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Was hatte es mit dieser dunklen Morrison-Wolke auf sich, die über Deinem Kopf schwebte? Jeder, der mit Dir in engen Kontakt geriet, fand sich bald am Saum dieser Dunkelheit wieder. Du warst der verdammte Prinz der Dunkelheit, Jimbo. Irgendwann überrannte uns der Mythos, den wir aufbauten, und begann ein Eigenleben, anstatt abzuflauen. Du magst denken, dass wir ihn zerschlagen oder ihn wenigstens nicht ernst nehmen sollten oder die Macht eines Mythos nicht unterschätzen sollten.
Aber es war ein Spiel namens Irrsinn, wie Du es einmal genannt hast, und Du warst sein Dichterpriester, wie sie es heute nennen; ich behaupte, es wurde zu einer Horrorshow. Wann geriet es außer Kontrolle, Jim? Wo war der Punkt erreicht, von dem es keine Rückkehr mehr gab? Ich muss es wissen, denn ich trage heute noch eine beschissene Ladung Schuld mit mir herum.
*
Los Angeles, 1971
An einem Donnerstagmorgen klingelte das Telefon.
„Hey, Mann, wie geht’s dir“ sagte die Stimme, die ich nur zu sehr kannte, die whiskyschwangere Stimme, die Schrecken in mir weckte.
„Hi, Jim“, antwortete ich zögernd und dachte dabei, dass er der letzte war, mit dem ich auf dieser Welt sprechen wollte. „Wie läuft es so da drüben?“ fügte ich hinzu. „Wie ist Frankreich?“
„Gut. Jedenfalls nicht schlecht“, meinte er unverbindlich. „Wie macht sich L.A. Woman?“
Er klang nicht betrunken. War es noch zu früh am Morgen? Moment, dachte ich. Dort ist jetzt füher Abend.
„Großartig. Die Platte macht sich wirklich gut“, sagte ich begeistert. „,Love Her Madly‘ ist ein Hit und jeder mag das Album.“·Dass wir schon wieder mit neuen Übungssessions begonnen hatten – ohne ihn – wollte ich ihm nicht sagen. So etwas hatten wir zuvor auch schon getan, aber diesmal achtete ich darauf, dass wir ohne ihn weitermachten. So schwer mir das Eingeständnis auch fällt, aber ich konnte den Gedanken nicht ertragen, eine weitere Aufnahmesession mit dem Dr. Jekyll des Rock’n’Roll durchstehen zu müssen.
„Ja, alles klappt vorzüglich.“ Ich fragte mich, ob er den Unterton mitbekommen würde.
„Nun, vielleicht sollten wir noch eine Platte machen?“
„Sicherlich, Jim, gute Idee.“
Miserable Idee, dachte ich, während ich mit dem Hörer herumfummelte und den Kloß im Hals herunterschluckte. Ich hoffe, dass ich nie wieder mit dir in einem Aufnahmestudio eingepfercht sein muss. Schön, dass du wieder Rock’n’Roll spielen willst, besonders mit uns, aber du suchst dir die falschen Gründe aus. Du hast nie etwas gemacht, nur weil du dachtest, dass es sich gut verkaufen würde. Du musst nicht unbedingt den Großen Amerikanischen Roman dort drüben schreiben, wie du es dir erhofft hattest. Vielleicht trinkst du wie ein großer amerikanischer Schriftsteller.
„Wann gedenkst du zurückzukommen?“ fragte ich ihn und hoffte, er würde noch länger wegbleiben, weil ich nur zu gerne seinen Vorschlag gehört hätte, dass Ray, Robby und ich schon mal einige Instrumentalstücke einüben sollten.
Verrat? An Jim – oder an den Fans? An uns?
Scheiß drauf. Es ist eine Erlösung, ohne Morrison zu spielen.
„Oh, in ein paar Monaten.“
„Elektra will ‚Riders On The Storm‘ als zweite Single aus dem Album koppeln, darum haben wir noch viel Zeit.“
„Eine zweite Single … wow … es muss tatsächlich gut laufen!“
„Yeah.“
Aber ich wusste, dass wir ohne ihn weitermachen würden. Und ich fühlte mich befreit. Ich hoffte nur, dass Ray und Robby mitziehen würden. Er kann einfach nicht zurückkommen, dachte ich. Er würde nur wieder den Blues spielen wollen, den langsamen, gefühlvollen, monotonen Blues, der für einen Sänger wie ihn geeignet ist, aber langweilig für mich als Schlagzeuger.
Ich fluchte lautlos, während Jim von dem Leben in Paris erzählte. Ich wusste, dass bei seiner Rückkehr die anderen Bandmitglieder nachgeben würden. Noch nicht einmal ich könnte widersprechen. Würde er wieder aufkreuzen, sähe ich uns den Rest unseres Lebens in schmierigen Clubs und bei nervenden Aufnahmesessions verbringen. Die Schattenseite des Gipfels. Das wäre mein Ende.
Oder könnte ich die Gruppe verlassen? Wir werden mit diesem alten Bluesmann nicht mit Glanz und Gloria untergehen. Nie im Leben, Kumpel. Ich scheiß drauf, beschloss ich, während wir miteinander sprachen.
Ich kann abhauen. Diesmal kann ich es wirklich.
„Gut, dann … bis bald mal.“
„Yeah, danke für den Anruf.“
Ich legte auf, zitterte, war erlöst. Dann dachte ich, Jesus Christus! Warte mal. Ray und Robby haben schon einige ausgezeichnete Instrumentalstücke eingeübt. Vielleicht gibt es kein Zurück. Wir haben uns auf etwas festgelegt. Warte, bis ich es den anderen erzähle. Sie werden mir nicht glauben, dass er eine weitere Platte machen will … in seinem alkoholgetränkten Zustand. Ich wusste, dass seine Nüchternheit nur vorübergehend war.
„Gott“, sagte ich mit einem Seufzer.
*
„Jim ist tot“, sagte Robby zu mir, als ich das Doors-Office in West Hollywood betrat. Jims Anruf aus Paris lag drei Wochen zurück. Es gab früher schon dutzende Gerüchte dieser Art und sogar Anzeichen von Wahrheit, aber der ernste und traurige Ausdruck auf Robbys Gesicht bestätigten mir, dass es tatsächlich wahr war.
Ich war der letzte aus der Gruppe, der mit ihm gesprochen hatte. Jetzt, im Juli 1971, nur sechs Jahre nach unserem Zusammentreffen, war er gegangen – mein Mentor, mein anderes Ich, mein Freund.
Ich setzte mich auf den nächsten Stuhl und ließ einen tiefen Seufzer von mir.
„Ich habe letzte Nacht einen Anruf von Bill bekommen“, sagte Ray und setzte sich neben mich. „Er berichtete, dass die Zweigstelle der Plattenfirma in Europa angerufen habe, dass Jim tot sei. Er weiß noch keine Einzelheiten.“
In seiner höchst gönnerhaften Weise fuhr Ray fort, dass er sich die Freiheit genommen habe, Bill Siddons, unseren Manager, mit der nächsten Maschine nach Paris zu schicken, damit er die Nachricht überprüfen und sofort anrufen kann, wenn es weitere Informationen gäbe.
Ich fühlte mich wie taub. Als ich die Gastmusiker unten zu unserem geplanten Übungstermin ankommen hörte, dachte ich, er hat nun bekommen, was er wollte. Er hat den Durchbruch geschafft. Zur anderen Seite.
Wir drei schleppten uns die Betonstufen zum Studio hinunter. Ich weiß noch, wie kalt sich das stählerne Geländer in meiner Hand anfühlte und wie befreit mein Kopf war und wie gut es war, jetzt ein wenig Musik machen zu können.
Ich schaute Ray an, bevor wir durch die Studiotür gingen. „Dumm, wie dumm“, sagte er verärgert. „Kein Unterschied zu Jimi und Janis. Keine Originalität.“ Er machte eine Pause, zündete nervös eine Zigarette an. „Lausiges Timing, nicht wahr? Er musste einfach die Nummer Drei sein, stimmt’s?“ Ray verdeckte offensichtlich seine Trauer mit Zorn.
„Ich freue mich“, murmelte Robby mit weißem Gesicht. „Schließlich hat er jetzt seinen Frieden gefunden.“
Drinnen bekamen die Studiomusiker die düstere Stimmung mit.
„Unser Sänger ist soeben verstorben“, sagte ich. Die Worte schwirrten in meinem Kopf herum, während ich meine Trommelstöcke aufhob.
Wir begannen zu spielen. Es tat gut, sich eine Weile in unserer Musik zu verlieren. Wir vergaßen für einen Moment, falls man überhaupt jemals vergessen kann.
Später machten wir eine Mittagspause und gingen in das Old World Restaurant oben auf dem Sunset Boulevard. Aus dem Lautsprecher drang Rockmusik. Zwanzig Minuten später unterbrach während unseres Essens der Discjockey das Programm mit einer Kurznachricht.
„Der Rocksänger Jim Morrison von den Doors starb im Alter von 27 Jahren. Weitere Details gibt es zu diesem Zeitpunkt noch nicht.“
Die Worte schnitten in mich hinein. Glühende Blitze zuckten in meinem Körper auf und nieder. Ich blickte um mich. ob irgendeiner der anderen Gäste uns erkannt hatte. Zur Abwechslung hatte es keiner, Gott sei Dank.
Wieder im Studio, wo wir nur wenige Monate zuvor unser von den Kritikern so benanntes „Comeback-Album“ aufgenommen hatten, wo Jim seinen Gesang aus dem vibrierenden Toilettenraum aus aufgenommen hatte, war die Abendsession für die Platte, die später Other Voices genannt werden sollte, ohne jedes Leben.
Ich drosch wie verrückt auf mein Schlagzeug ein, aber mein Herz war nicht dabei. Meine Gedanken gingen zurück in die frühen Tage, als wir die Kanäle von Venice entlangfuhren, mit dem Radio dabei, das die Hits des Sommers ’66 schmetterte, während wir psychedelische Drogen, Mädchen und Meditation entdeckten und es ganz so aussah, dass wir die Welt verändern würden und zwar –
JEEETZZZT!!!
2
WILD CHILD
Ich habe Musik schon immer geliebt. Als Achtjähriger hatte ich zwar nie verstanden, warum in der St. Timothy’s Catholic Church andauernd Kniebeugen gemacht werden mussten, aber auf den Orgelspieler fuhr ich ab. Die bunten Glasfenster waren hübsch, aber der Geruch des Weihrauchs und all das Gemurmel waren unheimlich. Und diese zwölf Bilder mit den Leuten, die einen Typen mit seinen Handgelenken und seinen Füßen an ein hölzernes Kreuz nagelten, fand ich abscheulich. Meine Mutter bestand darauf, dass ich mit ihr und meiner älteren Schwester Ann jeden Sonntag in die Kirche ging. Ein Rätsel war mir, wie mein Dad es schaffte, nicht mitkommen zu müssen. Jedenfalls ließ mich Mom oben auf der Empore Platz nehmen, wo ich in der letzten Bank direkt neben den Orgelpfeifen saß, die die tiefen Töne am lautesten spielten. Mr. K. lächelte nie, aber wenn er die unteren Noten mit seinen Füßen spielte, wackelten die Kirchenwände. Besonders natürlich meine Bank. Gewöhnlich saß ich da oben alleine und konnte meine Mutter und meine Schwester weit unter mir sehen. Nur Ostern und Weihnachten, wenn die Kirche voll war, saßen auch andere dort. Es war unglaublich laut. Mom meinte, dass das Volumenpedal mit Mr. K. durchginge. Sonntags hatte Mr. K. auch immer eine rote Nase. Vielleicht ging auch abends zuvor die Flasche mit ihm durch. Sobald er das „Ave Maria“ spielte, war ich im siebten Himmel. Ich stellte mir vor, dass Mr. K. das Stück so laut spielen sollte, dass alle Kirchenfenster zerbersten und alle Leute da unten sich umdrehen und zu uns zwei hinaufschauen, wie wir lächelnd dasitzen. Ich wusste, dass so eine Vorstellung auch Mr. K. zu einem Lächeln veranlassen würde.
Zu Hause fand ich Gefallen an den Glenn Miller-Platten und den Klassik-LPs meiner Eltern. Musik faszinierte mich und trug mich aus meinem kleinen Vorstadtzimmer in eine Fantasiewelt. Mit achteinhalb Jahren bat ich meine Eltern um ein Klavier und Klavierunterricht. Sie stimmten zu und mieteten ein Wandpiano. Ich vertiefte mich sofort in das Instrument. Meine Eltern brauchten mich nie zum Üben zu zwingen, spornten mich allerdings manchmal recht subtil an. „Übermorgen ist schon deine nächste Unterrichtsstunde!“ pflegte Mom zu sagen. Es machte mir Spaß, ein Stück zu spielen, sobald ich es beherrschte, besonders vor Publikum.
Schon als Kind wusste ich um den Unterschied zwischen einem großartigen Musiker und einem mittelmäßigen, welcher in den Pausen zwischen den einzelnen Noten deutlich wurde: das Gefühl, das man in die Stille genauso packen musste wie in die Töne. Ich zog es vor, auf einigen Akkorden zu improvisieren als neue Stücke zu lernen. Ich geriet in eine Art Trance, wenn ich auf alten Evergreens wie „Love Is a Many Splendored Thing“ herumkasperte und aus Teilen der Songs eigene rohe Kurzversionen bastelte.
Während ich zur Daniel Webster Junior High School ging, wollte ich gerne in der Schulband irgend ein Instrument spielen. Egal welches. Ich dachte an Klarinette, aber mein Zahnarzt meinte, es würde meine Zähne ruinieren (ich musste bereits Klammern tragen). Der Dirigent der Band, Mr. Armour, schlug Trommel vor. Ich befürchtete allerdings, dass ich wegen des Lärms kaum üben könnte.
Aber Mr. Armour bestand darauf. Er zeigte mir ein Übungsset aus Holz und Gummi. Das war zwar nicht besonders interessant, aber ich konnte immerhin sofort zu Hause mit der Überei anfangen und mir später überlegen, wie ich meine Eltern dazu bringen könnte, mir ein echtes Schlagzeug zu besorgen.
Schließlich stimmten sie zu, aber ich musste in der Zwischenzeit Privatstunden nehmen. Mir fielen fast die kleinen gierigen Augen aus dem Kopf, als ich zum ersten Mal Mr. Muirs Drum Shop in West L.A. betrat. Ich war schon früher mehrmals an dem Laden vorbeigegangen, sabberte praktisch vor den Fenstern, während es mich nach einem blitzenden neuen Schlagzeug gelüstete. Mr. Armour meinte, dass ich mit Privatstunden schnell Fortschritte machen würde, deswegen zwangen mich meine Eltern schließlich dazu. Es war fürchterlich frustrierend, die neun essentiellen Schlagzeuggrundbegriffe auf einem dämlichen Stück Gummi beigebracht zu bekommen, während um einen herum glimmernde Schlaginstrumente in allen möglichen Farben standen.
Aber Mr. Muir bestand darauf, dass ich für ein großes, lautes Schlagzeug noch nicht reif sei – oder seine Ohren waren nicht reif genug, die Proben meiner Trommelei zu hören. Ich war darauf bedacht, ihm zu imponieren, weil vor meiner Unterrichtsstunde Hyle King dran war, ein vierzehnjähriger Junge mit pomadegeformtem Haar. Aber er war ein verdammt guter Drummer und ein noch besserer Pianospieler. Mit vierzehn schon ein Musiker.
Ich vermutete, dass meine Eltern Mr. Muir dafür bezahlten, dass er mich von den misstönenden Drums bis zur letzten Sekunde fernhielt. Aber es war zu meinem Besten. Diese neun Grundregeln sorgten dafür, dass ich später den Unterschied zwischen einer baumstumpfhämmernden, heavy-metal orientierten Technik und einem feinsinnigen Jazzrock-Stil erfühlen konnte.
Ein Jahr später war ich in der 8. Klasse und wurde der Paukenspieler des Symphonie-Orchesters der Schule. In einem Orchester verbringen die Paukenspieler eine Menge Zeit damit, die Takte bis zu ihrem Einsatz zu zählen. Wie auch immer, die Pauken sind gewöhnlich erst am Ende einer Symphonie dran, wenn dramatische Trommelwirbel die Crescendos akzentuieren müssen. Ich liebte es, zu dem dramatischen Höhepunkt von „Das Große Tor von Kiev“ beizutragen, dem letzten Satz von Mussorgsky’s „Bilder einer Ausstellung“ (Natürlich waren unsere Stücke vereinfachte Fassungen der klassischen Originale).
Auf der Highschool wurde ich in die Marschkapelle befördert. Mit den grässlichen, federgeschmückten Hüten und den protzigen, aufgetakelten Uniformen fühlte ich mich wie in der Armee. Damals war das Spielen in einer Marschkapelle so etwas wie Aussatz, aber ich mochte die Energie, mit vierzig anderen Musikern zu spielen.
Ich arbeitete mich dann zum Beckenspieler hoch, bis ich schließlich erster Marschtrommler wurde. Von allerhöchster Wichtigkeit ist es, ein solides Gefühl für Takte zu entwickeln, indem man zuerst die Grundschläge lernt (bei den Ureinwohnern Amerikas wurden diese „Großvatertakt“ genannt). So bekam ich das richtige Feeling, die komplizierten rhythmischen Nuancen der Snaredrum spielen zu können. Wenn man Marschrhythmen auf dem kompletten Schlagzeug spielt, so bedient man alle Perkussionsinstrumente gleichzeitig: Snare, Bass, Tom-Tom und die Becken. Ich hatte das Glück, alle Schlaginstrumente separat lernen zu müssen. Die Tatsache, dass ich jedes einzelne gründlich beherrschte, kam mir zugute, wenn ich sie alle zusammen spielte.
*
Es war 1960. Kennedy stritt sich mit Nixon. Die Pirates schlugen die Yankees in der World Series. Wyatt Earp war die populärste Show im Fernsehen und The Apartment gewann den Oscar für den besten Film des Jahres. Sänger wie Pat Boone und Fabian trieben sich auf den vordersten Plätzen der Hitparade herum.
Ein Musiker galt immer noch nicht als cool. Definitiv die Coolsten waren die Footballspieler. Danach kam Basketball, dann Baseball, Sprinten und schließlich Tennis. Die Muskelprotze mit ihren Team-Pullover kriegten die Mädchen. Als Mitglied eines Tennisteams wurde man für schwul gehalten – man nannte solche Leute damals „faggots“.
Ich war der letzte Mann in dem Tennisteam und dazu auch noch in der Paradegruppe. Wenn ich so zurückblicke, war Musik in diesen einsamen Jahren des Aufwachsens wie auch in den folgenden meine Rettung.
Glücklicherweise wurde ich während meines zweiten Jahres auf der Highschool gefragt, ob ich in einer Popgruppe mitmachen wollte. Meine Mutter malte unser Logo auf die Vorderseite meiner Basstrommel – „Terry and the Twilighters“. Alle anderen in der Gruppe kamen wie ich aus katholischen Familien, aber sie gingen immer noch auf Konfessionsschulen. Nachdem ich nach der ersten Klasse unserer katholischen Schule aufgegeben hatte, dachten meine Eltern, dass in einer öffentlichen Highschool weniger Druck ausgeübt werden würde. So gelangte ich schließlich auf die University Highschool oder Uni, wie wir sie nannten, aber um den Katechismusunterricht an Sonntagen kam ich doch nicht herum. The Twilighters spielten schließlich in den katholischen Schulen um L.A. herum – Marymount, Loyola, Notre Dame – und ich fand heraus, dass ich den Mädchen mit meinem Schlagzeugspiel imponieren konnte, oder es war vielleicht nur die Tatsache, dass ich neu in der Gegend war. Was auch immer es war, ich fühlte mich beobachtet, was mich zu einigen Showeinlagen inspirierte. Ich konnte jedermanns Augen auf mich gerichtet fühlen und ich schöpfte aus dieser Aufmerksamkeit eine Art melodramatische Selbstsicherheit. Ich hielt mich für einen ziemlich guten Drummer und das Publikum inspirierte mich zu einer noch stärkeren Konzentration auf mein Spiel.
Nun hatte ich meine eigene Clique. Auf einer der katholischen Partys freundete ich mich mit einem Mädchen namens Heidi an. Ihre Haut war gelblich-braun und sie konnte großartig lächeln.
Sie ging mit Terry, dem Kopf der Band. darum konnte ich es kaum glauben, als sie mit mir tanzte und ihre Arme eng um mich schloss. In der folgenden Nacht träumte ich, wie ich ihr das hawaiianische Kleid auszog und meine Lippen und Hände über ihren weichen runden Körper strichen. Morgens war mein Bettlaken feucht.
Wir begannen, uns zu verabreden, und ich versuchte, sie in mein Bett zu kriegen, aber sie war ihr gesamtes Leben lang von den Nonnen an ihrer Schule gewarnt worden, dass sexuelles Verlangen zu ewiger Verdammnis führe. Hinzu kam, dass sie ihrer Mutter versprochen hatte, bis zu ihrer Heirat Jungfrau zu bleiben. So blieb nichts anderes übrig, als sie zu einem intensiven Petting zu bringen. Ich entsinne mich, dass ich mit Heidi zu einigen Tanzveranstaltungen in Marymount ging, wo die Nonnen, die mir in meinen Träumen immer als kleine Pinguine erschienen, nicht nur angesichts ihres kurzen Kleides die Stirn runzelten, sondern auch herumliefen und darauf achteten, dass genügend Luft zwischen unseren Körpern während der langsamen Tänze war. Terry machte keine Bemerkung über Heidi und mich, aber ich fühlte mich ziemlich mies bei dem Gedanken, meinem besten Freund die Freundin abspenstig gemacht zu haben. Kurz danach wurden unsere Übungsabende recht unerfreulich und die Band brach auseinander.
Nachdem ich ein paar Jahre mit Gelegenheitsjobs als Mietdrummer verbracht hatte (bei Hochzeiten, Schultanzveranstaltungen, jüdischen Feiern), machte ich meine Abschlussprüfung auf der Highschool.
Außer in Musik und Sport waren meine Noten durchschnittlich und die großen Universitäten suchten keinen Snaredrumspieler für ihre Paradebands.
Darum fiel ich im Herbst 1963 am Santa Monica College in Apathie und wechselte andauernd die Fächer. Zuerst nahm ich Musik, doch ich dachte, dass ich damit nie meinen Lebensunterhalt verdienen könnte. Danach wechselte ich zu Wirtschaftslehre über. Nachdem ich aber eine schlechte Note in Buchführung bekommen hatte – zum zweiten Mal –, war ich mir sicher, dass jemand mir etwas damit sagen wollte. Vielleicht war das College nichts für mich.
Aber die Musik war in meinem Blut. Zum Studieren fand ich keine Zeit, weil ich mit meinen Kumpels im Musiktrakt herumhing und jammte. Üblicherweise kam dann der Fachleiter den Gang entlanggestürmt.
„Würdet ihr bitte etwas leiser sein?“ flehte er. „Ich übe gerade mit dem Juniororchester.“ Abgesehen von dem ganzen Durcheinander waren wir auf dem richtigen Weg. Wir waren der Grundsockel einer gigantisch großen Paradeband. Ungefähr zur Mitte meines zweiten Semesters wurde unsere SMCC-Band zum stadtweiten Wettbewerb im Rose Bowl zugelassen.
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„Bbbbbbbrrrrrrrr! Bbrr!“ krächzte die Pfeife. Ich blickte starr gerade aus, während wir durch die Straßen von Pasadena zum Stadion marschierten. Im Vorübergehen drang der Sound der ultracoolen schwarzen Band vom L.A. City College in mein Ohr. Ich hätte nie geglaubt. dass eine Marschkapelle swingen kann, aber diese Typen schafften es.
Kaum hatten wir in dem Riesenstadion Platz genommen. als schon die Resultate verkündet wurden. Die Preisrichter. die unsichtbar irgendwo auf dem Hinweg platziert gewesen waren, riefen die Gewinner auf die Bühne hinauf.
Ich erinnere mich nicht mehr, wer Dritter wurde, aber die folgenden Worte werde ich nie vergessen:
„Der zweite Platz im All-California Junior College Wettbewerb der Marschkapellen geht an das Los Angeles City College!“
Beifall ertönte von den Seitenrängen.
„Und die Nummer eins in unserem Bundesstaat … und der Gewinner eines nationalen Fernsehauftritts … das Santa Monica City College!“
Wir hatten gewonnen! Wir waren die beste Band der Stadt!
Einen Monat später waren wir im L.A. Coliseum bei den Football-Meisterschaften. Die lebhafteste Erinnerung an diesen Auftritt bleibt der Moment, als wir in dem Tunnel warten mussten, um auf das Spielfeld zu gehen und Big Daddy Lipscomb mit der Nummer 33 zur Halbzeit an uns mit seinem Team vorbeiging. Er war der gewaltigste Typ, dem ich jemals begegnet bin. Oder jemals zu treffen gehofft hatte.
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Im Sommer des Jahres 1964 geschah dann etwas Außergewöhnliches in der Musikszene von Los Angeles. Überall am Sunset Strip öffneten neue Clubs: Fred C. Dobbs, The Trip, Bedo Ledo’s und das Brave New World. Die Gruppen, die dort spielten, kamen beileibe nicht aus der Hitparadenabteilung. Sie spielten ihren eigenen Stil in ohrenbetäubender Lautstärke. Wann immer ich konnte, ging ich abends mit Grant, einem Freund von der Highschool, nach Hollywood, um dort bis um zwei oder drei Uhr morgens in den Clubs herumzuhängen. Leute jeden Alters hatten Zutritt, da dort kein Alkohol ausgeschenkt wurde. Meine Eltern waren sich inzwischen sicher, dass ich bald in der Gosse landen würde.
Meine Eltern! Mom war eine gebürtige Kalifornierin und stammte aus einer guten katholischen Familie mit fünf Kindern, dem Walsh-Clan. Während der Zeit der Depression ging Margaret Mary auf die Beverly Hills Highschool und wurde Bibliothekarin. Als sie sechzehn war, zog Ray Blaisdale Densmore in die Nachbarschaft. Mit zwölf war er mit seiner Familie aus York im Bundesstaat Maine in die Vorstädte von Los Angeles gekommen. Im Alter von 23 Jahren machte er auf der Universität sein Diplom in Architektur und glänzte als Schauspieler mit den Santa Monica Players. Auch Mom verdiente Geld mit der Schauspielerei. Die beiden gingen einige Jahre miteinander, bevor er ihr einen Heiratsantrag machte. Sie stimmte unter der Bedingung zu, dass ihre Kinder katholisch erzogen werden sollten. Er war nicht bereit, zum katholischen Glauben überzuwechseln; sein Zögern wurzelte wahrscheinlich in dem Rat seines Vaters, der seinen vier Söhnen mitgeteilt hatte, sie sollten kein katholisches Mädchen heiraten, was auch immer passieren würde.
Wie es sich ergab, richtete sich niemand nach dieser Empfehlung.
Ich wuchs in einem Mittelklassehaus in West L.A. zusammen mit meiner älteren Schwester Ann und meinem jüngeren Bruder Jim auf. Es war wie in der Ozzie & HarrietShow und ich war Ricky. Ich identifizierte mich mit seinem drolligen Sinn für Humor, mit dem er seinen gütigen, aber im Grunde genommen spießigen Eltern entgegentrat. Als Kind konnte ich es kaum erwarten, irgendwann einmal das Zuhause verlassen zu können, aber ich war am Boden zerstört, als eines Tages die Mitteilung des State of California Transportation Departement ins Haus schneite, dass eine Autobahn geradewegs durch unser Grundstück gebaut werden sollte. Meine Wurzeln sollten zugepflastert werden. Wo mein „Zuhause“ war, ist heute eine Autobahnauffahrt. Auf dem Schild steht „San Diego Freeway North“.
Vielleicht nahmen meine Eltern diese Instabilität zum Anlass, mich so konservativ zu erziehen. Noch zur Zeit der Highschool übten sie Druck auf mich aus, dass ich mir die inzwischen schulterlangen Haare schneiden lassen und mich wie ein normaler Jugendlicher auf meine Schulaufgaben konzentrieren sollte.




