Mallorquinische Leiche zum Frühstück

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»Hoffentlich gehen uns dadurch nicht wertvolle Spuren verloren«, und legte einfach auf. Sie war stinksauer!
Mittlerweile stand sie vor Apartment 115, das im letzten Haus direkt über den Klippen unter dichten Pinien lag. Zwar ein etwas beschwerlicher Aufstieg bis dorthin, aber lohnenswert. Eine wundervoll gepflegte Anlage, stellte Mercédès fest. Da sind viele fleißige Hände am Werk.
Sie musste mehrmals klopfen, bis sich die Tür öffnete.
»Ja?«, fragte ein verschlafener Strubbelkopf mit zerzaustem Vollbart und beharrter Brust.
Ganz untypisch für die Jugend von heute, dachte sie. Ist behaarte Brust nicht out? Aber ihr gefiel, was sie sah. Ein toller Körper. Und erst sein … schnell ließ sie ihre Augen Richtung Gesicht wandern und wies sich als Polizistin aus.
»Jens Meinfeldt?«
Er nickte. »Polizei? So früh am Morgen?«
»Es ist Mittag vorbei. Darf ich hereinkommen?«
»Bitte«, und er gab die Tür frei.
Ungeniert stand er nackt vor ihr. »Möchten Sie sich nicht etwas anziehen?«
»Nicht unbedingt. Wenn es Sie nicht stört …«
»Nein, mich stört es nicht«, lächelte sie. Ganz und gar nicht, dachte sie noch und riskierte einen weiteren Blick. Doch dann besann sie sich auf ihre Aufgabe.
»Sie kennen Sabrina Schneider?«
»Ja. Was ist mit ihr?«
»Frau Schneider ist tot.«
»Was? Aber das gibt´s doch nicht. Wir haben heute Nacht noch …«, verstummte Meinfeldt verstört.
»Sie haben heute Nacht noch was?«, wollte Mercédès wissen.
»Wir hatten Sex. Tollen Sex. Sabrina ist … war eine leidenschaftliche Frau«, antwortete er traurig.
»Wo hatten Sie Geschlechtsverkehr? Hier in Ihrem Apartment oder bei Frau Schneider?«
»Bei Sabrina. Sie stand danach nicht so gerne auf ...«, lachte er.
»Das heißt, sie blieben nicht die gesamte Nacht zusammen?«
»Nein, Sabrina sagte immer, sie möchte nur neben dem Mann aufwachen, den sie wirklich liebt.«
»Sie hat Sie also nicht geliebt?«
»Nein. Ich war nur ihr Spielzeug. Ich gab ihr, was sie wollte. Und sie gab mir, was ich wollte.«
»Und was wollten Sie?«
»Abgesehen vom Sex, meinen Sie?« Ein neckisches Lachen war in seinen Augen erkennbar.
Mercédès nickte.
»Sabrina finanzierte mein Leben. Ich war die Muse für ihre Bücher, sie für meine Bilder. Da die aber nicht so erfolgreich sind wie ihre Bücher, also …«
»… haben Sie auf ihre Kosten gelebt«, beendete Mercédès den Satz.
»Ja«, gab er unumwunden zu.
»Frau Schneider soll nicht sehr erbaut gewesen sein, dass Sie hier auf Mallorca aufgetaucht sind?«
»Wer sagt das? Der Kriecher von einem Manager? Der war doch nur selbst scharf auf sie«, kam es verächtlich von Jens.
Mercédès wurde hellhörig. Schon wieder jemand, der meinte, Werner Hoffmann hätte mehr von Sabrina Schneider gewollt, als er zugegeben hatte. »Wie kommen Sie darauf?«, fragte sie deshalb nach.
»Na, wie er sie angesehen hat. Richtig angehimmelt. Und gestern Nachmittag stand er plötzlich in ihrem Schlafzimmer, als wir gefickt haben. Sabrina war tierisch wütend.«
»Was wollte Herr Hoffmann?«
»Keine Ahnung. Sabrina hat mich nie in ihr Leben eingeweiht. Ich fand´s komisch, dass er die Tür selbst aufgesperrt hat. Aber Sabrina wollte mir nicht sagen, ob sie was am Laufen hat mit ihm. Dafür hat sie mich dann weggeschickt. Deshalb bin ich bei dem Abendessen aufgetaucht. Wollte herausfinden, was zwischen den beiden so ablief.«
»Und, haben Sie´s herausgefunden?«
»Nein. Sie waren höflich zueinander, fast zu höflich. Sabrina ist normal charmanter, flirtet gerne. Aber gestern gab sie sich richtig langweilig. Lag vielleicht auch an dem Ehepaar, das am Nebentisch saß. Die Alte steckte ihren Kopf ständig in unsere Richtung, ließ ihre Augen flink über uns huschen. Man fühlte sich richtiggehend beobachtet. Aber mich kümmerte es nicht. Ich genoss das kostenlose Abendessen und trank zu viel von dem mallorquinischen Wein. Und ging dann mit Sabrina auf ihr Apartment. Für Sex«, fügte er grinsend wie ein Lausbub an.
Mercédès wurde es heiß, bei dem Blick, den der Junge über sie laufen ließ. Der war sicher keine fünfundzwanzig Jahre alt, aber selbstsicher und sich seiner Wirkung auf Frauen sehr bewusst.
»Sie gingen also mit Frau Schneider direkt nach dem Abendessen in ihr Apartment. Was tat Herr Hoffmann?«
»Keine Ahnung. Er schaute unglücklich drein, wie ich mit Sabrina abgezogen bin. Ich denke, er ging in seine Wohnung.«
»Wohnt er denn auf dem Gelände?«
»Soviel ich weiß, hat er irgendwo eine Dienstwohnung im Resort«, antwortete er uninteressiert.
»Wann verließen Sie Frau Schneider in der Nacht?«
»Kurz nach Mitternacht. Sabrina bestand auf ihren Schönheitsschlaf. Und sie stand ja jeden Tag um sieben Uhr auf, um schwimmen zu gehen.«
»Da haben Sie sie das letzte Mal gesehen? Als Sie sie nach ... nach dem Geschlechtsverkehr verlassen haben?«
»Ja. Was sollen die Fragen? Woran ist Sabrina denn gestorben?«
»Sie ist beim Schwimmen ertrunken.«
»Ertrunken? Doch nicht Sabrina. Die schwamm wie ein Weltmeister. Zog eine Bahn nach der anderen, ihr Fitnessprogramm. Die ertrinkt doch nicht.«
»Wir untersuchen die Todesursachen noch. Wo waren Sie heute Morgen zwischen sieben und acht Uhr?«
»Ich? Im Bett. Wo sonst?«
Mercédès musste sich ein Lachen verkneifen bei dem überraschten Gesichtsausdruck, den Meinfeldt bei dieser Frage an den Tag legte.
»Kann das jemand bezeugen?«
»Nein, aber warum sollte das jemand bezeugen können? Ich hätte Sabrina doch nie was getan, schließlich lebte ich von ihr. Ich werde doch nicht den Ast absägen, auf dem ich sitze. Außerdem standen wir uns nahe. Auch wenn es nicht die große Liebe war, so vertrauten wir uns und waren gegenseitig für einander da.« Er verschwieg allerdings, dass er deshalb in Paguera war, weil Sabrina ihm den Laufpass gegeben und angekündigt hatte, ihn aus ihrem Testament streichen zu lassen. Er wollte sie umstimmen. Denn sonst hätte er einpacken können und seine schicke Wohnung in Prenzlauer Berg aufgeben müssen. Aber mehr noch hätte ihn getroffen, seinem süßen Leben ade sagen zu müssen. Und all den willigen Mädels. Jetzt brauchte er sich nicht mehr zu sorgen.
»Sie haben mir noch nicht verraten, warum Frau Schneider nicht erbaut über Ihr Auftauchen war?«
»Ich denke, dass sie mit dem Hoffmann was am Laufen hatte. Und ich sie in ihren Bemühungen gestört habe. Aber sie hatte nichts dagegen, dass ich hier war, glauben Sie mir.« Und sein dreckiges Grinsen überzeugte Mercédès.
»Danke für Ihre Bereitschaft, meine Fragen zu beantworten. Bitte reisen Sie nicht ab, es kann sein, dass ich noch einige mehr an Sie habe«, und sie ließ ihren Blick ein weiteres Mal an eine bestimmte Stelle des jungen Mannes wandern, bevor sie das Apartment verließ. Nicht übel, dachte sie.
Jens lächelte vor sich hin. Nein, so schnell würde er nicht abreisen. Erstens hatte er grad das hübsche Zimmermädchen aufgerissen, das ihm die Nacht versüßt hatte, nachdem Sabrina ihn hinausgeworfen hatte. Er konnte nicht verstehen, warum Sabrina nach einem Quickie genug von ihm hatte. Sie hatten es doch sonst mehrmals in einer Nacht getrieben. Aber die letzten Tage war sie irgendwie eigenartig. Ob es mit Hoffmann zusammenhing? Er nahm sich vor, dem auf den Grund zu gehen.
Nach dem Besuch bei Jens Meinfeldt wollte Mercédès noch Dirk Ackermann aufsuchen, um zu überprüfen, ob sich Ackermann und Sabrina Schneider wirklich gekannt hatten, wie es Frau Fichtelhuber behauptet hatte. Sie orientierte sich an dem Resort-Plan, den ihr die Rezeptionistin vorausschauend mitgegeben hatte.
Die Anlage war um die Bucht La Romana gruppiert und zog sich die Hügel hinauf, die teilweise von dichtem Pinienwald bewachsen waren. Im Moment befand sie sich am höchsten Punkt. Sie kletterte also die Stufen wieder hinunter, denn Haus 6, in dem die Ackermanns wohnten, lag gleich hinter der Rezeption, die in der Mitte des Resorts am tiefsten Platz lag, wenn man vom Meer absah. Sie hatte Muße, die Häuser, in denen die Apartments untergebracht waren, genauer in Augenschein zu nehmen. Fand es hübsch, dass alle in verschiedenen warmen Farben strahlten und in unterschiedlicher Bauweisen errichtet waren. Nicht so nullachtfünfzehn, wie das sonst bei vielen Anlagen der Fall war. Manche der Gebäude lagen versteckt unter Pinien, andere direkt an den Klippen, wie Meinfeldts Haus.
Sie kam an der Bar Luna 81 vorbei, dann am Pool, der beim Schwimmen einen herrlichen Ausblick auf die Bucht bieten musste, denn beides, Bar und Pool, waren terrassenförmig in den Hang eingelassen. Sie blickte hinunter auf den Spielplatz und den Strand dahinter, an dem nur wenige Leute spazierten. Als sie unten angekommen war, überquerte sie den Parkplatz, schlenderte an der Rezeption vorbei, nicht ohne einen Blick durch das Fenster auf Werner Hoffmann zu werfen. Dann schlug sie den Weg zwischen Restaurant und Rezeption ein, der sie erneut bei einem Pool vorbei führte, hinter dem Haus 6 lag.
Sie klopfte an die Apartmenttür 602, laut Plan eines der drei Apartments, die für Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung geeignet waren. Hatte die Fichtelhuber nicht etwas von einer kranken Frau erwähnt?
Ein Mann Mitte Siebzig mit einem gewaltigen Bierbauch öffnete und schaute sie mit eisgrauen Augen hinter randlosen Brillengläsern abschätzend von oben herab an.
Sie musterte den Mann kühl zurück und überlegte, dass er einmal eine imposante Erscheinung gewesen sein musste, mit einer Größe von fast 1,90 Meter und dem charakteristisch geschnittenen Gesicht. Doch jetzt ließen ihr der mürrische, fast aggressiv abweisende Ausdruck einen Schauer über ihren Körper laufen. Die feinen Äderchen, die seine rote Nase durchzogen, verrieten ihr, dass sie hier einen Trinker vor sich hatte.
»Ja? Was wollen Sie?«, fragte er angespannt. Automatisch auf Deutsch.
Wieder einmal ärgerte sich Mercédès, dass diese deutschen Touristen gar nicht auf die Idee kamen, es wenigstens aus Höflichkeit mit Spanisch zu probieren. Sie seufzte und wusste in dem Moment, warum man sie auf die Insel versetzt hatte. Sie sprach deutsch und spanisch wie ihre Muttersprache.
»Ich bin Comissària Mayerhuber und untersuche den Tod von Sabrina Schneider. Wenn mich nicht alles täuscht, habe ich Sie, Herr Ackermann, heute in der Menge vor dem Schwimmbad ausgemacht, in dem wir die Tote gefunden haben.«
Sie beobachtete ihn dabei genau, denn ihr war sein gequälter Gesichtsausdruck aufgefallen, und sie hatte gehofft, diesen Mann zu finden, aber nicht damit gerechnet, dass das so schnell und so einfach war.
»Ja und, weshalb kommen Sie da zu mir? Ich war nicht der Einzige dort.« Seine kalte Stimme ließ sie erneut einen Schauer spüren.
»Aber Sie kannten Frau Schneider. Wie uns berichtet wurde, haben Sie des Öfteren mit ihr gesprochen.«
»Ich kannte diese Frau nicht«, und die Betonung von ›diese Frau‹ ließ Mercédès aufhorchen.
»Sie haben sich also nie mit Frau Schneider unterhalten?«
»Was heißt unterhalten? Wir haben hin und wieder ein Wort gewechselt, wie das in solchen Resorts der Höflichkeit geschuldet ist. Doch mehr als ein ›Grüß Gott‹, ›schöner Tag heute‹ war das nicht. Ich kannte nicht einmal ihren Namen.«
»War es das?«, fügte er noch schroff hinzu, da ihn Mercédès nur interessiert beobachtet hatte.
Mercédès überlegte kurz. Doch was sollte sie ihn befragen, wenn er abstritt, sie zu kennen? Mehr als das bösartige Geschwätz der alten Fichtelhuber hatte sie nicht. »Danke, ja, das war´s. Aber es könnte sein, dass sich noch Fragen ergeben. Sie haben nicht vor, in nächster Zeit abzureisen?«
»Ich bin noch bis Januar hier eingesperrt«, antwortete er grimmig und schloss ohne Abschiedsgruß die Tür.
Mercédès wandte sich kopfschüttelnd ab.
»Warum hast du der Kommissarin nicht erzählt, dass du das Luder kennst?«, kam es hasserfüllt aus dem Nebenzimmer, nachdem er die Tür geschlossen hatte.
»Halt dein Schandmaul«, gab er laut und kalt zurück und schenkte sich einen doppelten Schnaps von seinem Selbstgebrannten ein. Nicht den ersten an diesem Morgen. Das ist das Einzige, was mir noch bleibt, dachte er grimmig. Meine Schnapsbrennerei. Und ich bin selbst mein bester Kunde. Dann holte er sein Smartphone aus der Brusttasche, öffnete seine Musik-App und gleich darauf erklang das Lied As Time Goes By.
»Schalt das verdammte Lied aus«, keifte seine Frau bissig.
Er schlug ohne ein Wort die Tür zum Nebenzimmer zu, und begab sich auf die Terrasse seines Apartments. Nicht, ohne den Schnaps mitzunehmen.
Auf dem Weg durch den Pinienhain zu ihrem Auto musste Mercédès an ihren typisch bayrischen Vater denken, von dem sie die Sturheit und Durchsetzungskraft geerbt hatte. Von ihrer spanischen Mutter die Zierlichkeit und ihre oft widerspenstigen Locken, die sie zeitweise hasste. Vater hätte es hier gefallen. Er liebte den Duft von Pinien. Doch über eines hatte sie sich zeitlebens mit ihm gezankt. Warum nur war Vater so ein Mercedes-Liebhaber? Schon in Grundschulzeiten in München hatte sie unter diesem Vornamen gelitten. Ihr Vater hatte sie bei Klagen tröstend in die Arme genommen und geflüstert: »Mercédès ist ein wunderschöner Name für ein wunderhübsches Mädchen. Wer das nicht einsieht, ist deiner nicht wert.« Sie lächelte bei dem Gedanken an ihn. Leider war er viel zu früh verstorben, an plötzlichem Herztod. Noch heute kann sie sich an den Augenblick erinnern, als der Polizist ihnen damals die Mitteilung überbrachte. Daher konnte sie sich gut in die Menschen einfühlen, denen sie so eine Hiobsbotschaft überbringen musste.
Sie war nach dem Tod des Vaters mit ihrer Mutter zurück nach Spanien gegangen, hatte ihren Abschluss in Córdoba, der Heimatstadt ihrer Mutter, erlangt, bevor sie sich an der Polizeiakademie in Madrid eingeschrieben hatte. Ihre ersten Dienstjahre hatte sie in Sevilla verbracht, dann hatte man sie nach Madrid geholt, wo sie die letzten Jahre mit ihrer Mutter gelebt hatte.
Doch jetzt hatte man sie nach Mallorca versetzt, ihre erste leitende Stelle.
›In der Provinz ist es leichter, als Chefin anzufangen‹, hatte ihr Vorgesetzter ihr mit auf dem Weg gegeben. Doch sie hatte ihn in Verdacht, sie bewusst für diesen Außenposten vorgeschlagen zu haben, da sie seinem Werben, welches immer aggressiver geworden war, tapfer widerstanden hatte.
Andere beneideten sie um diese Stelle im sonnigen Mallorca. Sie allerdings liebte die laute, lebendige Großstadt und wäre außerdem gerne in der Nähe ihrer Mutter geblieben, die gesundheitlich angeschlagen war. Aber vielleicht hole ich sie nach. Die Sonne würde ihr guttun, überlegte Mercédès, als sie in ihren Wagen einstieg, um in ihre neue Dienststelle nach Palma zu fahren.
»Was haben die Gespräche mit den Gästen und den Angestellten ergeben?«, war Mercédès´ erste Frage, als sie ihr Büro betrat. Kein Willkommensgruß, nichts. Wenn sie sich in einen Fall verbissen hatte, vergaß sie ihre guten Manieren schon mal.
»Bon dia, liebe Mercédès. Willkommen in deiner neuen Wirkungsstätte«, und dabei zeigte Miquel auf einen bunten Blumenstrauß, der in einer Glasvase auf ihrem Schreibtisch stand. »Soll ich dich herumführen und den anwesenden Kollegen vorstellen?«, fügte er noch hinzu.
Mercédès blickte sich um. Wie hasste sie diese Glaskäfige. Wer nur hatte die Idee, dass alle modernen Bürogebäude wie Aquarien aussehen mussten? Null Privatsphäre. Immer unter Beobachtung. Sie waren doch keine Fische. Seufzend dachte sie an ihren ersten Besuch hier vor vier Wochen, bevor sie ihren Urlaub angetreten hatte.
Sie war am frühen Morgen für einen Tag hergeflogen, um sich mit ihrem zukünftigen Chef, Doctor Lluc Bibiloni, einem trockenen Juristen, zu treffen, um Einzelheiten zu besprechen und ihren Ausweis entgegenzunehmen. Der hatte sie genauso misstrauisch beäugt wie sie ihn. Sie wollte nicht nach Palma, er wollte sie nicht. Aber die Entscheidung war gefallen, an höherer Stelle. Sie musste sich glücklich schätzen, dass sie im männerdominierten Spanien die Chance für eine leitende Stelle bei der Policía Nacional bekommen hatte. Sie machte sich nichts vor. »MANN« würde sie genau beobachten ...
»Nein, lass mal. Mich interessiert mehr, was wir haben. Außerdem hat das bei meinem ersten Besuch hier unser Boss erledigt«, grinste sie. Berichtete dann kurz und bündig von ihren Befragungen. Danach schaute sie fragend auf Miquel.
Der räusperte sich. Und dachte still, dass doch viel deutsches Blut in ihr fließen musste. Kein Spanier würde so reagieren.
»Zuerst einmal sorry wegen des Nicht-Versiegelns des Apartments. Es war mein Fehler. Die Spusi hat mich deswegen kontaktiert. Ich habe mich vergewissert, ob sie alle relevanten Dinge berücksichtigt, beziehungsweise mitgenommen haben für die Beweissicherung. Und gemeint, das Versiegeln können sie sich schenken.«
»Okay, Anfängerfehler. Doch ich kann nur für dich hoffen, dass die Spurensicherung nichts übersehen hat. Ich habe Hoffmann angewiesen, nichts zu ändern. Und mein Siegel von Madrid angeklebt«, schmunzelte sie schon wieder.
»Danke«, lächelte Miquel einnehmend.
Ein Greenhorn, auch das noch, seufzte Mercédès innerlich. Er war wohl als einziger zu überzeugen gewesen, mit einer deutschen Frau vom Festland zusammenzuarbeiten.
»Und jetzt zu deinen Ergebnissen«, wurde sie langsam ungeduldig.
»Also, von den Gästen habe ich praktisch nichts Nützliches erfahren. Keiner hat etwas gehört oder gesehen. Zumindest wenn ich sie richtig verstanden habe. Für eine Befragung muss ich definitiv mein Deutsch verbessern. Das Resort ist fest in deutscher Hand. Außer einem Pärchen aus England und zwei Damen aus der Schweiz habe ich nur Landsleute von dir getroffen«, zwinkerte er ihr zu. »Gewundert haben sich die meisten allerdings, dass Sabrina Schneider bereits vor acht Uhr im Hallenbad war, da dieses normalerweise erst um acht Uhr aufsperrt. Ansonsten scheinen sie sich nicht für die berühmte Schriftstellerin interessiert zu haben. Die meisten behaupteten sogar, sie nicht zu kennen.«
»Glaubst du ihnen?«
Miquel zuckte mit den Schultern. »Also, bei einigen kann ich mir das vorstellen. Aber so mancher Mann wusste sehr wohl, wer Frau Schneider war und welche Art von Literatur sie schrieb. Allerdings würden sie das vor ihren Ehefrauen nie zugeben.«
»Dann sollten wir sie getrennt voneinander befragen«, lachte Mercédès.
»Denkst du, das Motiv könnte mit ihrer schriftstellerischen Tätigkeit zu tun haben?«
»Wir wissen noch nicht einmal, ob es tatsächlich Mord war. Auch wenn es wahrscheinlich ist. Vielleicht haben jemanden ihre Bücher nicht gefallen? Oder eine verschmähte Liebe? Lass uns abwarten, was die Obduktion ergibt und jetzt mal schauen, wo wir stehen, bevor wir über Motive und Täter spekulieren. Was hast du sonst noch so in Erfahrung gebracht?«
»Andreu, der Bademeister, hat mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählt, dass für Sabrina Schneider das Hallenbad um sieben Uhr fertig sein musste. Sie wollte alleine schwimmen, ohne durch die anderen Gäste gestört zu werden.«
»Wer hatte das genehmigt?«
»Der Hotelmanager. Der arme Andreu hat mir das Versprechen abgenommen, dass ich seinem Chef nicht verrate, von wem ich das habe.«
»Wieder Hoffmann. Er scheint doch sehr an Sabrina Schneider interessiert gewesen zu sein, auch wenn er das nicht zugibt. Interessant!«
»Außerdem habe ich mit der Rezeptionistin gesprochen, die Dienst hatte, als Fichtelhuber in die Rezeption stürmte. Sie konnte mir aber so gut wie nichts sagen. Wirkte eher verschüchtert und sehr entsetzt. Ja, und dann gibt es da noch eine Margit ...«, und er blätterte in seinen Notizen. »Wo habe ich das denn notiert? Irgend so ein Doppelname«, fluchte er leise. »Egal, es gibt eine Stellvertreterin für Werner Hoffmann, die gleichzeitig die Finanzen unter sich hat. Die ist zurzeit allerdings in Zürich bei der Muttergesellschaft.«
»Gut, die können wir außen vorlassen. Die kann uns nichts zum Tod von Sabrina Schneider sagen, wenn sie die letzten Tage nicht im Resort war. Und sonst? Spusi? Gerichtsmedizin?«
»Die Gerichtsmedizin ist noch bei der Arbeit. Wie die Spusi auch.«
Wie auf Kommando betrat in diesem Augenblick ein hübsche Frau Mitte zwanzig mit einem ähnlichen Lockenkopf wie Mercédès das Büro. »Hola Miquel«, strahlte sie diesen an, bevor ihre Augen neugierig über Mercédès streiften.
»Hola Mayte«, begrüßte dieser das Mädchen herzlicher, als er das als Kollege tun sollte und stellte die beiden Kolleginnen einander vor.
»Spurensicherung also«, lächelte Mercédès höflich und reichte der Kollegin die Hand. »Schon was Brauchbares?« Ihr entging nicht der zärtliche Blick, den Miquel über Mayte gleiten ließ und dachte bei sich, olala, ein heimliches Verhältnis?
»Wir sind dabei, die Spuren aus dem Poolbereich und dem Zimmer auszuarbeiten. Im Hallenbad gibt es tausende von Fingerabdrücken, die werden uns nicht weiterhelfen. Praktisch jeder Gast hat dort irgendwo seine Spuren hinterlassen ...«
»Wie schaut es mit fremden Spuren aus?«, unterbrach Mercédès.
Mayte schaute sie mit großen Augen an. »Wir müssen erst mal alle Spuren mit denen der Gäste und der Angestellten abgleichen, bevor wir überhaupt feststellen können, ob es Spuren von Personen gibt, die nicht mit dem Resort in Verbindung gebracht werden können. Das dauert ...«
»Was ist mit ihrem Apartment?«, fragte Mercédès ebenso ungeduldig nach.
»Wir haben alles mitgenommen, was uns wichtig erschienen ist. Konnten unterschiedliche Fingerabdrücke sicherstellen. Auswertungen laufen. Ihr Handy ist entschlüsselt, da hat uns Doktor Munar geholfen.«
»Wie das?«, fragten Mercédès und Miquel wie aus einem Mund.
»Er hat ihren rechten Daumen an den Fingerabdruckscanner ihres Handys gedrückt«, lächelte sie. »Allerdings konnten wir nichts von Bedeutung finden. Hier, das Protokoll ihrer Anrufliste«, und sie legte Mercédès eine ausgedruckte Liste auf den Schreibtisch. »WhatsApp hat sie nicht verwendet, auch kaum SMS geschrieben. Die letzte SMS liegt Monate zurück. Ein Mailprogramm hat sie auf ihrem Smartphone nicht benutzt. Genauso wenig wie Instagram, Twitter oder Facebook.«
»Sympathisch. Hat das Telefon also tatsächlich nur zum Telefonieren benutzt«, zeigte sich ein Lächeln des Verständnisses auf Mercédès´ Gesicht. »Doch ist das bei einer Schriftstellerin nicht ungewöhnlich?«
»Nicht alle suchen die Öffentlichkeit«, antwortete Mayte kryptisch.
»Miquel, könntest du im Internet recherchieren, wie das mit Webseite und sozialen Medien aussieht?« Er nickte. Mercédès wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Mayte zu.
»Bei den Bildern sind es nur die üblichen Urlaubsschnappschüsse, die wir gefunden haben. Keine Alben, keine älteren Fotos als die der letzten Woche. Sie war allerdings nicht viel auf der Insel unterwegs. Die meisten Fotos stammen aus dem Resort.«
»Wen oder was zeigen diese Fotos?«, wollte Mercédès wissen.
»Sonnenuntergänge ...«, lachte Mayte.
»Keine Menschen? Männer zum Beispiel?«, hinterfragte Mercédès.
»Doch, ein gutaussehender junger Typ ist hin und wieder zu sehen, auch bei Selfies mit ihr zusammen. Ihr Sohn?«
»Nein«, lachte jetzt Mercédès, »ihr Lover.«
Mayte schaute leicht konsterniert drein. »Ein bisschen jung, findet ihr nicht?«
Mercédès zuckte ihre Schulter. »Jedem das seine«, meinte sie lakonisch. »Miquel, kannst du die Fotos auswerten? Damit wir sehen, wo auf der Insel sie unterwegs war? Da hast du Heimvorteil«, grinste Mercédès.
Miquel nickte auch zu dieser Aufgabe zustimmend.
»Der Laptop ist noch nicht geknackt«, fuhr Mayte fort. »Frau Schneider hat wohl ein komplizierteres Passwort als die meisten Menschen sonst benutzt«, seufzte sie.
»Also kein übliches 1,2,3,4 oder das Geburtsdatum?«, lachte Miquel.
Mayte schüttelte resigniert den Kopf. »Dafür habe ich hier eine Adresse für euch, die bei Notfall zu verständigen ist. War in ihrem Portemonnaie. Und die Nummer darauf hat sie fast täglich angerufen.«
Interessiert blickte Mercédès auf den kleinen, ziemlich zerfledderten Zettel mit einer Berliner Adresse. Den musste Sabrina Schneider schon lange mit sich herumgetragen haben.



