Patricia Peacock und der verschwundene General

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Salima kicherte. „Miss Peacock hat für sie als Gesellschafterin gearbeitet, bevor ich an ihre Stelle getreten bin.“
Der Blick der Gräfin wechselte von verstimmt zu mitfühlend. „Wie haben Sie das nur ausgehalten, meine Liebe? Diese Frau ist schrecklich.“ An Salima gewandt fuhr sie fort: „Und Sie erst, Kind … Sie sind so ein nettes junges Ding.“
„Walli“, jammerte der General, und alle sahen in seine Richtung, was ihm sichtlich unangenehm war.
„Was ist denn, Huddi?“
„Das Rad … es klemmt und lässt sich nicht mehr schließen.“ Er zog an der Troddel, aber nichts geschah.
Gräfin Walburga war sichtlich schockiert. „Das darf nicht sein. Nicht vor unserem Auftritt auf der Bühne!“
Spontan bot John seine Hilfe an. „Ich bin recht geschickt in mechanischen Dingen. Vielleicht kann ich behilflich sein.“
„Eine hervorragende Idee.“ Die Gräfin war erleichtert. „Am besten, Sie gehen in Huddis Suite.“
„Aber Walli, wie soll ich denn mit dem aufgeschlagenen Rad durch die Türen kommen?“
„Du musst eben seitlich durchlaufen.“
Der General brummte etwas von Schrecklicher Peinlichkeit, er als altgedienter, hoch ausgezeichneter Militär.
Patricia sah John hinterher, wie er dem General einen Weg durch die Menge der bereits anwesenden Gäste bahnte, damit das Pfauenrad nicht beschädigt wurde.
Die Gräfin entspannte sich erst, als der General samt Pfauenrad unbeschädigt den Tanzsaal verlassen hatten.
„Ein Glück, dass Ihr Gatte zur Stelle war, Miss Peacock.“
„Oh, Mr. Maddock und ich sind nicht verheiratet“, beeilte sich Patricia klarzustellen, und warf Salima einen strengen Blick zu, bevor sie etwas sagen konnte, was sie in Verlegenheit brachte. Überrascht zog die Gräfin die Brauen hoch. „Meine Liebe, Sie haben sich dieses Bild von einem Mann noch nicht geschnappt? Sie sollten es tun, Sie passen so wunderbar zusammen, genau wie Ihre Kostüme.“ Fragend hob sie eine Braue. „Ist das ein Nachthemd, das Sie da unter dem Kostüm tragen?“
Ehe Patricia antworten konnte, ging ein lautes Ahhh und Ohhh durch die Reihen der Anwesenden. Sie wandten sich gleichzeitig um, und Salima verabschiedete sich mit einem Seufzen. „Entschuldigen Sie mich bitte. Lady Blanford hat ihren Auftritt.“
Die Gräfin gab sich kämpferisch. „Soll sie ruhig. Den Kostümwettbewerb gewinnen Huddi und ich.“
Patricia war nicht daran gelegen, Lady Blanford über den Weg zu laufen, aber leider steuerten sie und Princess genau auf sie und die Gräfin zu. Wie erwartet, trug Lady Blanford ein schrecklich unpassendes Kostüm mit schwarzer Zöpfchenperücke und einem weißen in Plisseefalten gelegten Kleid mit jeder Menge Schmuck. Es schien, als hätte Lady Blanford sich die Wandmalereien von ägyptischen Königinnen zum Vorbild genommen. Ihre Augen waren dunkel umrandet, was ihren giftigen Blick noch furchteinflößender wirken ließ. Beinahe vergaß Patricia, Princess zu bedauern, die neben einem pharaonischen Kopftuch eine Art Körperpanzer trug, der sie vollständig bedeckte. Nur die Pfoten schauten heraus, damit Princess laufen konnte, was ihr allerdings schwerfiel, weil der Panzer wenig Beinfreiheit ließ. Er stellte einen liegenden Katzenkörper dar, und es war offensichtlich, dass Lady Blanford ihren Pudel als Sphinx von Gizeh verkleidet hatte.
„Gutes Kostüm, aber nicht gut genug, um mich und Huddi zu schlagen“, flüsterte die Gräfin.
