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Plötzlich spürte er, wie sie ihre Zunge tief in seinen Mund bohrte. Und er erwiderte es. Seine Haut kribbelte und brannte, und seine Erregung wuchs augenblicklich in unbekannte, bis dahin nie erlebte Höhen. Sein Schwanz pulsierte in seiner Hose.
Wie lange dauerte dieser Kuss nun schon?
Paul wusste es nicht.
Und Jeannine auch nicht.
Die Zeit schien still zu stehen. Sie hörten die Musik nicht mehr. Sie spürten nichts mehr von dem, was um sie herum geschah.
Minuten mussten vergangen sein. Oder waren es nur Sekunden? Sie hatten keinen blassen Schimmer.
Irgendwann spürte Jeannine, dass der Druck auf ihre Lippen nachließ. Sie öffnete ihre Augen und sah Paul überrascht an. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie ihre Augen während des Kusses geschlossen hatte. Er schien ihre Blicke zu spüren und öffnete ebenfalls die Augen.
Sie standen einander gegenüber, hielten sich an den Händen und sahen sich in die Augen. Strahlten sich an.
Und da tat Paul etwas, was ihn selbst überraschte. Auch Jeannine war überrascht, aber auf angenehme Weise. Er zog sie wieder an sich, umfasste ihre Taille und küsste sie ….
Diesmal kam der Übergang in die wirkliche Welt überraschend. In der einen Sekunde war Paul noch dort und einfach nur glücklich, und in der nächsten befand er sich schon wieder hier, einsam, allein und unglücklich. Es geschah so schnell, dass er sich erschrocken umsah.
Er war noch immer in der Küche, lag wieder auf den Fliesen, und sein Kopf schmerzte. Vorsichtig tastete er seinen Hinterkopf ab und fuhr zusammen, als er die Beule berührte. Sie tat verdammt weh, und wenn er mit den Fingern darüberfuhr, war es kaum auszuhalten. Trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) berührte er sie noch ein paar Mal. Er wollte durch den Schmerz sicherstellen, dass er zurück in seiner Welt, zurück in der Realität war.
Mühsam richtete er sich auf. Er musste sich mit den Händen abstützen; viel zu wacklig waren seine Beine. Paul brauchte drei Versuche, bis es ihm gelang, einigermaßen still zu stehen.
Seine Lunge dürstete nach Rauch. Ist es nicht erstaunlich, fragte er sich selbst, da hast du mehr als zehn Jahre nicht gequalmt und bis gestern Abend keine von den Scheißdingern angefasst, und jetzt fiept deine verdammte Lunge nach dem Dreck, als hättest du nie aufgehört!
Langsam trottete er ins Schlafzimmer. Obwohl hier nun schon seit geraumer Zeit gelüftet wurde, schlug ihm ein ekelhafter Gestank nach Erbrochenem entgegen. Zielbewusst lief er zu dem Wäscheberg, wo er seine Klamotten von gestern Abend vermutete und hielt sich mit der Linken die Nase zu. Endlich fand er sein Holzfällerhemd. Es stank nach Kotze, Alkohol und kaltem Rauch. Er fingerte in der Brusttasche herum, fand die Schachtel, nahm sie und stürmte aus dem Zimmer.
Wenig später saß er auf der Terrasse. Der Wind wehte ihm ins Gesicht und bewegte die letzten Fetzen seines kahler werdenden Haupthaars. Er hatte die Füße auf den Tisch gelegt, auf dem im Sommer immer das Essen serviert wurde. Jeannine hätte einen Schreikrampf bekommen, hätte sie es gesehen, und … nein, nein, bloß nicht dran denken!
Die Stereoanlage dudelte CDs, die er seit unzähligen Jahren nicht mehr gehört hatte: Kiss, Led Zeppelin, Ozzy Osbourne … Er konnte sich kaum noch an die Namen erinnern, hielt es aber für eine gute Idee, einfach mal wieder reinzuhören. Der Lautstärkeregler war aufgedreht bis zum Anschlag. Auch das war durchaus nicht üblich. Aber wer sollte sich beschweren? Seine Frau etwa? Die war aus dem Haus. Die Nachbarn? Die wohnten anderthalb Kilometer weiter die Straße rauf.
In der Linken hielt er eine Flasche Jim Beam und in der Rechten ein Bier. Er brauchte Letzteres, um Ersteres runterzuspülen. Auf dem Tisch neben seinen Füßen lag eine noch fast volle Schachtel Marlboro. Anfangs ekelte er sich vor dem Geschmack, aber nach und nach lernte er ihn wieder lieben. Manche Dinge ändern sich nie. Gott sei Dank.
Er fühlte sich sogar einigermaßen wieder wie ein Mensch. Teils lag das daran, dass er schon wieder einiges intus hatte, teils aber auch daran, weil er Dinge tat, die er seit Jahren nicht mehr getan hatte.
Paul vermisste seine Frau. Er vermisste auch seine Kinder. Die wahrscheinlich sogar noch mehr als Jeannine. Aber er war, im Moment jedenfalls, so euphorisch, dass er ernsthaft versuchte (und diesmal gelang es ihm sogar) einige Zeit mal nicht an sie zu denken.
Der Mond war hell. Er schien ein Gesicht zu haben, und dieses Gesicht schien ihn zu verhöhnen. Das hast du nun davon, stand darin geschrieben. Du hast nur die Quittung bekommen. Du hast dich zu viel von deiner Arbeit ablenken lassen. Jetzt sind die, die dir auf der Welt am liebsten sind, weg!
Dieses vermaledeite Mondgesicht war schonungslos offen. All das hatte Paul schon gewusst. Das war nichts Neues für ihn. Es bedeutete nur noch mehr Schmerz. Er wollte, dass der Mond aufhörte, dass er endlich schwieg. Aber er dachte gar nicht daran, er verhöhnte ihn weiter.
Paul schrie ihn an, warf einen Schuh nach ihm und trat mit den Füßen in seine Richtung. Was auch immer ihm in den Sinn kam, er schrie es heraus. Was auch immer er fassen konnte, er schleuderte es nach ihm.
Langsam ging sein Spott über in schallendes Gelächter, und Paul fragte sich ernsthaft, ob er auf dem Weg war, den Verstand zu verlieren. Es war offenbar unmöglich, hier draußen zu sitzen. Also griff er nach den Getränken, vergaß auch die Kippen nicht und raste wie eine V1-Rakete ins Haus.
Hier war es wesentlich kühler. Er schwitzte dennoch ein wenig, glaubte aber nicht, dass das nur von dem Sprint kam. Vielmehr hatte ihn die Diskussion mit jemandem, der normalerweise nur blöd rumhängt und kein Wort sagt, geängstigt. In seinen Büchern hatte er es oft beschrieben, wie es wohl sein mochte, wenn jemand langsam den Verstand verlor. Jetzt musste er zugeben, dass die Sache gar nicht mehr so spaßig war, wenn er selbst derjenige war, bei dem das Geschirr im Oberstübchen zersprang.
Und noch immer drang diese Stimme zu seinen Ohren.
Er drehte sich um und knallte die Terrassentür zu. Er tat es mit einer solchen Wucht, dass die Scheibe vibrierte und um ein Haar zersplittert wäre. Aha, dachte er, wäre ja nicht das einzige, was hier zersplittert.
Nun war es ruhiger. Aber noch immer nicht ruhig genug. Wenn er genau hinhörte, war der vermaledeite Mond immer noch zu hören. Also überlegte er nicht lange und ließ das Rollo herunter. Und da er nun schon mal dabei war, tat er das gleich im ganzen Haus.
Es dauerte keine drei Minuten, und Paul stand in tiefer Schwärze. Irgendwo (und das war noch gar nicht so lange her!) hatte er eine solche Finsternis schon einmal gesehen. Momentan fiel es ihm aber partout nicht ein, wo. Die Dunkelheit erfüllte ihren Zweck, denn der Mond war nun nicht mehr zu hören. Paul hatte endlich Zeit, zu verschnaufen. Darüber nachdenken, was er da eben getan hatte, wollte er lieber nicht.
Langsam beruhigte er sich. Atmung und Herzschlag normalisierten sich. Und obgleich der Mond gewiss noch immer auf sein Haus schien, gewann er den Eindruck, dass von ihm nun keine Gefahr mehr ausging.
