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»Ich dachte mehr daran, wie viel Zeit uns bleibt, um uns auf bevorstehende Kämpfe vorzubereiten.«
Jess wog nachdenklich den Kopf.
»Zu wenig, fürchte ich!«, entgegnete er langsam.
*
Torek wanderte ohne Ziel über die Insel. Von den Höhlen war er ins Dorf gelaufen, von dort die gesamte Bucht herunter und dann weiter zur Bucht der Schiffsbauer. Eine Weile hatte er dem Hämmern, Sägen und Fluchen der Arbeiter zugehört, bis es ihn rastlos weitergetrieben hatte.
Bairani hatte ihn heute Morgen nicht zu sich rufen lassen, wie er es in letzter Zeit immer getan hatte. Stattdessen hatte ihn der Wächter vor der Höhle des Obersten Sehers regelrecht abgewimmelt. In seinem Kopf wanderte die Frage nach dem Warum genauso ruhelos umher, wie er selbst. Das Gefühl, dass ihm etwas verheimlicht wurde, war stark. Bairanis Verhalten ärgerte ihn. Und er hatte noch nicht einmal die Möglichkeit, sich in seinen Visionen die Antworten zu Bairanis Gebaren zu holen. Er schien etwas vor ihm zu verbergen, und Torek war sich ziemlich sicher, dass es mit Morgan zu tun hatte. Auch wenn er bei dem Obersten Seher keinerlei Skrupel hatte, in seinen Visionen nachzusehen, wagte er diesen Schritt nicht. Bairani vereinigte die Visionen aus so vielen Sichtungszeremonien in sich, dass ein Durchkommen nahezu unmöglich war. Torek würde die Bilder nicht sortieren können, so wie er das bei anderen Sehern inzwischen mühelos tat. Die Angst, dass er sich in der unübersehbaren Flut verlieren konnte, war zu groß. Daher würde er sich auf seinen Instinkt verlassen müssen. Und der sagte ihm, dass ihm der Oberste Seher kein vollständiges Vertrauen schenkte.
Plötzliche Wut flammte in ihm auf und lähmte seinen Schritt. Bairani missbrauchte ihn für seine Zwecke und unterschied sich damit eigentlich nicht von den jungen Männern, die sich immer über ihn lustig gemacht hatten. Vielleicht lachte er ihn nicht aus, aber der Oberste Seher schien zu glauben, dass er Torek wie ein Werkzeug benutzen konnte. Grimmig knurrte der junge Seher vor sich hin. Vielleicht sollte er einmal beweisen, dass dies nicht so einfach war. Heute würden die Schiffe zurückkehren, die die Silberflotte angegriffen hatten. Torek wusste längst, dass die Monsoon Treasure nicht mehr unter ihnen war. Morgan war auf dem Weg nach Cartagena, in dem Glauben, zumindest für eine Weile eine kleine Atempause haben zu können. Ein Lächeln glitt über Toreks Miene. Der Gedanke an den Piraten besänftigte und versöhnte ihn. Mit einem tiefen Atemzug schloss er die Augen und glitt wie von alleine zu Jess Morgan. Er fand ihn auf dem Achterdeck der Monsoon Treasure, die gerade in Cartagena festmachte. Seine Hand lag auf der Tätowierung und fühlte den Schmerzen darin nach. Toreks Lächeln wurde breiter. Zufrieden beobachtete er, wie eine schwarze Kutsche in der Begleitung berittener Soldaten auf die Pier fuhr, als ein knackendes Geräusch ihn aus der Vision riss.
Überrascht erkannte er, dass er vor Durvins alter Hütte stand, nahe des Pfades, der zu den Höhlen führte. Noch weiter abseits des Dorfes lagen nur die Hütten Shamilas und der alten Merka, die direkt am Fuße des Vulkans lagen.
