Das Mädchen mit den Schlittschuhen

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Paulchen wusste was Willis »Paule« bedeutete. Wenn er ihn so nannte, war er misstrauisch oder zumindest von Skepsis geplagt.
»Komm Willi, schabber nuscht. Rein da!«
Mit einem Sprung war Paulchen in das Grab gehechtet. Er schlug hart mit den Knien zwischen den vielen Kränzen auf dem Sargdeckel auf und zog ein schmerzverzerrtes Gesicht. Auch Willi hatte sein ganzes Herz in die Hand genommen und war hinterher gesprungen. Er landete vergleichsweise weich auf den Trauerkränzen.
»Schnell, das Grünzeugs drüber«, trieb Paulchen ihn zur Eile an.
Die beiden hatten sich gerade unter den Kränzen vergraben, als sie ein Wirrwarr von Stimmen und Schritten vernahmen, das schnell näher kam.
»Das sind sie – die Kolonisten!«
»Ruhig«, flüsterte Paulchen.
Willi spürte, wie sein Herz lauter schlug. Er roch das Tannengrün, das ihn auch nicht wirklich beruhigte. Jetzt nur keine unbedachte Bewegung, nur kein auffälliges Räuspern, dachte er bei sich und lauschte, wie sich zwei Kolonisten, vermutlich handelte es sich um die beiden Anführer, aufgebracht unterhielten.
»Die können doch nicht vom Erdboden verschluckt worden sein!«
»Vielleicht hat der Geist vom ollen Scharfrichter Macketanz sie ja geholt!«, meinte der andere und lachte hämisch.
»Vielleicht haben sie sich hinter einem Grabstein versteckt!«
»Willst du hier wirklich jeden Grabstein nach denen absuchen?«
Ein dritter mischte sich ein – einer der jüngeren Kolonisten.
»Ich muss gleich zu Hause sein. Es wird schon dunkel!«
»Ach, deine Uhr geht doch nach Buttermilch«, knotterte einer der Anführer.
»Geht sie nuscht. Es ist schon nach 20 Uhr«, jammerte der Jüngere.
»Kick doch dem, ich hab doch direkt gesagt, wir lassen den Kleenen zu Hause«, meldete sich ein Vierter leicht verärgert zu Wort.
»Ich muss auch bald zu Hause sein. Wenn ich später komme, dann setzt es was.«
Auch ein weiterer Verfolger hatte erhebliche Bedenken, dass er die Prügel, die er hier eigentlich verteilen wollte, gleich selbst von seinem Vater einstecken würde.
Für einen Moment wurde es merklich ruhig in der Oberwelt.
»Also gut, gehen wir«, lenkte einer der Anführer ein.
Willi und Paulchen lauschten, wie die Horde sich entfernte. Als sie sich sicher sein konnten, dass die Schweinebande wirklich den Rückzug angetreten hatte, wollten sie sich gerade von den Kränzen befreien und die grausige Stätte verlassen, als sie erneut Geräusche wahrnahmen.
Willi erschrak.
»Sind das wieder die Kolonisten? Sie kommen zurück! Oder?«
»Glaub ich nuscht«, flüsterte Paulchen. Diese Stimmen klangen älter, und sie näherten sich mit lautem Gebraasch.
Was Willi und Paulchen nicht sehen konnten: Zwei dunkle Gestalten hatten gerade der Gastlichkeit der »Alten Welt« den Rücken zugekehrt, das Friedhofsgelände betreten und es schien so, als steuerten sie direkt auf das Grab zu. Dass sie dabei nicht immer den kürzesten Weg einhalten konnten, lag wohl daran, dass sie zuvor von der Wirtin aufs Beste versorgt worden waren.
»Das sind nicht die Kolonisten. Das sind zwei, die haben sich einen gebrannt, Paul. Die haben den Kanal voll.«
»Psst! Sei still, Willi!«, flüsterte Paulchen.
