Das Mädchen mit den Schlittschuhen

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»Schau Heinrich, hier oben ist ein kleines Türchen.«
Albert deutete auf den Kachelofen.
»Hier konnte man Äpfel zum Schmorren reinlegen. Mann, was waren die lecker!«
Heinrich und ihr polnischer Gastgeber hatten bereits Platz an einem Tisch genommen.
»Herr Wójcik fragt, ob du auch einen kurzen Blick ins Schlafzimmer werfen möchtest.«
Natürlich wollte er. Als Kind hatte er es nie so richtig gemocht. Schließlich musste er sich diese kleine Stube mit seinen beiden Geschwistern teilen. Doch hier und heute, das war etwas anderes. Wie oft war er von dort aus durchs Fenster gestiegen, nur weil ihm der Weg durch die Haustür zu weit war.
»Ja«, meinte Albert. »Gerne.«
Auch im Schlafzimmer schien die Zeit stehengeblieben, nur eben die Möbel waren auch hier nicht mehr dieselben. Beim Blick in dieses Zimmer bekam Albert Gänsehaut. Die Eindrücke und die Erinnerungen überwältigten ihn.
»Früher war dies das Schlafzimmer der Kinder«, erzählte er. »In einer hinteren Ecke stand ein großer Kleiderschrank mit vielen kleinen Fächern. Dort wurden auch unsere Kleider und Schuhe aufbewahrt. Schuhe hatte ich nur zwei Paar, ein Paar für jeden Tag und dann meine Sonntagsschuhe, auf die ich nichts kommen lassen durfte. Da war unsere Mutter ganz penibel.«
Albert hörte, wie der alte Pole leise mit Heinrich sprach.
»Albert! Herr Wójcik sagt, dass es den alten Schrank, der früher in diesem Zimmer stand, noch gibt. Er hat ihn auf den Speicher gebracht und bewahrt darin Dinge auf, die er nicht mehr braucht.«
Albert wollte es kaum glauben. Hatte er richtig gehört? Den alten Schrank, es gab ihn noch. Ja, warum auch nicht. Er war massiv aus Eiche. Deutsche Wertarbeit, wie es so schön heißt. Robust. Etwas, was man nicht so schnell kaputt kriegt. Etwas für die Ewigkeit. Wenn der alte Schrank noch existierte, vielleicht befanden sich darin auch noch seine Schlittschuhe, die er bei der Flucht zurücklassen musste, schoss es ihm unwillkürlich durch den Kopf.
»Heinrich, kannst du dich noch erinnern? Ich hatte dir am See doch von den Schlittschuhen erzählt, die mir mein Vater zum 12. Geburtstag geschenkt hatte.«
»Ja, Albert! Was ist damit?«
Heinrich schaute Albert fragend an.
»Meine Mutter hatte sie in dem Schrank in einem geheimen Staufach versteckt, als ich mir damit einmal einen Schuhabsatz kaputt fuhr. Sie dachte immer, wir Kinder hätten keine Ahnung von der Existenz dieses Faches.«
Albert wirkte geradezu euphorisch.
Wieder sprach Heinrich mit dem Gastgeber.
»Herr Wójcik sagt, dass er noch nie irgendwelche Schlittschuhe in dem Schrank gesehen hat. Er sagt, wenn du möchtest, können wir gerne nach oben gehen und uns den Schrank und das Fach anschauen.«
Die drei hielt es jetzt nicht mehr in dem Schlafzimmer. Sie eilten durch die Wohnstube und die Küche wieder in den Flur. Dann stiegen sie die alte Speichertreppe hinauf.
Stanislaw Wójcik öffnete die Tür zum Dachboden. Sie knarrte laut, was wohl daran lag, dass sich in den letzten Jahren wohl selten jemand hier obenhin verirrt hatte. Albert betrat als Erster den Raum. Sofort fiel sein Blick auf den Schrank. Aus Tausenden von Schränken hätte er ihn wiedererkannt. Diesen Schrank gab es nur einmal auf der Welt. Alle Schrecken und Wirren des Krieges hatte er überstanden, um nunmehr in wenigen Minuten sein Geheimnis preisgeben zu können.
»So, nun passt mal auf, was hier gleich geschieht!«
Albert war geradezu entzückt. Er bückte sich und öffnete die untere linke Schublade, zog sie heraus und legte sie zur Seite. Dann griff er – so als habe er es schon tausend Mal zuvor geübt – mit der rechten Hand in den Hohlraum. Als seine Finger wieder zum Vorschein kamen, hielt er einen kleinen runden Holzstopfen in Händen, der als Entriegelung für eine weitere Schublade gedient hatte.
»Schaut mal her!«, strahlte er.
Und tatsächlich, was zuvor wie eine Zierblende aussah, ließ sich jetzt bequem nach vorne schieben.
Albert zuckte. Was war das? Das Fach, es war leer!
Für einen Augenblick war es gespenstisch still auf dem Dachboden geworden.
Albert konnte es nicht glauben. Das Fach, von dessen Existenz niemand im Haus etwas wissen konnte, war leer. Fassungslos starrte er in die verstaubte Schublade.
Albert erinnerte sich, dass er schon einmal vor dieser leeren Schublade gestanden hatte. Das war Ende 1944 …
Der erste Wagen
»Suchst du etwa die hier?«
Die Stimme, die Albert hinter sich vernahm, kannte er nur zu gut.
Ist das nicht …?
Noch immer sprachlos, drehte er sich um.
Karlchen? Natürlich! Es war Karlchen, sein kleiner Bruder. Geschniegelt und gestriegelt stand er im Eingang zum Schlafzimmer, etepetete, wie aus einem Ei gepellt. Pechschwarze Haare, akkurater Seitenscheitel, Knickerbocker mit Hosenträger, darunter sein Lieblingshemd – ein weißes, langarmiges. Die Schuhe blitzblank geputzt, dass man sich fast darin hätte spiegeln können.
Albert hatte ihn gar nicht bemerkt. Doch immer dann, wenn man überhaupt nicht mit ihm rechnete, war er plötzlich da.
»Woher hast du gewusst, wo die Schlittschuhe sind?«
Die Schlittschuhe an den Schnüren gepackt, hielt er sie zwei Trophäen gleich in die Höhe und stand dabei wie angewurzelt in der Zimmertür. Ein breites schelmisches Grinsen legte sich auf sein Gesicht, so wie er immer grinste, wenn ihm irgendetwas durch den Kopf schoss, was nichts taugte. Karlchen war zehn Jahre alt, aber ein ausgekochtes Schlitzohr, wie es in Klotainen kein zweites gab.
»Willumeit hat es mir zugeflüstert!«, antwortete Karl.
»Willumeit? Nie und nimmer!«, fauchte Albert ihn an.
Adolf Willumeit galt im Dorf als Sonderling, von der Statur her war er ein stangenlanges Gerebbel mit ausgesprochen großen Ohren, die er zumeist unter einer Mütze zu verstecken versuchte. Sommer wie Winter lief er mit der gleichen, zigfach gestopften Jacke durchs Dorf, die er vor dem Anziehen ausschlackerte und die aussah, als hätten die Mäuse daran geknabbert. Willumeit galt als wortkarg, er redete nicht viel, was aber nichts damit zu tun hatte, dass er nichts zu sagen gehabt hätte. Im Gegenteil. Wenn er etwas mitzuteilen hatte, dann fanden sich in dem ansonsten ereignisarmen Klotainen auch rasch ein paar Zuhörer. Das lag wohl daran, dass manche Leute im Dorf glaubten, er habe so etwas Ähnliches wie seherische Fähigkeiten. Im Jahr 1933, als ein kleiner Weltkriegsgefreiter, der eigentlich gar kein Deutscher war, Deutschland auf Kosten anderer zur Weltmacht machen wollte, erzählte Willumeit im Dorf von einem großen Krieg, der das Land überziehen würde. »Millionen von Menschen werden ihr Leben lassen«, erzählte er den Leuten im Dorf, den Kleinen wie den Großen. Und dass es am Firmament geschrieben stand, von wo er es nur habe ablesen müssen, was ihm in dem kleinen ermländischen Dörfchen stets größte Aufmerksamkeit zuteil werden ließ.
Jemand hatte also für andere unsichtbar am Himmel herum gepinselt, und Adolf Willumeit, der Sonderling aus Klotainen, brauchte es nur noch zu lesen. Die meisten im Dorf hielten ihn für einen Schossel, für jemanden, der einfach nur dumm daher redete. Sie zeigten mit dem Finger an den Kopf, wenn die Rede auf Willumeit und seine Prophezeiungen kam. Auch seiner Frau war das Gerede nicht geheuer. »Schlabber nuscht so kariert«, meinte sie zu ihm. »Du machst mir in Klotainen noch alle ganz meschugge! Ja sie drohte ihm sogar damit, dass sie ihm sein Klunkermus, eine Art Milchsuppe mit eingerührten Mehlklößen, seine Lieblingsspeise, entziehen würde, wenn er nicht damit aufhören würde, von irgendwelchen Himmelserscheinungen zu faseln. Fortan hielt Willumeit zwar immer häufiger seinen Mund, wenn es um die Dinge ging, die es da oben zwischen den zumeist tief liegenden Wolken zu lesen gab, aber dennoch sah man ihn stets mit erhobenem Kopf durchs Dorf stolzieren. Im Laufe der Zeit entwickelte er dabei sogar eine ganz eigene Technik, indem er mit einem Auge zum Boden blickte, mit dem anderen zum Himmel hoch linste – immer auf der Suche nach irgendwelchen überirdischen Neuigkeiten.
Albert fand ihn auch immer etwas sonderlich. Karlchen aber, der mochte ihn.
»Dem Karlchen, mit dem ist was gefällig«, pflegte Willumeit immer zu sagen. Das Karlchen, das sei kein Glumskopp, meinte er, das sei so schlau, das könne sogar Katzendreck im Dunkeln riechen. Dem kleinen Karl imponierte das mächtig. Einen ellenlangen Vortrag über das ostpreußische Rindvieh an sich und insbesondere über die klotainische Kuh hatte er Willumeit während eines Spaziergangs gehalten. Und der hatte andächtig zugehört. Karlchen klärte ihn darüber auf, warum die Viecher in Klotainen mehr Milch geben als ihre Artgenossen in Wernegitten und wieso die Kuh von Frau Glupsch die größten Fladen fallen lässt. Karlchen wusste alles übers Viehzeug, zumindest tat er so. Selbst der Kuhschwanzastronom aus Heilsberg, womit er den örtlichen Tierarzt meinte, und da war er sich sicher, hätte von ihm noch etwas lernen können. Und was Willumeit an Karlchen besonders gefiel, war die Tatsche, dass er auch über Klunkermus sprach, welche Sorten von Klunkermus es gibt, darüber, wie man die Mehlklöße zubereitet, damit sie nicht auseinanderfallen und wie lange man sie in der Milchsuppe garen muss. Willumeit war stets fasziniert von so viel Gourmetwissen.
Karlchen war stolz darauf, Katzendreck im Dunkeln riechen zu können. Er verstand es als Kompliment und fühlte sich geehrt, geradeso als habe ihm der alte Willumeit mit diesem Satz einen Orden verpasst. Mit Stolz geschwellter Brust ging er fortan durchs Dorf, erzählte jedem, der seinen Weg kreuzte, von Kühen und Katzen, und wenn der Tag zu Ende ging und Karlchen in den Schlaf fiel, dann fing er am nächsten Morgen wieder damit an. Er hatte eben einen ausgeprägten Missionsgeist. An klaren Tagen erwischte er sich sogar manchmal dabei, wie er zum Himmel hochblickte. Doch außer Cumulus- oder Cirruswolken konnte er dort nichts ausmachen.
Doch der alte Willumeit – er sollte Recht behalten. Man schrieb das Jahr 1944. Der große Krieg war bereits im fünften Jahr. Tausende und Abertausende waren auf den Schlachtfeldern gestorben. Vielleicht konnte Willumeit die Dinge tatsächlich voraussehen, vielleicht war er aber auch nur etwas verwirrter als andere. Aber woher zum Teufel sollte dieser seltsame Mensch wissen, wo sich Mutters Geheimfach befand und dass die Schlittschuhe darin lagen? An der Sache, das roch Albert sofort, an der war irgendetwas faul.
Es gab Tage, da hätte er Karlchen zum Mond schießen können und vielleicht auch noch ein Stückchen weiter. Und heute, da war so ein Tag. Ständig nervte er, und nie blieb er bei der Wahrheit. Und stur konnte er sein. Ein Esel hätte sich vor Neid in den Schwanz gebissen. Was dieser kleine schwarzhaarige Ermländer sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, das bekam da so schnell keiner mehr heraus.
»Du kannst die Schuhe gerne haben. Aber nur unter einer Bedingung«, machte Karlchen seinem Bruder unmissverständlich klar.
»Und unter welcher?«, fragte Albert ungläubig.
»Wenn ich heute Abend deinen Nachtisch bekomme!«
»Den eingemachten Kürbis?«
»Ja, den Kürbis!«
»Muss das sein?«
Eingemacht mochte ihn Albert für sein Leben gern.
»Ja!«
»Na denn … Ja, kannste haben. Also her mit den Schlittschuhen!«
Ungeduldig griff Albert nach den blinkenden Kufen. Es war Ende 1944, der erste längere Frost hatte Besitz vom Land ergriffen. Seit Tagen war es bitterkalt geworden. Eine dicke Eisdecke hatte den See überzogen.
»Ich bin in einer Stunde wieder zurück. Sag mir Bescheid, wenn Mutter früher von der Arbeit kommen sollte«, rief Albert seinem Bruder zu, während er die Schlittschuhe unter die Arme packte und zur Haustür rannte.
»Mach ich. Und nicht vergessen: Den Kürbis bekomme ich!«, rief Karlchen ihm hinterher.
»Natürlich! Kriegste.«
Albert lief zum Teich, der sich direkt hinter dem Haus befand. Er hockte sich auf eine kleine Bank, die dort stand. Mit zwei, drei Griffen streifte er den blinkenden Stahl über die Schuhe. Es waren seine Sonntagsschuhe, die er immer zum Kirchgang anziehen oder zu anderen festlichen Anlässen tragen musste. Wenn das Mutter wüsste …! Dann würde es etwas setzen.
Mit wenigen schnellen Schritten glitt er über den vereisten Teich weiter auf der eisigen Rinne des kleinen Baches Richtung See. In der Senke nahm Albert auf der Straße in Richtung Siegfriedswalde einen dunklen Punkt wahr, der sich langsam bergabwärts bewegte. Albert stoppte abrupt. Die Kufen krallten sich ins Eis. Eiskristalle spritzten über den kleinen Bachlauf. Was zum Teufel ist das?
Albert wartete, bis sich aus dem kleinen schwarzen Punkt erste Konturen abzeichneten. Er erkannte einen Wagen. Es war ein alter, klappriger Leiterwagen, so wie in Klotainen einer bei Urbschats hinter der Schmiede stand. Vorne auf saß ein vermummter pummeliger Mann, eine Kapuze über den Kopf geschlagen, darunter einen Hut. Sein Atem dampfte. Hinten an dem seltsamen Gespann hatte er eine Kuh angebunden. Der Wagen selbst war mit einer Plane zugedeckt. An der Seite klapperte ein Eimer am Holz, so alt wie ein Gewehr aus der Rüstkammer von Plibischken. Nebenher lief ein bis fast auf die Knochen abgemagerter Schäferhund.
Bei dieser Kälte zieht jemand mit dem Wagen übers Land?
Albert kam dies nicht geheuer vor.
Der Mann mit dem Gespann hielt an.
»Na, Jungelchen. Wo willste denn hinne? Schlittschuhlaufen?«
»Ja, drüben auf dem See«, stammelte Albert leicht verdutzt. Er hatte nicht damit gerechnet, dass der Fremde ihn ansprechen würde.
»Wo wollen Sie denn bei dieser Kälte hin?«
»Gen Westen will ich. Da wo du und deine Leute auch bald hingehen werden. Gen Westen.«
Albert versuchte, sich den seltsamen Mann näher anzuschauen. Doch er sah kaum seine Nasenspitze.
»Warum, Väterchen, sollten wir denn nach dem Westen gehen?«
»Deiwel noch eins! Hat man dir das noch nicht gesagt? Weil de Russen kommen! Deshalb!«
Die Russen kommen? Nach Ostpreußen? Albert wusste, dass die Front näher gerückt war. Mutter hatte heimlich am Volksempfänger gelauscht, und sie hatte ihm erzählt, dass sie Klotainen möglicherweise verlassen müssen. Sollte es wirklich bald soweit sein? Alles lief doch so wie sonst! 1944 war ein gutes Jahr, hatten die Bauern im Dorf gesagt. Die Ernte war ohne große Verluste geborgen worden, die Scheunen gefüllt. Mitte Oktober war auch die Hackfruchternte abgeschlossen worden. Die Keller waren ebenfalls gefüllt, und die Bauern hatten schon vor Wochen die Winterfurchen auf ihren Äckern gezogen.
»Ach wo, hier kommen doch keine Russen. Das würde der Führer niemals zulassen.«
»Das, Jungchen, das Zeugs haben die Leute in meinem Heimatdorf auch gefaselt. Doch zum Schluss hat keiner dort mehr an den Endsieg geglaubt, nicht mal die Nazibonzen selbst. Und diejenigen, die geblieben sind, die sind fast alle tot. Glaub mir Jungchen: Der Tod macht keinen Unterschied zwischen Nazis und einem aufrechten Ostpreußen.«
Noch immer sah Albert nur den Dampf des Atems, der sich wie ein undurchdringlicher Schleier vor das vermummte Gesicht gelegt hatte.
»Wo kommen Sie her?«
»Aus dem Memelland, aus der Nähe von Tilsit. Und ihr, ihr solltet auch auf der Hut sein. Unterwegs habe ich die ersten russischen Aufklärungsflugzeuge gesehen. Die waren ziemlich hoch. Aber man konnte sie deutlich ausmachen.«
»Ach Väterchen, das waren bestimmt die unsrigen!«, versuchte Albert ihm entgegen zu halten.
»Jungchen, sag deinen Eltern, sie sollen den Wagen packen. Auch wenn sie euch etwas anderes erzählen. Es wird nicht mehr lange dauern, dann wird hier die Hölle los sein. Glaub mir.«
Jetzt wurde es Albert zu bunt.
»Unsere Soldaten werden die schon aufhalten«, keifte er.
»1,5 Millionen Russen? Schabber nuscht so kariert, Jungchen! 1,5 Millionen, die kann man nicht mal eben so aufhalten!«
»Aber es werden doch jetzt auch überall Gräben ausgehoben«, meinte Albert fast verlegen.
»Willst du diese roten Teufel vielleicht mit der Schaufel aufhalten? Etwa mit Schipp-schipp-hurra? Glaub mir, ihr werdet alle noch einmal nach eurer Mutter schreien!«
Der Alte lachte laut und hämisch.
»Glaub mir, Jungchen, die hält niemand auf! Seht zu, dass ihr fortkommt. Noch ist Zeit. Weggehen ist besser als Schipp-schipp-hurra …«
Der Alte lachte immer noch, brachte das Pferd wieder auf Trab und zog auf der Landstraße weiter in Richtung Heilsberg. »Schipp-schipp-hurra … Schipp-schipp-hurra …«, hörte Albert ihn noch in der Ferne rufen, und er sah, wie sich das merkwürdige Gespann langsam über den Hügel entfernte.
Was erzählte der für einen Humbug? Die Schutzwälle würden die Russen mit ihren Panzern schon stoppen. Und außerdem: Wer dachte jetzt ans Graben. Schlittschuhe wollte er laufen. Schnell nahm Albert wieder an Fahrt auf. Und dann hatte er den See endlich erreicht.
Für ihn war es so, als ob er in ein römisches Amphitheater einmarschieren würde. Er war der Gladiator, da draußen warteten die Bestien, und die Menge, sie applaudierte ihm. Die Welt, sie reduzierte sich für Albert in diesem Augenblick auf diese paar Quadratkilometer Eis. Hier war der Nabel der Welt – zumindest für einen Jungen aus Klotainen. Ein winziger Punkt, der über das Eis sauste und der der Schwerkraft scheinbar entfloh. Stunden konnte er so über das Eis gleiten. Zeit, sie spielte keine Rolle. Oder doch?
Verdammt, der alte Mann mit dem Gespann hatte ihn lange aufgehalten! Und auf dem Eis war er auch schon eine ganze Weile unterwegs gewesen. Mutter konnte schon wieder von der Küchenarbeit zurückgekommen sein. Was, wenn sie bemerkt hatte, dass er die Schlittschuhe aus ihrem Versteck genommen hatte? Nichts wie nach Hause.
In schnellen Schritten glitt Albert zurück zum Bachlauf, dann über den Teich. Am Haus war alles ruhig. Mutter schien noch nicht da zu sein. Albert stieß das Fenster zu seinem Zimmer auf, das er vor seinem Ausflug angelehnt hatte. Nur nicht durch die Vordertür, dachte er. Man könnte ihn sehen. Auf Spitzzehen tapste er durchs Zimmer. Mit ein paar Handbewegungen entriegelte Albert das geheime Fach, wischte mit dem Jackenärmel schnell über die Schlittschuhe und über die kleine Wasserpfütze vor dem Schrank. Dann legte er die Schuhe in das Fach, schob den Riegel vom linken Fach in die Öse und drehte sich herum. Das war an jenem Tag im Jahr 1944, als der Frost das Land fest in seinen Würgegriff genommen hatte.
Und jetzt! Albert konnte es nicht begreifen. Er starrte in eine leere, verstaubte Schublade.
»Sie sind weg, Heinrich. Sie sind nicht mehr in diesem Fach!«
Heinrich und der alte Wójcik hatten die ganze Weile beobachtet, wie Albert sich an dem Schrank zu schaffen machte. Sie sahen seine Enttäuschung. Sie stand ihm in großen Buchstaben ins Gesicht geschrieben. Wie sehr hatte er sich gewünscht, die Schuhe gleich in seinen Händen zu halten. Und jetzt blickte er in dieses verstaubte und leere Fach.
Fragend schaute Albert den alten Mann an, der sich schulterzuckend Heinrich zuwandte.
»Herr Wójcik sagt, es tue ihm leid, dass da keine Schlittschuhe drin waren.«
Ihm tut’s leid? Wie konnte dieser Pole, der hier in seinem Elternhaus wohnte, ermessen, was ihm diese Schuhe bedeuteten? Nicht ansatzweise! Und jetzt sagt er, es tue ihm leid.
Albert war zutiefst misstrauisch geworden. Vielleicht wusste dieser alte Mann mehr als er sagte! Mutter hatte ihm erzählt, wie sie von den Polen auf ihrer Flucht um ihre letzten Habseligkeiten gebracht worden waren. Alles hatten sie ihr genommen: ihre ganzen Ersparnisse, ihren Ehering, die Uhr, die sie von Vater zum zehnten Hochzeitstag geschenkt bekommen hatte. Alles. Was ihr blieb, das waren nur noch die Kleider, die sie am Leibe trug und ihre Kinder, die sie vor der russischen Kriegsfurie in Sicherheit bringen musste. Und da wollte ihm dieser alte, freundlich gestikulierende Pole wirklich Glauben machen, er wüsste nichts von dem Fach im Schrank und den Schlittschuhen, die sich darin befunden hatten. Nie und nimmer!
»Herr Wójcik, fragt, ob wir noch zum Kaffee bleiben wollen, Albert.«
Zum Kaffee? Wie konnte er sich jetzt mit diesem Menschen an einen gemachten Tisch setzen? Undenkbar.
»Sag ihm, dass wir wieder ins Hotel müssen, Heinrich. Wir haben leider keine Zeit!«, knotterte Albert. Er reichte Wójcik die Hand, bedankte sich für die Gastfreundschaft und steuerte in schnellen Schritten die Treppe an. Unterwegs rannte er im Flur an einem kleinen, etwa zehnjährigen Kind vorbei. Er nahm kaum Notiz von ihm. Draußen am Auto wartete er ungeduldig auf Heinrich.
»Warum bist du nicht noch eine Weile geblieben?«, wollte sein Reisebegleiter wissen, als dieser einige Minuten später das Fahrzeug erreichte und hinter dem Lenkrad Platz genommen hatte.
