Mo Morris und die Anti-CO2-Maschine

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„Wenn mich nicht alles täuscht, müssen Sie Susan Donovan sein, nicht wahr? Ich hatte nicht erwartet, Sie hier anzutreffen.“
„Ah, unser Meisterdetektiv Morton Morris ist endlich eingetroffen. Sie sind fürwahr ein schlaues Köpfchen und haben’s schnell begriffen!“, neckte sie ihn grinsend mit einer nicht ernst gemeinten Überheblichkeit, während sich Joshua unauffällig aus der Kajüte zurückzog. Sie musste etwa zehn Jahre jünger als ihr Mann Ronan sein, doch durch ihre schlanke, sportliche Figur und ihre gesunde Gesichtsfarbe wirkte es, als müssten es über zwanzig sein. Sie wies Mo und Mary den Platz auf einer schmalen Sitzbank vor einem kleinen Klapptisch zu und meinte dann:
„Falls Sie erwartet haben, dass wir Sie mit einer schnittigen Motorjacht oder einem Helikopter abholen würden, sind Sie jetzt sicher enttäuscht. Für uns ist das Segeln eine bevorzugte Fortbewegungsart, weil es keine Emissionen erzeugt. All diejenigen, die für den Umwelt- und Klimaschutz kämpfen, werden ja besonders kritisch daraufhin geprüft, ob sie sich auch selber politisch korrekt verhalten und kein Gramm CO2 zuviel in die Atmosphäre jagen. Eine solche Haltung scheint allerdings zu tolerieren, dass jeder, der auf die Umwelt pfeift, sie auch nach Herzenslust verpesten darf.“
„Dann werde ich Ihnen gern einen kleinen Gefallen tun und niemandem etwas über die schwarzen Abgaswolken sagen, die vorhin Ihr Manöver im Hafen verursacht hat“, stichelte Mo trocken und brachte sie damit zum Lachen. Dabei war ihr anzumerken, wie sehr ihr die Tollkühnheit ihres Segelmanövers bewusst war.
„Tja, ein Jeder hat irgendwo ein paar kleine Fleckchen auf der weißen Weste, nicht wahr? Kommen wir mal zu Ihren Sünden. Da sollte es also eine promovierte Ermittlerin namens Dr. Mary Kelly in Ihrem Detektivbüro geben“, meinte sie mit einer eigentümlichen Mischung aus Gutmütigkeit und Schärfe, wobei sie Mary eindringlich ansah. Die sah in einem betretenen Schweigen die beste Reaktion und sandte Mo Hilfe suchende Blicke zu. „Mein Mann und meine Tochter haben es einfach geglaubt und nicht weiter nachgeforscht, weil sie zu viele andere Dinge um die Ohren haben. Dabei hat es mich nur ein paar Minuten Internetrecherche gekostet, um in der Sache klar zu sehen. Die Psychologie der Täter- und Opferbeziehung – über besondere Fälle einer extremen Bindung – hieß nicht so das Seminar, das Sie zuletzt an der kleinen Universität von Rutherford gehalten haben, liebe Dr. Kelly?
Ich durchschaue Ihre Beweggründe, Dr. Morris. Sie haben nicht einen einzigen Mitarbeiter in Ihrer Detektei. Es war übrigens meine Idee, Sie zu engagieren. Ich hatte nämlich darüber gelesen, dass aus Ihrem letzten Fall eine Zusammenarbeit mit der UN resultiert ist, bei der es darum geht, eine Sklavenhalteroase in Südlibyen in ein Flüchtlingsauffanglager umzuwandeln. Das ist eine wirklich großartige Sache, finde ich. Der Idealismus, der dahinter steht, ist verwandt mit unserem. Aus diesem Grund werde ich Ihnen Ihre kleine Flunkerei auch nachsehen. Außerdem habe ich so meine Ahnungen, was Ihre Beziehung zu Dr. Kelly angeht. Man muss Sie beide ja nur mal ansehen. Glauben Sie, nur Sie wären ein guter Psychologe und verfügten über eine überdurchschnittliche Intuition?
Wenn ich nicht glauben würde, dass Ihre Zusammenarbeit Sinn machen könnte, hätte ich es sicher nicht bis zur Ihrer gemeinsamen Ankunft hier auf der Miss Mary Blue kommen lassen. Da Dr. Kelly als Psychologin immerhin auch mit einem Bein in der Kriminologie tätig zu sein scheint, wird sie hier nicht ganz fehl am Platz sein.“
„Sie ist nicht nur nicht ganz fehl am Platz, sondern wird mir eine sehr große Hilfe sein!“, verteidigte Mo selbstbewusst Marys Ehre, obwohl sie durch das Auffliegen ihrer kleinen Lüge in eine schwache Position geraten waren. „Ich nehme an, Sie sind nicht nur mit nach Ramsgate gekommen, weil Sie Spaß am Segeln haben, sondern auch, um uns in Empfang zu nehmen und zu instruieren, Mrs. Donovan, nicht wahr?“
„Natürlich. Gewöhnen Sie sich bitte sofort an, mich Susan oder Su zu nennen, wie es die Meisten tun. Unser Kapitän Josh hat Ihnen hoffentlich bereits erklärt, dass Sie unter dem Siegel der Verschwiegenheit arbeiten werden und Ihre Namen nicht verwenden können. Wie Sie sicher bereits vermutet haben, ist dies angebracht, weil Mitarbeiter von uns in die Sabotageakte involviert sein könnten. Hoffentlich wird Sie niemand erkennen, Dr. Morris. Ihr Gesicht war ja vor zwei Jahren des Öfteren in den Medien zu sehen, als Sie mit der Aufklärung der großen Internetmanipulationen in den USA befasst waren.
Mein Mann, meine Tochter und ich haben entschieden, Sie beide als Reporter auf Aqua City einzuführen. Reporter und Detektive haben viel gemeinsam. Sie schnüffeln überall herum und stellen viele Fragen. Es ist also die ideale Rolle für Sie. Sie werden sich als Larry Keene und Esther Morgan von dem Bostoner Online-Newsportal Eye of the East ausgeben. Das hat mein Mann in Absprache mit einem befreundeten Redakteur für Sie bewirkt. Falls jemand Nachforschungen anstellt, wird er immerhin herausfinden können, dass diese Namen tatsächlich auf der Gehaltsliste der Redaktion stehen.
Also, dann werde ich Sie von jetzt an Esther und Larry nennen. Am besten gewöhnen wir uns sofort daran!“
„Und an was für einer Reportage arbeiten Esther und Larry offiziell? Wofür sollen wir uns vor Ihren Leuten besonders interessieren?“, warf Mary mit erwachendem Interesse ein. Ein Rollenspiel als Reporter schien ihr spannende und abwechslungsreiche Erfahrungen zu versprechen, die sie aus ihrem beschaulichen Universitätsleben nicht kannte.
„Um einen längeren Aufenthalt auf Aqua City und ein breites Interesse für all unsere Forschungs- und Arbeitsbereiche plausibel erscheinen zu lassen, arbeiten Sie eben an einer ganz allgemeinen, umfangreichen Reportage. Wichtig ist vor allem, dass Ihnen Ihre Arbeit einen Zugang zu allen Bereichen der Insel ermöglicht. Sie können jeden alles fragen, nur das Wort Sabotage nehmen Sie bitte nicht in den Mund. Da unsere offizielle Haltung ist, die Sabotageakte vor den Medien zu verschweigen, wäre es natürlich komisch, wenn Sie dazu Fragen stellen.
Alles, was die Sabotage und die technischen Details der 16 Forschungsinseln von Aqua City betrifft, können Sie mit einem unserer Ingenieure besprechen. Ich habe dazu Dr. Regina Flores bestimmt, eine Amerikanerin mit venezolanischen Wurzeln, die seit anderthalb Jahren für uns arbeitet. Regina ist eine ganz vortreffliche Frau, die meine ganzen Sympathien hat. Sie ist in Ihre wahre Identität eingeweiht. Mit Josh und mir sind es damit auf Aqua City bisher erst Drei. Wenn Sie gut arbeiten, sollte es dabei auch bleiben. Josh ist übrigens eine Art Mädchen für Alles hier. Ihm gehörte früher das Schiff und weil er in Geldnöten war, haben wir es ihm abgekauft. Später haben wir es ihm dann als Teilhaber mit der Bedingung zurück übereignet, dass er für uns arbeitet. Seitdem leibt und lebt er für Aqua City und würde sich für mich und meinen Mann ein Bein ausreißen. Wenn einer vertrauenswürdig ist, dann er.“
„Dann sollte er es am besten übernehmen, uns in die verschiedenen Bereiche der Insel zu führen und alles zu zeigen. Dr. Flores werden wir dann nur bei Bedarf zu Rate ziehen“, schlug Mo in einer einvernehmlichen Stimmung vor, da die Ausführungen von Ronans eloquenter Ehefrau Hand und Fuß zu haben schienen.
