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Doch die schillernde Schönheit bedeutete dem Liverpooler Barkeeper mit seinem eiskalten Blick nichts, und sie verhalf Jimi, trotz wiederholter höflicher Bitten und mehrere Pfundnoten auf dem Tresen, nicht zu einem Bier. Jimi mag erwogen haben, dem alten Herrn von seinem wachsenden Ruhm zu erzählen, doch seine Geduld schwand. Obwohl er für seine Ruhe und seine guten Manieren bekannt war, besaß Jimi auch ein feuriges Temperament, das gelegentlich durchbrach, besonders, wenn Alkohol im Spiel war – und dann gnade demjenigen, der im Weg stand. „Wenn er wütend wurde“, bemerkt Etchingham, „ging er hoch.“ In dem Pub jedoch hoffte er noch immer auf ein Getränk, was die Chancen senkte, dass er sich auf den alten Mann stürzen würde.
Schließlich stellte Jimi den Barmann leicht stotternd zur Rede – ein Sprachfehler, der noch aus seiner Kindheit stammte und in den er, wenn er nervös war, wieder verfiel. „Liegt es daran“, fragte er aufgebracht, „dass ich schwarz bin?“
Der Barkeeper antworte schnell und sicher. „Nein, um Gottes wil-len, Mann! Habt ihr das Schild an der Tür nicht gelesen?“ Und damit schnappte sich der alte Mann sein Küchenhandtuch und trottete verärgert ans andere Ende der Bar.
Da Rassismus schon mal ausgeschlossen werden konnte, machte sich erneut humorvolle und ungezwungene Stimmung bei Jimi und Noel breit. Sie grinsten sich gegenseitig an wie Schuljungen, die etwas ausgefressen haben und darauf warten, erwischt zu werden. „Wir fingen an zu lachen“, erinnert sich Noel. „Wir hatten keine Ahnung, was wir verbrochen hatten.“ Noel spottete, dass man in Liverpool vielleicht Mitglied der Treegulls sein musste – Noels Spitzname für die Beatles –, um etwas zu trinken zu bekommen. Noel ging hinaus, um an der Tür nachzusehen, und entdeckte dort zwei mit Reißnägeln angebrachte Aushänge. Oben hing ein großes Poster, das eine Zirkusvorstellung am anderen Ende der Straße ankündigte, und weiter unten ein handgeschriebenes Schild, das erklärte, weshalb man Jimi und Noel aus dem Pub gewiesen hatte. Als Noel das zweite Schild entdeckte, bekam er einen Lachkrampf, der ihn in die Knie zwang. Das war ein Jahrhundertbrüller, dachte Noel. Einer von der Sorte, über den sie noch monatelang im Bandbus lachen würden. „Ich dachte“, erinnert sich Noel Jahre später, „ich würde es nicht aushalten, bis ich’s Mitch Mitchell erzählen konnte – der hätte uns das ewig unter die Nase gerieben.“ Als er wieder in den Pub ging, um Jimi aufzuklären, brüllte der sich gerade mit dem Barmann an.
„Ich hab dir gesagt, ich darf euch nicht bedienen!“, beharrte der Barmann. „Wir haben Vorschriften.“ Noel wollte eingreifen, aber jetzt wurde auch der Barkeeper hitzig und setzte seinen Vortrag fort. „Das Schild an der Tür ist eindeutig, und wenn ich einen von euch reinlasse, dann hängt ihr gleich massenweise hier rum, und so kann ich den Laden nicht führen, auf keinen Fall. Der Zirkus ist schon schlimm genug fürs Geschäft. Und auf dem Schild steht ganz deutlich: ‚Clowns ist der Zutritt untersagt!‘“
Noel erinnerte sich, dass Jimi einige Augenblicke brauchte, bis die Bedeutung der Worte bei ihm ankam. Selbst nachdem Noel Jimi die Erklärung ins Ohr geflüstert hatte – „Die Straße hinauf gastiert ein Zirkus, und der Typ will keine Clowns hier haben. Er hält uns für Clowns“ –, schien Jimi noch immer verdutzt, beinahe bestürzt. Als Jimi allmählich den Witz in seinen kosmischen Ausmaßen begriff, erschien ein breites Lächeln auf seinem Gesicht. Er wurde nicht aus dem Pub geworfen, weil er schwarz war oder weil er eine Militärjacke trug oder weil er zu ausgeflippt aussah oder sich wie ein Pirat kleidete oder weil er kein Beatle war, sondern weil er auf verdrehte Art und Weise alles das und noch viel mehr war.
In jenem Frühjahr war Jimi der aufregendste Rockstar in ganz Großbritannien; in nur zwei Monaten sollte er dieselbe Militärjacke bei seinem Auftritt auf dem Monterey Pop Festival tragen, das ihm schließlich den Durchbruch bescherte. Dank dieses Konzerts wurde er zum angesagtesten Star weltweit. Beinahe auf den Tag genau zwei Monate später reichte Paul McCartney Jimi nach einem Londoner Konzert einen Joint, klopfte ihm auf die Schulter und sagte: „Das war echt geil, Mann.“ Aber an jenem Nachmittag in einem Pub in McCartneys Heimatstadt Liverpool bekam Jimi kein Bier, egal, was er sagte. Der Wirt ließ sich nicht davon überzeugen, dass er einen Popstar vor sich hatte. Das Einzige, was er wusste, war, dass ihm dieser Clown erzählte, er sei mit einer Gruppe unterwegs, die „The Experience“ hieß. Clowns, dachte der Mann, ganz besonders solche mit Afros, waren sehr, sehr schlecht fürs Geschäft.
Kapitel eins
Besser als vorher
Seattle, Washington
Januar 1875 bis November 1942
„Lieber Al! Herzlichen Glückwunsch zu deinem Sohn. Mutter und Kind sind wohlauf. Umstände viel besser als vorher. Lucille lässt schön grüßen.“
— Telegramm von Delores Hall an Al Hendrix
Jimi Hendrix wurde 1942 einen Tag nach Thanksgiving geboren. Die Ankunft des dreitausendneunhundert Gramm schweren Babys wurde von allen als Gottesgeschenk zu Thanksgiving betrachtet. Als seine Tante dem Vater die frohe Botschaft telegrafierte, schrieb sie unter anderem: „Umstände viel besser als vorher.“ Die Bemerkung könnte auch als Motto der Geschichte der Familie Hendrix bis zu jenem Zeitpunkt und im weiteren Sinn auch als hoffnungsfrohe Zusammenfassung der Erfahrungen von Afroamerikanern in den Vereinigten Staaten verstanden werden: Lange Zeit hatte es sehr schlecht ausgesehen, und vielleicht durfte die neue Generation auf eine bessere und gerechtere Welt hoffen. Jimis Verwandte sowohl väterlicher- wie auch mütterlicherseits feierten seine Geburt als Neuanfang. „Er war das süßeste Baby, das man sich vorstellen kann“, erinnert sich Tante Delores Hall. „Er war ein echter Schatz.“
Jimi wurde im Kreißsaal des King County Hospital, des späteren Harborview, in Seattle, Washington, geboren. Vom Krankenhaus aus hatte man einen majestätischen Blick über den großen natürlichen Hafen von Puget Sound. Seattle entwickelte sich 1942 mit zirka dreihundertfünfundsiebzigtausend Einwohnern zu einer der wichtigsten amerikanischen Hafenstädte an der Pazifikküste. In den Kriegsjahren war es eine aufstrebende Industriestadt, in deren Werften Schiffe für die Marine produziert wurden und in der die Boeing Airplane Company die B-17-Bomber in Massenproduktion herstellte, mit denen die Alliierten schließlich den Krieg gewannen. 1942 wurde in den Fabriken rund um die Uhr gearbeitet, und durch den ungeheuren Zustrom von Arbeitern dehnte sich die Stadt aus, was auch deren ethnische Zusammensetzung unwiderruflich veränderte. Bei der Volkszählung 1900 waren nur vierhundertsechs Einwohner Seattles als schwarz gemeldet, was nur einem halben Prozent der Bevölkerung entsprach. In den zehn Jahren zwischen 1940 und 1950 stieg die Zahl der afroamerikanischen Einwohner aufgrund des kriegsbedingt erhöhten Bedarfs an Arbeitskräften und der damit einhergehenden Migration aus dem Süden sprunghaft auf fünfzehntausendsechshundertsechsundsechzig an, und Schwarze bildeten die größte ethnische Minderheit Seattles.
Weder Jimis Mutter noch sein Vater gehörten zu den während des Kriegs Zugezogenen, aber der Zweite Weltkrieg sollte dennoch eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielen. Zur Zeit von Jimis Geburt war sein damals dreiundzwanzigjähriger Vater Al Soldat der US-Army und in Fort Rucker, Alabama, stationiert. Al hatte seinen befehlshabenden Offizier um Vaterschaftsurlaub gebeten, um nach Seattle fahren zu können, doch dieser wurde ihm verweigert und er stattdessen eingebuchtet. Seine Vorgesetzten begründeten dies damit, dass sie davon überzeugt seien, er würde sich andernfalls unentschuldigt von der Truppe entfernen, um der Niederkunft seiner Frau beizuwohnen. Al befand sich im Militärgefängnis, als das Glückwunschtelegramm seiner Schwägerin eintraf. Später reichte er Beschwerde ein, weil weiße Soldaten in vergleichbaren Situationen Urlaub bekommen hatten, aber sein Protest stieß auf taube Ohren. Al bekam seinen Sohn erst zu Gesicht, als dieser bereits drei Jahre alt war.
Jimis Mutter, Lucille Jeter Hendrix, war bei seiner Geburt erst siebzehn Jahre alt. In der Woche, in der Al zum Militärdienst eingezogen wurde, stellte Lucille fest, dass sie schwanger war. Sie heirateten am 31. März 1942 im King County Courthouse. Die Zeremonie wurde von einem Friedensrichter geleitet, und sie verbrachten nur drei Tage zusammen als Mann und Frau, bevor Al in See stach. Am Abend vor seiner Abreise feierten sie im Rocking Chair, einem Club, in dem später Ray Charles entdeckt werden sollte. Lucille hatte noch nicht das Alter erreicht, in dem ihr der Genuss von Alkohol gestattet war, doch in den Kriegswirren störte das die Barkeeper nicht. Das Paar trank auf eine ungewisse Zukunft und auf Als unversehrte Rückkehr.
Der schicksalhafte Umstand, dass Al fünftausend Kilometer entfernt war, als das erste Kind des frisch verheirateten Paars zur Welt kam, hinterließ eine Wunde, die während der gesamten Ehe von Al und Lucille nicht heilte. Ihre Trennung war in den turbulenten Zeiten des Zweiten Weltkriegs natürlich nicht ungewöhnlich. Nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor im Dezember 1941 breitete sich verzweifelte Anspannung in Seattle und anderen Städten der Westküste aus, wo die Angst vor einem erneuten japanischen Angriff das Leben tausender vom Krieg auseinander gerissener Familien bestimmte. Am Tag vor Als und Lucilles Hochzeit wurden in Seattle als erster amerikanischer Stadt japanischstämmige Amerikaner versammelt und in Internierungslagern untergebracht. Zum Schluss wurden insgesamt zwölftausendachthundertzweiundneunzig Personen japanischer Abstammung im Staat Washington inhaftiert, darunter auch Freunde und Nachbarn des Paars.
Doch die Beziehung zwischen Al und Lucille wurde nicht nur durch die Kriegsereignisse belastet. Al war klein, aber hübsch, während Lucille eine außergewöhnliche jugendliche Schönheit ausstrahlte, nach der sich die Leute auf der Straße umdrehten. Abgesehen von ihrem Kind, hatten die beiden kaum etwas gemeinsam, worauf sich eine Ehe hätte aufbauen lassen. Beide stammten aus äußerst armen Familien, und Al verließ Seattle mit dem Wissen, dass er nur wenig tun konnte, um Ehefrau und Kind zu ernähren. Ihre Romanze war von kurzer Dauer gewesen – die Ehe wurde von ihren Freunden und ihrer Familie, wenn überhaupt, gerade so gebilligt. Als werdende junge Mutter stand Lucille aufgrund ihres Alters, ihrer Hautfarbe, ihrer sozialen Herkunft und finanziellen Situation vor enormen Schwierigkeiten. Und gerade Lucilles Armut war ausschlaggebend für ein tiefes Misstrauen, das in Al Hendrix wuchs und ihn später veranlasste, an ihrer Loyalität, Treue und seiner Vaterschaft zu zweifeln.
* * *
Vaterschaft und Abstammung waren in der Familie Hendrix bereits seit Generationen heikle Themen. Die Familiengeschichte spiegelte insofern die vieler Nachfahren von Sklaven, als nur sehr wenig darüber in den Annalen der Weißen zu finden war. Jimi Hendrix war der erste schwarze Rockmusiker, der ein vornehmlich weißes Publikum anzog, aber seine eigene ethnische Abstammung war vielfältig, und zu seinen Vorfahren gehörten Indianer und afrikanische Sklaven ebenso wie weiße Sklavenbesitzer.
Jimis Großvater mütterlicherseits war Preston Jeter, geboren am 14. Juli 1875 in Richmond, Virginia. Seine Mutter war Sklavin gewesen, und wie viele ehemalige Sklavinnen in Richmond behielt sie nach dem Bürgerkrieg ihre frühere Stelle als Haushaltshilfe. Prestons Vater war der ehemalige Besitzer seiner Mutter, obwohl nicht bekannt ist, ob Preston das Ergebnis einer Vergewaltigung oder eines einvernehmlichen Akts war – sofern davon im Rahmen einer Beziehung zwischen Sklavin und Herrn überhaupt die Rede sein kann. Nachdem er als junger Mann Zeuge eines Lynchmords geworden war, beschloss Preston, den Süden zu verlassen. Er ging in den Nordwesten, wo die Lebensumstände für Schwarze, wie er gehört hatte, besser sein sollten.
Preston war fünfundzwanzig Jahre alt, als er in Roslyn, Washington, einer kleinen Bergarbeiterstadt einhundertdreißig Kilometer östlich von Seattle in den Cascade Mountains, eintraf. In Roslyn kam es jedoch zu rassistischen Ausschreitungen, die denen des Südens kaum nachstanden. Die Geschäftsführer der Bergbaufirma hatten Afroamerikaner als Streikbrecher gegen die weißen Minenarbeiter eingesetzt. Der County Sheriff schrieb an den Gouverneur und warnte ihn: „Es gibt Verbitterung gegen die Neger. Ich fürchte, es wird Blut fließen.“ Eine Reihe rassistisch motivierter Morde folgte. „Mord ist an der Tagesordnung“, bemerkte ein Einwohner der Stadt.
Um 1908 wurden Afroamerikaner im Allgemeinen toleriert, wenn nicht gar akzeptiert, sie waren inzwischen fester Bestandteil der Bevölkerung Roslyns geworden. Ein Foto aus jenem Jahr zeigt Preston inmitten einer Gruppe schwarzer Bergarbeiter vor dem einzigen Saloon, der ihnen Zutritt gewährte: Big Jim E. Sheppersons Color Club. Dennoch blieb Rassismus an der Tagesordnung, und als eine Mine explodierte und fünfundvierzig Männer, darunter zahlreiche Afroamerikaner, getötet wurden, erlaubten die Weißen nicht, sie auf dem städtischen Friedhof zu beerdigen. Später entstanden in der Stadt vierundzwanzig verschiedene Friedhöfe, für jede ethnische Minderheit und Glaubensgemeinschaft einer.
Nachdem er zehn Jahre in Roslyn verbracht hatte, zog Preston nach Newcastle, Washington, wo er ebenfalls im Bergbau tätig war. 1915 verschlug es ihn dann nach Seattle, wo er als Landschaftsarchitekt arbeitete. Bereits in seinen Vierzigern angekommen, hoffte er nun, endlich eine Frau zu finden. Im Seattle Republican stieß er auf die Anzeige einer jungen Frau, die einen Ehemann suchte.
* * *
Die Frau, welche die Anzeige aufgegeben hatte, war Clarice Lawson, die Großmutter von Jimi Hendrix mütterlicherseits. Clarice war 1894 in Little Rock, Arkansas, geboren worden. Wie bei vielen Afroamerikanern in Arkansas gehörten zu ihren Vorfahren sowohl Sklaven wie auch Cherokee. Clarice erzählte ihren Kindern, die Regierung der Vereinigten Staaten hätte ihre indianischen Vorfahren verfolgt, bis diese von Sklaven versteckt worden seien, die sie teilweise auch geheiratet hätten.
Clarice hatte vier ältere Schwestern, und die fünf Lawson-Töchter reisten regelmäßig ins Louisianadelta, um Baumwolle zu pflücken. Auf einer dieser Fahrten wurde Clarice, die damals zwanzig Jahre alt war, vergewaltigt. Als sie später feststellte, dass sie schwanger war, brachten ihre Schwestern sie rasch in den Westen und suchten einen Ehemann für sie. Sie entschieden sich für Washington, nachdem sie von Bahnarbeitern gehört hatten, dass Schwarze in dieser Region bessere Chancen hätten.
In Seattle schalteten sie eine Anzeige, mit der sie einen Ehemann suchten, wobei sie die Schwangerschaft von Clarice nicht erwähnten. Preston Jeter meldete sich, und obwohl er neunzehn Jahre älter war als Clarice, begannen sie, miteinander auszugehen. Als die Schwestern von Clarice auf eine baldige Hochzeit drängten und Preston einen bestimmten Geldbetrag als Mitgift boten, wurde er misstrauisch und beendete die Beziehung. Clarice bekam das Kind und gab es zur Adoption frei. Die Schwestern boten Preston daraufhin noch mehr Geld, wenn er die nun trauernde Clarice heiraten würde. Er willigte ein, und sie wurden 1915 getraut. Obwohl die Ehe bis zu Prestons Tod dreißig Jahre später hielt, wurde die Beziehung durch die ungewöhnlichen Umstände, unter denen sie einander kennen gelernt hatten, belastet.
Sowohl Preston als auch Clarice waren in den Nordwesten gekommen, weil sie an einem Ort ein neues Leben anfangen wollten, an dem die Hautfarbe eine geringere Rolle spielte als anderswo. Bis zu einem gewissen Grad war das in Seattle durchaus der Fall, wo es immerhin die ausschließlich Weißen vorbehaltenen Trinkwasserbrunnen des rassistischen Südens nicht gab. Im Nordwesten jedoch stießen Afroamerikaner auf eine weniger offensichtliche Form der Diskriminierung, die sie dennoch stark in ihren Möglichkeiten einschränkte. In Seattle lebten Afroamerikaner beinahe ausschließlich in einer Gegend namens Central District, sechseinhalb Quadratkilometer, auf denen sich die ältesten und heruntergekommensten Häuser der Stadt fanden. Außerhalb dieses Viertels vermieteten Hauseigentümer selten an Afroamerikaner, und in vielen Gemeinden war Schwarzen der Kauf von Immobilien gesetzlich verboten.
Obwohl sie die freie Wahl des Wohnorts einschränkte, hatte die faktische Rassentrennung in Seattle auch Vorteile für Schwarze. Im Central District entwickelte sich eine enge Gemeinschaft mit starkem nachbarschaftlichem Zusammenhalt, was den ethnischen Stolz der Einwohner beförderte. „Es war eine kleine Gemeinschaft. Wenn man jemanden nicht kannte, kannte man mindestens jemanden aus seiner Familie“, erinnert sich Betty Jean Morgan, die ihr Leben lang dort gelebt hat. In dem Viertel waren außerdem amerikanische Ureinwohner, Chinesen, Italiener, Deutsche, Japaner und Filipinos zu Hause. In den Schulen traf sich ein Mischmasch aller möglichen Abstammungen. Es gab so viele ethnische und religiöse Minderheiten – das Viertel war außerdem Zentrum des jüdischen Lebens der Stadt –, dass sich ein damals in den gesamten Vereinigten Staaten einzigartiges multikulturelles Gefüge entwickelte. Die Historikerin Esther Hall Mumford gab ihrem Buch über die Geschichte des schwarzen Seattle den Titel Calabash, in Anspielung auf die afrikanische Tradition, alle möglichen Zutaten zusammen in einem Topf zu kochen, der so groß ist, dass man damit ein ganzes Dorf ernähren könnte – eine passende Metapher für den Central District in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Starke soziale Bindungen und ein herzliches Gefühl der Zusammengehörigkeit waren für alle, die dort aufwuchsen, prägend.
Die schwarze Gemeinde in Seattle hatte ihre eigenen Zeitungen, Restaurants, Läden und, was vielleicht am großartigsten erscheinen mag, einen eigenen Unterhaltungsbezirk, der sich um die Jackson Street konzentrierte. In den Nachtclubs und Spielhöllen dort traten landesweit bekannte Jazz- und Bluesmusiker auf. Die Szene war derart lebendig, dass ein Zeitungsredakteur sie mit der State Street in Chicago oder der Beale Street in Memphis verglich. Obwohl Preston und Clarice Jeter die Clubs auf der Jackson Street eher selten besuchten, sollte die bunte und dynamische Unterwelt doch einen wichtigen Einfluss auf die Jugend ihrer Kinder und schließlich auch auf ihren Enkel Jimi Hendrix haben.
* * *
Die größte Herausforderung für Schwarze in Seattle – eine Herausforderung, die alles andere in den Hintergrund rücken ließ – bestand darin, eine faire Anstellung zu finden. Afroamerikaner wurden von der weißen Gesellschaft in Seattle meist toleriert, doch die einzigen Berufe, die Schwarzen offen standen, waren die des Kochs, Kellners oder Kofferträgers. Ähnlich wie in Roslyn fand Preston Jeter während eines Streiks Arbeit im Hafen. Es war ein Job, der normalerweise Weißen vorbehalten war. Clarice fand – wie laut der Volkszählung von 1910 vierundachtzig Prozent aller afroamerikanischen Frauen Seattles – Arbeit als Hausmädchen. Wie die meisten schwarzen Mütter damals kümmerte sich Clarice um weiße Babys, obwohl sie gleichzeitig eigene Kinder zu versorgen hatte.
Im Verlauf der folgenden zehn Jahre bekam Clarice acht Kinder, von denen zwei im Säuglingsalter starben und zwei zur Adoption freigegeben wurden. Lucille, das jüngste der Jeter-Kinder, wurde 1925 geboren, acht Wochen zu früh. Aufgrund von Komplikationen wegen eines Tumors sowie postnataler Depressionen blieb Clarice bis sechs Monate nach Lucilles Geburt im Krankenhaus. Preston, der damals bereits fünfzig Jahre alt war und selbst unter gesundheitlichen Problemen litt, konnte sich nicht um die Familie kümmern, weshalb Lucilles drei Schwestern, Nancy, Gertrude und Delores, die Sorge um das Baby übernahmen. An einem Tag im Dezember, als Seattle gerade einen seiner seltenen Schneestürme erlebte, brachten Hebammen sie nach Hause. „Sie muss-ten vor unserem Haus ganz vorsichtig den Hügel hinauflaufen“, erinnert sich Delores Hall, die damals vier Jahre alt war. „Sie legten sie mir in die Arme und sagten: ‚Pass gut auf sie auf, das ist deine neue Schwester.‘“
Die Jeters hatten in den kommenden Jahren mit enormen Schwierigkeiten zu kämpfen. Clarice musste immer wieder ins Krankenhaus, litt an körperlichen und mentalen Gesundheitsproblemen, und die Kinder wurden in die Obhut einer deutschen Großfamilie gegeben, die auf einem kleinen Bauernhof nördlich von Greenlake wohnte. In dieser vornehmlich weißen Gegend wurden sie regelmäßig für Zigeuner gehalten, eine andere ethnische Minderheit, die vom weißen Seattle gemieden wurde.
Als Lucille zehn Jahre alt wurde, lebte die Familie wieder zusammen im Central District. Als Jugendliche hatte Lucille bemerkenswert schöne Augen und war sehr gelenkig. „Sie hatte langes, dickes, dunkles und glattes Haar und ein wunderschönes breites Lächeln“, sagte Loreen Lockett, ihre Freundin auf der Junior High. Preston und Clarice waren gegenüber Lucille besonders fürsorglich und erlaubten ihr vor ihrem fünfzehnten Geburtstag nicht, zu Tanzveranstaltungen zu gehen. Lucille war hübsch und temperamentvoll und zog schon damals die Aufmerksamkeit auf sich. „Sie war ein gut aussehendes Mädchen und eine sehr gute Tänzerin“, erinnert sich James Pryor. „Sie hatte sehr helle Haut und schönes Haar. Sie wäre durchgegangen.“ „Durchgehen“ bedeutete in der afroamerikanischen Umgangssprache, dass jemand so helle Haut hatte, dass er als weiß gelten konnte. Das hätte natürlich Betrug bedeutet, gleichzeitig aber auch unzählige Arbeitsmöglichkeiten eröffnet, die Schwarzen verwehrt blieben. Sogar innerhalb der afroamerikanischen Gemeinschaft galten damals helle Haut und glatte Haare als schön, und Lucille besaß beides.
Allen Berichten zufolge war die fünfzehnjährige Lucille anständig und ein bisschen unreif. Sie war musikalisch begabt und konnte singen. Gelegentlich nahm sie an Amateurwettbewerben teil, wo sie einmal fünf Dollar gewann. Ihre größte Freude im Leben war jedoch, mit einem guten Partner zu tanzen. An einem Abend im November 1941 machte Lucille auf dem Weg zu einer Tanzveranstaltung bei einer Klassenkameradin zu Hause Halt. Sie war gerade sechzehn geworden und besuchte die Junior High. Wie jedes andere Schulmädchen war sie aufgeregt vor dem Konzertbesuch. Fats Waller, der legendäre Jazzpianist, war für den Abend angekündigt. Bei ihrer Klassenkameradin war ein junger Mann aus Kanada zu Besuch. „Lucille“, sagte ihre Klassenkameradin, „darf ich dir Al Hendrix vorstellen?“
Kapitel zwei
Bucket of Blood
Vancouver, Britisch-Kolumbien
1875 bis 1941
„Sie arbeitete in einer Kneipe, die hieß ‚Bucket of Blood‘. In dem Laden gab’s ständig Ärger und Messerstechereien. Das war echt ’ne heftige Kneipe.“
— Dorothy Harding
Als Jimi Hendrix Ende der Sechzigerjahre allmählich berühmt wurde, buchstabierten die Zeitungen seinen Nachnamen oft falsch als „Hendricks“. Hendrix fand, dass das nun mal zum Showbusiness gehöre, und ließ sich die zahlreichen unterschiedlichen Schreibweisen seines Familiennamens gefallen. Bis 1912, als ihn sein Großvater zu „Hendrix“ verkürzte, wurde sein Nachname jedoch tatsächlich „Hendricks“ geschrieben.
Zu Jimis Vorfahren väterlicherseits zählen ebenso wie mütterlicherseits Sklaven, Sklavenbesitzer und Cherokee. Jimis Großvater väterlicherseits, Bertran Philander Ross Hendrix, wurde ein Jahr nach Ende des Bürgerkriegs in Urbana City, Ohio, geboren. Er war ein außereheliches Kind und entsprang der Vereinigung seiner Mutter, einer ehemaligen Sklavin, mit einem weißen Kaufmann, dem sie einmal gehört hatte. Seine Mutter nannte ihn nach ihrem Herrn, in der Hoffnung, der Vater würde für den Unterhalt des Kindes aufkommen, was er aber niemals tat. Als Bertran erwachsen wurde, nahm er einen Job als Bühnenarbeiter bei einer Varietétruppe an. Dort begegnete er Nora Moore, und die beiden heirateten. Noras Urgroßmutter war eine Vollblut-Cherokee gewesen, womit Jimi Hendrix zu mindestens einem Achtel Indianer war.
Nora und Bertran trafen 1909 in Seattle ein, als ihre rein schwarze Varietétruppe, das Great Dixieland Spectacle, im Rahmen der Alaska-Yukon-Pacific-Exposition an der Universität Washington gastierte. Sie blieben den Sommer über, zogen dann aber weiter nach Vancouver in Britisch-Kolumbien, auf der anderen Seite der Grenze Washingtons. Die Gemeinden der Minderheiten in Vancouver waren noch kleiner als in Seattle, und da es dort wenig Bedarf an schwarzem Varietétheater gab, verdingte sich Bertran als Hilfsarbeiter und Diener. Wie das Paar feststellen musste, war Vancouver eine Stadt, die auf so überwältigende Weise von Weißen geprägt war, dass sie dort als kurios auffielen. Sie ließen sich in Strathcona nieder, dem Einwandererviertel, das auch Zentrum der Schwarzbrenner und Prostituierten war und von Einheimischen „sündige Meile“ genannt wurde.