»Du Behnke, der Bärenfang in der »Alten Welt« war auch schon mal besser.«
»Weeste, Komputzki, ich gönn mir eh lieber een gepflegtes Bierchen. Wer Schnaps trinkt, der steckt ooch Häuser an.«
»Ach was, ick hab men Lewen lang noch keen Haus anjesteckt.«
Willi erschrak. Was war das, was er dort gehört hatte? War das nicht der Klang von Metall, den er gerade wahrgenommen hatte? Ein Klang, so als ob Metall gegen einen Stein geschlagen worden war? Das Geräusch beunruhigte ihn. Natürlich war es Metall! Und gehörte zu dem Metall möglicherweise auch noch ein Stiel? Und ergab beides zusammen nicht eine Schaufel? Und wer machte sich am späten Nachmittag noch mit einer Schaufel auf dem Friedhof zu schaffen? Die Antwort lag für Willi auf der Hand: Die Totengräber!!!
Eiskalt lief es ihm den Rücken hinunter bei der Vorstellung, er könne gleich in diesem Loch bei lebendigem Leib begraben werden. Die Totengräber hatten offenbar im Gasthaus ein kleines Päuschen eingelegt, um nach reichlich Zuführung von Hochprozentigem die Arbeit an dem Grab fortzusetzen.
»Raus hier, Paulchen! Nix wie raus hier!«
In Panik schleuderten Willi und Paulchen die Kränze von sich und versuchten sich am Rand der Grube hochzuziehen, was jedoch daran scheiterte, dass die sandige Erde nachgab. Immer wieder versuchten sie am Rande des Grabes hochzuklettern. Doch stets rutschte die Erde nach. Immer mehr Sand füllte das Grab. Schließlich gelang es Paulchen, sich an einem Balken, der quer über das Grab gelegt worden war, hochzuhangeln. Mit einer Hand griff er nach Willi und zog ihn aus dem dunklen Loch.
Beide streiften sich noch kurz die Erde von den Hosen ab und dann taten sie das, was sie eine halbe Stunde zuvor auch schon getan hatten: sie rannten.
»Deiwel noch eins! Was ist das denn?«
»Was denn, Komputzki?«
»Da ist jemand …, da ist jemand aus dem Grab rausgekommen? Und nuscht nur einer. Ich glaub’, es waren sogar zweije!«
Komputzki stand dort wie zu einer Salzsäule erstarrt, geradeso als sei der Leibhaftige mit einem weiteren Höllenwesen der Unterwelt entstiegen.
»Ach halt den Jabbel, Komputzki. Ich glaub’, du hast dir zu viel vom Bärenfang off de Lampe gegossen.«
»Wenn ich es dir doch saag, da sind zwee aus dem Grabe heraus!«, beteuerte Komputzki, dem ohne Pause die Knie schlotterten.
Behnke wurde ungehalten.
»Ach Unfug. Los Komputzki, fang an und schaufele. Sonst sind wa morjen früh noch nuscht fertig.«
Als Willi und Paulchen längst schon hinter der Kirche verschwunden waren und den Nachhauseweg angetreten hatten, unterhielten sich die Totengräber noch lange bei ihrer Arbeit. Als das Werk getan war, war sich Komputzki sicher, dass diese geisterhafte Erscheinung – genauso wie Behnke es meinte – nur durch den Bärenfang ausgelöst worden sein konnte.
»Glaub mir, Komputzki, der Bärenfang, der is nuscht Gutes nuscht. Du solltest künftig vielleicht besser beim Reinen Wort Gottes weilen«, womit Behnke den Kornschnaps meinte.
