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»Vielen Dank für die freundliche Einladung! Ich melde mich in den nächsten Tagen, sehr verehrte Frau Kater.«
Hektisch legte Erni den Telefonhörer auf und sah besorgt zur Uhr. Den letzten Auftrag schmiss er noch auf den hohen Stapel seines Schreibtisches. Er war wieder angekommen im Rausch des vollen Stress. »Verdammt, ich muss los«, dachte er. Gestern hatte er sich mit der unverhofft neuen Bekannten verabredet und wollte pünktlich dort sein. Die Kamera, hoffentlich sind noch Filme im Kühlschrank. Er hetzte in die Pantry, riss den Kühlschrank auf, schnappte sich die Filme und sauste zum Büro seines Chefs. Nach dem sein Klopfen nicht erhört wurde, drückte er leise die Türklinke und öffnete die schwere Doppeltür. Sein Boss hing in seinem Sessel und schnarchte bedächtig vor sich hin. Vorsichtig tippte er ihm auf die Schulter und sprach ihn an. Auf seinen Zähnen herumkauend räusperte er sich und öffnete seine schlaftrunkenen Augen.
»Verflixt nochmal! Bin ich schon wieder eingepennt?«, rief er ärgerlich. »Ich hab doch noch einen Termin heute Abend und müsste schon längst unterwegs sein.«
»Entschuldigung Boss!«, antwortete Erni hektisch.
»Ich habe noch eine Bitte an Sie: »Auf mich wartet eine ganz wichtige Verabredung. Können Sie heute Abend auf meine Anwesenheit verzichten. Ich bin bei einer sehr liebenswürdigen Dame eingeladen und lerne dort ein hübsches Mädchen kennen.«
Staunend forderte er ihn auf: »Dann hau bloß schnell ab und sieh zu, dass du sie an Land ziehst.« Lachend fügte er noch hinzu: »Stell dich bloß nicht so dämlich dabei an, die wollen alle nur das eine, schnell heiraten, verstehst du. Heiraten und Kinder kriegen.«
»Ja, ja, Boss ich weiß. Tschüs Boss!«
»Wart mal einen Moment, hier nimm die Schlüssel, du kannst heute meinen Wagen nehmen, vielleicht hilft das bei deinem Vorhaben. Ich bin total müde und kaputt. Ich bestell’ mir ein gemütliches Taxi!«
Zufrieden saß er in der großen Limousine. Beruhigt stellte er fest, dass sich der Verkehr langsam auflöste und er schneller, als vermutet, voran kam. Voller Erwartung durchsuchte er die Straßenschilder der kleinen Seitenstraßen des Volksdorfer Stadtteils. Endlich tauchte das Schild der alten Dorfstraße auf. An Hassos Haus fuhr er vorüber und stellte das große Fahrzeug in einer nah gelegenen Seitenstraße ab. Nach kurzer Orientierung machte er sich auf den Weg. Hektisch befühlte er noch mal seine Jackentasche und ertastete die kleine Minoxkamera. Schnellen Schrittes ging er zu dem Haus der Katers und ergriff die Klinke des leicht angelehnten Gartentores. Vorsichtig, wie ein Dieb, schlich er durch den Garten um das große Panoramafenster zu erreichen. Hinter der Scheibe entdeckte er zwei skurrile Silhouet»Danke Boss! Vielen dank!«, verabschiedete sich Erni fröhlich und verschwand aus dem Büro.
ten. Erni schlich seitlich etwas dichter heran und erschrak. Nein, verdammt! Es waren zwei riesenhafte große Tiere, oder? Im Strahl der Deckenspots glitzerte ihr schwarzglänzendes Fell so blank wie bei Seehunden, die frisch aus dem Wasser kamen. In duckender Haltung versteckte er sich hinter einem Rhododendronbusch und konnte nicht glauben, was er dort sah.
Eine übergroße pechschwarze Katze, die seltsam schillernd auf dem breiten Sofa nach vorn übergebeugt hockte und einen bulligen Hund anfauchte. Zwischen den beiden lag ein frisch geräucherter großer Lachs auf einem Fressnapf. Die überdimensionierte Katze fauchte zum Fenster herüber. Fassungslos schüttelte er sich und verschloss für einen kurzen Moment die Augen. Am liebsten wäre er sofort wieder abgehauen, aber er hatte ihr ja versprochen, die Fotos zu machen. In seiner unerfahrenen Einfalt fragte er sich erschrocken: »Sind das nicht zwei Gestalten? Solche Lippen hat doch keine Katze?«, dachte er. Und der Köter hielt ihm seinen splitternackten Hintern entgegen, der, vom Deckenstrahler angeleuchtet aussah, wie eine polierte Tellermine aus dem Munitionsmagazin des Marinekreuzers. Angewidert von dieser Szenerie, die er so nicht erwartet hatte, starrte er mit schockgefrorenem Blick auf seine Kamera.
»Was will Frau Kater damit bloß bezwecken? Verfluchter Schiet! Was meinte sie in dem Telefongespräch, er solle sich nicht beirren lassen von der Katze mit dem Hund?« Sie bat ihn, alles zu fotografieren, bis sie das Fenster zum lüften öffnete.
»Sie hoffte darauf, dass er möglichst viele Fotos schoss, weil sie die dringend benötigt«, dachte er sich. Ob wohl er vor Neugierde platzte, mochte er auch nicht weiter nach fragen, denn so gut kannte er sie ja noch nicht. Völlig entgeistert hockte er seitlich des Fensters. In der Dunkelheit konnte man ihn von drinnen nicht wahrnehmen.
Urplötzlich knurrte und bellte der Köter. Hüpfte hin und her und schüttelte seinen schwarzglänzenden Kopf.
»Aber diese Stimme? Woher kennst du diese vertraute Stimme? Verdammt!«, überlegte er krampfhaft.
»Verflucht! Ich glaub’s nicht! Wo ist sie? Frau Kater – und wo ist die Dame, die er kennen lernen soll?«, rätselte er. Leibhaftig tauchte im Lichtkegel die Visage des Köters auf. Verzerrt zu einer hässlichen Grimasse. Er keifte wild um sich, aus seinen Lefzen floss der Speichel. Schaumblasen standen auf seinen Lippen, ekelhaft dieses Schauspiel. Was passiert hier für ein Theater? Wütend hob der Köter sein Bein und setzte einen Stahl an die Sofaecke. Auf allen vieren kroch er weiter und gebärdete sich, als müsste er sein Revier verteidigen. Schemenhaft erkannte Erni die grimmige Visage. Es war Hasso der kleine Terrier.
Kopfschüttelnd und atemlos verfolgte er die Aktion seines ehemaligen Marineoffiziers. Hasso, die Drecksau, in neuer Uniform, aus blankpoliertem glänzendem schwarzen Leder, im Design eines Straßenköters, mit hochstehenden Ohren, deren Spitze nach vorne herabfiel. Über dem Hintern ein dicker kupierter Stummelschwanz.
»Jetzt dreht er sich herum, und was sehe ich, er hebt nochmals ein Bein. Wo, wo ist er? Der Penis! Nicht zu erkennen. Hat er keinen? Verflucht, der hat keinen! Alte Drecksau! Hasso, der mich die Latrinen schrubben ließ. Sei verflucht, du Hundesohn einer missgünstigen Hexe. Da schon wieder. Er hebt sein Bein. Und was sehe ich? Einen Stummel, klein und kurz wie eine abgebrannte Zigarre. Elend – Gibt’s das. Wo bin ich? Im Vorhof der Hölle! Wo bin ich bloß gelandet? Verdammt! Er hebt das Bein und strullt an die andere Seite des Sofas. Die Katze faucht und krallt mit ihren überlangen Krallen in seinen Rücken. Der verdutzte Köter springt sie an, wirbelt herum, mit allen vieren ist er in der Luft, dann hüpft er zur Seite, jetzt legt er sich jaulend zu Boden.
