Mo Morris und die Anti-CO2-Maschine

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Viele unserer diversen Zweige befinden sich noch im Aufbau und können auf Dauer nur durch die Zuwendungen von Geldgebern vorangetrieben werden. Wenn es nämlich so weitergeht wie bisher, könnte eines Tages das Kapital meines Vaters aufgezehrt sein.
Die Gründe, warum wir Sie beide engagiert haben, beziehen sich momentan allein auf Aqua City. Wir rechnen allerdings jederzeit damit, dass sich dies ändern kann. Wie ich Morton ja bereits am Telefon andeutete, gab es einige Sabotageakte. Das ist das, was meinen Vater – wie er es eben formuliert hat – so sehr ins Herz getroffen hat!“
„Leider weigerten Sie sich am Telefon, mir mehr darüber zu berichten“, beklagte sich Mo, während er mit Mary den Platz auf dem zur Hälfte mit Zeitschriftenstapeln bedeckten Sofa einnahm, der ihnen kurz zuvor durch Donovan zugewiesen worden war.
„Ich wollte erst sicher sein, dass Sie wirklich hierher kommen und den Auftrag annehmen. Wir versuchen die Sache geheim zu halten, damit unsere Geldgeber nicht verunsichert werden. Außerdem sollen keinen Nachahmer auf Ideen gebracht werden“, hatte Una sofort eine plausible Erklärung parat. Dann ging sie zu dem Laptop hinüber und rief eine weitere Abbildung von Aqua City auf.
„Es handelt sich hier um eine jüngere Satellitenaufnahme als die erste. Ich bin sicher, Ihnen wird der Unterschied sofort ins Auge fallen!“
Tatsächlich konnten sie gleich erkennen, dass eine der äußeren Inseln im nordöstlichen Bereich einfach fehlte. Es war so offensichtlich, dass Una ihre Reaktion hierauf nicht abwartete, zu der entsprechenden Stelle auf dem Bildschirm deutete und erklärte:
„Das fehlende Modul von Aqua City heißt Gamma 2 und wurde vor rund drei Wochen nachts abgetrennt, irgendwohin auf See geschleppt und nach aller Wahrscheinlichkeit versenkt. Jedenfalls hat sich die Spur der Schwimminsel nach einer vergeblichen GPS-Ortung vollkommen verloren, was anders schwer erklärlich ist. Es gab vorher bereits eine Reihe kleinerer Sabotageakte, die ich ihnen in einer Liste zusammengestellt und erläutert habe. Ich händige Sie Ihnen nachher zusammen mit anderen Unterlagen aus. Das Verschwinden von Gamma 2 stellt bisher das mit Abstand größte Ereignis dar. Die Hauptinsel heißt übrigens Alpha 1, während sich die 16 kleineren Forschungsmodule in den zwei, versetzt zueinander liegenden Ringen zu je 8 Inseln um sie herumgruppieren. Gamma 2 lag somit ganz außen im so genannten Gamma-Ring und stellte die Nummer 2 unter insgesamt 8 Schwesterinseln dar.“
„Es wird höchste Zeit, uns zu verraten, wen Sie hinsichtlich dieser Sabotageakte verdächtigen. Am Telefon klangen Sie für mich so, als gäbe es bereits Vermutungen“, forderte Mo mit unverhohlener Ungeduld.
„Obwohl ich meiner Tochter gern die Rolle der Wortführerin überlasse, möchte ich Ihnen dies selber darlegen“, erklärte Donovan diesen wichtigen Punkt zur Chefsache. „Zunächst sei gesagt, dass der Verlust des Bereiches Gamma 2 einen Schaden von fast 5 Millionen Dollar darstellt. Glücklicherweise war die Insel unbewohnt und zum Zeitpunkt des Verschwindens hielt sich niemand auf ihr auf.
Gamma 2 hat sich mit einem unserer sensibelsten und wichtigsten Forschungen befasst: Die künstliche Nachahmung des natürlichen Fotosyntheseprozesses, durch den Pflanzen mit Hilfe des Sonnenlichtes aus Wasser und CO2 Energie gewinnen und Sauerstoff freisetzen. Sie werden wohl sofort verstehen, dass ein nachhaltiger Durchbruch in der Künstliche-Fotosynthese-Forschung eine der denkbar besten Lösungen des CO2-Problemes wäre. Es gibt übrigens auch Ansätze, industrielle CO2-Abgase mit einer fotosyntheseähnlichen Technik zu Methanol oder Kohlenstoffmonoxid umzuwandeln, was etwa in Brennstoffzellen Verwendung finden kann.