Komputzki besann sich tatsächlich eines Besseren. Fortan ging er durch die Welt und pries das Reine Wort Gottes bei jeder sich bietenden Gelegenheit in den höchsten Tönen und dankte es ihm auf mannigfaltige Weise. Erscheinungen soll er seitdem auch keine mehr gehabt haben …
Das Dingslamdei
Wann Willi erstmals das Meer sah, daran konnte er sich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Doch sobald er durch die Haustüre trat, konnte er es riechen und schmecken. Vater Wilhelm, ein langer schmaler Mann, arbeitete bei den Elbingener Schichauwerken als Werkzeugmacher, Mutter Johanna kümmerte sich um die Kinder. Als da waren: Willi, sein kleinerer Bruder Kurt und seine ältere Schwester Elisabeth. Gemeinsam bewohnten sie in Mattendorf ein kleines Häuschen. Von hieraus war es nicht weit zum Ostpreußenwerk am Elbingfluss, die Schornsteine der Brauerei Englisch-Brunnen konnte man sehen, und auch der schöne Ziesepark lag in der Nähe. Hinterm Haus gab es einen kleinen Obstgarten mit Äpfel-, Birnen- und Kirschbäumen. Hier saß Johanna an milden Tagen oft auf einer Bank und schaute den Kindern beim Spielen zu. An dem großen Kirschbaum hatte Vater Wilhelm eine Schaukel befestigt, das Brett dazu stammte von einem Bierkasten der Brauerei Englisch-Brunnen, das Seil hatte er am Hafen besorgt. Johanna liebte die Schaukel am Kirschbaum, sie mochte es, wenn sie in der noch warmen Abendsonne den kleinen Kurt auf den Armen hielt und der Wind durch ihre rabenschwarzen Haare streifte. Wenn sie schaukelte, fühlte sie sich dem Himmel auf Erden ein Stückchen näher.
Es war schon spät am Nachmittag, als es Willi vor die Haustüre zog.
»Mutter, kann ich mal zum Paulchen rüber?«
»Ja, aber komm nicht zu spät nach Hause. Du weißt, dass dein Vater es nicht mag, wenn du nicht beizeiten am Abendtisch sitzt.«
»Kein Problem!«, versicherte Willi.
Er wusste, dass sein Vater sehr ungehalten sein konnte, wenn er mal etwas später kam. Früher – vor dem Krieg – da war er ganz anders zu den Kindern gewesen, hatte ständig mit ihnen rumgealbert, und sie hatten jede Menge Spaß miteinander. Als Mutter ihn zu den anderen Soldaten an den Bahnhof brachte, steckten ihm zwei Frauen eine Blume an. Er nahm sie und gab sie seiner Frau, »damit sie immer an ihn denken möge.« Das war 1914. Als er drei Jahre später verwundet und gezeichnet aus der Gashölle von Ypern zurückkehrte, hatte Johanna als Willkommensgruß einen Blumenkranz um die Eingangstür gewunden. Wilhelm nahm ihn nicht einmal zur Kenntnis. Sein Blick war starr geworden, und manchmal zitterte er am ganzen Körper. Ständig war er gereizt, die kleinste Kleinigkeit konnte ihn aus der Bahn werfen.
»Vater hat im Krieg Furchtbares erlebt«, sagte Mutter einmal. Darüber geredet hatte er nie. Mit den Jahren wurde sein Zustand etwas besser. Die Arbeit in den Schichauwerken machte ihm jedoch stark zu schaffen. Ganz gesund wurde er nie wieder. Das Giftgas von Ypern steckte tief in seinem Körper und in seiner Seele.
Nach ein paar Minuten hatte Willi Paulchens Haus erreicht. Er klopfte an die Tür, die sich kurze Zeit später öffnete. Vor ihm stand Paulchens größere Schwester Hanne in Pampuschen und Kittelschürze. Sie war von schlanker Statur, mit blonden Zöpfen und einer riesigen Oberweite, was zu dieser Zeit selbst dem kleinen Willi ins Auge fiel. Schließlich konnte man ihre Brüste einfach nicht übersehen. Hanne, da war er sich sicher, die hatte bestimmt Dutzende von Verehrern.
»Na Willi, willste zu unserem Paule?«
Willi nickte.
»Ja, ist er zu Hause?«
»Ja, ist er. Sag mal Willi, kann es sein, dass ihr – also du und det Paulchen – in den vergangenen Tagen mal was mitgenommen habt, was mir gehörte und was im Wäschekorb hinterm Haus lag?«
»Nee, was meinste denn?«
Willi schluckte.
»Na, so’ n Stück Wäsche.«
Willi stellte sich dumm. Er wusste nur zu genau, worauf die Hanne hinaus wollte.
»Nen Stück Wäsche? Wat denn für ne Wäsche? Strümpfe vellecht?«
»Ne keijne Strümpfe. So nen Büstenhalter eben.«
»Eijnen Büstenhalter? Eijnen in echt?«
Willi bemerkte, wie sich in Hannes Gesicht zu dem ansonsten so blassen Teint ein leichtes Rot gesellte.
