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Jimi half seinem Vater regelmäßig beim Rasenmähen, und Al wollte, dass er in das Familiengewerbe einstieg und mit ihm arbeitete. „Wenn Jimi den ganzen Tag hart arbeitete, bekam er einen Dollar dafür. Aber es war harte Arbeit, und Jimi hasste sie.“ Jimmy Williams hatte im Gegensatz dazu einen Job in einem Lebensmittelladen und verdiente fünfzig Dollar die Woche. Er versuchte, Jimi ebenfalls dort unterzubringen. „So viel Geld hätte in seinem Leben echt einiges verändert“, sagt Williams, aber Al erlaubte Jimi nicht, die Stelle anzunehmen. „Al sagte immer nur: ‚Ich kann ihm nicht erlauben, so spät noch zu arbeiten, weil er lernen und in die Schule gehen muss‘“, erinnert sich Williams. „Aber natürlich ging Jimi nur äußerst selten in die Schule, und gelernt hat er nie.“
Die Freundschaft zwischen den Jungs aus dem Viertel entwickelte sich immer weiter auseinander, je älter sie wurden, wenn sie Jobs bekamen oder wegzogen. Jimi schien in mancherlei Hinsicht den anderen hinterherzuhinken, und sogar in seiner Beziehung zu Betty Jean war er nicht über das Küssen hinausgekommen. Silvester 1959 verbrachte er mit Jimmy Williams, indem die beiden Dean Martins „Memories Are Made Of This“ spielten. Um Mitternacht rief er Betty Jean an, doch angesichts der Tatsache, dass sie nur ein paar Straßenecken weiter wohnte, kann sie dies kaum als besonders romantisch empfunden haben.
Wenn Jimi gleichzeitig mit anderen Mädchen geschlafen haben sollte, so prahlte er nie damit. Jimmy Williams und Pernell Alexander erinnern sich an eine Party, zu der alle gehen wollten, auf der ältere, sexuell erfahrene Frauen erwartet wurden. Auf den ersten Blick schien dieser Abend die Chance zu bieten, dass Jimi seine Jungfräulichkeit verlieren könnte. Pernell, der immer schon ausgekochter als die anderen beiden war, knöpfte sich, bevor sie eintraten, noch einmal Jimi und Jimmy vor. Wie ein älterer Bruder versuchte, er die beiden aufzuklären. „Die Eltern dieser Mädchen sind nicht da, vielleicht feiern sie die ganze Nacht. Ich hoffe, ihr wisst, was ihr tut. Hat einer von euch beiden schon mal gebumst?“
Weder Jimi noch Jimmy antworteten. Ihr Schweigen und ihre aufgerissenen Augen ließen darauf schließen, dass sie völlig unerfahren waren. „Also, ihr müsst einfach nur cool bleiben“, sagte Pernell, als er das Haus betrat.
Jimi und Jimmy folgten ihm nicht. Sie blieben auf der Veranda, sahen sich gegenseitig ratlos an und sammelten innere Stärke. Für sie schien Sexualität untrennbar mit den Ermahnungen verbunden, die sich beide unentwegt hatten anhören müssen, bloß kein Mädchen zu schwängern. Ihre Beklommenheit wurde dadurch noch gesteigert, dass sie Freunde hatten, die bereits Väter geworden waren. Einige Augenblicke lang besprachen sie sich und überlegten, welche Schwierigkeiten eine Schwangerschaft in ihr ohnehin schon kompliziertes junges Leben bringen würde. Sie waren damals siebzehn Jahre alt, aber noch wie Kinder. „Ich kann es mir nicht leisten, ein Mädchen zu schwängern“, meinte Jimi voller Sorge. Jimmy Williams pflichtete ihm bei. Schließlich stand Jimmy auf und ging weg. Auch Jimi erhob sich und folgte seinem besten Freund nach Hause. Sie hatten keinen Fuß in das Haus gesetzt.
* * *
Irgendwann beichtete Jimi Al den Verlust seiner Gitarre und bekam die Lektion seines Lebens. Wochenlang lief er wie ein geprügelter Hund in der Schule herum.