Aber bleiben wir bei der Sache. Sie wollen etwas über die Saboteure wissen. Sie werden es mir vielleicht nicht glauben, aber es gab ein Bekennerschreiben in Form einer Email, in der sich eine fundamentalistische religiöse Vereinigung dazu bekennt, die Insel zerstört zu haben.“
„Eine fundamentalistische religiöse Vereinigung? Das klingt ziemlich absurd! Mit was für einer Begründung hat sich diese Vereinigung bekannt?“, rief Mary spontan aus.
„Sie werfen uns vor, wir würden mit unseren Forschungen Gott ins Handwerk pfuschen“, erwiderte Donovan mit einem bitteren Lachen. „Diese Vereinigung, falls sie wirklich existiert, glaubt laut ihres Bekennerschreibens, dass die Entwicklungen auf Erden vorherbestimmt sind und der Klimawandel der Beginn der sieben großen Plagen ist, mit dem Gott die so genannte Endzeit einleitet. Ich nehme an, Ihnen ist die Offenbarung des Johannes in dieser Hinsicht bekannt. Wenn das Ganze kein riesengroßer Quatsch ist, dann hätten wir es mit einer extrem deterministischen Weltbetrachtung zu tun, die Geoengineering als eine unzulässige technische Einmischung in natürliche, von Gott angeleitete Prozesse deutet.“
„Wenn mein Vater von einem riesengroßen Quatsch spricht, bedeutet das nicht, dass wir religiöse Interpretation nicht bis zu einem vernünftigen Grad respektieren könnten“, milderte Una die Worte Donovans etwas ab. „Uns fällt nur schwer zu glauben, eine christlich-fundamentalistische Vereinigung könnte über genügend kriminelle Energie und technische Mittel verfügen, um einfach so eine 500 Quadratmeter große Schwimm-Plattform auf hoher See verschwinden zu lassen!“
Sie trat an den Schreibtisch, nahm einen dicken, bereit liegenden Umschlag und zog ein Papier heraus.
„Wir haben Ihnen hier alle relevanten Informationen zusammengestellt, die Sie sich später ihrem Hotel ansehen können. Sie bleiben doch über Nacht auf der Insel? Behandeln Sie das Material bitte absolut vertraulich, da ein Anschlag auf Aqua City ein gefundenes Fressen für die Medien wäre. Und dies hier ist dann noch das Bekennerschreiben.“
Als sie daraufhin Mo sowohl den Umschlag als auch das Papier übergab, fand er in dem denkbar kurzen Text des Bekennerschreibens keine weiteren Informationen, die über die bisherigen Erläuterungen hinausgegangen wären. Donovan setzte derweil dazu an, Ihnen seine Interpretation der Dinge darzulegen.
„Ich vermute, die Bekenneremail zielt nur darauf ab, deutlich zu machen, dass es sich um einen feindlichen Sabotageakt handelt. Und da die Saboteure nicht verraten können, wer sie wirklich sind, schieben sie eben eine imaginäre religiöse Vereinigung vor. Im Grunde macht man sich damit noch zusätzlich über mich lustig.
Ich bin überzeugt, die Konkurrenz steckt dahinter. Sehen Sie, all diejenigen, die entscheidende Patente für eine technisch und wirtschaftlich machbare Umwandlung von CO2 anmelden, können sich dadurch im besten Fall einen riesigen Zukunftsmarkt erschließen. Die künstliche Fotosynthese und ihre artverwandten Prozesse, mit denen sich etwa auch Wasserstoff für emissionsfreie Antriebe gewinnen ließe, spielen dabei eine nicht unerhebliche Rolle. Aber natürlich auch viele, viele andere Verfahren, wie etwa die schon lange bekannte Möglichkeit, aus Wasser und CO2 synthetische Kraftstoffe zu gewinnen. Aus CO2 lässt sich etwa auch Düngemittel herstellen und neuere Ansätze versuchen sogar, CO2 mit Hilfe eines Elektrolyseprozesses bei Raumtemperatur in festen, gefahrlos aufzubewahrenden Kohlenstoff zurückzuverwandeln. Glücklicherweise gibt es mittlerweile so viele Ansätze, dass es einige Hoffnung auf Lösung des Klimaproblems gibt.
