- -
- 100%
- +
Seinen Freund Mano bat er, ihm eine neue verkaufsfördernde Verpackung zu gestalten. Kein Problem für Mano. Als Inhaber einer Designagentur entwickelte er ihm flugs eine neue Marke mit einem neuen Packungskonzept. Mit einem bombigen U.S.P., einer super Werbeidee, kitzelte er auch noch eine 1 A Premium-Qualität heraus. Er entwarf ein entsprechendes Packungsdesign, welches den Verkaufsvorteil dick herausstellte. So einfach gelangte der alte unverkäufliche Schrott, runderneuert in neuer Designverpackung wieder dort hin, wo er zum Teil herkam. Zurück in den Handel und natürlich zu dem neuen Premiumpreis.
Mano war der Nächste in der Runde und wusste von diesen Machenschaften nichts. Er glaubte, dass dieser unheimliche Erfolg auf Grund seines neuen Konzeptes entstanden war und Jan bestärkte ihn auch voll darin.
»Was macht die Rute?«, fragte Jan de Miesrè. »Ich habe sie gleich«, kam spontan die Antwort. »Psst, nicht so laut – du Dussel, nicht dass sich der Fisch erschrickt und noch vom Haken reißt.« Alle schlichen behutsam etwas näher zum Ufer und waren gespannt, was Mano da am Haken hatte. Mit geschicktem Ruck zog er die Angel an, so dass der Fisch fest am Haken hing und wild hin und her schoss.
»Junge, der hat ein Tempo drauf!«, rief Mano freudig. »Hast du ihn auch sicher dran«, fragte Leo. »Ja, ja, gib schon den Kescher her!«, fluchte Mano. »Verdammt dicker Jonny! Pass bloß auf, dass der dir nicht abhaut«, meinte Erni, der gespannt die Szene verfolgte. Der unbändige Fisch dachte nicht daran, so schnell aufzugeben.
Mehrfach schoss er aus den glitzernden Fluten heraus und zischte ein Stück über die Teichoberfläche. Der schwache Lichtschein des Grills ließ seine rotsilbrigen Rückenflossen aufblitzen wie Sternschnuppen.
»Das ist ein Hecht. Ich schwöre euch. Gib noch mal ein Stück Leine, bevor sie durchreißt«, schrie Jan ihn aufgebracht an! »Ruhig, mein Junge! Ganz ruhig bleiben, den haben wir bald«, beschwichtigte ihn Leo zuversichtlich. Leo stand schon mit dem Kescher parat und hielt ihn bereit. Im flachen Uferwasser wartete er gespannt, was jetzt passiert. Manos Fisch tobte von neuem los und er hatte sichtliche Mühe den dicken Koloss an der langen Leine zu führen.
»Na, na, jetzt reicht es aber bald!«, ärgerte er sich. Mano zog noch mal mit einem festen Ruck die Leine an. Singend erklang der surrende Ton, rauschte vibrierend über den Teich, hinüber zum anderen Ufer und verlor sich in den Rohren der Schilfzone. Langsam beruhigte sich der überlange Kampf und die Gegenwehr des Fisches ließ nach. Mano zog ihn sachte in den flachen Uferbereich, wo er jetzt keine Chance mehr hatte, weil Leo ihn sogleich mit dem Kescher einfing, bevor er versuchen konnte, pfeilschnell wegzuschießen hing er im Netz. Mit wilden Flossenschlägen tobte er darin herum, so dass Leo große Mühe hatte, ihn an Land zu bekommen.
»Klasse, ein dicker Hecht!«, rief Jan blass vor Neid. »Wie viel, wiegt der Bursche Leo?« »Gib mal zuerst den Hammer her, raunte Leo ihm zu.« Erni stand an Jans offener Fischkiste und kramte den schweren Hammer hervor. Schwungvoll warf er ihn zu Leo, der ihn in letzter Sekunde auffangen konnte. Er erhob das gewichtige Werkzeug und schrie lauthals: »Eins, zwei, drei!«
Mit einem heftigen Schlag haute er zu, so dass dem Fisch die Schädeldecke einbrach. Es knackte und krachte fürchterlich laut. Der Fisch war sofort betäubt und gleichzeitig mausetot. Alle starrten auf das eingeschlagene Loch, aus dem das Blut herausströmte. Leblos lag er in dem Schein des Grillofens und muckste sich nicht mehr. Leo griff sich in gewohnter Weise die Angelschnur und wollte den Hecht hochreißen, doch dazu war er zu schwer. Singend zog sich die dünne Schnur durch seine Hand.
»Verdammt! Dreißig Pfund schätze ich, hat der Bursche drauf«, vermutete er selbstbewusst.
»Hey, lass mal sehen, wie lang der ist?«, fragte Huby und beglückwünschte Mano.
»Komm’, mach mal das neue Fass auf, ich habe einen stechenden Durst.«
»Verdammt, die Steaks sind gleich angebrannt!«, eilig raste Jan zum Grill und drehte sie um. »Ist gerade noch mal gut gegangen«, rief er beruhigend.
»Lass schon mal die Kugel roulieren«, forderte Jan Leo auf. Er fummelte die kleine Roulettekugel aus seiner Weste, die über 20 Taschen hatte, und Mano fragte: »Sag mal, was hortest du da alles in deinen Täschchen.«
»Angelhaken, Gewichte, Posen, Angelschnur, Pfeifen, Tabak, Kondome!«
»Wozu brauchst du in deinem Alter noch Kondome?«, fragte Erni neugierig mit einem gehässigen Grinsen.
»Als Tropfenfänger, du Dussel!«, rief Leo freudestrahlend.
»Wart mal ab, die Erfahrung sammelst du auch noch.« Alle lachten und stießen fröhlich gestimmt an.
»Achtung, es geht los«, Leo drehte mit seinen riesigen Pranken die Scheibe des Roulettes und ließ die Kugel roulieren. In rasantem Tempo sausten die Zahlen an ihren Augen vorüber.
»Ich bin gespannt darauf, wer jetzt der Glückliche ist«, rätselte Leo mit fragender Miene. Knatternd rollte die Kugel über die Segmente und hopste im Galopp in die Runde. Alles war still, nur das leise Knistern des Feuers und die Grillen untermalten die Spannung. Endlich beruhigte sich der Schwung und die Roulettescheibe drehte sich gemächlich im Kreis des Feuerscheins. Hops, hops und klick, klack, klick, hüpfte die Kugel über die Zahlenkette.
Während die Kugel ihre endlosen Kreise drehte, weil Leo sie mit seinen Pranken wie eine abgeschossene Gewehrkugel in Bewegung setzte, dachte Mano über die faszinierenden Erlebnisse von Jans Erzählung nach und überlegte, was Jan doch für ein feines Früchtchen ist. Es gab eine Menge Leute, die fanden, Jan sehe zum Fürchten aus. Mit seinem wuchtigen dunkelhaarigen Schädel, den tief in ihren Höhlen sitzenden dunkelgrauen Augen und einem Schnauzer über den üppigen Lippen, die in beunruhigendem Kontrast zu seiner markanten Hakennase standen.
Manchmal schien es, als gebe sich Jan auch mit allem, was er plante, die größte Mühe, Furcht, Schrecken und Tränen auszulösen. Einige seiner linken Aktionen jagten den Geschäftspartnern riesige Summen ab, die in seinem feingewebten Firmenund Immobiliengefecht spurlos verschwanden, um nie wieder aufzutauchen. Aber natürlich konnte er auch ganz lieb sein. Wenn er mit seiner kratzigen Stimme über einige seiner Schandtaten berichtete, wie ein unschuldiger kleiner Schuljunge, der eine großartige Leistung vollbracht hat und dafür eine gute Note erhielt, konnte man nicht glauben und begreifen, dass er seine Schachzüge so brutal durchzog. Denn die Anderen waren in seinen Augen zu blöd, sonst hätten sie sich ja gewehrt. Natürlich suchte er sich nur die Schwächeren aus, um sie nach Strich und Faden über den Tisch zu ziehen. Da es dabei immer um viel Geld ging, war Leo auch zur Stelle. Denn Geld wurde immer benötigt, um irgendwo Löcher zu stopfen, die in Jans undurchsichtigem Firmengeflecht entstanden. Sie waren oft so groß, dass er wie eine Spinne im Netz emsig damit beschäftigt war, sie schnell zu flicken. Doch die eiskalte Gier, mit der er sein Geld schnell wieder aus dem Fenster warf, zwang ihn, beständig nach dem nächsten Beutestück Ausschau zu halten, das sich in einer seiner dicht aneinander gereihten Netzfallen verfing. Er hockte auf den oft seidenen Fäden, die zu zerreißen drohten und lauerte auf den nächsten Blödmann, um ihn geschickt zu umgarnen und dann so schnell zuzuschlagen, dass der den tödlichen Biss überhaupt nicht bemerkte bis es zu spät war, sich zu wehren.
Mano kannte ihn in und auswendig. Jan de Miesrè stammte von Hugenotten ab. Vor 300 Jahren entkamen seine Vorfahren der Verfolgung durch die katholische Kirche und wanderten von Frankreich nach Ostpreußen aus. Kurz vor Beendigung des Krieges mussten sie von dort flüchten und kamen in einer der vielen kleinen Elbgemeinden unter. Mano fragte sich, was genau dieses Schlitzohr schon in dem jungen Alter mit dem Schuldenbuch und seiner Erpressung vor hatte. Er schaute in die Runde und meinte: »Was hattest du mit dem Schuldenbuch geplant?«
Jan strahlte aus seiner Visage und sagte: »Wart’s ab! Die Drehzahl verringerte sich, die ersten Farbfelder wurden sichtbar. Langsam zog die Scheibe ihre Kreise, bis sie anhielt und die Kugel genau vor Ernis Nase stehen blieb. Nachdenklich erhob er sich von seinem Sitz, zog das Manuskript unter seinem Hintern hervor und meinte: »Diese Story ist so eiskalt und brutal, dass ich sie schon mal gebührend angewärmt habe. Außerdem hat das Manuskript schon die ganze Welt gesehen. Immer wenn ich im Flieger saß, habe ich daran gearbeitet. Ich musste lange überlegen, wie ich die Geschichte benenne, weil sie so unterschiedlich und facettenreich ist. Aber bei der Vorspeise des Orientelhotels in Hongkong, es gab Lachsröllchen und der Kellner fragte mich in seinem gebrochenen Deutsch, wobei er das »R« immer als »L« aussprach: »Hell Elnie, leckele Lachslöllchen vielvelsplechend, schmeckt sehl gut«, da kam ich drauf, ich bedankte mich bei ihm mit einer Zehn-US-Dollar-Note. Der Titel ist: »Immer wenn der Lachs ruft!«
Immer, wenn der Lachs ruft!
»Achtung Männer!«, bellte der kleine Offizier in seiner aufbrausenden Art: »Und hier ist die letzte Karte, sie ist für unseren extra kleinen Bananen-Erni!« Dabei wedelte er mit der Karte herum, zog eine Visage, die zum reinschlagen war und ihm platzte ein widerliches: »Hoo, hooo!«, heraus. Er erwartete jetzt, dass die ganze Kompanie, an der er immer aufblicken musste, in ein brüllendes Gelächter verfiel, bis er laut kläffte: »Ganze Kompanie Schnauze und wegtreten!«
Nach kurzer Zeitverzögerung geschah auch, was er verlangte. Wie in einem Knabenchor lachte die bunt zusammen gewürfelte Truppe, aber dieses mal in allen nur erdenklichen Tonlagen, so irre komisch, worauf Erni einen Lachanfall erlitt, aus dem er sich kaum zu beruhigen wusste, als er diesen Comicgesang hörte.
Dem kleinen Marineoffizier entglitt ein blitzhaftes Grinsen. Es schoss aus seiner wütend verzerrten Grimasse, als er erkannte, dass der Hohn ihm selbst galt und nicht dem Witz, über den sie während ihrer Ausbildung schon tausend mal auf Befehl lachen mussten.
Marineoffizier Harro Kater, klein wie ein Terrier. Seine Männer überragten ihn teilweise wie Wolkenkratzer. Wegen seiner Herumbellerei nannten sie ihn heimlich Hasso. Er hatte seine Rekruten zum Abschiedsball im Auftrag des Kapitänleutnants Franz von Wedel einzuladen und verteilte auf Deck des Minensuchbootes die Karten.
»Hab’ euch wohl noch nicht genug den Arsch geschliffen?«, knurrte er und seine vor Wut funkelnden Augen wanderten prüfend an Ernis Uniform hinauf und landeten wütend in Ernis Gesicht, der mit Abstand der Größte in der Truppe war und haargenau 2 Meter maß. Bananen-Erni schmunzelte ihn noch immer rotzfrech an.
