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»Aye, aye, Sir!«
Auf der Neptuno wurden die Kanonen ausgerannt, die Santa Ana folgte kurz darauf ihrem Beispiel. Damit zeigte sie ebenfalls ihre Gefechtsbereitschaft und fiel hinter die Neptuno ab. Beide Schiffe würden auf diese Weise leicht versetzt an der Backbordseite der Treasure vorbeilaufen und sie damit kurz hintereinander unter Beschuss nehmen können. Jess sah, wie die Männer an Deck neugierig zu ihnen herüber sahen. Für den Moment schienen sie noch unsicher zu sein, ob von der Monsoon Treasure tatsächlich Gefahr ausging. Die Neptuno würde jeden Moment parallel zur Treasure laufen und machte nicht den Anschein zuerst das Feuer eröffnen zu wollen. Jess wartete, während Torek neben ihm ungeduldig auf seinen Füßen hin und her trat.
»Mach schon, verdammter Pirat!«, zischte er. Es war der Augenblick, in dem Jess laut brüllte: »Volle Breitseite! FEUER FREI!«
Beinahe gleichzeitig flogen die Stückpforten hoch, und die Kanonen wurden ausgerannt. Das Deck erzitterte unter der Wucht der Schüsse. Einen Atemzug später schlugen die Kugeln mit unglaublicher Gewalt auf der Neptuno ein. Schreie erklangen, als der Besanmast unter lautem Bersten und Krachen auf das Deck stürzte und Männer unter Segel und Tauen begrub. Zwei große Löcher klafften in der Bordwand. Das Heck hatte auch einen Treffer abbekommen, der die gerade erst reparierte Ruderanlage beschädigt hatte. Capitan Mendez’ Befehle übertönten den Lärm, in dem Versuch dem Chaos Einhalt zu gebieten. Jedoch hatte die kurze Unsicherheit und das Zögern des Capitans zuvor wertvolle Zeit gekostet, wodurch die Kanonen der Neptuno erst verspätet das Feuer erwiderten und ihre Ladungen nutzlos hinter die Treasure in die See spuckten.
»Hart Backbord! Kanonen nachladen«, schrie Jess. Noch während von der Neptuno weiter hektische Befehle herüberschallten, schwenkte die Monsoon Treasure hinter dem breiten Heck des spanischen Dreimasters nach Backbord aus, um der Santa Ana ihre Steuerbordbreitseite zu präsentieren. Die Männer der Santa Ana schienen besser vorbereitet zu sein, als ihre Begleiter. Nacheinander leuchteten die Kanonenmündungen auf. Drei große Wassersäulen stiegen vor der Monsoon Treasure aus dem Wasser auf. Während zwei Kugeln über das Hauptdeck fegten, schlug eine weitere in einem der unteren Decks ein. Ein paar Männer schrien auf, andere versuchten, den Geschossen auszuweichen. Eine Kugel traf das Achterkastell. Holzsplitter flogen umher. Jess stöhnte unter den Schmerzen, die die Treffer verursachten, und hob schützend den Arm vor das Gesicht, während sich Torek mit einem lauten Aufschrei der Länge nach auf den Boden warf und seinen Kopf unter den Armen begrub.
»FEUER!«, rief Jess. Diesmal brüllten die Kanonen der Steuerbordseite auf und spuckten Tod und Verderben auf die Spanier hinüber. Zwei Schüsse schlugen vor dem Schiff ein. Der Rest traf und zerschlug das Schanzkleid. Männer wirbelten wie Puppen über das Deck. Eine Kugel traf den Fockmast, beschädigte ihn aber nur leicht.
Jess sah zur Neptuno hinüber. Die Ruderanlage schien doch schwerer beschädigt zu sein, als es den Anschein gehabt hatte. Das Schiff trieb hilflos auf das Ufer der kleinen Insel zu. Demnach schied es als weiterer Gegner aus, und er wandte sich wieder der Santa Ana zu, die angeluvt hatte und jetzt auf die Treasure zuhielt.
»Steuerbord!«, befahl Jess.
Langsam schwenkte die Treasure herum. Beide Schiffe segelten aufeinander zu.
»Breitseite klar machen zum Feuern! Zielt auf die Wasserlinie.«
Die Schiffe näherten sich schnell. Beinahe gleichzeitig brüllten die Kanonen auf und fegten wie tödliche Dämonen über das Wasser. Schreie erklangen, als die Kugeln der Santa Ana das Schanzkleid der Treasure durchbohrten und einige Männer getroffen wurden. Doch die Schüsse waren zu hoch gezielt und richteten keinen großen Schaden an. Die schlimmsten Verwüstungen kamen von den umherfliegenden Holzsplittern, die sich wie hinterhältig abgeschossene Pfeile auf den Weg nach Opfern machten und diese auch fanden. Auf der Santa Ana hingegen zerschlugen die gut gezielten Schüsse der Treasure den Rumpf dicht unterhalb der Wasserlinie. Wasser schoss durch die Lecks in das Innere und besiegelten das Schicksal des Schiffes. Jubelnd und grölend feierten Jess‘ Männer den Anblick der sterbenden Santa Ana, als sie langsam aus dem Ruder lief.
Die Neptuno war auf Grund gelaufen und die Santa Ana sank über Bug. Diese Schiffe würden keine Nachricht mehr nach Spanien bringen.
Hinter Jess rappelte sich Torek langsam auf.
»Ihr scheint einen sicheren Platz gefunden zu haben, Seher. Ihr seid unversehrt, wie ich sehe.«
Torek warf ihm einen vernichtenden Blick zu. »Was ist mit den Überlebenden?«, fragte er mit einem Blick auf einige Männer, die von der sinkenden Santa Ana auf die Insel zu schwammen.
»Was soll mit ihnen sein? Ziel war es zu verhindern, dass diese beiden Schiffe nach Spanien segeln. Ich denke, dieses Ziel ist erreicht.«
»Töte sie.«
»Ich töte keine wehrlosen Männer«, knurrte Jess abfällig.
»Oder tötest du sie nicht, weil du sie kennst?«
Jess warf ihm einen überraschten Blick zu. Torek lächelte triumphierend: »Meinst du, ich wüsste nicht, dass du auf diesem Schiff dort«, und damit deutete er auf die auf der Seite liegenden Neptuno, »gesegelt bist, als du dir dein Schiff zurückgeholt hast? Halte mich nicht für so einfältig, Morgan.«
»Ich sehe dennoch keinen Grund darin, wehrlose …«
Torek schnitt ihm mit einer Bewegung der Hand das Wort ab. Locker umfasste er das Amulett. Hitze schoss in Jess‘ Herz und ergoss sich von dort durch seinen Körper, fraß seinen Verstand und legte sich wie Eisenketten um seine Muskeln.
»McFee!«, brüllte er. Augenblicklich tauchte dieser vor ihnen auf. Sein Gesicht war blutverschmiert. Kurz streifte sein Blick Toreks Gestalt, bevor er sich an Jess wandte:
»Aye, Sir?«
»Lass Boote zu Wasser und gib Musketen aus. Tötet jeden Überlebenden, den ihr finden könnt.«
»Aye, aye, Sir!« McFee nickte und brüllte über Deck: »Beiboote klarmachen zum Abfieren! Wir machen Jagd auf die spanischen Ratten, Männer!« Johlende Zustimmung folgte.
Ein scharfer Schmerz durchfuhr Jess‘ Kopf und ließ eine seltsame Leere zurück. Er war wieder frei! Wie betäubt wandte er den Kopf nach achtern. Torek beobachtete ihn mit dem zufriedenen Gesichtsausdruck eines Siegers.
Schüsse erklangen neben ihm, die ihn wie aus einem tiefen Schlaf weckten. Jess löste sich von Toreks Anblick und sah auf die unglückseligen Spanier, die versuchten, sich an Land zu retten. Das erste Beiboot war gerade zu Wasser gelassen worden und hielt auf die Insel zu. Zwei Mann ruderten, während vier weitere mit ihren Musketen zielten und feuerten. Bei jedem Treffer schrien sie vor Freude auf, als wären sie auf einer Jagd und hätten gerade einen kapitalen Hirsch erlegt. Regungslos beobachtete er das mörderische Treiben. Als die ersten Schwimmer das scheinbar rettende Ufer erreichten, landete bereits eines der Boote. Die Männer zögerten nicht, sprangen an Land und zogen noch im Lauf die Schwerter.
Die Schiffbrüchigen hatten nicht die geringste Überlebenschance. Jess presste die Lippen fest aufeinander und wandte sich ab. Torek beobachtete hingegen weiterhin mit leuchtenden Augen das Geschehen, als folgte er einem amüsanten Schauspiel. Wie konnte ein so junger Mensch nur so grausam sein?
»Seid Ihr zufrieden, Seher? Gefällt Euch, was ihr seht?«, fragte er daher anzüglich.
»Durchaus!« Torek würdigte ihn nur eines kurzen Blickes, dann richtete er seine Augen wieder auf die Insel. »Du solltest nicht so verächtlich auf diese Männer und mich herabsehen, Morgan. Schließlich ist dies eine Vorgehensweise, die dir nur zu gut bekannt sein dürfte.«
»Das ist lange her.«
»Aber nicht vergessen!« Torek lächelte beinahe milde. »Ist es doch nur ein Beweis dessen, wozu du selbst in der Lage bist.«
Jess bedachte den Seher mit einem nachdenklichen Blick. Nicht vergessen! Nein, als ob jemals etwas vergessen werden konnte. Es war noch nicht so lange her, da hatte der alte McPherson beinahe die gleichen Worte an ihn gerichtet. Wahrscheinlich war es so. Taten reihten sich aneinander wie Perlen auf einer Schnur, und am Ende würde sich zeigen, welche Art der Perlen überwog. Im Moment schmiedete er an einem Schmuckstück, das zu tragen keine Auszeichnung war.
Am Strand war es ruhig geworden. Die Piraten hatten ihr blutiges Werk beendet und schoben die Beiboote wieder in das Wasser, um zurückzurudern. Torek ließ seine Augen herablassend über Jess wandern.
»Ich hätte nie gedacht, dass du so schnell aufgibst. Da ist nicht einmal der Ansatz eines Widerstandes in deinem Willen. Aber wahrscheinlich ist es das, was du tief in deinem Innern schon immer gewesen bist. Nichts weiter als ein Werkzeug, das nur von dem richtigen Mann geführt werden muss.«
»Und dieser Mann seid Ihr?« Jess verschränkte die Arme vor der Brust und sah abfällig auf den Seher herab. Doch dieser ließ sich durch den Größenunterschied nicht mehr beirren. Das gerade Geschehene hatte sein Selbstbewusstsein weiter gestärkt. »Was lässt Euch in dem Glauben, dass ausgerechnet ein Knabe der richtige Mann ist, um mich so zu lenken, dass am Ende der Kampf der Waidami so endet, wie es die Prophezeiung vorhersieht?«
»Wer sagt denn, dass ich das Ende anstrebe, das die Prophezeiung vorsieht?« Torek kicherte. Wie zufällig legte sich die Hand wieder an das Amulett und streichelte es beinahe sanft. »Vielleicht habe ich da ja ein ganz anderes Ende im Sinn.«
»Ihr wollt Bairani verraten?«
Torek riss in gespielter Verwunderung die Augen auf und schüttelte übertrieben den Kopf, doch das Lächeln um seine Lippen behielt er bei. »Nein, nein! Wie könnte ich den großen Bairani verraten, wenn ich ihm doch so viel verdanke. – Ich strebe nur danach, dass die Waidami ihren Sieg erhalten.«
»Ihr spielt ein gefährliches Spiel, Torek. Wenn man sich zu viele Fronten schafft, ist eine Seite irgendwann einmal ungeschützt.«
»Weise Worte, Morgan. Doch all deine Weisheit hilft dir im Moment nicht weiter. Und wenn du an den Punkt gelangst, an dem dir diese Weisheit endlich die Lösung verrät, wird es für dich zu spät sein. Denn des Rätsels Lösung ist dein Tod!« In einer plötzlichen heftigen Bewegung umklammerte er das Amulett so fest, dass deutlich die Knöchel seiner Hand hervor traten. Wütend presste der Seher die schmalen Lippen aufeinander.
»Ein guter Mann hat einmal gesagt, alle Visionen wären nur Möglichkeiten.«
»Du redest von Tamaka. Er war ein Trottel und kein guter Mann«, fuhr Torek auf. »Und er ist gestorben wie ein Trottel, in dem törichten Glauben, mit dem Diebstahl des Dolches das Schicksal zum Guten wenden zu können. Doch wäre er schlau gewesen, hätte er gewusst, dass wir diesen Diebstahl wollten; dass wir die neue Verbindung zwischen dir und deinem Schiff brauchten, und er hätte gewusst, dass der Dolch manipuliert war. Wäre er der Mann gewesen, von dem du sprichst, dann wäre das hier …«, und damit klopfte er gegen das Amulett, » … nicht möglich gewesen! Aber genug geplaudert, Pirat. Bring uns zurück nach Waidami. Dort wartet bereits eine andere Aufgabe auf dich. Ich werde mich eine Weile zurückziehen. Komm nicht auf die Idee, mich zu stören, wenn es nicht wirklich wichtig ist.« Damit wandte sich der Seher um und schritt hastig über Deck davon.
*
Wütend riss Torek das Schott auf, stolperte den Gang entlang und stürzte in seine Kajüte. Mit Wucht schlug er die Tür zu und setzte sich zitternd auf seine Koje.
Verdammt! Was war er nur für ein geschwätziger Idiot! Dass dieser Mistkerl ihn auch ständig mit seiner arroganten Art reizen musste. Hatte er ihm nicht gerade gezeigt, wie viel er noch selbst in der Hand hatte? Möglichkeiten, lächerlich! Und er hatte nichts Besseres zu tun, als mit seinem Wissen zu prahlen. Wenn Morgan genau zugehört hatte ...
Torek stand auf und ging zu dem kleinen Tisch hinüber. Ratlos sah er sich um. Der Raum war zu dunkel, zu eng, und er vermisste Waidami. Nur ein paar Tage auf See und er haderte mit dem Weg, den er eingeschlagen hatte. Vielleicht hätte er Bairani nicht davon überzeugen sollen, ihn auch in den Willen Morgans eingreifen zu lassen. Aber die Vorstellung war so verlockend gewesen, und wenn er ehrlich war, war es ein unvergleichlicher Genuss gewesen, diesen tödlichen Befehl zu geben.
Torek zog die Kette über seinen Kopf und legte sie vor sich auf den Tisch. Salz und Gischt hatten das Glas des kleinen Fensters beschmutzt, sodass nur schummriges Licht hindurchfiel. Dennoch funkelte der rote Stein, als befände sich Leben in seinem Inneren. Eine Kraft ging von ihm aus, die Torek fühlte, als könnte er sie in die Hand nehmen. Ob Bairani gewusst hatte, was er ihm damit ausgehändigt hatte? Hatte er ihm bewusst die Kontrolle über die Schlüsselfigur der Vision gegeben? Schließlich wusste der Oberste Seher, wie detailliert seine Visionen waren.
Torek seufzte und wischte sich über die müden Augen. Er sah so viel und wusste so viel, dass es ihn manchmal schlicht erschöpfte. Inzwischen brauchte er nicht einmal mehr in der Gegenwart eines Menschen sein, um gezielt Visionen über ihn hervorzurufen. Es reichte, wenn er der betroffenen Person einmal begegnet war. Niemals zuvor hatte ein Seher solche Fähigkeiten besessen, und dennoch brachte es ihn nicht überall an sein ersehntes Ziel. Sehnsüchtig dachte er an Shamila, rief sich den warmherzigen Ausdruck ihrer Augen in Erinnerung, der früher immer darin gewesen war. Der Ausdruck war verschwunden, seitdem er für ihren Vater arbeitete.
Mühsam unterdrückte er ein Gähnen. Er sollte besser ein wenig schlafen. Er griff nach der Kette und streifte sie wieder über den Kopf, dann wankte er zu der schmalen Koje und ließ sich hineinsinken. Für einen Moment lag er mit geöffneten Augen da und lauschte den Geräuschen an Bord. Es war relativ ruhig. Keine Schüsse fielen mehr. Sicher waren wieder alle Mann an Bord, und die Treasure nahm gehorsam Kurs auf Waidami. Torek lächelte. So schlecht war es gar nicht. Der erste Ausflug mit Morgan war ein Erfolg. In ein paar Tagen waren sie wieder zu Hause, und er würde wenigstens einen Blick auf Shamila werfen können. Die Versuchung wurde immer größer. Er hatte sich einst geschworen, niemals in ihre Visionen zu schauen, aber sein größter Wunsch war es, sie einst zu seiner Frau machen zu können.
Nur ein Blick!
Was konnte es schon schaden?
Er hatte es geschworen.
Aber nur sich selbst. Nichts war verwerflich an einem Blick.
Nur einen einzigen Blick auf ihre Augen werfen und dann würde er sofort wieder aus der Vision herausspringen.
Noch während der Wunsch in ihm immer größer wurde, schob sich bereits das Bild von Bairanis Tochter in seinen Kopf. Ihre dunklen Locken schimmerten blauschwarz. Mit ihren tiefbraunen Augen sah sie ihn direkt an. Ihr Blick traf geradewegs in sein Herz. Sie lächelte ihn an, wie sie ihn früher immer angelächelt hatte, wenn sie sich begegnet waren. Toreks Herz begann schneller zu schlagen. Er fühlte sich ertappt. Beschämende Hitze versengte seine Wangen, und er schlug die Augen nieder. Genau das hatte er nicht gewollt. Er wollte sie nicht heimlich betrachten wie ein Verrückter, der sich mit seinen Gefühlen nicht ans Licht wagte. Er wollte sie nicht ansehen, ohne dass sie die Möglichkeit hatte, auch ihn anzusehen. Bitterkeit überkam ihn, und er wischte die Vision fort. Für eine Weile lag er so da und spürte dem Nachhall der Vision hinterher. Scham und Sehnsucht paarten sich mit dem Wissen, dass Shamila nicht ihn so angelächelt haben konnte. Aber wer mochte derjenige gewesen sein?
Es ging ihn nichts an.
Es stand ihm nicht zu. Nicht bei ihr.
Der Verlust ihres Lächelns war der Preis für seinen Erfolg bei ihrem Vater. Möglicherweise war es nur gerecht.
Plantage
Cale und Lanea verhielten ihre Pferde auf einer Hügelkuppe. Unter ihnen lag in einem Tal ein Plantagenhaus. Wie ein Fremdkörper stand es inmitten von üppigen grünen Bäumen und Sträuchern, an deren Rand sich einfache Holzhütten demütig unter dem prachtvollen Weiß des Herrenhauses duckten. Lanea seufzte unwillkürlich, als ihr Blick auf die Sklavenunterkünfte fiel. Sie hatte die Sklaverei immer verabscheut. Und jetzt sollte sie selber auf einer Plantage leben, die von der Arbeit dieser armen Seelen abhängig war. Ein Seitenblick auf Cale bewies ihr, dass er das Gleiche denken musste. Sein Gesicht wirkte ablehnend, und sie hätte eine Dublone für seine Gedanken in diesem Augenblick gegeben. Doch sie fragte nicht und schwieg, so wie sie es getan hatten, seitdem sie an Land gegangen waren.
Das war es also! Vor ihnen lag ihr neues Zuhause, ihre Zuflucht und ihre Zukunft. Lanea hätte beinahe wieder geseufzt, doch sie hielt sich im letzten Augenblick zurück.
Cale nickte ihr kurz zu und schnalzte dann leise. Sein brauner Wallach zockelte los, als könnte er es kaum erwarten, sein neues Heim zu beziehen. Doch Lanea hielt die Zügel fest in der Hand und blieb, wo sie war. Plötzliche Panik schlich in ihre Brust und griff nach ihrem Atem.
Wie konnte sie das nur tun? Wie? Wie konnte sie einfach der See den Rücken kehren und all den Männern, die ihr so ans Herz gewachsen waren? Wie konnte sie Jess hier vergessen? Sie hatte geschworen, ihn nie im Stich zu lassen. Ihr Vater selbst hatte ihr das abverlangt, als sie an Jess verzweifelt war. Doch er hatte sie weggestoßen. Wieder einmal. Er hatte sie einfach zurückgelassen. Ohne ein Wort des Abschieds war er gegangen. Wie konnte sie ihm das verzeihen und wie noch zu ihm halten? Indem sie sich auf einer Plantage verkroch und dem salzigen Seewind aus dem Weg ging? Ihr neues Heim war weit genug im Inselinneren, sodass sie nicht Gefahr lief, versehentlich an die Küste zu gelangen. Mit brennenden Augen sah sie in den Himmel und seufzte nun doch. Die Wolken flogen dahin, wie in einem Wettstreit mit den Vögeln, unter denen sich glücklicherweise keine Seevögel befanden. Und doch spürte sie genau, wohin es die Wolken trieb. Dahin, wo sie ihnen am liebsten auf der Stelle folgen wollte.
»Lanea?« Cales Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Er war auf der Hälfte des Abhangs stehengeblieben und hatte sich im Sattel herumgedreht. Sein Gesicht war schmaler geworden; die Kinnlinie härter, als kaute er immer noch auf der Demütigung herum, von seinem besten Freund und Captain einfach über Bord geworfen worden zu sein.
Dachten sie wirklich, dass sie hier dem Schatten Jess Morgans und der Waidami entkommen konnten? Cale war gezeichnet, so wie sie auch. Jess hatte ihn zu dem Mann gemacht, der er heute war. Und auch sie konnte die Zeit mit ihm nicht verleugnen, jedenfalls nicht mehr lange.
»Ich komme gleich. Gib mir einen Moment«, entgegnete sie leise. »Bitte!«
Wieder nickte er, keine Spur von Ungeduld in der Miene. Er ritt ein Stück weiter hinab und wartete dort erneut, doch diesmal ohne sich nach ihr umzudrehen. Ihre Panik wuchs unter seinem Gleichmut. Wie konnte er dieses Leben nur so gelassen betrachten? Lanea atmete tief ein und sah sich um. Sie betrachtete die Büsche und Bäume, die Gebäude und vermisste bereits jetzt aus tiefstem Herzen die See. Alles hier umstand sie wie eine Mauer, die nichts anderes im Sinn hatte, als sie von der See abzuschneiden. Dabei brauchte sie das Meer. Sie war ihr gesamtes Leben nie weit davon entfernt gewesen, und nie war ihr bewusst gewesen, wie sehr sie es brauchte. Wie sehr das Blut der Ka’anu in ihr pulsierte und die Nähe zum Meer einforderte.
»Cale?« Ihre Stimme klang viel zu dünn. Auch Cale bemerkte die Stimmung darin. Er wendete sein Pferd und sah zu ihr hinauf. »Was tun wir hier, Cale? Wir können doch unmöglich unser Leben an diesem Ort verbringen.« Lanea umzeichnete mit ihrem Arm einen großen Bogen, der alles um sie herum einschloss. »Wir können doch unmöglich leugnen, wer wir sind.«
Cale seufzte und sah sich ebenfalls um. Seine Stirn legte sich in Falten, als bemerkte er erst jetzt, wo sie sich befanden. Dann sah er sie wieder an. Seine Miene verschloss sich wie eine Auster, während er sprach: »Du willst wissen, was wir hier tun? - Wir lecken unsere Wunden.«
»Und dann?«
Cale trieb sein Pferd wieder an und lenkte es in Richtung Plantage. »Dann machen wir uns wieder auf den Weg und werden den Waidami ein wenig ins Handwerk pfuschen.«
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