Langer Rede kurzer Sinn: Wahrscheinlich möchte man mich und meine Entwicklungsarbeit gezielt schwächen, um in den entsprechenden Forschungsbereichen an Vorsprung zu gewinnen. Obwohl es mir selber nicht ums Geld geht und ich in alle Richtungen für technische Kooperationen offen bin, sieht das irgendjemand gar nicht so. Sein Kalkül könnte aufgehen, da durch jeden Sabotageakt Geldgeber abgeschreckt werden und unsere kostspielige technische Entwicklungsarbeit stark verzögert wird.“
Als Donovan daraufhin inne hielt und Mo und Mary einen Moment nachdenklich ansah, bekam er eine spontane Idee.
„Wissen Sie was? Warum bleiben Sie nicht einfach über Nacht hier? Wir haben hier schönere Gästezimmer, als sie Ihnen jedes Hotel auf Block Island bieten kann. Ich schlage vor, Sie studieren jetzt in Ruhe das Material und ich kümmere mich derweil um einige Geschäfte. Dann werden wir gemeinsam zu Abend essen und danach alles Weitere im Detail besprechen. Ich möchte Sie sehr gründlich instruieren, bevor ich Sie beide nach Aqua City schicke!“
Für Mary wurde es allerhöchste Zeit, ein Missverständnis zu korrigieren, weshalb sie sehr entschieden rief:
„Sir, ich werde nicht mit Morton nach England reisen!“
Da sie ihm das Rollenspiel nicht offenbaren konnte, auf das sie sich Mo zuliebe eingelassen hatte, fügte sie als Begründung hinzu:
„Ich habe noch an einigen anderen Dingen zu arbeiten und werde Morton vom Büro aus behilflich sein.“
„Aber, aber mein Kind, Sie wollen sich doch wohl nicht der wichtigen Aufgabe, die Ihnen das Schicksal zugeteilt hat, verschließen? Das kann ich nicht akzeptieren! Ich hatte mich so gefreut, dass Morton eine solch reizende Kollegin mit irischen Wurzeln hat. Obwohl er einen außerordentlich guten Ruf als Detektiv besitzt, wäre es verrückt, einen einzigen Mann auf einen solchen Fall anzusetzen. Ich wollte ursprünglich sogar ein ganzes Team anheuern, aber meine Wahl fiel auf ihn, weil er eine erstklassige Aufklärungsrate vorweisen kann. Wenn Morris Investigations den Auftrag einstreichen will, erwarte ich allerdings, dass mit mehreren Leuten gearbeitet wird. Als ich mich über Sie informierte, fielen mir immer wieder drei Namen ins Auge: Tim Diamond, Betty Cadena und Michael King. Was ist mit den Dreien? Würden sie zur Verfügung stehen, um mit Ihnen nach England zu reisen?“
„Normalerweise läuft es so, dass ich zunächst allein eine Spur aufnehme und erst bei Bedarf auf Miss Cadena und Mr. King zurückgreife. Mr. Diamond arbeitet grundsätzlich nur im Hintergrund von seiner eigenen Detektei Diamond Investigations aus, da er sich bei einem unserer letzten Fälle schwerwiegende Verletzungen zugezogen hat“, versuchte Mo so etwas wie eine übliche Vorgehensweise plausibel erscheinen zu lassen. Dabei verfluchte er insgeheim den Namen Diamond, der an ihm so fest zu kleben schien, als entspräche es irgendeinem höheren Schicksalsplan. Er hatte den Ehrgeiz, den Fall alleine zu lösen und dieses Mal nicht auf Diamonds Hilfe angewiesen zu sein. Allerdings ahnte er schon jetzt, dass dies kaum möglich sein würde.