»Aber Hanne, wat sollen Paulchen und ich denn mit nem Büstenhalter? Wir sind doch keijene Marjellchens nuscht. Brauch ich etwa nen Büstenhalter?«, lachte er und schob sich mit beiden Händen den Pullover nach oben.
Willi wusste, dass Hanne sehr eigen war, was ihre Kleider betraf. Würde sie merken, dass er ihr etwas vorgaukelte? Oder würde er sie tatsächlich mit seinem stümperhaften schauspielerischen Talent täuschen können?
»Ja, wer wees, wat hier manchmal für Packzeug um de Häuser streicht! Da hatte bestimmt einer einen Furz im Kopf.«
Paul erschien in der Tür und zwängte sich mit einer Angel unterm Arm und einem Eimer in der Hand an Hanne vorbei.
»Hallo Paulchen! Wie geht’s?«
»Gut! Weijste Willi, Hanne sucht immer noch ihren Büstenhalter, so eijnen großen. Irgend eijn Lodschack hat den wohl mit nach Hause genommen. Vellecht hat da jemand eijne Sammlung mit eröffnet.«
»Wisst ihr, wenn ich den erwische, dem hau ich eins auf den Nischel«, zischte Hanne und meinte: »So, ihr beiden. Ich muss mich noch um de Wäsche kimmern.«
»Tschüss, Hanne.«
»Tschüss, Willi.«
Hanne schloss die Tür. Willi wandte sich Paulchen zu.
»Gehen wir angeln? Zum Elbing-Fluss?«
»Ja klar, warum nicht.«
Für Willi gehörte der Elbing-Fluss zu den bemerkenswertesten Flüssen der Welt. Oft schon hatte er hier gefischt. Für ihn war dieses Gewässer nicht nur das Tor zur Welt, es ernährte ihn zuweilen auch ganz gut mit fangfrischem Fisch – wenn man diese wenige Zentimeter langen Rotaugen denn zur Gattung der Fische zählen wollte, die in den häufigsten Fällen am Haken zappelten. »Mit denen brauchst erst gar nuscht durch die Haustür zu kommen«, hatte seine Mutter gemeint. Also grillte Willi sie zumeist am Fluss oder schenkte ihnen ein zweites Leben, indem er sie wieder zurück ins Wasser beförderte.
Willi und Paul hatten sich am Ufer ein schattiges Plätzchen gesucht. Aus einer kleinen Streichholzschachtel, die Paul in der Hosentasche trug, fischte er einen Regenwurm heraus und hielt ihn wie eine Trophäe in die Höhe.
»Schau, den hab’ ich heute morgen im Garten ausgebuddelt.«
Paul hielt Willi das stattlichste Exemplar vor die Nase.
»Dass der überhaupt in eine Schachtel passt!«, grinste Willi.
Nachdem der Köder fachmännisch am Haken befestigt worden war, warf Paul die Angel aus. Am oberen Ende der Rute befestigte er ein kleines Glöckchen. Dann zogen beide ihr Hemden aus und rollten sie als Kopfkissen zusammen. Sie legten sich ins Gras und ließen sich die letzten Sonnenstrahlen des Tages auf den Bauch scheinen, als plötzlich ein wuchtiger Ruck durch die Angel ging.
»Schnell Willi, pack mit zu!«
Paulchen hatte wohl gemerkt, dass da etwas am Haken zappelte – zunächst nur ganz leicht, dann immer heftiger, je mehr er die Angelschnur einholte. Alleine, das spürte er, würde er diesen kapitalen Burschen nicht einholen können. Das Fischlein schlug todesmutige Haken nach allen vier Himmelsrichtungen. Zu zweit umklammerten sie die Angel, die sich am oberen Ende gefährlich nach unten bog, so als wollte sie mit jedem Augenblick zerbersten. Das Tierchen musste noch sehr an seinem Leben im Wasser hängen, denn es wehrte sich nach Leibeskräften. Die beiden starrten wie gebannt auf die Wasseroberfläche, bis sich dort erste dunkle Konturen abzeichneten.
