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Doch meine Flucht hatte begonnen. Es zog mich förmlich aus der Vorstadt von Los Angeles in die Clubs von Hollywood.
Ich ging nun auf das Juniorcollege, aber ich roch, dass da draußen eine Szene war, von der ich bisher nichts geahnt hatte. Ich begann, in mir unbekannten Straßen von Venice und Westwood umherzustreifen und fand schließlich meinen Weg nach Hollywood. Es dauerte nicht lange, bis mich die hellen Lichter und die dunklen Ecken des Sunset Boulevards verführt hatten.
Ich entdeckte eine neue Welt von Musik und Leuten. Grant und ich waren zwei 19-jährige Jazzfans und standen dem Rock’n’Roll eher ablehnend gegenüber, aber wir stellten fest, dass etwas ganz Besonderes in der Rockszene begann. Die Bands, die zu dieser Zeit in L.A. auftauchten, waren die Byrds, Love und die Rising Sons mit Ry Cooder. Ich träumte davon, eines Tages in einer Band wie Love zu spielen. Mit ihnen hingen unzählige Mädchen herum! Die ersten Male, als ich Love sah, war ich ziemlich schockiert. Selbst 1964 wirkten sie noch bizarr. Arthur Lee, der schwarze Leadsänger, trug eine rosagefärbte Omabrille und ihr Gitarrist trug so enge Hosen, dass es aussah, als hätte er sich vorne zwischen die Beine eine Socke gestopft. Sie waren eine Gruppe mit Leuten verschiedener ethnischer Herkunft und schienen miteinander befreundet zu sein. Nachdem ich Love gesehen hatte, wusste ich, dass ich noch einige Wege zu gehen hatte, bevor ich genauso hip sein würde. Sie kleideten sich in grelle Farben, trugen Lederwesten und Wildlederjacken mit Fransen. Ich stellte mir die Frage, ob sie so auch auf der Straße herumliefen.
Das Publikum bestand aus lauter Nonkonformisten, um es einfach zu sagen. Es war wie bei einer Modevorführung für Freaks: lange Haare und Perlenketten, Lederkragen und gestreifte Hosen, Wildledermokassins, Paisleyhemden und Nehrujacken. Aus der Sicht der heutigen Punker ziemlich zahm, aber ungeheuerlich für ein L.A.-Vorstadtkind der Mittsechziger. Diese Typen waren voll drauf. Hippies. Extravagant und freizügig. Ihre Hemmungslosigkeit war ansteckend. Ich wusste nun, wo ich hingehörte. Sicherlich nicht zu den Tab Hunter-Typen am College.
Um zwei Uhr nachts schlossen die Clubs und jedermann ging zu Canter’s an der Fairfax Avenue, der wahrscheinlich besten Restaurantkneipe an der Westküste. Toleranz war die Basis, auf der dieser Laden jene Jahre überlebte. Welch eine Szene! Das Essen landete wahrscheinlich genauso oft auf dem Boden wie es gegessen wurde. Es war ein Riesenspaß. sich gehen zu lassen und sich laut und auffallend zu benehmen. Meistens bis zu dem Punkt, wenn die Serviererin kam, Ärger machte und man befürchten musste, rausgeschmissen zu werden. Immer wenn Berühmtheiten wie der Plattenproduzent Phil Spector oder die Byrds hereinkamen, gab es einen enormen Applaus. Zwanzig Jahre später wurde Canter’s wiederum zu einer In-Kneipe, diesmal für die Punker-Szene. Die Musikstile ändern sich, aber Fisch und Brot bleiben gleich.
Um meine Gewohnheiten in Hollywood weiter ausbauen zu können, brauchte ich ein Auto und ich versuchte alles Mögliche, um immer länger von Zuhause fortzubleiben. So arbeitete ich zeitweise in einer chinesischen Wäscherei und faltete Hemden in einem Raum, dessen Temperatur nie unter 37 Grad Celsius sank. Und das im Winter! Es war wie in einer Sauna, jeden Tag. Ich trank literweise Orange Crush und aß kartonweise TwinkieKekse. Dazu sang ich den Schwitzkasten-Blues und verdiente genug Geld, um mir ein 57er Ford-Cabrio kaufen zu können. ’Ne heiße Kiste war das! Der Wagen war silbern gespritzt. Toll! Zu Hause kletterte ich auf die Rücksitze und mein Fuß brach geradewegs durch den Boden auf das Straßenpflaster.
