Earl Dumarest 27: Die Erde ist der Himmel

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Sie holte Luft, das Leder ihrer Kleidung wurde über ihren Brüsten gespannt, und sie genoss die Süße der natürlichen Atmosphäre, erinnerte sich an die letzten Tage ihrer Reise, die immer größer werdende Verzweiflung, das Wissen, dass das Leben aller von ihren Fähigkeiten abhängig war. Einen Hafen zu finden und die Erce dorthin zu steuern – für jeden Navigator in der Chandorah eine schwere Prüfung. Noch mehr, wenn man im Gefängnis eines Druckanzugs saß, die Haut wund gescheuert durch Stoff und Metall, die Lungen verhungernd, die Nase verstopft mit dem Gestank angesammelten Abfalls.
Eine schwere Zeit, aber sie hatten es überlebt. Da war eine zusätzliche Note in der Luft und sie atmete erneut ein, genoss die Note, den Geschmack. Die Luft wurde gerade in die Tanks am Bord des Schiffes gepumpt, aber sie würde an Bord niemals genauso schmecken wie zurück im Weltall.
Sie erhob sich und schritt auf leisen Füßen zum Feuer. Eine große Frau, die dicken Zöpfe von der gleichen Schwärze wie ihre Augen. Der weite Gürtel, der ihre Hüfte umrundete, betonte die Rundungen ihres Körpers. Ihr Gesicht schimmerte kupfern, und wenn unbewegt, wirkte es unbeteiligt wie das einer primitiven Skulptur.
»Ich bin nicht müde.«
Obgleich sehr leise, hatte Dumarest ihre Annäherung gespürt, schaute von seiner Sorge für das Feuer auf.
»Wenn du schlafen möchtest, kann ich mich um das Feuer kümmern.«
Er schüttelte den Kopf, drehte den Braten über der Feuerstelle, ein Tier wie ein Eichhörnchen, groß wie ein kleiner Hund, das einige Tropfen Fett zischend in die Flammen fallen ließ.
»Ich glaube, ich könnte den anderen helfen«, überlegte sie. »Aber es eilt nicht. Wie auch immer, ich möchte die Nacht genießen.«
Sie meinte die Dunkelheit und seine Gegenwart in der engen Intimität des Feuers. Sie drehte sich um und beobachtete die Gegend, doch jenseits des Glühens war nichts zu erkennen außer formlosen Schatten, Pflanzen mit schimmernden Blättern, irreguläre Linien am Rande des nächtlichen Himmels, dünne, spinnenartige Blätter, die in der sanften Brise einen kaum hörbaren Laut entwickelten. Sie lauschte und hörte nur das und das Stampfen der Pumpen und das sanfte Rascheln der fallenden Glut.
»So friedlich«, sagte sie. »Ein Paradies. Wir sind seit Tagen hier und nichts scheint uns zu bedrohen.«
»Bis jetzt.«
»Es ist eine verlassene Welt, Earl«, beharrte sie. »Keine Bewohner. Nicht einmal ein Name. Nur ein Ort mit einer Nummer. Wir hatten verdammtes Glück, ihn zu finden.« Und sie fügte schnell hinzu: »Müssen wir schnell weiterreisen? Dies ist eine gute Welt. Wir könnten bleiben. Ein Haus bauen, eine Farm, jagen. Einen Stamm gründen. Wir …« Sie brach ab, als er seinen Kopf schüttelte. »Nein?«
»Nein.«
»Aber warum nicht, Earl?« Sie kannte den Grund und äußerte ihn, bevor er antworten konnte. »Die Erde!« Sie spuckte das Wort aus wie einen Fluch. Funken sprühten, als sie nach dem Feuer trat, und füllten die Luft mit glitzernden Punkten, um dann als graue Asche auf ihrem Stiefel zu landen. »Was kannst du dort finden, das es hier nicht gibt? Und wir wissen, dass diese Welt hier existiert!«
»Wie die Erde.«
»Das sagst du, aber egal wen man fragt, wird derjenige einem sagen, es sei nur eine Legende. Ein Mythos. Diese Welt ist keines von beiden. Sie ist hier und wir sind auf ihr und wir könnten sie zu unserer machen. Unsere, Earl. Unsere!«
Der Traum, den jeder Abenteurer hatte, der ins Weltall aufbrach. Eine jungfräuliche Welt zu finden, sie zu besiedeln, zu besitzen und zu beherrschen. Es war immer noch möglich und war einst üblich gewesen, aber wie immer gab es Nachteile. Dinge, auf die Dumarest hinwies, noch während seine Augen die Schatten durchsuchten, die unruhige Linie der Vegetation vor dem Hintergrund des Sternenhimmels.
Ysanne war dickköpfig. »Du verstehst es nicht, Earl. Du willst es nicht verstehen. Eine Erkundungsmission kann die Gegend bereits erforscht und alle bewohnbaren Welten überprüft haben. Sie mussten dafür nicht einmal landen. Oder eine Bergwerksfirma kann schon vergeblich nach wertvollen Rohstoffen gesucht haben. Oder …«
»Diese Welt stand in der Liste.«
»Nur eine Nummer, kein Name.«
»Was bedeutet, dass sie vor einiger Zeit entdeckt wurde.«
»Ja, aber …«
»Sie haben vielleicht Säureregen entdeckt«, unterbrach er sie. »Tödliche klimatische Veränderungen. Zerstörerische Strahlung von Sonneneruptionen – tausend Sachen. Und wir sind vier Menschen in einem beschädigten Schiff. Nehmen wir an, die anderen wären willig, was sollen wir tun? Landwirtschaft? Ohne Maschinen, Samen und Kenntnisse der lokalen Ökologie? Bauen? Jagen?«
»Leben«, sagte sie. »Diesen Ort zu unserem machen. Eine Welt, die wir unseren Kindern vermachen.«
Ihr Wunsch war aus Sehnsucht geboren, aus grundlegenden Bedürfnissen, aber ihr früheres Leben machte sie blind für die Härte eines solchen Daseins. Diese Welt war kein Paradies, in dem Nahrung an jedem Baum wuchs und nützliche Rohstoffe unter jedem Busch – frei von jeder Krankheit oder Bedrohung. Hier zu überleben, würde alle Anstrengung nötig machen, die sie aufbringen konnten, und Kinder würden so wild wie diese Umgebung werden müssen, wenn sie zu existieren hoffen wollten. Aber die Sehnsucht konnte er verstehen.
»Es tut mir leid.« Ysanne spürte seine Stimmung. »Ich bin eine Närrin, glaube ich, aber es schien mir eine gute Idee. Sie scheint es für mich immer noch zu sein.« Sie füllte ihre Lungen mit der duftenden Luft. »Es ist verrückt, in einer metallenen Kanne zu leben, wenn man doch hier draußen sein könnte. Die Sonne und den Regen spüren, die Berührung des Windes. In einer geraden Linie gehen zu können, bis man keinen Schritt mehr schafft. Zu rennen und zu springen und das Abendessen zu jagen.« Sie schüttelte den Kopf, ihre dicken Zöpfe umrahmten ihr Gesicht und machten ein seidenes Rascheln, als sie am Leder ihrer Tunika entlangstreiften. »Ich hatte all das einst – warum nur habe ich es verlassen?«
Für die Aufregung. Für das Abenteuer und die Romantik und die Neugierde. Für Abwechslung und das Neue und vor allem als Flucht. Das war der Grund, warum die meisten sternensüchtigen Jugendlichen in den Weltraum aufbrachen, nur um dort eine Umgebung zu finden, die noch beengter war als jene, die sie gekannt hatten.
An einer Seite tanzten die silbernen Pflanzenwedel in plötzlicher Bewegung vor dem Himmel.
»Bleib wachsam«, sagte Dumarest. »Ich überprüfe die Gegend.«
»Das ist unnötig«, sagte sie rasch. »Es war nur der Wind.«
Er ignorierte die Bemerkung genauso wie den plötzlichen Windstoß, der die Flammen aufweckte, und sie beobachtete ihn, wie er ein Gewehr ergriff, das neben dem Feuer gelegen hatte. Der Riegel machte mechanische Geräusche, als er den Bolzen überprüfte, und die Waffe selbst schien zu einer Verlängerung seines Körpers zu werden, als er sich in die sie umgebende Dunkelheit begab. Für ihn war Misstrauen eine natürliche Eigenschaft geworden, ein permanenter Verdacht, dass die Dinge nicht zur Gänze so waren, wie es schien.
Ein Fremder, dachte sie, und spürte eine plötzliche Kälte. Immer noch ein Fremder, trotz all der Stunden, die sie in tiefer Umarmung verbracht hatten, trotz der geteilten Leidenschaft. Er würde seinen Weg trotz aller Logik und gegen jede Wahrscheinlichkeit weitergehen. Und das in dem Wissen, dass sie ihn deswegen nur noch mehr respektieren würde. Sie würde ihn noch tiefer lieben für seine gnadenlose Entschlossenheit. Solch ein Mann würde starke Kinder zeugen – wenn sie die Erde fanden, würde sie ihn zu ihrem machen.
2
Nichts hatte sich verändert. Das Büro war immer noch so, wie Elge es benutzt hatte und vor ihm Nequal und vor diesem andere, die als Cyber Prime geherrscht hatten, um ihre Macht abzugeben, als ihre Zeit gekommen war. So, wie er es tun würde. Aber niemals zuvor in der Geschichte der Cyclan hatte jemand die Möglichkeit abgelehnt, das höchste Amt zu erhalten. Marle bedachte diese Tatsache, als er seinen neuen Bereich beobachtete. Er war hier schon einmal gewesen, jetzt aber gab es einen subtilen Unterschied, wo es sein Raum war. Nun war er hier der Herr und Meister. Er würde Entscheidungen treffen und den Fortgang des Masterplans leiten. Welt um Welt um Welt würde unter die Herrschaft der Cyclan fallen, jede Teil eines gemeinsamen Ganzen. Verschwendung würde eliminiert werden, auch die Armut, die durch sie repräsentiert wurde, das Leid, das Ineffizienz begünstigte, die Duplizierung von Anstrengungen, geboren aus Wettbewerb. Alles, was nicht produktiv war, würde man beenden. Nichts würde begonnen, was nicht den höchsten Kriterien der Effizienz entsprach.
Ein Ideal, vor ewigen Zeiten erschaffen durch jene, deren Vision und Hingabe dazu geführt hatte, ihr Leben für die Verwirklichung zu geben. Ein Universum, regiert durch Effizienz, Logik und Vernunft, frei von dem hinderlichen Gift emotionaler Unordnung.
Ein Utopia.
Um es zu erreichen, war jedes Mittel recht.
»Herr!« Der Gehilfe, der dem Ruf folgte, war neu, denn Jarvet, alt in Jahren wie Dienst, hatte seine letzte Belohnung erhalten. Nun war sein lebendes Gehirn Teil der massiven Gestalt der Zentralintelligenz. Wyeth verbeugte sich respektvoll. »Ihre Befehle, Herr?«
»Die Berichte, die eine abschließende Entscheidung erforderlich machen?«
»Auf Ihrem Tisch, Herr.«
Die unausweichliche Routine höchster Position. Marle setzte sich, ging die Papiere mit geübter Effizienz durch, hielt bei einem inne, ehe er das Interkom aktivierte.
»Herr.«
»Überprüfe den Bericht HYT23457X. Das Hauptagrarprodukt von Lemass.«
Eine Sekunde, dann: »Hargen, Herr.«
»Vergleiche es mit Quelchan.« Marle nickte, als er die Antwort erhielt. »Das Gleiche. Ich verstehe.«
Jemand würde für diesen Fehler bezahlen, der Vergleich hätte auffallen müssen. Wie dem auch sei, es war kein Schaden entstanden und Marle hielt für einen Moment inne, überlegte die beste Methode, um die Information zu nutzen. Lemass war bereits unter dem Einfluss der Cyclan, seine Herren hilflos abhängig von den Ratschlägen, die die dort lebenden Cyber ihnen gaben. Menschen und eine Welt, auf der man wie auf einem Instrument spielen konnte, um den größtmöglichen Nutzen für den Masterplan zu erzielen. Quelchan, nahe genug, um ein ökonomischer Rivale zu sein, widersetzte sich immer noch stur den Vorteilen, die es bringen würde, die Dienste der Cyclan zu beanspruchen. Sollte ein Unglück ihr Getreide befallen, würde sich die ökonomische Balance zugunsten von Lemass verschieben. Verzweifelt würden sie um Hilfe bitten und doch …
Die Balance zu erhalten, wäre nicht im besten Interesse der Cyclan. Eine oder beide Welten mussten an den Rand des Zusammenbruchs geführt werden, um sie danach umso tiefer in das Netz einzufügen. Der offensichtliche Plan war, gegen Quelchan vorzugehen, aber ihre Felder waren fruchtbarer, ihre Produktion höher. Wenn man eine Seuche einführte, um den Hargen zu zerstören, war die Chance hoch, dass man die Welt als potenzielle Getreidekammer verlor.
Marle griff zum Aufzeichnungsgerät.
»Befehl an unsere Agenten auf Lemass, allen Hargen zu kaufen, den Quelchan liefern kann. Gleichzeitig über Mittelmänner stark verbilligte Verbrauchsgüter aus Elmonte und Wale anbieten. Die Absicht ist, Quelchan in diesem Sektor abhängig vom Import zu machen.«
Bezahlt mit dem Geld, das sie für den Verkauf des Getreides erhielten. Zu spät würden sie begreifen, dass sie Nahrung gegen Spielzeug eingetauscht hatten – teure Gegenstände, die der Wartung und des Ersatzes bedurften. Um ihren neuen Lebensstandard zu erhalten, wären sie gezwungen, um die Hilfe der Cyclan zu bitten.
Die restlichen Berichte waren Routine, Angelegenheiten, die nur einer letzten Überprüfung bedurften, ehe man sie in Angriff nahm. Kleine Anstöße, die auf den betroffenen Welten große Veränderungen auslösen würden, wie der Fall kleiner Steine Ursache für eine Lawine war.
Marle lehnte sich zurück, seltsam unzufrieden. Bis jetzt hatte er nichts getan, was nicht auch vorher seine Aufgabe gewesen war – nur dass die Bedeutung seiner Entscheidungen gewachsen war, und soweit es das intellektuelle Vergnügen betraf, war die Lösung eines Problems bereits jede Belohnung, die dafür erwartet werden konnte. Allein schon an die Daten heranzukommen und aus ihnen eine Vorhersage zu extrapolieren und dann zu sehen, wie sich diese bewahrheitete, erzeugte die Befriedigung eines geistigen Erfolges – die einzige Freude, die ein Cyber kannte.
War das der Grund für Avros Entscheidung?
Marle erhob sich, berührte einen Schalter und ein heller Schein wachte vor ihm auf. In der Luft schwebend und das Büro mit glitzernden Punkten erfüllend, war diese elektronische Projektion der Galaxis ein Wunder der Technologie. Sie wurde kleiner, als er einen Regler aktivierte; die Sonnen glühten, die Welten flackerten, Gardinen und Decken voller Brillanz verschmolzen zu Schleier interstellaren Staubs.
»Herr!« Wyeth betrat das Büro, mit einem Tablett und einer Karaffe in den Händen. »Ihre Nahrung.«
Treibstoff, um die optimale Funktionsfähigkeit der Maschine zu gewährleisten, die sein Körper war. Eine Mischung aus Vitaminen und Nährstoffen, die er ohne jede Zeremonie trank. Kleine Funken von Licht erschienen auf seiner Hand, seinem Gesicht, schmückten das Lila seiner Robe, akzentuierten das schimmernde Abbild auf seiner Brust. Das Siegel der Cyclan, wie das auf der Brust seines Gehilfen, ineinander verwobene Spiegel, die den Schein der kleinen Sonnen verstärkten.
Zu viele Sonnen und zu viele Welten. Strahlende Gestirne und Planeten ohne Ende, alles in der galaktischen Linse vereint, dünner an den Rändern, aber dicker in der Mitte. Ein Labyrinth, in dem sich ein Mann verstecken konnte. In dem sich einer verbarg – Dumarest.
»Herr!« Wyeth nahm die leere Karaffe. »Ein Schiff ist mit einer Besatzung gelandet, bereit für den Prozess. Massaki wünscht einen Besuch. Ein Report von Labor sieben ist negativ.«
Diese Details konnten warten. Die alten Cyber warteten auf seine letzten Worte, ehe ihre Gehirne dem ermüdeten Fleisch entnommen wurden. Massaki wollte ein neues Virus demonstrieren, das bestimmte genetische Linien in Vieh eliminierte, er arbeitete bereits an einem ähnlichen, das das Gleiche für Menschen tun würde. Der Bericht aus dem Labor sieben bestätigte nur die Wichtigkeit von Avros Mission.
»Herr?«
»Lass mich allein.«
Allein gelassen, studierte Marle die Simulation der Galaxis, deren schimmernde Punkte sich zu bewegen schienen, als er sie beobachtete, als würden sie die identifizierenden Symbole der Molekularstruktur des Affinitätszwillings formen. Mit diesem konnte eine Intelligenz Geist und Körper einer anderen übernehmen, der Gastkörper total dominiert durch den Invasoren. Mit seiner Hilfe konnte ein Cyber der Herrscher einer Welt werden, ein alter Mann einen neuen, jungen Körper erlangen, eine alte Frau ihre Schönheit erneuern. Das war eine Macht, der keiner widerstehen konnte, und eine Bestechung, die niemand ablehnte.
Diese fünfzehn Symbole, korrekt zusammengesetzt, würden den Cyclan die Dominanz über das ganze Universum geben.
Ein Geheimnis, das sie verloren hatten –gestohlen und dann immer weitergegeben. Die Bestandteile waren bekannt, aber nicht die Sequenz, in der sie zusammengesetzt werden mussten. Die möglichen Kombinationen gingen in die Millionen – alle durch bloßes Ausprobieren zu erforschen, konnte ewig dauern.
Dumarest hatte das Geheimnis und Dumarest musste gefunden werden.
Craig rülpste und wischte sich die fettigen Finger am Gras neben sich sauber.
»Das war gut«, sagte er. »Verdammt gut. Nichts schlägt den Geschmack von richtigem Essen. Frisches Fleisch, geröstet über dem offenen Feuer – ich kenne Orte, da würde man für so was den Lohn einer Woche zahlen.«
»Und ich kenne Orte, wo man dich zu Tode steinigen würde, wenn man dich mit Fleisch erwischt.« Andre Batrun saugte an einem Knochen, ehe er ihn ins Feuer warf. »Zabupa etwa. Ich habe einen Dritten Offizier dort vor zehn Jahren verloren. Er kam aus Gandlar und verstand nicht, warum die Einheimischen das Leben in all seinen Formen so verehrten. Eine Diät aus Gemüse passte ihm nicht und so kaufte er von einem Händler eines anderen Schiffes Fleisch. An sich nicht schlimm, aber der Narr ließ zu, dass man ihn beim Essen sah.«
»Und sie töteten ihn?« Craigs Stimme war voller Unglauben. »Dafür?«
»Für sie war das Grund genug.« Der Captain schaute auf die Reste des Tieres. »Ein wenig mehr, meine Teuerste?«
Ysanne lächelte, als sie ihm eine weitere Portion reichte. »Hier, Andre, guten Appetit!«
Er brauchte den Wunsch nicht. Zeit hatte ihn den Wert kleiner Freuden gelehrt und sein Haar silbern gefärbt, sein Gesicht durch die vergangenen Jahre gezeichnet. Ein seltsam sanftes Gesicht, aus dem Schlaf und Ruhe die Zeichen der Erschöpfung gelöscht hatten, das aber den Stempel manch harter Erfahrung und gewonnener Schlacht trug.
»Etwas Wein!«, sagte Craig. »Ich habe eine Flasche.« Er goss ein in die zerbrechlichen Gläser, ohne eine Reaktion abzuwarten. »Auf das Glück!«
Dumarest schluckte den Rest seines Fleischs und nahm das Glas. Er nippte, schmeckte die Andeutung eines Brennens, das seinen Mund von dem Fett reinigte. Batrun hustete und griff nach dem Schnupftabak, nachdem er sein Glas abgestellt hatte.
»Gut, hm?« Craig hob die Flasche. »Mehr?«
»Ich mag ihn«, sagte Ysanne und hielt ihm das Glas hin. »Ich mag die Wirkung.«
Sie meinte, was jeder Alkohol für sie tat, weshalb sie vorsichtig sein musste mit jeder Art von Drink. Ein Mangel an Widerstandskraft machte sie schnell betrunken, wenn sie vorher keine Medikamente dagegen genommen hatte. Aber jetzt war sie unter Kameraden, sie hatte gegessen, es war Zeit, sich zu entspannen, und wenn sie dann ein wenig beschwipst wurde, gab es keinen Schaden.
Als sie am Glas genippt hatte, sagte sie: »Also hast du hier nichts gefunden, Earl? Kein Monster, bereit, uns anzugreifen?«
»Keines, das ich sehen konnte.«
»Es gibt keines zu sehen.« Sie winkte mit dem Glas und hielt es hin, damit nachgefüllt wurde. »Und keines zu hören – wenn es eines gäbe, dann hätte es längst auf die Geräusche der Pumpen reagiert.«
»Nicht notwendigerweise«, sagte Batrun. »Das Geräusch wiederholt sich, ist mechanisch. Normale Lebensformen machen solche Geräusche nicht. Wenn etwas da draußen ist, würde es dies bewertet und abgetan haben.«
Und das Tier, das sie gegessen hatten, konnte auch gut vor einem Raubtier davongelaufen sein, ehe es unter Dumarests Messer fiel. Eine Möglichkeit, die er nicht erwähnte. Stattdessen sagte er zu dem Captain: »Welchen Fortschritt machen wir mit dem Schiff?«
»Die letzten Kontrollen sind fast abgeschlossen. Sobald wir die Tanks gefüllt haben, können wir losfliegen.« Losfliegen mit gespeicherter Luft und den sich daraus ergebenden Begrenzungen. Etwas, was kein Captain mochte, aber sie hatten keine Wahl. »Wir brauchen Ersatzteile, das ist klar. Von der am nächsten gelegenen Welt mit technischen Anlagen. Welche wäre das, Ysanne?«
Sie runzelte ihre Stirn. »Lorenze, denke ich. Oder Gillaus. Oder Ween – zum Teufel, ich trage diese Art von Daten nicht in meinem Kopf herum. Ich schaue so was bei Bedarf nach. Wozu gibt es den Almanach denn sonst?« Ihr Stirnrunzeln verwandelte sich in ein Lachen, als die Drinks zu wirken begannen. »Ein Buch, das wir nicht benötigen, da wir ja wissen, wohin die Reise geht.«
»Zur Erde!« Craig hob sein Glas. »Den ganzen Weg bis zur Erde!«
Oder wo er und sie sie vermuteten. Wie Dumarest es wollte. Er lehnte sich zurück und schaute auf den Schimmer der Sterne, Sonnen so nahe, er konnte sie fast berühren, Welten so nahe, dass er fast die Sphären ihrer Himmel ausmachen konnte. Ein schimmernder Glanz, unter dem er die dünne, brechende Stimme eines unglaublich alten Mannes hörte. Eines Terridae, eines Geizhalses der Zeit.
»Zweiunddreißig, vierzig, siebenundsechzig – das ist der Weg zum Himmel. Neunundsiebzig, sechzig, dreiundvierzig – folgen Sie mir? Sechsundvierzig, siebzig und fünfundneunzig – auf, gute Leute, wachst und gedeiht.«
Eine Eselsbrücke, die die Navigationsdaten reduziert auf ihre absoluten Mindestangaben enthielt, wie Ysanne bewiesen hatte. Drei Dimensionen von Entfernung, verbunden mit einer Kreiseinheit, die sie zur versprochenen Welt führen würde.
Die eine, hoffte Dumarest, auf der er geboren worden war.
»Die Erde«, murmelte Batrun. »Der Planet unendlichen Reichtums. Wo niemand je alt wird oder körperlich oder emotionale Schmerzen kennt. Ein Paradies, frei von allem Bösen, das sonst die Menschheit befällt.« Er nahm etwas Schnupftabak, das Licht des Feuers erhellte sein Gesicht, die Frage in seinen Augen. »Und du hast sie verlassen, Earl. Warum sollte ein Mensch vor einem solchen Paradies davonlaufen?«
Um Kälte und Hunger zu entkommen. Um sich in einem Schiff mit seltsamen Markierungen zu verstecken. Um gefunden zu werden und, anstatt wie verdient herausgeworfen zu werden, von einem mehr als freundlichen Captain Duldung zu erfahren. Um tiefer in die Galaxis einzudringen, in Regionen, in denen seine Heimat unbekannt war.
Dort war sie nur eine mystische Legende, eine Fabrikation der Fantasie, eine Geschichte in den Kneipen – die Erde, von der Batrun sprach, war nicht die, an die sich Dumarest erinnerte.
»Wir werden es wissen, wenn wir dort sind«, sagte Ysanne. »Vielleicht wurde ihm die endlose Süße der Existenz zu viel. Vielleicht war er gelangweilt durch die ewig vorhersehbaren Tage. Das passiert.« Sie leerte ihr Glas und schaute den Ingenieur an. »Ist die Flasche leer, Jed?«
»Wir teilen uns den Rest.«
»Wie wir die Beute teilen«, sagte sie. »Die Reichtümer, von denen Andre träumt. Reichtum, um ein neues Schiff zu kaufen und vielleicht eine Welt für sich selbst. Geld, das die Schmerzen lindert und seine weniger werdenden Jahre sanft bettet. Und du, Jed? Ein neues Gesicht? Ein junges und lächelndes Antlitz, um die jungen Mädchen zu beeindrucken, von denen du träumst? Ein Harem? Eine Armee von Söldnern, die auf deinen Befehl hin tötet? Und du, Earl? Was willst du tun, sobald du zu Hause ankommst?«
Dumarest erwiderte: »Du wirst laut.«
»So?« Ysanne leerte das Glas und warf es ins Feuer, wo es in den Flammen lag, ehe es in einem grünen Schein zerbarst. »Wer hört zu? Ein paar Geister? Unsichtbare Monster? Schatten? Die Sterne?« Sie hob eine Hand in ihre Richtung, die Finger gespreizt, gekrümmt, als wolle sie in den schimmernden Glanz hineingreifen. »Juwelen, Earl. Alle Juwelen. Lass sie uns einsammeln und sie auf Ketten aufreihen und auf Armbänder und Streifen glitzernder Pracht. Schmücke mich, meine Liebe, mit den Edelsteinen deiner Gunst. Bedecke mich mit dem Schein deiner Zuneigung, der brennenden Flamme deines Begehrens.« Ihre Hand fiel, als sie lachte. »Oder sollen wir tanzen? Unser Heiratsversprechen um das Feuer stampfen. Wir haben Zeugen und ich erinnere mich an das Ritual.« Ihre Hände bewegten sich, als würde sie auf die dünne Haut einer Trommel schlagen; ein Rhythmus, der dem monotonen Stampfen der Pumpen folgte. Aber sie hörte auf, als dieser Ton abrupt endete.
»Was ist los?«
»Nichts.« Craig stand auf. »Die Tanks sind voll und die Automatik hat die Pumpen abgeschaltet. Wenn man zu viel reindrückt, explodieren sie wie Bomben. Ich geh und verbinde die nächsten.«
Er bewegte sich zur Erce, seine Stiefel knisterten durch das Gras und die Nacht war nun seltsam leise, da die Pumpen ihr Arbeitsgeräusch eingestellt hatten. Eine schwere, brütende Stille, in der die leisesten Geräusche aufgebauscht wurden, das Rascheln der Kleidung, das Geräusch entfernter Blätter, das Knistern fallender Blätter.
»Wir sollten eine Weile hierbleiben«, sagte Ysanne. »Nach Edelsteinen suchen, Gewürzen, Sachen, die wir verkaufen können. Neue Katalysatoren kosten Geld und wir werden weitere Ausgaben haben. Wenn wir ein Lager aufbauen und jagen gehen, könnten wir Fleisch räuchern und es für einen guten Preis verkaufen. Die Haut ist gut für Leder und es könnte Felle geben.«
»Von den Monstern, die nicht existieren?«
»Verdammt, Earl! Du weißt, was ich meine.«
Eine Ladung aus allem, was sie sammeln konnten, und allem, was zu fangen war, wäre ein Vorteil – aber der Preis für ihre Zusammenstellung war vielleicht zu hoch.