»Was ist das? Ist das eine Schlange?«, fragte Willi ungläubig und starrte aufs Wasser.
Er spürte jetzt jede Muskelsehne in seinen Oberarmen. Das Wassertierchen kämpfte wahrlich tapfer. Doch was würde es ihm nützen? Es hatte sich gänzlich am Haken verbissen.
Nach ein paar Minuten anstrengendem Drill standen Willi und Paul mehr fragend als freudig vor ihrer Beute. Nun hatten sie also etwas an Land gezogen, aber was zum Teufel war das? Es sah aus wie eine Schlange, war aber keine. Und ein Aal? Ein Aal, soviel stand fest, war das auch nicht.
»Ich glaube, ich hab so ein Dingslamdei schon einmal gesehen«, gab sich Willi selbstsicher und erzählte Paulchen, dass es sich dabei um ein recht seltenes Exemplar einer bestimmten Gattung handeln könnte, dessen Name er zwar kannte, der ihm aber bedauerlicherweise soeben während des Drills vor lauter Aufregung entfallen sei. Er glaube aber, sich noch daran erinnern zu können, dass es für die Bratpfanne sehr geeignet gewesen sei, ja dass es eine geradezu vorzügliche Schmackhaftigkeit besessen habe.
Willi überlegte kurz. Dann schaute er Paulchen an und stutzte.
»Schau mal die vielen Augen, die es hat. Meinst du, das ist vielleicht so ein Nässie?«
»Ein Nässie!?«
»Ja! So eijene Sorte eben, die so heijßt, weil sie in eijnem dunklen und furchtbar nassen Wasserloch im Schottenland haust!«, gab sich Willi besserwisserisch.
»Glaub ich nuscht«, wehrte Paulchen ab. »Wat soll denn da hausen?«
»Ja so ‘nen Ungeheuer. Vellecht ist dat hier auch so ‘nen Ungeheuer – halt eben nur etwas kleijner?«
Die beiden debattierten noch eine ganze Weile lautstark. Doch Nässie hin, Nässie her – Paulchen wäre nicht Paulchen, hätte er nicht einen Rat gewusst.
»Wejste Willi, wenn man etwas nuscht kennt, dann muss man einen kennen, der es kennt.«
»Ach ja. Und wen bitte kennst du, der was kennt, was wir nicht kennen?«, fragte Willi neunmalklug.
»Na Raschke, den Schleusenwärter, der weiß bestimmt, was es mit dieser Kreatur auf sich hat. Der lebt schon seit vielen Jahren hier am Fluss und hat schon so manches seltene Wassergetier zu Gesicht bekommen.«
Die Schleuse war eine richtige Falle für die Fische, die den Fluss hinauf und hinab zogen. Da gab es Plötze und Barsche, Aale und Schleie, Bleie und Hechte. An einem Wehr sammelten sie sich an manchen Tagen zu Tausenden. Die Fische bescherten Raschke nicht nur eine stets willkommene Mahlzeit, sondern auch eine satte Nebeneinkunft, die in manchen Monaten größer gewesen sein dürfte, als sein Lohn als Schleusenwärter. Saß er nicht bei seiner Schleuse, war er auf dem Fischmarkt in Elbing unterwegs. Hinter der Schleuse betrieb er noch einen kleinen Räucherschuppen, aus dem ständig stinkender Qualm zog. Hier räucherte er die Aale. Das Feuer nährte er mit Tannenzapfen. »Wegen dat janz besondere Auroma«, wie Raschke stets prahlte.
Also gingen Willi und Paulchen mit Nässie, oder was immer sich auch in dem Eimer befand, zum Haus des Schleusenwärters. Willi klopfte an die Tür, während Paul den Eimer mit der Beute fest mit beiden Händen umklammerte. Die Tür öffnete sich und heraus trat ein kleines hageres Männlein mit einer Schifffahrtsmütze auf dem Kopf und einem Giezkocher im Mundwinkel, der nur noch im Entferntesten Ähnlichkeit mit einer Tabakspfeife hatte.
Raschke fehlte am rechten Arm die Hand. Als Schreinergeselle hatte er sie bei einem Unfall an einer Maschine verloren. Aber er war deshalb kein Griesgram. Trotz seiner Behinderung konnte er ohne Probleme die Schleuse öffnen. An einem großen Kreuzhebel, der aus dem Boden ragte, stemmte er sich mit seinem ganzen hageren Körper gegen die Flügel aus Eisen. Ein Teil der Brücke, die über den Fluss führte, bewegte sich schließlich seitwärts und gab nach kurzer Zeit die Durchfahrt frei.
Raschke lebte alleine und zurückgezogen. Schon vor Jahren war seine Frau verstorben. Kinder hatte sie ihm keine geboren. Sein Haus zierte ein guter Giebel, worüber die Leute zuweilen ihre Späße machten, wollte heißen, seine Nase war etwas größer als die seiner Mitmenschen. Aber das spielte für Willi und Paulchen in diesem Moment keine Rolle.
»Na, ihr Lachodder , wat habt ihr zweje den da inne Ejmer?« Lachodder, das war einer, der zu nichts taugte. Als Schimpfname, der mit einem Augenzwinkern verbunden war, musste man sich den Namen in Elbing gefallen lassen. Und so kümmerte es Willi und Paulchen wenig, wenn Raschke sie auf diese Weise begrüßte.
»Dat wissen wir auch nuscht so genau, Herr Raschke. Wir dachten, dass Sie sich das Tierchen mal etwas genauer anschauen könnten. Vellecht wissen Sie ja, zu welcher Gattung es gehören könnt.«
Raschke kratzte sich am Kopf.
»Gattung! Na gut, dann kommt man ruhig rein, ihr Banausen.«
Die Burschen betraten das Schleusenwärterhäuschen.
Der Schleusenwärter nahm das Tierchen aus dem Eimer. Er hielt es in die Höhe, während es wie wild hin und her zappelte, und betrachtete es von allen Seiten. Immer wieder drehte und wendete er es.
»Hmmh …?« brummelte er dabei in seinen langen zotteligen Bart. »Hmmh …?«
Dann wendete er das Wassertierchen ein weiteres Mal, diesmal in die andere Richtung.
»Also … Es könnte … Hmmh, ja also… Ja ihr Lachodder, also so genau kann ich euch das auch nicht sagen, das mit der Gattung. Wisst ihr, so ein seltenes Tierchen, das muss man sich allemal in aller Ruhe betrachten. Ich denke, um es genauer bestimmen zu können, misd ich es erst mal ein Weilchen in meijne fürsorgliche Obhut nehmen. Am besten, ihr lasst das Tierchen mal hier, dann kann ich es mir in aller Ruhe beäugen, wenn ich etwas mehr Zeit habe.«
Willi und Paule ließen den Schleusenwärter also aus Forschungsgründen alleine mit dem unbekannten Flussbewohner. Noch Tage später erzählten sie sich von diesem schlangenartigen Ungeheuer. Was aus dem Tierchen wurde, Willi und Paul hatten es nie erfahren. Raschke meinte einmal nur beiläufig, als Willi ihn in Elbing auf dem Fischmarkt traf, dass es sich bei diesem Dingslamdei wohl um eine Lamprete gehandelt haben müsste und …, dass es geräuchert ähnlich vorzüglich delikat schmecke wie ein Aal!
Das Geburtstagsgeschenk
»Es hat geschneet, Mutter! Es hat geschneet!«
Der Anblick der weißen Pracht hatte Willi in helle Verzückung geraten lassen. Über Nacht war plötzlich die Temperatur gefallen, und der Frost hatte ein dünnes pulvriges Kleid über Elbing gelegt. Man schrieb den 15. Oktober des Jahres 1922, und eigentlich war es noch viel zu früh für einen Wintereinbruch. Willi blickte auf seinen 12. Geburtstag, und draußen lag Schnee. War das nicht ein Zeichen des Himmels? Nichts hatte er sich sehnlicher gewünscht, als ein Paar Schlittschuhe, mit denen er auf der zugefrorenen Hommel oder dem Elbing-Fluss im Winter seine Runden drehen konnte. Willi hatte die Schlittschuhe vergangenes Jahr in der Vorweihnachtszeit in den großen Schaufensterauslagen eines Kaufhauses entdeckt.
»Na, Willichen, haste Geburtstag heut?«
Mutter Johanna tat so, als habe sie mit dem Geburtsdatum ihres Sohnes gewisse Zweifel.
Willi nickte. Was für eine Frage? Er befand sich sozusagen in einem Zustand freudiger Erwartung und seine Mutter machte Scherze. Mutter Johanna hatte mit Elisabeth bereits am Frühstückstisch Platz genommen. Der kleine Kurt schlief nebenan. In der Mitte des Tisches stand eine prächtige Schokoladentorte, darauf waren zwölf kleine Kerzen eingesteckt.
»Ich wünsche dir alles Gute zu deinem 12. Geburtstag, mein Schatz.«
Johanna presste Willi fest an sich und drückte ihm einen dicken Kuss auf die Stirn.
»Ich wünsche dir auch alles Gute«, gratulierte Elisabeth, seine ältere Schwester. Vater Wilhelm würde sich den guten Wünschen am Abend anschließen. Er war schon in aller Frühe zur Arbeit aus dem Haus gegangen.
»Du weißt ja, wenn du die Kerzen nicht mit einem Male ausbläst, dann bringt das Unglück«, frotzelte Elisabeth.
»Ach sei still, Elisabeth«, mahnte Mutter Johanna. »Erzähl dem Jungen doch nicht so ein dummes Zeug.«
Es war Tradition im Hause Steinky, dass das Geburtstagskind am Morgen die Kerzen ausblasen musste. Dann durfte es sich ein großes Stück von der Torte nehmen und alle schauten zu, wie es die süße Portion in einem Gefühl von Glückseligkeit verspachtelte. Der Rest der Torte wurde weggestellt, und am Nachmittag machte sich dann die ganze Geburtsgesellschaft genüsslich darüber her. Warum das so war, das wusste keiner. Es war halt schon immer so.
Willi visierte die Kerzen auf dem Kuchen an und holte kräftig Luft, so als wolle er den ganzen Tisch umpusten. Er blies und blies, und als er fertig war, da war das eingetreten, was nicht geschehen sollte: Eine Kerze war nicht erloschen. Sie leuchtete trotzend in hellem Licht, so als wollte sie die ganze Küche ausleuchten.
Willi blickte ängstlich zu seiner Mutter.
»Wird jetzt was Schlimmes passieren?«
»Ach was, Willi. Geh, iss deine Schokoladentorte. Nichts wird passieren!«
Obwohl die Worte seiner Mutter ihn zunächst zu beruhigen schienen, musste Willi unentwegt auf die Kerze blicken. Er ließ sie nicht aus den Augen und hatte sie schon eine ganze Weile fixiert, als er schließlich mit einem Satz aufsprang, den Kopf über den Tisch beugte und auch dieser letzten Kerze das Licht auslöschte.
»So«, meinte Willi. »Damit auch gar nuscht Schlimmes nuscht wird passieren können.«
Genüsslich machte er sich sodann über das Tortenstück her. Ach, wie genoss er es. Nie im Leben würde er vergessen, wie fein Mutters ostpreußische Schokoladentorte schmeckte. Nie im Leben. Doch seine Gedanken kreisten in diesem Augenblick nicht nur um die Torte. Gab es zum Geburtstag nicht auch immer noch ein Geschenk? Hastig schlang er die süße Köstlichkeit hinunter. Als das letzte Stückchen vertilgt war, fasste Mutter Johanna hinter die Kommode und fischte ein kleines Päckchen hervor.
»Hier Willi, für dich.«
Willi stutzte. Misstrauisch beäugte er das Paket. Schon rein äußerlich erweckte es nicht den Anschein, als könnten darin ein Paar Schlittschuhe verborgen sein. Willi bedankte sich und öffnete das Geschenk. Zum Vorschein kamen Wollsocken und Handschuhe. Stinknormales, hundsgemeines Strickwerk, nichts, was das Herz eines zwölfjährigen Jungen hätte höher schlagen lassen können.
»Damit du es im Winter immer warm hast. Die haben Elisabeth und ich für dich gestrickt.«