„Gut, akzeptiert, aber Mrs. Kellys aktive Mitarbeit mache ich zur Bedingung! Wenn Sie schon so restriktiv mit der Mitarbeit Ihrer Kollegen umgehen, sehe ich keinen Grund, warum auch sie in New York zurückbleiben sollte. Das wäre ja geradezu lächerlich und käme einer nicht nachvollziehbaren Verweigerungshaltung gleich!“
Natürlich wollte Mary sofort protestieren, aber Mo warf ihr ein paar so scharfe und flehende Blicke zu, dass sie instinktiv verstummte und nach Luft rang. Als hätte Donovan geahnt, was in Wahrheit in ihr vorging, beeilte er sich,. die Türen für jegliche Rückzugsmöglichkeiten sorgfältig zu verschließen, indem er einen Scheckblock aus einer Schreibtischschublade zog, zwei Schecks ausstellte und Mo und Mary jeweils einen überreichte. Als Mary die Summe sah, blieben ihr zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit die Proteste im Hals stecken und sie stieß bloß ein paar überraschte, unartikulierte Laute aus. Der harmlose Frühlingsausflug nach Block Island mündete für sie in einen schwerwiegenden Entscheidungskonflikt, der sie fassungslos nach Worten ringen ließ.
„Nehmen Sie dies als Spesenvorschuss und kleine Anzahlung. Die Höhe der Summe dürfte für Sie ein unmissverständlicher Indikator dafür sein, wie wichtig mir die Aufklärung der Angelegenheit ist. Ich kann mich unmöglich allein auf Interpol sowie die britische Polizei und Küstenwache verlassen. Es wäre zwar möglich, dass sich heimlich der britische Geheimdienst GCHQ eingeschaltet hat, aber in dieser Hinsicht verfüge ich über keinerlei Informationen.
Und nun möchte ich Sie bitten, sich unten in die Gesellschaft meiner Tochter zu begeben, damit ich ein paar Telefonate erledigen kann. Wir reden dann wie gesagt nach dem Dinner weiter. Die Frau unseres Haus- und Grundstückwartes Mrs. Wilson ist eine exzellente Köchin und wird es uns nachher zubereiten. Sie ist eine äußerst nette Person und da sie für uns mehr als nur eine Angestellte ist, wird sie uns beim Essen Gesellschaft leisten.
Aber was machen Sie denn bloß für ein saures Gesicht, Mrs. Kelly? Oder müsste ich vielleicht sogar Miss Kelly sagen und den glücklichen Burschen beneiden, der ihr Herz noch erobern darf? Sie haben Geld und einen wirklich interessanten Auftrag, was wollen Sie denn mehr?
Sie beide werden übrigens meiner Frau Susan auf Aqua City begegnen. Sie arbeitet dort zurzeit als meine rechte Hand und hält mich regelmäßig auf dem Laufenden. Sie wird Sie nach Ihrer Ankunft in den allgemeinen Stand der Dinge einweihen.
So, und nun entschuldigen Sie mich bitte. Obwohl dieses Haus mein Sommer- und Urlaubssitz ist, wartet immer auch etwas Arbeit auf mich!“
Als Donovan sich hierauf abwandte und am Schreibtisch zum Telefonhörer griff, hatte Mary die vorerst letzte Chance verpasst, ihn über ihren wahren Beruf aufzuklären. Sie verließ mit Mo und Una den Raum und überlegte fieberhaft, wie sie die Reise nach England umgehen konnte, ohne dass Mo den Auftrag verlor. Aber ihr fiel nichts ein und selbst am Abend noch, als sie alle gemeinsam im Erdgeschoss an einem schweren, antiken Eichentisch beim Dinner saßen, war es, als bliebe sie die ganze Zeit in eine dichte Wolke von Ratlosigkeit gehüllt…
2
Das 80 Meilen ostsüdöstlich vom Londoner Zentrum am Ärmelkanal liegende Städtchen Ramsgate sollte sich für einige Zeit als der letzte Ort erweisen, an dem sie sicheres Festland unter ihren Füßen gespürt hatten. Mo beobachtete sorgenvoll, wie sich die beängstigend großen Wellen mit einer hoch aufspritzenden Gischt vor den Hafenmauern brachen und wie ihre Ausläufer selbst noch die Boote in den innersten Bereichen des Hafenbeckens zum Tanzen brachten. Das Bild des Hafens mit den schwankenden Masten der Segeljachten und den sich im Hintergrund über den Uferbefestigungen auftürmenden Häuserzeilen der Stadt wurde von oben durch ein paar schwarze, tief hängende Wolkenbänke begrenzt, unter denen Schwärme von kreischenden Seemöwen unruhig ihre Bahnen zogen. Der kalte Wind und der leichte Nieselregen hatten die Touristen verscheucht, so dass er auf einer der breiten Kaimauern fast alleine war.
