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Der Polizeibehörde in Seattle wurde wiederholt vorgeworfen, es damals vorwiegend auf schwarze Männer abgesehen zu haben. „Die Bullen haben einen angehalten, wenn man bloß die Straße langgelaufen ist“, erinnert sich Terry Johnson. 1955 hatte der Bürgermeister von Seattle einen Untersuchungsausschuss gebildet, um gewaltsame Verstöße der Polizei im Central District zu untersuchen. In seinem Bericht kam der Ausschuss zu dem Schluss, dass bei der Polizei die Ansichten „alle Neger haben Messer“ und „ein Neger in einem Cadillac ist entweder Zuhälter oder Drogendealer“ weit verbreitet seien. Jimi schwor, er habe keinen der beiden Wagen gestohlen, noch habe er gewusst, dass sie gestohlen waren. Dennoch blühten ihm für jedes der beiden ihm vorgeworfenen Vergehen jeweils fünf Jahre Haft.
Obwohl Jimi ein Träumer war, konnte er sich doch selbst in seinen wildesten Träumen nicht vorstellen, wie er in Seattle als Musiker seinen Lebensunterhalt verdienen sollte. Er hatte bereits Interesse signalisiert, der Armee beizutreten, und als sein Gerichtstermin bedrohlich näher rückte, zog er diese Möglichkeit ernsthaft in Erwägung, da die Staatsanwaltschaft eine Verpflichtung bei der Armee strafmildernd wertete. Jimi hatte bereits im Frühjahr zuvor versucht, mit Anthony Atherton der Air Force beizutreten. „Die haben uns im Büro nur einmal kurz angeguckt“, erinnert sich Atherton, „und gesagt, wir besäßen nicht die körperlichen Voraussetzungen, um der Fliehkraft in einem Flugzeug standzuhalten.“ Ausschlaggebender war wahrscheinlich, dass die beiden jungen Männer schwarz waren. Damals gab es nur wenige afroamerikanische Piloten in der Air Force.
Jimis zweite Wahl war die Armee. Er ging in ein Rekrutierungsbüro und erkundigte sich, ob er zur One Hundred and First Airborne Division kommen könnte, sollte er sich entschließen, sich zu verpflichten. Er hatte in Geschichtsbüchern über die One Hundred and First gelesen und das berühmte „Screaming Eagle“-Abzeichen in sein Notizbuch gezeichnet. „Immer wieder hat er gesagt, dass er sich so ein Abzeichen verdienen wollte“, erinnert sich Leon. Das Abzeichen selbst wurde für Jimi zur fixen Idee, da es seinem Träger eine Identität versprach. Für einen Jungen, der in seiner Kindheit kein stabiles Zuhause gekannt hatte, stellte die Insignie eine starke Verlockung dar.
Bei einer Anhörung vor dem Jugendgericht am 16. Mai 1961 wurde Jimi von einem Pflichtverteidiger vertreten. Der Staatsanwalt stimmte einer zweijährigen Bewährungsstrafe unter der Bedingung zu, dass sich Jimi bei der Armee verpflichtete. Die Verurteilung wurde in sein polizeiliches Führungszeugnis aufgenommen. Am Tag darauf verpflichtete sich Jimi für drei Jahre. Am 29. Mai sollte er mit dem Zug nach Fort Ord in Kalifornien reisen und dort seine Grundausbildung antreten. Mit etwas Glück würde er bei der sagenumwobenen One Hundred and First Airborne Division aufgenommen, jener Division, die am D-Day mit Fallschirmen hinter den feindlichen Linien gelandet war. Abgesehen von ein paar Ausflügen als Kleinkind, hatte sich Jimi nie weiter als dreihundert Kilometer von Seattle entfernt. Er hatte noch nie in einem Flugzeug gesessen, geschweige denn, dass er aus einem herausgesprungen war.
Am Abend vor seiner Abreise zur Grundausbildung gab Jimi ein letztes Konzert mit den Tomcats. Die Band spielte bei einem Straßenfest auf der Madison Street auf einer Bühne unter freiem Himmel, direkt gegenüber dem Birdland, jenem Club, in dem Jimi beinahe drei Jahre zuvor mit den Velvetones angefangen hatte. Leon befand sich unter den Zuschauern, da er den letzten Auftritt seines großen Bruders mit der Band sehen wollte, ebenso wie Betty Jean Morgan. Nach dem Konzert schenkte Jimi Betty Jean einen billigen Ring mit einem Strassstein, den er gekauft hatte, und verkündete, es sei ein Verlobungsring. Er bat Betty Jean, auf seine geliebte Gitarre aufzupassen, bis er sie sich würde schicken lassen können – eine Bitte, die wahrscheinlich mehr Zuneigung und Hingabe verriet als der Ring.
Zu dem Straßenfest erschienen mehrere hundert Leute, darunter auch eine Reihe von Schulfreunden und Kumpel aus dem Viertel, mit denen Jimi in den achtzehn Jahren zu tun gehabt hatte, die er in Seattle gelebt hatte. Eine davon war Carmen Goudy, die mit ihrem neuen Freund kam. Es gab kein böses Blut zwischen Carmen und Jimi, auch beobachtete sie ihn auf der Bühne keineswegs mit gemischten Gefühlen. Als einer der wenigen Menschen jedoch, die seinen allerersten öffentlichen Auftritt im Keller einer Synagoge miterlebt hatten – jener Veranstaltung, bei der er gefeuert wurde –, konnte sie nicht umhin, anerkennend zur Kenntnis zu nehmen, wie sehr sich sein Können in so kurzer Zeit verbessert hatte. Er spielte inzwischen mit großer Selbstsicherheit, und obwohl seine Soli noch immer viel zu protzig wirkten, spielte er mit einem Elan, der das Publikum zwang, hinzuhören. „Er spielte noch immer sehr wild“, erinnert sie sich, „aber er war gut. Er war richtig gut.“
Am nächsten Tag fuhr er mit dem Nachtzug nach Kalifornien. Fünfzehn Jahre zuvor hatte er mit seiner Großmutter Clarice und seiner Mutter Lucille auf dem Weg nach Berkeley dieselbe Strecke zurückgelegt. Für den damals Dreijährigen war der Zug eine wundersame Kraftmaschine gewesen, als Erwachsener fühlte er sich bereits einsam, noch bevor der Zug den Bahnhof verlassen hatte. Jimi hatte seine gesamte Jugendzeit in Laufweite des Bahnhofs verbracht, und nun sollte ihn der Zug in den Süden bringen, weit entfernt von dem einzigen Ort, den er je Heimat hatte nennen können.
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