) Thomas. Und da bemerkte er Jeannine.
Thomas war schon immer ein Aufschneidertyp gewesen. Erschwerend kam hinzu, dass er immer alles hinausposaunte, was ihm so in den Sinn kam. Eine Mischung, mit der er nicht immer leicht zu ertragen war.
Thomas also sah Jeannine von oben bis unten an, und nach eingehender Untersuchung verkündete er sein Ergebnis, indem er anerkennend pfiff. Sofort war Paul vergessen, und er richtete seine gesamte Aufmerksamkeit auf Jeannine. Eine Sekunde lang sah er sie an und sprach kein Wort; anscheinend versuchte er das nun Folgende durch eine Kunstpause anzukündigen.
„Was macht denn so ein hübsches Ding wie du so allein an der Bar?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, plapperte er weiter. „Du bist ja der Höhepunkt auf dieser Party, der Himmel steh mir bei, ja, das bist du!“
„Ach ja? Bin ich das?“ Nichts an ihr ließ auch nur irgendeine Gefühlsregung erkennen.
Thomas, der glaubte, soeben den genialsten, kreativsten, unwiderstehlichsten Spruch aller Zeiten gebracht zu haben, war irritiert. Aber er würde ihren wunden Punkt schon noch finden. Er musste nur genug Süßholz raspeln, bis ihr vorgetäuschter Widerstand (und das war er zweifellos) dahinschmelzen würde wie Schnee in der Sonne. Schließlich konnte keine ihm widerstehen. Bei seinem Charme, seinem Sex-Appeal! Er, Thomas, hatte schließlich das gewisse Etwas, das, was Frauen wollten – obwohl er nicht den blassesten Schimmer hatte, was das eigentlich sein sollte. Er war nur überzeugt, es zu haben. Hauptsache war, wenn man eine Tussi abschleppen wollte, dass man interessiert tat, immer ein offenes Ohr hatte und ihr genau sagte, was sie hören wollte. Und das war immer das Gleiche. Thomas konnte es auswendig herunterbeten: dass sie schöne Augen hatte, dass sie schönes Haar hatte, dass sie einen sagenhaften Körper hatte, dass ihre Intelligenz bestechend war und, und, und. Immer dasselbe Schema, keine große Kunst. Er hatte es drauf. Und er war gewillt, es auch bei ihr anzuwenden. Und wenn er das erst tat, würde sie sich ihm hingeben. Ihr blieb gar nichts anderes übrig. Schließlich war er, Thomas, die Reinkarnation Casanovas – oder zumindest dessen würdigster und talentiertester Nachfolger. Und wenn er genug Spaß mit ihr gehabt hatte, würde er getreu dem Motto Andere Mütter haben auch hübsche Töchter erst todtraurig aus der Wäsche gucken, irgendwas faseln von unüberwindbaren Differenzen (das kam auf die Situation an und würde sich schon zeigen; was das anging, war er flexibel), sie fallen lassen und wie ein geölter Blitz dem nächsten Rockzipfel hinterherjagen. Ja, man konnte mit Fug und Recht behaupten, dass Thomas ein kleiner, mistiger Schweinehund war. Und er stimmte sogar jedem zu, der ihm das ins Gesicht sagte. Natürlich erst, nachdem er ihm die Fresse poliert hatte.
Das Seltsame an der Sache war, dass Thomas (ihn als Freund zu bezeichnen, war weithergeholt, man kannte sich halt) beängstigend oft bekam, was er wollte – obwohl er nicht mal besonders gut aussah und sein Charakter oder zumindest sein Verhalten den weiblichen Geschöpfen gegenüber zu wünschen übrig ließ. Und obwohl er wahrlich keine Augenweide war und viele seiner Ansichten direkt aus der Steinzeit zu kommen schienen.
Paul hoffte inständig, dass er diesmal keinen Erfolg haben würde.
Thomas also spulte sein Programm runter, während Paul abschätzte, was wohl passieren würde, wenn er dem Scheißkerl einfach das Bierglas über die Rübe zog. Das Ergebnis war niederschmetternd. Er machte sich keine Hoffnung, ihn überwältigen zu können. Dazu war Thomas zu groß und zu kräftig. Er musste ihn beim ersten Hieb töten, um eine Chance zu haben.
„Ja, das bist du wirklich“, laberte Thomas inzwischen weiter. „Schon auf dem Weg hierher habe ich es gewusst. Ich sagte mir, Thomas, hab ich zu mir gesagt: Heute triffst du deine Traumfrau. Die wahre und einzige in deinem ganzen Leben. Und“, er machte eine Pause (offenbar, um der Dramatik Zeit zum Wirken zu geben), „wie du siehst, traf alles ein.“
„Rattenscharf“, war der einzige Kommentar, den Jeannine dafür erübrigte. Dabei sah sie so ernst drein, dass sich Paul ein amüsiertes Grinsen nicht verkneifen konnte. Allerdings war Thomas gar nicht amüsiert. Er fühlte sich zutiefst in seiner Ehre als Aufreißer verletzt. Er hatte Widerstand erwartet, und in aller Regel genoss er ihn sogar. Schließlich durfte die Jagd nicht zu leicht sein. Wo kämen wir denn da hin, wenn jede ihm einfach so in die Arme rannte?
