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„Nathu, Du bist der Beste“, lobte ihn Daya. „Nicht übertreiben. Das verdanken wir alles nur unseren Sklavenhaltern“, widersprach der. Verwundert schauten ihn die vier Anderen an. „Na ja, wenn die mir nicht gezeigt hätten, wie man den Lastwagen fährt, dann würden wir jetzt immer noch zu Fuß rumgurken.“ Da lachten sie. Aber auf einmal fiel Raja etwas ein. „Leute, das mit dem Lastwagen ist gut und schön, aber das kann uns noch zum Verhängnis werden“, behauptete er. „Was meinst Du damit?“ wunderte sich Indira. „Die wissen die Nummer und wenn sie ihn finden, dann finden sie auch uns.“ „Stimmt. Daran hätte ich jetzt nicht gedacht.“ „Raja hat Recht. Wir müssen den Lastwagen früher oder später stehen lassen“, bemerkte Shankar. „Lieber später“, ließ Daya verlauten, die froh war, nicht mehr laufen zu müssen. „Laßt mich mal kurz zusammenfassen: Wir sind höchstens noch 50 Kilometer von Neu Delhi weg und es wird bis abends dauern, bis die Aufseher in der Fabrik ankommen“, erläuterte Nathu. „Außer wenn sie jemand mitnimmt“, fügte Raja hinzu. „Jetzt hör aber auf. Vor solchen Gestalten laufen die Leute davon. Die nimmt niemand mit“, lästerte Shankar und sorgte damit für Stimmung. Plötzlich sah Nathu einen Schatten, der Sekunden später verschwunden war. Er hielt an. „Was hast Du vor?“ wunderte sich Shankar. „Da ist gerade jemand in die Höhle hinein“, antwortete Nathu. „Na und? Was geht uns das an?“ „Viel. Entweder sind das Freunde oder Feinde.“ „Scheißegal. Fahr weiter!“ „Nein, ich seh mir das jetzt mal genauer an“, gab Nathu von sich, hielt an und stand auf. Er verließ den Wagen und da er der Einzige von ihnen war, der ihn fahren konnte, stiegen auch die anderen Vier aus, um ihm zu folgen. Nathu ging in eine Höhle hinein, in der er das Lebewesen vermutete. „Hab keine Angst! Wir tun Dir nichts!“ rief er in die Dunkelheit. „Verschwindet!“ brüllte jemand aus dem Inneren der Höhle. „Wir sind Freunde!“ „Das sagen sie alle.“ „Wir sind unbewaffnet und kommen in friedlicher Absicht!“ „Dann schafft erst mal Euren Lastwagen weg! Es muß ja nicht sein, daß man uns hier findet“, mahnte die Stimme. Shankar hatte inzwischen gemerkt, daß es sich bei dem Antwortgeber um einen Jungen in ihrem Alter handeln mußte. Darum erteilte er Nathu folgenden Auftrag: „Fahr den Lastwagen ein paar Kilometer weg, verstecke ihn ein wenig und komm dann zurück!“ „Ich komme mit“, stellte Daya klar und dagegen hatte Nathu nun wirklich überhaupt nichts. Während er sich mit Daya daran machte, den Lastwagen in ein sicheres Versteck zu bringen, setzte Shankar die Unterhaltung fort. „Ich bin Shankar und neben mir sind Indira und Raja. Wir sind aus einer Kinderfabrik geflohen.“ Als die „Höhlenbewohner“ jene Worte vernommen hatten, fühlten sie sich sicher. Wenige Augenblicke später standen sechs junge Menschen vor den drei Neuankömmlingen. „Dann seid Ihr so wie wir. Ich bin Bharat, das ist Sardar, das ist Parwez, das ist Tejbin und das sind Hirabai und Sonia“, stellte Bharat sich und seine Leute vor. „Später kommen noch Nathu und Daya. Die bringen nur den Lastwagen weg“, erzählte Shankar. „Wie kommt Ihr eigentlich an einen Lastwagen?“ wollte Tejbin wissen. Da erzählte ihm Shankar die ganze Geschichte und seine Zuhörer begannen zu lachen. „Das ist ja ein starkes Stück. Da seid Ihr ja in kurzer Zeit verdammt weit gekommen“, stellte Sardar fest. „Und was ist mit Euch?“ fragte Indira. „Ja, das ist eine etwas längere Geschichte. Aber ich denke, daß Ihr ein bißchen Zeit habt und darum will ich sie Euch erzählen“, begann Parwez, um dann fortzufahren: „Wir kommen aus einer Kinderfabrik in der Nähe von Moradabad. Dort haben wir es nicht mehr ausgehalten. Die hatten tatsächlich vor uns zu zwingen, von früh sechs Uhr bis zehn Uhr abends zu arbeiten und wollten uns nicht mal mehr zahlen. Wir hatten eh schon lange vor zu fliehen und darum waren wir dann umso entschlossener. Das Problem war, daß man uns in der Nacht immer einsperrte, so daß wir eigentlich keine Fluchtmöglichkeit hatten. Um das zu umgehen, sagten wir sechs, wir wollten gleich mal bis zehn Uhr arbeiten um zu sehen, wie das ist. Der Chef und seine Aufseher hatten natürlich nichts dagegen, so daß wir weitermachen konnten. Zur Belohnung für unseren Fleiß durften wir dann kurz nach zehn Uhr raus und ein bißchen was rauchen. Natürlich waren zwei Aufseher dabei, die uns nicht aus den Augen ließen. Auf einmal fuhren Hirabai und Tejbin wie vom Blitz getroffen zusammen und gingen zu Boden. Das war zwar alles nur gespielt, aber das wußten die Aufseher natürlich nicht. Normalerweise hätten sie ja auf die Beiden eingeprügelt, doch nachdem wir so fleißig gewesen waren, wollten sie uns natürlich am Leben erhalten. Sie beugten sich zu den scheinbar Verletzten hinunter und da bekamen sie von uns ein paar Hiebe, bis sie bewußtlos waren. Na gut, wir haben sie auch ein wenig gewürgt, weil diese Typen ja verdammt zäh sind. Jedenfalls haben wir sie geknebelt und gefesselt und sie an einen Platz gebracht, wo man sie nicht so leicht finden würde. Das ging, weil sie bewußtlos waren. Dann machten wir uns aus dem Staub. Die anderen Aufseher saßen drinnen im Büro vom Chef und forderten derweil höhere Löhne, weil sie uns nach der geplanten Arbeitszeitverlängerung ja länger mißhandeln mußten. Das alles geschah vor fast zwei Wochen. Und jetzt sind wir hier, ganz nahe an unserem Ziel.“ „Sagt mal, wieso habt Ihr so lange gebraucht? Ich meine, Ihr konntet doch den ganzen Tag marschieren“, äußerte sich Raja ein wenig erstaunt. „Hast Du eine Ahnung! Wir sind nur in der Nacht gelaufen und da auch nur ein paar Stunden. Dann haben wir uns einen sicheren Unterschlupf gesucht. Am Tag ist das alles viel zu gefährlich. Da treiben sich so viele fiese Typen herum, daß es besser ist, wenn man sich versteckt hält. Solche Bosse einer Kinderfabrik haben überall ihre Leute. Lieber brauchen wir etwas länger und kommen sicher ans Ziel als umgekehrt“, trug Bharat vor. Seine Mitstreiter nickten. „Was haltet Ihr davon, wenn wir uns zusammenschließen?“ erkundigte sich Shankar, der von der Einstellung seiner neuen Bekannten sehr angetan war. „Nichts dagegen. Je mehr zu uns gehören, desto stärker sind wir“, ließ Tejbin von sich hören.
Währenddessen hatten Nathu und Daya den Lastwagen sicher versteckt. Ungefähr zweieinhalb Kilometer von der Höhle entfernt hatten sie ihn in einem Wald untergebracht und dort mit Zweigen Blättern und Ästen bedeckt. Nathu hatte das Nummernschild abgeschraubt und im Erdboden vergraben. Ein paar Sachen hatte er aus dem Lastwagen mitgenommen und in eine Tüte geworfen, die er nun mit sich trug. „Weißt Du, wie wir gehen müssen, um wieder zur Höhle zu kommen?“ fragte Daya ein wenig ängstlich, weil sie sich nicht so sicher war, daß sie den Weg finden würde. „Na klar. Bleib einfach bei mir, dann kann Dir nichts passieren“, antwortete Nathu. „Das mach ich. Du sag mal, was machen wir dann in Neu Delhi?“ „Gute Frage. Ich weiß es auch nicht so genau. Erst einmal ist es wichtig, daß wir nicht gefunden und zurückgebracht werden.“ „Stimmt. Aber glaubst Du wirklich, daß uns so etwas Schreckliches passieren könnte?“ „Wer weiß? Auf dieser Welt kann man sich auf nichts verlassen. Ich bin gespannt, ob die Anderen mit denen in der Höhle schon Freundschaft geschlossen haben.“ „Hoffentlich. Nicht, daß das auch solche Leute sind, die uns an Menschenhändler verkaufen.“ „Ach was! Shankar ist nicht dumm. Der merkt schon, wenn da etwas faul ist.“ „Du mußt es wissen. Nathu, ich habe Angst. Ich meine, in der Fabrik war es schon fürchterlich, aber jetzt sind wir in der Freiheit und sind doch nicht frei.“ „Wie meinst Du das?“ „Es gibt immer etwas, das wir brauchen. Ob das Wasser ist oder Nahrung, ganz egal. Dann noch einen Platz zum Schlafen. Es wird nie sein, daß wir einfach so leben können, ohne etwas zu benötigen.“ „So ist das halt mal auf dieser Welt. Damit mußten schon Milliarden Menschen vor uns fertig werden. Wir sollten froh sein, daß wir endlich aus dieser Fabrik weg sind, die uns unsere ganze Kindheit und Jugend geraubt hat.“ „Das ist wahr. Aber wir werden unser ganzes Leben lang Angst haben müssen, wieder an so einen Ort zu kommen.“ „Normal schon. Und genau deshalb ist es wichtig, daß Du lernst zu vergessen. Das wird am Anfang nicht so leicht und so schnell gehen, aber wenn Du es erst mal geschafft hast, dann ist das alles kein Problem mehr. Versuche, die Vergangenheit zu vergessen!“
Auch in der Höhle hatte man die Vergangenheit inzwischen abgehakt und widmete sich lieber der bevorstehenden Zukunft. „Es wird nicht leicht werden in Neu Delhi zu überleben“, vermutete Sardar. „Lieber in Freiheit sterben, als in Knechtschaft leben“, entgegnete Indira. Hochachtungsvoll blickten die Anderen auf sie. „Das waren weise Worte“, bemerkte Bharat. Shankar spürte, daß man einen Plan brauchte, um in Zukunft bestehen zu können. „Wir werden uns also heute Nacht auf den Weg machen. Vielleicht schaffen wir es sogar, bis nach Neu Delhi zu kommen. Wenn nicht, dann ist das auch nicht weiter schlimm. Ich muß jetzt einen Vorschlag machen, der verdammt blöd klingt, aber ich halte ihn trotzdem für richtig. Wir sollten in Neu Delhi unser Aussehen verändern“, schlug er vor. „Wozu soll das gut sein? Bei Deinem Gesicht verstehe ich es ja, aber bei uns“, scherzte Tejbin. Alle lachten, auch Shankar. „Nicht schlecht. Um Dich brauchen wir uns keine Sorgen machen, Du wirst problemlos beim Fernsehen unterkommen. Ihr wißt doch, daß der Fabrikchef unsere Ausweise hat. Außerdem bin ich mir ziemlich sicher, daß die davon ausgehen, daß wir nach Neu Delhi geflohen sind. Darum werden sie dort sicherlich Steckbriefe aushängen und vielleicht persönlich nach uns suchen. Deswegen sollten wir unser Aussehen verändern, damit sie uns nicht mehr erkennen“, erläuterte Shankar. Die Anderen nickten zustimmend. „Soll ich mir etwa eine Brust abnehmen lassen?“ spottete Indira. „Nein, aber so eine Einäugige wäre nicht schlecht“, erwähnte Shankar grinsend. „Oder wäre es vielleicht doch besser, nicht nach Neu Delhi zu gehen?“ überlegte Bharat laut. „Quatsch! Natürlich müssen wir dorthin. Oder willst Du Dein Leben lang in so einem Höhlenloch vegetieren?“ fragte Shankar provozierend. „Besser als die Fabrik ist es allemal.“ „Das ist unbestritten. Aber nur in Neu Delhi haben wir eine Überlebenschance auf längere Sicht hin. Im ganzen Land geht es den Menschen schlecht. Aber in Neu Delhi geht es den Menschen nicht ganz so schlecht. Zwar nicht gut, aber immerhin besser als an allen anderen Orten in Indien.“ „Schon klar. Weil in Neu Delhi die reichsten und mächtigsten Leute des Landes sitzen und, wenn sie gut gelaunt sind, auch mal für die Bettler was springen lassen.“ Interessiert hörten die Anderen dem Dialog von Shankar und Bharat zu. „So ist es, Bharat. Ich weiß nur noch nicht, wie wir unseren Lebensunterhalt bestreiten können. Jedenfalls denke ich, daß ich Euch überzeugt habe, daß wir zunächst unser Aussehen verändern sollten.“ Alle nickten. Es war nicht hell in der Höhle, aber man konnte sich ziemlich gut sehen. „Wieso können wir nicht hier schon unser Ausehen verändern?“ forschte Parwez. „Ganz einfach: Weil uns die Sachen, die man dazu braucht, fehlen“, antwortete Raja. Auf einmal hörten sie vor der Höhle ein Geräusch. Sofort zogen sie sich in das Innere zurück. „Bleibt da, Leute! Wir sind’s!“ rief Nathu und natürlich erkannten sie ihn an seiner Stimme wieder. Man stellte sich gegenseitig vor und dann leerte Nathu die Tüte. „Was hast Du denn da mitgebracht?“ wunderte sich Sonia, die bisher noch fast nichts gesagt hatte. „Ein paar Sachen aus dem Lastwagen, die wir vielleicht brauchen können“, berichtete Nathu. „Cool. Ein Rasierapparat, ein paar Sonnenbrillen, eine Schere und was zu saufen und fressen. Nathu, Du bist ein Genie“, lobte ihn Sardar. Man begab sich in die Nähe des Eingangs, wo es mehr Licht gab. Dort begannen die flüchtigen Jugendlichen dann damit, sich zu verwandeln. Während Shankar und Nathu keine wesentlichen Änderungen an sich vornahmen, sondern beschlossen, sich einen Bart wachsen zu lassen, schnitten sich die Anderen ihre Haare. „Wenn wir jetzt noch Haarfarbe hätten, dann wäre es noch besser“, glaubte Hirabai. „Man kann nicht alles haben. Aber schaut mal in die Tüte. Ich glaube, da ist noch was für Euch“, mutmaßte Nathu. Sekunden später kamen sie mit Perücken auf dem Kopf zurück. „Wer hätte gedacht, daß männliche Aufseher Frauenperücken mit sich tragen?“ wunderte sich Indira, die man fast nicht wiedererkannte. „Tja, vielleicht wollen sie sich so an Lesben ranmachen“, mutmaßte Raja lachend. „Da bräuchten sie aber noch zwei ausgestopfte Gummibällchen“, fügte Tejbin hinzu. „Na ja, ein paar Tennisbälle habe ich auch gefunden und mitgenommen“, erinnerte sich Nathu.
Da waren nun also elf Jugendliche, die aus zwei Kinderfabriken geflohen waren, in einer Höhle zusammengetroffen und hatten sich entschieden, fortan einen gemeinsamen Weg zu gehen. Sie alle waren glücklich darüber, weil sie sich in einer größeren Gruppe doch stärker und sicherer fühlten. Und das war sehr wichtig in jener Zeit, in der Kinder verschleppt und zur Arbeit in Fabriken gezwungen wurden. Es wurde dunkel, aber erst als tiefste Nacht herrschte, machten sie sich auf den Weg. Schon recht schnell merkten Bharat, Sardar, Parwez, Tejbin, Sonia und Hirabai, daß Nathu einen stark ausgeprägten Orientierungssinn hatte, auf den man sich voll verlassen konnte. Als sie Durst hatten, führte er sie an den Fluß, als ein paar Autos zu hören waren, brachte er sie in Sicherheit und als sie am nächsten Morgen ein neues Versteck brauchten, fand er eines in kürzester Zeit. „Sag mal, warst Du schon mal hier gewesen?“ erkundigte sich Bharat bei Nathu. „Nein. Wieso?“ „Du läufst hier herum, als würdest Du diese Gegend wie Deine Westentasche kennen.“ „Das ist doch nicht schwer. Paß auf! Hörst Du den Vogel dort?“ „Ja. Was ist mit ihm?“ „Der verrät mir, daß hier in der Nähe ein Baum ist. Und wo ein Baum ist, da ist meistens auch ein Wald. Und in einem Wald kann man sich hervorragend verstecken.“ „Hört sich einfach an.“ „Ist es auch. Ich schlage vor, daß immer zwei von uns Wache halten, während sich die anderen Neun ausschlafen können.“ Damit waren alle einverstanden und so schliefen sie mitten im tiefen Wald, während zunächst Shankar und Nathu die Wache übernahmen. „Was meinst Du, Nathu? Wie weit ist es noch bis Neu Delhi?“ fragte Shankar. „Nicht mehr weit. Morgen sind wir da.“ „Hey, Dir wächst ja schon ein Bart.“ „Das ist auch gut so. Ich habe keine Lust an meinen kurzen Haaren erkannt zu werden.“ „Ich lasse meine jetzt wachsen. Einmal zur Sicherheit und weil es besser aussieht.“ „Hat das etwa Indira gesagt?“ „Wie kommst Du denn darauf?“ „Na komm, das sieht doch ein Blinder, daß es zwischen Euch gefunkt hat.“ „Findest Du?“ „Aber sicher. Ihr seid auch ein schönes Paar.“ „Erst einmal müssen wir in absoluter Sicherheit sein. Dann kann ich mich damit befassen.“ „Oh Shankar, dann wird es nie was mit Euch. Die absolute Sicherheit wird es für uns wohl nie geben. Es sei denn, Du kannst Dir fünf Leibwächter leisten.“ „Na klar, ich habe ja hier zehn zur Auswahl.“ Beide lachten. Sie waren gute Freunde und sie kannten sich gut. Doch die gemeinsame, bisher geglückte Flucht, schweißte sie mehr als alles Andere zusammen. Man war voneinander abhängig und man mußte einander vertrauen. „Du, Shankar, was machen wir in Neu Delhi?“ „Frag nicht solche Sachen. Wir werden schon etwas finden.“ „Sicher?“ „Ich denke schon. Sei optimistisch. Was haben wir zu verlieren?“ „Nichts. Weil wir nichts haben.“ „Siehst Du? Das ist die richtige Einstellung.“ „Ich bin froh, wenn ich in Neu Delhi bin. Hier ist es scheiße, weil man sich den ganzen Tag verstecken muß.“ „Das ist wahr. Mir wäre es auch lieber, in der Natur herumzulaufen, aber wir wissen ja Beide, wie schlecht Menschen sind.“ „Du sagst es. Aber diese Menschen wird es auch in der Hauptstadt geben.“ „Gewiß. Aber dort sind wir trotzdem sicherer. Vor allem wenn wir in der Gruppe zusammen bleiben.“ „Was hältst Du eigentlich von den sechs Anderen?“ „Die sind voll in Ordnung. Uns verbindet die Flucht. Wir haben alle schreckliche Erfahrungen gemacht und das hält zusammen. Hoffe ich zumindest.“ „Die Typen sind wirklich in Ordnung. Na gut, ich wäre schon gerne mit dem Lastwagen weiter gefahren, aber ...“ „Du hast doch angehalten.“ „Schon. Ich mußte einfach wissen, wer dieser Schatten ist. Sonst hätte ich mich nicht sicher gefühlt. Außerdem hätte man uns mit dem Lastwagen viel leichter gefunden und erkannt. Da hätte es auch nichts geholfen, wenn wir unser Aussehen verändert hätten.“ „Es war schon richtig, was wir gemacht haben. Sonst wären wir wohl jetzt schon im Knast wegen Diebstahls eines Lastwagens. Du kennst ja unsere tollen Gesetze.“
Während sie sich unterhielten merkten sie nicht, daß noch nicht alle Anderen schliefen. Es war halt einfach nicht so leicht, ruhig zu schlafen, wenn man sich auf der Flucht befand. Trotzdem mischte sich niemand in Shankars und Nathus Gespräch ein. „Aber wo schlafen wir in Neu Delhi?“ wollte Nathu wissen. „Neu Delhi ist groß. Da wird auch für uns ein Fleckchen dabei sein“, erwähnte Shankar. „Schon. Aber auf die Dauer ist das halt auch nichts. Von irgendwas müssen wir auch leben. Oder willst Du als Dieb in den Knast?“ „Nein, sicher nicht. Dann würde ich ja früher oder später wieder in eine Fabrik geschickt werden. Es gibt bestimmt irgendeine Sache, die wir gut können. Und genau von der müssen wir leben.“ „Und welche Sache wäre das?“ „Keine Ahnung. Das werden wir schon noch herausfinden.“ „Na hoffentlich. Sonst finden nämlich bald die Würmer nicht mehr aus uns heraus, wenn sie unsere Eingeweide verköstigen.“ „Alter Pessimist. Wir sind frei. Vergiß das nicht.“ „Freiheit kann manchmal auch Tod bedeuten.“ „Sterben müssen wir sowieso irgendwann.“ „Auch wieder wahr.“ „Na ja, gefallen würde sie mir schon.“ „Wovon redest Du?“ „Indira.“ „Sag ich doch. Ihr seid ein Traumpaar.“ „Übertreiben mußt Du auch wieder nicht. Erst einmal müssen wir uns richtig kennenlernen. Wir haben zwar in der selben Fabrik gearbeitet, aber eben nur gearbeitet.“ „Das wird schon. Fang einfach mal mit einem romantischen Abendessen in einem Nobelrestaurant in Neu Delhi an.“ „Du bist ein Spinner. Wer soll denn das zahlen?“ „Was meinst Du, wie froh die Leute sind, wenn sie für das Essen von zwei Verliebten spenden dürfen?“, kalauerte Nathu. Auf einmal hörten sie ein Kichern. „Wer hat denn da seinen Gute-Nacht-Brei nicht aufgegessen?“ wunderte sich Nathu. Kurz darauf stellte sich heraus, daß neben Shankar und Nathu auch noch Indira, Daya, Tejbin und Parwez wach waren. „Leute, wenn das so ist, dann könnt Ihr ja die Wache übernehmen. Ich brauche nämlich meinen Schlaf“, erklärte Shankar, dem es ein wenig peinlich war, daß Indira mitgehört hatte. Während er und Nathu sich aufs Ohr legten, blieben Daya und Indira wach. Sie wollten gerade zu reden beginnen, als sie in der Nähe Stimmen hörten. „Wacht auf! Wir müssen hier weg!“ flüsterte Indira, aber die Anderen schliefen fest. Da mußte sie zu härteren Methoden greifen. Jeder bekam zwei Schläge ins Gesicht und so wachten alle auf der Stelle auf. „Was ist denn?“ wunderte sich Bharat. „Wir müssen verschwinden! Hört Ihr nicht die Stimmen?“ zischte Indira. „Also ein Guten-Morgen-Kuß wäre mir lieber gewesen“, gestand Nathu und rieb sich das Gesicht. Plötzlich hörten sie laut und deutlich eine Stimme. „Los! Auf ins Dickicht! Dort sind sie bestimmt versteckt!“ Das waren keine Aufseher, sondern Jäger. Doch auch denen konnte man nicht trauen und darum verschwanden die elf Jugendlichen, bevor man sie entdeckte. Wenig später standen sie im Wald herum und wußten nicht so recht wohin. Zwar glaubte Nathu den Weg zu kennen, aber er war sich auch nicht so sicher wie sonst. „Wir brauchen schnell ein gutes Versteck. Am Tag ist es zu gefährlich. Wir könnten zu leicht entdeckt werden“, behauptete Sardar. Doch allzu viele Möglichkeiten gab es da nicht. So blieben sie also im Wald, bis sie dort einen geeigneten Unterschlupf fanden, der groß genug für sie alle war. „Ich habe Hunger“, klagte Hirabai. „Vor Dir liegt leckeres Gras“, teilte ihr Bharat grinsend mit. „Hey, bin ich ein Hase oder was?“ „Wenn Du einen Hasen willst, dann mußt Du Dir schon einen fangen. So wie den da“, machte Tejbin deutlich und zeigte auf einen Meister Lampe, der in geringer Entfernung hoppelte. Raja und Parwez wollten sich aufmachen, um ihn zu fangen, aber Sonia rief sie zurück. „Laßt das arme Tier am Leben! Wir werden es schon noch bis morgen durchhalten.“ Geschwisterlich teilten sie sich das Wasser. Es war zwar kühl im Wald, aber trotzdem hatten sie viel Durst. Deshalb machten sich wenig später Shankar, Daya und Parwez auf die Suche nach einer Quelle, um dort frisches Wasser zu holen und in die Flaschen zu füllen. Es dauerte eine Weile, bis sie endlich fündig wurden. Natürlich nutzten sie die Gelegenheit zu einem kleinen Bad, erfrischten sich und tranken, bis sie genug hatten.
Danach machten sie sich auf den Rückweg, auf dem Daya Shankar zur Seite nahm. „Indira und ich haben gehört, was Du mit Nathu besprochen hast“, begann sie. Er schwieg verlegen. „Sie fühlt genauso wie Du, aber sie will, daß alles nicht so schnell geht.“ „Das ist in Ordnung. Ich würde auf sie Jahre warten.“ „Na, ganz so lange muß es nicht sein. Gib ihr noch ein paar Tage und dann ist sie soweit.“ „Danke.“ „Schon gut. Vielleicht kannst Du Dich ja revanchieren.“ „Sag was ich tun soll!“ „Könntest Du herausbekommen, ob Nathu an mir interessiert ist?“ „Ich kann es versuchen, aber ich kann Dir nichts versprechen. Weißt Du, Nathu ist ein ganz besonderer Kerl. Bei dem weiß man nicht ganz so genau, ob er immer das denkt, was er sagt. Ich werde ihn mal fragen.“ „Aber nicht so direkt. Das klingt nämlich sonst aufdringlich.“ „Schon klar. Nein, nur so ganz nebenbei. Jedoch wirst Du Dich ein paar Stunden gedulden müssen.“ „Es eilt nicht. Liebe hat und Liebe gibt Zeit.“ „Ein schöner Satz.“ „Oh ja.“ Einige Minuten später kehrten die Drei mit frisch gefüllten Wasserflaschen zum Versteck zurück. „Irgendwie komme ich mir blöd vor. Da scheint die Sonne und wir müssen uns verstecken“, jammerte Sardar. „Vergiß nicht, daß wir früher auch nichts von den Tagen gehabt haben. Früh aufstehen, bis abends arbeiten und dann schlafen. Jetzt sind wir wenigstens frei“, warf Hirabai ein. „Stimmt. Aber wir sollten nicht zu euphorisch sein. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, daß uns die einfach so laufen lassen“, gestand Bharat. „Also ich an Deiner Stelle wäre vollkommen beruhigt. Ihr seid ja doch schon einige Zeit auf der Flucht. Bei uns Fünfen ist es gefährlicher. Wir sind nämlich noch nicht lange fort“, entgegnete Raja. „Aber durch das, daß Ihr Euren Jägern ihr Gefährt geklaut habt, habt Ihr Eure Chancen unentdeckt zu bleiben, um Einiges vergrößert“, glaubte Sardar. Damit hatte er natürlich Recht und dennoch fühlten sich die elf Flüchtigen keineswegs sicher. Vor allem solange es noch Tag war. Man hatte keinen großen Bewegungsfreiraum, weil man nicht entdeckt werden wollte und so setzte man sich zusammen und unterhielt sich über die Dinge, die man bisher so erlebt hatte. „Diese Aufseher sind keine Menschen, das sind Tiere. Einmal ist eine von uns umgefallen, weil sie total erschöpft war. Da haben zwei Aufseher auf sie eingeprügelt, bis sie wieder aufstand. Zwei Minuten später lag sie wieder da. „Die taugt nichts mehr“, hat ein Aufseher gesagt und dann haben sie sie draußen auf die Müllhalde geworfen. Dort haben sie das Mädchen angezündet und sie ist bei lebendigem Leibe verbrannt“, erzählte Tejbin. „Diese Aufseher hätten den Schlimmsten aller Tode verdient. Sie stehen nur daneben, schauen uns zu wenn wir uns abplagen und sobald wir eine Sekunde ausruhen, schlagen sie mit ihren Peitschen zu. Was glaubt Ihr wie gerne ich ihnen diese Peitsche abgenommen und damit auf sie eingeprügelt hätte“, lauteten Shankars Worte. „Da bist Du nicht allein. Irgendwie ist das schon frustrierend, wenn wir auf unser Leben zurückblicken. Nur Arbeit, sonst überhaupt nichts. Schlechte Bezahlung, wenig zu essen und überhaupt keine Freizeit. Nie wieder in eine Fabrik“, stellte Bharat klar. Alle Anderen nickten. Sie waren fest entschlossen, sich nie wieder demütigen zu lassen. „Ich bin müde. Irgendwer wird schon wach bleiben und aufpassen“, hoffte Sonia und schloß ihre Augen. Indira hatte inzwischen ihre Perücke in die Tüte zurückgelegt. „Gefällt sie Dir nicht?“ wunderte sich Shankar. „Ich sehe blöd damit aus“, antwortete sie. „Woher willst Du das wissen? Du hast doch gar keinen Spiegel.“ „So etwas spürt man.“ „Und Frau.“ „Genau.“ „Aber so wird man Dich problemlos wiedererkennen. Die paar Zentimeter Haare, die Du Dir abgeschnitten hast, die machen da überhaupt keinen Unterschied.“ „Wenn wir in Neu Delhi sind, dann werde ich mir die Haare färben.“ „Aber bitte nicht rot.“ „Warum denn nicht?“ „Dann habe ich Angst vor Dir.“ „Also am besten rot.“ Beide lachten. Sie lächelten sich an und doch wollten sie Beide noch warten. „Ich würde zu gerne wissen, ob unsere Jäger schon wieder in der Fabrik sind“, gab Nathu zu. „Aber sicherlich. Die werden schon wieder auf der Jagd nach uns sein“, vermutete Raja.