„Guten Abend, Patricia, ich wusste nicht, dass Sie auch hier sind“, ließ sich Lady Blanford zu einer Begrüßung herab. „In der Regel besitzen die geladenen Gäste des Silvesterballs eine gewisse Noblesse.“ Sie rümpfte die Nase über Patricias Kostüm und wandte sich dann an die Gräfin.
„Werden Sie auch am Kostümwettbewerb teilnehmen?“ Sie schenkte Gräfin Walburga ein Lächeln, das so falsch war, wie ihre schwarzen Perückenhaare.
„Das würde ich mir doch nie im Leben entgehen lassen“, antwortete die Gräfin mit ebenso falschem Lächeln, während sich ihre Blicke ineinander bohrten.
„Nun denn, möge das beste Kostüm gewinnen.“ Es war nicht zu übersehen, dass Lady Blanford erwartete, als Siegerin aus dem Wettstreit hervorzugehen. „Ihr Kostüm ist recht annehmbar, muss ich zugeben. Anders als das von Patricia.“ Sie begutachtete Patricia von oben bis unten wie ein Pferd, das zum Verkauf stand. „Ist Ihr schrecklicher Hausgast eigentlich auch anwesend? Dieser mittellose Amerikaner?“
Während Patricia nach einer unverfänglichen Antwort suchte, kam die Gräfin ihr zuvor. „Mr. Maddock war so freundlich, dem General mit seinem Kostüm zu helfen.“
„Hm … so, so.“ Lady Blanford hatte bereits das Interesse an der Unterhaltung verloren und stolzierte mit Princess weiter, um die Huldigungen der Gäste für ihr Kostüm entgegenzunehmen.
„Die alte Tarantel scheint etwas gegen Sie zu haben.“ Patricia fühlte sich genötigt, eine Erklärung abzugeben. „Es gab einen Eklat im Mena Hotel, bei dem mein Hund und Princess eine Rolle spielten. Außerdem verzeiht sie mir nicht, dass ich meine Anstellung als ihre Gesellschafterin gekündigt habe.“
„Ach, machen Sie sich keine Gedanken über ihre giftigen Worte. Der alte Kaktus erzählt jedem, wie sehr mein Huddi zu bedauern wäre, weil er unter meinem Pantoffel steht und sich nicht wehren kann.“ Kopfschüttelnd fügte die Gräfin hinzu: „Können Sie sich das vorstellen? Und mich nennt sie hinter meinem Rücken den deutschen Germknödel und Walküre. Dass ich nicht lache! Lady Blanford weiß ja nicht einmal, was Walküren sind. Mag sein, dass ich mich zu wehren weiß, aber jungfräulich bin ich seit über fünfzig Jahren nicht mehr.“ Sie teilte dieses pikante Detail mit, ohne rot zu werden. „Noblesse, dass ich nicht lache. Ich stamme aus älterem Adel, als dieser alte Gänsegeier. Natürlich musste ich meinen Titel offiziell ablegen, nachdem ich Huddi geheiratet habe.“ Sie zuckte die Schultern. „Aber ich habe das nie bereut! Und man bringt mir trotzdem Respekt entgegen und nennt mich Gräfin. Noblesse bekommt man eben nicht durch die Geburt, sondern dadurch, wie man sich anderen gegenüber verhält.“ Sie lächelte so offen und freundlich, dass Patricia über die Schimpfnamen und die Offenbarung von Wallis nicht vorhandener Jungfräulichkeit hinwegsah. „Und ich finde Ihr Kostüm übrigens reizend, meine Liebe.“
Ihr Kompliment trieb Patricia die Röte ins Gesicht. „Vielen Dank, Gräfin.“
Ohne Vorwarnung schlug Gräfin Walburga ihr auf die Schulter, sodass Patricia einen Satz nach vorn machte. „Außerdem sind Lady Blanfords Feinde meine Freunde. Nennen Sie mich Walli!“
„Dann müssen Sie mich Patricia nennen“, bat Patricia, während sie bemüht war, ihr Gleichgewicht wiederzufinden.
Der Abend verlief überraschend angenehm und ohne weitere Peinlichkeiten. Walli war eine geradlinige Frau mit einem offenen Wesen, obwohl sie dazu neigte, Personen, die sie nicht mochte, mit unfreundlichen Namen zu versehen. Sie sagte, was sie dachte und hatte nichts Verschlagenes an sich. Dass sie ein wenig burschikos war, störte dabei nicht. Immerhin lebte Patricia seit fast drei Monaten mit John unter einem Dach und war nicht mehr so leicht aus der Fassung zu bringen wie bei ihrer Ankunft in Kairo. Wer hätte das gedacht … sie und John. In England wäre das nicht möglich gewesen, die Leute hätten geredet, aber hier in Ägypten interessierte es niemanden, außer Fatima, die John lieber heute als morgen aus dem Haus gejagt hätte.
Im Grunde war auch Patricia klar, dass Johns Behauptung, nicht die richtige Wohnung in Kairo zu finden, eine Ausrede war. Ein neues Büro für seine Detektei hatte er sehr schnell gefunden. John fühlte sich offenbar wohl in ihrem Haus, und obwohl Patricia es sich nicht gern eingestand, verspürte auch sie keine große Eile, ihn aus dem Haus zu befördern. Zudem gab es ihre schwachen Stunden in der Gartenlaube. Insgeheim ärgerte Patricia ihre Schwäche für John, und sie schwor sich jedes Mal, dass es das Letzte mal wäre; und doch ließ sie sich immer wieder von diesem John-Maddock-Lächeln verführen. Ihr Herz begann schneller zu schlagen, wenn John sie mit diesem Patricia Darling Blick ansah und wenige Stunden später fand sie sich mit ihm in der Gartenlaube wieder. Sie konnte einfach nicht genug von seinen Küssen bekommen – das war die beschämende Wahrheit.
Wenn sie morgens in ihrem Schlafzimmer aufwachte, hatte Patricia das traurige Gesicht ihrer Mutter vor Augen. Dann schwor sie sich, John so schnell wie möglich aus dem Haus zu schaffen – ehe noch Schlimmeres zwischen ihnen geschah. Bisher waren jedoch alle ihre guten Vorsätze vergebens geblieben.
„Oh, da kommen Mr. Maddock und Huddi. Gleich geht der Kostümwettbewerb los. Sie stimmen doch für uns?“ Walli wirkte entschlossen, zu gewinnen.
Patricia versprach es ihr und meinte es auch so. Lady Blanford gegen Walli und den General verlieren zu sehen – allein das war es wert, heute Abend hierhergekommen zu sein.
„Ich dachte schon, du willst dich drücken“, wandte sich Walli mit vorwurfsvoll hochgezogener Braue an ihren Gatten.
„Wäre das denn eine Option gewesen?“, fragte er hoffnungsvoll.
„Natürlich nicht. Und jetzt komm, wir müssen diesen Kostümwettbewerb gewinnen.“
„Der arme Huddi“, sagte John, als sie den beiden nachsahen, wie sie in Richtung Bühne gingen. „Die Gräfin scheint ihn recht gut unter ihrem Pantoffel zu haben.“ Er warf Patricia einen flammenden Blick zu, der ihr ein Kribbeln im Bauch verursachte. „Soll ich uns nicht doch zum Kostümwettbewerb anmelden? Die verführerische Salome und der verwegene Lawrence von Arabien?“
Es gelang ihr, trotz seiner glühenden Blicke Haltung zu bewahren. „Auf keinen Fall! Außerdem trage ich ein Nachthemd unter dem Kostüm.“
Während John sich vom Tablett eines vorbeigehenden Pagen im Affenkostüm eine Champagnerschale nahm, grinste er. „Es ist noch immer Zeit, es auszuziehen.“
„Das hätten Sie wohl gerne.“
„Sie wissen, was ich gerne hätte, Darling.“
Wie so oft, ignorierte Patricia seine Anzüglichkeiten – mittlerweile schockierten sie diese auch nicht mehr so sehr wie am Anfang ihrer Bekanntschaft. „Es ist viel wichtiger, dass wir für die Gräfin und den General unsere Stimmen abgeben“, lenkte sie das Thema in eine unverfängliche Richtung. „Sie treten gegen Lady Blanford und Princess an. Ich möchte, dass Walli gewinnt. Ich mag sie.“
„Ich finde Huddi auch ganz in Ordnung.“ Sie tauschten einen verschwörerischen Blick. „Lassen Sie uns dem grässlichen alten Nebelhorn eine Lektion erteilen.“
„John, also wirklich ...“ Allerdings musste Patricia zugeben, dass der Vergleich nicht ganz abwegig war.
Sie warteten in seltener Eintracht auf den Auftritt von Walli und dem General, während die anderen Paare auf der Bühne ihre Kostüme vorführten. Es gab ein paar wirklich hübsche darunter, Löwen und exotische Vögel, aber keines besaß so ein spektakuläres Extra wie das Pfauenrad des Generals. Alle Paare ernteten wohlwollenden Applaus und wurden mit einem freundlichen Tusch des Ensembles von der Bühne verabschiedet. Schließlich trat Lady Blanford mit Princess auf und erntete tosenden Applaus für ihr Kostüm.
„Princess wirkt recht träge, finden Sie nicht?“, fragte John zwischen dem Biss in ein Kanapee und einem Zug an seinem Zigarillo.
„Der Panzer ist sicherlich schwer.“ Patricia empfand ein gewisses Maß Mitleid mit der Pudeldame. Zwar konnte sie Princess ebenso wenig leiden wie Lady Blanford, aber im Grunde genommen war der Pudel nur ein Opfer in den Fängen seiner Besitzerin. Und Princess hatte im Gegensatz zu ihr nicht die Hoffnung auf ein Erbe, das sie von Lady Blanford befreite.
Nach einem honorierenden Tusch für Lady Blanford und Princess waren Walli und der General an der Reihe. Mit siegessicherem Lächeln betrat Walli als indische Göttin die Bühne und erntete begeisterten Beifall der Gäste für ihr Kostüm. Doch erst das Pfauenrad des Generals weckte wahre Begeisterungsstürme, und tatsächlich versöhnte der Beifall der Gäste auch den General ein wenig. Das Ensemble honorierte sein Kostüm mit gleich drei Tuschs.
Nachdem alle Kostüme gesichtet wurden, ging ein Champagnerkübel herum, in den die Gäste Zettel mit den Namen des gewünschten Gewinnerkostüms werfen konnten. John und Patricia stimmten für Walli und den General. Salima schlenderte an ihnen vorbei, eine Zigarette mit langer Spitze elegant zwischen den Fingern haltend, und teilte augenzwinkernd mit, dass Lady Blanford sie umgebracht hätte, wenn sie wüsste, dass Salima für den General und die Gräfin gestimmt hatte. Dann verschwand sie wieder an die Seite von Lady Blanford, um ihr zu versichern, wie herausragend ihr Kostüm im Vergleich zu allen anderen gewesen wäre.
In Johns Worten lag eine gewisse Bewunderung. „Dieses Mädchen lässt sogar mich weit hinter sich in Sachen Verschlagenheit.“
Patricia musste ihm recht geben. „Wahrscheinlich ist das ein Charakterzug, den man braucht, um an der Seite von Lady Blanford zu überleben.“ Manchmal wünschte sie sich, zumindest ein wenig mehr wie Salima zu sein … kokett und modern.
Als kurze Zeit später die Gewinner verkündet wurden, und Walli mitsamt ihrem Pfauengatten wieder auf die Bühne gerufen wurden, um den Pokal für das beste Kostüm entgegenzunehmen, wich Lady Blanford alle Farbe aus dem Gesicht. Offenbar war sie fest davon überzeugt gewesen, zu gewinnen.
Sie bedachte Patricia mit einem vernichtenden Blick – ganz so, als wäre es ihre alleinige Schuld, dass sie verloren hatte, und verließ den Silvesterball mit Princess noch vor Mitternacht, ohne Walli und Huddi zu ihrem Sieg zu gratulieren.
Walli und der General kehrten mit stolzgeschwellter Brust von der Bühne zurück.
„Haben Sie gesehen, wie das alte Kamel aus dem Saal gestampft ist?“ Walli klatschte in die Hände. „Jetzt kann das neue Jahr mit guten Vorzeichen beginnen!“
Salima stieß zu ihnen mit einem Glas Champagner. Sie dachte gar nicht daran, Lady Blanford ins selbst gewählte Exil zu folgen. „Das ist ein gelungener Abend, nicht wahr?“ Alle stimmten ihr zu.
Als das Orchester um Mitternacht das neue Jahr mit einem lauten Tusch begrüßte, Champagnerkorken knallten und glitzernder Flitterkram durch den Tanzsaal flog, musste
Patricia zugeben, dass dieser Abend mit John, Salima, der lebenslustigen Walli und dem freundlichen General einer der schönsten war, den sie in der letzten Zeit erlebt hatte – wenn sie vom Weihnachtsfest und den ungebührlichen Treffen mit John in der Gartenlaube absah. Ihr Blick wanderte zu John, und sie ertappte sich bei der Frage, ob es nicht vielleicht immer so sein könnte.
„Meine Liebe“, holte sie Walli, die mittlerweile einen Champagnerschwips hatte, aus ihren Gedanken und hakte sich bei ihr unter. „Ich freue mich wirklich, dass Salima uns einander vorgestellt hat.“
Der General fügte an John gewandt hinzu: „Wir sollten unser Gespräch unbedingt fortsetzen, John.“ An seine Frau gewandt erklärte er: „Es hat sich herausgestellt, dass Mr. Maddock ebenfalls ein glühender Verehrer von Lawrence von Arabien ist!“
Walli verdrehte die Augen. „Ach, du mit deiner Heldenverehrung für diesen Spion, Huddi.“ Sie zwinkerte Patricia zu. „Sie müssen wissen, dass unsere Ehe den Krieg überstanden hat, obwohl Huddi und ich als Deutsche und Engländer an verschiedenen Fronten standen. Ist doch so, oder Huddi?“ Die beiden sahen sich an wie ein jung verliebtes Paar. Der General nahm die Hand seiner Frau und drückte sie.
„Da hat meine Walli recht. Uns bringt nichts auseinander. Deshalb feiern wir in zwei Wochen auch Goldene Hochzeit im Mena Hotel. Sie beide werden doch auch kommen, oder? Wir möchten Sie hiermit offiziell einladen.“
„Oh, natürlich, wie konnte ich vergessen zu fragen?“, stimmte Walli dem General zu.
„Sehr gerne.“ Patricia hätte nicht gedacht, dass sie so bald wieder eine Einladung ins Mena Hotel erhalten würde, und John sah sich sogleich bemüßigt, näher an Patricia heranzurücken. Offenbar hatte er beschlossen, im Sturm auf ihr Schlafzimmer seine Bemühungen zu intensivieren.
„Sie sollten ihn sich schnappen“, raunte Walli in einem Augenblick, als John abgelenkt war.
Wenn das nur so einfach wäre …, dachte Patricia, der die Warnung ihrer Mutter vor Männern wie John Maddock immer dann deutlich vor Augen stand, wenn sie ihren Gefühlen nachgeben wollte.
John warf Patricia verstohlene Blicke zu, während sie aus der Motordroschke stiegen und nebeneinander zum Haus gingen. Es war schon fast Morgen, aber ihm war nicht nach Schlafen zumute. Im Gegenteil – Patricias Anblick im schillernden Salome Kostüm wirkte auf ihn wie ein Muntermacher und ein Aphrodisiakum zugleich. Zudem war der Silvesterball rauschend gewesen. Sogar Patricias schlechte Laune war nach und nach verflogen. Sicherlich hatten auch Gräfin Walburga und der General ihren Teil dazu beigetragen. John hatte sich auf Anhieb gut mit Huddi verstanden. Sie teilten eine Leidenschaft für Abenteuer und Abenteurer. Wie schade, dass es nur eine flüchtige Bekanntschaft bleiben würde, entsprungen aus einer Champagnerlaune.
„Das war ein schöner Abend, nicht wahr?“
„Das war er wirklich“, gab Patricia lächelnd zu.
Sie war so unglaublich hübsch, wenn sie lächelte. John nahm all seinen Mut zusammen. Wann, wenn nicht jetzt war der richtige Zeitpunkt, einen Versuch zu wagen?
Das Haus war dunkel – alle schliefen noch. Sogar Sir Tiny war nirgendwo zu sehen.
„Darling ...“, setzte John in angemessen schmachtendem Tonfall an, sobald sie vor ihrer Schlafzimmertür standen. „Sollen wir diesen Abend wirklich schon beenden?“
Sie wandte ihren Kopf und hob eine Braue. „John … ich hoffe nicht, Sie glauben allen Ernstes, ich hätte Ihren Boykott meines Gouvernanten-Kostüms bereits vergessen oder gar vergeben.“
„Aber Darling, alle waren doch begeistert von Ihrem Kostüm.“
„Darum geht es nicht, John.“ Sie bedachte ihn mit einem Blick, der ihm unmissverständlich klarmachte, dass sich seine Hoffnungen nicht erfüllen würden. „Sie können nicht einfach hinter meinem Rücken über mein Kostüm oder mein Leben bestimmen.“
John öffnete den Mund, um zu einer Verteidigungsrede anzusetzen, aber Patricia sprach bereits weiter. „Sie müssen endlich erwachsen werden.“
Ihre Worte schmerzten ihn. „Aber Darling … warum halten Sie so wenig von mir?“ Natürlich hätte er sich die Frage selbst beantworten können. Sie hatte ja recht – er hatte nicht gerade viel getan, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Und die Sache mit dem Kostüm, war vielleicht auch nicht sein bester Einfall gewesen. Andererseits – Lawrence von Arabien und Salome. John hatte es wirklich für eine gute Idee gehalten. Aber wie immer, wenn er glaubte, etwas richtig zu machen, kam etwas Falsches dabei heraus.
„Gute Nacht, John“, verabschiedete sich Patricia von ihm. Einen Augenblick hielt sie inne und schien zu überlegen, sodass er Hoffnung schöpfte. Dann öffnete sie die Tür zu ihrem Schlafzimmer und verschwand darin – ohne ihn.
Johns gute Laune war verflogen, während er zu seinem eigenen Schlafzimmer schlich. Es würde ihm wohl nie gelingen, Patricia zu beweisen, dass er es ernst meinte – so ernst, wie er es nie in seinem Leben mit irgendetwas gemeint hatte. Für sie war er einfach Bruder Leichtfuß und Casanova in einer Person. Dabei hatte John keine andere Frau angesehen, seit er Patricia getroffen hatte – zumindest nicht länger als zwei Sekunden. Warum sah sie das einfach nicht?
Zu allem Überfluss lag Miss Kitty auf der Kommode in der Diele. Ihre Blicke schienen ihn zu verhöhnen und ihm zu sagen, dass sie jedes Wort verstanden hatte, welches Patricia an ihn gerichtet hatte. Bestimmt machte die Katze sich über ihn lustig, weil er mal wieder einen Korb kassiert hatte. Natürlich wusste er, dass es absurd war, das zu glauben. Als ob Miss Kitty derart komplexe Gedankengänge hinter ihrer rot getigerten Stirn verfolgte. Trotzdem fühlte John sich von ihren Blicken provoziert.
„Kusch … geh zu deiner garstigen Herrin, die es genauso wenig wie du erwarten kann, mich loszuwerden.“
Miss Kitty antwortete mit einem Fauchen. Wie um ihn zu verhöhnen, sprang sie von der Kommode, stolzierte hoch erhobenen Schwanzes zu Patricias Schlafzimmertür und begann, daran zu kratzen. Es dauerte keine Minute, bis die Tür geöffnet wurde und die Katze ins Schlafzimmer schlich – nicht, ohne John vorher einen triumphierenden Blick zuzuwerfen.
John sandte der Fellschleuder noch ein paar unfreundliche Worte hinterher. Er hätte darauf geschworen, dass Miss Kitty absichtlich an Patricias Tür gekratzt hatte, um ihm zu zeigen, dass sie im Gegensatz zu ihm willkommen war.
2. Einfach nur ein großer Corgi
„Mr. Maddock, ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll.“ Der wohlbeleibten Dame im fliederfarbenen Sommerkleid kullerte eine Träne über die gerötete Wange. Die Baronetess Ermingtrude Blooming-Broomfield – sehr betucht und um die sechzig – wäre John wohl am liebsten um den Hals gefallen. Er betete zu allen altägyptischen Göttern, dass sie es nicht tat. Der Überschwang seiner Auftraggeberinnen, wenn er ihnen ihre Haustiere zurückbrachte, nahm manchmal beängstigende Züge an. Erst letzte Woche hatte eine Dame, deren Pekinesen er gerettet hatte, ihn so fest an ihren ausladenden Busen gedrückt, dass John befürchtet hatte, sie würde ihm die Rippen brechen.
Nun ja, solange die Baronetess Blooming-Broomfield sich als großzügig herausstellte, nahm er die ein oder andere gebrochene Rippe in Kauf.
„Oh, keine Ursache, Baronetess. Ich bin froh, dass ich Ihnen Filou unbeschadet zurückbringen konnte.“ Während John das mit seinem charmantesten Lächeln sagte, schob er der Baronetess die Rechnung mit den aufgelisteten Auslagen zu, die sie anstandslos entgegennahm.
„Nicht vorstellbar, was passiert wäre, wenn diese Einheimischen meinen armen kleinen Filou ... oh nein, ich mag gar nicht daran denken.“ Sie wischte sich eine weitere Träne aus dem Auge und betrachtete das vor Aufregung zitternde Hündchen auf ihrem Schoß.
John nickte scheinbar verständnisvoll. Die Baronetess war der festen Überzeugung, dass die Besitzer der Garküche, bei denen er Filou gefunden hatte, den Yorkshire Terrier hatten kochen und den Gästen servieren wollen. John hatte sie nicht davon überzeugen können, dass diese Menschen das herumstreunende und hilflose Schoßhündchen aus purer Freundlichkeit durchgefüttert und nicht hatten mästen wollen. Nichts konnte die Baronetess von ihrer Meinung abbringen. Also hatte John ihr kurzerhand zugestimmt. Es war besser, zahlungswillige Kundinnen nicht zu verärgern.
John warf Sir Tiny, der neben dem Schreibtisch lag und dem Gespräch folgte, einen kurzen Blick zu. Eigentlich war er der Held des Tages, wie bei den meisten seiner gelösten Fälle. Sir Tiny spürte die verschwundenen Hunde auf, aber was noch viel wichtiger war: Die Haustiere schienen ihm zu vertrauen. Ohne Sir Tiny wäre seine Erfolgsquote weitaus geringer gewesen. Stumm versprach John der Dogge ein großes Stück Roastbeef für ihre tatkräftige Hilfe.
„Nicht auszudenken, wenn Filou in einem Kochtopf gelandet wäre“, bekräftigte er die Worte der Baronetess und zählte im Kopf die Pfundnoten mit, die sie ihm auf den Schreibtisch legte. Der Auftrag war einfach und lukrativ gewesen. Außerdem hatte John ein paar Zusatzposten berechnet, um die Besitzer der Garküche für die Beherbergung und Beköstigung Filous sowie die entgegengebrachten Beschuldigungen zu entschädigen.
„Sie leisten wundervolle Arbeit. Ich habe einige Freundinnen, denen ihre Lieblinge abhandengekommen sind und werde Sie weiterempfehlen, Mr. Maddock.“
Sich als Privatdetektiv für verschwundene Haustiere etabliert zu haben, war für John Fluch und Segen zugleich. Einerseits war seine Tätigkeit krisensicher, denn es gab unzählige ältliche Damen, die ihre Haustiere als Kindersatz in einer längst zur Gewohnheit gewordenen Ehe nutzten und sie mit ihrer Liebe fast erdrückten. Da wunderte es kaum, dass die armen Tiere jede Gelegenheit nutzen, der gut gemeinten Umklammerung ihrer Besitzerinnen zu entkommen.
Die Baronetess erhob sich von ihrem Stuhl, der ächzend seine Erleichterung kundtat.
Mit Filou auf dem Arm, der noch immer zitterte, ging sie Richtung Tür und verabschiedete sich mit einem wohlwollenden Nicken von John, während dieser sich fragte, ob das Zittern des Hündchens rassebedingt war oder von der Aussicht herrührte, in sein altes Leben zurückzukehren. John war sich ziemlich sicher, dass es Filou in der Garküche gut gefallen hatte. Die Menschen waren freundlich zu ihm gewesen – und das Wichtigste: Sie hatten ihn wie einen Hund behandelt und nicht wie einen lebendigen Dekorationsartikel. „Ich frage mich, wie du diesen winzigen Hund in der Garküche gefunden hast“, wandte sich John an Sir Tiny, sobald die Baronetess fort war. „Manchmal denke ich wirklich, dass ihr euch untereinander unterhaltet. Sogar du und Miss Kitty. Auch wenn Patricia das als Unsinn abtut.“