„Rattenscharf ist vielleicht nicht unbedingt der richtige Ausdruck“, begann er, und sein Gehirn suchte fieberhaft nach einer Fortsetzung, „aber es kommt dem schon ziemlich nah.“ Was is ’n das für ’n Schwachsinn, den ich da verzapfe? Sie muss mich konfus gemacht haben! Wenn ich so weitermache, muss ich’s bald mit roten Rosen und einem schicken Essen versuchen, um überhaupt noch mal zustechen zu können. Verdammt und zugenäht, wenn’s schon so weit gekommen ist, bin ich echt tief gesunken.
„Was ich damit sagen wollte, ist …“
Da fiel ihm Jeannine ins Wort. Sie sprach schnell und betont, ohne hastig oder erregt zu klingen. „Ist das wahr? Hast du dieses Gefühl wirklich gehabt? Das wäre ja geradezu fantastisch!“
„Wie … wieso?“ stotterte Thomas.
„Ganz einfach. Weil auch ich dieses Gefühl hatte. Schon die ganze Zeit. Mein Herz scheint einen Tick schneller zu schlagen, und meine Haut ist empfindlicher, elektrisierter als sonst.“
„Wie bei mir, genau wie bei mir!“, jubelte Thomas. Dabei dachte er: Mit der hast du leichtes Spiel, die ist ja noch blöder als ein Sack Stroh!
„Und weißt du, was noch komisch ist? Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass ich hierher gelenkt würde. Denn eigentlich wollte ich ins Kino. Jetzt bin ich froh, es nicht getan zu haben.“
„Bei mir war es genauso!“, log Thomas, ohne rot zu werden. Das verspricht ja ein interessanter und vor allem befriedigender Abend zu werden. Die habe ich schon in der Tasche. Die habe ich schon so gut wie geknallt.
Auch Paul machte sich seine Gedanken. Allerdings waren die lange nicht so euphorisch. Er sah seine Chancen bei Jeannine (falls er je welche gehabt hatte, auch das war mehr als zweifelhaft, wenn man bedachte, wie schnell sie sich dem ersten Dahergekommenen an den Hals warf) mehr und mehr schwinden.
Immer noch wanderten die Blicke zwischen Jeannine und Thomas hin und her. Sie schienen sich prächtig zu verstehen. Dass dieser verfluchte Scheißkerl auch immer bekam, was er wollte! Zum Kotzen! In Paul keimte leise Wut auf, die schnell stärker wurde. Am liebsten hätte er ihm den Barhocker über den Schädel gezogen. Er liebäugelte mit dem Gedanken. Was ihn davon abhielt, war eine einfache Überlegung: Thomas war nicht nur ein Aufreißer, er war auch ein Schlägertyp. Außerdem war er drei Jahre älter und zwanzig Zentimeter größer. Vom Kampfgewicht mal ganz zu schweigen.
Paul hatte zwei Möglichkeiten: Entweder zog er ihm den Barhocker so über den Schädel, dass kein Quäntchen Gras mehr wuchs und Thomas nie wieder aufstand. Aber was hatte er damit erreicht? Nichts. Außer einen Mord am Hals. Und was darauf steht, weiß ja jeder. Aber hinter Gitter zu gehen wäre immer noch besser, als den Freunden von Thomas in die Hände zu fallen. Paul hatte mit denen nichts am Hut und war auch froh darüber. Das waren üble Zeitgenossen, jeder Zentimeter ihrer Haut tätowiert. Und sie waren ausnahmslos noch größer als Thomas. Wenn die ihn zu fassen kriegten, würden sie mit seinen Eiern Billard spielen und seine Innereien zum Trocknen an die frische Luft hängen.
Oder aber (und das war die zweite Möglichkeit), er schlug sich alle Hoffnungen, die Jeannine betrafen, aus dem Kopf und verpisste sich. Das hatte den Vorteil, weder hinter Gittern zu wandern noch die eigenen Därme an eine Wäscheleine gehängt zu sehen.
Paul entschied sich schweren Herzen für Letzteres. Und wenigstens das wollte er mit einem letzten Fünkchen Selbstachtung hinter sich bringen. Er zündete sich lässig eine Zigarette an, trank zügig aus, klopfte Thomas auf die Schulter (wobei er innerlich fast explodierte) und machte sich bereit, aufzustehen. Nun aber sprach Jeannine wieder, und er hielt abrupt inne.
„Ist es nicht erstaunlich, wie klein die Welt ist? Dass wir beide uns hier treffen, das kann kein Zufall sein. Das ist Bestimmung.“
Thomas nickte begeistert. Für ihn war die Sache geritzt. Die lag schon so gut wie auf dem Rücken. Es war zwar fast ein wenig zu leicht gewesen. Aber was soll’s, einem geschenkten Gaul schaute man nicht ins Maul.