Hasso jaulte: »Freue dich, dass du jetzt dein letztes Stündchen auf diesem Pott hast.« Wütend flüsterte er: »Bete zu Gott, dass du nie wieder unter meinem Befehl dienen musst.«
»Zu Befehl! Herr Offizier Kater!«, schrie Erni und salutierte mit todernster Mine. Dann bellte Hasso überlaut: »Ein letztes Mal! Wegtreten! – Ab zum Klamotten einpacken!«
Diesen Hass, den er auf Erni empfand und den er bei jeder Gelegenheit, die sich ihm bot, zum Ausdruck brachte, lag an einer merkwürdigen Entdeckung, die Erni seinerzeit gemacht hatte. Die Truppe hatte Landgang und sie ging von Bord des Marinebootes, das an einem Pier des New Yorker Hafens festgemacht hatte.
In der abendlichen Dunkelheit entdeckte Erni seinen Kompaniechef Hasso beim Pinkeln, er erledigte sein kleines Geschäft an einem der roten Hydranten der Feuerwehr. Dabei hob er sein Bein an, als wäre er ein Straßenköter. Erni erinnerte sich an seine Blasenentzündung, die er vor Monaten hatte, daher dachte er, Hasso habe ein ähnliches Problem mit seiner Blase und diese Stellung würde ihm kolossale Erleichterung verschaffen.
Beim Appell am nächsten Morgen sprach er seinen Kompaniechef an und meinte: Er hätte ihn zufällig pinkeln sehen und er habe schmerzhaft sein Bein dabei hochgezogen. Er könne ihm einige seiner Tabletten ausleihen, um sein Problem zu lindern. Die Pillen seien vorzüglich und er habe sie vorsorglich in seinem Gepäck, falls ihn diese Krankheit mal wieder erwischt. Nach diesem Gespräch bellte Hasso ihn wutentbrannt an und beschimpfte ihn als schwule Sau und Spanner. Ob ihm abends nichts anderes einfalle, als ihn beim pinkeln zu beobachten. Er sei ja wohl nicht normal in seiner Bananenbirne und dies sei ein ungeheuerlicher Vorfall. Erni solle ja seine Zunge hüten, sonst wolle er ihm seine Schwulheit austreiben und Meldung beim Kapitän machen. Enttäuscht steckte Erni die Pillen ein und verschwand verdattert in der Mannschaftskoje. Seither hatte Erni die Hölle auf Erden und musste jeden erdenklichen Mist an Bord erledigen. Oft dachte er darüber nach, aber er fand keine plausible Erklärung dafür, alles schien ihm seltsam und rätselhaft.
Eines Tages kam Fritz, sein Mannschaftskumpel auf ihn zu. Sie schoben gerade Bordwache. Vertraulich verriet ihm Fritz, was er entdeckt hatte. Hasso, der kleine Terrier, hebe das rechte Bein beim pinkeln. Er hätte Hasso zum zweiten Mal auf dem Achterdeck beobachtet, als er in hohem Bogen über die Reling hinaus schiffte. Staunend sah Erni ihn an, sagte aber nichts weiter dazu, außer das er ihn beruhigte und meinte, dass sei wohl eine Angewohnheit von ihm, weil er ja fast immer an Bord sei, sogar auch oft, wenn alle anderen Landgang hatten. Aber er solle sich ja hüten, Hasso darauf anzusprechen. Vielleicht sei es ja auch eine seltene Krankheit, die ihn dazu zwinge. Somit gab es zwei in der Truppe, die Bescheid wussten, aber nie den anderen Kameraden etwas verrieten. Denn es gab auch Quatschköpfe darunter, die etwas ausplaudern konnten, wenn sie einen über den Durst gesoffen hatten.
Nach dem Appell standen Erni und Fritz an der Backbordseite des Schiffes und qualmten genüsslich ihre Zigaretten. Sehnsüchtig sahen sie dem Land entgegen. Die saftig grünen Deichniederungen der Elbe boten einen vertrauten Anblick. Im Zeitlupentempo zogen sie an ihnen vorüber. Das Schnellboot befand sich auf dem Weg in den Hamburger Hafen und durchschnitt in gemächlicher Fahrt das trübe Elbwasser, wie ein Pflug die weiche Scholle. Sie waren die letzten Stunden an Bord und genossen die frische, heimatliche Brise, die ihnen um die Nase wehte.
»Nee, hab noch keine so feste Freundin, die auf mich wartet. Alle Mädels, die ich kennen gelernt habe, waren schnell wieder verschwunden, weil sie meinen Bierdurst nicht mochten. Irgendwann finde ich schon die richtige Maus, die auch abends mal gern in die Kneipe mitkommt, wenn sich bei mir der Durst einstellt«, meinte Erni.
»Holt deine Kleine dich ab?«, fragte Fritz neugierig.
»Du kannst aber auch einen Stiefel saufen«, meinte Fritz anerkennend.
»Das Saufen habe ich von der Wiege auf gelernt. Mein Alter hatte eine gemütliche Dorfkneipe. Schon als kleiner Junge half ich jeden Tag. Aufräumen, Gläser spülen, Tresen putzen, später dann ein zünftiges Bier zapfen und zum Schluss auch, es auszusaufen.« Beide lachten und schauten dem Lotsenboot entgegen, welches sich in voller Fahrt auf sie zu bewegte und sich durch die Gischt der Wellen kämpfte.
»Ob die den alten Kasten so schnell wieder flott kriegen?«, sinnierte Fritz.
»Das Schiff kommt in die Werft und soll morgen eingedockt werden, hat mir der Koch erzählt.«
»Komm’ Fritz, das Boot des Hafenlotsens legt an, lass’ uns abhauen ich bin heilfroh, wenn ich diesen Schrotthaufen endlich verlassen kann und diesem verfluchten kleinen Terrier nicht mehr in die Augen blicken muss.«
Am nächsten Abend traf sich die gesamte Truppe ein letztes Mal. Sie trugen die feschen blauen Uniformen des Marinegeschwaders, die sie anfänglich ihrer Dienstzeit so begehrten. Doch seit einigen Wochen hassten einige diese Klamotten wie die Pest.
»Hallo Erni!«, empfing Fritz seinen Kameraden. »Sind schon fast alle da, bis auf Hasso unser kleiner Terrier.« Nach kurzer Zeit öffnete sich schwungvoll die Saaltür der gemütlichen Hafenkneipe und Hasso erschien. In der Tür stehend winkte er eine hübsche junge Dame herein. Sie trug ein sehr enges, elegantes Abendkleid mit tiefem Einblick, das die weichen Rundungen ihrer Figur betonte. Um eine ganze Kopflänge überragte sie den kleinen Hasso, der sie einhakte und sie ohne die Truppe eines Blickes zu würdigen, schnurstracks zum Kapitänleutnant führte. Schleimend und einschmeichelnd stellte er ihm die Dame vor.
»Ob das seine Schwester ist?«, vermutete Fritz.
Erni betrachtete sie fasziniert und überlege: »Die sieht ihm aber überhaupt nicht ähnlich.«
Mit seiner großen Statur überragte Erni den ganzen Saal. Voller Bewunderung verfolgte er die anmutige Erscheinung der Dame. Sie blickte unsicher in die Runde und der Terrier zeigte auf seine Mannschaft. In überlautem Ton befahl er: »Jungs! Alle ein letztes Mal aufstellen. Haltung einnehmen. Den Käpten mit seiner Gattin begrüßen.«
»Guten Abend!«, wünschte der Käpten und schüttelte lachend den Kopf.
»Guten Abend, Kapitän! Guten Abend, Frau von Wedel«, brüllte die Truppe mit ohrenbetäubendem Lärm, wobei sich Frau von Wedel die Ohren zu hielt und freundlich zurück rief: »Guten Abend! Meine lieben Damen und Herren! Lassen Sie uns Ihren Abschied feiern. Ich wünsche Ihnen einen schönen, gemütlichen Abend und ich hoffe, dass Sie meinen Mann auch ja gut in Erinnerung behalten. Ich denke, das schöne Menü, entschädigt sie etwas für die lange Zeit während sie an Bord waren und dafür falls der Kapitän sie zu sehr gepiesackt haben sollte«, dabei sah sie ihren Mann augenzwinkernd an.
»Hauptmann Kater! Lassen sie wegtreten! Haltung zum feiern einnehmen!«, rief der Käpten fröhlich.
Einige Kameraden hatten ihre Freundin mitgebracht. Da es nicht vorgeschrieben werden konnte, weil nicht alle eine hatten, wurde die Gesellschaft auf Wunsch der Kapitänsgattin bunt durcheinander gemischt, so geschah es das alle Damen und Vorgesetzten auch zwischen den Rekruten saßen. Langsam, wie ein Lindwurm, schob sich die Reihe der Festteilnehmer um die lange Tafel, die festlich eingedeckt und mit freundlichen Blumensträußen dekoriert war. Wer seinen Platz entdeckte, konnte sich schon setzen. Erni beobachtete gespannt die Szene und bemerkte, dass Hasso, der kleine Terrier wild um sich sah. Irritiert nahm er seinen Stuhl und setzte sich. Die junge Dame ging unsicher weiter und suchte ihren Platz. Erni verfolgte sie mit einigem Abstand und sah, wie sie ihren Platz eroberte.
»Wer wohl neben ihr sitzt«, rätselte er und drehte bei, um von der anderen Seite der Tafel seinen Platz zu suchen. Gemächlich schlich er an den Leuten vorüber und es waren nur noch drei Plätze frei. Gespannt verfolgten seine Augen das Geschehen. Verblüfft verfolgte er die zwei andere Jungs, die auf ihre freien Stühle zustrebten und sich setzten. Zügig ging er zu dem einzigen noch freien Platz. Mit einem gekonnten Handkuss begrüßte er seine Tischdame, wie ein Gentleman. Erstaunt über so viel Charme, der ihr zu Teil wurde, errötetet sie.
Erni setzte sich stolz neben sie und begann sogleich ein Gespräch, dabei prüfte er, ob ihr Begleiter, der kleine Terrier, sie aus seiner Position beobachten konnte. Zufrieden stellte er fest, dass der Terrier viel zu ungünstig saß, um ihn zu erblicken. Erni selbst hätte diese überraschende Sitzordnung nicht besser planen können. Hasso wirkte, neben der übergrossen Kapitänsgattin, wie ein kleiner Wicht mit der er gestikulierend plauderte. Der Kapitän saß ihm direkt gegenüber und betrachtete schmunzelnd diese urkomische Szene. Mit unsicherem Blick wendete Erni sich zu der jungen Dame und betrachtete sie. Ihr liebevoller Gesichtsausdruck erinnerte ihn an seine frühe Jugend. Mit freundlichem Augenaufschlag sprach sie ihn an: »Hallo, ich bin Frau Kater.« Irritiert antwortete Erni mit seiner dunklen Bassstimme: »Ach, ich wusste gar nicht, dass Herr Offizier Kater eine so hübsche junge Schwester hat.«
Mit urplötzlich ernster Miene entgegnete sie bestimmend: »Ich bin seit zwei Jahren seine Frau!« Wie vom Blitz getroffen starrte er sie entgeistert an und meinte: »Entschuldigen Sie bitte. Ich wusste nicht ...«
»Ist schon gut!«, unterbrach sie ihn und fuhr fort: »Er ist halt ein wenig älter als ich. Es macht mir aber nichts aus. Es war trotzdem ein sehr nettes Kompliment. Vielen Dank. Sie konnten ja nicht ahnen, dass es so ist«, dabei sah sie bewundernd an ihm hoch und meinte mit ironischem Blick: »Sie sind aber ganz schön groß, ich bin es gar nicht gewohnt, so aufzublicken.«
»Darf ich Ihre Bestellung entgegen nehmen?«, fragte der Oberkellner höflich. Gut gelaunt bestellte Erni eine Flasche Champagner und sprach mit seiner ultratiefen Bassstimme: »Heute gebe ich einen aus und wenn’s meinen Sold der letzten sechs Monate verschlingt. Morgen fange ich wieder in meiner alten Firma an, der Boss braucht mich dringend.«
Taxierend blickte sie ihn an und fragte: »Was haben Sie denn für einen schönen Beruf, dass Sie so darauf brennen, gleich wieder zu arbeiten?«
Verständnislos schaute er in ihre erwartungsvollen dunklen Augen und erwiderte stolz: »Ich bin gelernter Großhandelskaufmann und Fruchtexperte für die schönsten und besten Früchte der Welt. Ab nächsten Monat gehe ich auf Reisen, um die neuen Plantagen unseres Bananen-Lieferanten aus Panama anzusehen.