Torek sah unentschlossen den Pfad hinauf, der sich in kleinen Windungen zwischen den Hibiskussträuchern verlor. Er legte den Kopf ein wenig auf die Seite und betrachtete den schlichten Bau, der seit dem Verschwinden des Sehers leer stand. Auf den ersten Blick schien die Hütte noch bewohnbar zu sein. Kritisch musterte er das mit Palmblättern gedeckte Dach, in dem ein großes Loch gähnte wie in seinem Selbstbewusstsein. Er konnte das Loch reparieren lassen und die Hütte beziehen. Er würde seine Unterkunft in den Höhlen verlassen und damit für Bairani vielleicht ein Zeichen setzen können, dass er eigenständige Ansprüche hatte. Unsicher, ob er das wirklich wollte, wandte sich Torek zum Gehen, als ihn erneut ein Geräusch aufblicken ließ. Zwischen den Sträuchern tauchte die gebeugte Gestalt der alten Merka auf. Widerstrebend gestand Torek sich ein, dass diese Frau etwas Unheimliches an sich hatte. Ihre Bewegungen wirkten schwerfällig und steif, wie er es von alten Menschen kannte, doch etwas an Merka war anders. Die Bewegungen wirkten nicht echt. Unermüdlich suchte sie sich ihren Weg den teilweise steilen und unebenen Weg hinunter, der so manch jüngeren Menschen bei einer kleinen Unachtsamkeit zum Straucheln brachte. Doch trotz der von der Müdigkeit des Alters geprägten Ganges suchten sich ihre Füße sicher ihren Weg. Torek konnte nicht widerstehen und konzentrierte sich. Als er nach Bildern von der alten Frau greifen wollte, blieb sie stehen und sah ihn geradeheraus an. Ihre Miene verzog sich dabei zu einem finsteren Lächeln, über das ihre Falten wie ein Meer aus Wellen in Bewegung gerieten. Der Blick war dabei von einer beunruhigenden Klarheit und traf ihn wie ein Warnruf. Torek erstarrte. Wie alt mochte sie sein? Unsicher, weil sie immer noch nicht den Blick wieder abwandte, tastete er vorsichtig nach einer Vision über sie. Doch da war nichts, was greifbar gewesen wäre. Um sie herum flirrte und schimmerte eine seltsame Wand, die nachgab, wo er versuchte durchzudringen, aber letztendlich seinen Vorstoß nur in eine andere Richtung lenkte und den Zugriff auf ihre Vergangenheit oder Zukunft unmöglich machte. Selbst das Hier und Jetzt schien sich vor ihm verbergen zu wollen, obwohl sie doch nur wenige Meter von ihm entfernt stand. Unvermittelt fühlte Torek sich so unbeholfen wie noch vor Monaten. Die alte Frau war nicht im mindesten von seinen seherischen Fähigkeiten beeindruckt. Ihr Lächeln wurde abschätzig und schubste den Rest seiner Selbstsicherheit in den Dreck.
»Wer die Augen zu weit aufreißt, kann leicht geblendet werden und Schaden nehmen«, sagte sie. Ihr Lächeln war wie fortgewischt.
Diesmal musste Torek schlucken. Das hatte wie eine Drohung geklungen, oder nicht?
»Nur ein gutgemeinter Rat, junger Seher«, beantwortete sie seine unausgesprochene Frage und grinste jetzt breit. »Du solltest begreifen, dass sich dir nicht alles offenbaren kann. Die künftigen Zeiten sind und bleiben ein Geheimnis, selbst für einen so weitsichtigen jungen Mann, wie du es bist. Akzeptiere, dass deine Visionen nur Möglichkeiten in einem Spiel zeigen, dessen Einsatz du selbst bestimmen kannst.«
Wut loderte in ihm auf und wurde doch gleich wieder von den durchdringenden Augen der alten Merka zertreten, bevor sie in Flammen aufgehen konnte. Wer war die alte Frau? Wieso verbarg sich ihr Schicksal vor ihm und wie stellte sie es an?
Ein erheitertes Kichern schüttelte den Körper Merkas. Mit ihrer dürren Hand umfasste sie den Stock, auf den sie sich stützte, fester. Der Handrücken war knotig und mit Altersflecken übersät. Man konnte meinen, dass sie so alt wie diese Insel war.
»Du bist so ein schlauer Junge, Torek«, sagte sie vergnügt. »Konzentrier dich lieber auf die Möglichkeiten, die das Schicksal dir zu Füßen legt.« Damit deutete sie in Richtung Dorf. Torek folgte mit den Augen in die angegebene Richtung. Sein Herz schlug augenblicklich schneller, als er Shamila erkannte. Zielstrebig wanderte sie den Berg hinauf und hob einen Arm zum Gruß, als sie die beiden entdeckte.