Schon bald wurde seine Aufmerksamkeit von den Vorgängen im Hafen und den Silhouetten der Stadt abgelenkt und richtete sich auf eine schnell näher kommende Segeljacht, deren mahagonifarbener Rumpf sich so wild in den Wellen hob und senkte, als bedeutete Ramsgate das heiß ersehnte Ziel einer Hochseeregatta. Durch ihre angewitterten hölzernen Decksaufbauten wirkte die zweimastige 18-Meter-Jacht wie eine alt erfahrene, aber etwas müde Kämpferin, deren langjährige Beziehung zur See ihr eine Aura von besonderer Würde und Erhabenheit verliehen hatte. Erst als sie schon fast die Hafenmole erreicht hatte, konnte er ihre Aufschriften entziffern und fand in dem Namen „Miss Mary Blue“ die endgültige Bestätigung, dass es das Schiff war, das er erwartete. Über dem Namen war ein weißes, im Wind flatterndes Transparent an die Reling gespannt, auf der neben der Darstellung einer Blüte in bunten Regenbogenfarben „Aqua City“ stand; das Heck hingegen wurde von einer ungewöhnlich großen amerikanischen Flagge dominiert, so als hätten die Eigner der Jacht es darauf angelegt, in den fremden britischen Gewässern einen besonderen patriotischen Stolz zu demonstrieren.
Die Einfahrt der Miss Mary Blue in den Hafen von Ramsgate verlief genauso riskant wie spektakulär, da sie trotz des scharfen Windes erst im letzten Moment das Hauptsegel einholte und mit viel zu hoher Geschwindigkeit von einer großen Welle durch die Öffnung der Hafenmole gespült wurde. Erst im Vorbecken des Hafens bremste sie ihr Tempo mit Hilfe des Motors endgültig aus, wobei sie so große, schwarz rußende Abgaswolken ausstieß, dass sich eine Gruppe schaulustiger Seeleute neugierig auf einer der Kaimauern versammelte.
Für eine halbe Stunde hatte Mo einen schwer wiegenden Konflikt verdrängen können, doch als er nun Marys zierliche, in einer Regenjacke steckende Gestalt mit ein paar Einkaufstüten in der Hand auf sich zukommen sah, riss dieser Konflikt innerhalb einer Sekunde wieder auf. Die Dinge hatten sich nach ihrem Besuch bei Ronan Donovan sehr schnell in ihr Gegenteil verkehrt, denn je mehr es ihm widerstrebt hatte, seine zwar hochintelligente, jedoch in der kriminalistischen Praxis völlig unerfahrene Universitätskollegin in einen womöglich gefährlichen Fall zu verwickeln, desto mehr hatte sie plötzlich vehement darauf bestanden, ihn nach England zu begleiten. Er hatte deswegen eine schlimme Tirade von Mrs. Higgins über sich ergehen lassen müssen, da sie sich voll und ganz in ihrer Prophezeiung bestätigt gesehen hatte, er würde schon sehr bald nach Marys ganzer Hand greifen, wenn sie ihm nur – wie sie es mit ihrer Begleitung zu seinem Treffen mit Donovan getan hatte - den kleinen Finger reichte. Trotz all dem teilte er mit Mary eine gut versteckte, tiefe Freude über die gemeinsame Reise, während es sie nach außen hin so aussehen ließen, als würden sie sich nur deshalb zusammen nach Aqua City begeben, weil Donovan es von ihnen als Bedingung für den Auftrag gefordert hatte.