„Genauso ist es auch vorgesehen. Ich selbst werde Ihnen natürlich auch zur Verfügung stehen“, ließ Susan volle Zustimmung erkennen. Mo schaute sie versonnen an und war noch immer erstaunt darüber, welche Entwicklung sie irgendwann einmal durchlaufen haben musste. Als sie vor rund 30 Jahren Ronan Donovan nach dem Tod von dessen erster Frau Lara geheiratet hatte, hatte ihre Aufgabe vor allem darin bestanden, Una zur Welt zu bringen und auf einem prächtigen Landsitz in Deep River in Conneticut das sorglose Leben einer reichen Ehefrau zu führen. Anstatt dadurch zu einem verwöhnten und dekadenten „Püppchen“ zu werden, hatte sie sich durch ihr späteres, wachsendes Engagement für die diversen Projekte ihres Mannes zu einer bemerkenswerten Persönlichkeit entwickelt, von der eine starke Energie ausging. Durch ihre besondere Liebe für Aqua City schien sie für den reibungslosen Ablauf aller Prozesse auf der Forschungsinsel unabkömmlich geworden zu sein und hatte damit ihren Mann sogar ein Stück weit überflügelt, weil er durch seine Krankheit großen Einschränkungen unterworfen war.
Als sie gerade dazu ansetzen wollte, hinsichtlich der Sabotageakte konkreter zu werden, wurde sie davon abgehalten, weil Joshua mit einem Tablett hineinpolterte. Nachdem er eine Thermoskanne und drei Tassen auf den Klapptisch vor Mo und Mary gestellt hatte, fischte er mit einer schnellen und geübten Geste eine Flasche Rum aus einem Einbauwandschrank hervor. Dabei verhielt er sich so, als ob er vor den Anderen keinerlei Zurückhaltung an den Tag zu legen bräuchte und als ob alles an dem Schiff nach wie vor in jeder Hinsicht sein uneingeschränktes persönliches Eigentum wäre.
„Ein heißer Kaffee wird unseren Meisterdetektiven – Entschuldigung, ich meine natürlich Reportern – gut tun. Ein Schuss Rum bei dem Wetterchen umso mehr. Die Überfahrt könnte nachher ziemlich ungemütlich werden. Sobald die Crew mit ihren Einkäufen und ihren Bieren im Pub fertig ist, geht es los!“
Als er bereits verschwinden wollte, beeilte sich Mo ihn zu fragen:
„Was glauben eigentlich Sie, wer hinter den Sabotagen steckt? Sie wissen doch über alles auf Aqua City Bescheid und müssten eine besondere Meinung dazu haben.“
„Besondere Meinung? Nein, nein, ich halte es da ganz mit Mr. Donovan. Das mit der Bekenneremail dieser vermeintlich christlich-fundamentalistischen Sekte ist natürlich totaler Schwachsinn. Für mich steckt eindeutig die Konkurrenz dahinter. Für den Diebstahl von Gamma 2 gibt es genau zwei Gründe: Zum einen möchte man den Fortschritt unserer Forschungen sabotieren und zum anderen den Stand unserer Technik ausspionieren. Vielleicht waren’s die Russen oder Chinesen, weil Sie Zeit gewinnen wollen, um Geoengineering-Marktführer zu werden. Oder was weiß ich…“
„Das möchte ich wiederum für großen Schwachsinn halten. Ist es nicht ein paranoider, typisch westlicher Reflex, ständig die ach so bösen Russen oder Chinesen für alles verantwortlich zu machen?“, konterte Mary ein bisschen zu empört und direkt, um nicht einen Ausdruck deutlichen Unwillens im Gesicht des Kapitäns hervorzurufen. Er entschied sich jedoch wegen des reizenden Lächelns, das sie wie zur Entschuldigung hinterherschickte, gutmütig zu bleiben und brummte bloß:
„Linke Demokratin, wie? Hm, wie auch immer. Vielleicht wäre es das Klügste, zu diesem Zeitpunkt immer noch alles für möglich zu halten und nichts voreilig auszuschließen. Damit blieben selbst die christlichen Fundamentalisten im Rennen.
