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»Tatsächlich?« Jess wandte sich der Dame mit einem charmanten Lächeln zu, die daraufhin hochrot anlief. »Ich nehme an, Ihr habt einen reichen Erfahrungsschatz an Begegnungen mit meinesgleichen?«
»Oh, nein! Gott sei Dank nicht! Oh, verzeiht. Ich meine ... Piraten trinken doch Rum, sagt man und sind grob und ...«
»Wundert es Euch wirklich, Donna Isadora, dass dieses Gesindel eine gewisse Bildung besitzt?«, fiel Kardinal Álvarez der Dame ganz ungalant ins Wort und hob in einer unnachahmlichen Geste die Augenbrauen. Damit wirkte er noch überheblicher als bereits zuvor. Sein Missfallen über die Gegenwart von Morgan stand offen in seiner aufgeblasenen Miene. Nur zu deutlich hatte Tirado die Auseinandersetzung mit ihm in Erinnerung, als der Mann von den gemeinsamen Plänen mit dem Piraten erfahren hatte. »Natürlich ist der Teufel gebildet! Um die Menschheit unbemerkt in ihr Verderben zu führen, benötigt es Verschlagenheit, Boshaftigkeit und leider auch Intelligenz. Wie sonst sollte ausgerechnet ein ehrenwerter Mann wie Señor Gouverneur Tirado y Martinez, der seinem Land tagtäglich zur Ehre gereicht, in die mit Verblendung ausgestattete Falle eines Piraten hineinstolpern, der sich wie ein Wolf unter das Leben von anständigen Bürgern schleicht?«
Tirado sog scharf die Luft ein, als der Pirat sich mit nicht deutbarer Miene an den Geistlichen wandte. Allerdings hegte er keinen Zweifel, dass Morgan den Frieden an der Tafel seines Gastgebers nicht gefährden würde.
»Möglicherweise gehören diese sicherlich negativen Eigenschaften zu meinem Leben dazu, wie die unerschöpfliche Liebe, die Ihr zu Euren Schützlingen hegt und in aller Großzügigkeit auch auf die einheimische Bevölkerung ausdehnt. Doch liegt es mir fern, mich in Unschuld gewandet unter meine Opfer zu begeben. Dies ist wohl mehr die Vorgehensweise, mit der die Indios Bekanntschaft von anderer Seite gemacht haben.«
»Es mangelt Euch an jeglichem Respekt unserem Herrn und seiner Gefolgschaft auf Erden gegenüber. Ich. ...«
»Das sagt jemand, der seine Demut auszieht wie seine Kutte, wenn er Angst hat, sie könnte beschmutzt werden?«
Hektische rote Flecken breiteten sich auf dem strengen Gesicht des hageren Mannes aus. »Señor Gouverneur!«, sagte er mit zitternder Stimme und erhob sich steif. »Ich komme nicht umhin, mich über die mehr als fragwürdige Gesellschaft an Eurer Tafel zu wundern. Ich verwahre mich davor, mit einem Mann das Mahl zu teilen, der seine Seele bekanntermaßen Satan verschrieben hat, ganz zu schweigen von der Schamlosigkeit, dass seine Mätresse ...«
»Genug!« Tirado erhob sich nun seinerseits, was den Bischof augenblicklich zum Verstummen brachte. Triumphierend warf er Morgan einen überheblichen Blick zu, in der festen Überzeugung nun die Unterstützung des gottesfürchtigen Gouverneurs zu erhalten, und setzte sich wieder. »Bei allem gebotenen Respekt, Eure Eminenz, aber wen ich an MEINE Tafel als Gast bitte, unterliegt ganz alleine meiner Entscheidung. Selbstverständlich liegt mir das Wohlbefinden jeden Gastes am Herzen, doch vor allem steht jeder Gast unter meinem persönlichen Schutz. Und so kann ich es ganz und gar nicht dulden, dass jemand an meiner Tafel beleidigt wird, gleich von wem. Ich ersuche Euch hiermit in aller Form, besinnt Euch auf die gebotene Höflichkeit und nehmt wieder Platz.«
Der Kardinal schnappte nach Luft: »Womöglich verlangt Ihr noch von mir, dieser Hu ...«
»Ich sagte genug.« Tirados Worte waren leise, aber nicht ohne Schärfe. »Zwingt mich nicht dazu, Euch hinausbitten zu müssen, Eure Eminenz.«
Der Mann schluckte. Die roten Flecken wurden von einem Augenblick auf den anderen von fahler Blässe überlagert, als er sich erneut erhob. Die Arroganz wich der Miene eines Märtyrers, als er langsam nickte. »Ganz wie Ihr wünscht, Señor Gouverneur. Ich bedaure sehr, dass die Falle dieses gotteslästerlichen Piraten Euren Verstand bereits derart fest umklammert hält. Doch ich verzeihe Euch und werde für Eure Seele beten, auf dass sie zurückkehren werde in die Gefilde der Wahrhaftigkeit!« Damit rauschte er davon, ohne noch einen Blick an einen der Umstehenden zu verschwenden.
Tirado hatte das unbestimmte Gefühl, sich den Kardinal gerade zu einem unliebsamen Feind gemacht zu haben. Nur zu genau wusste er, dass der Mann bereits seit einiger Zeit eine Liste mit Verfehlungen führte, die er als Gouverneur in den Augen des Geistlichen beging. Diese Auseinandersetzung gab seiner Geduld den Rest. Mit entschuldigendem Lächeln wandte er sich wieder der Tafel zu. Der Admiral legte gerade seine Serviette säuberlich gefaltet ab und nickte ihm zu.
»Ich denke, es war für uns alle ein langer und anstrengender Abend, Señor Gouverneur. Und ich habe meine Familie schon seit einigen Wochen nicht mehr gesehen.« Mit einer galanten Geste ergriff er die Hand seiner Frau, die sich daraufhin lächelnd erhob. »Wenn Ihr erlaubt, ziehen wir uns zurück.«
»Sehr gerne, Admiral.« Tirado lächelte ihm dankbar zu. Auch wenn Gonzalez Morgan misstraute, stand er doch absolut loyal zu den Entscheidungen, die er als Gouverneur traf. Ein Mann, von dessen Sorte er sich mehr in seiner Umgebung gewünscht hätte. »Eine Kutsche wird Euch nach Hause bringen. Donna Isadora!« Tirado verbeugte sich vor der Frau, die ihre besten Tage bereits hinter sich hatte, aber immer noch kokett lächelte wie ein junges Mädchen.
Als sie den Raum verließen, sah er ihnen unschlüssig hinterher. Er musste mit Morgan alleine sprechen. Lanea sollte bei der Übergabe der Pergamentrolle nicht anwesend sein.
»Ich bedaure diesen Zwischenfall, Señor Gouverneur.« Jess sah ihn unumwunden an. Er hatte sich ebenfalls erhoben und schien Anstalten zu machen, sich zu verabschieden. Lanea begegnete aufmerksam seinem Blick. Nur zu deutlich stand das Erkennen in ihren Augen, dass er alleine mit Morgan reden wollte. Sie legte dem Piraten leicht eine Hand auf den Arm, als auch sie langsam aufstand. »Ich denke, ich werde zur Treasure zurückkehren, wenn die Herren erlauben. Auch für mich war der Abend anstrengend in dieser doch sehr ungewohnten Umgebung.«
»Ich habe bereits Anweisung erteilt, ein Schlafgemach für Euch und Capitan Morgan richten zu lassen. Bitte erweist mir die Ehre und nehmt das Angebot an. Die Bequemlichkeit ist sicher ungleich höher als auf der Monsoon Treasure. Eine Kutsche wird die gesamte Nacht bereitstehen und Euch zum Hafen bringen, wenn Ihr es dennoch wünschen solltet.«
Lanea sah zögernd zu Morgan. Dessen Miene verzog sich zu einem wissenden Lächeln, als hätte sie ihm etwas zugeflüstert.
»Auch dieses Angebot nehmen wir nur allzu gerne an.« Er nickte und über das Gesicht der jungen Frau flog ein freudiger Schimmer.
*
Cristobal wartete, bis die Tür sich hinter Lanea geschlossen hatte. Jess Morgan hatte sich genau wie er selbst von seinem Platz erhoben und blickte ihr mit hinter dem Rücken verschränkten Armen hinterher. Sie standen sich gegenüber und sahen sich schließlich über den Tisch hinweg an.
»Lasst uns den Abend bei einem Glas Portwein auf der Terrasse beschließen, Capitan Morgan.« Unschlüssig glitt Cristobals Blick zu der schmalen Schatulle, die am Ende des Tisches stand. Das Mahagoni, aus dem sie bestand, glänzte frischpoliert und verriet nichts über ihren Inhalt. Jess‘ Augen verengten sich kaum merklich und folgten seinem Blick. Auch wenn der Pirat entspannt wirkte, schien nicht das Geringste seiner Aufmerksamkeit zu entgehen. Dann nickte er und betrat nachdenklich an seiner Seite die Terrasse.
»Nehmt Platz, mein Freund«, sagte er und deutete auf einen Stuhl. Er selbst nahm gegenüber Platz und nickte dann Rodriguez zu, der abwartend neben der Tür stand.
Augenblicklich eilte der Diener eilfertig herbei und platzierte mit eleganten Bewegungen zwei zierliche Kristallkelche und schenkte aus einer kunstvoll geschliffenen Karaffe den Portwein ein.
»Du darfst dich zurückziehen, Rodriguez. Ich benötige deine Dienste heute Abend nicht mehr.«
»Ganz wie Ihr wünscht, Señor Gouverneur.« Der Diener verbeugte sich steif und schritt davon.
Tirado hob sein Glas und schwenkte es behutsam, sodass die blutrote Flüssigkeit in sanften Kreisen darin umher floss. Es wirkte träge und stand so im scharfen Gegensatz zu der verheißungsvollen blutroten Farbe des Getränks. Versonnen schnupperte er an dem Glas und betrachtete sein Gegenüber über den Rand hinweg.
Dieser Moment war einer der seltenen in seinem Leben, in denen er nicht wusste, wie er das folgende Gespräch beginnen sollte. Diesmal saß ihm kein spanischer Abgesandter gegenüber oder irgendein Kaufmann, die es mit geschickten Reden für sich einzunehmen galt. Ihm gegenüber saß ein Pirat, den er tatsächlich als einen Freund betrachtete und über dessen Unberechenbarkeit er sich durchaus im Klaren war. Tirado hatte nicht die geringste Ahnung, ob dieser Mann ihn seinerseits als Freund betrachtete. Aber wenn er die letzten Begegnungen mit ihm Revue passieren ließ und den vergangenen Tag, dann hatte er daran keinen Zweifel. Jess Morgan hatte ihm die Reste der Silberflotte zurückgebracht und die Schiffe mit den versprochenen Schätzen als Entlohnung waren noch während des Abendessens im Hafen eingelaufen. Noch immer musste Cristobal darüber staunen, wie viele Schätze diese Piraten im Laufe ihrer Karriere gehortet haben mussten. Zwei Schiffe der Silberflotte waren randvoll mit den unglaublichsten Schätzen zurückgekehrt. Natürlich war nicht zu übersehen gewesen, dass die Mehrzahl davon ohnehin nur zu ihrem rechtmäßigen Besitzer zurückgebracht wurde. Fast hätte er geschmunzelt, wenn er nicht dem aufmerksamen Blick Morgans begegnet wäre, der ihn nicht aus den Augen ließ. Plötzlich verzog sich Morgans Gesicht zu einem breiten Grinsen.
»Verzeiht, wenn es so scheint, als würde ich mich über Euch amüsieren, Señor Gouverneur. Aber ich komme nicht umhin festzustellen, dass Ihr eine ungewöhnliche Anspannung ausstrahlt.« Jess lächelte ihn an, dann lehnte er sich entspannt zurück und schlug seine langen Beine übereinander.
Tirado nickte.
»Ihr verfügt in der Tat über eine ausgeprägte Beobachtungsgabe.« Tirado stand auf und schüttelte abwehrend den Kopf, als Jess sich ebenfalls erheben wollte. »Bitte bleibt sitzen, aber erlaubt mir zu holen, was diese Anspannung auslöst.«
Der Pirat nickte seinerseits und beobachtete, wie der Gouverneur wieder in den Speiseraum trat, die Schatulle an sich nahm und zurück auf die Terrasse trug. Behutsam stellte Tirado seine Fracht auf dem Tisch ab. Jess Morgan hob fragend eine Augenbraue und betrachtete ihn wortlos.
»Kurz nachdem Ihr mit der Silberflotte den Hafen von Cartagena verlassen habt, hatte ich, wie Ihr ja bereits wisst, Besuch von Eurer reizenden Navigatorin, die mich um Hilfe bat. – Was Ihr nicht wisst, ist, dass ich noch weiteren Besuch erhielt, kaum dass Lanea den Palast verlassen hatte.« Tirado machte eine Pause, in der er aufmerksam Jess beobachtete. Doch dieser saß völlig entspannt da, lediglich das Lächeln war aus seinem Gesicht verschwunden. »Es handelte sich um einen Seher, und er behauptete, er wäre ein Freund von Euch.«
Der gelassene Ausdruck im Gesicht des Piraten wich, und blankes Misstrauen trat in seine Augen. Er saß weiterhin regungslos da, doch Tirado hatte auch bemerkt, wie eine kaum sichtbare Anspannung durch seinen Körper lief. Das Raubtier in diesem Mann witterte Gefahr und vermittelte nun den Eindruck, jederzeit zum Angriff übergehen zu können.
»Er hat sich nur kurz hier aufgehalten und stellte sich als ein Freund Tamakas vor. Durch den vorhergehenden Besuch Laneas war mir dieser Name nicht unbekannt. Sie hatte mir erzählt, dass er ihr Vater gewesen war, und dass er sein Leben dabei verlor, für Euch den Dolch der Thethepel zu stehlen. Da die Bitte, die er an mich richtete, mir von harmloser Natur erschien, sah ich keinen Grund dafür, in ihm eine Gefahr zu sehen. Er übergab mir eine schlichte Schriftrolle, die ich allein an Euch weiterreichen sollte, nachdem Ihr von der Schlacht zurückgekehrt seid. – Der Mann legte größten Wert darauf, dass Ihr diese nicht erhaltet, solange Eure Begleiterin zugegen ist.«
Tirado öffnete den Deckel der Schatulle und hob eine Pergamentrolle heraus, die mit einem roten Siegel verschlossen war. Mit einem unbestimmten Gefühl reichte er die Rolle Jess Morgan. Der Pirat verzog unwillig das Gesicht, als er zögernd danach griff und sie argwöhnisch in der Hand wog.
»Ich werde mich zurückziehen, damit Ihr in Ruhe den Inhalt der Nachricht studieren könnt.« Tirado klappte den Deckel der Schatulle mit einem dumpfen Geräusch zu und wollte sich zum Gehen wenden.
»Bleibt!« Die Stimme Morgans hatte einen scharfen Unterton, und Tirado blieb überrascht stehen. »Bitte!«, fügte Jess Morgan besänftigend hinzu. »Leistet mir Gesellschaft. Ich werde einen Freund an meiner Seite zu schätzen wissen.«
Tirado nickte und kehrte zu seinem Stuhl zurück. Gespannt setzte er sich und wartete ab. Zu seinem Erstaunen war es diesmal der Pirat, der verunsichert wirkte, als er das Siegel brach. Die Rolle öffnete sich mit einem leisen Knistern, und er sah Schriftzeichen, die er nicht kannte und für ihn in dieser seltsamen Anordnung auch keinen Sinn ergaben. Jess‘ Augen hingegen schienen mühelos über die Schrift zu fliegen und dem Sinn zu folgen, der in ihnen verborgen lag. Tirado lief ein Schauer über den Rücken, als er die Veränderung sah, die sich bei seinem Gegenüber zeigte.
Er hatte es schon zuvor bemerkt, dass die Farbe von Jess’ Augen einem gewissen Stimmungswechsel unterlag. Doch jetzt war nicht zu übersehen, wie sehr sie einem Barometer für die innerliche Verfassung des Piraten glichen. Äußerlich machte Jess den Eindruck, als würde er irgendein nichtssagendes Pergament lesen. Doch der ursprüngliche warme Blauton wechselte innerhalb von Bruchteilen eines Atemzuges über Eisblau in Sturmgrau. Nach einer scheinbaren Ewigkeit ließ Jess die Pergamentrolle mit einer mühsam beherrschten Bewegung sinken und legte sie neben sich auf den kleinen Tisch. Das Gesicht war eine einzige Maske und offenbarte nicht das Geringste, was in dem Mann vorging. Sein Blick war in den Garten gerichtet, der sich im Schatten der Nacht verborgen hielt. Trotzdem lag die Anspannung greifbar in der Luft, als hätte sich ein Moskitoschwarm über die beiden Männer gelegt. Tirado widerstand nur mühsam seiner Neugierde. Wie konnte ein einfaches Schriftstück einen Mann wie Jess Morgan so an den Rand seiner Fassung bringen. Hatte er doch einen Fehler begangen und den Seher unterschätzt?
Jess Morgan stand mit einer müden Bewegung auf und unterbrach den Gedankengang Tirados. Mit schweren Schritten ging er über das im Mondlicht verblasste Mosaik auf die Stufen zu, die in den Garten führten. Dort verharrte er und wirkte plötzlich unentschlossen.
»Jess?«, fragte Tirado besorgt.
»Nicht!« Morgan schüttelte abwehrend den Kopf. Dann wischte er sich mit einer fahrigen Bewegung über das Gesicht. Sein Atem ging schwer, und Tirado konnte jeden Zug hören, mit dem er neue Luft in seine Lungen sog.
»Verzeiht meine Aufdringlichkeit, Jess. Aber offensichtlich gibt der Inhalt dieses Schriftstückes Euch Anlass zur Beunruhigung. Wenn es etwas gibt, mit dem ich Euch zur Seite stehen kann, dann bitte ich Euch, zögert nicht und …«
»Nein!« Jess fiel Tirado harsch ins Wort und blickte ihn verschlossen an. Der Sturm in seinen Augen war abgeklungen und hatte eisiger Ruhe Platz gemacht. »Es gibt nichts, mit dem Ihr mir noch zur Seite stehen könntet.«
»Dann sagt mir, was in dem Pergament geschrieben steht!«, entgegnete Tirado eindringlich.
»Dass nur ein Narr daran glaubt, dass wir einen Sieg errungen hätten und dass Menschen wie ich ihr Leben ändern könnten.« Jess lachte bitter. »Verzeiht mir, Tirado. Aber ich denke, es ist besser, wenn ich mich jetzt zurückziehe.«
Jess verbeugte sich leicht. Tirado bemerkte irritiert, wie verletzt sein Gegenüber plötzlich wirkte, und nickte besorgt.
»Natürlich. Geht und überdenkt die Nachricht in Ruhe. Mein Angebot bleibt bestehen.«
Besorgt verfolgte er, wie Jess zurück in den Palast ging. Seine Schritte hallten seltsam einsam über den steinernen Boden und waren noch zu hören, als er längst dem Blick Tirados entschwunden war.
*
Jess fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen. Seine Füße trugen ihn fort von Tirado, der ihn genauso verständnislos angesehen hatte, wie er sich selbst fühlte. Hatte er wirklich geglaubt, dass es so einfach werden würde? Ja, er hatte die Treasure zurück, doch Bairani lebte und die ständige Bedrohung durch ihn bestand weiterhin. Bestand für alles, was er sich erhoffte und ersehnte; bestand für jeden, der ihm etwas bedeutete und den er liebte. Bairani würde nicht ruhen, bis er ihn hatte. Es gab keine Atempause, in der er sich gemütlich zurücklehnen und den kleinen Sieg genießen konnte. Die Schriftrolle war unmissverständlich gewesen. Es blieb ihm keine Zeit!
Jetzt!
Jetzt und nicht später!
Noch nicht einmal in zwei Tagen musste er weitermachen. Bairani lauerte in den Weiten der karibischen See und schmiedete seine Pläne. Jeder Tag war ein Tag mehr, an dem der Oberste Seher an seiner Macht arbeiten konnte.
Jess blieb stehen und atmete tief ein. Er konnte es ja kaum selbst glauben. Wie sehr hatte er Tamaka auf Bocca del Torres seine Verachtung spüren lassen. Er hatte sich noch nicht einmal von ihm verabschiedet, obwohl der Seher ihm gesagt hatte, dass sie sich nie wiedersehen würden. Sein Hass auf die Manipulation von Menschen, die Tamakas Visionen dienlich waren, war zu groß gewesen. Und doch folgte er ihm nun, auf ein paar Worte hin, wie ein geduldiges Opferlamm, das nichts anderes verdiente, als am Ende vom Löwen gefressen zu werden.
Versonnen blickte er den Gang entlang, an dessen Ende der Raum lag, den man ihm und Lanea zugewiesen hatte. Jess rollte die Schriftrolle auseinander und las ein weiteres Mal die Worte Tamakas, die mit Sorgfalt aufgezeichnet worden waren und sich mit eben der gleichen Sorgfalt in sein Leben fraßen. Der Seher hatte genau gewusst, wie er reagieren würde. So, wie er alles gewusst hatte. Jess knirschte ärgerlich mit den Zähnen und ging weiter. Es hatte keinen Sinn, es weiter hinauszuzögern. Entschlossen, aber vorsichtig öffnete er die Tür. In dem Raum herrschte fast vollständige Dunkelheit. Eine einzelne Kerze brannte noch neben dem Bett und warf ihren warmen Lichtschein auf Lanea, die tief und fest schlief. Ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig, und ihre friedvolle Strömung erfüllte den Raum.
Jess trat neben das Bett, dessen schwere Vorhänge ordentlich zusammengenommen an die vier Bettpfosten gebunden waren. Lange stand er so da und betrachtete wieder einmal ihre gleichmäßigen Gesichtszüge. Wie immer überkam ihn das starke Verlangen, sie berühren zu müssen, und er hob seine Hand. Jess spürte bereits ihre Wärme, so nah war er ihr. Doch dann verharrte er. Gequält stöhnte er auf und zuckte zusammen, als das Geräusch ungewollt laut durch die Dunkelheit schwang. Die Unruhe über das soeben Gelesene machte ihn wahnsinnig. Er würde ihr so gerne davon berichten, doch das war nicht möglich. Jess atmete tief ein und sah zu seiner eigenen Überraschung, dass seine Hand leicht zitterte, als er sie wieder zurückzog.
So kurz nur, dachte er bitter, und Verzweiflung hüllte ihn ein. Er konnte nicht länger hier stehen, mit dem Verlangen ihr so nahe zu sein und doch zu wissen, dass sich ihre Wege trennen würden; trennen mussten. Entschlossen wandte er sich ab und trat auf den kleinen Balkon, der an das Zimmer grenzte. Tief atmete er die kühle Nachtluft ein, die das Meer über die Stadt sandte, und schloss die Augen. Er wünschte, dass er sich nicht so sehr darauf versteift hätte, die Monsoon Treasure zurückzubekommen. Sie alle hatten für ihn so viel gegeben und riskiert. Menschen, Freunde waren gestorben, damit er hier stehen konnte. Und jetzt war er dazu gezwungen, sie zu verraten …
Eine Änderung in Laneas Strömungen ließ ihn seine Gedanken unterbrechen.
Sie ist wach, dachte er mit einer Spur von Entsetzen, und griff nach dem schmiedeeisernen Geländer, um sich daran festzuklammern.
»Jess?«
Bei dem Klang ihrer verschlafenen Stimme richteten sich seine Nackenhaare auf. Ihre Ahnungslosigkeit bedrohte ihn auf eine Weise, dass er sich gezwungen fühlte, in Abwehrhaltung zu gehen. Vielleicht sollte er die Nacht besser auf der Treasure verbringen. Vielleicht war es besser, sich jetzt sofort von ihr zurückzuziehen, um ihrer beider Qual nicht noch zu vergrößern.
»Jess?«, wiederholte sie leise. Das leichte Rascheln der Bettdecke verriet ihm, dass sie aufgestanden war und sich ihm zögernd näherte. »Ist alles in Ordnung?«, fragte sie besorgt.
»Nein!« Jess schüttelte den Kopf, bemüht seiner Stimme einen normalen Klang zu geben. »Ich kann nur nicht wirklich an Land schlafen, wie du weißt.«
»Hm, wir müssen ja nicht schlafen.« Ein verheißungsvolles Lächeln lag auf ihrem Gesicht, als sie neben ihn trat und er sie ansah. Ein Stich durchfuhr sein Herz. Etwas in ihm zerriss. Der Gedanke daran, dieses Gesicht nicht mehr wiedersehen zu können, raubte ihm für einen Moment die Stimme. Er begehrte sie so sehr, dass er seine Hände noch fester um das Geländer klammerte, um sie nicht an sich zu reißen. Lanea hatte sich nachlässig in das dünne Betttuch gewickelt und wirkte so verletzlich.
Jess stöhnte innerlich. Er konnte sie nicht verlassen, nicht heute Nacht. Er würde jeden Augenblick mit ihr auskosten und hoffen, dass ihm das die Stärke verlieh, nicht umzudrehen und vor dem wegzulaufen, was vor ihm lag.
Lanea trat näher an ihn heran und umarmte ihn, dabei rutschte das Tuch von ihren Schultern. Jess erschauerte. Es hatte keinen Sinn, er konnte sich nicht gegen sie wehren. Voll Begierde griff er mit beiden Händen nach ihrem Gesicht und senkte seine Lippen auf ihren lächelnden Mund, als könnte er nur dort Heilung für seinen Schmerz finden.
Lanea seufzte und schmiegte sich an ihn, während Jess seine Lippen an ihrem Hals hinunter wandern ließ.
»Keine Dämonen heute Nacht«, flüstere er rau und hob sie auf seine Arme, um sie zurück in das Zimmer zu tragen.
*
Als Jess Stunden später die Augen aufschlug, blinzelte er überrascht. Über sich erkannte er einen schweren, nachtblauen Betthimmel und für einen Moment konnte er nicht glauben, was er sah. Das war zweifellos das Bett aus dem Gemach, das er und Lanea im Palast für ihren Aufenthalt zugewiesen bekommen hatten. Er war an Land und hatte geschlafen! Eine Nacht an Land, voller Schlaf und ohne böse Dämonen!
Langsam drehte er seinen Kopf auf die Seite. Neben ihm breitete sich das rote Gewirr von Laneas Locken aus und verdeckte die Sicht auf sie. Sanft pustete er in ihr Haar. Vereinzelte Strähnen erhoben sich in dem warmen Strom, bevor sie federgleich auf das Kissen zurücksanken. Jess lächelte unbewusst. Es musste an ihr liegen. Sie strahlte so viel Friedlichkeit aus, dass die Dämonen seiner Taten an ihr nicht vorbei kamen. Sein Schrecken war nicht ihr Schrecken, und sie musste mit ihrer Unverdorbenheit eine Art Schutzwall um ihn gebildet haben.
Jess seufzte leise und richtete seinen Blick auf die offene Balkontür. Der Morgen graute bereits. Die Sonne warf ihre milden Strahlen in das Zimmer und brachte einen neuen Tag mit sich, der keine Hoffnung in sich trug. Mit einem Schlag war das dumpfe Gefühl wieder da, mit dem er gestern Nacht den Raum betreten hatte. Er schluckte hart und setzte sich vorsichtig auf. Leise schlug er die Decke zurück und achtete sorgfältig darauf, Lanea durch seine Bewegungen nicht zu stören. Sein Herz schlug heftig, als er sich erhob, seine Kleidung nahm und sich eilig ankleidete. Er wollte nur noch fort von hier und konnte doch nicht den Blick von Laneas Körper wenden, der sich entspannt unter der dünnen Decke abzeichnete. Jess schlüpfte in seine Stiefel, sein Herz hämmerte inzwischen in seiner Brust, als hätte er einen anstrengenden Lauf hinter sich. Dann band er sich mit gehetzten Bewegungen sein Schwert um und dachte nur daran, so schnell wie möglich aus Laneas Gegenwart zu flüchten. Trotzdem trat er ein letztes Mal an ihr Bett und warf einen sehnsüchtigen Blick auf sie.
»Ich liebe dich«, flüsterte er, und seine Stimme kam ihm seltsam tonlos vor.
Jess ballte die Hände zu Fäusten, um sie nicht doch noch nach ihr auszustrecken. Er konnte ihren Anblick kaum ertragen, in dem Wissen, dass er sie hier zurückließ, ohne ein Wort und für immer.
Entschlossen wandte er sich ab und ging auf die Tür zu. Er fühlte sich steif und musste sich eisern zu jedem Schritt zwingen. Tief atmete er ein, als seine Hand nach der Tür griff und sie öffnete. Der Wunsch in ihm war übermächtig, einfach umzudrehen, zu ihr zu gehen und sie zu wecken. Es brauchte nur ein einziges Wort von ihr, und er würde nicht die Kraft haben, zu gehen.