Sie schnappten ihre Reisetaschen und eilten zu der Anlegestelle, an der die „Miss Mary Blue“ mittlerweile dabei war festzumachen. Als schließlich eine schmale Gangway polternd vor ihre Füße fiel, landeten kurz darauf drei Seewasser triefende junge Leute an, die sich mit ausgelassenem Lachen eilig in Richtung der Stadt verzogen. Sie sahen mir ihren versalzten, filzigen Haaren und ihrer bunten, legeren Kleidung nicht wie seriöse Angestellte von Aqua City, sondern eher wie ein paar grüne Umweltaktivisten aus. Sie beachteten Mo und Mary so gut wie nicht, wofür sie kurz darauf ein älterer, grauhaariger Mann, der grinsend an der Reling erschien, mit umso größerer Freundlichkeit willkommen hieß. Er kletterte über die Gangway zu ihnen hinunter und raunte ihnen vertraulich zu:
„Sie sind Dr. Morris und Dr. Kelly, nicht wahr? Sie dürfen den jungen Flegeln ihr Verhalten nicht übel nehmen. Unsere Crew besteht zurzeit aus ein paar Ökologiestudenten und -studentinnen, die ein Praktikum auf Aqua City absolvieren. Ich gebe zu, wir nutzen ihre Gratis-Arbeitskraft etwas aus, dafür dürfen sie in diesem Semester ein paar interessante Erlebnisse in ihr Tagebuch schreiben. Sie haben keine Ahnung, wer Sie sind und warum Sie hier sind. Ja, sie wissen nicht mal, dass unser heutiger Törn an das Festland allein dem Zweck dient, Sie beide abzuholen. Sie glauben, wir kaufen Vorräte ein und vertreiben sich die Zeit in irgendeinem Hafenpub. Ich hoffe, sie werden nachher noch in der Lage sein, die Segel zu setzen!“
Während er sich für einen Moment einem kernigen Seebären-Lachen hingab, musterte Mo sein Aussehen genauer. Sein wettergegerbtes Gesicht, sein dichter grauer Bart, seine orangefarbene Segeljacke und sein weißes Skipper-Käppi ließen es wahrscheinlich wirken, dass er der Kapitän des Schiffes war. Auf jeden Fall war er Amerikaner, was jede Silbe seiner Aussprache deutlich verriet.
„Ich bin Joshua McNamara, aber mich nennen hier alle nur Josh. Keine Angst, ich werd’ Ihnen nicht ungefragt meine glorreiche Autobiographie unter die Nase reiben, denn ich hab’ heute vor allem nur eine Aufgabe hier: Ich soll das Empfangskomitee für ein paar Meisterdetektive bilden und ihnen von Anfang an einschärfen, dass ihre Arbeit absolut vertraulich ablaufen muss.“
Als in diesem Moment zwei weitere junge Leute das Schiff verließen, schob er Mo und Mary ein Stück zur Seite und fuhr erst nach dem Verschwinden der Beiden fort:
„Sagen Sie niemandem Ihren Namen, bevor Sie mit Su gesprochen haben. Sie ist gewissermaßen unsere Chefin hier. Sie hat sich eine Story ausgedacht, die Sie Ihnen nachher unter Deck verklickern wird. Wir auf Aqua City sind wie eine große, eingeschworene Familie, in der sich Gerüchte entsprechend schnell verbreiten. Insofern ist es von Anfang an wichtig, was wir über Sie erzählen werden.“
„Ich verstehe voll und ganz. Erklärt sich Ihre Vorsicht auch daraus, dass Sie einige Ihrer eigenen Mitarbeiter der Sabotageakte verdächtigen?“, verlor Mo keine Zeit, noch vor dem Betreten des Schiffes in die Rolle des detektivischen Fragestellers zu schlüpfen.
„Ich bin nicht dafür zuständig, das zu beantworten. Sie können das mit Su besprechen. Kommen Sie erst mal an Bord und machen Sie es sich gemütlich.
Aqua City ist zurzeit zwar nur etwas mehr als 11 Seemeilen von hier entfernt, trotzdem könnte sich die Überfahrt bei diesem Wetter auf weit über zwei Stunden hinziehen, da wir wahrscheinlich gegen den Wind kreuzen müssen. So wie Sie gekleidet sind, werden Sie sich unter Deck aufhalten müssen. Oder haben Sie heute früh Ihre Morgendusche verpasst und haben etwas nachzuholen?“
Joshua grinste Mo so aufreizend an, als wollte er ihn dadurch zu einer verweichlichten Landratte degradieren, wobei er mit einer nicht ganz ernst gemeinten Verächtlichkeit an seiner dünnen Windjacke und seiner hellen Stoffhose herabsah. Es war klar, dass er ihn eigentlich nur unterschätzen konnte, weil er nichts von den Abenteuern wusste, die der leicht untersetzte und sich manchmal absichtlich auf täuschende Art unscheinbar gebende Detektiv aus Rutherford bereits durchlebt hatte.