Bevor ihm die Gitarre gestohlen worden war, hatte Jimi in einer Band namens The Rocking Kings zu spielen begonnen. Wie die Velvetones bestand diese Gruppe aus Highschoolkids, aber sie hatten ein paar gut bezahlte, professionelle Auftritte ergattert. Obwohl die Band mit Junior Heath bereits über einen ausgezeichneten Gitarristen verfügte, hatte Jimi bei einer „Battle of the Bands“-Veranstaltung früher in jenem Herbst einen solchen Eindruck hinterlassen, dass man ihm einen Platz in der Band anbot. „Er war sehr eisern drauf“, erinnert sich der Schlagzeuger Lester Exkano. „Er rauchte nicht, und er trank nicht. Er war ein bisschen wilder als andere Jungs.“ Jimi mag abseits der Bühne spießig gewirkt haben, aber sobald er einen Verstärker und einen Scheinwerfer hatte und auf der Bühne stand, war er wie ausgewechselt. Die Rocking Kings hatten einen Manager, James Thomas, der ihnen Engagements zu verschaffen versuchte und sie professioneller wirken ließ. In seiner Eigenschaft als Manager verfügte Thomas, dass alle in der Band Anzugjacken zu tragen hatten. Für einen bestimmten Auftritt musste sich Jimi ein rotes Jackett borgen, wobei die Leihgebühr höher war als sein Anteil an der Gage. Al sorgte dafür, dass er die Lehre so schnell nicht vergaß.
Nachdem Jimis Gitarre gestohlen worden war, war er für die Rocking Kings wertlos geworden, und mehrere Bandmitglieder legten zusammen, um ihm ein neues Instrument zu kaufen. Für neunundvierzig Dollar fünfundneunzig erstanden sie eine weiße Danelectro Silvertone bei Sears Roebuck, zu der auch ein passender Verstärker gehörte. Wie er es auch schon mit seiner alten Gitarre gehalten hatte, ließ er die neue gewöhnlich bei Freunden zu Hause stehen, um sie dem Zorn seines Vaters zu entziehen. Jimi malte die Gitarre rot an und schrieb den Namen „Betty Jean“ in fünf Zentimeter großen Buchstaben vorn drauf. Seine Tante Delores bemerkte, dass er die Gitarre auch nach seiner Mutter „Lucille“ hätte taufen können, hätte nicht B. B. King den Namen bereits verwendet.
B. B. King blieb ein starker Einfluss, und Songs wie „Every Day I Have The Blues“ und „Driving Wheel“ waren beliebte Coverversionen, welche die Band spielte. Ein Set der Rocking Kings enthielt zum Beispiel „C. C. Rider“ in der ursprünglichen R&B-Version, wie sie Chuck Willis gespielt hatte, Hank Ballards Version von „The Twist“, die langsamer war als der Hit von Chubby Checker, außerdem beliebte Nummern wie „Rockin’ Robin“ oder „Do You Want To Dance?“, Coverversionen von Hits der Coasters, „Blueberry Hill“ und beinahe immer Songs von Duane Eddy und Chuck Berry. Die Band spielte auch eigene Versionen von „David’s Mood“ und „Louie, Louie“. „Wir haben Blues, Jazz und Rock durcheinander gespielt“, erinnert sich Exkano. „Wir spielten alles, damit die Leute weitertanzten.“ Die Songs wurden von Exkanos ungewöhnlichem Schlagzeugsound vorangetrieben, den er als „Kitschbeat“ bezeichnete. „Das war eher so ein schlurfender Shuffle“, erklärte Exkano, „was es leichter machte, dazu zu tanzen. Der Sound war definitiv schwarz, aber das Publikum bei unseren Shows war gemischt, und alle kamen.“
Im Juni 1960 zogen Al und Jimi wieder einmal um, diesmal in ein kleineres Haus im East Yesler Way 26026, nur ein paar Straßenecken von der Garfield High entfernt. Jimi schloss sein zweites Jahr an der Highschool mit einer zwei in Kunst und einer Vier im Maschinenschreiben ab. Sechsen kassierte er in Theater, Geschichte und Sport, die Fächer Literatur, Werken und Spanisch hatte er vorsorglich bereits abgegeben. „Er wollte einfach nicht lernen“, erinnert sich Terry Johnson. „Das führte natürlich dazu, dass er durchfiel, was seine Selbstachtung wiederum erneut ankratzte.“
Als im darauf folgenden September die Schule wieder losging, besuchte Jimi zunächst einen Monat lang den Unterricht, doch schon wenig später zeichnete sich ab, dass er den Abschluss niemals schaffen würde. Trotz mehrerer Warnungen von Schulbeamten, er würde der Schule verwiesen, sollte er weiterhin den Unterricht schwänzen, erschien Jimi nicht und wurde gegen Ende Oktober 1960 offiziell entlassen. In seiner Schulakte wird als Grund für seinen Abgang eine „Arbeitsverpflichtung“ angegeben, jedoch hatte er außer als Gitarrist bei den Rocking Kings keinen anderen Job. „Er war so weit davon entfernt, den Abschluss zu schaffen, dass es keine Frage von ein paar schlechten Noten oder versäumten Unterrichtsstunden mehr war“, erinnert sich der Direktor Frank Hanawalt. „Er hatte so viel versäumt, dass er das unmöglich noch aufholen konnte. Damals gab es die Vorschrift, dass wir Schüler, die den Unterricht nicht regelmäßig besuchten, nicht weiter an unserer Schule dulden durften.“ In jenem Jahr gingen zirka zehn Prozent der Schüler von der Garfield ab.
Als Jimi Jahre später berühmt war und gegenüber gutgläubigen Reportern seine Vergangenheit mystisch verklärte, erzählte er das Märchen, er sei von der Schule geflogen, weil ihn rassistische Lehrer beim Händchenhalten mit seiner weißen Freundin in der Bibliothek erwischt hätten. Die Geschichte war frei erfunden: Beziehungen zwischen Weißen und Schwarzen waren an der Schule nicht beispiellos, obwohl Jimi zu dem Zeitpunkt keine weiße Freundin hatte, mit der er hätte Händchen halten können. Niemand, der in jener Zeit die Garfield besuchte, erinnert sich an eine andere Highschoolfreundin außer Betty Jean. Jimi hatte sich mit Mary Willix angefreundet, einer weißen Klassenkameradin, die eine enge Freundin wurde – mit ihr unterhielt er sich über Ufos, das Unbewusste und Wiedergeburt. Jimis Freundschaft zu Willix war allerdings rein platonisch, doch war sie eines der wenigen weißen Mädchen, mit denen er in seiner Jugend näher zu tun hatte. „Kaum eine der anderen weißen Schülerinnen kannte Jimi überhaupt“, bemerkt Willix. Die Freundschaft zu Willix hinterließ jedoch einen bleibenden Eindruck bei ihm, ebenso wie die vielen Freundschaften, die Jimi zu Musikern aller möglicher Hautfarben an der Garfield und im Central District in jenem Herbst unterhielt. „Der Multikulturalismus, den Jimi an der Garfield erlebte, sollte ihn den Rest seines Lebens begleiten“, erinnert sich Willix. „Das war wirklich ein ganz besonderer Ort, und alle, die dort waren, wurden nachhaltig davon geprägt.“ Diese Freundschaften, von denen sich viele um die gemeinsame Liebe zur Musik entwickelten, wirkten sich dauerhafter auf Jimi aus als alles, was er im Unterricht gelernt hatte.
Das fantastische Märchen, er sei wegen einer imaginären weißen Freundin aus der Bibliothek geworfen worden, brachte Jimis Freunde und Klassenkameraden allein schon wegen der Vorstellung, Jimi habe in der Bibliothek gesessen, zum Schmunzeln. Die Wahrheit ist, dass Jimi Hendrix am 31. Oktober 1960, zu Halloween, im Alter von siebzehn Jahren wegen zu schlechter Noten von der Schule abgehen musste.
Kapitel sieben
Spanish Castle Magic
Seattle, Washington
November 1960 bis Mai 1961
„Das ‚Spanish Castle‘ war zur Zeit der Rock’n’Roll-Shows das Walhalla im Nordwesten. Wenn man es da geschafft hatte, hatte man es geschafft.“
— DJ Pat O’Day aus Seattle
Jimi Hendrix brauchte, anders als er es 1968 in seinem Song „Spanish Castle Magic“ schrieb, keinen „halben Tag“, um zum Spanish Castle, dem legendären Tanzclub, zu gelangen. Vom Central District aus dauerte die Autofahrt dorthin lediglich eine Stunde. Die Fahrt zu dem Club in Kent, Washington, war jedoch karriereentscheidend, denn das Castle war die wichtigste Tanzhalle im Nordwesten, und jeder Musiker aus der Gegend träumte davon, dort zu spielen. Hendrix besuchte den Club das erste Mal 1959, um die Fabulous Wailers zu sehen, die damals beliebteste Band im Umkreis, und er kehrte, so oft er konnte, zurück. Das Castle war 1931 zum Tanzsaal umgebaut worden und groß genug für bis zu zweitausend Gäste. Ausstaffiert mit schicken Neonlampen und einer Stuckfassade mit kleinen Türmchen, sicherte sich der Veranstaltungsort seinen Platz in der Geschichte des Nordwestens, als die Fabulous Wailers 1961 ihr Livealbum At The Castle herausbrachten. DJ Pat O’Day buchte die meisten großen Shows dort. „Das Spanish Castle war zur Zeit der Rock’n’Roll-Shows das Walhalla im Nordwesten“, sagt er. „Das war der angesagteste Laden, und jede Band aus der Gegend wollte auf dieser Bühne spielen.“
Das erste Mal stand Jimi auf der Bühne des Castle, als die Rocking Kings dort Ende 1960 im Vorprogramm einer anderen Band spielten. Der Auftritt selbst war nicht besonders bemerkenswert, da die Band nervös war, aber Ende 1960 bekamen die Rocking Kings schon einigermaßen interessante Engagements. Sie hatten auf dem Seafair-Festival in Seattle gespielt und den zweiten Platz bei einem Amateurwettbewerb belegt, dem „All State Battle of the Bands“.
Obwohl das Publikum im Castle größtenteils weiß war, war es ein gemischter Club, und viele der weißen Musiker aus der Gegend beschäftigten sich mit R & B und Jazzmusik. „Die Szene im Nordwesten war sehr stark von der afroamerikanischen Kultur beeinflusst“, erinnert sich Larry Coryell, der seine Karriere bei den Checkers begann, einer beliebten Gruppe aus dem Castle. „Die Musik im Nordwesten besaß Originalität, was vor allem daran lag, dass Seattle geografisch so isoliert war. Daher wurde der dreckige R & B der Wailers, der Frantics und der Kingsmen zu einem ganz eigenen Heimatsound.“
„Louie, Louie“ wurde zum Markenzeichen der Gegend und auf beinahe jedem Konzert gespielt, egal, welche Band auftrat. Der Text mag unverständlich gewesen sein, aber der energische Beat des Songs – der von Richard Berrys beinahe calypsoartigem Original abgeleitet worden war – war entschieden tanzbar. Der „dreckige“ Sound, von dem Coryell spricht, entstand teilweise durch das Low-Fi-Equipment, das auf höchste Lautstärke aufgedreht wurde, war aber auch Ergebnis einer gewissen Experimentierfreudigkeit. „Wir haben sogar die Röhren aus den Lautsprechern rausmontiert, sie mit Handtüchern umwickelt und Zahnstocher in die Basslautsprecher gesteckt, damit ein richtig fieses Feedback entsteht“, erinnert sich Jerry Miller, der später bei Moby Grape spielte. Jimis Experimente mit Verzerrern fingen ungefähr zu dieser Zeit an, als er einmal seinen Verstärker fallen ließ und feststellte, dass die Ruckelei den Sound seiner Gitarre beeinflusste.
Keine Band war besser darin, „schmutzig, aber cool“ zu sein, als die Fabulous Wailers aus Tacoma. Obwohl sie alle weiß waren, hatten die Wailers einen ausgefeilten eigenen, innovativen R&B-Sound geschaffen, und ihr Gitarrist Rich Dangel hatte großen Einfluss auf Jimi. Dangel erinnert sich, dass Jimi nach einem Auftritt im Castle zu ihm kam und ihm Komplimente wegen seines Gitarrenspiels gemacht habe. „Er war ein schüchterner Junge, aber er hat ganz klar versucht, mir zu schmeicheln“, sagt Dangel. „Er bot an, einzuspringen, wenn wir mal einen weiteren Gitarristen bräuchten.“ Oberflächlich betrachtet, war die Idee natürlich absurd, aber es wurde deutlich, dass der einst so schüchterne Jimi anfing, Werbung für sich selbst zu machen. Nicht viele afroamerikanische Gitarristen spielten im Castle, und Jimi wäre in diesem Zusammenhang sicherlich aufgefallen.
Die Geschichten darüber, wie Jimi backstage im Castle herumhing, sind legendär. Pat O’Day erzählt folgende am häufigsten: „Da war so ein schwarzer Junge, der da immer rumhing. Er kam zu mir und fragte sehr höflich: ‚Mister O’Day? Wenn bei jemandem der Verstärker kaputtgeht, ich hab einen im Kofferraum meines Wagens. Das ist echt ein richtig guter. Aber wenn ihr ihn benutzt, dann will ich auch spielen dürfen.‘“
Damals explodierten bei Verstärkern häufig die Röhren. Jimis Vorschlag kam einer kleinen Erpressung gleich: Wenn ihr meinen Verstärker haben wollt, dann müsst ihr mich dazunehmen. Wenn an der Geschichte etwas Wahres dran ist – O’Day buchte später Konzerte für die Jimi Hendrix Experience, und er und Jimi schwelgten oft in nostalgischen Erinnerungen an das Spanish Castle –, so ist diese mit Sicherheit stark übertrieben, da Jimi keinen Wagen besaß und sein einziger Verstärker sein Silvertone war, den kein Musiker als „echt gut“ bezeichnet hätte. Sein Freund Sammy Drain erinnert sich, dass einer der Jungs aus der Nachbarschaft einen steinalten Mercury hatte, mit dem sie manchmal zum Castle fuhren. „Als Jimi diese Zeile von wegen ‚half a day away‘ – einen halben Tag entfernt – schrieb, meinte er die Fahrten, bei denen das Auto liegen blieb, denn manchmal dauerte es tatsächlich einen halben Tag, um dorthin zu kommen“, sagt Drain.
Unzuverlässige Autos gehörten zum beunruhigenden Teil der Erfahrungen, die er mit den Rocking Kings machte. So hatten sie zum Beispiel kurz vor der kanadischen Grenze eine Autopanne, die sie wegen eines gut bezahlten Auftritts in Vancouver überqueren mussten. Schließlich gaben sie spontan ein Konzert in Bellingham, Washington, bis die örtliche Polizei die Vorstellung beendete. Trotz ihrer Anstrengungen kehrte die Band mit nicht mehr als dem Geld für den Bus nach Seattle zurück. Die ursprüngliche Gruppe löste sich nach dieser katastrophalen Beinahetournee auf, obwohl der Manager James Thomas die Band erneut gründete und Jimi dabei eine wichtigere Rolle zuwies, indem er ihn im Hintergrund singen ließ. Jimi hatte bis zu diesem Zeitpunkt kaum gesungen und behauptete, seine Stimme sei zu schwach. Thomas gab der Band den neuen Namen Thomas and The Tomcats und übernahm selbst die Aufgaben eines Frontmanns. In dieser Zusammensetzung bekam die Band ein paar Engagements in Städten auf dem Land, weit außerhalb von Seattle, wobei auch diese Auftritte wieder von Problemen mit dem Wagen gefährdet wurden. Bei einem Konzert im Osten Washingtons verdiente die Band fünfunddreißig Dollar, was für Jimi einen Anteil von sechs Dollar für ein Wochenende Arbeit bedeutete. Doch das ländliche Publikum liebte die Band, besonders Jimis Solo bei „Come On“ von den Earl Kings, das inzwischen Höhepunkt der Show der Tomcats war. Auf der Heimfahrt war die Band ausgelassener Stimmung, bis sie östlich von Seattle in einen Schneeschauer geriet. „Es war ungefähr vier Uhr morgens“, erinnert sich Lester Exkano, „und wir saßen im Neunundvierziger-Studebaker von James Thomas. Alle waren müde, also fuhren wir seitlich ran und schliefen ein bisschen, in der Hoffnung, es würde zu schneien aufhören. Als sie zwei Stunden später aufwachten, hatte sich der Schneeschauer in einen ausgewachsenen Schneesturm verwandelt, und sie fürchteten zu erfrieren, wenn sie nicht weiterführen. Exkano saß am Steuer, als der Wagen von der Straße abkam, in einen Graben rutschte und sich überschlug. Niemand wurde verletzt, aber die jungen Männer hatten einen Riesenschreck bekommen.