»Weil ich glaube, dass er lügt. Deshalb!!«, fauchte Albert.
»Das glaube ich nicht.«
»Oh doch, Heinrich. Ich kenne diese Sorte von Polen nur zu gut. Sie lügen, weil sie falsch sind, weil es ihnen im Blut liegt.«
Die beiden fuhren zurück zum Hotel. Die Abenddämmerung war angebrochen. Sie gingen ins Restaurant und bestellten sich noch einen Kaffee. Ein richtiges Gespräch wollte nicht mehr aufkommen. An diesem Abend ging Albert Steinky früh zu Bett. Seine Gedanken schweiften umher. Es dauerte lange, bis er endlich in den Schlaf kam.
Der Herrgottschnitzer
Am nächsten Tag war Albert schon früh aus den Federn gekrochen. Als er das Restaurant des Hotels erreichte, hatte Heinrich schon am Frühstückstisch Platz genommen und genoss den heißen Kaffee und den Blick aus dem Fenster.
»Wie war die Nacht, Albert?«
»Geht so. Hat ein bisschen gedauert, bis ich in den Schlaf kam. Und bei dir?«
Auch Heinrich hatte offenbar schon bessere Nächte erlebt.
»Wie ein Murmeltier hätte ich geschlafen, hätte es da nicht die Bekanntschaft mit dieser Spanplatte unter der Matratze gegeben. Jedes Mal, wenn ich mich umgedreht habe, quietschte das Bettgestell. Fürchterlich! Was steht heute an?«
Albert hatte sich einen dieser köstlichen polnischen Pfannkuchen auf den Teller gelegt, während Heinrich weiter an seinem Kaffee schlürfte und sich gerade an dem Frühstücksei zu schaffen machte. Beide verloren kein Wort über den gestrigen Tag.
»Ich dachte, wir fahren nach Heilsberg und statten der Bischofsburg einen Besuch ab.«
»Ja, warum nicht. Eine gute Idee!«
Albert und Heinrich genossen das üppige Frühstück. Danach packten sie noch ein bisschen Proviant in die Rucksäcke. Schließlich hatten sie sich viel vorgenommen für diesen Tag. Sie wollten Heilsberg erkunden und der altehrwürdigen Bischofsburg einen Besuch abstatten. Gegen 10 Uhr verließen sie das Hotel zu Fuß in Richtung Stadtmitte.
Sie überquerten die Brücke über die Aller und gingen an der Kirche vorbei. Auf der Außenmauer thronten Heiligenfiguren in Übergröße. Sie bildeten einen seltsamen Kontrast zu den Plattenbauten in der unmittelbaren Nähe. Auf einem Balkon hatte jemand einen Schäferhund angebunden, der unentwegt kläffte.
»Ein bisschen Auslauf könnte dem aber auch nicht schaden«, meinte Heinrich und blickte zu Albert.
Doch der hatte gar nicht zugehört. Wie angewurzelt stand er da, starrte auf das Gebäude hinter der Kirche.
»Was ist los, Albert? Du bist ja mit einem Male so blass. Geht es dir nicht gut?«
Albert reagierte immer noch nicht.
Heinrich wartete einen kurzen Moment, dann wagte er einen weiteren Versuch.
»Sag doch, was ist?«
Albert sah Heinrich an. Seine Augen wirkten starr.
»Sag mal Heinrich, war hier mal ein Kloster, ein Altenheim oder so etwas Ähnliches?«
»Ja, mag sein. Warum?«
»Ich glaube, ich kenne dieses Haus. Ich meine, nicht persönlich. Nicht selbst. Ich habe lediglich davon gehört. Aber ich weiß, dass es ein furchtbarer Ort ist.«
Albert schluckte kurz.
»Hatte ich dir schon von Sophie erzählt?«
»Sophie …?
Heinrich schaute Albert ungläubig an.
»Nein, ich glaub nicht!«
Albert wirkte nachdenklich. Seine Gesichtsmuskeln waren angespannt. Unentwegt blickt er auf das Backsteinhaus mit dem großen Tor. Dann begann er mit leisen Worten zu erzählen.