„Probleme mit mangelnder Hygiene haben wir an sich nicht. Gestatten Sie mir bitte eine Frage, von deren Beantwortung meine Entscheidung abhängt, ob ich mich an Bord dieses Schiffes begeben werde oder nicht: Waren Sie es, der die Miss Mary Blue vorhin so waghalsig in den Hafen manövrierte? Ich hatte Angst, sie könnte an der Hafenmole glatt zerschellen!“
Joshua konnte hierauf nicht anders, als abermals ein dröhnendes Seemannslachen anzustimmen, was offenbar eine typische Eigenart von ihm war.
„Wenn Ihnen so etwas auffällt, haben Sie für einen Laien immerhin ein gutes Auge. Obwohl ich offiziell der Kapitän bin, war die Chefin dafür verantwortlich. Sie ist eine leidenschaftliche Seglerin, die gerne an die Grenzen geht. Vielleicht liegt es daran, dass es reizt aufzufallen, wenn man unter Beobachtung steht. Aqua City ist in ganz England sehr gut bekannt, weshalb wir fast schon eine Art Prominentenstatus genießen.
Sehen Sie die beiden Leute mit den Kameras da oben an der Uferpromenade? Es wäre sehr gut möglich, dass es keine Touristen, sondern irgendwelche Zeitungsreporter sind, die sich für alles, was mit Aqua City zusammenhängt, sehr interessieren. Wir haben die Jacht schon öfters in Zeitschriften oder im TV gesehen. Uns stört es nicht, denn wenn sich die Storys über uns gut verkaufen, ist das natürlich eine willkommene Gratiswerbung für uns.“
Der Kapitän nahm Mary galant die Einkaufstüten und die Reisetasche ab und forderte die beiden „Landratten“ auf, sich an Bord zu begeben. Als Mo von der schmalen Gangway über die Bordwand auf die nassen Holzplanken der Miss Mary Blue sprang, meinte er für einen Moment zu spüren, dass darin etwas Bedeutendes und Unumkehrbares lag. Die vielen Salzspuren an den angefressenen hölzernen Decksaufbauten zeugten von einer langen Geschichte der alten Jacht, die schon auf unzähligen Hochseefahrten von der Gischt überspült worden sein musste. Sie bekamen kaum Gelegenheit, sich auf Deck näher umzusehen, da Joshua sie wegen des Winds und Regens sofort über eine steile Stiege in den Schiffsbauch drängte. Dabei begegneten sie niemandem, da die ganze Mannschaft auf Landgang war.
Auf dem halbdunklen Unterdeckgang schlug ihnen ein etwas muffiger und modriger Geruch entgegen und durch zwei offen stehende Türen konnten sie schmale Pritschen in engen, unaufgeräumten Kabinen sehen, deren salzverkrustete Bullaugen keinen klaren Blick nach draußen zuließen. Als McNamara im Heck die Tür der Hauptkajüte öffnete, war es, als gelangten sie mit dem Überschreiten der hoch liegenden Schwelle in ein anderes Reich. Die etwas heruntergekommene Miss Mary Blue schien sich mit einem Mal von einem abgearbeiteten „Nutzesel“ in eine Vergnügungsjacht zu verwandeln, deren Interieur mit seinen glänzenden Mahagonioberflächen und polierten Messingeinfassungen ganz im Stil einer niveauvollen Offizierskajüte gehalten war.
Die Frau, die in einem roten, wasserdichten Segeloverall an einem zierlichen, mit der Wandverkleidung verschraubten Schreibtischchen saß, war im Schein einer kleinen Messinglampe über ein Buch mit blanken Seiten gebeugt, die sie mit einem goldenen Füllfederhalter konzentriert beschrieb. Die vielen Bücher, die über ihr in einem sturmsicheren Regal fast die Hälfte der Backbordwand bedeckten, rundeten das Bild passend und verliehen dem Ambiente eine besondere Energie. Als sie zu ihnen aufschaute, verbreitete sie eine so aufgeräumte und bedächtige Stimmung, als läge die Aufsehen erregende Einfahrt in den Hafen schon lang zurück und als hätte sie bereits seit Stunden vor ihrem Buch gesessen. Sie schlug ihre langen, brünetten Haare schwungvoll über die Schultern zurück, wobei ihr eine mit einer Kordel verbundene Lesebrille von der Nase fiel und den Blick auf ein ausdrucksvolles, schmales Gesicht mit hoher Stirn und einigen Altersfalten freigab. Erst durch die Falten verstand Mo, wer „Su“ war, weshalb er erstaunt stammelte:


