Narzissen und Chilipralinen

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4.
»Das geht zu weit«, sagte Finn. »Michael hätte gar nicht erst zulassen dürfen, dass diese Asis mit dabei sind.«
»Er gibt halt jedem eine Chance«, meinte Daniel.
Im Wartezimmer der Notaufnahme war es voll. Offenbar hatten auch andere wenig Glück beim Wintersport gehabt.
Finn senkte die Stimme. »Sie sind gefährlich. Ich weiß es. Du erst recht. Nur Michael will es einfach nicht wahrhaben. Was, wenn beim nächsten Mal jemand ernsthaft verletzt wird?«
»Dass ein paar Schlitten zusammengestoßen sind, kannst du nicht Bastian ankreiden.«
»Du weißt, was ich meine.«
Natürlich wusste Daniel es. Unbehaglich starrte er auf den Fußboden.
Eigentlich hatte Michael Finn zum Arzt fahren wollen, doch dieser hatte sich geweigert. Er hatte die Ablehnung mit einem Witz kaschiert – »Nichts für ungut, aber du neigst nun mal zu Auffahrunfällen, du bist Stammkunde in unserer Autowerkstatt«, – doch es ging natürlich um viel mehr. Finn bestand darauf, nach Hause gebracht zu werden, bis Sonja ihn davon überzeugte, dass er ins Krankenhaus gehörte. Ihre Mutter, die dort arbeitete, hatte heute sogar Dienst; wenn er Glück hatte, würde seine eigene Tante ihn verarzten. Das gab den Ausschlag, und Finn hatte sich schließlich bereit erklärt, sich von seinem Freund Willi ins Krankenhaus bringen zu lassen. Doch da dieser keine Zeit hatte, mit ihm zu warten, war Daniel ebenfalls mitgefahren. Auch um Sarah kurz zu besuchen. Nun bereute er das fast, denn Finn steigerte sich immer mehr in seine Wut hinein.
»So wie ich Michael kenne, wird er sie trotzdem wieder einladen. Wenn wir gleich zum Raclette kommen, sind sie alle da und grinsen uns an, wetten? Dabei haben sie sich Hausverbot verdient, im Ernst. Was ist mit den Mädchen? Ist denen zuzumuten, mit einem Messerstecher am Tisch zu sitzen?«
»Bastian ist in Ordnung«, sagte Daniel.
»Würdest du deine Hand für ihn ins Feuer legen?«, wollte Finn wissen. »Diese Typen sind bloß auf Ärger aus. Die haben garantiert keine Lust, Anbetungslieder zu singen und über die Hochzeit in Kana zu diskutieren. Wir sollen offen für andere sein, aber du weißt am besten, dass es nicht so einfach ist, Daniel. Die sind nicht wie wir. Die würden noch auf jemanden eintreten, der bereits am Boden liegt.«
Daniel konnte ihm nicht widersprechen. Beim letzten Mal war er derjenige gewesen, der am Boden lag.
»Michael begreift es nicht«, flüsterte Finn. »Ich brauche eine Waffe ... um die Mädchen zu beschützen, falls nötig.«
»Weißt du, warum sie mich damals fertiggemacht haben?«, fragte Daniel. »Aus demselben Grund. Für die Mädchen. Das ist ziemlich nach hinten losgegangen. Vergiss es, Finn. Wir wollen keinen Krieg. Wir haben die Gelegenheit, ihnen etwas zu zeigen – wie man ein anderes Leben führen kann. Ich bin nicht naiv, ich weiß, dass das gefährlich sein kann. Ein paar von denen waren sogar schon im Knast. Aber wenn sie zu uns kommen, werden sie sich zusammenreißen.«
»Wir sollten ... wachsam sein.«
»Finn Erlmeyer?« Eine freundliche Stimme rief seinen Namen auf. Endlich hatte das Warten ein Ende.
»Ich bin dran.« Finn humpelte zur Tür. Das Letzte, was von ihm zu hören war, war der freudige Ruf: »Tante Erika!«
Und Daniel machte sich auf den Weg zu Sarahs Krankenzimmer, wo seine Eltern stumm an ihrem Bett saßen.
Als wir uns später, umgezogen und wieder aufgewärmt, zum Raclette im Gemeindehaus treffen, trägt Finn einen Verband um den Fuß, doch er ist wieder gut gelaunt. Während wir anderen Stühle schieben, Tisch decken und die Sachen fürs Raclette auf Schälchen verteilen, drückt Michael ihm ein Liederbuch in die Hand. »He, du Pfadfinder, eine gute Tat für dich: Such schon mal die Lieder raus, die wir später singen.«
Tine kommt strahlend in den Gruppenraum getänzelt. Was ist denn mit der los? Ich starre sie fassungslos an, überwältigt von der Erkenntnis, wie viele verschiedene Gesichter die Menschen haben. Kann es sein, dass dies die echte Tine ist – eine glückliche Tine, die gar nicht mehr von oben herab tun muss? Auf einmal ist sie sogar regelrecht attraktiv. Oder kommt mir das bloß so vor, weil sie diesmal keine üblen Andeutungen über Saufpartys und Fremdknutschen zum Besten gibt und ich sie fast mögen könnte?
Der Abend beginnt vielversprechend. Von Bastis Truppe sind nur zwei wiedergekommen, der dauergrinsende Jackson und der kleine, dunkelhaarige Alf, dem man einfach nicht ansieht, was er denkt. Ob Philipp wohl das schlechte Gewissen plagt? Oder stört ihn eher das Waffenverbot? Wenn ich an die Szene denke, wie er plötzlich das Messer in der Hand hielt, wird mir immer noch ganz mulmig.
»Die Vierundvierzig«, sagt Finn. »Und Lied Nummer Dreiundsechzig.«
Es gibt schöne Lieder und äußerst fromme Lieder, und wo die Schnittmenge liegt, hängt vom jeweiligen Geschmack ab. Ich fürchte sehr, dass Finn und ich da nicht übereinstimmen würden.
»Du kannst unmöglich die Vierundvierzig vorschlagen.«
»Warum nicht?«, fragt er und schaut mich an, als hätte ich etwas Unanständiges von mir gegeben. Vorsichtshalber überprüfe ich kurz, ob mein Reißverschluss zu und auch sonst alles in Ordnung ist.
»Wenn schon mal Gäste da sind«, erkläre ich, »sollten wir ein bisschen Rücksicht nehmen und ihnen nicht gleich die volle Dröhnung verpassen.«
»Du willst ihnen also etwas vormachen?« Er beäugt mich kritisch. »Ich finde, wir sollten die Gelegenheit nutzen, um sie mit der Botschaft vertraut zu machen. Wenn es sie stört, dass wir Christen sind, ist das eben so. Wir werden sie nicht unter Vorspiegelung falscher Tatsachen herlocken.«
»Nein, aber ...«
Auf einmal fühle ich die Blicke hinter meinem Rücken. Ich drehe mich um. Alle sind beschäftigt, trotzdem weiß ich, dass sie mich beobachten. Weil ich das schlimme Mädchen bin, das hinter Daniels Rücken mit anderen Jungs rummacht. Himmel, glauben die, ich will was von Finn? Er ist mittelgroß, mittelrötlichblond, mittelhübsch. Kein Vergleich mit Daniel – jedenfalls nicht in meinen Augen. Würde wirklich irgendjemand auf die Idee kommen, dass ich mich zu ihm gesetzt habe, um zu flirten, weil er ein verletztes Bein hat und nicht schnell genug weglaufen kann?
Schaut her, will ich rufen, ich hab DANIEL! Könnt ihr mir irgendeinen Grund verraten, warum ich mich anderweitig umschauen sollte?
Jedenfalls erhebe ich mich mit möglichst viel Würde und lasse den armen Finn allein, bevor er sich von mir belästigt fühlen kann. Dabei renne ich Michael über den Haufen.
»He, Miriam, nach dir habe ich gerade gesucht. Ich brauche eine Idee. Du hast doch immer welche, oder?«
»Kommt drauf an«, sage ich zögernd. Eine Idee, wie ich Kims Werk rückgängig machen kann? Wie ich den Samstagabend aus dem Gedächtnis des Universums löschen kann, ohne das Raum-Zeit-Gefüge irreparabel zu beschädigen?
»Feiern tut der Gemeinschaft gut«, meint er, »aber um gewisse ... Spannungen abzubauen und euer Miteinander zu stärken, fände ich es gut, wenn wir irgendwas zusammen machen würden, was erfordert, dass wir uns alle beteiligen. Alle gemeinsam.«
»Messerstecherei für Anfänger?«
Michael verzieht gequält das Gesicht und sieht dadurch aus wie ein halb verhungerter Steinbock.
»Holzschnitzerei? Da können wir alle unsere Messer mitbringen. Okay, vergiss es. Wie wär’s mit einer Kanufahrt?« Das ist halt das, was mir spontan als Erstes einfällt. Schlitten fahren. Fahrrad fahren. Boot fahren. Karussell fahren. Irgendwas mit Fahren.
»Nicht schlecht.« Seine Miene hellt sich auf. »Das können wir auch machen, sobald das Wetter besser wird. Für jetzt bräuchten wir aber auch noch was. Eine Aktion, die denen, die zu uns kommen, etwas bringt. Dass sie merken, dass sie geliebt und wertgeschätzt werden. Dass sie in Gottes Augen schön sind.«
»He!« Hinter uns ist Bastian aufgetaucht, der die letzten Worte mitbekommen hat. »Mach doch so was wie neulich, Messie, da hast du den Leuten ja auch gesagt, dass sie gut aussehen! Das war so was von klasse!«
In ohrenbetäubender Lautstärke erklärt er den anderen, was am Samstag in der Stadt los war. Jedenfalls kommt es mir so vor, denn ich würde am liebsten flüstern. Ich fange Daniels Blick auf. Er starrt mich entsetzt an, und ich frage mich, warum ich eigentlich nicht im Boden versinken kann. Das wäre mal eine Eigenschaft, die ich gerne hätte.
»So was habt ihr gemacht? Ist das gemein!« Die anderen können es nicht glauben, dass ich mich solche Sachen traue, und wollen alles erklärt haben. Michael muss zugeben, dass er an Aktionen dieser Art eher nicht dachte.
Ich gehe in Verteidigungsstellung. »Es hat denen richtig gut getan!« Ich stelle es so dar, als hätten wir diesen Streich inszeniert, um Leute mit Minderwertigkeitskomplexen glücklich zu machen. Was uns vielleicht sogar gelungen ist, quasi als Nebeneffekt. Ich erinnere mich an Patrick, an Leonie ...
»Bis sie merken, dass ihr sie verarscht habt!«
»Wir wollen den Leuten von Gottes Liebe erzählen, wir wollen sie nicht belügen!«
»Das ist ja wirklich das Letzte, wissen denn deine Eltern davon? Was sagt dein Vater dazu? Also, wenn mein Vater mitkriegen würde, dass ich so was ... «
Plötzlich ist mir alles zu viel. Ich schlängele mich zwischen den anderen hindurch und ergreife die Flucht. Jetzt bin ich nicht mehr das Mädchen mit den guten Ideen. Nur noch Messie, das heulende Elend.
In meinem Zimmer ist es dunkel. Die Vorhänge sind zu. Aus dem Nebenzimmer höre ich, wie Tabita Klarinette übt, und finde es irgendwie tröstlich, dass es noch Leute gibt, die nichts davon ahnen, dass ich eine unfromme Aussätzige bin. Lange wird das eh nicht mehr dauern.
Es klopft und die Tür geht auf, kurz erscheint wie ein Scherenschnitt ein schwarzer Umriss. Daniel macht kein Licht. Er tastet sich vorsichtig über den Teppich; er weiß, wie viel Zeug immer bei mir auf dem Boden herumliegt. Papier knistert unter seinen Füßen. Etwas fällt mit einem kleinen Rumms um. Das könnte ein Bücherstapel gewesen sein, aber ob es die Schulbücher waren oder die Büchereibücher, kann ich nicht heraushören. Es raschelt. Dann höre ich, wie er sich vorsichtig hinsetzt, mir irgendwo gegenüber. Zwischen uns eine Berglandschaft aus Schulsachen, Klamotten und anderem Zeug, fast unsichtbar in der Nacht, die ich hier geschaffen habe. Unter der Tür glimmt wieder ein schmaler Streifen gelbliches Licht.
»Was hast du mir sonst noch verschwiegen?«, fragt Daniel.
»Es war nur Spaß«, sage ich. »Wir haben überhaupt niemandem geschadet!«
»Warum hast du mir dann nicht davon erzählt?«
Weil ich weiß, dass du es verurteilen würdest, denke ich. Aber ich sage: »Wir haben uns ja kaum gesehen in letzter Zeit.«
»Am Samstag warst du bei mir, schon vergessen? Bevor du zu dieser Party aufgebrochen bist.«
»Da wollte ich es dir ja erzählen. Aber du warst so deprimiert, wegen deiner Schwester ...«
»Und du dachtest, es würde mich nicht unbedingt aufmuntern.«
»Es war nicht so schlimm, wie du vielleicht denkst. Wir haben die Leute belogen, das stimmt. Aber wir haben sie auch irgendwie ... aufgebaut.«
»Ach?«, fragt Daniel.
»Du hättest diesen Jungen sehen sollen. Patrick heißt er. Wie er nachher weggegangen ist, so ...« Froh trifft es nicht. Gestärkt. Als hätten wir ihm das Rückgrat gestärkt. »Wir haben ihn quasi entdeckt. Das hat ihm unheimlich Auftrieb gegeben.«
»Wenn er rausfindet, dass ihr ihn reingelegt habt, wird er dafür besonders deprimiert sein.«
Muss er das unbedingt sagen? Er könnte ruhig mal auf meiner Seite stehen, finde ich.
»Oder dieses Mädchen. Leonie. Die sah aus wie Tine, könnte ihre Zwillingsschwester sein. Als sie für unsere Kamera gelaufen ist, sah sie plötzlich schön aus. Das hättest du sehen müssen! Vorher war sie ganz unscheinbar, aber dann ... es war unglaublich.« Mir fällt ein, dass er sich das ja durchaus ansehen könnte, wenn er wollte. »Wir haben das auf Video, also wenn du mal Lust hast ...«
»Vielleicht.« Er ist nicht gerade wild darauf. »Ich finde es eigentlich absolut peinlich, wenn sich Leute vor der Kamera zum Affen machen.«
Ich fühle mich allein und traurig, und als er vorschlägt, zu den anderen rüberzugehen, sage ich bloß: »Geh doch.« Mist. Was, wenn er mich beim Wort nimmt und wirklich geht?
»Willst du gar nicht wissen, was Michaels Frage ergeben hat? Wenn du nicht so schnell weggerannt wärst, wüsstest du es jetzt.«
»Und?«, frage ich. Was auch immer es ist, ich werde sowieso nicht mitmachen.
»Wir planen eine besondere Feier. Wo jeder seine Gaben einbringen kann. Die einen werden sich ums Essen kümmern, andere um die Dekoration. Wer will, kann was auf seinem Instrument vorspielen. Ein paar wollen singen. Michael hat Tine gefragt, ob sie eine Kurzpredigt halten möchte!«
»Oh, wow«, ist alles, was mir dazu einfällt.
»Ein Theaterstück wäre schön. Michael meint, das sollst du übernehmen. Da sind schon ein paar Leute, die mitmachen würden. Das Ganze soll am Ostersamstag stattfinden.«
Ich schnappe nach Luft. »Ich soll eine Theatergruppe leiten?« Oh, wie schrecklich. »Mach ich nicht. Kann ich nicht.« Eine Welle von Panik schwappt über mich hinweg und reißt mich mit. »Lieber geh ich gar nicht mehr hin.«
Daniel erschrickt. Ich spüre es so deutlich, als könnte ich ihn sehen, ihn fühlen, als wäre sein Herz meins und mein Herz seins. Er ist tiefer getroffen, als er jemals zugeben würde.
