Zen und die Kunst der Vogelbeobachtung

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Ich sage nichts Neues, wenn ich behaupte, dass jede Beobachtung eines Vogels zu einer gesteigerten Wahrnehmung der Natur beiträgt. Jeder Vogelbeobachter wird bestätigen, dass der Anblick eines unbekannten oder seltenen Vogels die Zeit dehnt, die man in der Anschauung verbringt. Ich habe mal in einem Vogelbuch gelesen, dass der Verfasser, der, wie er selbst sagte, ansonsten nur ein mittelmäßiges Gedächtnis besaß, sich sofort an einen Ort erinnern konnte, wenn seine Frau ihm sagte, welchen Vogel er dort gesehen hatte. Ich bezweifle das nicht im Mindesten. Ich glaube, ich erinnere mich an jeden Ort, wo ich einen Eisvogel gesehen habe, dieses fliegende Juwel aus schimmernden Grün- und Blautönen. Der Anblick oder besser das Erlebnis, einen Albatros auf sich zufliegen zu sehen, prägt sich so tief ein, dass man ihn noch nach Jahren wieder aufrufen kann.
Die Vogelbeobachtung stärkt etwas in uns, was man das visuelle Gedächtnis nennen kann, aber nicht nur das – auch die Umgebung, in der man dieses Erlebnis gehabt hat, prägt sich ein, sodass auch kleine und scheinbar unbedeutende Dinge in der Erinnerung haften bleiben. Es ist ein schwer zu schilderndes Erleben, weil man es oft nicht bewusst registriert, sondern in ihm verschwindet, und wenn man nach einiger Zeit »erwacht« – meist, weil der Vogel weg ist –, findet man sich nur schwer zurecht. Es ist, als müsste man einen Traum abschütteln.
Die Begegnung mit der Welt des Eises war atemberaubend – eine Welt der Stille und des Sturms und ganz und gar unberührt vom Menschen. Dies war wahrlich eine der letzten Gegenden der Erde, die seit Jahrtausenden unverändert dalag, und man wollte unwillkürlich ein Stoßgebet zum Himmel schicken, dass es doch um Gottes willen so bleiben möge. Es gab hier eine unversöhnliche Natur, die trotz der Kälte und der Stürme von Leben wimmelte, wo die Robben und Pinguine jagten und auf eine unendliche Fülle von Fischen, Tintenfischen und Krebsen stießen, wo die Wale ihren uralten Wegen folgten wie einst die Elefanten in Afrika.
Ich verbrachte viele Stunden am Heck mit dem Fernglas in der Hand und beobachtete die Vögel, die das Schiff begleiteten. Ich sah noch ein paar Wanderalbatrosse. Wir glitten langsam an einer Kolonie von Schwarzbrauenalbatrossen auf einer felsigen Landzunge vorbei. Sie sind nicht ganz so groß wie die Wanderalbatrosse, die Spannweite ihrer Flügel erreicht »nur« zweieinhalb Meter. Ihr Bauch und die Kehle sind weiß, der Schwanz ist ebenso dunkelgrau wie der Rücken, und die Flügel sind von oben gesehen ein stumpfes Braun, das aus der Ferne natürlich schwarz wirkt. Von unten gesehen, haben die langen Schwingen nicht nur am hinteren Rand ein schwarzes Band, wie beim Wanderalbatros, sondern auch am vorderen, sodass das erste Bild, wenn man sich der Klippe mit den vielen kreisenden Vögeln nähert, ein scheckiges Gewirr aus Schwarz-Weiß ergibt, wie ein abstraktes Gemälde, das man erst allmählich aufschlüsselt. Die Schwarzbrauenalbatrosse wirken im Ganzen etwas plumper und kräftiger als die Wanderalbatrosse, weil sie einen gedrungenen, kurzen Hals haben, sodass es scheint, als säße der schwere Kopf direkt an den langen braunen Schwingen. Sie heißen Schwarzbrauenalbatrosse, weil sie einen schwarzen Streifen am Auge besitzen, der allerdings weniger eine Braue ist, die ja über dem Auge sitzen müsste, als ein durch das Auge gehender Schatten, der vor dem vorderen Augenwinkel ein breiter Flecken ist und sich hinter dem Auge dünn und lang zuspitzt und dann erst wie eine feine Braue in einem Bogen ausschwingt.
Jeder Vorsprung der schwarzen Felsen war von Schwarzbrauenalbatrossen besetzt, und die Luft war voll von ihnen. Hunderte zogen da ihre Bahn und kreisten um den Felsen, wie ich es früher einmal auf Helgoland und vor einer unbewohnten Insel an der französischen Küste gesehen hatte, wo die Basstölpel sich wie ein drehender weißer Nebel um die aufragenden Felsen legten. Ich hätte das Schiff gerne angehalten, aber das war natürlich nicht möglich. Später besuchten wir eine Schwarzbrauenalbatros-Kolonie. Die Vögel waren von den näher kommenden Menschen nicht weiter irritiert, und wir wurden mehrmals Zeuge, wie zärtlich und ausführlich die Pärchen sich begrüßten, wenn Männchen oder Weibchen hereingeschwebt kamen. Es war ein rührendes Ritual, das man auch von anderen Vögeln kennt, etwa den Störchen in meiner Heimat Schleswig-Holstein, bei denen jedes Wiedertreffen ebenso überschwänglich ausfällt. Es ist, als wollten sie sagen: Ja, ich bin’s, ich bin’s wirklich. Es handelt sich da um eine Art Überdetermination, damit auf keinen Fall ein Irrtum unterläuft. Nur dass die Störche vielleicht von einem zwei Stunden währenden Ausflug wiederkamen, während die Albatrosse manchmal erst nach Tagen zu ihren brütenden Partnern zurückkehren. Die Kolonie erstreckte sich über ein ganzes Plateau, das zu einer steilen Klippe aufstieg, von der die Albatrosse bequem losfliegen konnten. Denn das Starten und In-die-Luft-Kommen ist für die Albatrosse keine ganz einfache Geschichte. Auf dem Meer brauchen sie einen langen, platschenden Anlauf, und auf dem flachen Land haben sie größte Mühe. Am besten geht es, wenn sie eine über dem Meer aufragende Klippe in der Nähe ihrer Kolonie haben, wo sie sich in den Aufwind fallen lassen können.
Viel hört man von den Albatrossen nicht, außer einem allgemeinen, vielstimmigen Murren in der Kolonie. Aber es gibt den Ruf eines Albatros, der die ganze Wildheit der Antarktis und des südatlantischen Ozeans in sich zu schließen scheint. Das ist der Schrei des Rußalbatros, dieses eleganten, schwarz und dunkelbraun gefärbten mittelgroßen Albatros, und ich hörte ihn sowohl an der Küste von South Georgia als auch auf den Shetlandinseln. Der Kopf dieses Albatros ist ganz schwarz, und schon daran erkennt man ihn sofort. Der Rücken ist ein helleres Grau, die Flügel sind dunkelbraun, wirken aber aus der Entfernung oft schwarz. Der schwarze Schnabel hat, wenn man den Rußalbatros im Glas genau betrachten kann, eine seitliche Rille im unteren Schnabel, die deutlich blau schimmert. Es gibt eine Unterart, die in nördlicheren Breiten lebt, und die besitzt auch so eine Rille, aber die ist orangefarben oder gelblich. Wie das kommt, weiß niemand. Hinter dem Auge des Rußalbatros steht ein Halbkreis weißer Federn, der dem Vogel einen stets erstaunten Ausdruck gibt.
Der Ruf des Rußalbatros besteht aus zwei Tönen, die manchmal ineinander übergehen, manchmal deutlich getrennt herauskommen, der eine Ton ist tiefer als der andere, beide sind lang gezogen und klagend und von einer fast schon unheimlichen Wildheit. Ich habe immer das gedehnte, miauende »hiiiäh« unseres Mäusebussards für den Vogelruf gehalten, der das Wilde und Freie der Natur am vollkommensten ausdrückt, aber der Ruf des Rußalbatros übertrifft ihn noch an Intensität und Melancholie – eine klagende, wilde Dunkelheit liegt in ihm. Die Rußalbatrosse führen anscheinend während der Paarungszeit wunderbare synchrone Formationsflüge zu zweit auf, bei denen sie einander mit diesem Ruf antworten, aber das habe ich nicht erlebt.
Der Wind war aufgefrischt, und bald befanden wir uns in einem der Stürme, die sich in den Weiten des Südatlantiks ungehindert austoben. Die Kreise der Gäste beim Abendessen lichteten sich, und eine Frau fiel mit ihrem Stuhl einfach nach hinten um. Sie wurde wieder aufgehoben, hatte sich nicht verletzt und aß bald weiter. In diesen Breiten, schon in der Nähe der ersten Ausläufer der Antarktis, blieb es auch nachts hell, und ich ging noch einmal hinaus aufs Heck, wo der Wind um die Metallgeländer pfiff.
Ein Schwarzbrauenalbatros folgte dem Schiff, und auf den bewegten Wellen schaukelte, fast ebenso groß, graubraun und massig, ein Riesensturmvogel herum. Sein Kopf war hellgrau mit dunklen Einsprengseln, ansonsten waren der Körper, die Flügel und der Schwanz dunkelgrau und braun gefleckt. Die ältesten Riesensturmvögel haben schließlich einen ganz weißen Kopf. Der mächtige, wie mit Platten gepanzerte Schnabel war gut zu erkennen, auf den ersten Blick erschien er gelblichbraun, aber wenn man näher hinsah, gab es da noch andere Farben, ein blasses Grün, Rosa und Ocker. Die Augen dieses Vogels waren hell und durchdringend, aber sie können in derselben Spezies auch dunkelbraun und graubraun sein. Überhaupt sind die Riesensturmvögel im Aussehen sehr variabel, hell und dunkel, ein wenig wie unser Mäusebussard, der lange die Ornithologen verwirrt hat, und zu allem Überfluss gibt es noch einen »südlichen« Riesensturmvogel und einen »nördlichen«, die schwer zu unterscheiden sind. Sie fliegen mit den für die Sturmvögel typischen starren, gerade gehaltenen Schwingen, gleiten aber nicht so elegant wie die schlankeren Albatrosse, denen ihre längeren Flügel sehr viel mehr Beweglichkeit verleihen.
Ich kannte Sturmvögel aus den nördlichen Breiten – den Eissturmvogel etwa kann man auch auf Helgoland sehen, wo er sogar brütet. Sein riesiger Verwandter hier schien über die Maßen aufgebläht, eigentlich wirkte er zu massig, um überhaupt fliegen zu können. Ich hatte ihn ein paar Tage vorher schon an einem schwarzen Kiesstrand gesehen, den wir entlanggingen, und er war trotz der Menschengruppe, die da auf ihn zuwanderte, ganz ruhig sitzen geblieben. Ich konnte ihn in aller Muße studieren.
Der Riesensturmvogel hinter dem Schiff versuchte nun, in die stürmische Luft zu kommen, was aber bei der hohen Dünung gar nicht so einfach war. Er nahm mit klatschenden Füßen gewaltig Anlauf, machte ein paar Flügelschläge, kam knapp in die Luft, aber nicht hoch genug, um den nächsten dahinwandernden Wellenkamm zu überwinden, und fiel zurück ins Wasser. Einen Moment lang sah man nur Teile der ausgebreiteten Flügel über den Schaumkronen, der Kopf hob sich, und dann schwamm er wieder und musste sich erst einmal ordnen, was eine ganze Weile dauerte, sodass ich ihn immer wieder hinter den Wogen aus den Augen verlor. Dann nahm er wieder Anlauf, landete aber ebenso kläglich in einer grünen, am Kamm weiß aufschäumenden Welle. Erst beim vierten Mal gelang es ihm, genug Luft unter die Schwingen zu bekommen. Mit schweren Schlägen gewann er langsam und mühevoll Höhe, hob den schweren Körper Meter um Meter, noch immer dicht über den Wogen, ging schließlich ins Gleiten mit starren Flügeln über, schaltete dann wieder mächtige Schläge ein und strich schließlich in einer langen Kurve nach Süden davon.
Auf dem rollenden und schlingernden Heck hätte ich es nicht lange ausgehalten, ohne seekrank zu werden, aber ich hatte mir vom Schiffsarzt ein Pflaster hinter das Ohr kleben lassen, und deshalb kam ich in den Genuss eines Spektakels, das ich sonst verpasst hätte. Aus einem der tiefen Wellentäler schoss ein Schwarzbrauenalbatros hervor, stieg mit regungslosen Flügeln steil in den Wind, ließ sich vom Aufwind der Woge bis in eine Höhe von etwa zwanzig Metern hinauftragen, schien dort oben einen Moment wie ein großes schwarz-weißes Kreuz still zu stehen, die durchgehend dunklen Schwingen quer stehend, der weiße Kopf, der helle Bürzel und der dunkle Schwanz in der Senkrechten. Dann lehnte er sich in den Wind, ließ sich ein Stück zurücktragen und jagte schließlich, den treibenden Wind im Rücken, nach unten und in ein Wellental hinein. Unsichtbar für mich hielt er sich tief hinter der Woge, flog eine Strecke in dem Tal dahin, parallel zu den Wasserwänden an beiden Seiten, und schoss dann plötzlich etwa zwanzig bis dreißig Meter weiter im reißenden Aufwärtsflug aus dem Wellental und ließ sich vom Aufwind der Woge wieder in die Höhe tragen. Das ganze Manöver wiederholte er zu meiner Begeisterung immer wieder, als wollte er eine Vorstellung geben. Wenn er in einer langen Kurve am Schiff vorbeizog, sah man, dass er die breiten Füße zum Steuern benutzte, er hielt sie senkrecht neben dem kurzen Schwanz. Es war eine Darbietung von fliegerischer Eleganz und Kühnheit, die kaum zu übertreffen war, atemberaubend schön und wild zugleich, und sie schien ganz zweckfrei zu sein.
Warum machte der Vogel das, wenn nicht aus reiner Lust am Flug, am Vergnügen, mit dem harten Wind und der hohen See zu spielen? Ich hatte mich dasselbe gefragt, als ich ein paar Tage zuvor einen Wal aus dem Meer hervorbrechen sah, etwa dreihundert Meter vom Schiff entfernt. Es war ein Buckelwal, und er musste unter Wasser einen ungeheuren Anlauf genommen haben, um sich ganz aus seinem Element, dem Wasser, herauszukatapultieren. Das gewaltige Tier stand einen Augenblick senkrecht in der Luft, nur die Schwanzflosse blieb zu einem Teil im Wasser, um sich dann, langsam, so schien es, seitlich kippend wie ein gefällter Baum wieder mit einem enormen Aufklatschen und Aufschäumen ins Wasser fallen zu lassen. Es war ein Weibchen mit einem Kalb. Immer wieder tauchte es, blieb Minuten unter Wasser, um dann unvermittelt wie in einer Explosion senkrecht aus dem Wasser herauszubrechen. Das Kalb schwamm in der Nähe herum. Auch der Wal schien das »aus Spaß« zu machen – oder gibt es einen verborgenen Zweck hinter den Steilflügen des Schwarzbrauenalbatros und dem gewaltigen Herausschnellen der Wale? Freute sich die Walmutter so überschwänglich, weil es ihr gelungen war, ihr Kalb aus den wärmeren Wassern um den Äquator hier herunterzuführen, wo es endlich wieder unerschöpfliche Nahrung gab? Liebte der Albatros den Wind so sehr, dass er diese berauschenden Manöver vollführte? Geht das zu weit? Unterstellt man da Tieren zu viel an menschlichem Gefühl? Schon Darwin hat sich diese Frage gestellt. Beantworten kann sie niemand.
Der Schwarzbrauenalbatros führte noch immer sein Kunststück auf, aber das Schiff entfernte sich, stetig mit den Wellen rollend, weiter von ihm, und bald sah ich sein Aufsteigen im Aufwind der Woge nur noch als kleinen schwarz-weißen Punkt in der Weite des Meeres. Ich hielt ihn so lange wie möglich im Glas, überwältigt von diesem Schauspiel der Flugkunst auf der endlosen Bühne des Meeres.
Grenzen scheint der Schwarzbrauenalbatros nicht zu kennen. Die Welt ist klein für diesen großen Flieger. Er ist es, der manchmal nach Norden fliegt, immer weiter nach Norden, bis er vor Schottland oder Sylt, bei den Orkneys, den Shetlandinseln oder vor der norwegischen Küste auftaucht. Auch an der amerikanischen Ostküste ist er gesichtet worden, etwa vor North Carolina oder Massachusetts, und selbst an der grönländischen Küste hat man ihn beobachtet. Man sieht ihn in Südafrika, Australien und Neuseeland, im Indischen Ozean, aber vor allem ist er im Südatlantik zu Hause, in dem riesigen Seegebiet zwischen der Packeisgrenze und dem Wendekreis des Steinbocks, der sich etwa auf der Höhe von Rio de Janeiro und südlich von Madagaskar um den Globus zieht, aber es gibt auch Albatros-Kolonien im Indischen Ozean und im südlichen Pazifik. Offenbar ist er unermüdlich, keine Reise ist ihm zu weit.
Ich verließ das Heck und ging hinein, um mich irgendwo aufzuwärmen. Ich dachte an die beiden berühmten Gedichte, die sich mit dem Albatros verbinden, das von Baudelaire, in dem er den Poeten mit dem Albatros vergleicht – schwerfällig, fast hilflos an Land, was für den Poeten gleichbedeutend mit dem Alltag ist, und unerreicht in seiner Kunst des Fliegens, was für den Dichter natürlich der Flug der Fantasie ist.2 Wobei Baudelaire glaubte, dass die riesigen Flügel des Albatros ihm beim Gehen an Land behinderten, was in der Logik des Gedichts liegt, aber ornithologisch nicht richtig ist. Dass er aber an Land sehr unbeholfen ist, besonders bei der Landung, ist wahr, wie ich des Öfteren beobachtet habe.
Das andere Gedicht ist die lange Ballade von Coleridge, »The Rime of the Ancient Mariner«3, in der der alte Seefahrer immer wieder davon berichten muss, dass er einst mit seiner Armbrust einen Albatros erschoss. Ein Fluch liegt auf ihm, er ist gezwungen, bestimmten Menschen seine Geschichte zu erzählen. Und er erkennt jeweils sofort den Mann, der ihn anhören muss, auch wenn der viel lieber auf die Hochzeit einer Verwandten ginge. Aber zu dem Fluch gehört auch die Unfähigkeit des Angesprochenen, sich abzuwenden. Der Blick des Alten hält ihn unerbittlich fest, er muss zuhören. Seine Geschichte beginnt mit den klassischen Worten: »There was a ship …«, und der Gipfelpunkt ist das Eingeständnis, dass der alte Seefahrer ohne Not den menschenfreundlichen Albatros erschossen hat. Das ist sein Sündenfall, und dafür wird er bestraft, wie er auf die Frage des Hochzeitsgastes eingesteht:
God save thee, ancient mariner, from the fiends that plague thee thus.
What lookst thou so? – With my crossbow I shot the albatross.
Dieser Albatros ist sehr wahrscheinlich ein Schwarzbrauenalbatros gewesen, denn der folgt gerne Schiffen, und tut das oft über mehrere Tage. Angeblich verdankt sich die wilde Intensität des langen Gedichts der Tatsache, dass Coleridge unter dem Einfluss von Opium stand und das Gedicht wie in einem Fieberanfall niederschrieb. Später fürchtete er, die Leute würden nicht verstehen, was er da gesagt hatte, und fügte ganz überflüssige Kommentare und Erklärungen als Marginalien hinzu.
Bei zwei der ehemaligen Walfangstationen auf South Georgia, Grytviken und Stromness, die nun schon seit vielen Jahren verlassen waren und still verfielen, waren wir an Land gegangen. Die Station an der Stromness Bay war jene, in welcher der erschöpfte Shackleton mit seinen Gefährten Worsley und Crean auftauchte und von den erstaunten Walfängern in Empfang genommen wurde. Er hatte die Fahrt im offenen Boot von Elephant Island nach South Georgia hinter sich gebracht, etwa tausend Meilen in den stürmischsten Gewässern der Welt – eine der größten seemännischen Leistungen aller Zeiten. Worsley war es, der das Wunder einer Navigation vollbrachte, die verhinderte, dass sie auf dem weiten, wilden Meer an der kleinen Insel South Georgia vorbeisegelten – ins Nirgendwo. Sie waren an der Südküste gelandet und mussten die schneebedeckten Berge überqueren, die das Rückgrat der Insel bildeten, denn der Weg die Küste entlang war unpassierbar, und um die Insel herumzusegeln erschien Shackleton bei den stürmischen Winden zu gefährlich. Er wollte kein Risiko mehr eingehen, denn er wusste, dass die zurückgebliebenen Männer auf Elephant Island zum Untergang verurteilt waren, wenn er nicht zurückkehrte, um sie zu retten. Dass er sie nach zwei Jahren tatsächlich alle nach England zurückbrachte, macht seinen Ruhm aus und bedeutete ihm am Ende mehr als die Erkundung der Antarktis. Er ließ drei Männer der Besatzung an der südlichen Küste South Georgias zurück und versuchte, mit Worsley und Crean die schneebedeckten Berge zu überqueren, auf deren anderer Seite sich die Stromness Bay mit der Walfangstation verbarg. Die Überquerung erschöpfte ihn und seine beiden Begleiter so, dass sie mit Wahnvorstellungen zu kämpfen hatten. Berühmt wurde Shackletons hartnäckiges Gefühl, dass noch einer mit ihnen ging, eine rätselhafte Gestalt, die sich keiner von ihnen erklären konnte. Shackleton deutete das später religiös:
Wenn ich an diese Tage zurückdenke, habe ich keinen Zweifel daran, dass die Vorsehung uns geleitet hat … Während jenes langen, zermürbenden Marsches von sechsunddreißig Stunden über die namenlosen Berge und Gletscher South Georgias hatte ich oft das Gefühl gehabt, wir seien nicht zu dritt, sondern zu viert. Ich redete darüber nicht mit meinen Gefährten, aber hinterher sagte Worsley zu mir: »Boss, ich hatte das seltsame Gefühl, als wäre auf dem Marsch noch jemand anderes bei uns gewesen.« Crean gestand mir dasselbe.4
Dieses Rätsel fand Eingang in T. S. Eliots großes Gedicht, das berühmte »The Waste Land«: »Who is the third who walks always beside you?«5, heißt es da, wobei Eliot die drei, Shackleton, Worsley und Crean, auf zwei Männer reduziert hat. Sicherlich wusste Eliot, dass sie zu dritt waren, aber ein geheimnisvoller Dritter ist einfach poetischer als ein Vierter. Den letzten Steilhang auf der Nordseite South Georgias rutschten sie auf dem Hosenboden herunter, weil sie nicht mehr die Kraft hatten, vorsichtig abzusteigen. Worsley und Crean wollten rasten und langsamer vorangehen, aber Shackleton trieb sie an. Sie mussten es noch an diesem Tag schaffen, darauf bestand er mit eiserner Willenskraft. Später stellte sich heraus, wie recht er gehabt hatte. In der Nacht brach ein Sturm los, den die entkräfteten Männer nicht überlebt hätten. Sie erreichten schließlich Stromness Bay, eine Walfangstation, in der sie zuerst mit Unglauben, dann mit Jubel begrüßt wurden.
Die drei Männer auf der anderen Seite der Insel wurden am nächsten Tag geholt, aber Shackleton brauchte unter den Bedingungen des Ersten Weltkriegs zweiundzwanzig Monate, bis er ein Schiff bekam, mit dem er seine Männer auf Elephant Island endlich erlösen konnte. Als er mit einem kleinen Schlepper vor Elephant Island auftauchte, zählte er sie noch vom Schiff aus mit dem Fernglas vor Augen. Sie waren vollzählig da.
1921 fuhr er noch einmal zu einer Expedition in die Antarktis, starb aber auf South Georgia an einer Herzschwäche. Bestattet wurde er in der Walstation Grytviken, wo man heute sein Grab besichtigen kann. Wie Stromness Bay wurde Grytviken schon vor vielen Jahren stillgelegt.
Diese aufgegebenen Walfangstationen sind Mahnmale des Kriegs der Menschen gegen die Natur. In alten Berichten ist die Rede davon, das Wasser der Stromness Bay sei an manchen Tagen rot gewesen vom Blut der Wale, die hier hereingeschleppt wurden, um zerlegt zu werden. Jetzt lagen auf dem Gebiet der ehemals geschäftigen, von Menschen wimmelnden Station zerfallende Schiffe, rostende Maschinen, vor allem riesige Winden, die die schweren Wale an Land gezogen hatten. Große Bretterschuppen mit flachen Anbauten, deren weiße Farbe längst vergilbt und rissig geworden war, standen verlassen herum, in einem kleineren Schuppen gab es noch Fässer, in die das Walfett, der Tran, gefüllt worden war. An den Decken der Schuppen hingen verrostete Haken und Ketten. Es herrschte tiefe Stille, nur manchmal von den plötzlich einsetzenden Schreien der Möwen unterbrochen.
Der Verfall, vor allem der Rost, wurde von der trockenen Kälte so sehr verlangsamt, dass bei vielen der Werkzeuge und Maschinen noch erkennbar war, wozu sie einmal gedient hatten. Nichts war wirklich zerstört, alle Teile der Maschinen und Winden waren noch da, sie schienen nur erstarrt, als hätte ein plötzlicher Fluch sie gelähmt. Eine kleine Schienenstrecke zog sich vom Hafen hinauf zu den Hallen, in denen die Wale verarbeitet wurden. Ein paar Waggons mit niedrigen Ladeklappen, deren große Eisenräder unbeweglich geworden waren, standen dort herum, als warteten sie darauf, noch einmal beladen zu werden. Der vorherrschende Farbton war das Rotbraun des Rosts, das in das im Sonnenlicht strahlende Weiß des Schnees einsickerte. Überall zwischen den Häusern und Maschinen, den Schuppen und Hallen lagen die gewaltigen schwarzgrauen Leiber von schlafenden See-Elefanten, von dunkelbraunen Robben, Seehunden und Seebären, die sich die Station zurückerobert hatten. Sie kümmerten sich wenig um uns, die See-Elefanten öffneten vielleicht ein Auge, um uns zu betrachten, rührten sich aber nicht, auch wenn man dicht vor ihnen stand. In den alten Schuppen hatten sich die gewaltigen Männchen, die sich gerade häuteten, buchstäblich breit gemacht, in dem Dämmerlicht leuchteten die Scheidenschnäbel auf, weiß wie Gespenster, Vögel, die zwischen ihnen und auch auf ihnen herumliefen. Pinguine watschelten furchtlos auf den alten Straßen herum, einer begleitete meine Frau ein ganzes Stück des Weges, ging ruhig und aufmerksam neben ihr her, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Es sah aus, als unterhielten sie sich.
So würde die industrielle Welt sehr bald aussehen, dachte ich, wenn die Menschen aus irgendeinem Grund von der Erde verschwänden. Rost und Verfall, die langsame Rückkehr der Vegetation, die Tiere, die es sich in den leeren Höhlen der Menschen bequem machten, der Schrei der Möwen von gebrochenen Masten. Mehrere Schiffe mit geborstenen Planken, die nie wieder Wasser unter dem Kiel haben würden, ruhten hier für immer auf der Seite liegend im flachen Wasser vor dem Strand, und ihre Aufbauten und Masten waren von Wind und Wetter zerfressen, vor dem Hintergrund der schneebedeckten Berge ragten sie auf wie Zeugen einer gescheiterten Vergangenheit. Ein großes Walfangschiff war halb auf den Strand gezogen worden, die Harpune am Bug ragte schräg nach oben, als zielte sie auf den Himmel. Seebären – eine Robbenart, die vor hundert Jahren wegen ihres Fells fast ausgerottet war, sich nun aber erholt hat – bevölkerten die Decks der für immer gestrandeten Schiffe. Eine große Stille lag über dem kolossalen Wrack dieser alten Walfangstation, nur ab und zu hörte man ein klatschendes Aufschlagen vom Hafen her, wenn sich eine der Robben ins Wasser warf.
Ich hatte gehofft, auf dem Kreuzfahrtschiff, mit dem meine Frau und ich in die Antarktis fuhren, ein paar Vogelbeobachter zu finden, mit denen ich abends zusammensitzen und meine Beobachtungen vergleichen konnte. Aber unter den Passagieren schien es niemanden zu geben, der sich für die Vogelwelt interessierte. Zweifellos für die eindrucksvollen Landschaften aus Schnee und Eis, für das Meer und die Wale. Aber nicht für die Vögel. Vielleicht wäre es besser gewesen, dachte ich, wenn wir mit einem amerikanischen oder englischen Schiff gefahren wären, denn das Birdwatching ist in England und den USA ungleich populärer und verbreiteter als in Deutschland.



