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Halt mich zurück, dachte er verzweifelt und schritt dennoch hinaus auf den schwach beleuchteten Gang mit der schrecklichen Gewissheit, das Wertvollste in seinem Leben in diesem Raum einfach so zurückzulassen.
Ein einzelner Diener saß auf einem Hocker neben der Tür und blinzelte ihn überrascht an. Auf seinen Augen saß noch der trübe Schleier, den der Schlaf darübergelegt hatte. Schuldbewusst sprang der dicke Mann auf und zupfte seine schlecht sitzende Jacke zurecht.
»Verzeiht, Señor! Habt Ihr einen Wunsch? Ich bitte um Entschuldigung für meine Unachtsamkeit, aber ich habe Euch nicht rufen hören.«
Als ob du mich im Schlaf gehört hättest, dachte Jess leicht verächtlich. Die Stimme des jungen Mannes hatte beinahe weinerlich geklungen, als fürchtete er eine Strafe. Jess schüttelte den Kopf, und augenblicklich entspannte sich das rundliche Gesicht.
»Nein, ich habe nicht nach Euch gerufen. Ich wollte lediglich an die frische Luft«, erwiderte Jess und ging an dem Diener vorbei, der sich schulterzuckend wieder auf seinen Stuhl fallen ließ.
Jess ging, ohne einen weiteren Gedanken an ihn zu verschwenden, den Gang hinunter. Der dicke Teppich, der über die gesamte Länge des Ganges ausgelegt war, schluckte den Klang seiner schweren Stiefel, und er hoffte inständig, sich so unbemerkt davon stehlen zu können.
Alles war ruhig, einzelne Öllampen verbreiteten ein angenehmes Licht, das gerade so viel aus der Dunkelheit riss, dass er seinen Weg erkennen konnte. Als er die große Halle erreichte, verharrte er kurz. Sein Herz jagte immer noch schuldbewusst, und er holte tief Luft. Auch die Halle lag noch im Schlaf und verbarg ihre wahre Pracht wie eine schüchterne Dame hinter einem Fächer aus Schatten. Jess sah sich um. Die Stühle, die an den Seiten aufgereiht waren, konnte er jetzt nur erahnen. Der Teppich, der bisher seine Flucht gedeckt hatte, endete hier, und zu seinen Füßen lag kalter Marmorboden. Wieder machte Jess einen tiefen Atemzug und ging entschlossen auf die große, doppelflügelige Eingangstür zu. Das Klacken seiner Stiefelabsätze hämmerte dabei nachhaltig gegen sein Gewissen. Als er zwischen zwei hohen Säulen hindurch schritt, die zusammen mit anderen in der Halle verteilten Säulen die prunkvoll verzierte Decke trugen, erklang plötzlich eine gelassene Stimme: »Ich frage mich, was es ist, das Euch derart in Bedrängnis bringt, mein Haus heimlich wie ein Dieb in der Nacht zu verlassen?«
»Ihr vergesst, was ich bin, Tirado. Nämlich genau das – ein Dieb und ein Mörder!«, antwortete Jess tonlos und begegnete herausfordernd dem Blick des Gouverneurs, der gelassen aus dem Schatten einer Säule trat. »Ich kehre lediglich zu dem zurück, was ich am besten kann.«
»Und dennoch besitzt Ihr mehr Ehre im Leib als die meisten hochwohlgeborenen Herren, die mein Haus aufsuchen.« Der Gouverneur runzelte nachdenklich die Stirn. »Tamaka scheint wirklich große Macht über Euch zu besitzen, und dies noch über seinen Tod hinaus. Das ist wirklich interessant, und ich hätte es wohl nicht geglaubt, wenn ich es jetzt nicht mit eigenen Augen sehen würde.« Tirado schob seine Gestalt zwischen Jess und dem Ausgang. »Meint Ihr nicht, es ist ein Fehler, noch nicht einmal meine Hilfe in dieser Sache, wie auch immer sie jetzt aussehen mag, zu überdenken? Warum seid Ihr Euch so sicher, dass der Seher Recht hat, mit dem, was er Euch rät?«
»Bisher sind leider seine Vorhersagen ziemlich genau eingetroffen. Ohne seine Hinweise hätte ich die Treasure nicht zurückerhalten.«
»Was habt Ihr jetzt vor? Direkt nach Waidami segeln, und Lanea lasst Ihr einfach hier zurück? Es ist nicht zu übersehen, was Ihr für diese Frau empfindet, mein Freund. Und dennoch geht Ihr, ohne ein Wort?«
Jess betrachtete Tirado aus schmalen Augen. Der Gouverneur sah ihn mitleidig an, als wüsste er um die Verzweiflung, die in Jess tobte.
»Wenn Ihr der Freund seid, wie Ihr es so sehr betont, dann erbitte ich einen Gefallen von Euch, für den ich Euch nicht mehr anbieten kann, als meinen aufrichtigen Dank.«
»Ich bitte Euch, sprecht. Ich erwarte nichts von Euch, außer dem Versprechen, Euer Ziel nicht aus den Augen zu lassen, denn sonst fürchte ich, ist der Preis, den Ihr hier und heute zahlt, zu hoch.«
Jess wollte gerade antworten, als ihn etwas innehalten ließ, und er drehte sich um, um in den Gang zu blicken, aus dem er gerade erst gekommen war.
*
Lanea erwachte mit einem Gefühl der Ruhe, die sie in den letzten Wochen und Monaten nicht mehr gekannt hatte. Immer war ein dumpfes Loch in ihrem Inneren gewesen, das sich auch nicht mit der Fülle der vergangenen Ereignisse hatte stopfen lassen.
Glücklich seufzte sie an die Erinnerungen der letzten Nacht und tastete mit der linken Hand über das Bett, um Jess zu fühlen. Doch ihre Hand tastete ins Leere, und Lanea setzte sich abrupt auf.
»Jess?«, fragte sie in die Leere des Raumes und ihr Herz klopfte von einem Augenblick auf den anderen in ihrer Brust, als wollte es sie mit Gewalt darauf aufmerksam, was sie bereits ahnte. Verwirrt sah sie sich in dem Zimmer um, das langsam von dem aufwachenden Tag aus der Dunkelheit geholt wurde und offenbarte, was ihr Herz verzweifelt zu sagen versuchte.
Jess war nicht da.
Mit einem Schlag war das Loch wieder da und löschte das kurze Glück aus, als wäre es nie da gewesen.
Sicher war er nur gegangen, um auf der Treasure zu schlafen. Doch eine böse Ahnung zwang sie, aufzustehen. Lanea dachte nicht weiter darüber nach. Sie griff nach dem Kleid, das sie gestern über der Kleidertruhe ausgebreitet hatte, schlüpfte rasch hinein und raffte den Stoff vor ihrem Körper zusammen. Dann fuhr sie sich eilig durch ihre langen Haare und eilte auf nackten Sohlen zur Tür und riss sie auf. Der Diener, der neben der Tür auf einem Stuhl gesessen hatte, fiel vor Schreck beinahe zu Boden. Im letzten Augenblick fing er den Sturz ab und stand auf. Erschrocken starrte er sie an.
»Verzeiht, Señora, was kann ich für Euch tun?«
»Ist Señor Morgan vorbei gekommen?«, fragte sie außer Atem und schalt sich gleichzeitig eine Närrin. Als ob Jess durch das Fenster gestiegen wäre.
»Er ist den Gang hinunter gegangen. Der Señor wollte an die frische Luft.« Der Mann zeigte in die Richtung, die geradewegs in die große Eingangshalle führte.
Laneas dunkle Vorahnung warf sich wie ein Mantel über sie und erstickte ihr Herz.
Er geht! Er geht, schrie es in ihr, und sie rannte los.
*
Laneas Strömung traf Jess ungebremst mit der Wucht einer Explosionswelle und ließ ihn aufkeuchen. Sie war wach und ahnte zweifellos, dass etwas nicht stimmte. Gehetzt wandte er sich wieder Tirado zu, der ihn fragend ansah.
»Kümmert Euch um Lanea!«, stieß er hervor und schob den überraschten Gouverneur beiseite. »Mir bleibt keine Zeit, es tut mir leid.«
Er musste fort, bevor sie ihn erreichen konnte. Ihre Strömung war bereits kaum zu ertragen, die sich an ihn klammerte und mit ihrer ganzen Verzweiflung auf ihn einschlug.
Tirado sah ihn enttäuscht an. Doch der Enttäuschung wich Mitleid, als die laufenden Schritte immer näher klangen, die Laneas Kommen ankündigten, und Tirado begriff. Langsam nickte er Jess zu und ergriff dessen Rechte.
»Lebt wohl. Es wird ihr an nichts mangeln.«
Jess atmete tief ein und erwiderte den Händedruck. Er begegnete dem aufrechten Blick seines Freundes.
»Habt Dank, mein Freund«, sagte er rau und rannte auf den Ausgang zu.
»Jess!«
Der Ruf traf ihn wie eine Musketenkugel, die hinterhältig auf seinen Rücken abgeschossen worden war und sein Innerstes zerriss. Jess ignorierte den Schmerz und passierte den Ausgang. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, rannte er die Treppe hinunter, an deren Fuß überraschenderweise ein Diener mit einem Pferd auf ihn wartete. Beide wirkten müde und sahen Jess verschlafen entgegen.
»Guten Morgen, Señor! Der Gouverneur entbietet Euch seine besten Wünsche und die Bitte, diese kleine Aufmerksamkeit anzunehmen.« Der Mann richtete seine Gestalt ein wenig auf, als hätte er sich besonnen, doch noch Haltung anzunehmen.
»Danke!«, antwortete Jess knapp und ergriff die Zügel, die der Diener ihm reichte. Er zögerte kurz und fuhr fort, während er sich in den Sattel schwang: »Richtet dem Gouverneur gleichfalls eine Bitte von mir aus: Er möge mir bei unserer nächsten Begegnung aus dem Weg gehen. Wir stehen nicht wirklich auf derselben Seite.«
Eilig schwang er sich in den Sattel und trieb das Pferd an. Ohne einen Blick zurück, lenkte er es in einem zügigen Trab auf die Straße in Richtung Hafen. Das laute Klappern der Hufe erfüllte mit seinem eiligen Rhythmus den Morgen. Die Häuser glitten mit ihren dunklen Fensterhöhlen an ihm vorbei. Langsam erwachte das Leben in den Straßen, und die ersten Männer und Frauen liefen umher. Doch Jess nahm sie nicht wahr. Sah nur den Weg, der ihn fort von Lanea und hin zu seinem Schicksal führte. Mit seinen letzten Worten hatte er die Brücke in dieses andere Leben eingerissen, und er war sicher, dass es damit kein Zurück mehr für ihn gab.
Jess atmete auf, als er den Hafen erreichte und sein Blick auf die Monsoon Treasure fiel, die friedlich und unversehrt an der Pier lag. Ein Piratenschiff, Seite an Seite mit den spanischen Schlachtschiffen. Ein seltsamer Anblick, den er wohl so nie wieder sehen würde. Für ihn selbst hielt das Ende von Tamakas Vision nichts Gutes bereit, das hatte ihm der Seher damals auf Bocca del Torres nicht verschweigen können. Trotzdem würde er heute der Vision folgen, was blieb ihm anderes übrig, als es wenigstens zu versuchen. Schließlich waren Visionen nur Möglichkeiten. Wenn er den Tod fand, war Lanea nun wenigstens in guten Händen, und wenn er das Ganze überstand, würde er zurückkehren und hoffen, dass sie ihm seine Fehler vergab.
Jess verhielt das Pferd, das leise schnaubte. Auf der Treasure löste sich eine Gestalt aus den Schatten und trat langsam an die Fallreeppforte.
»Captain!« Dan grinste ihn breit an. In seinem Gesicht standen die Spekulationen, warum sein Captain wohl nicht an Bord seines Schiffes geschlafen hatte.
»Guten Morgen, Dan.« Jess sprang ab und wickelte die Zügel eilig um einen Poller. Dann ging er mit langen Schritten über die Laufplanke an Bord. »Weck die Männer, Dan. Wir stechen unverzüglich in See.«
Jess ignorierte das verdutzte Gesicht Dans und ging zum Achterdeck. Dort stellte er sich mit vor der Brust verschränkten Armen an die Balustrade und sah über den Hafen. Noch lag leichter Frühnebel auf der Wasseroberfläche, der jedoch von den rasch kräftiger werdenden Strahlen der Sonne verbrannt wurde und damit die letzten Zeugen der kühleren Nacht vertrieb.
Es dauerte nicht lange, bis die ersten Männer das Deck betraten. Eilig rückten sie ihre Kleidung zurecht und versammelten sich neugierig auf dem Hauptdeck. Jintel war unter ihnen und nickte erstaunt, als Dan ihm den Befehl des Captains weitergab. Doch sofort straffte sich seine Gestalt, und seine kräftige Stimme erscholl: »Auf eure Stationen, ihr verschlafenes Gesindel! Macht, dass ihr auf die Beine kommt!«
Cale kam den Niedergang herauf und sah ihn ernst an. Die Fragen, die ihn beschäftigten standen ihm ins Gesicht geschrieben, aber er grüßte Jess nur knapp und stellte sich dann abwartend neben ihn. Jess nickte ihm zu und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Männer, die eilig den Befehlen Jintels Folge leisteten.
»Klar bei Vor-und Achterleine!«, hörte er seinen Profos rufen und ignorierte die Antworten von Kadmi und Sam, die die Leinen lösten.
Inzwischen waren alle Mann an Deck und hatten ihre Positionen eingenommen. In ihren Gesichtern spiegelte sich Neugier, und Kadmi tuschelte leise mit N’toka, der sich leicht zu dem wesentlich kleineren, jungen Mann hinunterbeugte, um ihn verstehen zu können. Doch niemand stellte offen die Frage, die sie alle beschäftigte. Jess räusperte sich und wartete, bis Fock- und Großsegel gesetzt waren und die Monsoon Treasure auf die Hafenausfahrt zuhielt. Dann umfasste er das glatte Holz der Balustrade und sah über Deck. Die Männer hielten in ihrer Arbeit inne, als ob sie spürten, dass Jess ihnen etwas Wichtiges mitteilen wollte.
»Wir alle sind in diesen Hafen eingelaufen mit der Hoffnung, hier ein wenig Ruhe finden zu können, bevor wir uns in die nächste Schlacht werfen.« Jess machte eine Pause und wusste zum ersten Mal nicht, welche die richtigen Worte waren. »Wir dachten, wir haben einen Sieg errungen, und ich habe, dank eurer Hilfe, die Monsoon Treasure zurückerobern können. Doch in Wirklichkeit scheint Bairani immer stärker zu werden! Gestern erhielt der Gouverneur die Kunde, dass die Waidami eine kleine Küstenstadt überfallen haben und dort ausnahmslos jeden töteten. Beinahe gleichzeitig wurde von ihnen ein Kloster angegriffen. Dieser Überfall konnte jedoch glücklicherweise zurückgeschlagen werden. – Ihr seht also, dass wir nicht wirklich einen Sieg errungen haben. Offensichtlich haben wir sie mit der Schlacht um die Silberflotte noch nicht einmal empfindlich getroffen. Sie müssen inzwischen so viele Schiffe gebaut haben, dass sie mit ihnen die Gewässer förmlich überschwemmen.« Jess machte eine Pause, in der ein entsetztes Raunen durch die Mannschaft ging. »Es ist keine Frage, ob sie uns finden werden und uns vernichten, es ist sicher, dass sie es tun werden. Im Augenblick haben wir aber noch Handlungsspielraum und die Möglichkeit selbst die Entscheidung zu treffen, wann dies sein wird und wie viel Zerstörung sie in dieser Zeit noch anzurichten vermögen.« Jess richtete sich nun kerzengerade auf, mit dem Bewusstsein, dass die Männer wie gebannt an seinen Lippen hingen. »Mein Ziel ist es weiterhin, den Obersten Seher zu vernichten. Aber es gibt nur einen Weg, nahe genug an ihn heranzukommen. Nur wenn er davon überzeugt ist, dass ich auf seiner Seite stehe, dass ich sein Verbündeter bin, wird er seine Aufmerksamkeit irgendwann vernachlässigen, und das wird der Augenblick sein, in dem ich ihn töte. – Ich werde mich also den Waidami wieder anschließen.«
Cale sog scharf die Luft ein und starrte Jess verständnislos an, der ihn ignorierte und sich wieder an die Mannschaft wandte: »Ich werde dies alleine tun. Allerdings kann ich die Monsoon Treasure nicht alleine segeln. Das Einzige, was ich von euch erwarte, ist, dass ihr mich nach Bocca del Torres segelt. Ihr werdet mit einem anderen Schiff die Insel verlassen, sobald die Treasure vor Anker liegt. Die Waidami werden mich dort wenige Tage später finden und mitnehmen.«
Minutenlang geschah nichts. Keiner der Männer sagte ein Wort. Mit bleichen Gesichtern sahen sie zu ihm auf, unfähig ihren Unglauben in Worte zu fassen.
»Das ist Wahnsinn! Das kann nicht dein Ernst sein, Jess«, keuchte Cale. »Wie kommst du auf so einen irrsinnigen Plan? Was denkst du, werden die Waidami mit dir anstellen, wenn sie dich ein weiteres Mal in ihre Finger bekommen? Warum sollten sie es zulassen, dass du dich ihnen anschließt?« Cale war wütend und ballte hilflos die Fäuste.
Jess hob eine Augenbraue und begegnete kühl dem Blick seines Freundes. Innerlich seufzte er. Er hatte befürchtet, dass Cale sich nicht so einfach auf dieses Vorhaben einlassen würde.
»Meine Entscheidung steht fest. Du kannst mich nicht aufhalten.«
»Aber ich kann es versuchen, Jess!« Cale ging mit zornesrotem Gesicht auf die Balustrade zu und stellte sich so, dass jeder an Bord gute Sicht auf ihn hatte. »Ist es wirklich das, was ihr wollt? Wollt ihr dem irrationalen Befehl folgen und euren Captain den Waidami als Geschenk überreichen? Diese Idee beruht doch nur wieder auf eine dieser wahnwitzigen Visionen und entbehrt doch jeder Grundlage. Warum sollte Bairani Jess jemals wieder als Verbündeten akzeptieren? Sie werden ihm nur erneut die Treasure aus der Brust schneiden und all das, wofür wir bisher gekämpft haben, war umsonst. Denkt nach Männer! Ich kann nicht tatenlos zusehen, wie Jess sich selbst ausliefert, und fordere euch daher auf, ihm nur dieses eine Mal den Gehorsam zu verweigern!«
Jess hörte seinem Ersten Maat mit eisiger Ruhe zu, dessen Stimme immer beschwörender geworden war. Dann sah er zu Jintel, Dan, McPherson und den anderen hinüber. Unsicher wanderten ihre Blicke zwischen Cale und ihm hin und her. Ihre Strömungen waren zwiespältig und fegten wie ein Wirbelsturm umher, der nicht wusste, welche Richtung er einschlagen sollte.
Cales Strömung war gleichfalls ein Sturm, getragen von der Verzweiflung und dem Wissen, das Kommende nicht aufhalten zu können. Jess holte tief Luft und bereute bereits jetzt, was gleich folgen würde.
»Jeder von euch hat bereits mehrfach getötet, um sein eigenes Leben oder das eines Freundes zu retten und jeder von euch wäre dazu bereit, für einen Freund zu sterben. Ihr könnt mir nicht verwehren, dass ich dieses Risiko eingehen will. Wir werden ständig über die Schulter sehen müssen, ob nicht irgendwo am Horizont ein Segel der Waidami auftaucht. Das ist wohl kaum das, was wir für den Rest unseres Lebens wollen. – Alles, was ich von euch verlange, ist diesem letzten Befehl zu folgen. Danach sucht euch ein neues Schiff und einen neuen Captain.« Jess verstummte und wartete ab. Die Männer nickten langsam, und der Wirbelsturm ihrer Gefühle schlug eine eindeutige Richtung ein. Sie waren nicht ruhiger in Anbetracht der Ankündigung geworden, doch sie verstanden ihn und standen hinter ihm – wieder einmal.
»Ich kann dir dabei nicht zusehen, Jess. Verzeih.« Cales Stimme war nun leise. Auch ihm war die Reaktion der Crew nicht entgangen, und er wusste, dass er auf verlorenem Posten stand. Langsam glitt seine Hand zu der Steinschlosspistole, die in seinem breiten Gürtel steckte.
Jess schluckte, als ihn Cales Entschlossenheit traf.
»Ich weiß! Auch mir tut es leid«, entgegnete er ebenso leise und tiefe Trauer erfüllte ihn. »Und ich kann nicht zulassen, dass du mich aufhältst, mein Freund.«
Als Cale die Pistole herausriss, griff Jess zu. Mit der einen Hand packte er ihn am Handgelenk und versetzte ihm mit der anderen einen schweren Schlag unter das Kinn. Die Pistole fiel klappernd auf die Planken, und Cale wurde ein Stück zurückgeworfen. Mit einem ächzenden Laut krachte er gegen die Reling und rutschte benommen an ihr herunter.
Jess war mit einem Satz bei ihm und zerrte ihn wieder auf die Beine.
»Du lässt mir keine andere Wahl, Cale«, sagte er ruhig und gab seinem Ersten Maat einen kräftigen Stoß. Mit ungläubig aufgerissenen Augen fiel dieser rücklings über die Reling.
Erstarrtes Schweigen in Jess‘ Rücken folgten dem lauten Klatsch, als Cale im Wasser aufschlug. Jess beugte sich nach vorne und atmete erleichtert auf, als der Kopf seines Freundes kurz darauf prustend aus dem Wasser auftauchte.
Wütend sah Cale zu ihm hoch.
»Du bist ein verdammter Idiot, Jess Morgan! Das ist ein Fehler, du wirst sehen!«
»Spar dir deinen Atem. Bis zur Pier zurück ist es noch ein ganzes Stück, Cale. Such den Gouverneur auf, er wird dir helfen.« Jess richtete sich auf. Sein Blick glitt zurück zum Hafen. Die Monsoon Treasure segelte gerade unter den Kanonenmündungen der östlichen Festungsanlage hindurch und würde gleich das offene Meer erreichen. Es war ein weites Stück zu schwimmen, aber Jess hatte keinen Zweifel daran, dass Cale die Strecke bewältigen würde.
»Leb wohl, mein Freund«, setzte er leise hinzu. Wieder hatte er eine Brücke eingerissen und mit dem Gefühl, dass die Verfolgung seiner Ziele doch so viel mehr als Preis forderte als nur sein Leben, nahm er wieder seinen Platz auf dem Achterdeck ein.
»Kurs Bocca del Torres, Männer!«, sagte er entschieden und lauschte den Strömungen seiner Männer, die ihm zum ersten Mal von ihren Zweifeln erzählten, ob er gerade das Richtige tat.
*
Lanea ließ die Schriftrolle sinken und schloss ergeben die Augen.
Bei den Göttern, dachte sie verzweifelt und konzentrierte sich auf den Rhythmus ihrer Atmung, in der Hoffnung, sich so an die reale Welt um sie herum klammern zu können und nicht den Verstand zu verlieren. Konnten sie denn niemals wieder Ruhe finden? Sie konnte es einfach nicht glauben, was sie gerade gelesen hatte. Aber es erklärte den überstürzten Aufbruch von Jess und zerriss ihr Herz.
Jess hatte sich nicht einmal umgedreht, als sie ihn gerufen hatte. Nein, sie hatte nicht gerufen. Sie hatte seinen Namen geschrien und damit beinahe die gesamte Dienerschaft auf den Plan gerufen. Tirado war bereits dort gewesen, und sie war ihm geradewegs in die Arme gelaufen, mit denen er sie zurückgehalten hatte.
Tirado!
Lanea öffnete die Augen und begegnete dem teilnahmsvollen Blick des Gouverneurs. Doch unmittelbar hinter seinem Mitgefühl drängte sich die Ungeduld hervor und legte sich auf seinem gutaussehenden Gesicht nieder. Er hoffte unverkennbar darauf, endlich von ihr den Inhalt der Schriftrolle erfahren zu können. Doch Cristobal Tirado y Martinez war nicht der Mann, der dieser Regung nachgeben würde und sie in der gegenwärtigen Situation zu irgendetwas drängte. Seine Hände ruhten also entspannt auf den Armlehnen seines Stuhles. Seine langen Beine hatte er lässig von sich gestreckt und vermittelte den Eindruck, dass er eine zwanglose Gesellschaft genoss.
Lanea seufzte leise, und ihr Gegenüber hob unmerklich eine Augenbraue.
»Möchtet Ihr, dass ich Euch das Schreiben übersetze?«
»Ich möchte wirklich nicht ungeduldig erscheinen, angesichts der Situation, in der Ihr Euch momentan befindet, aber – ja – ich wäre Euch zutiefst dankbar, wenn Ihr mir den Inhalt offenbaren könntet.« Tirado hatte seine Beine eingezogen und sich aufrecht hingesetzt. Aufmunternd lächelte er sie an. »Ich weiß, dass es sehr schmerzlich für Euch sein muss.«
Lanea presste die Lippen fest aufeinander und nickte. Sanft streichelte sie mit den Fingerspitzen über die Schriftzeichen. Die letzten Überbleibsel eines Lebens, das von der Besessenheit seiner Visionen gezeichnet war und deren Intensität auch überdeutlich zwischen den Worten dieses Schriftstückes lag. Lanea verweilte einen Moment, in dem sie die Gegenwart Tirados fast vollständig vergaß. Erst als auf ein leises Klopfen hin ein Diener eintrat und dem Gouverneur verstohlen etwas zuflüsterte, fand sie wieder zurück in das Hier und Jetzt.
Tirado bedachte sie mit einem merkwürdigen Blick und erhob sich elegant aus seinem Stuhl.
»Entschuldigt mich bitte einen Augenblick. Es wird nicht lange dauern.« Dann folgte er dem Diener, der mit teilnahmslosem Gesicht an der Tür wartete, dass sein Herr ihm folgte.
Was mochte so dringend sein, dass der Gouverneur seine Neugierde vergaß und sie alleine zurückließ? Unentschlossen stand sie auf und trat an das große Fenster, das den Blick auf den Garten freigab, dessen Springbrunnen sie bei ihrem ersten Besuch so fasziniert hatte. Doch jetzt empfand sie das Rauschen der beständigen Wasserfontäne als störend und verschwenderisch. Eine überflüssige Spielerei, die oberflächlich eine heile Welt vorgaukelte, in der es eben nicht nur um Spiel, sondern um Leben und Tod ging. Düster betrachtete sie die Palmen, die um den Brunnen herum gepflanzt waren. Zorn stieg in ihr auf, doch die Tür wurde wieder geöffnet und riss sie aus ihren Gedanken.
»Ich muss Euch nochmals um Verzeihung bitten, Lanea. Ich werde Euch gleich von den Nachrichten, die ich erhalten habe, berichten, doch ich möchte zunächst auf das Schriftstück zurückkommen, wenn Ihr gestattet.«
Lanea nickte und hob das Schriftstück, das sie immer noch in Händen hielt. Nervös fuhr sie sich mit der Zunge über die Lippen und begann:
»Jess, mein Sohn!
Ich kann nicht umhin, diese Anrede für Dich zu verwenden, auch wenn ich weiß, dass Du es, nein, dass Du mich verabscheust. Aber dieses Wort verleiht dem Ausdruck, was ich für Dich empfinde; was ein Vater für seinen Sohn empfindet, mit all seinen Sorgen und seinem Stolz.« Lanea hielt mit zitternder Stimme inne und rang um Fassung. Ihre Kehle schnürte sich bei jedem Wort weiter zu, und sie räusperte sich mehrfach, bevor sie weiterlas: »Wenn Du dieses Schriftstück erhältst, befindet ihr euch, Du, Lanea und die Crew in Sicherheit, und die Monsoon Treasure ist wieder ein Teil von Dir. Doch der Sieg ist kein wirklicher Sieg. Gerade habt Ihr von dem Überfall auf die Abtei von Santo Domingo und auf Puerto Cabballas erfahren, u nd das wird nicht alles sein, was die Waidami in naher Zukunft zerstören werden. Jedes erreichbare Kloster wird vernichtet werden, denn die Waidami wollen keine Religion neben der ihren dulden. Keine Küstenstadt, kein Fischerdorf, selbst Cartagena wird sicher sein, wenn es mir nicht gelingt, Dich davon zu überzeugen, dass meine Vision kein Hirngespinst ist und Du der Schlüssel zur Vernichtung Bairanis bist. – Du hast mich auf Bocca del Torres gefragt, ob Du am Ende frei sein wirst, und ich habe Dir nicht geantwortet. Die Antwort darauf geht über meine Kräfte. Es gibt keine Gewissheit, denn wie Du weißt, sind die Visionen letztendlich nur Möglichkeiten, doch ich sehe auch jetzt nur ein Ende voller Leid und Schmerz.« Laneas Stimme versagte abrupt. Sie hatte den Text doch schon gelesen und wusste genau, was darin stand. Wieso konnte sie nicht einfach vorlesen, ohne mit den Tränen kämpfen zu müssen? Ihr Blick verschleierte sich und sie wischte sich hastig über die Augen. Reiß Dich zusammen, ermahnte sie sich und holte tief Luft: »Dein Ende wird von dem gleichen Fluss gespeist wie Dein Leben; er ist voller Steine und Untiefen. Die Angst davor, Einzelheiten zu nennen und Dich damit dazu zu verleiten, die falschen Entscheidungen zu treffen, ist einfach zu groß. Alles wäre gefährdet! Aber mein Freund Durvin, der ebenfalls ein Seher ist und der Überbringer dieser Nachricht, wird Dich, soweit es in seiner Macht steht, unterstützen und über Dich wachen. Doch manche Dinge sind leider unvermeidbar auf dem Weg, der vor Dir liegt. Jess, es fällt mir schwer, denn ich weiß, was ich von Dir verlange, aber verlasse unverzüglich Cartagena und begib Dich nach Bocca del Torres. Waidami-Schiffe werden an der Insel patrouillieren und Dich dort finden und gefangen nehmen. Auch wenn es Dir unwahrscheinlich erscheinen mag, aber Bairani will Dich und braucht Dich, um seine Macht und seinen Schrecken in die Karibik zu tragen. – Ein Weg, der unglaublich viel verlangt und doch ist der andere Weg, der Dir offensteht, nicht weniger leidvoll. Schon bald ist die Übermacht der Waidami so groß, dass der spanische Gouverneur gezwungen ist, Hilfe aus Spanien zu erbitten. Doch keinem seiner Schiffe wird der Durchbruch gelingen und die so dringend benötigte Hilfe wird nicht eintreffen. Die spanischen Schiffe werden zum größten Teil vernichtet und selbst Cartagena wird fallen. Danach gibt es niemanden mehr, der sich noch gegen die Waidami stellen könnte. Lanea wird, wie unzählige andere, bei einem Angriff ums Leben kommen, und Du bleibst gebeugt unter der Last des Wissens zurück, dass Du dies hättest verhindern können. – Erneut meine Bitte, mein Flehen, verlasse auf der Stelle Cartagena. Nur, wenn Du Dich dem Willen Bairanis unterwirfst, wird Dir auf diesem Weg ein Mensch begegnen, der das Schicksal zu unseren Gunsten wenden wird, und nur so wird Dir die Gelegenheit verschafft werden, Bairani zu töten. – Mit einem Gewissen, das voller Schuld auf Dein Leben blickt, erbitte ich Deine Vergebung – Tamaka« Laneas Stimme wurde bei den letzten Worten immer leiser. Dann ließ sie die Rolle kraftlos sinken. Ihre Augen brannten so sehr, dass die Tränen dahinter unter dem Schmerz einfach versiegten.