»Das meine ich nicht ernst«, sage ich rasch. Ich taste mich durch das Gerümpel zu ihm hin. Erwische sein Knie, die Falten der Jeans. Meine Finger tasten über sein Sweatshirt, klettern an seinem Arm hoch, finden sein Gesicht. »Bitte, nimm doch nicht alles ernst, was ich sage«, flüstere ich und nehme seine Wangen zwischen meine Hände und küsse ihn. Wieder ist da so viel Angst in mir, ihn zu verlieren, nur weil ich ständig dumme Sachen sage oder tue, und so gerät dieser Kuss heftiger und leidenschaftlicher als sonst. Diesmal sind keine störenden dicken Jacken zwischen uns. Nur ein paar Schichten dünnen Stoffs, die es zulassen, dass ich mich ganz dicht an ihn herankuschele und seinen Körper dicht an meinem spüre. Papier raschelt, als wir unser Gewicht verlagern und tiefer auf den Teppich sinken. Die letzten Chips in einer offenen Tüte zerbröseln unter meinen Füßen. Ein paar weitere Bücherstapel kippen um. Ich weiß nichts davon. Ich fühle nur diesen Kuss, höre nur unseren heftiger werdenden Atem.
Dann ist es plötzlich hell. Tabita hat die Tür aufgerissen und steht wie ein Racheengel auf der Schwelle.
Ich blinzele ins Licht und mir wird klar, was sie sieht: ihre große Schwester und ihren Freund, die im Dunkeln auf dem Teppich liegen und knutschen. Also definitiv etwas, was kleine Schwestern auf gar keinen Fall sehen sollten.
Keiner von uns hat daran gedacht, die Tür abzuschließen.
»Kannst du nicht anklopfen?«, brülle ich, während Daniel und ich hastig auseinanderfahren und wir beide so tun, als wäre nichts gewesen.
Tabita schüttelt den Kopf. »Sonst geht’s dir noch gut, was?«, fragt sie und zieht endlich ab. Die Tür lässt sie offen.
Ich schalte das Licht ein. Daniel sitzt auf meinem Bett und streicht sich die Haare glatt. Ich könnte mich gleich wieder auf ihn stürzen, aber ich beherrsche mich.
»Lass uns rübergehen, zu den anderen«, sagt er.
»Ja, gut.«
»Du solltest dich noch kämmen.«
»Ja, mach ich.«
Ich glaube, wir haben uns soeben wieder versöhnt. Es hat sich jedenfalls ganz so angefühlt.
Meine Sonne,
du bist die Schönste von allen. War ich blind, dass ich das früher nicht bemerkt habe? Dein Haar schimmert seidig im Sonnenlicht. Deine Haut ist wie Schnee. Du hast gelacht und gestrahlt und es war wie ein Pfeil, der durch mein Herz fuhr.
Ich denke die ganze Zeit an dich, ich kann nicht anders. Immer, wenn ich die Augen schließe, sehe ich dich vor mir.
Glaubst du nicht auch, dass die Liebe ein Geschenk Gottes ist? Eben noch war alles wie immer ... und plötzlich ist nichts mehr, wie es war. Es ist noch Winter, aber mir ist, als hätten wir plötzlich Frühling. Alles blüht und grünt und du bist die schönste Blume von allen.
Ich stelle mir vor, dass ich Salomo bin und dich in meinem Palastgarten entdeckt habe. Kannst du dir vorstellen, wie überrascht ich war? Es ist wie ein Wunder, das in meinem Herzen geschehen ist und, wie ich hoffe, auch in deinem. Du bist nicht wie die anderen.
Ich auch nicht.
Da haben wir doch schon was gemeinsam, oder?
Die Liebe ist eine Glut, die vom Herrn kommt. Er hat dieses Feuer angezündet. Das hier ist von Gott, da bin ich mir sicher.
Sehnsüchtig warte ich auf deine Antwort,
dein Salomo

5.
»Warum machst du denn da mit, wenn du keine Lust hast?« Mandy kann sich keinen Grund vorstellen, etwas zu tun, was ihr gegen den Strich geht. Sie sitzt auf dem Tisch, lässt die Beine baumeln und hält den Kopf leicht schräg, sodass die Sonnenstrahlen, die das große schmutzige Fenster überwinden, in ihrem Haar funkeln. Mindestens die Hälfte der Jungs unserer Klasse glotzt gebannt zu ihr hin, aber sie tut, als merke sie es nicht.
»Ich weiß auch nicht«, sage ich lahm. Auch Kim schaut zu uns rüber. Ich finde ihren Blick irgendwie gruselig, aber so cool wie möglich ignoriere ich sie. Sie muss total eifersüchtig auf mich sein, weil Mandy so viel mit mir abhängt. Dabei hat Mandy ja gar nichts dagegen, weiterhin mit ihr befreundet zu sein. Wir zwei sind es, die nicht miteinander klarkommen.
»Wegen Daniel«, stellt sie fest.
»Ja«, gebe ich zu. Nur seinetwegen habe ich mich bereiterklärt, mich an Michaels Projekt zur Stärkung der Gemeinschaft zu beteiligen und »irgendwas mit Theater« zu machen. Was meine Eltern dazu sagen würden, ist mir nicht so wichtig wie Daniels Meinung. Er soll sehen, dass ich mir diesmal wirklich Mühe gebe. Schließlich ist er sogar bereit, bei der Kanutour mitzumachen, die auf Ende Mai angesetzt ist, direkt nach meinem Geburtstag. Er spricht nie darüber, aber ich glaube, er hat ein Problem mit Wasser. Trotzdem hat er sich für diese Tour angemeldet, weil ich den Aubach immer noch liebe. Und da soll ich mich querstellen und bei unserem Hopi-Osterabend kneifen?
Mandy macht ein zweifelndes Gesicht. »Ich weiß ja nicht. Ob irgendein Typ es wert ist, dass man sich seinetwegen so verbiegt?«
»Hey, ich verbieg mich doch nicht«, protestiere ich. »Ich geh dort mein ganzes Leben hin. Ich kenne die alle seit zig Jahren.« Was nur ein kleines bisschen übertrieben ist. Aber lange bevor ich Messie wurde, Mandys beste Freundin, war ich schon Vorzeigetochter Miriam.
Sie schüttelt trotzdem den Kopf. »Und was machen wir heute Nachmittag? Oder triffst du dich da auch mit Danniboy? Oder«, ihre Stimme wird eine Spur schärfer, »übst du mit deinen Theaterleuten?«
Ich hätte nicht gedacht, dass auch Mandy eifersüchtig sein könnte. Früher hätte mich das gefreut. Aber es ist bloß ... überflüssig. Ich habe genug Dinge, über die ich nachdenken muss, da kann ich es echt nicht gebrauchen, dass sie auch noch auf mich sauer ist.
»Eigentlich hab ich Daniel versprochen, mit ihm ins Krankenhaus zu gehen und seine Schwester zu besuchen.«
Mandy ist enttäuscht. War ja auch klar. Es ist schwerer, als ich dachte, einen Freund und eine beste Freundin zu haben. Immer glaubt irgendwer, zu kurz zu kommen.
»Ich hab Zeit.« Kim sagt es ganz beiläufig, so als wäre es ihr völlig egal, ob Mandy sich mit ihr trifft oder nicht.
Ich schlucke den Ärger hinunter, während die beiden sich verabreden.
Daniel geht vor, rede ich mir ins Gewissen, obwohl ich viel mehr Lust hätte, mit den anderen Mädels was zu unternehmen, als mich dem deprimierenden Anblick kranker Leute auszusetzen. Aber ich hab’s ihm versprochen. Ich kann doch nicht einfach trotzdem zu Mandy fahren und Musik hören und quatschen. Obwohl ... wir könnten zusammen Hausaufgaben machen, wie in alten Zeiten.
Die Versuchung ist ziemlich groß. Fast zu groß, um ihr nicht nachzugeben, vor allem, da ich einen triumphierenden Blick von Kim auffange.
Ein paar Tische weiter sitzt Rosi und wagt ein schüchternes Lächeln. Das gibt mir Mut. Selbst wenn ich Mandy verlieren sollte, sind da noch andere, die mich mögen. Den Zwang, mit jemandem befreundet zu sein, nur weil er oder sie angesagt ist, habe ich abgeworfen, schätze ich.
»Nun, wie läuft’s mit deinem Kreuzritter?«, fragt Kim. Sie kann es nicht lassen, mich zu ärgern.
»Gut«, sage ich kühl. »Warum auch nicht? Nicht jeder glaubt die Scheiße, die du überall rumerzählst.«
»Mann, du warst so besoffen, du konntest kaum geradeaus gehen.«
»Das stimmt«, sagt Mandy. Wieso fällt sie mir in den Rücken, ausgerechnet jetzt? »Du hast ein paar von diesen fiesen Cocktails gekippt, ich war dabei, schon vergessen?«
»Warum hast du mich nicht gewarnt?«
»Warum sollte ich?« Sie zuckt mit den Schultern.
»Na gut. Aber deshalb ist die andere Sache längst nicht wahr. Ich hab mich bloß mit ihm unterhalten.«
»Das sah aber anders aus, als ihr euch beide im Schnee gewälzt habt.«
Mandys Augen werden groß. »Messie! Das hätte ich jetzt echt nicht von dir gedacht. Und ausgerechnet Tom! Ich hab dir doch gesagt, du sollst dich von ihm fernhalten.« Jetzt ist sie ernsthaft sauer. Tom hat ihr den Laufpass gegeben und nun soll ihn keine andere haben. Wie doof ist das denn? Nicht dass ich ihn will, aber trotzdem.
»Wo hast du ihn eigentlich versteckt?«, fragt Kim.
»Wen?«
»Tom. Er ist nämlich verschwunden, seit dieser Party hat ihn kein Mensch mehr gesehen. Schläft er unter deinem Bett?«
Ich kann nicht so recht fassen, was ich da höre. »Er ist weg? Wie, weg? Seit«, ich rechne kurz nach, »seit zehn Tagen?«
Vielleicht ist er doch betrunken gefahren. Und hatte einen Unfall. Und liegt mitsamt Auto im Straßengraben. Aber dann hätte man ihn doch längst gefunden. Selbst wenn er zu Fuß unterwegs gewesen wäre und in einen Graben gefallen wäre, hätte man ihn mittlerweile aufgespürt, tot oder lebendig. Und falls nicht, hätte es in der Zeitung gestanden, dass ein Schüler vermisst wird, oder nicht?
»Sobald die Schule vorbei ist, taucht er ab. Das sieht ihm eigentlich gar nicht ähnlich.«
»Das ist ja schräg«, sage ich erleichtert. Also keine Leiche im Straßengraben. Wäre echt schade um den schönen Tom gewesen. »Willst du mich besuchen und im Kleiderschrank nachsehen, Kim?«
Die Pause ist zu Ende, die Dogge stürmt ins Klassenzimmer und knallt einen dicken Papierstapel aufs Pult.
Mandy setzt sich neben mich. Auch wenn wir noch weiterreden könnten, würde sie nicht mit mir sprechen. Sie beugt sich über ihr Heft und zeigt mir die kalte Schulter.
In der Klinik war es kühl, Licht und Geräusche gedämpft. Miriams Gesicht hatte eine ungesunde blasse Farbe angenommen. Vielleicht erinnerten sie der Geruch und die Atmosphäre an ihren eigenen Aufenthalt hier.
»Sie sieht dir total ähnlich«, flüsterte sie.
Das stimmte, auch wenn Sarah überhaupt nicht wie sie selbst wirkte, so krank und bleich. Dasselbe Blond.
»Unsere Eltern haben immer behauptet, wir hätten sogar das gleiche Lächeln«, sagte Daniel. »Als sie noch lächeln konnte.«
Er wandte sich seiner Schwester zu und begrüßte sie. »Das ist Miriam. Meine Freundin. Ich hab dir am Telefon von ihr erzählt, weißt du noch? Ich bin mir sicher, dass du sie mögen wirst.«
»Äh ...«, sagte Miriam, »glaubst du, sie hört dich?«
»Davon gehe ich aus.« Er setzte sich an die Bettkante und nahm Sarahs kühle, schlaffe Hand in seine. »Sie ist froh, dass du hier bist.«
»Leider ist sie zu bewusstlos, um ihre Begeisterung zu zeigen.« Miriam stand unschlüssig herum und betrachtete den Fuß, der aus der Bettdecke herausragte und an einem komischen Gestell befestigt war. »Was ist denn mit ihrem Bein?«





