Mallorquinische Leiche zum Frühstück

- -
- 100%
- +
Als er ihr erneut Wein nachschenken wollte, hielt sie ihre Hand über das Glas. »Ich muss noch fahren«, wehrte sie ab. Er akzeptierte ohne Einwand. Auch das gefiel ihr. Denn meistens wurde versucht, sie doch noch zu einem weiteren Glas zu überreden.
»Wasser?«, fragte er stattdessen.
Sie nickte dankbar.
»Und Sie? War Ihr Kindheitstraum Hotelmanager auf Mallorca zu werden?«
»Nein. Ich wollte Löwendompteur werden.«
»Löwendompteur?«, fragte sie perplex nach.
»Löwendompteur!« Und beide prusteten zur selben Zeit los.
»Wie das?« Es interessierte sie. Der Mann interessierte sie.
»Ich war als Kind fast täglich im Schönbrunner Zoo, verliebt in die Löwen. Und habe mir vorgestellt, wie ich bei ihnen im Käfig stehe und sie dazu bringe, durch Reifen zu springen.«
»Und warum ist daraus nichts geworden?«, schmunzelte sie.
»Weil die Liebe nachgelassen hat und die Angst gewachsen ist«, lachte er.
Sie stimmte ein. »Dafür zähmen Sie jetzt Ihre Gäste.«
»Wenn das so einfach wäre ...«, seufzte er und blickte zu den Fichtelhubers.
»Kann ich mir gut vorstellen, dass es nicht immer leicht ist. Manche Menschen stellen eine Herausforderung dar. Wie war Sabrina Schneider so?«
»Wollen wir jetzt über den Beruf sprechen oder ihn mal außen vorlassen und uns amüsieren?«
Wich er ihr aus oder wollte er wirklich nur abschalten?
Sie lächelte ihn hintergründig an. »Amüsieren hört sich gut an«, und hielt ihm ihr Weinglas doch wieder hin. Dieses hervorragende Wolfsbarschfilet auf Tomatenrisotto mit Olivennage verdiente einen guten Wein und nicht das einfache Wasser, dachte Mercédès. Verträumt beobachtete sie ihn beim Nachschenken des Rotweins.
Amüsiert zog er eine Augenbraue fragend in die Höhe.
Lächelnd erklärte sie: »Ich musste gerade an einen Sommerurlaub mit meinen Eltern in Südfrankreich denken. Mein Vater hat in einem eleganten Restaurant in Menton Fisch bestellt, dazu Rotwein, weil meine Eltern nicht gerne Weißwein tranken. Daraufhin meinte der Kellner ausgesprochen höflich: ›Monsieur, Fisch verlangt Weißwein!‹« Dabei imitierte sie den etwas überheblichen Gesichtsausdruck und die leicht näselnde Stimme des Kellners.
Hoffmann brach in schallendes Gelächter aus, was die Aufmerksamkeit Rosie Fichtelhubers nach sich zog. »Ja, das hab ich in der Tourismusschule Kleßheim auch noch gelernt. Aber Gott sei Dank sind die Regeln nicht mehr so streng.« Erhob sein Glas und prostete ihr zu.
Im Hintergrund erklang This is My Song, eine alte Aufnahme von Petula Clark, und obwohl das keines von Mercédès Lieblingsliedern war, ergriff sie eine eigenartige Stimmung. Warum war ihr Herz plötzlich so leicht?, fragte sich nicht nur Petula Clark.
»Wie lange leben Sie bereits in Spanien?«, nahm er das Gespräch nach ein paar Minuten Schweigen mit einem Räuspern wieder auf. Gespannte Augen trafen sie.
Hatte er die knisternde Atmosphäre ebenso empfunden?, überlegte Mercédès.
»Ich war sechzehn, als wir München verlassen haben. Also eine ganze Weile«, schmunzelte sie. Sollte er doch raten, wie alt sie war. Sie musste ihm ja nicht auf die Nase binden, dass sie jetzt schon die gleiche Anzahl von Jahren in Spanien lebte wie damals in München.
»Haben Sie München nie vermisst?«
»Am Anfang. Aber es war ja mein Vater, der das Bayrische ausgemacht hat. Meine Mutter hat sich dort ohnedies nie wohlgefühlt und so war es naheliegend, nach seinem Tod nach Spanien zurückzukehren. Und wenn ich ehrlich bin, fühle ich mich mehr als Spanierin denn als Deutsche, obwohl ich deutsche Staatsbürgerin bin.«
»Warum nicht beides?«, fragte er überrascht.
»Weil ich mich noch entscheiden musste ... erst seit 2014 dürfen Kinder mit einem ausländischen Elternteil in Deutschland die Staatsangehörigkeit des anderen Elternteils behalten.«
»Und warum haben Sie sich für die Deutsche entschieden?«
»Sie sind aber neugierig, das klingt ja fast wie ein Verhör«, wies sie ihn leicht tadelnd zurück.
»So war das nicht gemeint. Aber Sie interessieren mich!« Und wieder richteten sich erwartungsvolle Augen auf sie. Doch es lag mehr in dem Blick ...
Verwirrt schloss sie für einen Moment ihre Augen, drehte ihr Weinglas in den Händen. »Weil meine Mutter das für besser befand ...« Wie oft hatte sie sich seither überlegt, ob das der richtige Schritt gewesen war. Sie lebte in Spanien, trotzdem war sie Deutsche. Aber irgendwie war es das Vermächtnis ihres Vaters, dem es wichtig war, dass sie Deutsche, Bayerin, war. Auch wenn sie dadurch in Spanien des Öfteren mit Vorurteilen zu kämpfen hatte, trotz ihres spanischen Aussehens und ihrer typischen spanischen Art.
Er betrachtete sie aus halbgeschlossenen Augen. Trank einen Schluck Wein. »Und, fühlen Sie sich auch als Mallorquinerin?«
»Ich bin erst seit gestern Abend hier ...«, und sie strich ihre widerspenstigen Locken zurück. Eine Geste, die er unheimlich anziehend fand.
»Oh, dann hatten Sie heute Ihren ersten Arbeitstag?« Die Überraschung war ihm deutlich anzumerken. Aber auch Freude.
»Eigentlich hätte ich den erst morgen ...«, seufzte sie.
»So traurig und pietätlos das wahrscheinlich klingen mag. Aber da muss ich Sabrina direkt dankbar sein. Sonst hätten wir uns vielleicht nie getroffen.« Er beugte sich bei diesen Worten vor, sein Arm streifte fast ihre Schulter.
Sie wollte ihm scharf ins Wort fallen, denn wie kann man einen Todesfall als glückliche Fügung ansehen? Besann sich aber anders. Sah sie es nicht ebenso? Und schloss erneut für einen Moment verwirrt die Augen über die widersprüchlichen Gefühle in ihrem Bauch.
»Lassen Sie uns auf Ihren Dienstbeginn auf der Insel anstoßen und es als Schicksal betrachten, das uns zusammengeführt hat.« Er blickte ihr tief in die Augen, legte kurz seine Hand auf ihre.
Sie zuckte zurück, dieser sanfte Druck fuhr wie ein Blitz durch ihren Körper, versuchte sich zu sammeln, obwohl sie das Gefühl höchst angenehm empfand. Winzig kleine Lustimpulse hatte diese eine sanfte Berührung bei ihr ausgelöst. Nein, schimpfte sie mit sich. Reiß dich zusammen. Du willst keine Affäre!
»Ich hoffe, wir sehen uns noch sehr oft«, fügte er weich hinzu. Vielleicht öfter, als dir lieb ist, dachte sie nun wieder klarer geworden. Wenn du etwas mit Sabrina Schneiders Tod zu tun hast. Doch diesen Gedanken verwarf sie sofort. Nein, dieser Mann war kein Mörder. Und ihr Tod hatte ihn getroffen, das hatte sie heute Morgen in Sabrinas Apartment deutlich gespürt. In Sabrinas Apartment ...
»Können wir noch einmal in Sabrina Schneiders Apartment gehen?«, fragte sie unvermittelt.
»Was wollen Sie denn da?«, entgegnete er verblüfft.
»Mir ist gerade etwas eingefallen. Das würde ich gerne überprüfen.«
»Wollen Sie mir verraten, worum es sich dreht?«
»Nein«, meinte sie kurz angebunden.
»Gut, dann lassen Sie uns gehen. Auch wenn ich es sehr bedauere, den wunderbaren Abend so abrupt zu unterbrechen«, flüsterte er dicht vor ihrem Gesicht.
Sie fürchtete schon – oder hoffte? – er würde sie küssen, doch er tat es nicht. Aber sie konnte ihn riechen. Er roch gut. Ein sehr männliches, dezentes Rasierwasser. Ihr Herz schlug heftig. »Vor allem wenn ich sehe, mit welchen Argusaugen wir von Frau Fichtelhuber beobachtet werden.« Und er lächelte in Richtung der Fichtelhubers beim Verlassen des Restaurants.
»Sie hat Sie ja gestern Abend schon belauert, oder?« Die kühle Nachtluft brachte sie etwas zur Besinnung.
»Wie kommen Sie darauf?« Er blieb stehen, warf ihr einen raschen Blick über seine Schulter zu.
»Jens Meinfeldt hat so was angedeutet.«
»Und, ist das wichtig?«, fragte er mit einem Achselzucken und ging weiter.
Sie folgte ihm die Stufen hinauf. »Sagen Sie es mir.«
Es dauerte, bis er antwortete. »Für mich spielt es keine Rolle mehr. Ich bedauere den Tod von Frau Schneider außerordentlich und er ist mir heute Morgen extrem nahegegangen. Aber ich habe daraus auch eine Erkenntnis gewonnen.«
»Ja, und welche?«, fragte sie neugierig. Mittlerweile waren sie beim Apartment angekommen.
»Das Siegel?«, schaute er sie fragend an. Und dieser Blick ging ihr durch und durch, jagte einen Schauer über ihren Rücken.
»Brechen Sie es auf.«
Er schnitt es mit seinem Schlüssel durch, sperrte auf und ließ ihr abermals den Vortritt. Der Blick durch die Panoramafenster auf das im Mondlicht glitzernde Meer und das Spüren seiner Nähe raubten ihr fast den Atem. Als er nach dem Lichtschalter tastete, hielt sie ihn zurück, indem sie ihre Hand auf seine legte. Und fühlte sich erneut wie vom Blitz getroffen.
»Nein, lass. Diese Stimmung ...«, und sie schritt durch den Raum auf die Terrasse, versuchte dieses Gefühl, das über ihren Körper kroch, abzuschütteln. Doch es gelang nicht. Trotz der Wärme, die sich in ihr ausbreitete, fröstelte sie und sie legte ihre Arme schützend um sich.
Werner folgte ihr, trat hinter sie, umschloss sie wärmend mit seinen Armen, zog sie eng an sich. Sie lehnte sich mit jedem Zentimeter ihres Körpers an seinen, ihr Herz klopfte bis zum Hals.
»Es ist wunderschön«, flüsterte er in ihr Haar und drückte ihr einen sanften Kuss auf den Haaransatz. »Du bist wunderschön.«
Ihre Knie wurden weich. Und eine Gänsehaut überzog ihren Körper. Aber nicht der Kälte wegen.
Eine Weile wiegte er sie in seinen Armen, während sie den Sternenhimmel betrachteten und einem vorbeiziehenden Kreuzfahrtschiff nachschauten, dessen Lichter in der Ferne tanzten. Und sie ertappte sich beim Summen von This is My Song. Weil die Sterne auch heute Nacht so hell schienen? Als würden sie nur für sie leuchten? Sie konnte nachfühlen, warum Charlie Chaplin einen derart sehnsuchtsvollen Text verfasst hatte.
Da drehte Werner Hoffmann sie zu sich um, hob ihren Kopf mit einem Finger an und senkte langsam seine Lippen auf ihre, ohne sie dabei aus den Augen zu lassen. Ein zarter Kuss zuerst nur. Wie ein Versuch. Wollte er ihre Reaktion testen? Dann ein zweiter. Ihr wurde schwindlig. Sie schloss die Augen, gab sich dem dritten, intensiveren Kuss hin und verdrängte die warnenden Signale in ihrem Kopf. Hörte lieber auf den imaginären Song: Wie konnte die Welt verkehrt sein, wenn es ihn in dieser Welt gab?
Конец ознакомительного фрагмента.
Текст предоставлен ООО «ЛитРес».
Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию на ЛитРес.
Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.