Zehn Minuten später war er wieder so klar im Kopf, dass er alles für ein Hirngespinst hielt. Liegt bestimmt am Stress der letzten Tage, sagte er sich. Er kicherte sogar schon wieder über seine eigene Einfältigkeit.
Obwohl die Angst weniger geworden war, verkniff er es sich, die Rollläden wieder zu öffnen. Stattdessen schaltete er alle Lampen an. Und das waren eine ganze Menge. Als er endlich damit fertig war, war das Haus hell erleuchtet. Sogar im Keller und auf der Terrasse brannte Licht.
Plötzlich verspürte er eine ungeheure Lust auf einen Drink. Wo war die Flasche? Er brauchte nur einen Moment zu überlegen, da fiel es ihm wieder ein: Er hatte sie auf dem Wohnzimmertisch abgestellt. Schnellen Schrittes kehrte er dorthin zurück. Sie stand noch genau da, wo er sie zurückgelassen hatte. Er hatte sogar noch ein Bier. Auch das freute ihn ungemein.
Paul ließ sich auf die Couch fallen, und da er endlich zur Ruhe kam, bemerkte er, dass die Stereoanlage noch immer mit voller Lautstärke spielte. Konnte er das die ganze Zeit überhört haben?
Zwischen der Minibar, die sich mittlerweile auf dem Couchtisch angehäuft hatte, lag zwischen Flaschen und Kippen die Fernbedienung. Sie klebte. Ich muss wohl irgendwann in letzter Zeit Bier oder so was drüber gekippt haben, dachte er. Dennoch war sie funktionstüchtig. Er ließ Alice Cooper mit „Schools out For Summer“ mitten im Lied ersterben. Die Musik dröhnte noch kurz nach. Paul nahm an, dass das an der ungewohnten Lautstärke lag. Er schüttelte den Kopf, und das Klingeln und Dröhnen und Summen und Pfeifen in seinen Ohren ließ nach.
Die plötzliche Stille war seltsam. Sie tat fast weh. Irritiert fingerte er nach der anderen Fernbedienung für den Fernseher. Obwohl er wusste, wo sie war, fand er sie nicht. Seine Finger fuhren suchend umher und kippten ein Bier um, worauf Paul ein Klagegeheul anstimmte, das aber in der gleichen Sekunde in ein triumphales Gebrüll überging, dem Gebrüll eines männlichen Gorillas im Dschungel nicht unähnlich. Sein animalisches Verhalten war durchaus verständlich. Nicht auszudenken, wenn etwas von diesem lebensnotwendigen Alkohol verschüttet werden würde!
So tief bin ich also schon gesunken. Ein verschüttetes Bier ist für mich schlimmer als alle Seuchen zusammen. Was ist nur aus mir geworden? Ich stehe kurz davor, ein hemmungsloser Alkoholiker zu werden. Liegt das nur daran, dass sie mich verlassen hat? Nein, nein, diese Gedanken will ich nicht denken! Schluss damit! Schluss, sage ich! Nie mehr! Schert euch davon!
Schließlich fand er die Fernbedienung und schaltete ein. Mit zunehmendem Verdruss zappte er durch die Kanäle. Es kam nichts, was ihn hätte interessieren können. Also gab er schnell wieder auf und schaltete aus. Da sich die Suche nach Abwechslung durch den Fernseher als aussichtslos entpuppte, widmete er sich wieder dem, wovon er sich mehr erhoffte. Kaum zwei Stunden später war die Flasche Whiskey leer, und Paul fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
Sein Haus war noch immer hell erleuchtet.
Kapitel 2
2. Kapitel
Nur mühsam öffnete Paul die Augen, erst das eine, dann das andere. Verschlafen blinzelte er ins Licht. Sein Kopf fühlte sich an wie ein Sandsack, den man zu Boxtraining benutzt hat. Irgendwie kam er ihm auch größer vor, als müsse er die Arme ausstrecken, wenn er die Ohren berühren wollte. Allerdings war das kein Grund zur Sorge. Das war immer so, wenn er einen über den Durst getrunken hatte.
Ungläubig glotzte er auf die leeren Flaschen vor sich.
„Habe ich wirklich so viel getrunken? Das muss aufhören!“
Die Luft stank nach Alkohol, kaltem Qualm und Bierfürzen. Genauso mühsam, wie er die Augen geöffnet hatte, versuchte er sich aufzurichten. Seine Augen suchten das Zimmer ab; er wollte unbedingt wissen, wie spät es war. Die Uhr an der Wand, die zu jeder halben und vollen Stunde ein „Kikeriki“ von sich gab, zeigte, dass es gleich halb elf war.
Obwohl er nicht wusste, was für Wetter war, wusste er, dass der Tag schön werden würde. Er fühlte sich gut, viel besser als gestern. Also stand er auf und öffnete die Rollläden. Das hereinschießende Tageslicht war greller als erwartet. Es verschlimmerte seinen Kopfschmerz augenblicklich um ein Vielfaches.
Paul ging in die Küche, setzte Kaffee auf, warf zwei Schmerztabletten ein, überlegte kurz, nickte zustimmend und schluckte noch zwei. Bis der Kaffee durchgelaufen war, blieb ihm noch etwas Zeit. Er ging duschen.
Paul duschte so, wie er es immer bevorzugt hatte: abwechselnd heiß und kalt. Als er sich wenig später mit einem Handtuch abtrocknete, fühlte er sich besser. Seine Haut war eiskalt, und er war herrlich erfrischt. Selbst die schlechten Gedanken und negativen Gefühle waren wie weggespült.
Er streifte den Morgenmantel über und ging zurück in die Küche. Er war ein Geschenk von Jeannette zu seinem fünfunddreißigsten Geburtstag gewesen. Paul bemerkte es erst, als er ihn übergestreift hatte und wappnete sich für eine neue Schmerzwelle. Glücklicherweise blieb sie aus. Der Tag wurde mit jeder Sekunde besser.
Leichten Fußes tippelte er weiter. Er war noch immer über seine ausgelassene Fröhlichkeit erstaunt. Die bittere Pein der letzten Tage schien meilenweit entfernt zu liegen. Er beschloss, dass es gut so war. Und dass so bleiben sollte.
Der Kaffee war heiß und kräftig, puschte ihn noch mehr auf. Und obwohl alles in bester Ordnung schien, wusste er, dass etwas fehlte. Eine innere Stimme tadelte ihn. „Natürlich fehlt was, du Trottel! Schließlich ist sie …“
Weiter kam die Stimme nicht. Paul würgte sie ab, noch ehe sie weitersprechen konnte. Er kicherte, als er erkannte, dass es gar nicht das war, was fehlte. Ihm fehlte etwas anderes: die Zeitung!
Kichernd lief er zum Briefkasten. Wenn ihn in diesem Moment jemand gesehen hätte, hätte er ihn für reif für die Irrenanstalt gehalten: Paul hüpfte wie ein Kaninchen im Morgenmantel über die Wiese und kicherte und gackerte unaufhörlich vor sich hin.
Er öffnete den Briefkasten und wunderte sich, dass er nicht nur eine, sondern gleich drei Tageszeitungen darin fand. Er klemmte sie unter den Arm und hüpfte auf die gleiche Weise zurück. Erst als er wieder am Küchentisch saß, ging ihm ein Licht auf: Er war offenbar schon drei Tage lang nicht mehr am Briefkasten gewesen.
Nachdem er die Zeitungen durchgeblättert hatte (er fand nichts, was ihn interessiert hätte, nur bei den Todesanzeigen ertappte er sich, dass er sie aufmerksam las), donnerte er sie achtlos in den Müll. Er war beschämt darüber, dass er so etwas wie Schadenfreude empfand. Was, zum Teufel, war nur mit ihm los? Warum fand er heute alles so urkomisch? Er hatte sich doch nicht etwa eine Alkoholvergiftung eingehandelt? Nein, an diese Erklärung glaubte er nicht. Dann würde er nicht so putzmunter herumturnen. Aber wenn es das nicht war, was war es dann? Er dachte nur kurz darüber nach. Erstens, weil er für konzentriertes Nachdenken gar nicht ernst genug war, und zweitens, weil er heilfroh war, nach den Tagen des Schmerzes und der Trauer etwas überdreht zu sein. Das hatte er sich, seiner Meinung nach, redlich verdient. Außerdem tat es den Menschen, die da abgenippelt waren, garantiert nicht mehr weh. Bei diesen Gedanken begann er wieder zu kichern, und aus dem Kichern wurde lautes Lachen. Paul lachte so laut, dass er um ein Haar das Schrillen des Telefons überhört hätte.
Während er noch von Lachsalven geschüttelt wurde, näherte er sich dem Ruhestörer. Aber er musste sich erst beruhigen. Paul biss sich beherzt auf die Zunge. Es tat höllisch weh.
„Ja, bitte?“
Einen Moment blieb die Leitung stumm. Dann meldete sich doch eine Stimme: „Paul, bist du es?“
Sein Hirn arbeitete auf Hochtouren. Die Stimme war ihm bekannt, aber momentan war es ihm unmöglich, ihr ein Gesicht zuzuordnen.
„Paul, antworte endlich!“
Noch immer hatte es nicht Klick gemacht. Wer konnte das sein? Vielleicht war es besser, aufzulegen …
„Hallo, Hallihallohallöle! Wenn du mich hören kannst, antworte mir gefälligst! Ich weiß, dass du am Telefon bist. Ich höre dich doch atmen!“
Noch immer blieb die Erkenntnis aus. Paul kratzte sich am Hinterkopf. Sein Brummschädel war abgeklungen. Er wusste, zu wem die Stimme gehörte. Er wusste es, also, warum zum Geier fiel es ihm nicht ein?
Die Stimme sprach weiter. Diesmal schien sie nicht zu Paul zu sprechen, sondern mit jemandem, der sich im gleichen Zimmer befand wie der Anrufer. „Okay, ich leg jetzt auf und versuch es später noch mal. Vielleicht ist dann ja die Verbindung besser.“
„Bestimmt hast du recht.“ Der Verdacht mit der zweiten Person war also richtig.
„Ich kann ihn atmen hören. Aber sonst bleibt alles tot. Scheiß Telefonleitung. Wahrscheinlich komm ich gar nicht zu ihm durch.“
Der Anrufer hatte aufgelegt.
Paul stand da wie ein Ölgötze. Er hielt den Hörer an sein Ohr und überlegte angestrengt, wer zum Kuckuck ihn da hatte sprechen wollte. Allmählich verkalke ich, dachte er trübsinnig. Er steckte das Mobilteil in die Station. So konnte er wenigstens sicher sein, dass der Akku geladen war.
Er griff in die Hemdtasche. Statt der Kippen fühlte er nur den samtigen Stoff. Da dämmerte ihm, dass er ja immer noch den Morgenmantel trug. So fängt es an, dachte er. Kann nicht mehr lange dauern, und ich krabbele sabbernd über den Boden und muss gewickelt werden wie ein Kleinkind.
Endlich fiel ihm ein, wo er die Zigarettenschachtel zuletzt gesehen hatte. Keine fünf Minuten später (er qualmte in aller Ruhe) klingelte das Telefon erneut. Obwohl er auf keinen Fall rangehen wollte, näherte er sich dem Apparat mit langsamen Schritten.
Es läutete ein zweites und dann ein drittes Mal.
„Wann schaltet sich gleich noch mal der Anrufbeantworter an?“ fragte er die Wand, an die er sich gerade lehnte.
Es läutete unaufhörlich weiter. Und mit einem Mal (obwohl sein Gehirn noch gar keinen Befehl an seine Hand gegeben hatte) griff er nach dem Hörer.
„Hier Paul. Wer da?“
„Hi, Paul. Ich bin’s.“
Da war sie wieder, diese Stimme. Und er hatte noch immer keinen Schimmer, zu wem sie gehörte. In der ersten Sekunde war er drauf und dran, wieder zu schweigen. Aber er schüttelte den Gedanken ab und entschloss sich stattdessen, einfach mitzuspielen und zu gucken, wohin es ihn führte.
„Du? Das ist aber eine Überraschung, dass du mal anrufst!“ Da er nach wie vor keinen Verdacht hatte, musste er improvisieren. „Wir haben uns ja eine halbe Ewigkeit nicht gesehen!“ So was kam immer gut, da machte er nichts falsch.
Die Leitung war still.
„Äh … nun, genaugenommen waren es nur zehn Tage. Ist bei dir alles in Ordnung? Ich frage nur, weil … na ja, weil du so komisch klingst.“
Autsch, das war nach hinten losgegangen.
„Ich bin nur … Sagen wir’s mal so: Ich bin noch nicht ganz munter, okay?“ Fieberhaft sinnierte er weiter und entschied sich schließlich, mit offenen Karten zu spielen. „Hab wohl gestern etwas zu lange gearbeitet. Du wirst bestimmt lachen, aber momentan fällt mir noch nicht mal dein Name ein. Typischer Fall von Blackout.“
„Mensch, Alter, du brauchst einen Urlaub und einen verdammt guten Seelenklempner! Und am besten beides schon gestern. Wenn es schon so weit gekommen ist, dass du noch nicht mal mehr die Namen deiner besten Freunde weißt, solltest du kürzer treten. Du arbeitest zu viel.“
Wie recht du hast, großer Unbekannter, wie recht du hast.
„Du scheinst wirklich nicht zu wissen, wer ich bin, oder?“
Paul spürte, wie sein Gesicht vor Scham rot anlief. Reiß dich zusammen! Das ist nur ein Telefongespräch! „Nein“, gab er kleinlaut zu, „ich weiß leider nicht, wer du bist.“
„Gib zu, du verarscht mich!“
„Gott bewahre. Ich hab keinen blassen Schimmer.“
„?“
„.“
Der Anrufer schwieg. Er schien zu überlegen, ob Paul ihn verschaukeln wollte.
„Du hast wirklich keine Ahnung?“
„Nicht die Bohne.“
„Das ist traurig, Paul. Das ist verdammt traurig. Aber okay, ich helfe dir auf die Sprünge. Ich höre auf den klangvollen Namen Hackl. Jerome Hackl. Und? Klingelt es bei dir?“
Ja, da klingelte etwas, aber lange nicht so, wie es sich dieser Jerome wohl vorstellte. Pauls rechte Gehirnhälfte versuchte angestrengt, mit der linken zu kommunizieren. Hastig blätterte sie die Bilder in seinen Erinnerungen durch. Jerome? Jerome? Wo versteckst du dich? Wie von Sinnen raste er durch sämtliche Kapitel seines Lebens. Schließlich gelang es ihm, ein Bild von Jerome zu finden. Es lag begraben unter Tonnen von Staub. Es war der Staub, der übrig geblieben war, als Jeannine, dieses Aas, alles zum Einsturz gebracht hatte. Jetzt, da er wusste, wer er war, fiel ihm auch der Rest ein.
„Hi, Jerome“, diesmal klang die Überraschung echt. „Tut mir leid, das Ganze. Du weißt schon.“
„Ja, ja, vergiss es. Ist bei dir alles in Ordnung?“
Sollte er sagen, dass überhaupt nichts in Ordnung war? Dass auch nicht das kleinste bisschen in Ordnung war? Meine Frau hat mich verlassen und hat die Kinder mitgenommen! Ich verkalke langsam, und wenn du wüsstest, wie lange ich rumgerätselt habe, ehe ich wusste, wer du bist, würdest du sofort auflegen und nie wieder ein Wort mit mir sprechen! Und zu allem Überfluss glaube ich noch, den Verstand zu verlieren! All das ging ihm durch den Kopf. Aber er sagte es nicht. Stattdessen packte er diese Gedanken bei den Eiern, schüttelte sie ordentlich durch und schmiss sie in eine dunkle Kammer irgendwo tief im Hirn, wo sie bis auf weiteres vergammeln konnten.
