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Ich hatte mich den gesamten Tag ausgeruht, ohne die kleinste Störung.
Ich duschte ausgiebig und zog mich an.
Um achtzehn Uhr machte ich mich auf, zu Franks Haus. Er wohnte sehr weit draußen, außerhalb der Stadt. Das hieß, dass ich mein Auto nehmen musste.
Ich ging durch das Treppenhaus in die Tiefgarage,
Aufzüge machten mich nervös.
In ihnen konzentrierte sich die Luft, der Geruch der Menschen konnte nicht entweichen. Er stand förmlich in dem kleinen Raum, füllte ihn komplett aus, und war für mich kaum auszuhalten, besonders wenn der Geruchsträger noch mit mir zusammen eingeschlossen war. Auch wenn die Fahrt nur wenige Sekunden dauerte, konnte es für das Menschlein bedeuten, dass meine Zähne das Letzte war, was er in seinem Leben zu sehen und zu spüren bekam.
Um dieser schier unausweichlichen Tat aus dem Wege zu gehen, benutzte ich die Treppe.
In der Tiefgarage stank es nach Gummi, Benzin und Bremsstaub. Aber noch einige andere Gerüche mischten sich unter die Vorherrschenden.
Menschliche Gerüche, nach Hektik, Schweiß, Angst, und Streit.
Tief atmete ich ein und ging gelassen zu meinem Parkplatz mit der bezeichnenden Nummer 666.
Mein 66er Mustang stand neben einem anderen Wagen, aus dem, genau in dem Moment, einer der Mieter ausstieg. Ausgerechnet.
Das Verdeck war von meiner letzten Spritztour noch offen, somit konnte ich mich nicht schnell in meinem Wagen verschanzen. Es war aber auch zu bedauerlich.
Als ich an meinem Parkplatz ankam, stand der Mensch noch immer neben seinem Auto und sah zu mir herüber. Ich würdigte ihn keines Blickes, starrte stattdessen auf den roten Lack meines Flitzers, der matt in der Neonbeleuchtung glänzte.
Der Kerl umrundete meinen Wagen, kam schnellen Schrittes auf mich zu und sagte mit einer netten leisen Stimme.
»Entschuldigen Sie bitte, mein Name ist Ralph und Sie müssen Natascha sein.« Dabei streckte er mir seine Hand entgegen.
»Sie wohnen über mir«, setzte er lächelnd hinzu.
Ich blickte auf seine Hand und sah sein Blut durch die Adern pulsieren.
Unwillkürlich leckte ich mir über die Lippen, ergriff dennoch seine Hand und drückte sie flüchtig.
»Ja, kann sein«, gab ich zurück und schenkte ihm einen verlockenden Augenaufschlag.
»Ich hoffe, ich bin nicht zu laut und störe Sie und … «
Ein schneller Blick zu seinem Wagen, der sich als regelrechte Familienkutsche entpuppte. » … ihre Familie nicht. Ich bin leider ein Nachtmensch.«
Er ließ meine Hand los.
Schade. Zu gerne hätte ich ihn an mich gerissen und meine Zähne in seinen hübschen Hals versenkt. Für den Bruchteil einer Sekunde erwägte ich dieses Szenario, aber nur um es genauso schnell wieder zu verwerfen.
»Nein«, meinte er und wurde sichtlich verlegen.
»Ich lebe alleine … k-keine Familie. Den großen Wagen fahre ich nur, weil er mir … na ja, gefällt.«
Er wand sich förmlich vor Verlegenheit und ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.
»Und, nein, Sie sind nicht laut, ehrlich gesagt höre ich Sie gar nicht. Ich weiß nur das Sie über mir wohnen, von der letzten Versammlung, da … Sie waren zwar nicht da … aber … ich … eh …« Er geriet mit seiner Erklärung ins Trudeln, es war einfach zu köstlich.
Ich hörte mein helles Lachen von den Wänden und der niedrigen Decke der Tiefgarage abprallen
»Es ist schon gut«, beruhigte ich ihn, immer noch lachend. »Vielleicht begegnen wir uns ja noch einmal wieder, dann können Sie versuchen den Satz zu vollenden.«
Vor mich hin kichernd ging ich zu meinem Mustang und öffnete die Tür.
Ich warf einen letzten Blick zurück.
Er stand hinter meinem Wagen, die eine Hand in der Hosentasche, die andere schüchtern zu einem letzten Gruß erhoben.
»Na dann, auf Wiedersehen, bis zum nächsten Mal«, sagte er leise. Ich nickte ihm zu, schwang mich auf den Sitz und startete den Mustang. Der satte, tiefe Sound des 4,7 Liter, V8 Motors verursachte mir, wie immer, eine kurzes Kribbeln und meine Nackenhaare stellten sich auf.
Ich griff nach meiner Sonnenbrille und setzte sie auf, draußen schien noch kräftig die Sonne.
Als ich kurz in den Rückspiegel sah, stand der Kerl immer noch hinter meinem Wagen, die Hand zum Gruß erhoben.
Menschlein, dachte ich bei mir, wenn du jetzt nicht verschwindest, kann ich für nichts mehr garantieren. Dann wird dein Blut fließen, so oder so.
Ich drehte mich in meinem Sitz nach ihm um, schob meine Sonnenbrille in die Haare, blickte ihn an und hob fragend die Hand.
Er verstand und erwachte aus seiner Starre.
»O-oh«, hauchte er und trat endlich beiseite.
Ich fuhr meinen Roten aus der Parklücke, in Richtung Ausfahrt.
Endlich raus aus diesem stickigen Loch von Tiefgarage, wo sich der Geruch viel zu lange hielt. Wo er in einer brutalen Konzentration an den Wänden und der Decke wie eine Nebelschwade entlang schwebte.
Ich machte ein paar lange Atemzüge als ich endlich auf der Straße dahin fuhr, saugte die schöne und noch sehr warme Luft in mich ein.
Als ich bei Franks Haus ankam waren es noch zehn Minuten bis zur vereinbarten Zeit. Ich war also fast pünktlich. Es stand noch kein anderer Wagen hier.
Ich parkte auf meinem Stammplatz, vor Franks Haus. Es gab keine unmittelbare Nachbarschaft und somit auch keine neugierigen Nasen, die sich an den Fenstern plattdrückten.
Langsam stieg ich die Stufen zur Eingangstür empor und klingelte. Frank öffnete mir fast augenblicklich, als hätte er hinter der Tür gelauert. Er begrüßte mich mit einer seidenweichen Stimme, die fast alle Vampire beherrschen.
»Tascha, wie schön das du da bist, komm bitte herein.«
Kaum wagte ich einen Schritt in seinen Flur, traf es mich auch schon wie eine Ohrfeige. Dieser alte Geruch, die anderen waren also schon da.
Erst kurz vor der Tür zum Wohnzimmer bemerkte ich, dass etwas anders war.
Ein feiner, leichter Duft, der sich nur ganz schwach von dem alten, pergamentartigen Geruch der Vampire abhob. Ich blickte Frank an und sagte grinsend.
»Oh, du hast Horsd’œuvre für uns?«
»Nein«, meinte er und seine Stimme wurde hart. »Lass die Finger und Zähne bei dir, Tascha, ich warne dich!«
Ich verzog mein Gesicht zu einer Grimasse.
Frank stieß die Tür zum Wohnzimmer auf und ließ mich vorgehen.
Kaum einer beachtete mich, nur Thomas nickte mir kurz zu. Ich platzierte mich neben dem großen, offenen Kamin, den Frank tatsächlich anfeuerte. Die pure Nostalgie, im Hochsommer. Langsam wanderte mein Blick im Raum umher.
Fast tausend Jahre Vampirdasein saßen hier zusammen.
In der Mitte des Raumes stand ein kleiner niedriger Tisch und um ihn herum, im Halbkreis aufgestellt, sechs gemütliche Sessel die alle, bis auf einen, besetzt waren, mit Vampiren.
Ganz rechts saß Michael. Er war dreißig Jahre lang schon ein Vampir, bevor er 1774 offiziell starb. Er war ein evangelischer Geistlicher und Vampirforscher. Er tat viel für unsere Art und lenkte die Blutsäcke von unserer, früher doch sehr deutlichen Spur, ab. Er war damals auch einer der Vampire im hohen Rat, die zu jener Zeit die Clans der Vampire ins Leben riefen.
Neben ihm saß Richard der erst kurz vor seinem eigentlichen Tod 1812 verwandelt wurde. Auch ein ehemaliger Vampirforscher.
Dann kam Thomas, von dem ich wusste, das er 1724 in dem Dorf Kisolova in Bosnien die Vampirepidemien anführte, und ein regelrechtes Gemetzel unter den Einwohnern verursachte. Er war ganz nett und nicht so überheblich wie die anderen zwei.
Neben ihm saß Elisabeth, eine rothaarige Schönheit mit makelloser, weißer Haut, sie unterhielt sich angeregt mit Thomas. Von ihr wusste ich nicht viel, aber sie war mit Sicherheit auch aus dem 18. Jahrhundert.
Und schließlich Jeanie, das Teufelsweib. Ein echt fieser Blutsauger, dem ich noch nicht einmal im Dunklen begegnen mochte. Sie war die Spionin der Obrigkeit und dachte, keiner wüsste es. Natürlich wusste jeder davon und somit wurde sie gemieden wie die Pest. Wer mochte sich schon für jedes seiner Worte an höherer Stelle rechtfertigen müssen.
Der Sessel neben ihr war leer und ich bedauerte, dass ich nicht noch früher von zu Hause losgefahren war, dann hätte ich mir einen Platz in dieser Riege der Vampire aussuchen können. Ich hätte mich bestimmt nicht freiwillig neben Spionin Pestbeule gesetzt.
Franks Sessel stand an der Wand, gegenüber dem Halbkreis, und in dem Sessel neben Frank saß … ein Mensch.
Ein junger Kerl, von vielleicht fünfundzwanzig, ziemlich schlaksig, mit braunen, zerzausten Haaren und braunen Augen, die unruhig hin und her blickten.
Frank mutete uns ganz schon was zu. Ich zog die Luft durch die Nase ein
Nein, dachte ich und verdrehte die Augen zur Decke, er ist ein verdammtes Halbblut.
Ich sah Frank fragend in die Augen, der mir gerade eines seiner schönen Kristallgläser reichte. Darin bewegte sich sacht eine dunkelrote Flüssigkeit.
»Danke«, murmelte ich und deutete mit dem Kinn in Halbbluts Richtung. »Was soll das?«, flüsterte ich.
»Beruhige dich, das wirst du schon sehen«, gab er leise zurück. »Setz’ dich bitte.«
Ich verzog erneut das Gesicht und nahm Platz neben Spionin Pestbeule. Dabei rückte ich in dem Sessel so weit von ihr weg wie es nur ging. Wer weiß, vielleicht hatte sie ja eine ansteckende Krankheit. Um mich abzulenken roch ich an dem Glas, das Frank mir gereicht hatte.
Hm, eine Konserve, dachte ich und stellte das Glas unberührt auf dem kleinen Tisch ab. Mit Sicherheit würde ich jetzt auf mein kleines Blondinchen kein Blut aus der Konserve kippen. So nötig hatte ich es auch wieder nicht.
Alle anderen Gläser waren bereits geleert und standen auf dem Tisch. Es sah merkwürdig aus, dass mein Glas als Einziges noch voll war. So nahm ich es wieder in die Hand und ließ meinen Finger sachte auf dem Rand des Glases gleiten.
Dabei blickte ich mir das Halbblut näher an.
Recht hübsch war er, nette Augen, unauffällig zog ich die Luft aus seiner Richtung ein. Roch herrlich der Junge, geradezu irre köstlich. Ich merkte, wie sich mein Mund zusammenzog und meine Zähne ihr Eigenleben aufnahmen. Erschrocken schloss ich meine Augen und kämpfte gegen die Empfindung an.
Dieses unheimliche Gefühl, sofort aufzuspringen und dem Jüngling meine Zähne in den Hals zu schlagen, um seinen köstlichen Duft in mich aufzusaugen.
Als hätte er meine Gedanken erraten räusperte sich Frank umständlich. Ich öffnete meine Augen und sah seinen Blick auf mir ruhen. Ich wich ihm aus und sah zum Kamin, in das Feuer.
Er räusperte sich erneut und blickte die anderen Vampire, einer nach dem anderen, an. Sein Glas war bereits geleert, dennoch hielt er es in seiner Hand
»Meine lieben Freunde«, seine Stimme faszinierte mich immer wieder aufs Neue.
»Uns steht wieder mal eine große Jagd bevor. Einige Individuen haben sich zusammengeschlossen und ein schändliches Verbrechen verübt.«
Ich ahnte, worauf er anspielte. Es war letzte Woche in allen Zeitungen: Ein mörderisches Blutbad, das ganz harmlos mit einem einfachen Bankraub und ein bisschen Geiselnahme ihren Anfang nahm. Nichts Besonderes eigentlich, aber irgendwann lief alles aus dem Ruder und die Bankräuber töteten ihre Geiseln einer nach dem anderen. In dem ganzen Chaos gelang es tatsächlich allen Tätern zu fliehen. Wie genau die das angestellt haben, war allen ein Rätsel.
Wie ich mir dachte, erzählte Frank gerade die ganze Story.
»Es sind derer vier Täter, die wir jetzt endlich ausmachten. Sie hatten sich mit der Beute getrennt, somit war es schwerer für uns, sie zu finden, es hat ein wenig gedauert.«
Na ja, eine Woche fand ich nicht lange, vor allem da die örtlichen Behörden immer noch vollkommen im Dunklen tappten.
»Michael wird einen übernehmen und Richard einen. Ich werde euch die nötigen Instruktionen gleich noch schriftlich übergeben.« Beide Angesprochenen nickten leicht mit ihren Köpfen.
»Tom und Elisabeth, ihr werdet zusammenarbeiten und euch über den dritten Bankräuber hermachen.«
Beide blickten erst sich gegenseitig und dann Frank erstaunt an. Zusammenarbeit, so etwas war schon lange nicht mehr vorgekommen. Aber sie würden gehorchen, wie wir alle. Franks Wort galt.
»Tascha«, ich zwinkerte kurz und holte schon mal tief Luft, um zu protestieren, falls Frank vorhatte mich mit Pestbeule Jeanie zusammen arbeiten zulassen.
»Du nimmst Justin mit.« Er deutete auf das Halbblut, der angespannt in dem Sessel neben ihm saß.
»Du wirst ihm jede Frage beantworten, erklärst ihm alles«, Frank blickte mir eindringlich in die Augen. »Zeigst ihm alles was er wissen muss, und … du beherrschst dich!« Sein Blick war starr und kalt.
»Klar, kein Problem«, antwortete ich ihm, »wo hast du die Unterlagen für mich?«
Plötzlich wollte ich so schnell wie möglich hier raus. Ich wollte die Luft draußen einatmen, hier drinnen war es zu stickig. Ich hatte das Gefühl zu ersticken. Was natürlich irrational war, da wir eigentlich gar nicht atmen müssen, es ist nur noch eine Art Reflex. Vampire können die Luft auch einfach anhalten, aber es ist ein zu seltsames Gefühl.
Ich stellte mein, immer noch volles Glas, geräuschvoll auf dem Tisch ab, stand auf und schnappte mir den braunen Umschlag, den Frank mir hinhielt.
Mit einem Blick auf das Halbblut sagte ich zu ihm:
»Ich warte im Auto auf dich.«
Dann drehte ich mich um und ging mit schnellen Schritten aus dem Raum.
Als ich die Haustür hinter mir schloss, musste ich mich dagegen lehnen und kurz durchatmen. Es war immer noch sehr warm draußen, aber alles war besser als diese abgestandene Luft in Franks Wohnzimmer, mit diesem alten, dumpfen Geruch, gepaart mit dem süßen, menschlichen.
Ich ging zu meinem Auto und wedelte mir mit dem Umschlag ein wenig Luft zu.
Die Sonne ging bald unter, dann umschlang uns wieder diese dunkle, satte Nacht.
Ich setzte mich in meinen Wagen und öffnete den Umschlag, um mir anzusehen, wer diese schöne Nacht nicht überlebt.
Alexej hieß er, 1980 geboren. Und heute wird sein letzter Tag sein, dachte ich fröhlich.
Es folgten die üblichen Schandtaten von Alexej und eine Beschreibung seiner Person. Es lag noch ein Foto bei und ein kleiner handgeschriebener Zettel, auf dem die Adresse und Uhrzeit stand. Seine Todeszeit: zwei Uhr morgens.
Schon wieder zwei Uhr, überlegte ich, und hoffte, dass das kein schlechtes Omen sei. Der Kinderschänder von gestern sollte um die gleiche Zeit den Tod finden.
Außerdem befand sich noch ein kleines Stückchen Stoff in dem Umschlag, meine Geruchsprobe. Ich roch an dem Fetzen, der aussah als stammte es von einer Jeans. Der Geruch, den ich einatmete, ja, in mich einsaugte, war nicht schlecht. Natürlich nicht so gut, wie Blondie von gestern, aber auch nicht schlecht. Leicht harzig, nach Nüssen, Holz und ein bisschen blumig. Aber so, das einem das Wasser im Mund zusammen lief.
Zum wiederholten Male wunderte ich mich darüber, wie die Oberen des Clan an diese detaillierten Informationen und an die Geruchsprobe kamen. Es gab immer noch einige Informationen, die mir Frank in meiner Halbblutzeit vorenthielt.
»Wo bleibt denn dieser Justin?«, sagte ich laut, »ich kann ja nicht die ganze Nacht hier vertrödeln.«
Genau in diesem Augenblick ging die Haustür auf und Frank trat, mit Justin zusammen, hinaus.
Ich sah, wie Justin mit weit aufgerissenen Augen hektisch auf Frank einredete. Ich lauschte.
»Ich will nicht mit ihr fahren, Frank. Hast du nicht gesehen, wie sie mich anstarrte da drin, mit ihren hungrigen Augen. Sie hat auch als einzige dieses Blut nicht getrunken, warum?« Seine Stimme überschlug sich fast vor Furcht.
»Frank, ich werde diese Nacht nicht überleben, wenn du mich mit ihr zusammen in dieses Auto steckst. Ich …«
»Jetzt hör schon auf«, unterbrach Frank ihn wütend und mit einem schnellen Seitenblick auf meinen Mustang. »Schließlich kann sie dich hören. Sie wird dir schon nichts tun. Ich vertraue ihr … und das solltest du auch. Du kannst viel von ihr lernen. Nun geh’ schon. Tascha wartet und eine Frau sollte man nicht warten lassen«, fügte er schmunzelnd hinzu.
Ich verdrehte die Augen gen Himmel
Was für eine Memme dieser Kerl, dachte ich bei mir.
Laut sagte ich: »Wenn du jetzt nicht bald einsteigst, fahre ich ohne dich. Komm, die Nacht ist noch jung und ich hab’ noch viel vor.« Dabei ließ ich zweimal kurz meine Augenbrauen in die Höhe schnellen und grinste überheblich. Selbst auf die Entfernung sah ich, wie Justin angestrengt schluckte.
Mit gesenktem Kopf kam er langsam auf mein Auto zu, er war jetzt schon kreidebleich. Als ich kurz zu Frank blickte, sah ich, dass er den Mund verzog und sich mit dem Finger langsam über den Hals fuhr. Ein altbekanntes Zeichen. Ich durfte dem Jungen nichts zu leide tun, sonst war ich dran.
Ich lächelte flüchtig.
Justin stieg endlich ein und schnallte sich blitzartig an. Dabei rückte er in seinem Sitz so weit von mir weg, wie es eben ging. Er war immer noch kreidebleich und stank nach Angst.
»Willkommen an Bord«, sagte ich freundlich, erntete aber nur ein gemurmeltes »Danke.«
Er senkte den Kopf wieder.
Na, das konnte ja heiter werden.
Ich seufzte und lenkte meinen Mustang in Richtung Stadt.
Langsam wurde es dämmrig, die Luft roch anders, nach Nacht, nach Dunkelheit, nach Sicherheit, nach Tod und Verderben … Das roch gut.
Unter mir rollten die Reifen gleichmäßig dahin und brachten mich immer näher an mein nächstes Opfer heran.
Wie wird es diesmal werden?
Wie wird es sein, meine Zähne in seinen Hals zu schlagen?
Wie wird sein warmes süßes Blut wohl schmecken?
Als wir in der Stadt ankamen, war es schon fast dunkel. Justin entspannte sich die ganze Fahrt über nicht. Er presste sich in seinen Sitz. Ich fragte mich, wie weit seine Verwandlung schon fortgeschritten war. Ich kann zwar besser riechen als ein Hund, aber den genauen Stand seiner Verwandlung wusste selbst ich nicht. Ich wusste nur, dass er noch kein Blut geschmeckt hatte. Also fragte ich ihn danach. Er schreckte kurz zusammen, als meine Stimme so plötzlich die Stille zerriss. Er antwortete mir aber erstaunlich ruhig und gelassen.
»Ich bin schon recht schnell«, er überlegte kurz, »und ich kann gut hören und riechen.«
Das war ja schon mal was. Somit stand er mir heute Nacht wenigstens nicht im Weg.
Obwohl ich die Antwort schon kannte, fragte ich ihn nach der Blutsaugersache.
»Hast du auch schon anderes Blut geschmeckt?«
»N-Nein«, antwortete er zögerlich.
Umso besser, dachte ich, dann gehört dieser Alexej heute Nacht mir ganz alleine. Ich konnte mein Glück kaum fassen.
Ich dachte darüber nach, was wir in den nächsten Stunden anstellen könnten. Da ich den Ort und die genaue Zeit kannte, hatte es keinen Sinn früher zuzuschlagen.
Ich überlegte, ob ich mit meinem Schüler eine Kleinigkeit trinken sollte. Mir fiel ein, wohin ich mit ihm gehen könnte. Wo er in Sicherheit vor anderen Vampiren war und andere Menschen vor mir nichts zu befürchten hatten.
»Justin, es ist noch früh, wir gehen einen Trinken bis die Zeit reif ist«, sagte ich und sah ihn an. »Was sagst du dazu?«
Er blickte unsicher zurück, seine Augen verengten sich zu Schlitzen.
»Von mir aus«, meinte er gedehnt. Er hatte schöne Augen.
»Was ist los, vertraust du mir etwa nicht?« Er gab mir keine Antwort, warf mir nur einen verärgerten Seitenblick zu. Ich grinste vor mich hin.
Am Stadtrand befindet sich das Vergnügungsviertel und mittendrin gibt es eine Bar mit dem bezeichnenden Namen Desmodus. (Desmodus draculae ist der lateinische Name für eine, bereits ausgestorbene, Riesenvampirfledermaus Art)
In unseren Kreisen ist sie ein beliebter und bekannter Treffpunkt für Vampire und auch Halbblüter. Oberste Regel in diesem Etablissement: Hier wird Nichts und Niemand gebissen. Aber es gibt erstklassiges Konservenblut zu trinken und auch noch ein paar andere Köstlichkeiten.
Ich parkte etwas abseits vom Desmodus, da mein Wagen bekannt war und nicht jeder wissen musste, dass ich mich hier amüsierte, vor allem Frank nicht.
Einen Türsteher gab es nicht, dafür eine verschlossene Tür mit Klingel und Videoüberwachung.
Gelobt sei das Computerzeitalter.
»Wer begehrt Einlass?«, dröhnte es über die Gegensprechanlage, als Antwort auf mein doppeltes Klingelzeichen.
Schnell blickte ich die Straße rauf und runter, auf der Suche nach neugierigen Zuhörern, ehe ich antwortete:
»Ein Vampir mit Halbblut im Schlepptau.«
Statt einer Antwort summte es kurz und wir traten ein.
Im Foyer war es kalt
»Tascha«, begrüßte mich dröhnend der Herr und Meister über Klingel und Tür. »Lange nicht gesehen, das ist ja schön, dass du uns noch mal besuchst. Wie ich sehe«, meinte er mit einem Blick auf Justin, »züchtest du dir eine neue Dienerschaft heran.«
»Nein, der gehört Frank. Ich führe ihn nur ein bisschen Gassi.« Ich grinste breit.
»Ich habe einen Auftrag heute Nacht, aber die Zeit ist noch nicht reif. So habe ich gedacht, wir nehmen einen kleinen Drink. Welche Umgebung könnte passender sein als das Desmodus um ein junges Halbblut in unsere Welt einzuführen.«
»Da hast du recht, Tascha, na dann immer rein mit euch, viel Vergnügen. Und nicht vergessen: hier wird Nichts und Niemand gebissen!«
»Schon klar.«
Wir gingen durch die Doppeltür und befanden uns mit einem Mal in einer anderen Welt. Der Geruch, der uns entgegenschlug war wirklich atemberaubend. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass es Justin auch nicht anders erging. Er war erstaunt, mehr als das, eher schon hypnotisiert und augenblicklich berauscht.
Für das erste Mal hielt er sich aber erstaunlich gut.
Diese Geruchsvielfalt war kaum auszuhalten.
Es roch vorherrschend nach Blut, sehr viel Blut, dann dieser süße, feine Duft der Halbblüter und der staubige, alte Geruch der Vampire.
Ich war schon oft hier und bin trotzdem jedes Mal wieder aufs Neue berauscht von diesen verschiedenen Gerüchen.
Der Laden war nicht sehr groß. Es gab nur etwa zehn Tische mit je drei Stühlen, eine kleine Tanzfläche, aber dafür eine schier endlos lange Theke. Hinter der, wie immer, drei Barkeeper ihren Dienst verrichteten.
Ich ging mit Justin im Schlepptau in Richtung Theke.
»Was möchtest du trinken?«, fragte ich ihn.
»W-Was trinkt man denn hier so?«, gab er zögernd zurück
»Na ja, ich weiß schon was ich trinke, du kannst dir bestellen, was immer du möchtest. Eigentlich gibt es hier alles. Also, was darf es sein?«
»Eh, … ich hätte gerne ein Bier.«
Ich wartete an der Theke auf die Bedienung und blickte mich um. Ganz gut gefüllt heute Abend, fast alle Tische waren besetzt. Überall stand Konservenblut herum. Mal wieder mehr Vampire als Halbblute hier.
Ich sah jede Menge bekannte Gesichter unter den Vampiren. Früher, in meiner aufregenden Halbblutzeit, war ich oft mit Frank hier.
Es hatte schon was für sich, wenn man von einem der Oberen des Clans beschützt wurde. Auch wenn, laut der Tradition des Desmodus‘, hier Nichts und Niemand gebissen wird, gab es immer den einen oder anderen Blutrünstigen, der sich nicht an die Regeln hielt.
Die Bedienung kam, eine Vampirin, und fragte nach meinen Wünschen
»Ein Bier und was Leckeres«, gab ich meine Bestellung auf.
»Tascha, ich hab dich gar nicht erkannt. Komm lass dich drücken.« Sie umarmte mich ungeschickt über die Theke hinweg und drückte mir rechts und links einen Kuss auf die Wange.
»Mädchen. Gut siehst du wieder aus. Wie geht es dir?« Es klang so, als interessierte sie das wirklich.
»Gut, Bea, alles bestens. Und bei dir?«
»Prima. Und wer ist das? Gehört der etwa zu dir?«, fragte sie mit einer Kopfbewegung in Justins Richtung.
»Das ist Justin, er gehört zu Frank und ich zeige ihm heute nur ein wenig die Stadt.«
»Aha. Ich bringe euch dann mal eure Getränke.«