„Da wir beide das gleiche Schicksal haben …“
Jetzt ist es gleich soweit. Gleich springt sie mir an den Hals und schiebt mir ihre Zunge in den Mund.
„… wäre es klug, damit es uns schneller findet …“
Ja, ja, ja, ja …
„… uns auf die Suche nach ihm zu machen.“
Häh, wie?
„Ich für meinen Teil habe ihn bereits gefunden.“
Ach so. Ich dachte schon. Ganz schön gerissen, das Luder. Hätte ich ihr gar nicht zugetraut. Aber jetzt kommt sie gleich gekrochen. Jetzt hab ich sie.
Sie ließ eine Sekunde verstreichen.
Und noch eine.
„Ich wünsche dir also viel Erfolg bei deiner weiteren Suche.“
Thomas klappte vor Erstaunen der Unterkiefer runter.
„Aber, ich dachte … ich dachte … dass wir beide, du und ich …“
„Oh, pardon, das tut mir leid“, flötete Jeannine mit weicher Singsangstimme. „Aber aus uns kann leider nichts werden. Denn ich habe mein Herz bereits verloren.“ Und jetzt sah sie Paul direkt in die Augen und sagte: „Lass uns gehen, Paul, ich hab eine irrsinnige Lust zu tanzen.“
Paul konnte nur verlegen stottern: „Ah … ja … äh … gut … ja, okay.“
Thomas war noch nicht mal dazu in der Lage. Sein Gesicht sprach Bände.
Jeannine griff nach Pauls Hand. Sie war angenehm warm und weich, bemerkte Paul, der noch immer nicht glauben konnte, was geschehen war. War das wirklich passiert oder hatte er einfach nur zu viel getrunken? Die Zweifel überwogen. Aber war es nicht so, dass sie hier war, bei ihm? Und tanzte sie nicht mit ihm?
Aus den Boxen dröhnte ein langsamer Song. Sie tanzten. Paul war noch immer etwas auf Abstand bedacht. Nicht, dass er Jeannine nicht leiden konnte, im Gegenteil. Er war verrückt nach ihr. Er hatte nur panische Angst davor, die herrliche Situation durch irgendetwas Saublödes zu zerstören. Und das wollte er wahrlich nicht.
Jeannine hielt nichts von dieser Vorsicht. Sie drückte ihn näher an sich heran und legte ihre Hand einfach so, als wäre es die normalste Sache von der Welt, auf seinen Arsch. Auch dieser Griff war warm und weich. Paul wurde heiß und kalt zugleich, und er bekam eine hammerharte Erektion. Er wollte vor ihr zurückweichen, wollte seine Erregung verbergen, aber sie hielt ihn noch etwas fester. Es war erstaunlich, wie butterweich er in ihren Armen geworden war. Er sog tief Luft ein. Seine Gedanken liefen Amok und drehten sich nur um ihre Hand auf seinem Hinterteil. Er wollte diese Hand überall auf seinem Körper spüren. Bedauerlicherweise war jetzt aber noch nicht die Zeit dafür. Aber er konnte das Warten überbrücken, indem er sie einfach auch ein Stückchen an sich heranzog.
Es überraschte ihn, mit welcher Selbstsicherheit er es tat. Kein Gedanke an Schüchternheit oder Verlegenheit. Er tat einfach, was ihm in den Sinn kam. Zielsicher wanderte seine Hand auf ihren Po, und diesmal war sie es, die überrascht die Luft einsog. Da sie nun nah aneinandergeschmiegt tanzten, spürte sie die Härte an ihrer Scham. Einen Moment befürchtete er, dass sie ihn zurückweisen würde. Aber sie tat nichts dergleichen.
Langsam näherte ihr Gesicht sich dem seinen. Am Anfang bemerkte er es gar nicht. Es waren immer nur Millimeter. Aber mit der Zeit entging es auch ihm nicht. Er beobachtete sie genau und prägte sich jeden ihrer Gesichtszüge ein: die blonden Wimpern, das zierliche Näschen, die vollen Lippen, den kleinen Leberfleck. Ihr Atem roch schwach nach Alkohol und Zigaretten, aber das störte ihn nicht. Es war ohnehin nur schwach. Eigentlich überwog ein Duft nach roten Rosen oder irgendwelchen anderen Blumen, die Paul im Moment nicht erraten konnte. Er war zu keinem Gedanken mehr fähig. Seine Beine waren weich, und er hing in ihren Armen. Es grenzte an ein Wunder, dass er nicht einfach nach hinten wegkippte.
Mit einem Mal spürte er ihre warmen, weichen Lippen auf den seinen. Und in diesem Moment war ihm, als müsse er ohnmächtig werden. Alles drehte sich. Selbst der Boden erschien ihm nicht mehr real, sondern wie eine neblige Erscheinung. Trotzdem erwiderte er den Kuss. Ihr Geschmack erinnerte ihn an Marzipan. Paul wollte, dass dieser Moment nie enden möge, und im Stillen betete er sogar dafür.