„Mit mir ist alles bestens. Und selber?“
„Jau, Patrizia und den Kindern geht’s prächtig.“
„Na, das ist ja prima.“
Der Neid veränderte seine Stimme um eine Nuance. Hatte Jerome die Veränderung bemerkt? Wusste er etwa, was vorgefallen war? Nein, das war absurd. Oder vielleicht doch? Hatte dieses Luder von einer Frau bei ihm angerufen, damit er wiederum bei ihm anrief, um zu erfahren, wie’s ihm ging? Nein, das war lächerlich. Sie hat mich verlassen, da interessiert es sie bestimmt einen feuchten Scheiß, wie es mir geht. Das ist nur Wunschdenken meines verletzten Egos.
„Könnt ihr beiden es heute Abend nun einrichten?“
Was, zum Teufel, stand heute Abend auf dem Programm? Er wusste es nicht mehr und wappnete sich für eine neuerliche Attacke, bei der seine Erinnerungen durcheinandergewirbelt würden wie die Blätter in einem Herbststurm.
„Du hast es nicht vergessen, oder? Du weißt noch, dass wir heut Abend 'ne Party geben, ja? Patrizia wollte, dass ich euch anrufe und euch noch mal daran erinnere. Sie hofft, ihr könnt es einrichten. Und ich sagte, natürlich können sie es einrichten, schließlich bist du einer meiner engsten Freunde. Aber sie sagte, ruf trotzdem an. Also rief ich an. Kennst sie ja.“
Paul hatte Mühe, Jerome gedanklich zu folgen. Die Menge der Wörter, die auf ihn einstürzten und das Tempo, mit dem sie durch den Hörer jagten, verblüfft ihn.
Party.
Heute Abend.
Okay, okay, soweit hatte er es auf die Reihe gekriegt.
Jerome plapperte munter weiter.
„Ihr kommt also, ja? Wäre echt schade, wenn nicht. Wird bestimmt lustig. Wir grillen, und die Weiber können nach Herzenslust tratschen.“
„Ich tratsche nicht.“
Die Stimme war leise. Paul vermutete, dass sie Patrizia gehörte.
„Sag ihm bitte, dass sie einen ordentlichen Durst mitbringen sollen! Kannst du das machen?“ Die Vermutung schien richtig zu sein.
„Ich soll dir von Patrizia ausrichten …“
„Nicht nötig. Ich hab’s schon verstanden.“
„Er hat’s verstanden“, gab Jerome weiter.
„Fein. Dann bis heute Abend!“
„Bis heute Abend“, sagte auch Jerome und legte auf, ehe Paul protestieren konnte.
Uff. Watt `n nu?
Jetzt habe ich aber gehörig in die Scheiße gegriffen, verflixt und zugenäht! Wie komm ich da nur wieder raus? Vielleicht ist es besser, ihn anzurufen und ihm die Wahrheit aufzutischen? Ich glaube, er verdient sie. Die Frage ist nur, ob ich dazu imstande bin. Eher nicht. Vergessen wir das lieber. Also gut, und was bleibt mir übrig?
Nach reiflicher Überlegung entschied er, hinzufahren. Wollen mal sehen, wie sich alles entwickelt. Früher oder später werden sie es ohnehin erfahren. Und ich werde wesentlich besser dastehen, wenn ich den Zeitpunkt dafür bestimme. Während des Gesprächs hatte er befürchtet, Jeannines ständige Präsenz könnte ihn zerbrechen. Seltsamerweise geschah genau das Gegenteil: Er erfreute sich bester Laune, und das Gespräch schien sie sogar noch verbessert zu haben. Ein über alle Maßen entzückender Tag war das heute. Oh ja, das war er. Und wie er das war! Paul fühlte sich verdammt gut. Er hätte Bäume mitsamt Wurzeln ausreißen können. Und das Beste: Er spürte, dass er den Zenit noch nicht erreicht hatte.
Er stöpselte das Mobilteil in die Ladestation, registrierte, dass das Akkuzeichen aufleuchtete und stimmte eine fröhliche Melodie an. Er pfiff sowohl laut als auch falsch. Eine Melodie zu halten war noch nie seine Stärke gewesen. Und irgendwann kam ihm die phänomenale Idee, die Stereoanlage wieder so weit aufzudrehen, bis die Wände wackelten. Schon donnerte, einem Güterzug gleich, Motörhead mit „Orgasmatron“ durch das Wohnzimmer.




