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»Wie sind eure Namen?«, fragte Jess und sparte sich jede Begrüßung, die ohnehin nicht erwartet wurde.
»Rees, Sir. Martin Rees«, sagte der, der genickt hatte. Eine wulstige Narbe zerteilte seine Unterlippe und zog sich von dort schräg über das Kinn. »Und das ist Gerard de Croix, ein Franzose.« Rees betonte es, als würde das alles erklären.
Gerard de Croix machte noch immer keine Anstalten, sich zu bewegen und reagierte erst, als Torek ihn anfuhr: »Rudert uns rüber zur Treasure, sofort!«
Der Mann zuckte mit den Schultern und hielt das Boot, während die Männer hineinstiegen. Dann löste er das Tau, und er und Rees begannen, in gleichmäßigen Schlägen über die Bucht zu rudern.
*
Torek genoss jeden einzelnen Ruderschlag, der ihn und Jess Morgan der Monsoon Treasure ein Stück näher brachte. Morgan saß mit steinerner Miene im Bug und sah über die Küste, als befänden sie sich auf einem Ausflug. Aber Torek ließ sich von dem gleichmütigen Äußeren des Piraten nicht täuschen. Zu lebhaft stand ihm noch der verletzte Gesichtsausdruck Morgans vor Augen, als Bairani und er ihn aus der Höhle entlassen hatten. Es war ein heftiger Schlag für seine Arroganz gewesen, als ihm bewusst wurde, dass sie mit ihm machen konnten, was sie wollten. Torek lachte leise auf in Erinnerung an den köstlichen Triumph, fühlte seinen Geschmack auf der Zunge wie einen vollmundigen Wein. Morgan bemerkte sein Vergnügen, schwieg aber weiterhin. Es war nur ein kurzer Blick gewesen, bevor er sich die Rudergasten besah. Sicher taxierte er sie, um festzustellen, mit wem er es zu tun hatte.
Jedenfalls waren sie geschickte Ruderer, die das Boot mit gekonnten Ruderschlägen längsseits an die Treasure brachten. Rees ergriff das Fallreep und sah dann abwartend zu Torek.
Gut! Ohne Zweifel wusste der Einfaltspinsel genau, wer das Kommando hatte. Und das musste auch Morgan spüren. Er würde ihm nicht den Vortritt lassen, der dem Kapitän eigentlich zustand. Für Morgan war es nur eine kleine weitere Qual. Der Seher warf ihm einen Blick zu. Sicher brannte der Pirat darauf, endlich wieder sein Schiff betreten zu können, nach all den Tagen an Land. Soweit Torek es beurteilen konnte, hatte Morgan sich geweigert, den Schlaftrunk zu sich zu nehmen, den er ihm gebracht hatte. Diese Sturheit, die er nebenbei erwartet hatte, hatte Morgan nicht weiter gebracht. Im Gegenteil. Torek war davon überzeugt, dass sie wesentlich länger gebraucht hätten, seinen Willen zu unterwerfen, wenn er ausgeruht gewesen wäre. Morgan hatte nicht die geringste Ahnung, wie schwer er es ihnen auch so schon bereits gemacht hatte.
Torek ergriff die Leiter und begann, daran hinaufzusteigen. Wie er diese Dinger hasste. Obgleich er inzwischen einige Übung mit dem Erklimmen dieser schwankenden Leitern hatte, fiel ihm dies immer noch schwer. Unbehaglich wurde ihm bewusst, was für eine lächerliche Gestalt er abgeben musste, während er ständig mit dem Gleichgewicht kämpfte, obwohl das Schiff nur leicht in der Brandung auf und ab dümpelte. Seine Laune sank mit jeder Sprosse, die ihn nach oben führte. Er brauchte dringend eine Aufmunterung.
Missgelaunt betrat Torek schließlich das Deck. Augenblicklich kam ein Mann auf ihn zu, seltsam gekrümmt, als trüge er eine unsichtbare Last, die seinen Rücken in grotesker Weise nach vorne beugte.
Noch bevor er etwas sagen konnte, trat Morgan hinter ihn.
»Alle Mann an Deck, Seemann«, befahl der Pirat mit einer Selbstverständlichkeit, die Torek ärgerte. Da war sie zurück, die Arroganz dieses Bastards. Morgans Hand glitt dabei wie zufällig über die Reling, aber Torek wusste, dass er den Zustand der Monsoon Treasure prüfen wollte.
Der Seemann sah Torek unsicher an, dann nickte er: »Aye, aye, Sir!«, und wiederholte den Befehl so laut, dass er bis in die hintersten Winkel des Schiffes dringen musste.
Als hätten sie nur darauf gewartet, versammelten sich die Männer an Deck. Torek suchte unter ihnen vergeblich nach einem Mann, den er fest unter ihnen erwartet hatte.
»Folgt mir auf das Achterdeck«, befahl Torek. Zu spät bemerkte er, dass Morgan bereits genau dorthin unterwegs war. Dieser verdammte Mistkerl! Übellaunig beeilte er sich, ihm zu folgen. Da der Pirat gelassen vor ihm herschritt, war es ein Leichtes ihn zu überholen. Noch bevor Morgan das Wort ergreifen konnte, stürzte Torek an die Balustrade des Achterdecks und räusperte sich lautstark. Alle Augen richteten sich gespannt auf ihn, doch noch immer konnte er nicht denjenigen ausmachen, den er suchte. Aufregung ergriff ihn.
»Männer!«, rief Torek gerade so laut, dass ihn alle Seeleute hören konnten. »Nachdem ihr ausreichend Gelegenheit hattet, euch mit eurem neuen Schiff bekannt zu machen, übergebe ich das Kommando Captain Jess Morgan, der unmittelbar meinem Befehl untersteht.« Torek verkniff sich ein vergnügliches Grinsen und machte eine übertriebene Verbeugung zu Jess hin, der inzwischen neben ihn getreten war und ihn eher belustigt als verärgert betrachtete.
»Ich denke, es erübrigt sich, mich vorzustellen. Jeder von euch hat von mir gehört, den ein oder anderen unter euch kenne ich bereits«, ergriff Jess das Wort, als sich plötzlich ein Schott öffnete und ein Mann das Deck betrat.
Torek unterdrückte nur mühsam den Impuls, sich schadenfroh die Hände zu reiben. Der Neuankömmling rieb sich mit einer Hand über den kahlen Kopf und gähnte unverhohlen, während er mit schweren Schritten auf das Achterdeck zusteuerte, als kümmerte es ihn nicht, die Ansprache seines neuen Captains zu unterbrechen.
»Darf ich dir deinen neuen Ersten Maat vorstellen?« Torek lächelte Jess an, der dem Mann entgegensah.
»McFee!«, sagte Morgan ruhig, doch die Kälte darin ließ selbst Torek leicht frösteln.
»Morgan« McFee stellte sich breitbeinig vor die beiden Männer, doch er schenkte Torek keinerlei Aufmerksamkeit, sondern sah nur Morgan an. Er gab sich nicht die geringste Mühe, den Hass zu verbergen, der in seinem Gesicht und seiner Stimme lag.
Ansatzlos schlug Morgan zu. Der Hieb traf McFee völlig unvorbereitet ins Gesicht und warf ihn rückwärts auf die Planken. Torek holte zischend Luft und starrte Morgan an, der sein Schwert gezogen hatte. Die Spitze zielte ruhig auf McFees Kehle. An Deck war es totenstill, niemand sagte ein Wort oder wagte sich zu rühren.
»Captain Morgan für dich, McFee!«, sagte der Pirat gedehnt. »Und wage es nie wieder, einem Befehl nicht augenblicklich nachzukommen.«
McFee richtete sich benommen auf. Sein vernarbtes Gesicht war eine einzige Maske aus Wut, Hass und Hilflosigkeit. Torek tanzte innerlich. Diese Demütigung war ein neues Glied an der langen Kette, die McFee Jess Morgan eines Tages um den Hals legen würde.
»Aye, Captain.« McFee spuckte die Worte voller Verachtung aus. Langsam erhob sich der muskulöse Mann. Seine Haltung war angespannt und einen flüchtigen Moment sah es so aus, als wollte er sich auf Jess Morgan stürzen. Doch die Spitze des Schwertes zeigte immer noch auf ihn, kein Zittern, nicht das geringste Anzeichen, dass Morgan nicht zustoßen würde, wenn sich ihm auch nur der geringste Grund bieten würde.
Torek grinste breit. Seine Laune stieg. Innerlich rieb er sich die Hände. Unter der dreiundzwanzigköpfigen Mannschaft befanden sich fünfzehn Männer der gesunkenen Darkness. Keiner dieser Männer würde auch nur dem kleinsten Befehl von Morgan folgen, wenn McFee ihn nicht billigte. Sie alle hassten Morgan und hatten noch nicht vergessen, dass er ihr Schiff versenkt und ihren Captain getötet hatte. Ein Zeichen von Bairani oder ihm genügte, und McFee würde die Hunde von der Leine lassen, die mit Freude ihre Beute zu einem langsamen Tod hetzen würden. Aber das musste noch warten, bedauerlicherweise. Die Vision war klar und deutlich. Gleich, welche Rolle der Pirat auch darin spielte, es gab keinen Zweifel, dass er bis zum glorreichen Sieg dabei sein musste.
Ruhig stand er also neben den beiden Männern auf dem Achterdeck, während Morgan seine Ansprache führte. Der Pirat war längst tot, er wusste es nur noch nicht.
*
Cristobal Tirado y Martinez stand im Hafen und schaute der Santa Esmeralda hinterher, auf der sich Lanea und Cale auf dem Weg zu einem neuen Leben befanden, - wenn es ihnen vergönnt sein sollte. Lanea war in den letzten Tagen unruhig und still gewesen. Ihre Gedanken mochten überall gewesen sein, aber sicher nicht bei der bevorstehenden Reise oder bei Cale Stewart, auch wenn dieser sich dies vielleicht wünschen mochte. Das Schiff setzte alle verfügbaren Segel und nahm schnell Fahrt auf. Es verschwand aus seinem Blickfeld, ohne dass er die beiden noch einmal gesehen hätte. Leise seufzte er auf. Die Opferbereitschaft von Jess Morgan forderte nicht nur von dem Piraten einen schrecklichen Preis, sondern auch von den Menschen, die ihm nahestanden. Hoffentlich war es das wert. Wieder seufzte er. Im Hafen lagen nur noch die Santa Ana und die Neptuno, die ebenfalls die letzten Vorbereitungen zum Auslaufen trafen. Langsam schritt er auf die beiden großen Segelschiffe zu, in die er all seine Hoffnung setzte. Sie waren stark bewaffnet, die Kapitäne alte Haudegen, die er seit Jahren erfolgreich gegen die Piraten der Karibik eingesetzt hatte.
Leise rumpelnd wurde Tirado von einer Kutsche überholt, die vor der Laufplanke der Neptuno anhielt. Der Wagenschlag öffnete sich und Capitan Mendez stieg heraus. Als er Tirado sah, tippte er kurz mit der Hand gegen seinen Hut und nickte ihm zu: »Señor Gouverneur.«
»Señor Capitan«, erwiderte Tirado den Gruß. »Mast- und Schotbruch und möge Gott Euch auf Eurem Weg begleiten.«
Mendez lächelte selbstsicher. Dabei legte sich sein wind- und wettergegerbtes Gesicht in unzählige Falten. »Macht Euch keine Gedanken, Señor Gouverneur. Die Santa Ana und die Neptuno sind gut gerüstet. Dieses vermaledeite Inselpack wird uns nicht aufhalten können, dessen bin ich mir sicher. Wir haben schon ganz andere Schlachten geschlagen.«
»Ich wünschte, es wäre so einfach. Einer von Euch muss nach Spanien durchkommen, koste es, was es wolle, Capitan. Von Eurem Erfolg hängt womöglich unser aller Leben ab.«
»Bei allem gebotenen Respekt, Señor Gouverneur. Aber Spanien ist eine Weltmacht. Noch sehe ich keine wirkliche Bedrohung durch die Waidami. Es handelt sich doch bisher eher um kleine Aufmüpfigkeiten von ein paar Wilden, nichts, was wir nicht selbst niederschlagen könnten.«
»Ihr habt Recht.« Tirado nickte. »Aber dies wird sich schon bald ändern, fürchte ich.« Abrupt verstummte er, als er den zweifelnden Blick von Mendez sah. Der Mann glaubte ihm nicht. Wie auch? Waren sie doch alle mit der Arroganz aufgewachsen, dass sich nichts und niemand gegen das mächtige Spanien zu stellen vermochte. Diese Arroganz würde ihnen jetzt zum Verhängnis werden. Niemand hier oder bei Hofe würde die bevorstehende Niederlage auch nur in Betracht ziehen, bis es zu spät war. Plötzlich wusste er mit untrüglichem Instinkt, dass, sollten die Santa Ana und die Neptuno das Unmögliche schaffen und Spanien erreichen, von dort keine Hilfe kommen würde. Der Hof würde ihn für seinen Hilferuf auslachen und jemanden senden, der ihn von seinem Posten ablösen würde. Waidami würde am Ende erfolgreich sein.
Hastig verabschiedete er sich und ging zurück zu seiner Kalesche, die auf der Pier stand, von der die Santa Esmeralda in See gestochen war. Er konnte das Geschehen nicht aufhalten, das musste er wohl endlich einsehen.
*
Am nächsten Morgen saß Jess in seiner Kajüte und aß das Frühstück, das Gerard gebracht hatte. Obwohl er wieder auf der Treasure war, hatte er schlecht geschlafen, weil er die Verbindung zu ihr abgeblockt hatte. Nach dem gestrigen Auftakt mit McFee wollte er alleine sein. Den Drang, den ehemaligen Ersten Maat seines Erzfeindes Stout sofort zu töten, vergrub er in der Leere, in der er all seine Empfindungen verbarg. Weder Hass noch Zweifel oder gar Furcht vor dem, was vor ihm lag, durften ihn von seinem Weg abbringen. McFee als Ersten Maat auf die Treasure zu bringen, war mehr als ein übler Scherz von Torek. Wenn er sich nicht irrte, waren ein Großteil seiner neuen Männer ehemalige Crew-Mitglieder der Darkness. McFee würde der heimliche Kommandant an Bord sein und keine Zeit ungenützt verstreichen lassen, um den Rest ebenfalls auf seine Seite zu ziehen. Doch der Zweck, den Torek damit verband, war ihm nicht klar. Unstimmigkeiten in einer Crew würden Toreks Ziele nur gefährden. Lustlos zerbröckelte er das Brot unter seinen Fingern und spielte mit den Krümeln, schob sie hin und her und zerdrückte sie impulsiv mit der flachen Hand. Frustriert schob er den Stuhl zurück und wollte schon aufstehen, als Schritte vor der Tür erklangen. Überrascht blieb er sitzen. Er war es nicht gewöhnt, Besucher nicht rechtzeitig zu bemerken. Das konnte nur eins bedeuten.
Die Tür wurde geöffnet, und Torek trat mit zynischem Lächeln ein.
»Morgan«, sagte er eine Spur zu freundlich. »Du hast gerade gefrühstückt, wie ich sehe. Das trifft sich gut, denn es wartet ein Auftrag auf uns.«
Jess zog fragend eine Augenbraue hoch. »Ein Auftrag welcher Art?«, fragte er.
Torek nickte und schlenderte durch den großzügigen Raum, dabei betrachtete er neugierig jede Einzelheit, umrundete den Kartentisch und setzte sich dann auf einen freien Stuhl. Wie selbstverständlich nahm er Jess‘ Becher und schenkte sich aus dem danebenstehenden Krug von dem leichten Wein ein. »Zwei Schiffe wollen von Cartagena kommend nach Spanien segeln. Wir müssen sie aufhalten.« Torek nahm einen Schluck und betrachtete ihn dabei über die Ränder des Gefäßes hinweg.
Kuriere, unterwegs mit einer Bitte um Verstärkung. Tirado hatte keine Zeit verloren, aber offensichtlich doch noch zu lange gezögert. Jess stand auf und beugte sich über die Karte, die eine Gesamtansicht der Karibik zeigte. »Wo befinden sie sich zurzeit?«
»Sie haben erst heute Morgen den Hafen verlassen und können folglich noch nicht weit sein.«
»Ihr wisst es also nicht genau? Sind Eure Visionen so unbestimmt?«
Torek schnaufte verärgert. »Wir wissen, welche Route sie einschlagen.« Er tippte mit dem Zeigefinger auf die Karte. »Dort werden sie vorbeikommen.«
»Seid Ihr sicher?« Jess betrachtete den Punkt, der genau nördlich vor der Insel Carriacou lag. Viele kleinere Inseln, die eine Flucht ermöglichen oder, je nach Geschick des Gegners, vereiteln konnten. Doch die Route war geschickt gewählt, wenn man es nicht gerade mit einem Gegner zu tun hatte, der schon die Route kannte, bevor man diese selbst antrat. Vermutlich wollten sie Barbados anlaufen, bevor sie von dort die Atlantik-Überquerung starteten. Es würde mit einem Seher an Bord nicht schwer sein, sie dort zu stellen.
»Gut, stechen wir in See«, sagte er, sah von der Karte auf und traf auf Toreks Blick. Für einen Moment überlegte er, ob er noch etwas hinzufügen sollte, unterließ es aber. Er wandte sich um und ging einfach hinaus. Die leicht tapsenden Schritte von Torek folgten ihm eilig, bemüht seinen Schritten hinterherzukommen.
Gemeinsam betraten sie das Hauptdeck, auf dem schon emsige Betriebsamkeit herrschte. McFee scheuchte die Männer umher. Das Rasseln der Ankerkette überraschte ihn und auch die Männer, die bereits in die Wanten stiegen, um Segel zu setzen.
»Ich habe McFee bereits den Befehl erteilt, auszulaufen«, keuchte Torek neben ihm außer Atem. »Wir sollten keine Zeit verlieren.«
»Wenn Ihr das Kommando an Bord übernehmen wollt, Seher«, knurrte Jess grimmig, »dann frage ich mich, warum ich noch an Bord bin. Oder fürchtet Ihr, die Tätowierungszeremonie könnte zu schmerzhaft für Euch sein?«
Torek öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch Jess ignorierte ihn.
»McFee!«, rief er. Die Spanier hatten ungefähr die gleiche Distanz nach Carriacou zu überbrücken wie die Monsoon Treasure. Wenn sie nicht rechtzeitig die Stelle erreichten, würden die beiden spanischen Schiffe möglicherweise den Atlantik erreichen.
Der Erste Maat drehte sich widerstrebend um und trat dann zu ihnen.
»Captain?«, knurrte er unfreundlich.
»Wir haben keine Zeit zu verlieren. Die Spanier werden nach Barbados sicher getrennte Kurse setzen, um die Möglichkeit zu erhöhen, dass wenigstens einem Schiff unbehelligt die Überfahrt gelingt. Das müssen wir verhindern. Lass sämtliches Tuch setzen. Du stehst mir persönlich dafür ein, dass wir die entsprechende Position rechtzeitig erreichen.«
McFee blickte hastig auf den Seher, der zwischen ihnen viel zu klein und schmächtig wirkte.
»Aye, Sir! - Klar zum Segelsetzen, ihr verlausten Deckratten. Heiß auf Großsegel!« McFee wandte sich ab und brüllte augenblicklich neue Befehle über Deck.
Jess ging zum Achterdeck. Torek war ihm gefolgt wie ein Schatten. Das schmale Gesicht des Sehers wirkte leicht enttäuscht, dass es zu keinen Unstimmigkeiten gekommen war. Jess ignorierte ihn und beobachtete stattdessen das Auslaufmanöver. Eines musste er McFee lassen: Er verstand sein Handwerk und hatte die Leute im Griff, die sich beinahe überschlugen, seinen Befehlen nachzukommen. Schneller wären sie auch nicht mit seiner alten Crew ausgelaufen.
Unwillkürlich blickte er über die vor Anker liegenden Schiffe. Wo mochte seine Mannschaft wohl sein? Er hatte die letzten Tage jeden Gedanken an seine Männer, nein, seine Freunde verdrängt. Seinetwegen hatten sie sich hierher begeben und waren jetzt auf eine andere Art in Ketten gelegt. Sein Gewissen wog schwer. Jess hob die Hand und legte sie an den Mast. Augenblicklich sprang die Monsoon Treasure auf ihn über und packte ihn, zog sein Bewusstsein in ihre Umarmung. Vorsichtig glitt sie in den Rumpf hinab und von dort ins Meer. Dort verharrte sie für einen Augenblick schwerelos dümpelnd in der leichten Dünung der Bucht, bevor sie pfeilschnell auf den Rumpf eines anderen Schiffes zuschoss und sich an diesen schmiegte. Als würde eine Tür geöffnet, drangen sie in das alte Holz und wanderten durch das Schiff. Jess keuchte auf, als er unvermittelt auf die Strömungen von Kadmi, N’toka und Dan stieß. Sie waren ruhig und gleichmäßig. Es gab keine Anzeichen, dass sie verletzt waren. Erleichterung erfüllte ihn, aber die Sorge um die anderen blieb. Die Treasure zog sich mit ihm zurück ins Meer und steuerte das nächste Schiff an. Auch hier drangen sie in das Schiff ein und fanden die Strömungen von dem holzbeinigen McPherson, Jintel, Sam, Ian, Riccardo und Lorenzo. Auch sie schienen unversehrt.
Ansatzlos lief ein Zittern durch die Monsoon Treasure und riss ihn aus dem fremden Schiff. Sein Bewusstsein wurde zurückgeschleudert und förmlich auf das Deck der Monsoon Treasure katapultiert. Jess stöhnte auf und hielt sich mit beiden Händen an der Reling fest, um nicht zu stürzen. Ein ziehender Schmerz fuhr durch seinen Körper und trennte die Verbindung. Nur langsam klärte sich sein Blick. Er schluckte schwer. Neben ihm stand Torek, beobachtete ihn interessiert und fragte lauernd:
»Stimmt etwas nicht?«
Jess bemerkte erstaunt, dass sie bereits die Bucht verließen. Ob die Entfernung zu den anderen Schiffen zu groß geworden war? Oder hatte Torek etwas damit zu tun, dass er so plötzlich aus der Treasure gerissen worden war? Wenn ja, würde er dies kaum zugeben. Jess‘ Muskeln zitterten, wie nach einer großen körperlichen Anstrengung. Der Seher durfte diese Reaktion nicht bemerken. Langsam löste er die Hände von der Reling und richtete sich wieder auf.
»Wollt Ihr von mir eine ehrliche Antwort, Seher?«, fragte er kühl. »Ihr seid an Bord, das stimmt nicht! Sollte sich für mich nur eine einzige Gelegenheit ergeben, dass Ihr über Bord geht, dann bei der Göttin, werde ich diese nutzen.«
»Du überschätzt dich.« Torek kniff verächtlich die Lippen aufeinander, aber sein Gesicht war eine Spur bleicher geworden. Mit der rechten Hand griff er nach dem Amulett und umklammerte es. »Und du vergisst, mit wem du redest.«
»Wie könnte ich das?«
Für einen Moment überlegte Jess, das Achterdeck zu verlassen und McFee das Kommando zu überlassen. Torek würde schon dafür sorgen, dass sie den richtigen Kurs einschlugen und die beiden Schiffe nicht verpassten. Aber diese Blöße wollte und durfte er sich nicht geben.
Also blieb er und begann, sich danach zu sehnen, endlich auf die gesuchten Spanier zu treffen, um sie mit all der Wut, die er für Torek empfand, auf den Grund des Meeres zu schicken.
*
Am späten Nachmittag des dritten Tages segelten sie von Norden kommend auf die Insel Petit St. Vincent zu. Aufgrund des günstigen Windes hatte Jess unterwegs beschlossen, den beiden Schiffen aus dieser Richtung entgegen zu segeln. Beide Ausgucke waren besetzt. Die Männer riefen in regelmäßigen Abständen ihre Berichte herab. Jess stand im Bug und starrte nach vorn. Inzwischen war Carriacou auf Sichtweite heran, aber noch waren keine Mastspitzen auszumachen.
»Sie müssen jeden Moment auftauchen.«
Langsam wandte sich Jess zu Torek um, der ihm den ganzen Tag wie ein Schatten gefolgt war. Er wirkte bleich. Mit großen Augen starrte er an Jess vorbei, als könnte er so die Schiffe schneller herbeilocken. Dabei spielte seine Hand unermüdlich mit dem Amulett.
»Ihr habt Angst!«, stellte Jess fest.
Die großen Augen richteten sich widerstrebend auf ihn. »Wo ist bei einem Gefecht der sicherste Platz auf einem Schiff?«
Jess musterte den dünnen Seher von Kopf bis Fuß und konnte sich das Lächeln nicht verkneifen. »Es gibt während eines Gefechtes keinen sicheren Platz auf einem Schiff, Seher«, sagte er betont langsam und mit Genuss. »Vielleicht schaut Ihr einmal in Euren Visionen nach, wo Ihr Euch am besten verkriechen könnt.«
Toreks Miene verfinsterte sich zusehends. Er öffnete den Mund, um etwas zu entgegnen, als der Ruf des Ausgucks sie unterbrach: »Mastspitzen Backbord voraus!«
»Siehst du«, triumphierte der Seher und deutete nach vorne. Jess schwieg und zog stattdessen das Spektiv hervor. Um die Nordspitze Carriacous schoben sich gerade zwei Dreimaster, die die spanische Flagge gehisst hatten.
»Diese verdammten Spanier scheinen wirklich zu glauben, dass sie sich an uns vorbeischleichen können.« Torek lachte abfällig. »Sind sie stark bewaffnet?«
Jess betrachtete immer noch die Schiffe. Er hatte sie beide sofort erkannt. Es waren die Neptuno und die Santa Ana, die ihnen hoch am Wind entgegensegelten. Beide Schiffe waren bei der großen Schlacht gegen die Waidami dabei gewesen. Er selbst hatte das Kommando über die Neptuno gehabt. Es waren gute Männer an Bord. Wütend presste er die Lippen aufeinander.
»Sind sie stark bewaffnet, habe ich gefragt!« Toreks aufgeregte Stimme drang in sein Bewusstsein.
Nur zögernd ließ Jess das Spektiv sinken und schenkte dem Seher einen kalten Blick. »Es sind Schlachtschiffe, was erwartet Ihr?«
»Willst du denn nicht die Kanonen rausholen lassen?«
Jess wandte sich ab und steuerte das Achterdeck an. Es widerstrebte ihm zutiefst, diese Schiffe anzugreifen. Die Männer waren ihm während seiner Zeit an Bord zwar mit Vorsicht begegnet, aber ohne ihre Hilfe hätte er die Monsoon Treasure nicht zurückerobern können. Jetzt sollte er sie zum Dank dafür auf den Meeresboden schicken? Nachdenklich warf er einen Blick auf Torek, der ihm wie immer gefolgt war. Hass wallte in ihm auf. Dieser verdammte Mistkerl klammerte sich unablässig an das Amulett. Irgendwann musste er dieses Ding doch einmal loslassen. In seinem Gesicht spiegelte sich Nervosität. Offenbar war seine Angst vor dem Gefecht doch so groß, dass er noch nicht bemerkt hatte, in welchem Zwiespalt Jess sich befand. Gut so.
»Kurs halten! Alles auf Gefechtsstationen!«, rief Jess. »Die Stückpforten bleiben geschlossen.«
»Was? Wieso?« Torek sah ihn fassungslos an, während Bewegung in die Crew geriet. Schnell, aber ohne übertriebene Hast folgten sie dem Befehl.
»Weil es noch nicht der passende Augenblick ist«, entgegnete er knapp.
Vielleicht wussten die Spanier noch nichts davon, dass die Monsoon Treasure wieder für die Waidami segelte. Doch ein Blick durch das Spektiv belehrte ihn eines Besseren. Noch machten sie zwar nicht die geringsten Anzeichen sich für ein Gefecht vorzubereiten, aber Capitan Mendez beobachtete ihn ebenfalls durch ein Fernrohr. Ihm konnten die Vorbereitungen an Bord der Monsoon Treasure nicht verborgen bleiben, auch wenn die Stückpforten immer noch geschlossen blieben. Eisern hielten die beiden spanischen Schiffe weiterhin auf sie zu, ohne dass etwas geschah. Im Grunde hatten sie auch keine andere Möglichkeit als sich dem Gefecht zu stellen. Wenn er die Schiffe hier versenkte, würden die Überlebenden ohne Schwierigkeiten an Land schwimmen können. Es mussten nicht alle sterben.
»Auf meinen Befehl hin werden die Stückpforten geöffnet und gefeuert!«, rief Jess McFee zu.