Mein Boss fühlt sich schon etwas zu alt für den Job mit den endlos langen Reisen. Ich habe die Chance, in zwei Jahren, sein Handelskontor zu übernehmen. Er hat nämlich keine Erben und ich bin quasi wie ein Sohn für ihn.«
»Das klingt ja sehr interessant. Dann werden Sie ja noch eine steile Karriere machen. Meine besten Wünsche sollen Sie begleiten. Viel Glück und ein gutes Händchen dafür, dass alles, was Sie sich vorgenommen haben, auch gelingt.«
»Ungefähr drei Monate werde ich unterwegs sein. Von Mittelund Südamerika rüber auf die Karibikinseln zu den Bahamas. Dann geht’s ab nach Kalifornien, Los Angeles und weiter über den Nordpool nach Australien. Von dort nach Thailand, Malaysia, die Philippinen, über Dubai, Iran und die Türkei geht’s dann zurück Richtung Hamburg.«
»Da möchte ich auch mal hin. Wahnsinn! Das muss doch ein Vermögen kosten?«, erwiderte sie aufgeregt.
»Bezahlt alles die Firma, ist ja eine Geschäftsreise.« »Und ihre Freundin? Wo sitzt die denn heute Abend?« »Ach, ich habe leider noch nicht die Richtige gefunden«, stellte Erni unzufrieden fest. »Dafür war bislang keine Zeit. Ich habe ewig gepaukt und gearbeitet. Wenn ich eine hätte? Die würde ich auch glatt auf diesem Trip mitnehmen!«, versicherte er ihr lachend.
»Das würde mein Boss sogar freudestrahlend bezahlen, damit ich endlich unter die Haube komme und nicht so kinderlos ende wie er. Es ist übrigens auch Bedingung in meinem Vertrag. In den nächsten fünf Jahren muss ich ihm eine präsentieren. Sonst geht der ganze Laden an eine Stiftung und ich darf dann nur noch als Geschäftsführer dort arbeiten.«
»Das ist ja furchtbar!«, entrüstete sie sich.
»Vielleicht kann ich da ja ein bisschen aushelfen. Ich kenne eine ganz hübsche liebe junge Frau. Sie ist eine gute Freundin von mir.«
»Entschuldigung, darf ich einschenken?«, fragte die Kellnerin über Ernis Schultern hinweg und zeigte ihm die Champagnerflasche. »Ist das auch ein Guter?«, fragte er skeptisch. »Ja der Beste, den wir hier auf Lager haben!«, antwortete sie prompt. »Na, dann lassen Sie mal den Korken knallen und hinein damit in die Gläser.« Im Verlauf des Abends verstand sich Erni mit seiner Tischpartnerin immer besser, vorsichtig schob sie ihm einen winzigen Zettel mit ihrer Adresse zu und bat ihn flüsternd, sie in den nächsten Tagen anzurufen, damit er die Freundin kennen lerne, die sie ihm vorstellen möchte. Spontan willigte er ein und versprach: »Ich melde mich, aber was sagt Ihr Mann dazu?«
»Ach, der hat zu Hause nicht viel zu melden«, entgegnete sie abwinkend und lächelte zuversichtlich. Erstaunt nahm er das zur Kenntnis und meinte: »Auf dem Schiff ist Herr Kater ein knallharter Typ, von allen gefürchtet, außer vom Kapitän.«
Nach einer Weile fragte sie spontan: »Müssen Sie auf ihren vielen Reisen nicht auch Fotos machen?«
»Ja natürlich, ich vergaß es völlig zu erwähnen. Unterwegs habe ich eine kleine Fotokamera dabei, falls mir etwas besonderes auffällt oder angeboten wird, mache ich Fotos von der Qualität der Waren und schicke sie mit dem nächsten Flieger in die Firma.«
»Ach ja, wenn Sie möchten, dass ich Ihnen meine Freundin vorstelle, schalte ich die Alarmanlage aus. Dann können Sie unbemerkt und bequem durch den Garten herein kommen. Wir haben zur Gartenseite ein sehr großes Wohnzimmerfenster, von dort aus können Sie erst mal sehen, ob sie Ihnen überhaupt gefällt. Sie ist ein etwas schüchternes Kätzchen und noch ganz unschuldig, aber ein sehr lieber Mensch. Und, fast hätte ich es vergessen, sie hat so einen kleinen Hund dabei, falls Sie sich darüber wundern. Machen Sie bitte für mich ein paar schöne Erinnerungsfotos. Aber bitte nicht vergessen, denn die Fotos benötige ich ganz dringend für eine Überraschung!«




