Das Mädchen mit den Schlittschuhen

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»Sophie war die Tochter des Schmieds Urbschat in Klotainen. Sie war eine rechte Frohnatur und hatte kurzes feuerrotes Haar. Urbschats Wagen hatte sich im Januar 1945 bei der Flucht von Klotainen auf der vereisten Straße quer gestellt, weil er in dem ganzen Chaos des Rückzugs von einem deutschen Panzer gerammt worden war. Dabei brach eine Deichsel. Sie mussten bis Heilsberg zu Fuß weiter. Dort sind sie dann von der Roten Armee eingeholt worden. Sophie, ihre Mutter und ihr Vater und die kleine Schwester Käthe wurden hinter diesen Mauern mit vielen anderen zusammen eingesperrt. Hinter diesen Toren mussten sie wohl ihre schwersten Stunden verbracht haben.«
Damit hatte Heinrich nicht gerechnet.
»Was macht dich da so sicher, dass es ausgerechnet hier war?«
Albert starrte immer noch auf das große Tor.
»Es kann nur hier gewesen sein. Es war ein Altenheim unmittelbar hinter der Kirche, zwischen Kirche und Bischofsburg. Es kann daher also nur hier gewesen sein. Es waren Hunderte von Menschen. Die Russen haben alles zugenagelt: die Tore, die Türen und die Fenster – 14 Tage lang. Die Frauen und Mädchen, darunter auch Sophie, ihre Schwester und ihre Mutter, haben sie täglich raus gezerrt und vergewaltigt. An manchen Tagen ist die ganze Horde über sie hergefallen.«
Albert schluckte schwer, Heinrich merkte wie seinem Begleiter das Reden schwerfiel.
»Ihr Vater stellte sich den Peinigern entgegen. Weißt du, Urbschat, der Schmied, der hatte Riesenkräfte. Er schlug zwei der Russen mit jeweils einem Schlag nieder, bevor der dritte ihm von hinten eine Kugel in den Kopf jagte. Wer sich ihnen entgegen gestellt hat, der wurde einfach erschossen, so war das eben. Und es gab offenbar viele Tote hinter diesen Mauern. Und auch nichts zu essen und, na ja, die Leute starben auch wie die Fliegen am Hunger. Hinter dem Kloster haben sie die Leichen in die Alle geworfen. Aus dem Fluss nahmen sich die Eingeschlossenen das Trinkwasser – und bekamen davon die Ruhr. Auch daran sind viele zugrunde gegangen.«
»Und Sophie?«
»Sie löste nachts eine Glasscherbe aus einem Fenster und…«
Albert stoppte mitten im Satz. Ihm stockte der Atem. Heinrich sagte kein Wort, wartete ab, was geschehen würde.
»Ja Heinrich, in diesem verdammten Krieg sind viele schlimme Dinge passiert! Wir Ostpreußen waren eben die ersten, die die Rechnung für Hitlers Größenwahn und die Gräueltaten seiner SS-Schergen in der Sowjetunion bezahlen mussten. Komm, lass uns weitergehen. Das hier ist kein guter Ort, um zu verweilen!«
Albert und Heinrich überquerten eine weitere Brücke in der Nähe des Schlosses, sie wechselten kaum ein Wort. In der Nähe der Peter-und-Paul-Kirche durchquerten sie ein kleines Gässchen, den alten Bischofsitz mit seinen wuchtigen Wehrtürmen in Sichtweite.
»Als Schüler waren wir einmal während eines Wandertages in der Burg. Anschließend mussten wir einen Aufsatz schreiben – über die ermländischen Bischöfe und was für ein Segen sie für die Region waren«, brachte Albert die Unterhaltung wieder in Gang.
Die Geschichtsaufsätze waren ihm immer ein Graus. Wie hatte er sie gehasst. Dabei war er heute selbst ein Stück Geschichte. Aufgewachsen und vertrieben aus einer Jahrhunderte alten deutschen Kulturlandschaft. Wie hatte sein Vater in den wenigen sentimentalen Stunden, die er hatte, immer gesagt, als sie nach dem Krieg im Westerwald sesshaft geworden waren: »Zuhause ist nicht hier, wo wir wohnen, unsere Heimat ist woanders, unsere Heimat, die liegt in Ostpreußen.«
»Ja, ja – die Bischofsburg«, sinnierte Heinrich. »Den günstigen Standort zwischen der Alle und der hier einmündenden Simser haben schon die alten Prussen für die Anlage einer Wehreinrichtung genutzt. Sie nannten sie »Licbark.« Warmia steht für Ermland. So kommt der heutige polnische Name von Heilsberg zustande: Lidzbark Warminski. Wusstest du das, Albert?«
»Nein. Sag mal, was macht diese Bischofsburg eigentlich so außergewöhnlich?«
»So genau weiß ich es nicht. Ich glaube, weil sie so gut erhalten ist und weil ihr Erscheinungsbild so einzigartig ist.«
Albert und Heinrich lösten die Eintrittskarten. Dann begaben sie sich auf Entdeckungstour durch den riesigen Backsteinbau. Albert war besonders von den ausgestellten historischen ermländischen Gebrauchsgegenständen beeindruckt. Gerne hätte er sie fotografiert. Doch das war nicht erlaubt. Überall hingen Verbotsschilder, und das Aufsichtspersonal war ständig auf der Hut. Keine Chance also für einen Schnappschuss. Könnte wohl Ansprüche der früheren Eigentümer nach sich ziehen, wenn sie diese Dinge auf einem Foto entdecken, meinte er später zu Heinrich, als sie den Rückweg ins Hotel antraten.
Am Abend hatten sie Gesellschaft bekommen. Ein Ehepaar hatte am Tisch nebenan Platz genommen: Erwin und Elfriede Hippel aus Berlin-Charlottenburg. Sie befanden sich auf einer Ermland-Expedition in Sachen Familienchronik und erwiesen sich als äußerst mitteilungsbedürftig. Besonders Erwin Hippel. Auffällig waren seine »Berliner Schnauze« und sein Bierbauch, den er wie eine Trophäe vor sich her trug. Hippel war von kleiner Statur, und ein Meckischnitt zierte seinen kleinen runden Kopf. Seine Frau wirkte hingegen eher etwas farblos, ja fast unauffällig. Sie trug eine dicke Hornbrille. Wenn Erwin erzählte, nickte Elfriede oder sein »Friedchen«, wie er sie liebevoll nannte, zuweilen selbstzufrieden und zustimmend mit dem Kopf.
»Wissen Sie, meine Frau, die stammt aus Heilsberg – und wir haben uns beim hiesigen Standesamt ein paar alte Heiratsurkunden kopieren lassen. Der Hotelier war so freundlich und hat uns einen Dolmetscher besorgt.«
Mit einem schnellen und geübten Handgriff fischte Erwin Hippel aus Charlottenburg einen Laptop hervor, den er wohl schon eine Weile zuvor neben seinem Stuhl abgestellt hatte, und breitete sich damit vereinnahmend auf dem Tisch aus.
»Schauen se mal«, meinte er, nachdem alle auf den Augenblick gewartet hatten, dass das Gerät seinen Betrieb aufnehmen konnte. »Dat iss unser Stammbaum.«
Albert und Heinrich waren beeindruckt. Sie erblickten auf dem Monitor einen riesigen Baum, einer, wie er sonst nur im Urwald zu Hause war, mit Hunderten von kleinen Verzweigungen und Verästelungen. Und an allen Enden prangten Namen und Jahreszahlen.
»Haben Sie die etwa alle im Kopf?«, wollte Albert wissen.
»Nee, nisch alle. Aber die meesten.«
Und dann, dann kam die Stunde des Erwin Hippel. Er lief zur Hochform auf, gerade so, als habe er auf diese Frage gewartet, berichtete er von hugenottischen Verwandten dritten Grades, von Bauernkriegen und ehrbaren Kaufleuten, von einem Scharfrichter in der fünften Generation und von einer jungen Frau mütterlicherseits, die nach einem Ehebruch im 17. Jahrhundert qualvoll auf einem Scheiterhaufen endete.
»Tja, scheußliche Sache«, meinte Albert und nippte an seinem Bier. Es war bereits das zweite, das er sich an diesem Abend bestellt hatte. Für ihn war es so, als wollten sich die Wurzeln dieses wundervollen Stammbaumes um den Tisch winden. Dieser Stammbaum, er nahm Besitz von jedem und allem.
»Erwinchen, erzähl den Herrschaften doch mal von unserem Herrgottschnitzer«, meldete sich völlig unerwartet Elfriede zu Wort. Sie hatte die ganze Zeit den Worten ihres Mannes andächtig gelauscht, was wohl Teil ihrer von Gott gegebenen Bestimmung war.
»Herrgottschnitzer? Meinen Sie etwa den Lipow?«, mischte sich Heinrich jetzt ein.
»Ja, genau den. Sie glauben ja nischt, wat wir jestern entdeckt haben.«
»Nun erzählen Sie schon, und spannen Sie uns nicht so auf die Folter«, drängelte Heinrich, der zunehmend neugieriger wurde.
»Also, meene Frau und icke, wir waren jestern auffe Heilsberger Waldfriedhof. Und wat glauben se, wat wir dort entdeckt haben?«
»Ja was denn?«
Zu Heinrichs Neugierde gesellte sich jetzt Ungeduld.
»Die Grabstätte meiner Schwiegerleute.«
»Das Grab existiert noch?«, fragte Heinrich verblüfft.
»Ja. Und das Beste kommt jetzt. Passen se jenau uff: Das Grabkreuz ist aus Holz. Und nun raten se mal, wer das anjefertigt hat.«
Ungläubig blickte Heinrich zu Hippel hinüber.
»Doch nicht etwa Michael Lipow?«
»Ja, jenau, der Michael Lipow.«
»Herr Hippel, da haben Sie aber einen Volltreffer gelandet.«
Heinrich wusste um dieses Kreuz, und er wusste auch um einen von Lipow gefertigten Tisch im Schlossmuseum.
»Ich erzähle Ihnen mal ein bisschen was über diesen Herrgottschnitzer.«
»Ach, Herr Ostrowski, det brauchen se nisch«, würgte Hippel Heinrichs Offerte ab.
»Wir haben uns schon informiert. Nisch wahr, Friedchen!«
»Ja, Herr Ostrowski, mein Mann hat sich in dem Internet informiert. Da hat er alles und noch viel mehr über den Herrn Lipow entdeckt.«
»Sehen Sie«, nickte Hippel. »Mein Friedchen und ich, wir sind bestens vorbereitet jewesen. «
Es gefiel Heinrich ganz und gar nicht, dass er jetzt nicht zum Zuge kam. Doch was sollte er tun? Also überließ er Erwin Hippel das Feld, der mit seinen Schilderungen urplötzlich und völlig unerwartet ins reine Hochdeutsch wechselte.
»Lipow, meine Herrschaften, also Lipow, der stammte aus einer deutschen Müller-Familie in Rschew, das etwa 250 Kilometer von Moskau entfernt liegt. Er entdeckte sehr früh die Kunst als den Inhalt seines Lebens«, erzählte Hippel, dialektfrei, gerade so als habe er die Sätze auswendig gelernt.
»Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges musste er mit seiner Familie Russland für immer verlassen. Er zog nach Hannover, später nach Königsberg, wo er sein Studium beendete und seine künftige Frau Martha Hohmann hier aus Heilsberg kennenlernte. Schließlich fand er 1923 auch in Heilsberg seine Heimat. Sein schöpferisches Wirken können wir bis heute in vielen Kirchen und auf einigen Friedhöfen des Ermlands bewundern. Seine Heiligenstatuen, Grab- und Weg-Kreuze zieren Kirchen und Friedhöfe rund um die Stadt, aber auch die Wallfahrtskirche Heiliglinde und andere Orte. Als Restaurator arbeitete er ebenfalls an der Renovierung vieler Figuren und Bilder. Ob Holz, Stein oder Leinwand – Lipow ist sich selbst immer treu geblieben. Nach der Flucht vor der Roten Armee im Winter 1945 zog er nach Künzelsau in den heutigen Hohenlohekreis in der Nähe von Schwäbisch Hall. Dort war er bis ins hohe Alter von 92 Jahre tätig. Er starb als sozusagen »zweimal Heimatvertriebener« in Künzelsau im Jahr 1983. Seine Kunst im Ermland und im Hohenlohekreis beweist die Richtigkeit seiner Haltung gegenüber dem Schmerz des Heimatverlustes. »Arbeiten ist besser als Nüschtstun«, hat er einmal gemeint.«
Erwin Hippel konnte seine Begeisterung nicht verbergen.
»Is det nisch fantastisch. Da finden wir een Grab von unseren Vorfahren, und dann wurde det Kreuz auch noch von so einem janz berühmten Mann jefertigt!«
Albert und Heinrich pflichteten ihm bei. Und auch Friedchen nickte – für alle ein wenig unerwartet – freudig mit dem Kopf.
Dann verabschiedete sich Hippel, nachdem er die familiengeschichtliche Sensation in allen Details zum Besten gegeben hatte, von seinem Stammbaum und wechselte das Thema.
»Woher kommen Sie eigentlich, Herr Ostrowski?«
»Ich stamme aus der Nähe von Guttstadt, aus einer alten Bauernfamilie. Keiner gehenkt oder verbrannt. Hugenotten oder Schnitzer gibt es auch keine«, scherzte Heinrich.
»Und Sie?«, wandte sich der Familienforscher Albert zu. »Woher stammen Sie?«
»Aus Klotainen, das liegt hier gerade um die Ecke.«
»Stammt Ihre Familie von dort?«
»Meine Mutter wurde in Raunau geboren. Mein Vater in Elbing.«
»Elbing an der Ostsee?«, fragte Hippel neugierig.
»Ja.«
»Muss eine wunderschöne Stadt gewesen sein, bevor die Russen alles kurz und klein gebombt haben.«
»Ja, das war es auch.«
»Elbing stand Danzig in nichts nach«, fügte Heinrich ein, der jetzt seine Chance gewittert hatte.
»Wissen Sie, in Elbing wurde 1828 das erste Dampfschiff Ostpreußens gebaut. In den Jahren von 1840 bis 1858 ließ der königlich-preußische Baurat Georg Steenke den Oberländischen Kanal zwischen Deutsch Eylau, Osterode und Elbing anlegen. Bereits 1853 konnte die Eisenbahnlinie nach Königsberg fertig gestellt werden. Elbing war eine Industriestadt. Hier erhielt die SPD stets die Mehrheit der Wählerstimmen. Die Stadt hat viele Fabriken, die unter anderem auch Lokomotiven herstellen, dann die Zigarrenfabrik Loeser & Wolff, eine große Brauerei und Schnapsbrennerei, eine Schokoladenfabrik, eine Autofabrik und natürlich die Schichau-Werke.«
»Da hat mein Großvater als Werkzeugmacher gearbeitet.«
Albert hatte angeregt zugehört und ergriff jetzt wieder das Wort.
»Er erzählte seinen Kindern immer, dass schon im 13. Jahrhundert in Elbing Schiffe gebaut worden seien. Die Elbinger Handelsherren hätten ihre Schiffe vor Ort in eigener Werft und nach eigenen Wünschen bauen lassen. Mein Vater hat nie viel von meinem Großvater erzählt und wenn, dann ließ er kein gutes Haar an ihm. Die beiden hatten wohl nicht das innigste Verhältnis zueinander. Ich selbst habe meinen Großvater nie zu Gesicht bekommen.«
»Wie kam das?«
»Weiß nicht. Offenbar interessierte dieser sich mehr für seinen Beruf als für seine Kinder oder Enkel.«
»Hat Ihr Vater bei Ihnen zu Hause über die Zeit in Elbing erzählt?«, hakte Hippel nach.
»Manchmal – meistens immer dann, wenn er aus Miggegrets Kneipe zurückkam, einen gesäuselt hatte und wir Kinder noch in der Wohnstube zu Tisch saßen. Nach dem Essen hockte er sich dann mit uns an den Kachelofen und erzählte – manches Mal auch von seiner Kindheit in Elbing.«
Die Kolonisten
Albert und Karl liebten es, wenn ihr Vater von Elbing erzählte, von Mattendorf, der Pangritzkolonie, den alten Giebelhäusern und vom Leben unweit des Meeres. Für eine Weile konnten sie eintauchen in eine Welt weit weg vom ostpreußischen Landleben.
Zumeist begannen seine Geschichten immer mit dem gleichen Satz: »Wisst ihr, in Elbing bewohnten wir ein kleines Haus zwischen der Brauerei und Mattendorf. Das war eine Straße, an der die Leute Plinsen nur auf einer Seite buken … «
Danach folgten zumeist immer ein paar Fragen.
»Wisst ihr, was das heißt?«
Karlchen wusste, wie man Frösche zum Platzen brachte oder wieso eine klotainische Kuh mehr Milch lieferte als ihre Kollegin aus Wernegitten. Albert besaß außergewöhnliche Kenntnisse darüber, wo es in der Simser die besten Flusskrebse gab und wie man einen kapitalen Hecht ausmachen konnte. Aber was es mit den Plinsen in Elbing auf sich hatte, davon hatten die beiden nicht den geringsten Schimmer.
»Also ihr Lorbasse, das bedeutet, dass die Häuser nur auf der nördlichen Straßenseite gebaut waren.«
Willi lehnte sich gemütlich zurück.
»Und warum Matten?«
»Weil auf den ersten kleinen »Arme-Leute-Häusern« die Dächer mit Matten gedeckt waren, die von Getreideschiffen am Hafen in Mengen liegen gelassen worden waren«, antwortete Karlchen wie aus der Pistole geschossen.
»Woher weißt du das denn?«
»Du hast uns schon einmal davon erzählt«, grinste Karl.
Willi nahm sein Taschentuch, fuhr über die Nase und schnäuzte sich zwei-, dreimal.
»Gut aufgepasst, Karlchen. Gut aufgepasst. Aber hab’ ich euch eigentlich schon einmal von Paulchen und den Kolonisten erzählt?«
Fast synchron schüttelten die beiden Burschen die Köpfe.
»Nein? Wirklich nicht?«
Willi zündete sich eine seiner Salem-Zigaretten an und blies eine dicke Rauchschwade durch das Zimmer. Albert hatte ihm die Zigaretten bei der Miggegret besorgt. In einer Schachtel waren immer drei. Bei der Miggegret holte sich Albert zuweilen für 25 Pfennige auch sein Fliegerbier – eine Art gelbe Limonade. Die Miggegret, ledig und von recht korpulenter Statur, betrieb neben der Dorfkneipe einen kleinen Kolonialwarenhandel und dort gab es alles – auch die Salem für den Vater. Genüsslich zog Willi an der Zigarette. Sie war ohne Filter, muss wohl ziemlich stark gewesen sein, denn sie rief bei ihm mit jedem Zug auch immer ein leichtes Räuspern hervor.
»Ämmh, also seit Jahren schon waren Paul und ich dicke Freunde. Eigentlich seit dem Moment, als die schusselige Minna, also das war die Dienstmagd des Lehrers, durch die Decke des Klassenzimmers plumpste und ihr Hinterteil in seiner ganzen Pracht sichtbar über den verdutzten Schülern hing.«
»Das Hinterteil? Der ganze Dupps?«
Karlchen klopfte sich vor Vergnügen auf die Oberschenkel, während Willi um die Ecke lugte, um auszuschließen, dass Mutter Elisabeth etwas von seiner pikanten Kinderstunde mitbekommen hatte.
»Ja sicher, was meint ihr denn? Der ganze prachtvolle Dienstmagddupps!«
Hatte er gerade noch laut und deutlich erzählt, ging er jetzt schlagartig in einen Flüsterton über.
»Der Lehrer meinte, wer hinschaut, der solle blind werden, als er nach oben ging, um dem armen Marjellchen zu helfen.«
Karlchen rutschte aufgeregt auf der Ofenbank hin und her.
»Und hast du hingelugt?«
»Was denkt ihr denn!«, lachte Willi. »Klar habe eijn Og riskiert und wisst ihr: Blind geworden bin ich och nuscht. Oder seht ihr da irgend wat an meijne Ogen.«
Karlchen schaute sich den Vater etwas genauer an und grinste.
»Ne Vadder, scheint alles noch in Ordnung!«
Willi wusste, dass Paul, der zwei Bänke vor ihm saß, neben ihm der einzige war, der hingeschaut hatte. Das imponierte ihm. Willi und Paulchen, wie er ihn freundschaftlich nannte, das verhielt sich seitdem wie ein durchhängender Dupps zu einem Eimer. Sie wohnten in derselben Straße, sie waren fast gleich alt, und so manches Abenteuer sollten sie fortan gemeinsam überstehen. So stahlen sie der alten Grethe das fette Huhn, als es mutterseelenallein und gänzlich herrenlos in der Nähe des Elbing-Flusses promenierte. Ein anderes Mal mopste Paulchen seiner größeren Schwester Hanne einen Büstenhalter von der Wäscheleine. Mit dem Beutestück, das alle Maße übertraf, die Willi bislang in seinem noch jungen Leben wahrgenommen hatte, statteten sie der unverhüllten »Anna« einen Besuch ab. Anna, so nannten die Elbinger liebevoll die Statue, die Diana, der altrömischen Göttin der Jagd, gewidmet war. Sie stand dort, wie Paulchen fand, ziemlich schamlos zwischen der Kaiserin Auguste-Victoria-Schule, dem Elbinger Lyzeum und dem Pfarrhaus der St. Marienkirche in einem kleinen Lustgarten herum. Willi war schon immer der Meinung, dass man ihr mal etwas anziehen müsste. Besonders oben herum. Und was würde Diana besser passen, als der überdimensionale Büstenhalter von Paulchens Schwester?
Mit Paulchen hatte er sich eines Tages auf Beutezug in das Gebiet der Kolonisten gewagt, mitten in die Pangritzkolonie. Es kam wie es kommen musste. Plötzlich waren sie da – so als hätte der Himmel sie ausgespuckt – und das unmittelbar vor ihre Nase.
»Lauf Willi, lauf um dein Leben! Die Kolonisten kommen!«
Paulchen stand da wie festgewachsen, die Panik ins Gesicht geschrieben. Eben noch hatte er eine dieser dunkelroten, leckeren Kirschen genüsslich von einer Backentasche in die andere geschoben, als er plötzlich eine bedrohliche Ansammlung von zehn bis fünfzehn zornigen Burschen den sandigen Weg hinauflaufen sah. Dass die etwas mit dem Kirschbaum zu tun gehabt haben mussten, dem Willi und Paul zuvor einen Besuch abgestattet hatten, war offensichtlich. Das verriet Paulchen schon dieses knackige und zuckersüße Stückchen Frucht, das seine Geschmacksnerven für einen kurzen Augenblick in reinste Verzückung hatte geraten lassen. Sein noch ach so junges Leben war sicherlich nicht in Gefahr, das ahnte Willi schon, zumindest aber würden sie ordentlich Kattun kriegen, bekämen die Kolonisten sie erst einmal in die Hände.
Sicherlich würden sie ihnen die Kleider vom Leib reißen und sie mit geübten Stockschlägen durch die Brennnesseln treiben, so wie sie es mit dem kleinen Glogowski gemacht hatten, als dieser sich einmal erdreistete, einen Apfel aus der Kolonie mitzunehmen, der, von der Pangritzer Bevölkerung völlig unbemerkt, zuvor den Baum als Fallobst verlassen hatte. Und sie? Sie hatten die Eimer und Hosentaschen jetzt voll von Kirschen – Pangritzkirschen. Also gab es für Willi und Paulchen nur eins: Rennen! Sie ließen die Eimer Eimer sein und rannten, rannten, als hätte gerade ihr letztes Stündlein geschlagen. Ja, sie rannten in diesem Augenblick tatsächlich so, als ginge es um ihr Leben.
Die Kolonisten, das waren die Burschen aus der Pangritz-Kolonie. Es gab sie in verschiedenen Größen – zumindest an diesem späten Frühlingsnachmittag. Vorne weg preschten zwei große Lantrusse. Dahinter hatten sich jede Menge Lorbasse formiert, gefolgt in einigem Abstand von ein paar kleinen Rotznasen, die sich das Spektakel als kurzweilige Spätnachmittagsvorstellung offensichtlich nicht entgehen lassen wollten.
Willi und Paulchen steckten knochentief im Schlamassel. Sie befanden sich auf feindlichem Territorium, die Beweislage war eindeutig, und die wilde Horde rückte ihnen ständig näher auf die Pelle.
Immer wieder mal waren die beiden in der Vergangenheit in die Pangritzkolonie zum Beutezug ausgerückt. Das Angebot war schließlich reichhaltig und verlockend. Es gab saubere Gärten, Gemüse, viele Obstbäume, auch mal einen Karnickel- oder Hühnerstall, da waren Bienenkörbe und zusätzlich ertragreiche Schrebergärten – alles ideale Orte für eine Erfolg versprechende Expedition. Vor hundert Jahren existierten dort, wo die prallgefüllten Kirschbäume standen, nur Sandhügel. Bis ein ehrbarer Elbinger Kaufmann sie aufkaufte. Er erbaute für sich den Pangritzhof mit einem großen Garten, was ihm offenbar reichte. Das übrige Land teilte er in Parzellen auf und gab es gegen eine geringe Pacht an arme Leute. Die Pacht blieb bestehen, auch als der Pangritzhof später zum Gasthaus »Alte Welt” wurde. Doch was spielte diese Großherzigkeit eines Mannes, den sie noch nicht einmal kennen gelernt hatten, jetzt noch für eine Rolle? Für Willi und Paulchen überhaupt keine.
»Komm Willi, da den Hügel hinauf!«
Paulchen deutete in Richtung »Alte Welt.«
Hatte sein Kumpel vielleicht einen Ausweg aus der Misere gefunden? Willi wollte es noch nicht so recht glauben. Doch egal, was kommen mochte: Paule, der würde ihn nicht im Stich lassen. Das wusste Willi nur zu genau. Und auch umgekehrt konnte Paul immer auf ihn zählen. Das war gewiss. Und gerade dann, wenn Willi glaubte, dass es keine Lösung mehr geben würde: Paulchen, der fand eine.
»Schnell, da drüben!«
Willi hatte einen Moment inne gehalten, war stehen geblieben, um abzuschätzen, wie dicht ihnen die Pangritz-Meute schon auf den Fersen war. Lange würde man sie sich nicht mehr vom Leibe halten können.
»Deiwel noch eins! Willi, nun komm endlich!«
»Wo willst du hin?«
»Zum Friedhof hinter der »Alten Welt!«, knurrte Paulchen.
War das die Rettung? Ein Friedhof als letzter Ausweg?
Das Gasthaus »Alte Welt” war ein Gebäude mit einem halbrunden Giebel. Ins Gasthaus selbst hatte Willi sich bislang noch nie getraut. Merkwürdig berührte es ihn, dass gleich hinter dem Garten der alte Friedhof lag, der zur Pauluskirche gehörte. Auch sollte im Garten der Richtblock des letzten Scharfrichters Macketanz aufgestellt sein – was für ein Graus! Und auch die Richtstätte »Önner Grund” war nicht weit entfernt.
Als Willi und Paulchen den Friedhof erreichten, waren ihnen die Kolonisten schon ein bedrohliches Stück dichter auf die Fersen gerückt. In der zweiten linken Reihe hinter dem Eingangstor hatte man offenbar an diesem Nachmittag jemand beigesetzt. An beiden Seiten lag frisch die Erde aufgeschüttet. Die Bestatter hatten noch nicht damit begonnen, das offene Grab zuzuschaufeln.
»Schnell, da hinein«, fauchte Paulchen.
Was? Willi stutzte, und er zuckte mit dem ganzen Körper. Hatte er wirklich richtig gehört. Hinein!? Wo hinein, um Himmelswillen? Etwa in das Grab? Er sollte wirklich in dieses Loch hinein springen?
»Willst du wirklich, dass wir ins Grab hüpfen?«
Es gab keinerlei Zweifel. Paulchen hatte ihnen dieses Grab als Stätte der Zuflucht ausgesucht. Er wollte sich dort keineswegs zur ewigen Ruhe betten, aber eine Zeit lang, so hatte er es sich erhofft, würde man dort vor diesen blutrünstigen Kolonisten vielleicht sicher sein.
»Und wenn die uns dann zuschaufeln, Paule? Oder wenn das alles zusammenstürzt?«