Was denken Sie denn, Dr. Morris? Oder sollte ich lieber Larry sagen?“
„Ja, sagen Sie ruhig Larry, dann gewöhnen wir uns gleich alle daran. Ich teile Ihre Meinung, im Moment noch nichts auszuschließen. Voreilige Schlüsse sind eine verführerische Falle für jeden Detektiv, die ihn später womöglich viel Zeit kosten kann.“
Joshua nickte zustimmend und stellte dann seufzend fest:
„Leider muss man ganze vier Wochen nach dem Verschwinden von Gamma 2 sagen, dass wir uns hinsichtlich unserer Erkenntnisse immer noch um den Nullpunkt herum bewegen. Die Untersuchungen der englischen Polizei und Küstenwache verlaufen sehr schleppend. Angeblich hat sich mittlerweile auf Druck eines Ausschusses der amerikanischen Regierung der englische Geheimdienst GCHQ eingeschaltet. Es ist eine neue Information, die Susan und ich erst gestern von Ronan erhalten haben. Falls wir und die Polizei dadurch endlich bald Zugang zu allen relevanten Satellitenaufnahmen erhalten sollten, die zu dem entsprechenden Zeitpunkt von unserem Standort in der Nordsee gemacht wurden, wäre das natürlich eine sehr positive Entwicklung. Davon abgesehen gibt es wenig Anlass zur Hoffnung. Der einzige Lichtblick ist die Ankunft von Ihnen beiden hier. Allerdings frage ich mich, wo Sie ohne irgendwelche Indizien mit Ihren Untersuchungen ansetzen wollen.“
„Also ganz ohne Indizien sind wir ja nicht“, entgegnete Mo mit einem wissenden Lächeln und berief sich dann auf einige Informationen, die Sie von Ronan Donovan auf Block Island noch erfahren hatten.
„Wie ich von Mr. Donovan hörte, wurde Gamma 2 mit nur geringfügigen Spuren von Gewalteinwirkung von Aqua City abgekoppelt. Die 32 dicken Stahlbolzen, mit denen die Plattform in das unter Wasser liegende, alle Nachbarinseln unsichtbar verbindende Eisengerüst eingekoppelt ist, wurden fein säuberlich herausgetrennt. Die beiden Stege aus Eisenrosten, über die man von Gamma 2 zu den beiden weiter innen liegenden Forschungsplattformen Beta 2 und 3 gelangen konnte, wurden abgeschraubt und zurückgelassen. Insgesamt acht rund um die Insel angebrachte Überwachungskameras wurden durch das Entkoppeln der unter den Stegen verlaufenden Hauptkabelbäume, durch die Gamma 2 mit dem Zentrallabor auf der Hauptinsel verbunden ist, von Anfang an außer Gefecht gesetzt. Ich möchte das alles für ein sehr wichtiges Indiz halten!“
„Sie meinen, es ist ein Indiz dafür, dass die Täter über die entsprechenden technischen Details sehr gut Bescheid gewusst haben mussten?“, fasste Joshua eine Schlussfolgerung in Worte, die auf Aqua City längst dem allgemeinen Stand der Erkenntnisse entsprach.
„Ja natürlich, anders hätten die Täter die Insel so schnell nicht abtrennen können und hätten erheblich länger als nur zwei oder drei Stunden in der tiefen Nacht dafür gebraucht. Für das Herausschlagen der Bolzen müssen Taucher eingesetzt worden sein, die genau wussten, was sie taten. Folgerichtig hat sich daraus der allgemeine Verdacht entwickelt, dass irgendeiner unter ihren heutigen oder früheren Mitarbeitern absichtlich oder unabsichtlich technisches Wissen weitergegeben haben könnte.
Ich verfolge allerdings noch einen weiteren Ansatz und habe noch vor meinem Abflug nach London entsprechende Maßnahmen zu Hause eingeleitet.“
„Dann weihen Sie uns ein!“, verlangte Susan und verriet damit, von diesem Ansatz noch keine Ahnung zu haben, obwohl Mo in enger Absprache mit ihrem Mann Ronan gehandelt hatte.
„Ich nehme an, Mr. Donovan hat die Sache nicht an die große Glocke gehängt, weil er zunächst erste Erfolge abwarten wollte. Es geht um den Verdacht, die Täter könnten ihre Informationen durch diejenigen erhalten haben, die Aqua City entwickelt und gebaut haben. Auch hier gelten die beiden Varianten, dass es entweder absichtlich oder unabsichtlich geschehen sein könnte. Konkret dreht es sich um mehrere Ingenieurbüros sowie den amerikanischen Konstrukteur Bloom & Blacksmith, der auf den Bau von Sonderschiffen und großen, technischen Modulen für Bohrinseln spezialisiert ist. Die Konstruktionspläne von Aqua City liegen auf den Servern der beteiligten Firmen und könnten im Auftrag der Täter gehackt worden sein. Da ich dies ohne fremde Hilfe nicht herausfinden kann, habe ich meine Kontakte zu dem bekannten Detektiv Tim Diamond reaktiviert, der über hervorragende Verbindungen und Möglichkeiten verfügt. Er wird herausfinden, ob es Hackerangriffe auf die betreffenden Firmen gab. Falls ja, wird er es mit Hilfe von Spezialisten vielleicht sogar schaffen, den Weg zu den Urhebern zurückzuverfolgen. Das ist eine aufwändige detektivische Arbeit, die wohl weder die englische Polizei noch der englische Geheimdienst übernehmen würde. Da müssen wir schon selber ran! Um Satellitenaufnahmen wollte sich Diamond übrigens ebenfalls kümmern!“
„Alle Achtung, Larry! Vor kaum einer Woche haben Sie meinen Mann auf Block Island getroffen und heute sitzen Sie bereits hier auf der Miss Mary Blue und haben einige komplexe Untersuchungen in die Wege geleitet“, belohnte Susan Mos Ausführungen mit einem dicken Lob.
„Würden Sie mir glauben, dass Miss Kelly, beziehungsweise Esther, mit einigen entscheidenden Überlegungen zu dieser Vorgehensweise beigetragen hat?“, bemühte sich Mo einen Teil der Lorbeeren an Mary weiterzureichen, um ihre Mitarbeit an dem Fall gerechtfertigt erscheinen zu lassen.
„Sie haben ein sehr ehrliches Gesicht. Offen gesagt finde ich Sie sogar richtig süß. Warum sollte ich Ihnen also nicht glauben? Aber nun sagen Sie mir mal, wie Sie in den nächsten Tagen vorgehen wollen. Haben Sie schon einen Plan?“
Mo brauchte einen Augenblick, um das ihm unpassend erscheinende „Süß“ zu verdauen, und erwiderte betont nüchtern und distanziert:
„Nun ja, wir werden uns zunächst ein umfassendes Bild von Aqua City machen und darauf hoffen, demnächst Hinweise durch die Satellitenaufnahmen zu erhalten. Sobald es erste konkrete Spuren und Untersuchungsansätze gibt, werde ich sie nach New York zu Diamond Investigations weiterleiten. Sollte daraus irgendein konkreter Handlungsbedarf resultieren, werde ich wahrscheinlich die persönliche Hilfe meiner Kollegen Michael King und Betty Cadena anfordern. Das dürfte dann den Fortschritt der Arbeit sehr bald beschleunigen.“
Obwohl wegen der fehlenden Spuren und mangelnden Ermittlungsergebnisse der Polizei genügend Zweifel und Unsicherheiten an ihm nagten, versuchte er sich vor Susan betont zuversichtlich zu geben. Als ihm zufällig ihr aufgeschlagenes, noch immer auf dem kleinen Schreibtischchen liegendes Notizbuch in die Augen fiel, wollte er wissen:
„Ist das so etwas wie ein Tagebuch? Falls ja, könnten für mich die Eintragungen der Tage im Zeitraum des unmittelbaren Verschwindens von Gamma 2 interessant sein.“
