Mallorquinische Leiche zum Frühstück

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»Danke«, sagte sie nebenbei und blickte gedankenverloren aus dem Fenster. Es war nicht die Adresse von Jens Meinfeldt, also stand er ihr nicht so nah, wie er versucht hatte, ihr weiszumachen.
Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Miquel verstohlen einen Kuss auf Maytes Wange drückte. Hoffentlich gab das keine Schwierigkeiten bei den Ermittlungen, dachte sie, denn sie wusste, welche Verwicklungen eine Liebesgeschichte am Arbeitsplatz mit sich bringen konnte. Ihre letzte Ermittlung wäre beinahe gescheitert, weil sie sich mit ihrem Kollegen, mit dem sie eine leidenschaftliche Affäre verband, nach einem heftigen Streit so in den Haaren gelegen war, dass eine Zusammenarbeit nicht mehr möglich war. Auch ein Grund, warum sie jetzt auf dieser Insel gelandet war. Zum hundertsten Mal nahm sie sich vor, ihre Gefühle in Zukunft besser in Zaum zu halten. Und ärgerte sich, als die bernsteinfarbenen Augen von Werner Hoffmann vor ihr auftauchten.
»Alles klar bei dir?«, wollte Miquel besorgt wissen, dem ihr bekümmerter Gesichtsausdruck aufgefallen war.
»Ja, ja«, antwortete sie zerstreut und strich über ihre Augen, um das Bild von Werner Hoffmann zu verdrängen. »Seid ihr ein Paar?«
Miquel nickte nur, eher abweisend.
Auch gut, dachte Mercédès, dann will er nicht darüber sprechen. Ist mir ohnedies lieber. »Wir sollten diese Berliner Nummer wählen.« Auf sein erneutes Nicken tippte sie die Zahlen in das Festnetztelefon, das auf ihrem Schreibtisch stand.
Laut erklang Tuten aus dem Telefon, denn Mercédès hatte auf Lautsprecher gestellt, damit Miquel dem Gespräch lauschen konnte.
»Renate Hartig«, meldete sich eine spröde Stimme.
»Buenos días. Hier spricht Comissària Mayerhuber von der Polizei Mallorca.«
»Oh Gott, ist was mit Sabrina?«, wurde Mercédès von der Frau erschrocken unterbrochen.
»Wie kommen Sie darauf, Frau Hartig?«
»Na, ich weiß doch, dass Sabrina meine Adresse für Notfälle mit sich führt.«
»Ich muss Ihnen leider die traurige Mitteilung überbringen, dass Frau Schneider heute Morgen verstorben ist.«
Statt einer Antwort hörten sie nur lautes Schluchzen. Miquel bedeutete ihr, sie solle den Hörer an das Ohr nehmen, er könne ohnedies nur wenig verstehen und setzte sich an seinen Computer für Recherchen über soziale Medien in Zusammenhang mit der Toten.
Als sich Renate Hartig beruhigt hatte, wollte sie als erstes wissen, was passiert war. Auch sie konnte auf Mercédès Erklärung hin nicht glauben, dass Sabrina ertrunken war, da Schwimmen eine Leidenschaft von ihr war. Höchstens ein Herzinfarkt oder dergleichen könnte einen solchen Tod verursachen, aber so viel sie wusste, war Sabrina bei bester Gesundheit.
»In welchem Verhältnis stehen – Entschuldigung – standen Sie zu Sabrina Schneider?«
»Ich bin ... war ihre beste Freundin«, antwortete Frau Hartig traurig. »Wir haben uns vor vielen, vielen Jahren in Berlin angefreundet und waren wie Schwestern.« Und wieder schluchzte sie los.
»Hat Frau Schneider Verwandte, Angehörige oder Freunde, die ihr nahestanden?«, schnitt Mercédès den Tränenfluss ab.
Renate Hartig schniefte ins Telefon: »Nein. Keine Verwandten. Einige Freunde, aber wenige. Sie wissen, wie das ist, wenn man berühmt und reich ist ...«
Nein, Mercédès wusste es nicht. Konnte es sich aber vorstellen.
»Es gibt da noch eine alte Schulfreundin aus Rosenheim, mit der sie regelmäßig Kontakt hatte. Eine Manuela. Mehr weiß ich nicht.«
»Aus Rosenheim?«, fragte Mercédès hellhörig geworden nach.
»Ja, Sabrina stammt ursprünglich aus Rosenheim. Ging dort weg, wohl nach einer unglücklichen Liebesgeschichte. Aber sie hat nie darüber erzählt. Obwohl wir uns jetzt über zehn Jahre kennen.«
Mercédès konnte der Stimme die Verbitterung anhören, weil Sabrina sich der Freundin gegenüber nie geöffnet hatte. Also musste in Rosenheim etwas Schwerwiegendes vorgefallen sein. Ob man das noch eruieren konnte? Aber war das überhaupt interessant für den Fall?
»Kennen Sie einen Jens Meinfeldt?«
Kurz zögerte sie. »Ja, warum?«
»Der ist hier auf Mallorca in demselben Resort wie Frau Schneider ...«
»Jens ist auf Mallorca?«, wurde Mercédès überrascht unterbrochen. »Was macht er denn da?«
»Er ist wohl Frau Schneider gefolgt.«
»So ein Mistkerl«, spie die Hartig gallig hervor.
»Warum?«, fragte Mercédès verblüfft.
»Sabrina hat ihn doch vor die Tür gesetzt. Sie wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben.«
So ein Bürschchen, dachte Mercédès. Davon hatte er ihr nicht ein Sterbenswörtchen erzählt. »Warum hat Frau Schneider das getan?«
»Weil Jens sie ständig mit jüngeren Frauen betrogen hat. Sie hatte es satt, von ihm hinten und vorn hintergangen zu werden. Einen Tag vor ihrer Abreise hat sie ihm mitgeteilt, dass sie sein Apartment in Prenzel Berg gekündigt habe, dass er seine Sachen packen solle und verschwunden sein müsse, wenn sie aus Mallorca zurückkomme.«
»Er hat nicht bei Frau Schneider gewohnt?«
»Nein, das wäre ihr zu viel Nähe, hat sie gemeint. Sie brauchte ihren Freiraum. Aber sie war ihren Lovern gegenüber immer großzügig.«
»Ihren Lovern?«
Ein lautes Lachen erklang auf die verstörte Frage von Mercédès. »Sabrina liebte die Liebe. Nicht nur in ihren Büchern. Glauben Sie mir, sie war kein Kind von Traurigkeit.«
»Gab es neben Herrn Meinfeldt aktuell noch andere?«
»Nicht soviel ich weiß. Doch ich denke, auf Mallorca muss was sein ...«
»Warum?«
»Weil Sabrina nicht der Typ war, fünfmal hintereinander ein und dasselbe Feriendomizil aufzusuchen. Es musste sie dort etwas besonders gereizt haben. Leider weiß ich nicht, was oder wer es war ...«, seufzte die Hartig.
Mercédès musste lächeln. Frauenfreundschaften. So ganz ohne Eifersüchtelei lief das wohl nie ab. Deshalb hatte sie auch keine beste Freundin, dafür einen besten Freund. Josef, ein schwuler Richter aus München, den sie seit Kindertagen kannte. Der Nachbarsjunge, von dem alle erwartet hatten, sie werden mal heiraten, weil sie immer so unzertrennlich waren. Auch ihr Weggang aus München hatte an der Freundschaft nichts geändert. Ihr hatte er als erste seine Homosexualität anvertraut. Aber sie hatte es schon früher gespürt. Denn er war der einzige Junge in der Schule, der nicht versucht hatte, sie an ihren gut entwickelten Brüsten zu berühren.
»Gibt es sonst etwas, dass Ihnen in letzter Zeit aufgefallen ist? Oder hat Frau Schneider irgendetwas erwähnt, dass Sie stutzig werden ließ?«
»Bei unserem letzten Gespräch vor zwei Tagen meinte sie, die Vergangenheit habe sie eingeholt. Aber mehr wollte sie dazu nicht sagen.
»Die Vergangenheit habe sie eingeholt?«, echote Mercédès und schwieg dann eine Weile. »Können Sie sich vorstellen, was sie damit gemeint hat?«
»Nein, keine Ahnung. Hat wohl mit ihrem Leben vor Berlin zu tun«, kam es leicht bitter.
»Gut Frau Hartig, das wäre es erst mal. Doch es könnten sich noch weitere Fragen ergeben.«
»Kein Problem. Ich helfe gerne. Wann kann ich Sabrina beerdigen?«
»Sie?«
»Ja, wir haben gegenseitig vereinbart, unseren letzten Willen zu unterstützen. Und ich werde mein Wort natürlich halten.«
»Was ist denn der letzte Wille von Frau Schneider?«
»An Ort und Stelle verbrannt und über ein Meer verstreut zu werden. Das dürfte ja wohl kein Problem werden. Das Mittelmeer bietet sich an ...«
»Ich lasse Sie wissen, wenn es soweit ist«, und Mercédès legte gedankenverloren auf. Sabrina Schneider und sie hatten viele Ähnlichkeiten. Nicht nur den letzten Willen.
»Und?«, wollte Miquel neugierig wissen. Kurz berichtete sie über das Erfahrene.
»Dann hätte unser junger Lover also ein Motiv?«
»So schaut´s aus. Den werde ich mir noch mal vornehmen.«
Nach einer Weile fügte sie an: »Die Fichtelhubers sind doch auch aus Rosenheim, oder?« Denn mitten im Gespräch mit der Hartig war ihr eingefallen, dass die Fichtelhubers Sabrina aus Rosenheim kannten. »Wir sollten mit ihnen sprechen. Vielleicht kennen sie ja diese Manuela oder wissen was über eine unglückliche Liebe von Sabrina Schneider. Frau Fichtelhuber ist doch die typische Klatschtante, der nichts entgeht.«
Miquel nickte mit dem Kopf und lachte. »Seh ich wie du. Aber dafür ist morgen Zeit. Wir wissen ja noch gar nicht, ob definitiv Fremdverschulden vorliegt.«
»Doch du bist genauso davon überzeugt wie ich, stimmt´s?«
Wieder nickte er nur mit dem Kopf. Doch diesmal lachte er nicht.
»Herr Meinfeldt, ich hätte da noch ein paar Fragen an Sie«, sagte Mercédès, als Jens Meinfeldt die Tür seines Apartments nur ein Stück öffnete, an die Mercédès am späteren Nachmittag erneut geklopft hatte. »Darf ich hereinkommen?«
»Ich wollte gerade einen Spaziergang machen. Kommen Sie mit?«, und er schlüpfte geschwind aus der Tür und zog sie sofort wieder zu und drehte den Schlüssel zweimal im Schloss um. Diesmal war er bekleidet. Mit einer hautengen Jeans, die mindestens genauso ein Hingucker war wie beim ersten Gespräch sein ...
Von dem Haus, in dem sein Apartment lag, führte ein schmaler Trampelpfad direkt durch den Pinienwald auf die Klippen. Es stand zwar ein Schild am Eingang zum Resort, dass dieser Bereich nur für Gäste zugelassen war, aber jeder konnte ungehindert und ungesehen in das Resort gelangen, registrierte Mercédès. Doch sie vergaß das sofort wieder, als sie oben angekommen war und den herrlichen Ausblick auf nichts als Meer und Pinienwald wahrnahm. Prachtvoll. Ein kleiner ovaler Tisch mit Steinmosaiken, der von einer weißen, gemauerten Bank mit Rückenlehne umgeben war, lud zum Verweilen ein. Mercédès und Jens ließen sich dort nieder. Niemand sagte etwas, Mercédès war von dem Ausblick so gefangen, Jens hing seinen Gedanken nach. Er wirkte unruhig. Zerstreut.
»Was wollen Sie von mir?«, eröffnete er das Gespräch dann doch.
»Wir haben mit Frau Hartig in Berlin gesprochen.«
»In Berlin?«, fragte er überrascht nach.
»Ja, wo denn sonst?«, war Mercédès verblüfft.
»Nichts, nur so. Was hat sie gesagt?«
»Dass Frau Schneider die Beziehung zu Ihnen beendet hat. Sie gebeten hat, aus Ihrem Apartment auszuziehen und auch Ihre persönlichen Sachen aus Ihrer Wohnung zu entfernen. Warum haben Sie das heute Morgen nicht erwähnt?« Ein schräger Blick traf ihn.
»Weil ich dabei war, Sabrina umzustimmen. Sie konnte doch nicht ohne mich sein. Nicht ohne den wundervollen Sex, das hat sie mir immer wieder versichert. Nein, Sabrina hätte mich nie gehen lassen.« Dabei schüttelte er den Kopf, wie zur Bestätigung.
»Frau Hartig meinte, dass Sabrina Schneider genug von Ihren Affären mit jungen Frauen hatte und sie nicht weiter hintergangen werden wollte.«
»Das ist doch Bullshit. Sabrina hatte gar nichts gegen meine Liebesbeziehungen mit jungen Mädels. Ganz im Gegenteil«, begehrte Jens auf.
»Wie darf ich das verstehen?«
»Ich brachte hin und wieder eine Freundin für Spielchen zu dritt mit, wenn Sie verstehen, was ich meine. Das nahm Sabrina als Anregung für ihre Geschichten. Sie animierte mich sogar, mich mit anderen einzulassen und ihr dann davon zu erzählen. Vor allem, wenn sie unter einer Schreibblockade litt.«
»Warum dann jetzt das Aus?«, war Mercédès verwirrt.
»Weil ich mit Renate Hartig ein Verhältnis begonnen hatte.«
Interessiert hob Mercédès den Kopf. Davon hatte die Hartig nichts erwähnt.
»Sabrina war auf einer längeren Lesereise. Mir ging das Geld aus. Ich wusste, dass Renate verrückt nach mir war. Also habe ich sie besucht«, grinste er. »Und als ich sie am Morgen verließ, war ich um ein paar Hunderter reicher. Und so wurden meine Besuche häufiger.«
»Und als Sabrina zurückkam von der Lesereise?«
»Lief alles noch gut. Ich besuchte die Damen abwechselnd, manchmal hintereinander. Doch Renate setzte mir immer mehr zu, ich solle doch Sabrina verlassen. Sie würde gut für mich sorgen. Ich könne auch bei ihr einziehen. Doch Renate bedeutete mir nicht das Geringste. Sie ging mir mit ihrer klettenhaften Art immer mehr auf die Nerven. Und eines Tages servierte ich sie ab.«
»Und?«, fragte Mercédès gespannt.
»Und sie informierte Sabrina. Erzählte von der großen Liebe zwischen ihr und mir und dass Sabrina uns nicht im Wege stehen sollte. Sabrina war wütend, dass ich sie mit ihrer besten Freundin betrogen habe, wütend auf mich, aber keineswegs auf Renate. Können Sie das verstehen?« Er blickte sie mit großen Augen an. Doch Mercédès reagierte nicht. »Sabrina gab mir einen Monat, alles zu klären und reiste nach Mallorca ab. Ich konnte sie doch nicht ziehen lassen. Sie bedeutete mir mehr, als ich gedacht hatte. Also reiste ich ihr nach.«
»Und Frau Hartig?«
»Renate? Die kann Sabrina nicht das Wasser reichen. Kein Selbstwertgefühl, keine Klasse, nicht annähernd so vermögend wie Sabrina. Eine vertrocknete, alte Frau, obwohl sie in gleichem Alter wie Sabrina ist.«
»Trotzdem haben Sie mit ihr geschlafen«, warf Mercédès vorwurfsvoll ein.
»MANN muss ja von was leben. Und was ist falsch daran, eine Frau glücklich zu machen?« Wieder sein unwiderstehliches Grinsen.
Ja, sie konnte sich vorstellen, dass Jens Meinfeldt wusste, wie er mit Frauen umzugehen hatte. Vor allem mit älteren, betuchten. Oder jungen zum Zeitvertreib.
»Aber warum interessiert Sie das überhaupt? Sabrina ist doch eines natürlichen Todes gestorben, oder?«, fragte er lauernd.
»Routine. Es gibt kleine Ungereimtheiten. Aber nichts zum Beunruhigen.«
»Sind Sie sicher?«, und ein eigentümlicher Blick traf sie aus grünen, schillernden Augen.
Der Junge hatte entschieden etwas an sich, dass Frauen schwach werden ließ, erkannte Mercédès. »Ja, da bin ich sicher. Werden Sie jetzt zu Frau Hartig zurückkehren?« Neugierig war ihr Blick auf ihn gerichtet.
»Zurückkehren? Wie meinen Sie denn das?«, fragte er erschrocken.
»Na, nachdem Frau Schneider tot ist, ist ja Ihre Geldquelle versiegt«, meinte Mercédès sarkastisch.
»Nein. Renate halte ich nicht aus. Sollten Sie ihre Leiche finden, komme ich definitiv als Täter in Frage«, und lachte laut und lange über seinen nicht wirklich gelungenen Scherz. Fügte nach einer Weile geheimnisvoll an: »Es gibt noch andere Einnahmequellen!«
Mercédès beobachtete ihn interessiert. Woran dachte er?
»Sonst noch was?«, schaute er sie herausfordernd an.
»Ja, eine Kleinigkeit noch. Frau Hartig hat verlauten lassen, dass Frau Schneider von der Vergangenheit eingeholt worden war. Wissen Sie etwas darüber?«
»Nee, keine Ahnung. Sie war ein bisschen durch den Wind. Das stimmt schon. Aber ich habe das auf den wechselnden Hormonspiegel bei reiferen Damen geschoben«, und grinste breit. »Kann ich jetzt abhauen?«
Als Mercédès bejahend mit dem Kopf nickte, trottete er von dannen.
Sie blieb noch eine Zeit lang sitzen und dachte über das Gehörte nach. Konnte eine Frau so einsam sein, dass sie sich einen jungen Lover nahm und ihn für die Liebe bezahlte? Sabrina Schneider hatte Jens Meinfeldt als Anregung genommen, ihn ausgehalten, aber das machten ältere Männer auch mit jungen Frauen. Sie war nicht von ihm abhängig. Aber Renate Hartig? Die hatte sich regelrecht an Jens geklammert. Wenn sie nicht in Berlin wäre, würde sie unweigerlich als Verdächtige eingestuft werden.
Mercédès seufzte. Vergiss den Fall und genieße den schönen Abend, nahm sie sich vor und schritt die Stufen hinunter zur Panorama-Bar Luna 81, die wie ein Nest im Felsen hockte und einen herrlichen Ausblick auf die Bucht La Romana bot und die Sonne, die gerade im Untergehen begriffen war.
Sie ließ sich an einem der Tischchen direkt am Rand der Terrasse nieder, die von einer niedrigen Brüstung mit Geländer begrenzt wurde. Ob das vor Abstürzen schützen konnte?, überlegte sie, lehnte sich in dem bequemen Stuhl zurück, stütze sich mit den Beinen an der Steinmauer ab. Vielleicht doch nicht so schlecht, Dienst auf dieser wunderschönen Urlaubsinsel leisten zu dürfen, flimmerte durch ihren Kopf. Sie war bereits gespannt, wie sich Mallorca im Sommer präsentieren würde. Im Herbst fand sie es schon mal bezaubernd. Da ließ eine Stimme ihr einen wohligen Schauer über den Rücken laufen.
»Darf ich Sie auf ein Glas von unserem einzigartigen Sangria einladen?«, erklang der warme und dunkle Tonfall von Werner Hoffmann.
Sie blickte in seine einnehmenden Augen, die das erste Mal lächelten. Eine innere Stimme warnte sie, doch sie sagte mechanisch: »Gerne«, und lächelte ihn dümmlich an.
Kurz darauf kam er mit zwei Gläsern zurück, ließ sich neben sie in einen Stuhl fallen und meinte: »Was für ein Tag!«
Sie konnte ihm nur zustimmen. Werner Hoffmann prostete ihr zu, dann blickten sie schweigend dem feuerroten Ball zu, der allmählich im Meer versank. Mercédès war sich seiner Nähe bewusst, spürte, wie seine Aura sie nach und nach umschloss. Sie wehrte sich nicht, ließ es geschehen. Noch nie war sie während eines Falles einem Mann begegnet, der sie dermaßen faszinierte. Trotzdem hörte sie die Stimme von Jens Meinfeldt im Kopf, der meinte, Werner Hoffmann sei auf Sabrina Schneider scharf gewesen. Und wenn? Was ging es sie an?
»Verspüren Sie Hunger?«, schlich sich Hoffmanns Stimme durch die Gitarrenklänge, die seit einer Weile erklangen. Juan Lamas verwöhnte an diesem Abend die Gäste live mit seiner stimmungsvollen Gitarren-Musik. Zumindest stand dieser Name auf den Kärtchen, die am Tischchen zu Werbezwecken auslagen.
»Hören Sie meinen Magen knurren?«, versuchte sie mit einem Scherz, den Kloß in ihrem Hals Herr zu werden.
»Laut und deutlich«, lächelte er auf sie herab, als er sich erhob und ihr seine Hand reichte. Sie streckte ihm ihre entgegen, er umschloss sie fest und zog sie mit sich die schmalen Stufen durch den Pinienwald hinunter in die Bucht. Sie stolperte mehr hinter ihm her, als dass sie ging, so verwirrt war sie über ihre eigenen Gefühle. Sie konnte sich nicht erinnern, dass nur ein gemeinsam erlebter Sonnenuntergang sie schon mal so durcheinandergebracht hatte, und Sehnsüchte in ihr weckte, die sie nicht einmal zu träumen wagte.
Unten in der Bucht angekommen drehte er sich zu ihr um. »Entspricht unser Restaurant Ihren Vorstellungen?«
Sie nickte nur.
Der Restaurantleiter wies ihnen einen Tisch für zwei in einer verschwiegenen Ecke zu. Aus den Augenwinkeln fiel Mercédès Frau Fichtelhuber auf, die ihren Mann in die Seite boxte und in ihre Richtung deutete. Morgen bin ich hier Gesprächsstoff, grübelte Mercédès. Aber sie konnte ja sagen, dass sie noch einige Fragen an Werner Hoffmann stellen wollte. Was sie auch vor hatte.
»Darf ich für Sie unser Willkommensmenü bestellen? Jeden Sonntag lässt sich unser Restaurantchef etwas Besonderes für die neu ankommenden Gäste einfallen.«
»Gerne«, sagte sie, wieder nur mit einem Lächeln. Sie mochte es, wenn Männer die Initiative ergriffen. So taff sie beruflich war, privat liebte sie es, wenn sie sich fallen lassen konnte und ihr jemand Entscheidungen abnahm.
Während Werner Hoffmann die Bestellung aufgab, schenkte die Kellnerin bereits Rotwein ein. Wann hat er den bestellt?, überlegte Mercédès. Oder war das sein üblicher Wein, den er hier beim Essen konsumierte? Hatte er den gestern Abend auch mit Sabrina Schneider getrunken?
»Schön, dass Sie Zeit haben, mir beim Abendessen Gesellschaft zu leisten«, und er stieß mit ihr an. »Zwar bedauere ich die Umstände, durch die wir uns kennengelernt haben, aber nicht die Tatsache an und für sich.«
Sein leicht wienerisch gefärbtes Deutsch lullte sie endgültig ein. Es klang allerdings nicht so derb wie bei den meisten Wienern, sondern er betonte manche Wörter in besonderer Weise. Es hatte einen weichen, runden Klang, nicht das lang gezogene ›Naaa, heaarst, Waaabler‹ mit dem ihr Vater Wiener stets nachgeahmt hatte.
»Sie sagten, dass Sie aus Wien stammen. Von wo genau?«
»Ich bin in Hietzing aufgewachsen. Gleich neben Schloss Schönbrunn«, und seinem Gesichtsausdruck war abzulesen, dass es angenehme Erinnerungen waren, die ihn mit seiner Heimatstadt verbanden. Seine schönen Augen strahlten.
Vielleicht sprach er das berühmte Schönbrunner Deutsch?, ging es Mercédès durch den Kopf. Denn so hübsch hatte das Wienerische noch nie in ihren Ohren geklungen.
»Kennen Sie Wien?«, wollte Werner Hoffmann wissen.
»Natürlich. Als geborene Münchnerin war ich mit meinen Eltern viel in Österreich unterwegs, auch in Wien.«
»Münchnerin«, lächelte Hoffmann sie interessiert an, »deshalb das perfekte Deutsch mit der leicht bayrischen Färbung. Ich habe mich schon gewundert, wie eine Frau, die Spanisch wie ihre Muttersprache spricht und äußerlich alle Vorzüge einer Spanierin besitzt, zu dem eher deutschen Nachnamen und dem interessanten Vornamen kommt.« Er zwinkerte ihr dabei mit seinen wunderschönen Bernsteinaugen zu, sie verliebte sich auf der Stelle in die feinen Fältchen, die die Augenpartie beim Lächeln umgaben.
»Ja, mein Name«, seufzte sie, »Fluch und Segen zugleich.« Und erzählte die Geschichte ihrer Abstammung und warum sie diesen besonderen Vornamen trug.
»Einer schönen Frau ein schöner Vorname. Ihr Vater hat gut gewählt«, lächelte er sie warm an.
Sie musste ihre Augen abwenden. Dieser Mann wird doch nicht mit mir flirten?, überlegte sie. Mit der ermittelnden Polizistin? Aber er wusste nicht, dass sie schon mal wegen Mordes ermittelten. Für ihn war es bisher einfach ein Unfall. Ein tragischer Unfall.
Trotzdem hatte er sich seit heute Morgen stark verändert. Die Nervosität und Unsicherheit waren gänzlich von ihm abgefallen. Er hatte sich gefangen und im Griff. Doch sie verlor sich allmählich ...
»Und warum sind Sie ausgerechnet Polizistin geworden?«
»Warum nicht?«, antwortete sie schnippisch. Immer diese unvermeidliche Frage. Wie hatte sie es satt. Aber wenigsten hat er nicht wie all die anderen gemeint, eine so hübsche Frau und Polizistin ...
»Entschuldigen Sie, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Aber die Berufswahl sagt auch viel über Menschen aus. Ich denke, dass Ihr Beruf sehr interessant ist, denn Sie lernen dabei die unterschiedlichsten Menschentypen kennen. Und wahrscheinlich nicht immer nur sympathische.«
»Das hängt davon ab. Ich habe schon charmante Mörder hinter Gitter gebracht, die dachten, sie können mich mit ihrem Charme einwickeln.« Wie kam sie nur auf diese Antwort? Wollte sie ihm zeigen, dass er es erst gar nicht bei ihr versuchen sollte? Mercédès fühlte sich völlig verwirrt. Auch durch den Alkohol. Sangria und jetzt bereits das zweite Glas Wein auf praktisch nüchternen Magen, das konnte nicht funktionieren. Gott sei Dank wurde in dem Moment der erste Gang serviert. Das knusprige Weißbrot hatte sie längst ganz alleine verzehrt.
Werner Hoffmann bedeutete der Kellnerin, dass sie das Körbchen auffüllen sollte. Dabei fiel ihr seine Hand auf. Sie starrte auf diese. Fühlte ein eigenartiges Kribbeln. Warum machte sie seine Hand nervös? Eine sehr schön geformte Hand, philosophierte sie. Schlank mit langen Fingern. Und ohne Trauring.
»Dann hatten diese Typen keine Menschenkenntnis. Ich schätze Sie überaus geradlinig ein. Sie kämpfen für die Gerechtigkeit, daher sind Sie Polizistin geworden. Aber warum nicht Anwältin oder Richterin?«
Woher wusste er, dass sie zwischen den Berufen geschwankt hatte? War sie so leicht zu durchschauen?
»Mein Vater war Polizist. Und als er uns so früh verlassen hatte, da dachte ich einfach, um ihm nahe sein zu können, trete ich in seine Fußstapfen ...«
Eine Weile aßen sie schweigend, Mercédès fühlte wieder Boden unter den Füßen. Sie liebte Tapas, und diese Auswahl mundete hervorragend. Ihr absoluter Favorit waren Datteln im Speckmantel und sie wurde gewahr, dass nur sie von diesen gegessen hatte. Mochte Werner Hoffmann keine oder hatte er aus Höflichkeit alle an sie abgetreten? Weil sie sich so darauf gestürzt hatte? Sie beschloss, sich ein wenig zurückzunehmen, knabberte an einigen gebratenen Pimientos de Padrón, griff sich eine Garnele im Knoblauchöl, probierte noch ein köstliches Albóndigas. Die Hackfleischbällchen in Tomatensauce erinnerten sie an das deutsche zu Hause, an München und die Fleischpflanzerl. Auch wenn diese nicht in Tomatensauce serviert wurden. Mit einigen Papas arrugadas, den berühmten Kartoffeln mit Salzkruste, fühlte sie sich nun fürs Erste gesättigt.