Bei Jimi jedoch saß der Schreck noch tiefer. Er verkündete, er habe die Nase voll davon, mitten in der Nacht in abgewrackten Autos herumzufahren. „Ich hab genug von der ganzen Scheiße“, erklärte er seinen verblüfften Bandkollegen. Und damit legte er sich in den Schnee und ruderte mit Armen und Beinen. Die anderen trotteten die Straße hinauf, auf der Suche nach einem Abschleppwagen. Als sie eine Stunde später wiederkamen, lag Jimi noch immer im Schnee, hatte den Mantel über den Kopf gezogen und schien leblos. „Wir haben im Ernst gedacht, er sei erfroren“, erinnert sich Exkano. Als Lester prüfen wollte, ob Jimi noch Lebenszeichen von sich gab, sprang dieser auf und schrie: „Reingelegt! So leicht bringt ihr mich nicht um!“
* * *
Die meisten von Jimis Freunden machten im Frühjahr 1961 ihren Highschoolabschluss. Für junge Afroamerikaner gab es nur wenige freie Stellen, die meist auf das Dienstleistungsgewerbe beschränkt blieben. Und selbst dort waren viele – Verkäufer im Warenhaus zum Beispiel – tabu für Schwarze. Erst in den Fünfzigerjahren durften Schwarze Kleidung in einem Kaufhaus in der Innenstadt von Seattle kaufen, sie aber nicht vorher anprobieren. Da ihre Zukunftsaussichten bescheiden waren, gingen mehrere von Jimis Freunden, darunter auch Terry Johnson und Jimmy Williams, wie die meisten afroamerikanischen Männer aus dem Viertel nach der Highschool zur Armee.
Da er ohne Abschluss von der Schule abgegangen war, waren Jimis Berufsaussichten noch bescheidener als die der Meisten. Er hatte keinerlei Arbeitserfahrung, sieht man von seiner Aushilfstätigkeit an der Seite seines Vaters und den Engagements mit Bands einmal ab. Wenn er zufällig in jenem Frühjahr Freunde traf, die ihn fragten, ob er einen Job habe, erwiderte er stets, die Tomcats seien sein Job. Außer seiner Gitarre und seinem Verstärker besaß er nichts, doch diese beiden kostbaren Güter reichten ihm, um sich eine Karriere als Gitarrist auszumalen. Als Hank Ballard and The Midnighters im Rahmen einer Tournee in die Stadt kamen, ergatterte Jimi Freikarten und besuchte das Konzert mit seiner Gitarre auf dem Schoß. Danach stellte er Ballards Gitarristen nach, weil er Licks von ihm lernen wollte, und lief ihm so lange hinterher, bis dieser schließlich nachgab. Jimi hatte angefangen, seine Karriere ernsthaft voranzutreiben. Er mochte knapp bei Kasse sein, doch an Ehrgeiz und Mut fehlte es ihm nicht. Selbst zur erfolgreichsten Zeit mit den Tomcats verdiente Jimi weniger als zwanzig Dollar monatlich, und der Großteil seines Verdiensts floss in Ausrüstung und Bühnenklamotten. Jimi war achtzehn und vor dem Gesetz erwachsen, finanziell jedoch war er noch immer von seinem Vater abhängig.
Irgendwann im Frühjahr geriet Jimi in den Dunstkreis einer anderen künftigen Berühmtheit: Bruce Lee. „Das war im Imperial Lanes unten auf der Rainier Avenue“, erinnert sich sein ehemaliger Mitschüler Denny Rosencrantz. Damals war Lee wegen seiner Karatevorführungen und dafür bekannt, dass er gern auf dem Parkplatz vor der Bowlinghalle Schlägereien vom Zaun brach. Jimi war ebenfalls dort, um seinen Freunden beim Bowlen zuzusehen – er selbst hatte nicht genug Geld. Doch abgesehen davon, dass er Lee die Hand schüttelte, hatte er wahrscheinlich mit dem Mann, der schon bald zur Kampfsportlegende werden sollte, wenig zu tun.
Jimis Verhältnis zu seinem Vater blieb auch in diesem Frühjahr schwierig. Al hatte den Eindruck, sein Sohn sei faul, und man konnte es drehen und wenden, wie man wollte, Jimi war inzwischen ein Mann, weshalb Al seine Kritik auch immer lauter formulierte. „Mein Dad fand Jimis Vorstellung, Musik zu machen, scheiße“, erinnert sich Leon. „Er sagte wortwörtlich, Musik sei ‚Teufelswerk‘.“ Al wollte noch immer, dass ihm sein ältester Sohn in die Gärtnerei folgte. Jimi aber hasste die körperlich anstrengende Arbeit, und die Vorstellung, Assistent seines Vaters zu werden, war ihm ein Gräuel. Wenn er seinem Vater doch einmal widerwillig half, so schuf die gemeinsame Arbeit dennoch kein Band zwischen ihnen, und Jimi beschwerte sich, dass Al ihm immer nur einen Dollar auszahlte. Jimi und Leon ahmten beide die raue Stimme ihres Vaters nach und sagten: „Da hast du einen Dollar.“ Im Frühjahr 1961 beobachtete einer von Als Kunden in der Gärtnerei, wie Al Jimi schlug. In einem Interview von 1967 sprach Jimi über den Vorfall: „Er hat mich ins Gesicht geschlagen, und ich bin abgehauen.“ Leon erinnert sich, dass Jimi auch noch mit achtzehn Jahren von Al mit dem Gürtel „ausgepeitscht“ wurde.
Selbst in den Augen der anderen Mitglieder der Rocking Kings – von denen keiner aus einem privilegierten Elternhaus kam – war Jimi außergewöhnlich arm. Terry Johnson arbeitete in einem Burger-Laden direkt gegenüber der Garfield High, und Jimi kam öfter vorbei, um sich etwas umsonst zu essen zu holen. Jimi erfuhr von Terry, dass nicht verkaufte Burger und Fritten nach Ladenschluss einfach weggeworfen wurden. Selbst wenn Terry nicht arbeitete, ging Jimi kurz vor der Schließung hin und fragte nach, ob Essen übrig geblieben sei, das weggeworfen würde. Zunächst waren die Angestellten erschüttert, weil ein Junge, den sie aus der Schule kannten, bei ihnen bettelte. Aber schon bald begriffen sie, in welch bedauernswerter Situation Jimi sich befand, und legten täglich nicht verkaufte Burger für ihn zur Seite. Manchmal hatte Jimi das Glück, ein halbes Dutzend Burger mit nach Hause nehmen zu können. Bei zahlreichen anderen Gelegenheiten jedoch verschlang er gierig wie ein verhungerndes wildes Tier, das, was er bekommen hatte, gleich dort auf dem Parkplatz. Beim Essen blickte er auf die Highschool, die er nicht mehr besuchte.
Jimi war weiterhin mit Betty Jean Morgan zusammen, obwohl er sie meistens nur in den Park ausführen konnte. Dennoch fragte Jimi sie im Frühjahr, ob sie ihn heiraten wolle. Es war ein spontanes Ansinnen, und weder Betty Jean noch ihre Eltern zogen eine solche Möglichkeit ernsthaft in Betracht. „Meine Mutter sagte, ich würde warten müssen, bis ich meinen Abschluss hätte, und das bedeutete mindestens bis 1963“, erinnert sie sich. Obwohl ihre Eltern Jimi mochten, hofften sie aller Wahrscheinlichkeit nach, er würde einen Job finden, bevor er mit ihrer Tochter den Bund der Ehe schloss.
Als Jimi Anfang Mai in Polizeigewahrsam genommen wurde, war von Heirat keine Rede mehr. Am 2. Mai 1962 wurde er verhaftet, weil er einen gestohlenen Wagen fuhr. Er wurde in den Jugendknast gesteckt, genau gegenüber der Wohnung, in der er ein Jahr zuvor noch gewohnt hatte. Als Al kam, um ihn auszulösen, erzählte er seinem Vater, er habe nicht gewusst, dass der Wagen gestohlen war, und dass er zum Zeitpunkt seiner Verhaftung geparkt hatte. Al schrieb in seiner Autobiografie, die Angelegenheit sei rasch ausgebügelt worden, und Jimi habe „keine Strafe absitzen“ müssen. Die Polizeiakten erzählen allerdings eine andere Geschichte: Jimi verbrachte wegen dieses ersten Vergehens einen Tag im Gefängnis, er wurde entlassen und nur vier Tage später erneut verhaftet, weil er wieder in einem gestohlenen Wagen erwischt worden war. Die zeitliche Nähe zwischen beiden Verhaftungen gab nicht gerade Anlass zur Nachsicht, als Jimi das zweite Mal dem Haftrichter vorgeführt wurde. Die folgenden acht Tage verbrachte er im Jugendgefängnis. Die Woche im Knast war nicht das Ende der Angelegenheit, da Jimi noch eine Gerichtsanhörung bevorstand, bei der er offiziell zu einer empfindlichen Strafe verurteilt werden sollte.