Unerschrocken waren Grant und ich uns weiterhin sicher, dass wir wegen des eindrucksvollen Armaturenbrettes und des blitzenden Auspuffrohres jede Menge Mädchen anmachen könnten. So kurvten wir in Westwood herum, dem Viertel von L.A. mit den Kinos und den schicken Shoppingcentern nahe dem Campus der Universität. Und wir fuhren und fuhren. Im Radio lief Henry Lewy auf KNOB mit seinen Jazzsendungen. Und enttäuscht kriegten wir den „Summertime Blues“, denn wegen des schrägen Bebops bekamen wir kein Mädel zu uns in den Wagen. Hey, wer hat es damals schon geschafft, mit dem Auto Mädchen abzuschleppen? Etwa die gutaussehenden Typen? Oder die Surfer vom Strand? Oder die Topmodischen? Ich glaub’s einfach nicht! Das war der erste von vielen gehüteten Mythen, der sich in Luft auflöste.
Zusätzlich zur Szene in Hollywood erforschten Grant und ich auch verschiedene Jazzclubs. Zu den besten zählte das Lighthouse, Shelley’s Manne Hole, das Bit, das Renaissance und das Melody Lane unten am Adams Boulevard, wo sich keine Weißen hinwagten. Mein Cabrio war erfolglos, so hatten wir reichlich Zeit, neue Musik zu hören.
Wie viele andere weiße Jazzliebhaber entdeckte ich zuerst Dave Brubeck-Platten. Damals hatten die Plattenläden noch Hörkabinen, was Grant und ich ausnutzten, um unsere Musikkenntnisse zu erweitern, ohne etwas dafür bezahlen zu müssen. Wir fanden Les McCann gut, einen schwarzen Pianospieler mit einem gefühlvollen Jazzstil vermischt mit Funk und Gospel. In diesen gläsernen Kabinen konnte man knapp zwanzig Minuten lang ungestört den Plattenspieler und die Kopfhörer benutzen, ehe der auf Umsatz bedachte Manager des Ladens einen zum Kaufen aufforderte.
Um ihrer Welt zu entfliehen, gingen viele Jugendliche in die Kinos. Wir taten es mit Hilfe des Jazz. Coltrane und Miles erschienen uns als Höhepunkte aus zwanzig Jahren Jazzgeschichte. Bei ihnen fanden wir unsere eigene Religion. Eine Art von roher geistiger Anarchie. In leidenschaftlichen Gesprächen erörterten wir, wie sehr diese Musikgenies über allem standen, wie sie die Akkorde aufbrachen und nach dem Unbekannten jenseits der Akkordstruktur suchten. Für Grants Vater klang Coltranes Musik wie „… wenn jemand einer Katze auf den Schwanz tritt…“. Doch die Leute, die seine Musik als Lärm bezeichneten, waren sich nicht der Entwicklung des Jazz vom Bebop über den Cooljazz zur freien Form bewusst. Wie konnten sie ihn dann verstehen? Wir dachten elitär, ohne zu wissen, was das Wort bedeutete. So etwa wie ein Geheimbund.
Jedesmal, wenn ich die Plattennadel auf Live at the Village Vanguard senkte, um „Chasin’ the Trane“ zu hören, versetzte mich die kraftvolle, treibende Energie in meiner Vorstellung in den Körper des Drummers Elvin Jones. Der Takt pulsierte in meinen Adern.
Ich habe die letzten fünfundzwanzig Jahre damit verbracht, diese traumhafte Zeit zurückzuerobern – war es wirklich eine traumhafte Zeit? – mit Hilfe von Musik, LSD, Sex, Büchern, Reisen, allem möglichen, um den Lauf der Welt anzuhalten, wie Don Juan zu Carlos Castaneda sagte.
Aber hauptsächlich versuchte ich es mit Musik.
Grant und ich gingen zu einem Konzert von Les McCann in den Renaissance Club, wo auch schon Lenny Bruce aufgetreten war. Wir waren zum ersten Mal in einem Jazzclub. Man brachte uns an einen Tisch hinter einem Pfosten. Wir bestellten schüchtern unsere Softdrinks, wohl wissend, dass man unsere Ausweise verlangt hätte, wenn wir Bier geordert hätten. Wir waren die einzigen Weißen in dem Schuppen. Im Renaissance herrschte eine coole Stimmung, eine Ausstrahlung, die wir bisher noch nicht geschafft hatten.
Dann kam dieser Komödiant auf die Bühne. Seine Show bestand darin, in Abständen von etwa zehn Sekunden mit den Fingern zu schnippen. Das ging so etwa fünf Minuten lang und erreichte seinen Höhepunkt in den beatnik-coolen Ausrufen „All right“ und „Hey, baby“. Ich blickte nicht durch, was er damit sagen wollte, aber seine Persönlichkeit war ansteckend. Er schien total verrückt zu sein, was mir gefiel. Ich identifizierte mich mit Nonkonformisten. Jahre später wurde der Finger-Schnipper Hugh Romney – auch als Wavy Gravy der Hog Farm Kommune bekannt – der Moderator beim Woodstock-Festival.
Wir wagten uns runter nach Redondo Beach, um Cannonball Adderley in Howard Rumsey’s Lighthouse zu hören. Cannonball ließ seinen Arm kreisen und schnippte mit den Fingern in einem unglaublich schnellen Tempo. Während er so den Takt angab (er schnippte die Off-Beats Zwei und Vier im 4/4 Takt; eine schwierige Übung, denn man muss die Eins und Drei im Kopf mitzählen oder auf Eins und Drei atmen, um das Abzählen beibehalten zu können), redete Cannonball gewöhnlich mit dem Publikum oder seiner Band. „Snip-snip-snip – bist du soweit, Joe (Zawinul) – snip-snip?“
Er nickt zustimmend mit dem Kopf.
„Snip-snip – bist du soweit, Bruder Nat – snip-snip?“
„Yeah … uh-huh.“
„Snip-snip – meine Damen und Herren – snip – BRUDER NAT IST SOWEIT – snip-snip – ONE-snip-TWO-snip-ONE-TWO-THREE-snip…”
Dann fingen sie gewöhnlicherweise mit „Jive-Samba“ oder „Dis Here“ an und immer stand mein Mund in staunendem Unglauben offen, sobald dieser schnelle, pralle Sound ertönte.
Shelley’s Manne Hole war jedoch der Jazzclub. Er war ziemlich teuer, aber irgendwie kratzten wir immer das Geld zusammen. Obwohl wir scharf darauf waren, Mädchen aufzureißen, war der Jazz für uns ein Ersatz. Da Grant selbst Klavier spielte, schleppte er mich fünf- oder sechsmal zu Bill Evans-Auftritten. Zunächst kapierte ich nichts. Der Mann war zu subtil. Dann erkannte ich, welch außerordentliche Anschlagtechnik er beherrschte. Es war beileibe keine Cocktailmusik, wie einige Kritiker annahmen. Ich saß direkt vor der Bühne, als Art Blakely, der König des Trommelwirbels, sich durch glühende Afrojazz-Rhythmen ächzte. Er war damals schon ein End-Vierziger, aber sein Spiel steckte immer noch voller Energie: es hatte mehr Energie als ich, und ich war neunzehn.
Kerouac und Cassidy sahen Charlie Parker zu seinen besten Zeiten. Wir sahen John Coltrane. Mehrmals. Er war unglaublich. Alle im Publikum machten respektvoll den Weg für ihn frei, wenn er den Raum betrat. Sobald er sein Tenor- oder sein Sopransaxophon nahm und den alten Johnny Mercer-Song „Out of This World“ anstimmte, schwebte Trane tatsächlich aus dieser Welt hinweg. Mit geschlossenen Augen blies er sein Solo und verfiel in eine 15 Minuten dauernde Trance. Bei „Chasin’ theTrane“ spielten sie manchmal eine halbe Stunde lang und oft verschwand der Pianist McCoy Tyner mitten im Song. Dann drehte Coltrane den Rücken zum Publikum, schaute Elvin Jones, meinen Lieblingsschlagzeuger, an und sie trugen den Kampf unter sich aus. Das war so ursprünglich! Genau wie im Dschungel. Grant und ich drückten uns nach dem letzten Set noch hinten im Manne Hole herum, als Elvin mit einem Hammer die zwei Nägel aus den Bühnenbrettern zog, die seine Basstrommel am Verrutschen hindern sollte. Wir hörten, wie Coltrane das Wort „Hotel“ zu Elvin sagte und während der nächsten Tage war alles, was wir einander sagen konnten, „Hotel, Hotel“.
Meine eigene musikalische Karriere steckte immer noch in ihrem Raupenstadium, aber Grant und ich jammten stundenlang miteinander und imitierten McCoy und Elvin. Ab und zu spielten wir auf Brüderschaftsfesten an der UCLA, wo wir Top 40-Hits spielten. Die Nacht machten wir fünf Sets zu je 45 Minuten und bekamen dafür 15 Dollar pro Nase in jenen Tagen eine Menge Geld. Wir stellten eine Band zusammen mit dem 1,95 Meter großen Gitarristen Jerry Jennings, der ein perfektes Gespür für Töne hatte. Wenn irgendwo eine Pfeife von einem Fabrikgelände ertönte, sagte Jerry „E-Dur“. Ein grauenvoller Bassist rundete die Gruppe ab, aber er spielte einen akustischen Bass und war demnach kaum zu hören.
Unsere Auftritte auf diesen Feten unterschieden sich natürlich radikal von der Musik in den Jazzclubs und sogar von der in Rockclubs. Die Lautstärke des „small talk“ war wesentlich höher und es herrschte allgemein eine aggressive Stimmung, die von der Menge des Bierkonsums abhängig war. An einem Abend verarschten wir die Leute. Wir nahmen einige selbstgemachte John Cage-artige Bänder mit, die sich nach Autobahnverkehr und Toilettenspülung anhörten. Mitten in Songs wie „Louie, Louie“ spielten wir die Bänder ein. Die Brüder gafften reichlich verwirrt, tanzten und tranken aber weiter. Um in Bars spielen zu können, musste man 21 Jahre alt sein und wir waren nur 19. So fuhren Grant und ich in seinem VW-Bus nachTijuana, um uns falsche Ausweise zu besorgen. Ich hoffte auch, dort meine lästige Jungfräulichkeit zu verlieren. Grant hatte schon eine dreizehnjährige Nachbarstochter verführt und war deswegen nicht ganz so verzweifelt wie ich. Er ließ mich und einige seiner Freunde zuhören, wie er und das Nachbarmädchen es in der Garage miteinander trieben. (Nach zwanzig Jahren Zusammenleben und zwei Kindern beschlossen sie schließlich zu heiraten.)
Aus mir wurde ein Nervenbündel, als ich schließlich an der Ecke der Tenth und der Avenida de Revolución stand, der anrüchigsten Straßenecke in Tijuana. Ein Mexikaner näherte sich und murmelte: „Hey, du Surfer, Bennies, Spanische Fliegen, falschen Ausweis, meine Schwester?“ Ich hatte weder blonde Haare noch eine sonnengebräunte Haut, trotzdem sah ich für ihn wie ein Surfer aus. Vielleicht war diese Bezeichnung nur ein weiterer Spitzname für uns Gringos. Aber sechs Dollar später hatte ich einen Militärausweis, der besagte, dass ich reife 22 war.
Aber nun rein in die Betten. Derselbe Typ schleuste uns zu einem schmalen Durchgang zwischen zwei Läden, wo am Ende einige schmutzige Löcher mit alten Matratzen ausgelegt waren. In dunklen Ecken räkelten sich einige kichernde mexikanische Frauen, die so aussahen, als ob sie zwischen dem sechsten und achten Monat schwanger waren. Doch so hatte ich mir meine Einführung nicht vorgestellt.
Wir gerieten in Panik, weil uns kein Ausweg aus dieser Situation erschien. Einige der Weiber grabschten nach unseren Armen und mehrere Männer bewegten sich plötzlich hinter ihnen. Wir warfen das Geld auf die Matratzen und rannten davon.
Einige Meilen nördlich von San Diego wurden wir von einem Beamten der Einwanderungsbehörde angehalten. Das Rücklicht des VW-Busses war ausgefallen.
„Ihr kommt aus Tijuana zurück und habt kein Licht am Schwanzende!“ scherzte der Beamte.
*
Im Herbst 1964 zogen Grant und ich bewaffnet mit unseren falschen Ausweisen aus unseren Elternhäusern in die entstehende Hippiekommune im Topanga Canyon. Meine Eltern trugen die Hälfte der monatlichen 70 $-Miete, solange ich noch auf’s College gehen würde.
Ich wechselte zum San Fernando Valley State College über, das direkt hinter dem Canyon lag, einer schönen, baumreichen, bergigen Gegend, etwa vierzig Minuten von Hollywood entfernt. Da war ich nun gelandet: in einer „richtigen“ Schule, nicht irgendeinem Juniorcollege und erfüllte den American Dream. Auf dem besten Weg zu einem Neun-bis-Fünf-Uhr-Job in der Stadt.
Das Problem war nur: es war nicht mein Traum. Von irgendwo aus meinem Unterbewussten rief eine Stimme: „LSD!“ Schon bald darauf sollte ich meinen ersten Kontakt mit LSD haben.
Grant und ich gingen gerne zu Jamsessions mit örtlichen Musikern, die zusammenkamen und Jazz spielten. Zunächst hatte ich ziemliches Lampenfieber mitzumachen. Es waren immer mehrere Schlagzeuger da, die auf ihren Einsatz warteten, was mich reichlich einschüchterte. Zu gerne wollte ich meinen Elvin Jones-Trommeltrick vorführen. Nach einigen Versuchen wuchs mein Selbstvertrauen, weil ich einiges an positivem Feedback auf meine Einsätze bekam. Zudem waren diese Leute wirkliche Musiker. Das war nicht irgendeine dämliche Brüderschaftsparty, sondern ein ernsthaftes Jamming. Ein Zunicken oder ein „Gut gespielt, Mann, du bist gut bei der Sache!“ brachte es für mich. Ich habe tagelang darüber nachgedacht, ob ich wirklich gut gespielt hatte.
Einer der Musiker bei diesen Sessions war Saxophonist. Er hieß Bud und war an den Rollstuhl gefesselt. Sein Körper war verkrümmt, aber er konnte wie Coltrane in Person spielen. Er hatte interessante Geschichten drauf, wie er im Gaslight Club in Venice Beach auftrat, wo Allen Ginsberg und andere Dichter ihre Lesungen hielten.
Eines Tages fand eine Razzia statt und alle steckten ihr Pot Bud zu, bevor die Polizei in das Lokal stürmte. Er stopfte es in seinen Rollstuhl, wohl wissend, dass die Drogenbullen ihn nie im Leben filzen würden.
Er war ein sanfter, freundlicher Typ, aber man schaute ungern hin, wenn er „voll drauf“ war. Er verrenkte seinen Körper beim Spielen und es schmerzte fast, ihm zuzusehen. Er hatte viel Puste, technisch gesehen, und der Zorn in seinen Soli war schonungslos. Er ließ sich keinen Augenblick zum Durchatmen, kam nicht aus seiner Rage heraus.
Eines Tages teilte er mir mit, dass er einen Freund habe, der ihn mit etwas LSD zu unserem Haus bringen könnte. Seine Augen leuchteten für einen Moment auf. „Du siehst dann Farben in der Luft, Mann“, sagte er euphorisch. Drogen gehörten bisher nicht in mein Repertoire. Ich war neugierig darauf, hatte aber auch einige konfuse Vorstellungen davon. Lysergsäure klang eher danach, dass es meinen Arm verätzen würde als mir einen Rausch zu verschaffen.
„Nun, versuchen wir’s…“, erwiderte ich ziemlich cool, doch im Inneren zitterte ich. Bis jetzt hatte ich noch nicht einmal Grass geraucht. Aber da war dieser Typ, der nicht laufen kann und deswegen in seinem Gehirn mit Hilfe von halluzinogenen Drogen herumreist. Je mehr er seine Reisen beschrieb, desto besser fand ich sie.
Einige Tage später erschien er tatsächlich vor unserem Haus. Ein athletischer Schwarzer mit einem acidschwangeren Blick im Gesicht trug ihn die Treppen hoch.
Wir setzten uns um den fleckigen Küchentisch und Grant und ich zeigten ihm voller Stolz unsere Jazz-Plattensammlung.
Schließlich zog Bud einen Plastikbeutel hervor, in dem sich etwas befand, das wie Zahnputzpulver aussah.
„Halbiere das Zeug“, sagte Bud. Ed, der schwarze Panthermensch, stimmte zu. „Ihr müsst mit einer kleineren Dosis anfangen, damit ihr nicht durchdreht.“
Ed nickte wohlwollend. Er meinte es wirklich gut mit uns. Ich war froh über diese Rückversicherung.
Nachdem sie gegangen waren, öffneten wir die Tüte. Das LSD war pulverförmig. Wir teilten es in zwei Häufchen – ich bekam noch weniger als die Hälfte – und führten etwas davon mit feuchten Fingerkuppen in den Mund. Fünf Minuten verstrichen und nichts Kosmisches geschah. Ungeduldig schluckten wir auch den Rest von dem Pulver. Mit nervösem Lachen leckten wir es vom Küchentisch.
Ich ging ins Wohnzimmer und legte mich auf die Couch. Grant folgte mir und setzte sich in Zeitlupe in den Sessel.
Take me on a trip upon your magic swirling ship
My senses have been stripped, my hands can’t feel to grip
My toes too numb to step
Wait only for my boot heels to be wandering.
(Mach mit mir eine Reise auf deinem magisch strudelnden Schiff
Meine Sinne sind geöffnet, meine Hände sind erstarrt
Meine Zehen zum Gehen zu taub
Und warten darauf, dass meine Stiefelabsätze wieder wandern.)
Meine Augen durchstreifen das Zimmer, vertiefen sich mit großem Ernst in das Kunstwerk an der Wand. Wir hatten ein riesiges Stück Leinwand aufgehängt, auf dem alle unsere Musikerfreunde große Klumpen Farbe kleistern durften, vielleicht Jackson Pollock zur Ehre, vermute ich.
Hey Mr. Tambourine Man play a song for me
I’m not sleepy and there is no place I’m going to.
(Hey, Mann mit dem Tambourin, spiel mir einen Song
Ich bin nicht müde und will auch nirgendwo hin.)
Ich atmete tief den Geruch des Räucherstäbchens ein, das Grant angezündet hatte. Nun waren schon zwanzig Minuten verstrichen. Ich lugte über die ausgefranste Ecke des Sofas hinweg zum Boden und sah einen dunklen Abgrund, mindestens tausend Meter tief. lch war wieder ein Kind und hatte Angst vor den Monstern, die außerhalb meiner Krippe auf mich lauerten. Hilflos rutschte ich langsam von der Couch in den endlosen Schlund hinein. Furcht packte mich und ich schrie Grant zu, dass ich ins Leere falle.
Take me disappearing thru the smoke rings of my mind
Down the foggy ruins of time
Past the frozen leaves
The haunted frightened trees
Out to the windy beach
Far past the twisted reach
Of crazy sorrow.
(Durch die Rauchschwaden meines Verstandes
Führe mich hinunter zu den nebligen Ruinen der Zeit
Vorbei an gefrorenen Blättern
Den gespenstisch verängstigten Bäumen
Hinaus an den windigen Strand
Weit weg vom umrankten Griff irrer Sorgen.)
Er antwortete mit Gelächter. Je größer meine Angst wurde, desto mehr lachte er. Sein Lachen wurde so absurd, dass ich plötzlich aus meinem ersten – und einzigen – schlechten Trip herausgezogen wurde. Grant versuchte, mir die humorvolle Seite dieser Situation zu zeigen. Die ganze Geschichte dauerte nur zwei oder drei Minuten, aber mir kam sie wie eine Ewigkeit vor.
Hey Mr. Tambourine Man play a song for me
in the jingle jangle morning I’ll come followin’·you.
(Hey, Mann mit dem Tambourin, spiel mir einen Song
In dem Tingeltangel-Morgen folge ich dir.)
Vor unserem Haus stand ein Akazienbaurn mit hellgelben Blüten. Ich zog Grant nach draußen, um die unwirklich pulsierenden Farben und Blüten zu betrachten. Unsere Schritte knirschten laut auf dem Gras. Der Lufthauch auf meiner Haut war neuartig und fremd und das Geräusch eines weit entfernten Autoauspuffs hörte sich an, als ob ein Güterzug durch unser Wohnzimmer donnern wollte. Es war wie eine Szene aus Fellinis 8 1/2, eine unglaublich surreale Komödie und wir wälzten uns lachend im Gras. Irgendwie schafften wir es ins Haus zurück, um auszuprobieren, wie man mit diesem Trip im Gehirn Musik machen konnte.
Ich polterte mit meinen Fäusten wie ein Avantgardekomponist auf dem Klavier herum. Grant hielt das nicht aus; er bekam Seitenstechen vor Lachen.
Später, als Grant von einem Charlie Mingus-Plattencover total aufgesaugt wurde, verschwand ich im Badezimmer und onanierte. Ich ließ mir Zeit und meine Fantasien waren sehr detailliert. Stunden schienen zu vergehen. Psychedelisches Abspritzen – das war typisch für die Sechziger Jahre.
Acid verschaffte mir einen stärkeren Kick als die schale Oblate, die ich bei meiner ersten Heiligen Kommunion schluckte. Durch LSD hatte ich eine direkte Gotteserfahrung, oder wenigstens eine Erfahrung von etwas Außerirdischem oder Mystischem.
Auch einige Tage nach unserem Trip fühlte ich mich immer noch ein wenig high oder irgendwie anders. Ich wusste, dass sich die Droge aus meinem Körper verflüchtigt hatte und ich in etwa so war wie zuvor, aber das Wissen, dass man Dinge auch anders erleben kann, gab mir ein vollkommen neues Bewusstsein, das heute immer noch vorhanden ist.
Ein Riss war in der Fassade der Realität entstanden und ich hatte durch ihn hindurchgelugt. Meine Einweihung in die andere Wirklichkeit hatte stattgefunden.
Nichts hatte sich geändert, doch alles war anders.
3
MOONLIGHT DRIVE
Do you know how pale and wanton thrillful comes death
on a strange hour, unannounced, unplanned for
Like a scaring overfriendly guest you’ve
Brought to bed
Death makes angels of us all and gives us wings
Where we had shoulders smooth as ravens’ claws
No more money, no more fancy dress
This other kingdom seems by far the best
Until its other jaw reveals incest and
Loose obedience to a vegetable law
I will not go
Prefer a Feast of Friends
To the Giant Family.
(Weißt Du, wie bleich und lüstern schauervoll der Tod
Zu seltsamer Stunde kommt, unangekündigt, ungeplant
Wie ein beängstigender überfreundlicher Gast, den du
Zu Bett gebracht hast
Der Tod macht Engel aus uns allen und gibt uns Flügel
Wo wir Schultern hatten, geschmeidig wie Rabenklauen
Kein Geld mehr, keine feine Kleidung mehr
Dieses andere Königreich scheint bei weitem das beste zu sein
Bis sein anderer Rachen Inzest und
Lockeren Gehorsam gegenüber einem Naturgesetz enthüllt
Ich werde nicht fortgehen
Ein Fest von Freunden
Der Großen Familie vorziehen.)
Lieber Jim,
diese letzten Zeilen von „An American Prayer“ erinnern mich an die ewigen Diskussionen zwischen Dir und Ray über die Weiterentwicklung der Menschheit. Ray wollte eine „Goldene Rasse“ als Folge von Vermischung haben und Du warst gegen den Verlust von individuellen Charakteren. Zurückblickend meine ich, dass Deine frühen Texte großartige Poesie waren. Damals verstand ich Deine Worte nicht so ganz. Aber ich wusste, dass in ihnen ein flüssiger Stil und Rhythmus steckte.