„Ja stimmt, es ist ein Tagebuch. Wenn man an einem Ort wie Aqua City lebt, lohnt es sich, eines zu führen. Allerdings sind die Eintragungen des betreffenden Tages dürftig und Sie werden ihnen nichts Neues entnehmen können. Gamma 2 war über Nacht plötzlich spurlos verschwunden, ohne dass irgendjemand auch nur das Geringste bemerkt hätte. Das war’s, basta! Fragen Sie mich lieber selber, anstatt in meinem privaten Tagebuch zu lesen.“
„Gut, dann würde ich von Ihnen gerne mehr über die besondere Funktion von Gamma 2 erfahren. Ihr Mann deutete lediglich an, dass man sich auf der Forschungsplattform mit der künstlichen Fotosynthese beschäftigt hat. Er sagte, weiteres würde man mir hier vor Ort erklären.“
„Damit sprechen Sie den bedeutungsvollsten und heikelsten Punkt an. Ronan hielt sich diesbezüglich Ihnen gegenüber bedeckt, weil er noch unentschieden war, inwieweit man Sie in den Stand unserer Forschungen einweihen dürfte. Er gab mir inzwischen grünes Licht, weitestgehend offen mit Ihnen zu sein, weil Geheimniskrämerei Ihre Untersuchungen zu sehr behindern würde. Außerdem wollte er zunächst sicher gehen, dass Sie beide auch tatsächlich hier erscheinen und nicht im letzten Moment abspringen würden. In dem Fall hätte man ihnen im Vorfeld zu viel erzählt.“
„Das hatte ich mir bereits gedacht“, unterbrach Mo sie schnell, um ihr einige sehr richtige Vermutungen unter die Nase zu reiben. „Ich kann aus Ronans Verhalten nur schließen, dass die Künstliche-Fotosynthese-Forschung von Donovan EAW einen sehr hohen Level erreicht hat. Wahrscheinlich steht Ihre Firma kurz davor, ein Bahn brechendes Patent anzumelden. Das würde natürlich gut erklären, warum Sie den Verdacht haben, eine konkurrierende Firma könnte hinter dem Diebstahl von Gamma 2 stecken.“
„Das haben Sie sehr klar erkannt, Larry“, lobte ihn Susan mit einem bedeutungsvollen Augenaufschlag. „Meine Aufgaben liegen nicht in der Forschung und Technik, sondern darin, die wesentlichen Abläufe auf Aqua City für meinen Mann vor Ort zu koordinieren. Sie haben ja mittlerweile verstanden, wie sehr das Projekt eine Herzensangelegenheit für ihn ist. Aus diesem Grund will er es in vertrauten Händen wissen.
Ich werde es Josh überlassen, Ihnen etwas über unsere Arbeit auf Gamma 2 zu berichten. Es wird allerhöchste Zeit zu enthüllen, dass er kein gewöhnlicher Kapitän, sondern ein promovierter Biologe ist, der sich früher selbstständig mit Meeresforschungen beschäftigte. Leider ging ihm irgendwann das Geld für seine Arbeit aus. Wie mein Mann ihn und sein Schiff freikaufte und in unsere Dienste stellte, habe ich Ihnen ja bereits erzählt.“
Während Joshs Verwandlung von einem raubeinigen und eher einfach gestrickten Seemann zu einem hoch gebildeten Wissenschaftler in Mos und Marys Wahrnehmung einige Sekunden Zeit in Anspruch nahm, setzte dieser bereitwillig zu der ihm zugedachten Erklärung an.
„Ich versuche es kurz zu machen, weil wahrscheinlich bald die Crew zurückkommt und wir den Anker lichten werden. Wir werden ja später noch genug Gelegenheit zum Reden haben.
Wie Sie schon sehr richtig vermutet haben, Larry, ist uns in der Künstliche-Fotosynthese-Forschung ein Bahn brechender Durchbruch gelungen. Ich sage Ihnen nur, was Sie wissen dürfen und müssen. Die eigentlichen technischen und chemischen Details bleiben bis zu der kurz bevorstehenden Anmeldung des Patents geheim und könnten von Ihnen als Laie ohnehin nicht auf Anhieb verstanden werden.
Wie fast jeder aus der Schule weiß, gewinnen Pflanzen im natürlichen Fotosyntheseprozess mit Hilfe von Sonnenlicht, Wasser und CO2 Energie in Form von Kohlehydrat und setzen dabei Sauerstoff frei. Wir haben bei unserer Forschung ein Augenmerk darauf gelegt, den natürlichen Prozess in seinen stofflichen Mengenverhältnissen annähernd zu imitieren, um bei der künstlichen Umwandlung von CO2 im Verhältnis nicht mehr Sauerstoff freizusetzen, als Pflanzen es tun würden. Falls die künstliche Fotosynthese eines Tages in großem Umfang eingesetzt würde, sollte auf diese Weise gewährleistet werden, dass die natürliche und ideale Zusammensetzung der Erdatmosphäre nicht zu sehr aus dem Gleichgewicht kommen würde. Uns geht es um reines Geoengineering und nicht primär um die Gewinnung von Energie. Wir wollten niemals Wasserstoff oder synthetische Kraftstoffe aus CO2 herstellen, sondern vor allem CO2 in Sauerstoff umwandeln, um in der späteren, umfangreichen Anwendung wie in einem großen Experiment Erkenntnisse über den Treibhauseffekt und alle mit ihm zusammenhängenden Klimaphänomene zu gewinnen. Die frei werdende Energie sollte möglichst in elektrische Energie umgewandelt und für den Betrieb der Anlage selber verwendet werden. Wir nahmen uns von Anfang an die Arbeit der Natur – also die der Pflanzen – zum Vorbild. Einer der Grundgedanken war, dass für jeden seit Beginn der industriellen Revolution gefällten, an Krankheiten gestorbenen und in Waldbränden umgekommenen Baum ein künstliches Ersatzmodul geschaffen werden muss, um den Ausfall seines CO2-Bindungsvermögens zu kompensieren. Sehr idealistisch gedacht sollte uns dies die Zeit einbringen, um die Erde über Jahrzehnte, ja über Jahrhunderte gründlich wieder aufzuforsten. So formuliert Ronan Donovan das geistige und praktische Erbe, das er an die Welt weiter geben will.
Alles, was Ziel unserer Forschung war, haben wir mittlerweile fast erreicht. Unsere Pilotanlage auf Gamma 2 konnte der Atmosphäre innerhalb der letzten 6 Monate annähernd 13 Tonnen CO2 entziehen, was ungefähr der CO2-Speicherfähigkeit von einem Hektar durchschnittlichen europäischen Waldes innerhalb eines Jahres entspricht. Dabei gelang es uns, die entstehende Energie in Form eines elementaren Kohlenstoffs zu gewinnen und durch eine Kohlenstoff-Brennstoffzelle in elektrische Energie umzuwandeln. Das bei der Verbrennung entstehende CO2 liegt natürlich ganz erheblich unter der Menge, die zuvor gebunden worden war.“
„Das hört sich so an, als wäre Ihnen tatsächlich eine bahnbrechende und Welt verändernde Erfindung gelungen!“, zeigte sich Mo aufrichtig beeindruckt. „Ist das alles bereits so ausgereift, um in näherer Zukunft größere Anlagen bauen und in Betrieb nehmen zu können?“
„Im Grunde schon. Unsere Testreihen befanden sich im Endstadium und die Anmeldung des Patents war bereits in greifbare Nähe gerückt. Sobald wir das Patent in der Tasche haben, werden wir erheblich leichter einen Geldgeber finden, der bereit ist, sein Kapital in den Bau einer ersten, großen Künstliche-Fotosynthese-Anlage zu investieren. Es existieren bereits Pläne, sie an der Küste Norwegens zu bauen. Sie wissen ja, die Norweger sind in der Anwendung und Entwicklung von innovativen Energiegewinnungs- und Umwelttechnologien anderen europäischen Ländern oft einen Schritt voraus.“
Joshua hielt inne, weil er Stimmen und Schritte an Deck hörte, die von der wiederkehrenden Mannschaft stammten. Mary nahm die Unterbrechung zum Anlass, um schnell einzuwerfen:



