Guy de Maupassant: Bel Ami (Deutsche Ausgabe)

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Der schneidende Pfiff einer einzelnen Lokomotive, die ganz allein, wie ein großes Kaninchen aus seinem Bau, aus dem Tunnel hervorkam und mit vollem Dampf über die Schienen nach dem Maschinenschuppen lief, erweckte ihn aus seinen Träumen. Die etwas verwirrten Gedanken an diese frohen Hoffnungen, die sein ganzes Innere erfüllten, hatten ihn erfrischt, und er warf einen Kuss in die Nacht hinaus, einen Liebesgruß an das Bild der ersehnten Frau, einen Kuss des Verlangens nach dem Glück, das er begehrte. Dann schloss er das Fenster und begann sich auszukleiden, wobei er murmelte: »Ach was, morgen früh werde ich besser aufgelegt sein. Heute Abend ist mein Kopf zu schwer, vielleicht habe ich auch ein bisschen zuviel getrunken. Unter solchen Bedingungen kann man nicht gut arbeiten.« Er legte sich zu Bett, blies die Lampe aus und schlief fast unmittelbar danach ein.
Er wachte frühzeitig auf, wie man an Tagen lebhafter Hoffnungen oder großer Sorgen aufwacht, sprang aus dem Bett und öffnete das Fenster, um einen Schluck frischer Luft zu nehmen, wie er zu sagen pflegte.
Die Häuser in der Rue de Rome gerade gegenüber, jenseits des breiten Eisenbahndammes, leuchteten im hellen Schein der Morgensonne, als wären sie mit Licht weiß gemalt. Rechts in der Ferne sah er den Hügel von Argenteuil, die Höhen von Sannois und die Mühlen von Orgemont in leichtem, bläulichem Dunst, wie hinter einem dünnen, durchsichtigen Schleier, der auf den Horizont geworfen war.
Ein paar Minuten blieb Duroy in der Betrachtung der weiten Landschaft versunken und murmelte: »Es wäre doch verdammt schön da draußen an einem solchen Tag wie diesem.« Dann fiel ihm ein, dass er arbeiten müsste, und zwar sofort, und dass er für zehn Sous den Jungen des Concierge zu seinem Bureau schicken müsste, um sich krank zu melden. Er setzte sich an den Tisch, tauchte die Feder in das Tintenfass, stützte den Kopf mit der Hand und suchte nach Einfällen. Alles vergebens. Nichts fiel ihm ein.
Trotzdem verlor er nicht den Mut. Er dachte: »Es ist nicht so schlimm, ich bin eben nicht daran gewöhnt. Das ist ein Handwerk, das man wie jedes andere lernen muss. Die ersten paarmal muss ich mir helfen lassen. Ich werde Forestier aufsuchen, und er macht mir meinen Artikel in zehn Minuten zurecht.
Er zog sich an.
Als er auf der Straße war, dachte er, dass es wohl noch zu früh sei, sich schon seinem Freund vorzustellen, denn er pflegte lange zu schlafen. Er ging langsam unter den Bäumen der äußeren Boulevards auf und ab.
Es war noch nicht neun Uhr. Er erreichte den Park Monceau, der vom frischen Tau noch ganz feucht war. Er setzte sich auf eine Bank und begann wieder zu träumen. Ein sehr eleganter, junger Mann ging vor ihm auf und ab, offenbar in Erwartung einer Frau.
Endlich kam sie, verschleiert, mit hastigen Schritten, und nach einem kurzen Händedruck nahm er sie beim Arm und verschwand.
Ein stürmischer Trieb nach Liebe schoss durch Duroys Herz, ein heißes Verlangen nach einem vornehmen, parfümierten, zarten Liebesabenteuer. Er stand auf, setzte seinen Weg fort und dachte dabei an Forestier. Hatte der Glück gehabt!
An der Haustür traf er mit Forestier zusammen, der gerade fortgehen wollte: »Du hier? So früh? Was willst du denn?«
Duroy war verlegen, dass er ihn gerade beim Aufbruch störte und stotterte: »Es... es ... es handelt sich um meinen Artikel, ich kann ihn nicht fertigbringen, weißt du, den Artikel, den Herr Walter über Algier haben will. Es ist eigentlich kein Wunder, weil ich doch bisher noch nie geschrieben habe. Hier, wie bei allem, ist Übung nötig. Ich weiß ganz genau, ich werde mich sehr leicht hineinfinden, aber jetzt beim ersten Mal weiß ich nicht recht, wie ich es anfassen soll. Ich habe wohl die Ideen, die sind alle da, aber es gelingt mir nicht, sie zum Ausdruck zu bringen.«
Er hielt inne und zauderte ein wenig. Forestier lächelte listig und sagte:
»Das kenne ich.«
»Ja«, fuhr Duroy fort, »so muss es am Anfang jedem gehen. Ich wollte also ... ich wollte dich daher bitten, mir eine kleine Anleitung zu geben. In zehn Minuten würdest du es mir schon zurechtmachen, mir den nötigen Schwung beibringen. Du würdest mir da eine gute Lektion im Stil geben, denn ohne dich, glaube ich, bringe ich es nicht fertig.«
Der andere lächelte noch immer vergnügt. Er klopfte seinem alten Kameraden auf den Arm und sagte:
»Geh zu meiner Frau hinauf, sie wird die Sache ebensogut in Ordnung bringen wie ich. Ich habe ihr diese Arbeiten beigebracht. Ich habe leider heute früh keine Zeit, sonst hätte ich es ja gern getan.«
Duroy wurde plötzlich wieder verlegen, er zögerte und getraute sich nicht.
»Aber jetzt zu dieser Zeit kann ich sie unmöglich stören?«
»Doch, sicher kannst du das. Sie ist auf. Du findest sie in meinem Arbeitszimmer, sie hat einige Schriftstücke für mich zu ordnen.«
Duroy weigerte sich noch immer, hinaufzugehen.
»Nein ... das geht nicht!«
Forestier packte ihn bei der Schulter, drehte ihn herum und schob ihn die Treppe hinauf: »Also, geh doch, dummes Schaf, wenn ich es dir sage. Du wirst mich nicht etwa zwingen wollen, die drei Treppen wieder hinaufzuklettern, dich vorzustellen und deine Sache auseinanderzusetzen.«
Da entschloss sich endlich Duroy. »Danke, ich gehe, ich werde ihr sagen, dass ich auf deine Veranlassung komme, dass du mich gezwungen hast, sie aufzusuchen.«
»Gut. Sei unbesorgt, sie frisst dich nicht auf. Aber vergiss nicht nachher um drei Uhr.«
»Oh, hab keine Angst.«
Forestier ging schnell davon, während Duroy langsam Stufe für Stufe die Treppe hinaufstieg, denn er wusste nicht recht, was er oben sagen sollte, und war nicht sicher, wie er empfangen würde.
Der Diener öffnete; er trug eine blaue Schürze und hielt einen Besen in der Hand.
»Der Herr ist ausgegangen«, sagte er, ohne eine Frage abzuwarten.
Duroy ließ sich nicht abweisen.
»Fragen Sie Madame Forestier, ob sie mich empfangen könnte, und sagen Sie ihr, dass ich im Auftrag ihres Gatten käme, den ich eben auf der Straße getroffen habe.«
Dann wartete er. Der Diener kam zurück, öffnete rechts eine Tür und meldete: »Madame lässt bitten.«
Sie saß auf einem Schreibtischsessel in einem kleinen Zimmer, dessen Wände durch schwarze Bücherregale mit wohlgeordneten Büchern gänzlich verdeckt waren. Nur die Einbände mit ihren bunten Farben, rot, blau, gelb, grün und violett, brachten Frohsinn in diese einförmigen Bücherreihen.
Bekleidet mit einem weißen, spitzenbedeckten Morgenkleid, wandte sie sich ihm lächelnd zu, und als sie ihm die Hand reichte, sah er unter dem weit geöffneten Ärmel ihren nackten Arm.
»So früh?« fragte sie, fügte aber hinzu: »Das soll durchaus kein Vorwurf sein, sondern bloß eine harmlose Frage.«
Er stammelte:
»Oh, Madame, ich wollte gar nicht heraufkommen. Doch ich traf unten Ihren Herrn Gemahl, er zwang mich dazu. Ich bin dermaßen verwirrt, dass ich nicht zu sagen wage, was mich eigentlich herführt.«
Sie wies auf einen Stuhl:
»Setzen Sie sich hin und sprechen Sie.«
Sie hielt zwischen den Fingern eine Gänsefeder, die sie geschickt herumdrehte, und vor ihr lag ein halb beschriebener Bogen Papier. Die Ankunft des jungen Mannes hatte offenbar ihre Arbeit unterbrochen. Es machte ganz den Eindruck, als fühlte sie sich an diesem Schreibtisch genau so zu Hause wie in ihrem Salon, als ob dieses ihr alltäglicher Beruf wäre.
Ein leichtes Parfüm entstieg dem Morgenrock, der frische Duft der eben beendeten Toilette. Und Duroy suchte den jungen, weißen, warmen Frauenkörper durch die Falten des weichen Stoffes zu erraten. Da er noch immer schwieg, fuhr sie fort:
»Also sagen Sie, was gibt es?«
Zögernd murmelte er:
»Also ... aber wirklich ... ich wage es gar nicht zu sagen ... Ich habe gestern bis spät in die Nacht gearbeitet ... und heute früh ... sehr früh morgens ... um den Artikel über Algier zu schreiben, den Herr Walter von mir haben will ... Es will mir nicht gelingen ... ich habe alles zerrissen ... Ich habe keine Übung in dieser Arbeit und da wollte ich Forestier bitten, mir etwas zu helfen ... für dieses eine Mal ...«
Sie unterbrach ihn und lachte glücklich und geschmeichelt aus vollem Herzen:
»Und da hat er Ihnen gesagt, Sie sollten mich aufsuchen? Das war lieb von ihm!« ...
»Ja, gnädige Frau, er sagte, Sie würden mir aus der Verlegenheit noch besser helfen, als er selbst ... Aber trotzdem wagte ich es nicht, ich wollte nicht ... Nicht wahr, Sie verstehen mich ...«
Sie stand auf.
»Das wird reizend sein, so mit Ihnen zusammen zu arbeiten. Ich bin begeistert von Ihrer Idee. Also setzen Sie sich hier auf meinen Platz, denn bei der Redaktion kennt man meine Handschrift. Nun wollen wir Ihnen einen Artikel schreiben, aber einen guten, der auch Erfolg haben wird.«
Er setzte sich, nahm eine Feder, breitete ein Blatt Papier vor sich aus und wartete.
Madame Forestier sah seinen Vorbereitungen stehend zu, dann nahm sie vom Kamin eine Zigarette und zündete sie an:
»Ich kann nicht arbeiten, ohne zu rauchen. Also, was wollten Sie erzählen?«
Er blickte erstaunt zu ihr auf.
»Das weiß ich eben nicht, deswegen bin ich auch hergekommen.«
Sie fuhr fort:
»Ja, ich werde Ihnen dabei schon helfen. Die Sauce will ich Ihnen machen, Sie müssen mir aber den Braten geben.«
Er blieb verwirrt, endlich sagte er zögernd:
»Ich wollte meine Reise von Anfang an schildern ...«
Da setzte sie sich ihm gegenüber an die andere Seite des großen Schreibtisches und sagte, ihm in die Augen blickend:
»Nun gut, erzählen Sie mir zuerst, mir ganz allein, verstehen Sie, langsam und ohne etwas zu vergessen. Ich werde dann schon das Passende auswählen.«
Er wusste aber nicht, wo er anfangen sollte, und so begann sie, ihn auszufragen, wie ein Priester sein Beichtkind. Sie legte ihm ganz bestimmte Fragen vor, durch die ihm eine Menge vergessener Eindrücke, flüchtig bekannte Personen und verschiedene Einzelheiten ins Gedächtnis zurückgerufen wurden. Als sie ihn etwa eine Viertelstunde auf solche Weise ausgefragt hatte, unterbrach sie ihn plötzlich:
»Jetzt wollen wir beginnen. Zunächst nehmen wir an, Sie berichten Ihrem Freund Ihre Erlebnisse. Das erlaubt Ihnen, eine Menge Bosheiten zu sagen, Bemerkungen aller Art einzuflechten, und so natürlich und witzig zu sein, wie wir es irgend können. Also los:
›Mein lieber Henri, Du willst wissen, was Algier ist, Du sollst es erfahren. Da ich in der kleinen Hütte aus getrocknetem Lehm, die mir als Wohnung dient, nichts Besseres anzufangen weiß, will ich Dir eine Art Tagebuch über mein Leben schicken und Dir schildern, wie mein Leben sich Tag für Tag, Stunde für Stunde gestaltet ... Es wird manchmal etwas toll darin zugehen, einerlei: Du bist doch nicht verpflichtet, es den Damen aus Deinem Bekanntenkreise vorzuzeigen.‹«
Sie machte eine Pause, um die ausgegangene Zigarette wieder anzuzünden, und sofort hörte das kritzelnde Geräusch der Gänsefeder auf dem Papier auf.
»Nun weiter!« sagte sie.
›Algier ist eine ausgedehnte französische Besitzung an der Grenze der großen unbekannten Länder, die man die Wüste, die Sahara, Zentralafrika und so weiter nennt.
Algier ist das Tor, das weiße, bezaubernde Eingangstor dieses seltsamen Kontinents.
Aber zunächst muss man dieses Land erreichen und das ist nicht für jedermann so besonders angenehm. Du weißt, ich bin ein ausgezeichneter Reiter, denn ich muss ja die Pferde des Obersten zureiten. Aber man kann ein guter Reiter und dabei ein schlechter Seemann sein. Das ist bei mir der Fall.
Entsinnst Du Dich noch des Majors Simbreta, den wir den Doktor Ipéca nannten? Wenn wir uns reif für vierundzwanzig Stunden Lazarett fühlten, so besuchten wir ihn.
Er saß auf seinem Stuhl, die dicken Beine in den roten Hosen weit auseinander gespreizt, die Hände auf die Knie gestützt, die Ellenbogen in der Luft, sodass die Arme wie eine Brücke aussahen. Er rollte seine großen Augen und knabberte dabei an seinem weißen Schnurrbart. Entsinnst Du Dich noch seiner Verordnung?
‘Dieser Soldat hat einen verdorbenen Magen. Er bekommt das Brechmittel Nummer 3 nach meinem Rezept. Dann zwölf Stunden Ruhe und er ist wieder gesund.’
Dieses Brechmittel war allmächtig und unwiderstehlich. Man schluckte es runter, weil man es halt musste. Hatte man die Kur des Doktor Ipéca überstanden, dann genoss man zwölf Stunden teuer erkaufter Ruhe.
Nun, mein lieber Freund, um nach Afrika zu gelangen, muss man ein anderes, nicht minder unwiderstehliches Mittel nehmen, und zwar nach dem Rezept der Transatlantischen Dampfergesellschaft.‹«
Sie rieb sich die Hände, höchst zufrieden mit ihrem Einfall.
Dann stand sie auf, ging im Zimmer auf und ab, steckte sich eine neue Zigarette an und diktierte weiter. Sie blies den Rauch vor sich hin, der zuerst aus dem kleinen runden Loch zwischen ihren zusammengepressten Lippen kerzengerade emporstieg, dann wurden die Rauchringe immer breiter und verflüchtigten sich in der Luft als graue, durchsichtige Nebelstreifen, ähnlich einem Spinngewebe. Bisweilen zerstörte sie die leichten, übriggebliebenen Streifen mit einer schnellen Bewegung der flachen Hand, bisweilen durchschnitt sie dieselben langsam mit dem Zeigefinger und sah dann nachdenklich zu, wie die beiden Hälften allmählich verschwanden.
Duroy verfolgte jede ihrer Bewegungen, jede Stellung ihres Körpers, jede Veränderung in ihrem Gesichtsausdruck, die dies mechanische, gedankenlose Spiel bei ihr hervorrief.
Sie erfand jetzt Reiseerlebnisse, schilderte selbst erfundene Reisegefährten und entwarf eine Liebesgeschichte mit der Frau eines Infanteriehauptmanns, die ihrem Manne nachreiste.
Dann setzte sie sich wieder und fragte Duroy über die Bodenverhältnisse von Algier aus, von denen sie keine Ahnung hatte. Und in zehn Minuten wusste sie genau soviel wie er und machte daraus ein kleines Kapitel über politische und koloniale Geographie, um den Leser einzuführen und auf das Verständnis ernster Fragen vorzubereiten, die im folgenden Artikel behandelt würden.
Dann flocht sie eine Erzählung über einen frei erfundenen Ausflug nach der Provinz Oran ein, bei dem es sich vor allem um Frauen handelte, um Maurenmädchen, Jüdinnen und Spanierinnen.
»Das ist das einzige, was wirklich die Leute interessiert«, meinte sie.
Sie schloss mit einem Aufenthalt in Saida, am Fuß der Hochebene, und einem hübschen kleinen Liebesabenteuer zwischen dem Unteroffizier George Duroy und einer spanischen Arbeiterin, die in einer Spartograsflechterei in Ain-el-Hadjar beschäftigt war. Frau Forestier erzählte von dem nächtlichen Stelldichein in dem steinigen, kahlen Gebirge, wo inmitten von Felsblöcken Schakale, Hyänen und arabische Hunde heulten, schrien und bellten.
Und fröhlich sagte sie nun:
»Fortsetzung folgt!«
Dann stand sie auf.
»Sehen Sie, Lieber Herr Duroy, so schreibt man Artikel. Jetzt unterschreiben Sie bitte.«
Er zögerte.
»Schreiben Sie doch Ihren Namen.«
Da begann er zu lachen und schrieb unten auf den Rand der letzten Seite: ›Georges Duroy.‹
Sie rauchte und ging auf und ab; er betrachtete sie immerzu. Er fand keine Worte, um ihr zu danken. Er war glücklich, in ihrer Nähe zu sein; erfüllt von Dankbarkeit, genoss er das sinnliche Glück ihrer wachsenden Vertraulichkeit. Ihm war, als ob alles, was sie umgab, ein Teil ihrer selbst war, alles bis zu den bücherbedeckten Wänden. Die Stühle, die Möbel, die von Tabak durchtränkte Luft. Alles besaß etwas Eigenartiges, Reizendes, das von ihr kam.
Plötzlich fragte sie ihn:
»Was halten Sie von meiner Freundin, der Madame de Marelle?«
Er war überrascht.
»Nun ja, ich finde ... ich finde sie entzückend.«
»Nicht wahr?«
»Ja gewiss.«
Er wollte hinzufügen: »Aber doch nicht so entzückend wie Sie.« Doch er wagte das nicht.
Sie fuhr fort:
»Und wenn Sie wüssten, wie witzig, wie eigenartig, wie gescheit sie ist! Sie ist eine Zigeunerin, eine richtige Zigeunerin. Deshalb liebt ihr Mann sie auch nicht sehr. Er sieht nur ihre Fehler und weiß ihre Vorzüge nicht zu schätzen.«
Duroy war erstaunt, zu hören, dass Madame de Marelle verheiratet sei, obgleich das eine ganz natürliche Sache war.
Er fragte:
»So ... sie ist verheiratet! Und was tut ihr Mann?«
Frau Forestier zuckte leicht mit den Achseln und erhob die Augenbrauen mit einer einzigen, vielsagenden Bewegung.
»Oh! Er ist Inspektor der Nordbahn. Er verbringt im Monat acht Tage in Paris, das, was seine Frau die Arbeitswoche oder auch die heilige Woche nennt. Wenn Sie sie besser kennten, würden Sie sehen, wie klug und nett sie ist. Machen Sie ihr doch nächstens mal einen Besuch.«
Duroy dachte überhaupt nicht mehr ans Fortgehen. Ihm war zumute, als müsste er immer hierbleiben, als wäre er hier zu Hause.
Da ging die Tür geräuschlos auf und ein großer Herr trat unangemeldet ein. Er stutzte, als er den Mann sah. Madame Forestier schien einen Augenblick verlegen zu sein; dann sagte sie mit natürlicher Stimme, trotzdem eine leichte Röte von ihren Schultern zum Gesicht emporstieg:
»Kommen Sie doch näher, mein Lieber. Ich will Ihnen einen guten Freund von Charles vorstellen; Herr Georges Duroy, auch ein zukünftiger Journalist.« Dann setzte sie mit etwas anderem Ton hinzu:
»Unser bester und intimster Freund, Graf de Vaudrec.«
Die beiden Männer grüßten sich und betrachteten sich genau. Duroy verabschiedete sich gleich darauf. Sie hielt ihn nicht zurück.
Er stotterte noch einige Dankesworte, drückte die hingestreckte Hand der jungen Frau, verbeugte sich vor dem Grafen, der das kühle und ernste Gesicht eines Mannes aus der besten Gesellschaft bewahrte, und ging in höchster Verwirrung fort, als ob er eben eine Dummheit begangen hätte.
Auch auf der Straße fühlte er sich bedrückt und unbehaglich und hatte die dunkle Empfindung eines verborgenen Kummers. Er schritt vor sich hin und fragte sich nach dem Grund dieser plötzlichen Schwermut. Er fand keinen, aber die ernste Gestalt des schon etwas alten Grafen de Vaudrec mit dem grauen Haar und dem ruhigen, anmaßenden Gesicht eines unabhängigen, sehr reifen Mannes, trat ihm immer wieder vor die Augen.
Es wurde ihm klar, dass der Eintritt dieses Fremden nicht bloß das reizende Zusammensein gestört hatte, an das sein Herz sich schon zu gewöhnen begann, sondern in ihm auch diesen Eindruck von Kälte und Verzweiflung hervorgerufen hatte, wie es oft ein aufgefangenes Wort oder der flüchtige Anblick von Elend oder sonst irgendeine Kleinigkeit in uns auslöst.
Außerdem schien ihm auch, ohne dass er sagen konnte, warum, als ob dieser Mann unzufrieden gewesen sei, ihn dort zu treffen.
Bis drei Uhr hatte er nichts mehr zu tun, und es war noch nicht Mittag. Er hatte noch 6 Francs 50 in der Tasche. Er ging in die Bouillon Duval frühstücken. Dann trieb er sich auf dem Boulevard herum und Punkt drei Uhr stieg er die große prunkhafte Treppe zur ›Vie Française‹ hinauf. Die Laufburschen saßen mit gekreuzten Armen auf einer Bank und warteten, während hinter einem kleinen Katheder ein Beamter die soeben angekommene Post sortierte. Die ganze Aufmachung war vortrefflich und musste jedem Besucher imponieren. Alles hatte Haltung und Würde, wie es sich für den Warteraum einer großen Zeitung gebührt.
Duroy fragte:
»Ist Herr Walter zu sprechen?«
Der Diener antwortete:
»Der Herr Direktor hat eben eine wichtige Konferenz. Wenn der Herr einen Augenblick Platz nehmen will.«
Und er wies auf ein Wartezimmer, das schon voller Menschen war.
Man sah dort ernste, würdige Männer mit Ordensband, und auch etwas vernachlässigte Gestalten mit unsichtbarer Wäsche, deren bis zum Halse zugeknöpfte Röcke eine wahre Landkarte von Flecken zeigten.
Zwischen den Wartenden befanden sich drei Frauen; eine von ihnen war hübsch, elegant und lächelte freundlich; es schien eine Kokotte zu sein. Ihre Nachbarin blickte düster, ihr Gesicht war voller Runzeln; auch sie war besser gekleidet, doch sie hatte etwas Verbrauchtes, künstlich Erhaltenes, wie man es manchmal bei alternden Schauspielern sieht, eine Art falscher, abgestandener Jugend, die an ranzig gewordenes Parfüm d'Amour erinnert.
Die dritte Frau trug Trauer und saß in der Ecke, mit der Haltung einer untröstlichen Witwe. Duroy hielt sie für eine Bittstellerin.
Indessen wurde niemand vorgelassen, obgleich über zwanzig Minuten verstrichen waren.
Da hatte Duroy eine gute Idee; er ging nochmals zum Diener hinaus und sagte:
»Herr Walter hat mich um drei Uhr herbestellt. Sehen Sie bitte nach, ob mein Freund Forestier hier ist?«
Man führte ihn jetzt durch einen langen Flur in einen großen Saal, in dem vier Herren um einen großen grünen Tisch saßen und schrieben.
Forestier stand vor dem Kamin, rauchte eine Zigarette und spielte Bilboquet (Fangball). Er war ein vortrefflicher Spieler und fing die Kugel aus gelbem Buchsbaum mit der kleinen Holzspitze fast jedesmal richtig auf. Er zählte: »22 ... 23 ... 24 ... 25.«
»26!« rief Duroy.
Da blickte sein Freund auf, ohne seine regelmäßige Armbewegung einzustellen.
»Ah, da bist du ja«, rief er. »Gestern habe ich siebenundfünfzigmal hintereinander getroffen. Nur Saint-Potin kann es noch besser als ich. Hast du den Chef gesprochen? Nichts ist komischer, als diesen alten Norbert Fangball spielen zu sehen. Er reißt den Mund auf, als wollte er die Kugel runterschlucken.«
Einer der Redakteure drehte den Kopf nach ihm um.
»Weißt du, Forestier, ich kenne ein ausgezeichnetes Bilboquet aus Antillenholz, das zu verkaufen ist. Es soll der Königin von Spanien gehört haben. Man verlangt dafür sechzig Francs, das ist nicht teuer.«
»Wo ist es zu haben?« fragte Forestier.
Da er seinen 37. Wurf verfehlt hatte, öffnete er den Schrank, in dem Duroy gegen zwanzig wunderbare Bilboquets sah, die alle geordnet und nummeriert waren, wie Kostbarkeiten aus einer Kunstsammlung. Forestier stellte das Instrument auf seinen richtigen Platz und wiederholte die Frage:
»Wo steckt dieses Kleinod?«
Der Journalist antwortete:
»Bei einem Billetthändler beim Vaudeville-Theater. Wenn du willst, bringe ich dir das morgen mit.«
»Ja gut. Wenn es wirklich schön ist, nehm' ich es. Man kann nie zuviel Bilboquets besitzen.«
Dann wandte er sich zu Duroy.
»Komm jetzt, ich führe dich zum Chef, sonst kannst du hier warten bis zum späten Abend.«
Sie gingen wieder durch den Wartesaal, wo dieselben Personen genau in derselben Reihenfolge saßen. Als Forestier erschien, erhoben sich die junge Dame und die alte Schauspielerin und gingen schnell auf ihn zu. Er führte eine nach der andern in die Fensternische, und trotzdem sie sich ganz leise unterhielten, hörte Duroy, dass er beide duzte.
Dann stießen sie zwei Polstertüren auf und kamen zum Direktor.
Die wichtige Konferenz, die schon eine Stunde dauerte, bestand in einer Partie Écarté mit einigen Herren, die Duroy gestern wegen ihrer flachen Zylinderhüte aufgefallen waren.
Herr Walter spielte mit angespannter Aufmerksamkeit und vorsichtigen, abgemessenen Bewegungen, während sein Gegner die leichten, bunten Blätter mit Gewandtheit, Geschicklichkeit und Anmut eines geübten Spielers nahm, ausspielte und durch seine Finger gleiten ließ. Norbert de Varenne saß im großen Lehnstuhl des Direktors und schrieb einen Artikel, Jaques Rival lag mit geschlossenen Augen lang ausgestreckt auf einem Sofa und rauchte eine Zigarre.
Es roch hier in dem abgeschlossenen Zimmer nach dem Leder der Möbel, nach altem Tabak und nach Druckerschwärze. Man spürte den eigenartigen Duft der Redaktionszimmer, der jedem Journalisten bekannt ist.
Auf dem schwarzen, kupferbeschlagenen Tisch lag ein gewaltiger Papierhaufen, Briefe, Karten, Zeitungen, Rechnungen der Lieferanten, Drucksachen aller Art. Forestier schüttelte den Wettenden, die hinter den Spielern standen, die Hand und sah dann schweigend der Partie zu. Sobald Vater Walter gewonnen hatte, stellte er vor:



