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Der ältere Mann, der die ganze Zeit gesprochen hatte, ging nun einige Schritte nach vorne und näherte sich Lerke. Diese wich automatisch einige Schritte zurück, stieß aber sofort an die hintere Wand der Höhle.
„Also, meine Schöne. Wir können dir gerne etwas zu essen bringen. Aber dafür sollten wir zumindest eine Gegenleistung erhalten.“, sagte er, nun wieder mit dem hämischen Grinsen. Und einem lüsternen Blick, der Lerkes Körper hinabwanderte. Als er sie erreicht hatte, packte er ihren Arm und zog sie an sich. Er atmete ihren Geruch ein.
„Und ich weiß auch schon eine geeignete Bezahlung.“
„Lass sie sofort los!“ Sylvius Stimme hallte durch die Höhle, als er von der Pritsche aufsprang. Aber sein Mut wurde schnell gebremst. Blitzschnell war der Jüngere nach vorne geschossen und hatte einen Dolch aus der Scheide gezogen. Er setzte die Klinge auf die Brust des Jungen und drückte ihn zurück auf die Pritsche.
Lerke atmete schnell, panisch. „Lass mich sofort los.“, schrie sie nun den Mann an. Sie spürte die Panik in sich aufsteigen. Hatte sie nicht noch gerade die Ehrenhaftigkeit von Arthur herausgestellt? Wieso waren dann solche Männer in seinem Gefolge?
„Lass mich los. Wenn Arthur davon erfährt, wird er dich aufhängen.“, schrie sie laut und verlieh dem Nachdruck, indem sie versuchte kräftig den Mann davonzustoßen. Doch dieser hielt sie fest im Griff.
„Je mehr du dich wehrst, desto unangenehmer wird es.“, sagte er nur gehässig und warf sie mit einem Ruck auf die andere Pritsche. Er drückte sie mit einer Hand nach unten und begann, mit der anderen Hand ihre Beine zu streicheln, die durch den heraufgerutschten Rock freigelegt waren.
Lerke schluchzte. Sie versuchte alle Kraft aufzubringen, um sich zu befreien. Aber es war vollkommen ausweglos. Sie spürte wie der Mann den Stoff ihres Kleides umfasste. Sie versuchte ihre Gedanken abzuwenden. Nicht daran denken. Nichts wahrnehmen. Alles ausschalten.
„Ihr dreckiges Pack, lasst sie sofort los!“
Diesmal war es die Stimme eines Mannes, die in der Höhle ertönte. Lerke öffnete die Augen und schaute auf. Es war der Mann mit den dunkelroten Haaren und fast schwarzen Augen. Gerade wollte sie ihm danken, als auf einmal Bewegung aufkam.
Der junge Mann, der gerade noch Sylvius in Schach gehalten hatte, sprang auf und ging auf ihren offensichtlichen Retter los. Mit einer schnellen Bewegung nach links wich Arved der Klinge aus und packte die Hände des Angreifers. Er drehte den Schwung des Angriffs in eine andere Richtung. Das nächste, was Lerke aktiv wahrnahm, war wie die beiden Kämpfenden eng umschlungen waren. Dann glitt der böse Mann zu Boden. Jetzt erst sah sie die Klinge, die tief in seiner Brust steckte.
„Du!“, rief der ältere Mann und sprang auf. Lerke fühlte sich wie befreit, als sie nicht mehr die Kraft und das Gewicht des Mannes spürte. Dieser zog seine Klinge aus dem Gürtel und ging auf ihren Retter zu. Doch er kam nicht weit.
Man hörte noch das Surren des Pfeiles, der aus dem Höhleneingang geflogen kam, an der Schulter des Rothaarigen vorbei, und sich dann in das linke Auge ihres Angreifers bohrte. Der Mann fiel sofort tot zu Boden. Lerke schrie auf. Es war eine Mischung aus Schreck und Erleichterung.
Kurz lag eine Ruhe in dem Raum, als die Toten still am Boden lagen, während sich ihr Blut ausbreitete. Die Stille wurde durch Schritte durchbrochen, als der Bogenschütze den Raum betrat.
„Ritter Arthur.“, hauchte Lerke leise, als sie den Mann erkannte. Sie spürte immer noch ihren schnellen Herzschlag, aber die Gefahr schien nun gebannt.
„Geht es euch gut, Euer Gnaden?“, fragte Arthur mit einer leichten Verbeugung, schaute zuerst zu Lerke, dann aber auch zu Sylvius.
„Ich…ich…“, stotterte Lerke leise. Auch Sylvius fand keine Worte. Arthur nickte aber verständnisvoll.
„Kilian!“, rief der Ritter laut und im nächsten Moment erschien ein weiterer älterer Krieger. „Lass diese Schweinerei aufräumen. Und sage allen Männern, dass ein Angriff auf meine Gäste ein Angriff auf mich ist. Nur das wir uns alle verstehen.“
„Natürlich, Arthur!“
„Sylvius. Komm mit mir.“, sagte Arthur an den jungen Sohn Tandors gerichtet und wandte sich dann an den Rothaarigen. „Arved. Bitte begleite doch Lerke nach draußen. Ich glaube, sie kann ein bisschen frische Luft brauchen. Außerdem bist du für ihre Sicherheit verantwortlich, egal was passiert.“
„Natürlich, Vater.“, bestätigte Arved und ging dann vorsichtig auf Lerke zu. Er streckte ihr seine Hand entgegen.
„Euer Gnaden, ich würde vorschlagen wir gehen nach draußen und vielleicht in den Wald. Die frische Luft und Ruhe wird Euch nun gut tun.“
Lerke nickte nur und umfasste die Hand. Auf einmal fühlte sie sich wieder sicher.
Sie waren Seite an Seite gelaufen und hatten dennoch kein Wort geredet. Erst als Lerke und Arved am Kamm des kleinen Berges ankamen, hielten sie inne. Lerke sah einen größeren Felsen, der von der Sonne beschienen wurde, und setzte sich dort hin. Sie spürte, wie der Wind ihre blonden Haare erfasste und um ihr Gesicht herumwehte. Es war ein gutes Gefühl. Ein Gefühl der Freiheit. Obwohl sie natürlich wusste, dass sie noch immer in Gefangenschaft war.
Ihre erste Vermutung schien sich zu bestätigen. Sie befanden sich in einem Gebirge. Am Horizont erkannte man die hohen Bergspitzen, die in die Wolken stießen. Sie selbst waren in den flacheren Ausläufern, und dennoch war das Land steinig und karg. Am Fuße des Hügels, den sie mit Arved hinaufgegangen war, befand sich das Lager von Arthurs Männern. In einem Wald verborgen waren die Zelte und Hütten fast nicht zu erkennen. Selbst von hier nicht, obwohl sie wusste, wo das Lager war. Aus weiterer Entfernung gab es keine Möglichkeit sie zu finden. So war auch ihre Chance auf eine Befreiung – durch die Männer ihres Großvaters oder durch die Soldaten Tandors – verschwindend gering. Wohl nicht existent.
„Geht es Euch besser?“, fragte Arved die sitzende Lerke, die immer noch ihre Augen geschlossen hatte und den Wind genoss. Sie öffnete diese und schaute dem jungen Mann ins Gesicht und nickte.
„Ja. Es geht schon. Du musst mich nicht so förmlich ansprechen. Nenn mich einfach Lerke.“, sagte sie, nur um dann noch etwas nachzuschieben. „Danke, dass du uns beschützt hast.“
„Natürlich, eue... Lerke. Es tut mir leid, dass wir dich und Sylvius entführen mussten. Aber es ist das einzige Mittel, gegen Celan von Tandor. Es gibt keinen anderen Weg mehr.“
„Das verstehe ich.“, sagte Lerke leise.
„Wirklich?“, fragte Arved ungläubig. Welche Geisel verstand schon ihre Situation?
„Es wird uns doch nichts passieren, oder?“, fragte Lerke eine Gegenfrage, ohne Arved zu antworten. Dieser schüttelte den Kopf.
„Nein, es wird dir nichts passieren. Das schwöre ich bei meiner Ehre. Mein Vater wird nicht zulassen, dass euch auch nur ein Haar gekrümmt wird.“
„Bin ich mit dir geritten? Also ich meine, als ihr uns hierher gebracht habt, saß ich glaube ich bei dir auf dem Pferd, oder?“
Arved wandte sich ab und schaute in die Täler, die vor ihnen lagen. Er zögerte kurz, bevor er antwortete.
„Ja. Wieso?“
„Wieso hast du nicht mit mir gesprochen?“
Erneut zögerte Arved, bevor er antwortete. Wieso stellte sie solche Fragen? So richtig ergab es keinen Sinn. Andererseits war seine Rolle sie zu beschützen. Bei ihr zu sein.
„Ich sollte nicht.“, antwortete er erst. „Außerdem hast du ja nichts gefragt.“, fügte er dann hinzu.
Lerke lächelte. Das erste Lächeln, seit dem Angriff auf Sylvius und sie in der Höhle. Es war noch zaghaft, aber dennoch ehrlich. „Dann kann ich ja jetzt fragen.“
„Bitte.“
„Was wünschst du dir? Was willst du erreichen, mit dem Kampf gegen Rethas?“
Arved ging auf Lerke zu und setzte sich auf den Felsen neben sie. Obwohl sie sich nicht berührten, spürte sie die Wärme des jungen Mannes.
„Wir kämpfen nicht gegen Rethas. Wir kämpfen für Rethas und sein Volk. Für Freital. Für Ostwacht. Für Grünburg. Wir kämpfen gegen Celan und seine Häscher. Und ja, auch gegen deinen Großvater, denn er hat die Seite dieses Tyrannen und Verräters gewählt. Aber ich will nicht kämpfen. Ich wünsche mir Frieden und Freiheit. Die Freiheit, dass jeder Mensch in Rethas, in Valorien, das tun kann und so leben kann, wie er will. Unter dem Schutz der Ritter und Adeligen des Reiches.“
Lerke nickte. Die Worte aus Arveds Mund waren schön. Er verstand es, zu formulieren. Sie verstand ihn auch. Wenn es das Schicksal anders mit ihr gemeint hätte, würde sie nun auf seiner und Arthurs Seite sein. Denn der Wunsch, den auch sie hegte, war der gleiche.
„Woher hast du diese Haarfarbe? Von deiner Mutter?“
Arved schmunzelte leicht. „Wahrscheinlich.“
„Wie meinst du das?“
„Nun, mein Vater hat ja auch schon rötliche Haare, aber natürlich nicht so stark wie meine.“
„Du hast eine Haarfarbe, die ich noch nie gesehen habe.“
„Da bist du nicht die Einzige. Als Kind macht es das Leben auch nicht einfacher.“
„Hast du die Haare nun von deiner Mutter?“, hakte sie nach.
Arved zuckte die Schultern. „Ich kenne meine Mutter nicht. Mein Vater hat mir auch nie erzählt, wer sie ist, oder was ihr geschehen ist. So bin ich einfach der Sohn von Arthur von Freital. Ein Bastard in den Augen vieler…“
„Verstehe.“, sagte Lerke. Sie hatte nicht gewusst, dass Arved ein Bastard war Ehrlicherweise hatte sie vor ihrem Zusammentreffen nicht mal gewusst, dass Arthur einen Sohn hatte. Es musste schwer sein. Aber sie wollte ihn nicht weiter in dieses Thema drängen und versuchte so das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. „Kanntest du den König?“
„Noch so eine seltsame Frage.“, sagte Arved nun mit einem deutlichen Grinsen.
„Du hast doch gesagt, ich soll Fragen stellen.“, antwortete Lerke, der man von jedem Moment mehr anmerkte, wie ihre eigentlich immer gegebene Fröhlichkeit zurückkam.
„In Ordnung. Nein, ich kannte den König nicht. Du etwa?“
Lerke nickte. „Naja, kennen ist wohl viel gesagt. Im Jahr des Blutes, im Frühjahr, war König Priovan in Grünburg. Dort habe ich ihn getroffen, als ich noch klein war. Er hat mir einige Geschichten erzählt und ich habe ihm Geschichten erzählt. Wir haben miteinander gelacht. Ich glaube, dass er ein guter Mann und ein guter König war, obwohl er noch so jung war. Dann musste ich gehen. Er hat mit meinem Großvater gesprochen. Später erst habe ich erfahren, wie zornig er auf ihn war, da er die Krone im vorigen Jahr nicht im Krieg gegen Berlan von Fendron unterstützt hat. Im Nachhinein glaube ich, dass andere Könige meinen Großvater damals schwer bestraft hätten, ihn vielleicht sogar getötet hätten. Aber er tat das nicht. Ich wünschte, der König würde noch leben.“
Arved lächelte. „Ja, das wünschen wir uns alle.“ Es war geradezu Ironie, die Worte aus dem Mund von Lerke zu hören. Immerhin war es ihr Vater gewesen, getrieben vom Eifer der Trias, der Priovan hatte töten wollen. Rainald von Rethas. Doch er war gescheitert. Celan hatte es fertig gebracht, wenn auch aus anderen Motiven. Dessen war sich Arved sicher.
„Es heißt, der König habe einen Sohn. Irgendwo. Glaubst du daran?“, fragte Lerke dann.
„Ja. Ich glaube schon. Mein Vater glaubt daran. Er weiß mehr über dieses Land und diese Welt, als sonst ein Mann oder eine Frau.“
Lerke schien erleichtert. Das Gespräch mit Arved, die Natur, der Wind, all das hatte sie auf andere Gedanken gebracht. Sie fühlte sich nicht mehr wirklich wie eine Gefangene. Vorsichtig rückte sie näher zu Arved, lehnte sich an ihn an und legte ihren Kopf auf dessen Schulter. Sie schaute hinunter ins Tal.
„Wenn wir wieder zurückgehen, wirst du dann bei Sylvius und mir bleiben? Um auf uns aufzupassen?“, fragte sie mit leiser Stimme. Dann spürte sie, wie Arved seinen starken Arm um sie legte.
„Ich werde nicht von Eurer Seite weichen, Lerke von Rethas. Das schwöre ich.“
Arthur schlug die Tür der kleinen Hütte kräftig auf, sodass diese mit einem Krachen gegen die Wand schlug. Der Ritter stampfte mit schweren Schritten in den kleinen Raum und ließ seinen Blick über die dort sitzenden Befehlshaber seiner Truppen gleiten. Man konnte die Wut geradezu im Raum spüren, obwohl Arthur sonst ein durchaus ausgeglichener Mann war. Selbst der Hüne Kilian, der seinem Anführer folgte, wirkte klein gegenüber dem aufgebrachten Ritter, der sofort den ganzen Raum einnahm.
„Sagt allen euren Männern eines: Wer der Tochter von Rethas oder dem Sohn Tandors auch nur ein Haar krümmt, hat sein Leben verwirkt.“, begrüßte Arthur seine Männer unwirsch und stellte sich an den Tisch, um sich auf seinen Händen abzustützen. Er schaute durch die Runde. Rogard war der jüngste Mann im Raum, jetzt, da Arved nicht da war. Er war ein wichtiger Mann, gerade als Anführer der jüngeren Kämpfer. Dann waren da noch Helmes und Rikkard, zwei Veteranen aus Freital, sowie Wanfried von Tulheim, ein in Ungnade gefallener Freiherr, der sich Arthur angeschlossen hatte, und Aldo von Lorigan, der einst Hauptmann der Garnison und Stadtwache von Grünburg gewesen war, bis er sich dem Herzog von Tandor widersetzt hatte. Arthur hatte ihn vom Schafott gerettet, und seitdem nicht nur einen fähigen Anführer, sondern auch einen respektierten und beliebten Mann in seinen Reihen.
Rikkard seufzte. „Was ist passiert?“
Arthur schaute sich zu Kilian um, der sich kurz räusperte. „Zwei Männer, die auf die Gefangenen aufpassen sollten, haben versucht sich an Lerke von Rethas zu vergehen und haben Arved angegriffen, als dieser eingriff.“ Man sah die Bestürzung der Männer, über die Tat.
„Was ist mit ihnen?“, fragte Helmes.
„Tot.“, antwortete Arthur kalt. „Habt ihr mich verstanden? Kein Haar!“, sagte er und schaute noch einmal in die Runde. Die Männer nickten. Doch Wanfried meldete sich zu Wort.
„Wir werden dafür sorgen, Arthur. Aber du kannst verstehen, wieso viele Männer unruhig werden. Wir haben den jungen Spross Tandors nun schon einige Tage in unserer Gewalt, aber unsere Späher berichten, dass sich die Truppen Celans eher aggressiver verhalten und Dörfer und Städte durchsuchen. Vielleicht braucht es eine deutlichere Warnung…“
„Ach ja, und was schlägst du vor?“, fragte Arthur herausfordernd. Man merkte noch immer, dass er innerlich kochte.
„Nun ja, ein Finger, einige Zähne…“
„Wenn dann werden es deine sein.“, unterbrach Arthur den gestammelten Vorschlag von Wanfried, dessen Andeutungen deutlich war, der aber anscheinend nicht den Mut hatte, die volle Wahrheit auszusprechen.
„Arthur.“ Es war Kilian, der dem Ritter die Hand auf die Schulter legte. „Beruhige dich. Die Beobachtung von Wanfried ist wahr. Wir haben uns ein Druckmittel erhofft, aber Celan geht nicht darauf ein. Nun müssen wir überlegen, was die nächsten Schritte sind.“
Arthur atmete aus. Er wollte gerade etwas erwidern, verschwieg sich dann aber die Worte. Kilian hatte Recht. Nur ein kühler Kopf hatte sie so lange am Leben gehalten. Es war wohl auch weniger der Angriff auf Lerke, denn der auf seinen Sohn gewesen, der ihn so in Fahrt gebracht hatte. Wenn er nur wenige Momente später gekommen wäre… Nein, das waren Gedanken, die ihnen nun wirklich nicht halfen. Er zog sich einen Stuhl an den Tisch und setzte sich zu den Männern.
„In Ordnung. Wie ist die Lage?“
„Celan hat zusätzliche Reiter aus Tandor geschickt, die von Grünburg aus in die Dörfer und Gehöfte vordringen. In vielen Orten werden Menschen nur drangsaliert, es gab aber auch erste Kämpfe. In den Auen des Oberlaufes des Rin haben wir eine Truppe gestellt, mussten uns aber zurückziehen, als Verstärkung kam. Es scheint, als versuche Tandor entscheidend zuzuschlagen, aber es fehlen ihnen die Männer. Die Angriffe waren weniger entschieden, als noch vor einigen Jahren, als wir tief in die Berge zurückgedrängt wurden.“, versuchte Aldo die Lage möglichst präzise zusammen zu fassen.
„Was ist mit Freital?“
„Unverändert stark besetzt. Grauberg hat sich mit seinen Männern nicht entfernt. Unsere Späher kommen aber kaum an die Stadt ran.“, berichtete Helmes.
Arthur nickte. Gren von Grauberg. Einer der brutalsten Häscher Celans. Nun Statthalter seiner Heimat Freital. Sie hatten vor vielen Jahren schon einmal versucht, die Stadt zurück zu erobern. Es war seine wohl verheerendste Niederlage gewesen.
„Arthur. Es ist die Zeit, konzentriert zurück zu schlagen. Wir haben so lange unsere Truppen gesammelt, die Männer gestärkt. Wir haben einen Trumpf in der Hand. Celan wird nicht selber gegen uns ins Feld ziehen, so lange wir seinen Sohn haben. Wir spüren, dass das Volk der Herrschaft Tandors überdrüssig ist. Es könnte bald zu spät sein, wenn Celan seine Macht in Valorien weiter festigt und sich mehr auf Rethas konzentrieren kann.“ Kilians Worte waren wohl überlegt, eine Stärke, die dem Krieger sonst nicht in die Wiege gelegt war. Aber in diesem Moment sprach er voll Überzeugung und Inbrunst.
Arthur überlegte. Haderte mit sich. Er schaute die Männer an, die an seiner Seite die Schwarzen Pfeile befehligten. Einst eine Einheit aus Freital, waren sie nun der größte Widerstand gegen Celan, wenn man den Herzog von Fendron und den Reichsverweser Alois außen vor ließ. Dennoch waren es alles alte Männer. Auch er selbst spürte, dass der Zahn der Zeit an ihm nagte. Wenn sie Rethas befreien wollten, musste es bald geschehen. In einem oder zwei Jahren konnte es in der Tat zu spät sein. Nun war Frühling. Es war ein guter Winter gewesen. Die Männer waren stark und zahlreich. Sie hatten zwei wertvolle Geiseln. Die Stärke Tandors schien ihren Höhepunkt überschritten zu haben. Oder das Augenmerk Celans war nicht mehr auf das Herzogtum im Südosten gerichtet. Er nickte.
„In Ordnung. Ihr habt Recht. Wir müssen unserer Aufgabe folgen. Wann, wenn nicht jetzt, gilt es Rethas zu befreien.“, sagte Arthur. „Und es muss in Freital beginnen. Wir werden die Stadt befreien, und von dort aus das Herzogtum. Wir müssen jeden Rethaner davon überzeugen, für uns zu kämpfen. Stadt für Stadt werden wir befreien, bis wir in der Halle von Grünburg sitzen.“
„Oder unter der Erde.“, sagte Wanfried, blickte aber grimmig entschlossen. Die anderen Männer nickten, bis Rogard aufstand und die Klinge zog.
„Treu und Ehr!“, rief der junge Mann und die Älteren erhoben sich und zogen die Schwerter aus den Scheiden.
„Valorien!“
Kapitel 9
Lumos trieb sein Pferd voran. Hinter ihm hörte er die Hufe seiner Männer. Drei Tage lang hatten sie die Spuren verfolgt. Die Spuren der geflohenen Priesterin und ihrer Anhänger, die den Irrglauben in den Ländern seines Vaters verbreitet hatten. Ein Verbrechen, auf das es nur eine Strafe gab: den Tod. Er würde derjenige sein, der das Land von dieser Geißel befreien würde. Es säubern.
Lumos musste sich regelmäßig ducken. Der Weg führte sie durch ein dichtes Waldgebiet in den nördlichen Ausläufern des Dämmertan. Dennoch wusste er, dass sie auf dem richtigen Weg waren. Es hatte Wochen gedauert sie zu finden. Eine Priesterin, die in den einstigen Kronlanden von Dorf zu Dorf zog. Die Leute hingen ihr an den Lippen. Selbst unter größter Folter hatte kaum jemand ihm erzählen wollen, wo er sie finden konnte. So überzeugt waren die Menschen von ihrem Glauben an diese Götter. Doch als er und seine Männer eine Fährte gefunden hatten, hatten sie sich festgebissen, wie Bluthunde. Egal wie viele Gläubige die Frau um sich scharen konnte, er hatte fast hundert Reiter hinter sich. Sie würde sich nicht mehr schützen können. Oder verstecken. Ihr Weg nach Westen, nach Fendron, war wohl die einzige Chance. Doch Lumos würde sie finden. Diesseits oder jenseits der Gronde.
Mit einem Ruck am Zügel führte er sein Pferd in schnellem Galopp um die letzte Wegbiegung, bevor der Wald sich lichtete. Vor ihm tat sich ein Fluss auf, jedoch führte der Weg direkt zu einer Furt. Dies war also die Gronde, Grenze des Reiches seines Vaters. Er hatte nicht gedacht, dass sie schon so weit gekommen waren. Lumos hielt sein Pferd an, und seine Männer sammelten sich hinter ihm. Denn sie waren nicht alleine am Fluss.
„Mein Herr, wir sollten umkehren.“, hörte Lumos die mahnende Stimme von Golbert neben sich. Auch er hatte die Soldaten auf der anderen Seite des Flusses gesehen. Ein großes Banner verriet, dass es herzogliche Truppen waren: Die Efeuranke und der blaue Stern auf weißem Grund bestand seit hunderten Jahren als Wappen der Familie von Forgat. Doch vor wenigen Jahren hatte er das Wappen erweitern lassen, um das goldene Dreieck der Trias, das zwischen den Spitzen des Efeus prangte. Jeder sollte sehen, dass Fendron von der Trias gesegnet und geschützt war.
„Wieso?“, fragte Lumos kalt und schaute auf die andere Flussseite. Die Soldaten Fendrons beobachteten sie, machten aber keine Anstalten, ihnen entgegen zumarschieren, oder gar einen Angriff zu provozieren.
„Euer Vater hat befohlen, unsere Aufgabe innerhalb der Grenzen Tandors zu vollenden. Wir haben diese Priesterin verjagt und ihre Jünger gefunden und bestraft. Es scheint mir, als könnten wir erfolgreich nach Taarl zurückkehren. Oder unser Land weiter absuchen.“, versuchte Golbert es positiv zu fassen. Das Argument, er wolle keinen unnötigen Kampf gegen Fendron vom Zaun brechen, ersparte er sich. Er glaubte nicht, dass dies bei Lumos auf offene Ohren stoßen würde.
„Das werden wir sehen.“, sagte Lumos und trieb sein Pferd langsam nach vorne in den Fluss hinein. Golbert schaute dem jungen Mann ungläubig nach, signalisierte dann aber den anderen Reitern, ihm zu folgen. Immerhin würde er seinen Kopf nicht lange behalten, wenn Lumos von fendronischen Soldaten gefangen genommen würde.
In dem Moment, als die Pferde in den Fluss ritten, bewegte sich auch etwas am anderen Ufer. Die Fußsoldaten öffneten eine Passage und mehrere Reiter preschten nach vorne in die Furt hinein. Ihnen folgten weitere Fußsoldaten, um sie zu flankieren.
Die Reiter wurden von einem Mann in einer glänzenden Rüstung angeführt: Forgat von Fendron. Er trug die braunen Haare lang, die trotz seines Alters noch dicht waren und nur vereinzelt von grauen Strähnen durchzogen waren. Sein Blick wirkte entschlossen, als er Lumos musterte. Im Vergleich zu den meisten anderen Kriegern hing an seinem Gürtel kein Schwert, sondern ein Streitkolben, dessen Schlagfläche das goldene Dreieck der Trias bildete. Neben ihm ritt eine Frau auf einem Schimmel. Ihr Gesicht verriet ihr vorangeschrittenes Alter. Doch die Haare waren ebenschwarz wie eh und je und ihr Körperbau wirkte noch jugendlich. Sie trug ein weites, weißes Kleid, das voll von goldenen Stickereien waren. Direkt hinter den beiden ritt ein Bannerträger mit einem prächtigen herzoglichen Wappen, flankiert wurden sie von schweren Reitern, die geschlossene Rüstungen trugen. Mit den Soldaten am Ufer standen Lumos bestimmt zweihundert Gegner entgegen.
In der Mitte des Flusses hielten die Reiter beider Seiten inne, sodass Lumos und Forgat nur noch wenige Schritte trennten. Der Thronfolger von Tandor ließ sein Pferd noch einige Schritte nach vorne traben, sodass er vor seinen Männern stand, und so tat es ihm auch Forgat nach, bis sich die Pferde fast berührten.
„Lumos!“, begrüßte Forgat den jüngeren Mann kalt.
„Forgat. Du versperrst mir den Weg.“, sagte Lumos ruhig.
„Ich glaube, dein Weg endet hier. Kehr um nach Taarl und sag deinem Vater, dass dieses Land unter dem heiligen Schutz der Trias steht und er es niemals sein Eigen nennen wird. Ich glaube, das kann Celan nicht oft genug hören.“
Lumos lächelte verächtlich und ließ dann seinen Blick zu der Priesterin wandern, die er musterte. „Ich habe diese Hexe gejagt, die an deiner Seite reitet. Wenn du sie uns gibst, befehle ich meinen Männern umzukehren.“
Forgat zog seine Augen zu Schlitzen zusammen. „Alisa ist nicht nur die Hohepriesterin der Trias in Fendron, sondern steht auch unter meinem persönlichen Schutz.“
„Dann sollte sie in Fendron bleiben.“
Forgat antwortete nicht direkt. Er verharrte auf der Stelle und hielt die Tandorer genau im Auge. Es war eine Pattsituation, wo jeder falsche Zug zu einer Katastrophe führen konnte. Aber er wusste mehr Männer hinter sich. Und die führende Kraft Thorians.
„Lumos. Verschwinde. Du wirst in Fendron nur Blut finden. Aber ich will keinen Kampf mit dir. Geh einfach.“
Noch immer machte Lumos keine Anstalten sich zu bewegen. Sein Blick blieb auf Alisa behaftet, als höre er Forgat gar nicht. Er spürte, wie der Herzog unruhiger wurde. Ob er wohl Angst hatte? Lumos wusste, dass er selbst ein guter Kämpfer war. Er war sich sicher, dass dies auch über die Grenzen Tandors hinaus bekannt war. Aus dem Augenwinkel erkannte er, wie Forgat langsam seine Hand zum Gürtel führte, um die Befestigung des Streitkolbens zu lösen.