Die Katze, sie ist es! Sie, Hassos junge Frau.« Es war die schüchterne, die liebevolle, die, in die er sich fast schon verliebt hatte an jenem Abend. Lauernd und fauchend lag sie auf dem roten lederbezogenen Sofa. Das halbe Gesicht verhüllt mit einer schwarzen Katzenmaske. Ihre aufrecht stehenden Katzenohren blitzten im Schein der Deckenstrahler. Aus der schwarzen Katzenkopfmaske leuchteten ihre dunklen Augen hervor, wie die Bullaugen eines stolzen Schoners. Plötzlich erhob sie sich und krallte nach dem Fisch. Der Lachs wirbelte durch die Luft. Der Mistkerl schnappte mit dem Maul danach, wie ein Köter, der von seinem Herrchen einen Happen zugeworfen bekommt. Der Fisch fiel laut klatschend zu Boden. Die Katze lauerte, erhob sich – und griff ihn erneut an. Aus ihrem glänzenden Lederkostüm drangen ihre schneeweißen Brüste hervor, ihre Knospen standen erregt aufrecht. Wild gebärdete sie sich, wand sich und langt ihm eins auf den Kopf.
»Ich glaub’s nicht! Hasso greift sie an, verflucht schnell abdrücken. Er bellt und gebärdet sich wie eine Bestie. Da, er dreht sich und zeigt seinen blanken Hintern. Verflucht, wo steckt sein Ding? Ich brauch es auf dem Foto. Die Katze! Sie macht einen Riesen Buckel und was sehe ich? Sie springt mit ihren pechschwarzen Handschuhen auf dem Sofa herum und zeigt ihre langen glänzenden Krallen. Oh Gott, ich sehe ihr Geheimnis. Sie trägt es offen zur Schau, in Rosarot blitzt es ihm entgegen. Der Kötermann springt sie an. Blitzartig dreht sie sich herum und krallt erbost in seinen Rücken. Da abdrücken! Unglaublich! Er beißt sie in den Arm! Sie zieht ihn blitzschnell weg und krallt ihm von der anderen Seite eins an die Wange.« Sein lautes Winseln und erbärmliches Jaulen fuhr Erni durch Mark und Bein, so dass es ihm draußen gruselte. Ein eiskalter Schauer lief ihm über den Rücken und er musste fast würgen. Jetzt schnappte der Köter nach dem Fisch und legte sich auf allen Vieren vors Sofa.
Schmatzend kaute er auf dem angefressenen Lachs herum, dann biss er nochmals hinein. Die Fetzen des Lachs flogen wirbelnd durch die Luft. Hasso sprang erregt hoch, schnappte erneut zu und machte plötzlich Platz wie ein braver Köter. Fischreste ragten aus seinem Mund und Stücke der Fischhaut hingen vor Sabber triefend herab. Es war widerlich.
Mit sanfter Geste erhob sich die Katze. Ihre Silhouette spiegelte sich in dem knallroten Sofa. In erotischer Pose drehte sie sich herum und bückte sich rückwärts über die Sofalehne hinweg. Mit geschmeidiger Gestik, nach Katzenart, griff sie sich erneut ein Bündel Reisig. Entgeistert schaute Erni zwischen ihre Beine. Blitzschnell fuhr sie herum. Ihre Krallenhand umklammerte das Bündel und sie drosch auf den Köter ein, der sie flehend anwinselte.
Gebannt verfolgte Erni die Aktion. »Schlag weiter zu, verdammt! Der Sauhund hat es verdient! Diese miese, elende Ratte! Jetzt tut sie es! Sie drischt auf ihn ein. Bravo!,« dachte Erni. Heulend vor Wut sprang der Hund herum. Sie zog ihm noch eins drüber. Spontan sprang er vor Schmerz zur Seite und kläffte sie wütend an.
»Jetzt gibt’s noch ’ne Ladung! Sie war in Rage und schlug zu. Immer wieder und wieder. So kräftig, dass kleine Splitter vom Holz absprangen und durch die Luft flogen. Der geschundene Köter jaulte wie ein wilder Wolf, was in einem erbärmlichen Stöhnen endete. Nackend blitzte sein von Striemen durchzogenes Sitzgerät unter dem ledernen Stummelschwanz hervor. Vom grellen Licht angestrahlt stach es Erni in die Pupille wie feine Nadelstiche. Und schon wieder prasselten die Hiebe der Lust auf den Köter herab. So kräftig, dass die rote Haut seines Fleisches bebte und erzitterte. Sein von Lust getriebenes Grinsen verriet Erni, dass er die Tracht Prügel genoss, wie ein Kind den Kuss seiner liebenden Mutter. Mit weit gespreizten Beinen stand sie wie eine Furie vor Hasso. Unwillkürlich starrte Erni auf ihre Schätze, die sich unter ihren Rundungen den Weg in die Freiheit bahnten und sich ihm in dieser widerlichen Szene so offenbarten. Hasso robbte von Gier besessen an sie heran und küsste die Lippen ihrer leicht geöffneten Scham. Dann biss er wutentbrannt hinein. Vor Schmerz aufschreiend ließ sie die abgebrochenen Spitzen der Rute über seinen Rücken sausen. Wie das Trommelfeuer aus einem Maschinengewehr prasselten die Schläge auf ihn herab und er war ihrer Willkür überlassen. Zähnefletschend biss er in ihren Schenkel und schielte hinauf in ihr von Schmerz verzerrtes Gesicht.
Hasso genoss diesen Anblick und sein Kopf wanderte zu ihren Rundungen. Sie beflügelten den scheußlichen Köter, erneut zu beißen. Aber sie wehrte ihn ab wie eine lästige Mücke. Wütend schubste die Katze seinen Kopf zur Seite und gab im eine volle Ladung auf sein schon rot gestreiftes Hinterteil. Welches er in einer so günstigen Stellung darbot, damit sie besser darauf herum dreschen konnte. Mit winselndem Blick bittend gab sie ihm eine derartige Portion, dass er jaulend im Kreis herum sprang. Wie eine Wildkatzen-Domina führte sie geduldserprobt aus, was er von ihr verlangte. Die Hiebe trafen das schwarze glänzende Leder und die Spitzen der Rute bohrten sich in das gerötete Fleisch seines Allerwertesten. Sie peitschte drauf los, als sei ihre Krallenhand vom Teufel geführt. So heftig, dass ihr Busen um die eigene Achse durch die Luft rotierte. Kleine Rinnsale seines Blutes quollen aus der zerschlagenen und geschundenen Haut.
Mein Gott, dieser Schmerz! Erni verstand die Welt nicht mehr und machte ungläubig ein weiteres Foto dieser so ungeheuerlichen Szene, die seinen Magen rumoren ließ. Hasso biss in die Rute, verdrehte die Augen und jaulte die Katzenfrau flehend an, wie ein heulender Wolf, der eine heiße Wölfin ruft. In seinem glühenden Blick entdeckte er die bekannte Grausamkeit, mit der er sie ungeduldig anstarrte, bis er hektisch seinen Kopf verdrehte und zum Fenster robbte. Erni stand wie angewurzelt, regungslos und fassungslos in seinem Versteck. Der auf allen vieren hüpfende Köter bellte und jaulte hinaus in die Dunkelheit und hielt heulend seinen Kopf in die Höhe.
»Oh Gott! Jetzt hat er mich entdeckt! Dieser elende Straßenköter«, dachte Erni. Doch der nahm keine Notiz von ihm, weil der Lichtreflex auf der inneren Scheibe dieses verhinderte. Spontan drückte Erni nochmals ab und hatte die Visage von dem Scheißkerl auf Zelluloid gebrannt. Als sei sie eine wilde Raubkatze erhob sie sich fauchend vom Sofa. Dieser leidenschaftlicher Enthusiasmus, den sie ausstrahlte, indem sie verheißungsvoll schmeichelnd, mit ihren Krallen über den Stoff des Sofas kratzte, machte ihn so heiß, dass er in völliger Ungezähmtheit über sie herfiel. Abwehrend zeigte sie ihm die Krallen und fauchte: »Mach Platz!«
Erni vernahm den Ton, der gegen die Scheibe schallte. Auf Befehl ließ Hasso sich fallen und lag da, wie ein Hund, der eine lobende Streicheleinheit erwartete.
»Komm schon, Schnurri!«, bellte er gehässig. Fauchend drehte sich die Katze um und griff sich eine frische Rute. Sein Hintern glühte, wie eine heiße Tomate. Die nur darauf wartete, dass ihr die Haut abgezogen wird. Ungeduldig winselte Hasso erneut nach Schlägen, die ihm ein Übermaß an Vergnügen bereiteten. Ein weiteres Mal ließ sie sich herab zu dem jammernden Köter. Sie knallte die Reisigbesen erbarmungslos auf seine roten Rundungen, bis er einen ekstatischen Anfall bekam, der sein kleines Ding hervorspringen ließ und sich voller Lust entlud.
Erni hockte verzweifelt da und drückte vor Schreck ab. Hassos gedrungener Körper zuckte. Er zog sich vor Schmerz zusammen. Aber sie knallte ihm wutentbrannt noch einen auf den Hintern, dass es draußen in seinen Ohren schallte. Automatisch fuhr sich Erni mit der Hand über sein Hinterteil und rieb sie hin und her.
Winselnd hüpfte Hasso weg, hob nochmals das Bein, setzte einen kleinen Strahl an den Topf des Fikus Benjamine und kroch auf allen Vieren aus dem Wohnzimmer. Kreidebleich verfolgte Erni den hüpfenden Gang des Köters bis zur Zimmertür. Sprachlos stand er in der Dunkelheit der Nacht. Unbeweglich und leichenblass als sei er erstarrt zu einer Marmorplastik – so steif fühlten sich eine Glieder an, als hätte man ihn am Boden festgenagelt.
Suchenden Blickes lief sie erregt zum Fenster, öffnete die große Panoramascheibe und bekam einen schrecklichen Weinkrampf. Dicke Tränen kullerten aus ihren Augen hervor und sie tat ihm leid. Vorsichtig peilte Erni die Lage. Aber Hasso war verschwunden. Zitternd bewegte er sich auf sie zu, und nahm sie in die Arme.
»Oh Gott, befreie mich von diesem Untier«, flüstert sie mit erbärmlich zitternder Stimme. Schluchzend fügte sie hinzu: »Danke, dass du gekommen bist. Du bist der Retter meines verfluchten Lebens.«
Entsetzt sah er sie an und fragte besorgt: »Was macht er jetzt?«
»Der duscht und verschwindet gleich. Die Pflicht ruft. Er hat Hafendienst auf dem Schiff. In 14 Tagen kommt er erst zurück«, antwortete sie erleichtert. Voller Erregung flüsterte er: »Ich habe den ganzen Film voll. Es ist alles im Kasten. Ich lasse ihn bei einem Freund entwickeln. Der macht Werbefotos. Dort fallen solche Bilder nicht besonders auf. Falls ihn jemand fragen sollte, dann kann er sagen, dass alles inszeniert sei. Tschüs Frau Kater, ich rufe Sie an!« Erni langte in seine Tasche und überreichte ihr eine seiner frisch gedruckten Visitenkarten.
»Bitte, warten Sie noch!« flüsterte sie enttäuscht. »Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie noch hier bleiben könnten. Harro ist sicher gleich verschwunden.«
»Kein Problem, Frau Kater«, antwortete er zuversichtlich.
»Ach, fast hätte ich es vergessen. Bitte verschließen Sie noch das Gartentor und kommen Sie vorsichtig und leise zurück, wenn er das offene Tor entdeckt, wer weiß, was dann noch alles passiert.«
»Okay, bis gleich!« Abwartend kauerte Erni im seidigen Schein des Mondlichtes. Er hatte sich hinter einem dicken Baumstamm versteckt. Beruhigt vernahm er die quietschenden Töne des sich öffnenden Garagentores. Spontan fühlte er sich besser. Forschend blickte er durch die Zweige der dichten Tannen. Endlich vernahm er das aufheulende Geräusch eines abfahrenden Wagens. Es verklang in der Stille der Mitternacht und alles um ihn herum war seelenruhig. Kurz darauf erschien sie mit suchenden Augen am Fenster, sie hatte ihr ledernes Katzenkostüm gegen einen flauschigen Bademantel getauscht. In ihrer Hand hielt sie einen großen Umschlag.
Als er sich zu erkennen gab, winkte sie ihm freundlich zu. Sie öffnete das große Fenster und rief erleichtert: »Die Luft ist rein, er ist endlich verschwunden«. Zögerlich folgte er ihr. Erschöpft ließ sie sich in einen Sessel fallen und sah ihm in die Augen.
»Ich bin immer völlig fertig nach diesem ekelhaften Schauspiel. Hier ist mein Ehevertrag, damit Sie verstehen, was dieser Mistkerl mir untergejubelt hat«, flüsterte sie kopfschüttelnd.
Völlig abgespannt ließ sich Erni in den zweiten bequemen Sessel fallen. Innerlich verspürte er noch immer ein leichtes Vibrieren. Er zog einen Stift aus der Tasche und öffnete damit das verschlossene Kuvert. Staunend überflogen seine Augen den Vertrag und er rief erbost: »Dieser kleine, dreckige Köter! Da steht nur kompletter Blödsinn drin. Es ist Sklaverei, was hier Wort für Wort geschrieben steht und Sklaverei ist abgeschafft. Wenn ich den in die Finger kriege, mache ich aus dem die feinste Pinkelwurst und spendiere sie dem Tierheim. Die hungrigen Hundemäuler können ihn dann verschlingen und er bekommt endlich, was er verdient. Was glauben Sie, wie der seine Rekruten behandelt? Wie ein Stück gammeliges Fleisch! Und ich frage mich, wie kommt man mit so einem kleinen Ding durch die Grundausbildung? Wo jeder beim Duschen von jedem seine Geheimwaffen sieht?« Ahnungslos zuckte sie mit den Achseln.
»Er hat mal beiläufig befürchtet, dass er keine Beförderung mehr zu erwarten hat, da sein großer Gönner pensioniert sei. Wahrscheinlich hatte er gute Beziehungen ganz nach oben in die Führungsspitze. Ich heiße übrigens mit dem Vornamen nicht Schnurri, falls Sie es draußen verstanden haben sollten. Mein richtiger Name ist Tessa.« Vertraulich fügte sie hinzu: »Darf ich Ihnen das Du anbieten.«
»Ja klar! Ich heiße Ernst, aber alle Freunde sagen Erni«, antwortete er geistesabwesend.
»Möchtest du auf diesen Schreck eine Erfrischung?«, fragte sie ihn besorgt und fuhr erregt fort: »Ich weiß überhaupt nicht, wie ich dir danken kann. Ich habe lange Zeit auf dem Abschiedsball überlegt, ob ich dir dieses hässliche Schauspiel zumuten darf. Aber in deinen Augen habe ich den Hass entdeckt, der bei jedem Wort über ihn blitzartig aufzuckte. Da habe ich allen Mut zusammen genommen und dir meine Adresse gegeben. Ich ahnte oder besser gesagt, ich hoffte, dass du mir helfen würdest, weil du mir zweimal so liebevoll in die Augen blicktest, als wenn ich dir etwas gefallen könnte«, flüsterte sie mit dicken Tränentropfen, die sanft über ihre leicht geröteten Wangen herab kullerten.
»Ich habe ’ne trockene Kehle und einen so stechenden Durst, dass ich ein Fass austrinken könnte«, entgegnete Erni und sah sie gefühlvoll an.
»Ein eiskaltes Bier könnte ich anbieten. Ich hohle uns eins aus dem Kühlschrank. Ab und zu trinke ich auch gern ein schönes erfrischendes Bier.« Als sie hinaus ging, schnappte sich Erni den Vertrag und las ihn nochmals genauer durch. Lautlos kam sie mit den Bierflaschen und zwei Gläsern zurück. Mit fragendem Gesicht legte sie den Öffner auf den kleinen Beistelltisch.
»Darf ich dir helfen?«, fragte er höflich und stellte fest, dass sie ihn mit ängstlichen Blick ansah.
»Hast du noch etwas Schlimmes entdeckt?«, fragte sie zögerlich.
»Ja!«, antwortete er. »Aber nur für Harro. Wenn ich einem Staatsanwalt diesen Vertrag gebe und eine Anzeige mache, ist er für die nächsten Jahre hinter Gittern.« Überglücklich stürzte sie sich auf ihn, umarmte ihn und küsste ihm die Wagen.
»Danke, danke! Ich kann es kaum glauben.«
»Hier kannst du auf keinen Fall bleiben. Ich mag dich sehr, pack’ einfach alle deine Sachen zusammen und lass uns hier verschwinden, bevor mir von dem Geruch in diesem Raum speiübel wird.« Mit unsicherer Miene kniete sie vor seinem Sessel, schmiegte sich bei ihm an und hauchte mit sanftem Ton ihrer erotischen Stimme: »Magst du mich küssen?«
Liebevoll beugte er sich herab und küsste sie zärtlich. Mit geschlossenen Augen umklammerte sie ihn und erwiderte leidenschaftlich seinen Kuss. Beseelt vor Glück, spürte er dass Zarte, Weiche ihrer warmem Lippen. Er empfand ein völlig neues Gefühl. Wie von einem duftigen Zauber ergriffen strich er ihr beschützend übers Haar. Sie genoss diese Zärtlichkeit und legte ihren Kopf in seinen Arm, als wenn sie sich nach einem starken Beschützer sehnte.
In seinem Inneren entbrannte etwas ganz anderes. Sein Herz klopfte wie eine Maschine. Er empfand Liebe – die erste zärtliche Liebe seines Lebens zu einer wildfremden Frau. Eine Liebe, die er durch den frühen Tod seiner Mutter vermisst, vielleicht auch verdrängt hatte. Und die ihm durch seinen Vater und seinem Großvater nicht zuteil wurde. In einer rauen Männergesellschaft wuchs er auf. Sie fanden kaum Zeit, sich um ihn zu kümmern. So wie es eine liebende Mutter kann und ihrem Kind die ganze Liebe ihres Herzens schenkt.
Nachdenklich betrachtete er sie. Tessa hatte diese weichen Gesichtszüge, die er von den alten Fotos seiner zärtlichen Mutter kannte, die ihren Ehrenplatz auf dem Sideboard des Esszimmers seiner Eltern hatten. Er hatte ihr während des Essens gegenüber gesessen und anfänglich jeden Tag geheult, wie ein Kind es nur kann, welches einen solch herben Verlust erleidet. Mit wehmütigem Blick hatte er sich noch von ihr verabschiedet, als er zur Marine ging. Sie hatte ihn aus ihrem silbernen Rahmen heraus angeblickt und ihm alles Glück der Welt gewünscht. Lange Zeit behielt er ihr Bild noch vor seinen Augen. Ihr zärtlicher und sanfter Blick, das leichte Lächeln um ihren Mund. Alles erinnerte ihn an Tessa, die er noch fest in seinen Armen hielt und die wie ein kleines Kind unentwegt weinte. Herzerleichternd entwichen ihr die Tränen. Sie lag in seinen Armen und konnte sich kaum beruhigen.
»Komm, meine liebe Tessa, es ist gut. Alles ist vorbei, ein für alle Mal. Wir packen deine Sachen und verschwinden hier auf dem schnellsten Weg. Sei nicht traurig, es kommen jetzt schönere Zeiten. Meine Wohnung ist eh zu groß für einen Menschen, dafür aber gemütlich eingerichtet. Da kannst du wohnen, so lange du magst.« Sie sah ihn ungläubig an und fragte: »Das Untier, was geschieht jetzt mit ihm?« Erni überlegte und entgegnete: »Das verschieben wir auf morgen, ich muss darüber erst mal in aller Ruhe nachdenken.« Zärtlich umschlungen erhoben sie sich, um einzupacken und diesen schrecklichen Ort für alle Zeiten zu verlassen.
Schweigsam fuhren sie Richtung Innenstadt. Tessa hatte ihren Kopf auf seine Schultern gelegt, kuschelte sich an und schlief ein. Als er zu Hause den Wagen parkte, wachte sie auf. Mit verschlafenen Augen stieg sie aus und torkelte auf ihn zu. Wortlos schnappte er sich das Gepäck. Behutsam nahm er sie in den Arm und sie gingen hinauf zu seiner Wohnung. Erni öffnete die Wohnungstür seines Lofts und bat sie hinein. Fassungslos strahlte sie ihn an und fragte mit ungläubigem Blick.
»Hier wohnst du ganz alleine? In diesem riesigen Raum. Und es macht dir nichts aus, jeden Tag eine Frau hier zu haben, die dir auf die Neven geht?«
»Ich hoffe nicht, dass das passieren wird«, meinte er zuversichtlich. Lässig ging er zum Kühlschrank, zog eine Flasche Champagner heraus und sagte: »Die hat mein Boss spendiert, falls ich mal eine Dame zu Gast habe. Neben dir im Schrank sind die Gläser. Bitte reich mal zwei rüber.«
Sie nahm die Gläser und setzte sich auf die großzügige gemütliche Wohnlandschaft. Übermütig öffnete Erni den Verschluss und ließ den Korken so heftig knallen, dass er an die Decke schoss, dort abprallte und in der Sammlung seiner Marinekreuzer landete, die auf den Regalen der Wand ausgestellt waren. Dort traf er eins der Modelle am Bug.