»Es gibt einen Weg abseits der Macht. Ein Weg, auf dem Frieden und ja, sogar Glück dicht beieinander liegen.« Merka sah Torek jetzt wieder ernst an. Jede Spur von Belustigung und Verachtung war verschwunden. Toreks Magen krampfte sich zusammen. Dann sah er wieder auf Shamila, die nur noch wenige Schritte entfernt war. Einerseits verspürte er das Verlangen, ihre Zukunft zu betrachten, doch andererseits widerstrebte ihm dies zutiefst. Er wollte sie nicht auf diese Weise erkunden. Das Eindringen in ihr Schicksal glich dem Eindringen in einen intimen Bereich, als würde er sie auf eine Weise entblößen, die ihm so nicht zustand.
»Merka«, sagte Shamila, als sie die beiden erreichte, und lächelte die alte Frau erleichtert an, während sie ihm nur ein kurzes Kopfnicken schenkte. »Torek«
Ihre Stimme löste eine Gänsehaut auf seinem Rücken aus, auch wenn sie ihre Aufmerksamkeit ganz Merka schenkte. »Nuri braucht dich. Es ist so weit. Das Baby kommt.«
Die alte Frau schien in ihrer Gestalt zusammenzuschrumpfen, während sie mit plötzlich zitternden Fingern nach dem Arm Shamilas griff, um sich dort Halt zu suchen.
»Dann lass uns keine Zeit verschwenden, mein liebes Kind«, sagte sie und wackelte mit dem Kopf, wie es alte Frauen oft taten. »Bring mich zu Nuri.«
Nachdenklich schaute Torek den beiden Frauen nach, bis sie verschwunden waren. Trotzdem Merka ein unbehagliches Gefühl in ihm hervorgerufen hatte, lag sein Herz federleicht in seiner Brust. Eine Eigenschaft, die jeder Begegnung mit Shamila innewohnte, auch wenn sie noch so flüchtig war.
*
Am Morgen des vierten Tages segelte die Monsoon Treasure in großem Abstand, gefolgt von den spanischen Schiffen, in den Hafen von Cartagena.
Noch während sie mit dem Anlegemanöver beschäftigt waren, ritten bewaffnete Wachen vor die Pier, in deren Begleitung sich eine schwarze Kalesche befand. Ein Diener sprang eilfertig vom Kutschbock, um den Wagenschlag zu öffnen. Bevor dieser danach greifen konnte, öffnete sich die Tür und die schlanke Gestalt von Christobal Tirado y Martinez schob sich hinaus.
Jess nickte dem Gouverneur zu, als ihre Blicke sich trafen. Auch ohne in die Strömungen des Spaniers zu tauchen, war die Ungeduld in seinen Augen unübersehbar. Da die Treasure das erste Schiff war, das zurückkehrte, hatte Tirado noch keinerlei Informationen darüber, wie die Schlacht verlaufen war. Auch wenn er sich zumindest Teile selbst zusammenreimen konnte, da die Treasure unübersehbar wieder in Jess’ Besitz war.
Tirado schritt geradewegs auf das Schiff zu, dessen Laufplanke gerade von Dan und Sam ausgebracht wurde. Bevor er das Deck betrat, blieb der Gouverneur stehen und sah abwartend zu Jess.
»Willkommen an Bord der Monsoon Treasure, Señor Gouverneur«, begrüßte ihn dieser und machte eine einladende Geste mit dem Arm.
»Wie ich sehe, ist das Unternehmen von Erfolg gekrönt. Ich freue mich, Euch wohlbehalten in Cartagena willkommen heißen zu dürfen, Capitan Morgan«, entgegnete der Spanier und warf dabei einen interessierten Blick auf den offenen Hemdausschnitt von Jess, »und vollständig, wie ich sehe. Ich brenne darauf, jede Einzelheit zu erfahren.«
»Ich werde Euch gerne einen umfassenden Bericht erstatten. Wenn Ihr mir bitte folgen wollt.« Jess wandte sich um und ging dem Gouverneur voraus. In seiner Kajüte deutete er auf einen Stuhl. »Bitte nehmt Platz.«
Tirado ließ einen Moment den Blick neugierig über die Einrichtung wandern, bevor er sich an den großen Kartentisch setzte. Jess beobachtete ihn, während er ein Kristallglas mit schwerem Rotwein füllte und sich selbst Frischwasser einschenkte.
»Lasst uns nicht um den heißen Brei herumreden, Capitan. Stillt meine Neugierde: Wie groß sind unsere Verluste?« Ohne Umschweife kam der Spanier auf den Grund seines Erscheinens zu sprechen. Jess hätte es auch gewundert, wenn dieser Mann anders vorgegangen wäre. Bei ihren letzten Begegnungen war er stets direkt gewesen und hatte sich nicht hinter Floskeln verborgen. Jetzt sah er Jess besorgt an, während er das Glas unbeachtet an die Seite schob.
»Sechs Schiffe sind gesunken, drei manövrierunfähig. Die genaue Zahl an Verlusten unter den Männern sowie die Schäden an den Schiffen wollte Admiral Gonzalez Euch selbst überbringen. Ich fürchte jedoch, dass die Anzahl nicht so gering ist, wie ich es gerne gehabt hätte.«
Die braunen Augen des Gouverneurs musterten ihn ernst. Seine Hand strich beiläufig über die Karte, die vor ihm ausgebreitet lag und den Ausschnitt mit dem Barriereriff zeigte, wo die Schlacht stattgefunden hatte. Ein unberührter Fleck auf der Karte, der keinen Hinweis auf das Blutvergießen gab, das dort stattgefunden hatte.
»Die Waidami?«
»Neun Schiffe versenkt, acht Schiffen gelang die Flucht.«
Tirados rechte Augenbraue wanderte in einer steilen Kurve nach oben. »So viele?«, fragte er verwundert. Dann nickte er, wie zu sich selbst. »Bitte, Capitan, fahrt fort und schildert mir, was sich zugetragen hat.«
Während Jess den Verlauf der Schlacht schilderte, schwieg Tirado, ließ ihn aber keinen Moment dabei aus den Augen. Als er von der Begegnung und dem Kampf mit McDermott berichtete, runzelte sich die glatte Stirn des Spaniers, doch er schwieg weiterhin geduldig, bis Jess seinen Bericht beendete.
Für einige Augenblicke herrschte Stille in dem großen Raum. Jess, der bis jetzt gestanden hatte, trat auf die gegenüberliegende Seite des Tisches und warf einen Blick durch das Fenster hinaus. Inzwischen hatten sich mehrere der spanischen Segelschiffe zu ihnen gesellt und lagen dicht bei der Treasure vor Anker. Ein friedliches Bild. Dennoch war Jess durchaus bewusst, dass Admiral Gonzalez die Ankerplätze der Schiffe nicht zufällig gewählt hatte. Unauffällig hatte man ihn in die Mitte genommen. Der Mann traute ihm nicht, gleich, was sein Gouverneur auch von ihm halten mochte. Er blieb der Pirat, den man im Auge behalten musste oder besser noch direkt vor den Mündungen der spanischen Kanonen.
»Wenn ich richtig mitgezählt habe, Capitan, dann befanden sich auf der Seite der Waidami siebzehn Schiffe?«
Jess wandte sich wieder dem Spanier zu. Tirado trommelte nachdenklich auf dem Kartenausschnitt mit dem Barriereriff herum.
»Aye!«
»Wisst Ihr, ob dies allesamt Schiffe waren, die auch mit ihren Kapitänen verbunden sind? Oder handelte es sich womöglich um neue Verbündete?«
»Soweit ich das beurteilen kann, waren es Kapitäne der Waidami. Ich kann mir niemanden vorstellen, der ein Bündnis mit den Waidami eingehen würde. Noch weniger einen Partner, den sich der Oberste Seher an die Seite holen würde.«
»Woher kommen plötzlich so viele Schiffe? Ich habe noch nie davon gehört, dass mehr als drei oder vier Waidami-Schiffe auf einmal gesichtet worden sind.«
»Diesmal lag es jedoch in ihrer Absicht, die Silberflotte zu überfallen. Da sie im Besitz der Derroterro waren, kannten sie die Aufstellung der spanischen Schiffe, Señor Gouverneur. Es war damit zu rechnen, dass eine Flotte angreift. Jedoch muss ich gestehen, dass auch ich nicht mit einer derartig hohen Zahl gerechnet habe.«
Tirado stoppte das Trommeln seiner Finger und hob den Blick. »Ihr sagt dies so, als ob Euch etwas die Zunge beschwert, Ihr aber zu unwillig seid, es auszusprechen, mein Freund.«
»Sagen wir, ich habe das Gefühl, dass der Ablauf der Schlacht, auch wenn ganz in unserem Sinne, doch zu einfach war.«
»Was veranlasst Euch zu diesem Gedanken? Euer Plan, die Männer unter Deck hinter den Silberbarren zu verbergen war überzeugend. Die Strömungen der Soldaten konnten so nicht von ihnen ausgemacht werden. Das Überraschungsmoment lag damit auf Eurer Seite. Also, was ist es, das Euch zweifeln lässt?«
»Die spanische Flotte war in der Überzahl, aber der Großteil bestand auch aus schwerfälligen Schatzschiffen, die im Kampf leicht auszumanövrieren sind. Die Kapitäne der Waidami sind Euren Kapitänen weit überlegen. Verzeiht meine Ehrlichkeit, Señor Gouverneur. Aber in Anbetracht der Anzahl der Waidami-Schiffe bin ich ehrlich überrascht, dass mein Plan aufgegangen ist.«
»Ihr wollt also andeuten, dass wir diese Schlacht gewonnen haben, weil wir sie gewinnen sollten. Ist es das?«
»Möglicherweise.« Er wusste selbst, wie verrückt das klang. Dennoch hatte er das Gefühl, dass sich etwas über ihnen zusammenbraute, mit dem niemand von ihnen rechnete.
Tirado atmete tief ein. Langsam stand er auf, trat um den Tisch herum und stellte sich neben Jess. Sein Blick wanderte über die Schiffe, die draußen in der Bucht verteilt lagen und alle ihre Breitseiten der Monsoon Treasure präsentierten. Langsam verschränkte er die Arme vor der Brust und nickte: »Dann macht es also Sinn, dass mein Admiral dem einzigen Piratenschiff in dieser Bucht seine gesamte Aufmerksamkeit zuteilwerden lässt.«
»Ich plane keinen Verrat, wenn Ihr das vermuten solltet.«
Tirado warf ihm einen Blick von der Seite zu. »Nein, das glaube ich Euch sogar. Auch wenn ich selbst zutiefst überrascht darüber bin.« Ein flüchtiges Lächeln glitt über sein Gesicht, bevor ein Schatten darauf zurückblieb. »Aber möglicherweise tragt Ihr, ohne es zu wissen, etwas mit Euch, was den Waidami einen Vorteil verschafft. - Wir sollten unseren gemeinsamen Feind nicht unterschätzen.«
Jess nickte langsam. Tirado hatte Recht und sprach nur aus, worüber er selbst sich bereits seit dem Ende der Schlacht seine Gedanken machte. »Ich werde meine Männer anweisen, das Schiff noch einmal zu durchsuchen.« Doch er hatte nicht die geringste Ahnung, wonach die Männer suchen sollten. »Ich fürchte jedoch, dass es zu einfach wäre, wenn die Waidami etwas oder jemanden an Bord versteckt hätten. Versprecht Euch nicht zu viel davon.«
»Ich denke, das wäre auch zu einfach. Lasst uns die Zeit nutzen, während Ihr hier auf die Ankunft Eurer Männer wartet. Wir können den Hergang der Schlacht in Ruhe durchgehen und nach möglichen Fallen suchen. Also erweist mir den Gefallen und nehmt eine offizielle Einladung von mir an. Es ermöglicht Euch das Betreten meines Palastes durch die Tür wie gewöhnliche Menschen und macht es nicht nötig, unbescholtene Damen in Aufruhr zu versetzen«, sagte er und spielte damit auf Jess’ letzten Besuch während eines Maskenballes an. Ein Grinsen breitete sich jetzt auf seinem Gesicht aus. Es war das erste Mal seit Betreten des Schiffes, dass Jess den Eindruck hatte, dem Tirado gegenüberzustehen, den er bei seinen bisherigen Begegnungen kennengelernt hatte.
»Nebenbei bemerkt, Señor Capitan, würdet Ihr mir eine Freude bereiten, wenn Ihr Eure bezaubernde Navigatorin als Begleitung mitbrächtet. Ich hoffe, sie ist unbeschadet aus der Schlacht mit Euch zurückgekehrt?« Tirado hatte sich jetzt ihm wieder ganz zugewandt und drehte dem Fenster und den drohenden Schiffen den Rücken zu. Das Interesse an Lanea wehte wie eine frische Brise durch den Raum und überraschte Jess, wie der leichte Schmerz, der sich im selben Moment wieder über die Tätowierung auf seiner Brust ergoss.
»Es geht ihr gut, danke«, entgegnete er und fuhr sich mit der Hand über die schmerzende Stelle. Kälte drang durch den Stoff des Hemdes in seine Handfläche. »Ohne Eure Hilfe hätte sie es wohl kaum rechtzeitig geschafft, zur Schlacht dazuzustoßen. Eine neue Verbindung wäre ohne den Dolch nicht möglich gewesen. Ich bin Euch mehr als nur zu Dank verpflichtet.«
Tirado winkte ab und ging langsam auf die Tür zu. »Seid mein Gast, Señor Capitan. Damit erweist Ihr mir Dank genug. Ich werde eine Kutsche schicken, die Euch und Eure Begleiterin abholen wird.«
»Es wird uns ein Vergnügen sein.«
Der Spanier nickte ihm kurz zu und verließ den Raum. Jess blieb nachdenklich zurück.
Entscheidungen
Tirado öffnete die beiden Fenster und machte einen Schritt hinaus auf den schmalen Balkon. Der Garten lag still und friedlich vor ihm. Das leise Plätschern des Brunnens mischte sich mit dem Spiel der Zikaden zu einer einschläfernden Hintergrundmelodie. Genau das, was er jetzt brauchte. Die Gespräche mit den Kommandanten der Silberflotte, die aus ihrer Sicht das Geschehen in der Schlacht geschildert hatten, waren ermüdend gewesen und hatten ihn letztendlich nur zu der gleichen Erkenntnis geführt, die auch Morgan bereits festgestellt hatte. Trotz aller Verluste war die Übernahme der Monsoon Treasure beinahe zu einfach gewesen. Der Kapitän war, laut Bericht von Admiral Gonzalez, geradezu mühelos überwältigt worden. Gonzalez hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass er Morgan verdächtigte, ein falsches Spiel zu spielen, um die Waidami direkt in den Hafen von Cartagena zu bringen. Unnachgiebig hatte er dazu geraten, den Piraten augenblicklich in Ketten zu legen und ihn nicht als Gast im Palast weilen zu lassen. Dazu war die überraschende Botschaft gekommen, dass die Waidami eine kleine Küstenstadt und ein Kloster überfallen hatten und niemand diese Massaker überlebt hatte. Tief atmete Tirado die kühle Abendluft ein. Nein, nicht Morgan war das Problem. Er seufzte und kniff die Augen zusammen.
Aus den Schatten der Gartenanlage traten zwei Gestalten, die eng beieinander gingen.
Am Brunnen blieben sie stehen, sodass das matte Licht sie beleuchtete. Das azurblaue Kleid, das Lanea trug, schimmerte tiefgründig wie das Meer in der Abenddämmerung. Der Manteau, der in Wellen dabei von ihren schmalen Schultern fiel, verstärkte den Eindruck. Schweigend stand das Paar sich gegenüber, vertieft in der Betrachtung des anderen, als müssten sie sich jede Einzelheit einprägen. Dann begann Lanea zu sprechen. Tirado konnte sie nicht verstehen, aber an den Gesten ihrer Hände und ihren unruhigen Schritten bemerkte er, dass ihre eigenen Worte sie stark aufwühlten. Schließlich blieb sie wieder vor dem Piraten stehen. Die junge Frau schüttelte heftig den Kopf. Eine Hand legte sie über ihren Mund, als wollte sie zu lautes Weinen unterdrücken, während sie mit der anderen ihre Mitte umschlang. Tirado spürte ihren Schmerz nahezu körperlich. Er konnte nur vermuten, dass sie gerade von dem Tode ihres Vaters berichtete.
Da stand diese junge Frau, vor der er ehrlichen Respekt empfand. So entschlossen, wie sie damals hier aufgetaucht war, um ihn um Hilfe zu bitten, hatte sie kaum etwas von den tiefen Wunden in ihrem Inneren gezeigt. Jetzt verlor sie jegliche Selbstbeherrschung. Ihr Gesicht war nach unten gesenkt, während ihre Schultern von Weinkrämpfen geschüttelt wurden. Jess Morgan stand ruhig da und hörte zu, ließ ihr Raum für ihren Schmerz. Erst als sie geendet hatte, nahm er sanft ihr Gesicht in seine Hände, hob es zu sich heran und sprach. Seine Worte schienen wie ein unsichtbarer Halt zu sein. Ihre Gestalt richtete sich daran auf, ihr Blick saugte seinen Anblick in sich auf. Der Pirat senkte seinen Mund auf ihre Lippen und küsste sie zärtlich. Laneas Arme schlossen sich dabei um seine schlanke Gestalt, und sie drängte sich an ihn, als ob nur in seiner unmittelbaren Nähe Trost zu finden war.
Tirado räusperte sich verlegen und ging rückwärts zurück in das Gebäude, bis er die beiden aus dem Blick verlor. Dieser Augenblick war nicht für ihn bestimmt. Dennoch war er froh, dass er Zeuge davon geworden war; bestätigte es ihn doch in seiner Meinung, dass man einen Mann nicht stur nach Gut und Böse einordnen konnte. Sicher hatte Morgan Verbrechen begangen, die ohne jede Rücksicht auf Geschlecht und Alter vorgegangen waren. Die Schiffe, die er gekapert hatte, waren allesamt mit der an Bord befindlichen Besatzung versenkt worden. Dennoch hob er sich von den anderen Piraten ab, hatte sich von seinem Gewissen leiten lassen und die Seiten gewechselt. Und daran hegte er keinen Zweifel, gleich, was Admiral Gonzalez glaubte. Morgan hatte bewiesen, dass es viele Facetten gab. Selbst zu tiefen Gefühlen war er fähig. Aus jedem Blick und jeder Geste in Richtung Laneas sprach eine Liebe, die er selbst bisher nicht kennengelernt hatte. Was Morgan und diese Frau füreinander empfanden, war unübersehbar ein kostbarer Schatz. Tirado seufzte leise. Seine Gedanken wanderten von alleine zu der Pergamentrolle, die ihm der Seher für Morgan ausgehändigt hatte und nun wie ein zu fettes Abendmahl schwer in seinem Magen lag. Es war an der Zeit, die Rolle zu übergeben. Ein Gedanke schlich wie ein dunkler Schatten durch die Nacht und setzte sich in ihm fest. Was, wenn dieses Schreiben nichts Gutes zu verkünden hatte?
Leise schloss Tirado die Fenster und damit den Garten und die beiden Menschen dort aus seiner Gegenwart aus. Er fürchtete, dass ihr Glück nur von kurzer Dauer sein könnte.
*
Im Verlaufe des Abends wurde Tirado immer ungeduldiger. Es war nun schon Stunden her, dass er Lanea und Jess im Garten beobachtet hatte. Das Mahl mit seinen Gästen zog sich dahin. Admiral Gonzalez und seine Gattin, vor allem diese, plauderten angeregt mit Morgan. Während seine Begleiterin Lanea sich nur zaghaft beteiligte, was dem Umstand geschuldet war, dass sie sich auf ungewohntem Terrain befand, kam von Kardinal Joaquin García Álvarez tadelnde Blicke und Worte der Geringschätzung. Nur mühsam konnte Tirado sich an die gebotene Höflichkeit halten und sich an der Konversation beteiligen, wie es von einem Gastgeber erwartet wurde. Seine Verpflichtungen, die er als Gouverneur hatte, waren an diesem Abend mehr als unerquicklich. In seinem Hinterkopf drohte die zu überreichende Pergamentrolle allgegenwärtig und verdarb ihm den Appetit, ohne dass er ihren Inhalt kannte.
»Für einen Piraten seid Ihr ungewöhnlich gebildet«, sagte gerade die Frau des Admirals und strahlte Morgan an, nicht ohne ihrem Gatten einen befangenen Blick zuzuwerfen.



